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Still ruht der Wald

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Zitat
  6. Mittwoch, 10. Oktober
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. Donnerstag, 11. Oktober
  29. 22
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. 28
  36. 29
  37. 30
  38. 31
  39. 32
  40. 33
  41. 34
  42. 35
  43. 36
  44. 37
  45. 38
  46. 39
  47. Freitag, 12. Oktober
  48. 40
  49. 41
  50. 42
  51. 43
  52. 44
  53. 45
  54. 46
  55. 47
  56. 48
  57. 49
  58. 50
  59. 51
  60. Samstag, 13. Oktober
  61. 52
  62. 53
  63. 54
  64. 55
  65. 56
  66. 57
  67. 58
  68. 59
  69. Sonntag, 14. Oktober
  70. 60
  71. 61
  72. 62
  73. Montag, 15. Oktober
  74. 63
  75. 64
  76. 65
  77. 66
  78. 67
  79. 68
  80. 69
  81. 70
  82. Dienstag, 16. Oktober
  83. 71
  84. Danke …

Über die Autorin

Ninni Schulman, geb. 1972, ist in Värmland aufgewachsen, wo auch STILL RUHT DER WALD sowie ihre anderen Kriminalromane spielen. Sie hat als Journalistin für Tageszeitungen und Wochenmagazine gearbeitet. Heute lebt und arbeitet sie in Stockholm. Der vorliegende Band ist der dritte in der Reihe um die Journalistin Magdalena Hansson. Ninni Schulman ist sensationell erfolgreich in Schweden, und sie steht mit ihren Kriminalromanen dort stets ganz oben auf der Bestsellerliste.

 

Ihr wisst vielleicht, was der Zehnmeilenwald bedeutet. Kein Gehöft, keine Hütte, Meile auf Meile nur Wald, hohe Fichten mit harter, holziger Rinde und hochgewachsenen Zweigen, kein Jungholz mit weicher Rinde und weichen Zweigen, welche die Tiere fressen können. Ohne Schneefall hätten sie in einigen Tagen durch den Wald gelangen können, so aber war es unmöglich. Die Ziegen kamen alle um, und die beiden Männer waren nahe dran, auch liegen zu bleiben.«

Selma Lagerlöf: Eine Gutsgeschichte
(Ü. M. Buchholz)

1

Wenn Bodil Sanner gewusst hätte, dass dies ihre letzte gemeinsame Viertelstunde war, dann hätte sie vielleicht mehr gesagt. So aber stand sie in Morgenmantel und Wollsocken an der Spüle und hantierte geistesabwesend mit der Fleischwurst, den Tüten mit der Instant-Suppe und den gekochten Eiern.

Sie hörte das Holzschuhgeklapper von Pär unten im Keller ebenso wenig wie den Rums, mit dem er den Waffenschrank wieder schloss, oder das Geräusch von Alvas Löffel, mit dem sie den Dickmilchteller leer kratzte.

Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf die Straße draußen gerichtet.

In den vergangenen Tagen hatte sie mehrmals sein Auto vorbeifahren sehen. Wenn sie nur daran dachte, kroch ihr die Gänsehaut die Oberschenkel hoch und über den Rücken, und sie zog den Morgenmantel enger um sich. Er hatte zum Haus geschaut, war aber nicht langsamer geworden, hatte nicht gewunken, genau wie vereinbart. Die Hitze flammte in ihr auf, wenn sie an den Wohnwagen unten bei der Fischerhütte dachte, nur ein paar Hundert Meter entfernt.

Das Dorf lag noch dunkel da. Bisher waren auch keine Autos in Richtung Schlachthaus gefahren.

Bodil war davon ausgegangen, dass Alvas Plan, mit in den Wald zu gehen, sich in dem Moment erledigen würde, in dem der Wecker klingelte, aber nun saß sie im sanften Schein der Lampe am Küchentisch und kaute auf einem Butterbrot. Lange Mascara-Wimpern und Eyeliner, der in den Augenwinkeln einen Aufwärtsbogen beschrieb. Die Pickel auf dem Kinn waren unter den Puderschichten nur als kleine Beulen zu erkennen.

Abwesend füllte Bodil Alvas rote abgestoßene Thermoskanne, die sie schon seit Kindergartentagen hatte, mit heißer Schokolade und schraubte den Deckel zu.

»Vielleicht hast du das falsch verstanden, aber das ist keine Party, auf die wir hier gehen«, sagte Pär, als er mit der Büchse in der einen und den Stiefeln in der anderen Hand aus dem Keller heraufkam.

Alva sah nicht von ihrem Handy auf, das sie neben sich auf dem Tisch liegen hatte, hielt aber immerhin kurz mit dem Zeigefinger inne. Ihre Ohren verrieten, dass sie rot wurde.

Pär sah zu Bodil, um sich bei ihr Rückhalt zu holen, doch die versteckte sich hinter Geschäftigkeit, beugte sich über die Rucksäcke und sog den alten Geruch von Holzfeuer, Moos und antiken Käsestullen ein.

Dass er aber auch immer auf ihr herumhacken musste. Inzwischen konnte er es offenbar nicht mehr sein lassen, alles zu kommentieren.

»Ich hoffe, ihr schießt heute was«, sagte sie, etwas zu laut in übertriebener Begeisterung.

In den bisherigen zwei Tagen waren eine Elchkuh und zwei Hirsche das Einzige, was die Jagdgemeinschaft erbeutet hatte. Wenn das so weiterging, dann würden sie noch bis zum ersten Schnee hinausfahren müssen, um die Quote zu erfüllen. Früher hatte Bodil das richtig beschäftigt, jetzt war sie hauptsächlich erstaunt darüber, dass es ihr gelang, die Worte so leichthin klingen zu lassen.

»Schon«, erwiderte Pär. »Aber man macht sich besser keine zu großen Hoffnungen. Wenn die Wölfe sich ihren Teil genommen haben, bleibt nicht mehr viel.«

Bodil band die Rucksäcke zu und murmelte irgendetwas. Jaja, so ist es wohl, bestimmt. Im Augenwinkel bemerkte sie, wie Alva ihren Teller und die Teetasse nahm und sich ein paarmal mit der Hand durch die blonden Haare fuhr.

Draußen war immer noch alles still. Dass man Stille hören konnte.

»Dein Handy kannst du zu Hause lassen«, sagte Pär. »Im Wald wirst du sowieso kein Netz haben.«

Alva stellte das Geschirr in die Spülmaschine und strich sich noch einmal über die Haare. Es war unmöglich zu erkennen, was sie dachte.

Pär blieb vor dem Thermometer am Küchenfenster stehen, unbeweglich. Er sah so unglücklich aus.

»Was ist denn?«, fragte Bodil, als Alva die Küche verlassen hatte.

Er betrachtete weiterhin das Thermometer. Seit Monaten hörte sie, wie er sich durch die Nächte quälte und abends vor dem Fernseher vor sich hin stöhnte, wenn er glaubte, sie würde es nicht hören.

»Ich bin einfach ein bisschen erschöpft«, sagte er schließlich.

Na klar. Sei ruhig ein richtiger Mann, der nicht jammert. Ich habe keine Kraft mehr, mich darum zu scheren.

Sie wusste nicht, wie oft sie schon versucht hatte, ihm zu entlocken, was ihn so quälte.

Jetzt hörte sie ein Geräusch von der Straße und beugte sich über den Tisch, um hinauszusehen. Als sie den silbernen Santa Fe draußen vorbeifahren sah, ging ein Zittern durch ihren Körper.

»Was ist?«, fragte Pär.

Bodil wandte sich ab. Dass sie schnell rot wurde, hatte Alva von ihr geerbt.

»Was ist?«, erwiderte sie, viel schärfer, als sie es vorgehabt hatte. »Du bist jetzt schon so lange andauernd erschöpft. Wenn es nicht bald besser wird, dann solltest du mal zu einem Arzt gehen und deine Werte überprüfen lassen.«

»Du weißt ja wohl besser als jeder andere, was ich von Ärzten halte.«

Stimmt. Es musste schon eine sichtbare Verletzung sein, ehe er einen Besuch beim Arzt in Erwägung zog: eine Blutvergiftung oder ein Beinbruch. Sonst würden sie einen ja doch nur mit ein paar Schmerztabletten nach Hause schicken. Ja, sie wusste es.

Bodil lehnte sich an die Spüle und zog den Morgenmantel mit einer wütenden Bewegung zurecht. Endlich war die Hitze aus ihrem Gesicht gewichen.

»Scheiß drauf«, sagte sie. »Scheiß auf den Arzt, und lauf einfach weiter so rum und klage.«

Pär presste die Zähne aufeinander, nahm Büchse und Stiefel und verschwand hinaus in die Diele. Seine Kiefermuskeln arbeiteten. Bodil folgte ihm schweigend mit den Rucksäcken. Am besten sagte sie jetzt gar nichts mehr.

Alva stand in der schwarzen Fjällräven-Jacke, Jeans und Gummistiefeln bereit. Eine Kappe mit einem Logo der New York Yankees war ihre Antwort auf Pärs Anweisung, sich etwas Rotes auf den Kopf zu setzen. Eine Mütze kam nicht infrage.

»Bist du auch ordentlich warm angezogen, Mäuschen, dass du nicht frierst?«, fragte Bodil. »Lange Unterhosen und Socken?«

Alva sah vom Handy auf und nickte.

»Ja, klar.«

Ihre coole Teenagermiene konnte nicht verbergen, wie eilig sie es hatte wegzukommen. Sie rückte die Kappe zurecht und strich noch einmal die Haare glatt, sodass sie gerade über die Schultern fielen.

»Wie gesagt, das Handy lässt du besser zu Hause«, wiederholte Pär und zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch.

»Aber ich will Fotos machen. Da ist es ja wohl egal, ob ich Netz habe oder nicht.«

»Jaja, mach, was du willst«, gab Pär zurück. »Aber dann bist du selbst schuld, wenn du es im Wald verlierst.«

Warum sollte sie das tun?, dachte Bodil. Sie verliert niemals etwas und schon gar nicht das Handy.

»Na, dann fahren wir mal los«, sagte Pär.

»Viel Glück. Und viel Spaß.«

Pär öffnete die Tür und warf ihr noch einen raschen Blick zu. Dann waren sie weg.

2

Vier Grad minus. Pfui Teufel. Petra Wilander öffnete die Heckklappe des Subaru und ließ Roy hineinspringen. Dann stellte sie den Rucksack auf den Rücksitz und suchte nach dem Eiskratzer, der seit letztem Frühjahr im Fach in der Fahrertür lag.

Nach zwei langen Tagen im Wald fühlte sich ihr Körper schwer und steif an, doch das würde sich ändern, wenn sie erst einmal in Gang kam.

Das Eis war zumindest gut abzukratzen, und die weißen Flocken stoben in alle Richtungen.

Petra fiel es in der Zeit der Elchjagd normalerweise immer leicht, aus dem Bett zu kommen. Der Gedanke an einen ganzen Tag im Wald, weit entfernt von allen Verpflichtungen, bewirkte, dass sie überhaupt nicht wie sonst im Alltag morgens müde war.

Doch in diesem Jahr war es anders. Seit sie Polizeichefin geworden war, gab es dieses Gefühl der Leichtigkeit offensichtlich nicht mehr.

Petra klopfte den Schnee vom Eiskratzer, dann steckte sie ihn wieder in das Türfach und setzte sich hinters Steuer. Es herrschte immer noch schwarze Nacht, als sie aus der Garageneinfahrt zurücksetzte. Im Haus saß Lasse immer noch im Schlafanzug am Küchentisch.

Als sie auf den Dalavägen einbog, hörte sie, wie sich Roy hinten hinlegte. Nach all den Jahren hatte er gelernt, dass die Reise nach Norden ein Weilchen dauern würde.

Hagfors lag still da, als sie durch die verkehrsberuhigte Zone vor dem Polizeirevier fuhr. In Folkes Zimmer brannte Licht, sein Fenster war ein warmes gelbes Viereck in der Dunkelheit. In der Ladenzeile auf der Köpmangatan standen alle Lokale außer dem neu eröffneten Café leer. Jalousien bedeckten beide Schaufenster des aufgegebenen Bekleidungsgeschäftes. Am Friseursalon klebte ein großes Stück Karton auf der Innenseite des Schaufensters, auf dem stand »Zu vermieten«. An der Asplund-Schule hatte die Fassade abzublättern begonnen, und die Regenrinnen hingen auf halb acht. Die Gemeinde hatte vergeblich versucht, das Gymnasium zu verkaufen. Reißt doch den alten Kasten ab, dachte sie. Wer soll den denn haben wollen?

Endlich wurde es warm im Auto. Petra zog die Handschuhe aus und schaltete das Radio ein. Ein paar Minuten später sah sie Hagfors im Rückspiegel verschwinden, und schon bald gab es nur noch Wald und glänzend schwarzen Asphalt. Eine dünne Schicht Frost glitzerte am Straßenrand.

Als die Lokalnachrichten begannen, drehte sie die Lautstärke hoch.

»Die Polizei hält sich bedeckt, was die Ermittlung im Fall der von Wilderern erschossene Wölfin angeht, die letztes Wochenende südlich vom Nain aufgefunden wurde, bittet aber gleichzeitig die Allgemeinheit um Hilfe. Christer Berglund, stellvertretender Polizeichef in Hagfors, fordert alle Personen, die sich Mitte voriger Woche in der Gegend von Narsdammen und Majanpäsmossen aufgehalten und dabei irgendwelche Beobachtungen gemacht haben, auf, sich zu melden …«

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber es war natürlich sehr fraglich, ob jemand es wagte, zur Polizei zu gehen.

Am Samstag hatten sie einen Tipp von einer anonymen Hotmail-Adresse bekommen, dass einen halben Kilometer von Narsdammen entfernt in einem Versteck ein toter Wolf liegen würde. Christer und Folke waren hingefahren und hatten ihn sofort gefunden. Offensichtlich war das Tier wenige Tage zuvor aus kurzer Entfernung erschossen worden.

»Nordvärmland wird einen sonnigen Vormittag mit Temperaturen um minus drei Grad bekommen. Am Nachmittag zunehmende Bewölkung, dann erhöhte Wahrscheinlichkeit von Regen und Schnee.«

Als Petra zum Schlachthaus hin abbog, glühte der Himmel auf der anderen Seite des Sees rosa. Auf dem Platz vor dem Hof bewegten sich schattenhafte dunkle Gestalten im Schein eines Feuers.

Sowie sie den Motor abschaltete, stellte sich Roy im Kofferraum hin und trampelte und jaulte eifrig.

»Gleich«, sagte sie. »Schlaf ruhig noch ein bisschen.«

Die Kälte biss sie in die Nase, als sie auf den gefrorenen Kiesplatz trat. Petra ließ den Rucksack auf dem Rücksitz stehen, zog nur die Handschuhe an und schlug die Tür zu.

Ein Stück entfernt standen Jan-Åke Qvist und Oliver Långström hinter Olivers Toyota und unterhielten sich. Jan-Åke gestikulierte wild, während Oliver mit irgendetwas auf der Ladefläche des Wagens beschäftigt war. Als Petra sich näherte, erstarb das Gespräch.

»Guten Morgen«, sagte sie.

»Hallo, hallo«, erwiderte Oliver und schlug die Heckklappe zu.

Jan-Åke nickte nur kurz.

Fast der gesamte Jagdverein schien um das Feuer versammelt zu sein. Hochgezogene Schultern und weiße Atemwolken in kleinen Gruppen. Janet Antonsson breitbeinig und zurückgelehnt zusammen mit Klas Sanner und Peo Hansson. Ernst Losjö in Joppe und Hut mit reflektierendem Plastikband.

Petra war erstaunt gewesen, als er sich um die Mitgliedschaft in der Jagdvereinigung beworben hatte. Am ersten Tag hatte er sie begrüßt, sich seither aber abseits gehalten. Vermutlich weckte sie Erinnerungen bei ihm, die er lieber meiden wollte. Auch sie würde die Tage um Neujahr nicht vergessen, in denen seine Tochter verschwunden war.

Jetzt unterhielt er sich mit dem zweiten Neuankömmling in der Jagdgesellschaft. Henrik? Åhman? Hieß er so? Offensichtlich kam er von irgendwo im Süden und hatte bei der Fischerhütte einen Wohnwagen aufgestellt.

Waldemar Halling war durch das Fenster des Nebengebäudes zu sehen, wo er sich zusammen mit Frans Mogård über seine Papiere beugte. Wahrscheinlich würde Mogård die Leitung übernehmen. Petra war davon ausgegangen, dass Waldemar nach dem Unfall seinen Posten als Jagdleiter aufgeben würde, doch er kämpfte weiter.

Sie zog den Reißverschluss der Fleece-Jacke ganz nach oben und schob das Kinn so tief wie möglich in den Kragen.

Der Bruder von Klas, Pär Sanner, kam gerade von seinem Auto herüber. Er hatte seine Tochter dabei. Langes blondes Haar, das unter einer roten Kappe herausschaute. Alva. Wenn Petra sich recht erinnerte, war sie als kleines Mädchen schon öfter mit beim Schlachthof gewesen.

Pär schien sich mit der Tochter im Schlepptau nicht wohlzufühlen. Offenbar wusste er nicht so recht, was er mit ihr anstellen sollte. Petra ging auf die beiden zu.

»Na, begleitest du heute deinen Vater in den Wald?«, fragte sie.

Alva nickte und stampfte auf der Stelle.

»Geh näher ans Feuer, wenn du frierst«, mahnte Pär.

Doch Alva wich ihm nicht von der Seite. Sie zog die Schultern bis zu den Ohren hoch, als Peo Hansson, dem die wattierten Ohrenklappen um die Kinnbacken flatterten, auf sie zukam.

»Sieh mal einer an, was für einen feinen Besuch wir heute haben.«

Alva lächelte und versuchte, ein Schaudern zu verbergen.

»Wie schön, dass du mit in den Wald kommen willst«, fuhr Peo fort. »Aber eines sage ich dir, wenn du jemanden beim Elcheschießen sehen willst, dann solltest du nicht mit dem da unterwegs sein.«

Er machte eine Kopfbewegung in Pärs Richtung und zwinkerte – wahrscheinlich dachte er an die missglückte Elchtour vom Montag.

Pär, der sonst selbst gern über frühere Missgeschicke von anderen ulkte, verzog keine Miene. Die Geschichte von der Treiberkette, die über eine Meile in die falsche Richtung und direkt in eine andere Jagdpacht lief, hatte Petra ihn sicherlich zehnmal erzählen hören. Die von dem Holländer, der der Länge nach in den Rommamäcktjärnen fiel und mit dem Hut voll Seegras wieder auftauchte, bestimmt ebenso oft. Doch jetzt holte er nicht zum Gegenangriff aus.

Schweigend standen sie da. Alva schob die Hände in die Jackentaschen und stampfte weiter.

»Hast du denn schon von dem verzauberten Elch gehört?«, fragte Peo schließlich.

Alva schüttelte den Kopf.

Pär suchte Petras Blick. Er kann es einfach nicht lassen, sagten seine Augen. Müde. Aber da kann man nichts machen.

»Also, dann hör mal gut zu. Es war ein kalter Morgen, genau wie heute. Im südlichen Teil des Tiomilaskogen, dem Zehnmeilenwald, wie die Gegend hier heißt, hing dichter Nebel über dem mit Raureif überzogenen Moor.«

Zu Alva vorgebeugt und mit geheimnisvoller Miene begann Peo von dem jungen Jäger zu erzählen, der auf die Pirsch gehen wollte.

»Er prahlte mit seinem feinen Gewehr und seiner sagenumwobenen Geschicklichkeit und behauptete, dass er auf einen Kilometer Entfernung das Ohr eines Elchs treffen könne. Aber seine Verlobte sah ihn streng an und sagte, er dürfe an diesem Tag keinen Elch schießen. Um ihretwillen.

›Wenn du mich liebst‹, sagte sie und drehte den Ring, den sie am Abend zuvor von ihm bekommen hatte, an ihrem Finger, ›wenn du mich liebst, dann musst du versprechen, zu tun, was ich sage.‹

Der Jäger nickte ungeduldig und zog davon. Der Tag hielt für die ganze Jagdgesellschaft ein ungeheures Jagdglück bereit. Fast alle schossen mindestens einen Elch, und es wurde gejohlt und gelacht. Auf dem Weg nach Hause erblickte unser Jäger plötzlich einen einsamen Elch ganz oben auf einem Hügel, wie eine Silhouette gegen die sinkende Sonne. Es war eine kreideweiße Elchkuh, so groß, wie er noch keine je gesehen hatte. Das Tier schien in der Abenddämmerung von selbst zu leuchten. Da erinnerte der Jäger sich an die Worte seiner Verlobten, doch er wischte sie beiseite. Diesen Elch konnte er nicht ziehen lassen.«

Peo machte eine Pause. Dann fuhr er in seinem Märchenton fort.

»Der Jäger erlegte die weiße Elchkuh mit einem einzigen Schuss. Im selben Moment hatte er das Gefühl, als würde er selbst von einer Kugel ins Herz getroffen werden, und eine mächtige Trauer überkam ihn. Als die Kameraden ihn bei dem toten Elch fanden, hielt er das Kopftuch seiner Verlobten in der einen und einen schmalen Goldring in der anderen Hand.«

Peo verstummte und betrachtete Alvas Gesicht. Dann hob er die linke Hand, zog den Handschuh aus und zeigte auf seinen Ehering.

»Und den Ring, den habe ich hier.«

Alva lachte, und das Kind, das sie vor Kurzem noch gewesen war, leuchtete unter der Schminke auf.

Petra sah zu den Tannenwipfeln. Während Peo seine Geschichte erzählt hatte, war der Morgenhimmel heller geworden und jetzt weiß wie Papier.

Waldemar Halling stellte sich auf die Holzbank, die in einem Viereck um das Feuer aufgebaut war, um alle für die heutige Jagd aufzurufen. Ein dumpfes »Ja« nach dem anderen war aus der Gruppe zu hören. Alva antwortete kaum hörbar, als ihr Name als letzter von allen aufgerufen wurde.

»Gut«, sagte er. »Dann wissen wir, wer alles wieder aus dem Wald herauskommen muss, wenn der Tag zu Ende ist.«

Waldemar stieg von der Bank und hinkte zu dem großen Block, den er vor den Schlachthof gestellt hatte.

»Ja, wie ihr seht, beginnen wir heute im Gebiet Rensberg«, sagte er und sah auf die Karte.

Die »Stände«, die abgezirkelten Stellen, an denen sich die Schützen während der Drückjagd aufhalten und warten sollten, waren in Form eines J verteilt worden, und Waldemar erklärte, wie die Hundeführer von Nordwest kommen und nach Süden abbiegen sollten, um hoffentlich möglichst viele Elche den Schützen in die Arme zu treiben.

»Wir haben heute drei Hunde. Petra mit Roy, Oliver mit Rambo und Jan-Åke mit Lissie.«

Petra war die Strecke schon mehrere Male gelaufen. Das hügelige Terrain gehörte zu den anspruchsvollsten Gebieten des Jagdvereins.

»Und dann gibt es noch zwei Dinge, die ich anmerken möchte«, fügte Waldemar hinzu. »Oder, besser gesagt, drei.« Er sah Alva an und erklärte: »Wenn man auf der Jagd ist, ist es wichtig, dass man dort bleibt, wo man hingehört, auf seinem eigenen Stand. Kein Herumgespringe im Wald, denn dann könnte man versehentlich erschossen werden.«

Als ob sie das nicht wüsste, dachte Petra.

Dann wandte sich Waldemar wieder der ganzen Jagdgesellschaft zu.

»Heute Abend bleiben alle hier am Schlachthaus, bis wir mit der Jagd fertig sind. Ich will nichts davon hören, dass irgendjemand nach Hause muss, um die Kinder ins Bett zu bringen oder so. Heute Abend helfen alle mit.«

Als sich kein Protest regte, fuhr er fort: »Und wenn wir schießen, dann hat der Schuss das Herz zu treffen und nichts sonst. Mit jedem ruinierten Kilo Fleisch verlieren wir vierzig bis fünfzig Kronen, je nachdem, wo die Kugel steckt. Das summiert sich in einem Jahr ganz schön.«

Klas Sanner starrte in die Luft und schob die Hände noch tiefer in die Taschen. Er schien sich wenigstens zu schämen. Die angeschossene Kuh hatte mit zwei hässlichen Schüssen im Hals am Rand des Dodligmyren gelegen, als Roy sie endlich gefunden hatte.

»Also, zielt anständig«, mahnte Waldemar, nahm das Bündel mit nummerierten Karten und begann sie zu mischen. Anschließend breitete er die Karten zu einem Fächer aus und ließ jeden Standschützen eine ziehen.

Petra sah, wie Peo mit einer geschickten Bewegung eine Karte nahm und gleich rumdrehte. 208. Einstand an der Straße im Nordosten. Da war seit mehreren Jahren kein Elch geschossen worden.

»Na ja«, sagte er und zuckte die Schultern. »Wenigstens muss ich nicht so weit laufen.«

Als Pär an der Reihe war, ließ er Alva ziehen. Sie wählte die Karte ganz außen.

»224. Sieh mal einer an. Nicht schlecht«, sagte Pär sanft.

Vorsichtig schob er Alva an Petra vorbei und dann weiter durch die Gruppe der Jäger zu dem Block vor, wo er ihr auf der Karte zeigte, wo sie sitzen und wie sie dorthin kommen würden. Doch Alva schien daran nicht sonderlich interessiert zu sein. Sie holte ihr Handy aus der Jackentasche und zog mit linkischen Bewegungen den einen Handschuh ab. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als würde sie das Handy fallen lassen, doch stattdessen fiel der Handschuh zu Boden. Alva ließ ihn liegen, hob das Handy hoch über den Kopf und machte mit zitternden Händen eine Reihe von Fotos von der Jagdgesellschaft.

Fror sie jetzt schon so schlimm? Und dann sollte sie in dieser schattigen Schlucht ansitzen?

Alva studierte das Ergebnis der Fotoaktion auf dem Display und schien überhaupt nicht mehr zuzuhören, was Pär sagte.

»Wisst ihr alle, wo ihr hinsollt und wie ihr da hinkommt?«, fragte Waldemar und sah auf die Uhr.

Ein bejahendes Gemurmel hob an.

»Jetzt ist es Viertel vor acht. Wir beginnen um halb neun. Waidmannsheil, allesamt. Ich hoffe, das Glück ist heute mal auf unserer Seite. Und wie gesagt: zielt anständig.«

3

Als Christer Berglund aus dem Badezimmer kam, war Torun fast fertig mit dem Essen. Er sah sie an, wie sie in die Morgenzeitung versunken dasaß, die eine Hand um den Kaffeebecher gelegt. Eine Haarsträhne schaukelte vor ihr über der Zeitungsseite hin und her.

»Ich hab noch mal über die Kochinsel nachgedacht«, sagte er. »Wir können uns ja einfach ansehen, was so eine kosten würde.«

»Hmmm«, brummte Torun in die Zeitung.

»Vielleicht ist es ja gar nicht so teuer.«

Christer hatte nach dem Streit am Abend zuvor mehrere Stunden wach gelegen und hin und her überlegt. Obwohl, einen Streit würde er es jetzt gar nicht mehr nennen, aber so etwas in der Richtung.

Die Bankangestellte hatte Christers und Toruns Kalkulation für in Ordnung befunden, aber einen größeren Kredit als den für den Hauskauf selbst konnte sie ihnen nicht gewähren. Sie hatten beide keine größeren Ersparnisse.

»Wenn wir das meiste selbst machen, könnte es vielleicht gehen«, fuhr er fort.

»Hmm«, brummte Torun wieder.

Er wusste nicht, womit genau er gerechnet hatte, aber irgendwie hatte er schon erwartet, dass sie sich ein bisschen freuen würde. Oder ihn wenigstens einmal ansehen würde.

»Findest du das nicht gut?«, fragte er.

»Doch, klar.«

Endlich sah sie auf.

»Aber?«, fragte er.

»Kein Aber.«

»Du scheinst nicht erfreut.«

»Ich bin einfach ein bisschen müde.«

»Ich kann Papa fragen, ob es eine tragende Wand ist. Vielleicht täusche ich mich ja auch, und es ist gar nicht so, dann ist alles einfacher.«

Christer glaubte eigentlich nicht daran, dass man die Küche mit dem Wohnzimmer zusammenlegen konnte. Doch er vertraute Torun. Die Frage war nur, was es kosten würde.

»Vielleicht muss man sich einfach eine Motorsäge greifen und anfangen zu sägen«, versuchte er zu scherzen, aber sie blickte nicht einmal auf.

Wenn er nur wieder dieses Glitzern in den Augen zu sehen kriegen würde wie an jenem Abend, als sie ihm von ihrer Idee erzählt hatte. Und die Grübchen in den Wangen. Die fröhlichen kleinen Monde.

»Mach das«, sagte sie. »Das wäre gut.«

Sie faltete die Zeitung zusammen und stellte den Becher in die Spüle. Auf dem Weg nach draußen in den Flur fing Christer sie in seinen Arm ein. Etwas steif legte sie die Arme um ihn.

»Wir sind doch wohl nicht böse aufeinander?«, fragte er.

»Nein, natürlich nicht.«

»Was ist denn los? Ich will nicht, dass so eine komische Stimmung zwischen uns herrscht, bevor du wegfährst.«

Torun sah zur Decke, wie sie es immer tat, wenn sie ihre Worte sorgfältig wählte. Wenn es wichtig war, dass die Formulierung stimmte. Damit sie nicht verletzend war.

»Ich finde es einfach nur blöd, wenn du so negativ bist.«

»Aber Liebling? Hör mal, vielleicht bin ich ja realistisch. So eine Planung entwickelt eine Eigendynamik und wird dann immer teurer, als man denkt.«

Torun wollte sich aus seiner Umarmung befreien, er verspürte den Fluchtdrang in ihr, aber er konnte sie nicht loslassen, ehe sie verstanden hatte, was er meinte. Dass er überhaupt nicht negativ war. Und dass er ihre Ideen wirklich gut fand. Das war nicht das Problem.

»Ich brauche auch ein bisschen Zeit, um mich an den Gedanken zu gewöhnen. Das verstehst du doch, oder? Ich habe mein ganzes Leben in diesem Haus verbracht. Aber das wird gut werden, sollst mal sehen.«

»Glaubst du?«

Der Zweifel in ihrer Stimme erschreckte ihn.

»Natürlich wird es das«, sagte er so überzeugend, wie er nur konnte. »Wenn es heute auf dem Revier genauso ruhig ist wie gestern, rufe ich gleich Papa an und frage mal nach, wie das mit der Wand ist.«

Torun strich ihm über die Brust mit einer Geste, die sowohl »Jaja, das wird schon« besagte als auch »Jetzt mach Platz, denn ich habe es eilig«.

Christer trat zur Seite, sah zu, wie sie den Mantel anzog und die gestrickte Baskenmütze zurechtschob, mit der sie aussah, als stammte sie aus einer anderen Zeit. Sie war so schön. Er kannte nichts Schöneres als sie.

Als sie fertig war, wandte sie sich um und machte einen Schritt auf ihn zu.

»Es ist nicht gut, dass du in Lesjöfors übernachten musst«, sagte er.

»Sonst müsste ich so früh aufstehen«, entgegnete sie. »Aber wir sehen uns ja am Sonntagabend.«

Sie küsste ihn auf den Mund. Ihre Lippen kamen ihm angespannt vor.

»Ich ruf dich an«, sagte er.

Er wollte, ehe sie losfuhr, so gern das Gefühl vertreiben, dass etwas kaputtgegangen war, doch es schien unmöglich.

»Mach das«, meinte sie nur und verschwand durch die Tür.

Christer stand noch lange da und lauschte den Schritten, die die Treppen hinunterliefen.

Magdalena Hansson hob Liv vom Küchenfußboden, wo sie auf dem Bauch lag und mit den Beinen strampelte, setzte sie sich auf die Hüfte und marschierte in die Diele hinaus. Petter stand schon fertig angezogen mit den Autoschlüsseln in der Hand da.

»Nils!«, rief sie und machte ein paar Schritte die Treppe hinauf. »Schätzchen, wenn du willst, dass Petter dich zur Schule fährt, dann musst du jetzt kommen.«

»Bin schon unterwegs«, war aus dem oberen Stockwerk zu hören.

»Kannst du nicht endlich diesen Werkzeugkasten wegräumen?«, fragte Magdalena Petter. »Der steht hier in der Diele wirklich blöd rum.«

»Das mache ich, wenn ich nach Hause komme.«

Ja klar. Bestimmt.

Liv quengelte immer noch. Die Spucke rann ihr übers Kinn, aber sie schien wenigstens kein Fieber mehr zu haben. Wenn dieser Zahn nur bald käme.

»Armes kleines Mäuschen«, sagte Magdalena und drückte die Lippen gegen die weiche Stirn des Kindes.

Nils erschien mit dem Rucksack über der Schulter auf dem Treppenabsatz.

»Und jetzt noch den Sportbeutel«, mahnte Magdalena.

»Stimmt.«

Und er verschwand wieder in seinem Zimmer.

Während sie wartete, schaltete sie den Fernseher von einem der Kinderkanäle, die Nils immer nach dem Aufwachen schaute, auf den Nachrichtensender um. Um Petters gestresstes Gemurmel aus der Diele zu übertönen, drehte sie die Lautstärke hoch.

Ihr juckte die Kopfhaut, heute musste sie es unbedingt schaffen zu duschen.

»Tschüss!«, rief Nils von der Haustür.

»Tschüss, Schätzchen!«

Dann Petters Stimme, deutlich leiser: »Tschüss dann.«

Die Tür wurde behutsam geschlossen.

Im selben Augenblick ging Livs Quengeln in Schreien über. Nahezu eine ganze Woche lang machte dieser Zahn jetzt schon Probleme, hatte Liv nachts fiebrig wach gehalten und tagsüber weinerlich gemacht. Sie wollte nicht essen, nicht spielen; das Einzige, was sie wollte, war, auf dem Arm getragen zu werden und an ihren Fingern zu saugen. Die Haut am Kinn war schon ganz rot von dem Gelutsche. Magdalena nahm sie mit ins Badezimmer, setzte sie auf den Wickeltisch und schmierte Kinn und Wangen mit Zinksalbe ein. Bis das Weiße der Salbe von der Haut aufgenommen war, sah das Mädchen mit seinen tränennassen Augen aus wie ein kleiner Clown.

Magdalena hatte es immer für einen Mythos gehalten, dass Väter ihre Kinder nicht weinen hörten, doch anscheinend war es doch wahr. Petter besaß die unglaublich ärgerliche Fähigkeit, jede Schreiorgie durchschlafen zu können.

»Du hättest mich wecken sollen«, sagte er dann morgens. »Ich hätte sie nehmen können, wenn ich nur etwas gehört hätte.«

Aber da war es dann schon zu spät. Außerdem fand Magdalena es fast noch schlimmer, Liv nebenan weinen zu hören, als sich selbst um sie zu kümmern. Also konnte sie wohl niemand anderem als sich selbst einen Vorwurf machen.

Magdalena trug Liv in die Küche hinaus und goss sich einen Becher Kaffee ein. Dann unternahm sie den halbherzigen Versuch, das Kind mit einem Holzlöffel zu unterhalten, während sie selbst durch das Värmlandsbladet blätterte, doch es dauerte nicht lange, und Liv schrie so laut, dass Magdalena sie wieder auf den Schoß nehmen musste.

»Ich denke, wir gehen mal ein bisschen raus«, sagte sie und kippte den Kaffee in einem großen Schluck hinunter. »Das wäre doch schön, was meinst du?«

Sie warf einen Blick aus dem Fenster. Die kahlen Äste der Hecke zur Straße hinaus waren von Raureif überzogen.

Im Jahr zuvor hatte sie während der Elchjagdwoche eine Reportage über Schulkinder gemacht, die an einem Wandertag in den Wäldern vor Ambjörby das Jagen ausprobieren durften. Für die Schüler war das offensichtlich nicht so der hippe Event gewesen. Die Alternative – nach Torsby zu fahren und Kebab zu essen – hatte bedeutend mehr von ihnen gelockt. Aber es war ein herrlicher Tag gewesen, und auf dem Weg nach Hause zwischen den Bergen hindurch, mit Johnny Cash im Autoradio und dem Blick auf den Klarälven, der wie eine dunkelblaue Schlange unten im Tal dahinfloss, hatte Magdalena zum ersten Mal seit Monaten eine tiefe und innerliche Zuversicht verspürt. Es würde gut gehen. Das kleine Leben in ihrem Bauch würde bei ihnen bleiben, und alles würde gut werden. In dem Moment war sie ganz sicher gewesen.

Jetzt hatte sie das Gefühl, das wäre eine Ewigkeit her.

Wann hatte sie das letzte Mal einen Gedanken zu Ende gedacht? Wann hatte sie ein Gespräch geführt, das mehr als drei Sätze anhielt? Vierzig Minuten am Stück war der Schlafrekord der letzten Woche gewesen.

Die Müdigkeit gab ihr das Gefühl, wie in Baumwolle eingebettet zu sein, Schicht um Schicht umgeben von weißem fluffigem Mull. Nichts aus der Umwelt erreichte sie wirklich, nichts berührte sie. In den letzten Tagen hatte sie angefangen sich vor dem zu fürchten, was alles passieren konnte, wenn sie nicht bald schlafen durfte.

Sie strich Liv mit zwei Fingern über die nasse Wange, wie eine wortlose Entschuldigung dafür, dass sie es gerade nicht schaffte, so glücklich zu sein, wie sie sollte. Wie sie es in ihrem tiefsten Innern war.

4

Petra fuhr langsam den schmalen Kiesweg entlang. Auf der einen Seite stand der Wald dicht und hoch, auf der anderen konnte sie meilenweit über die Landschaft sehen, mit ihren stacheligen, von Tannen überzogenen Bergrücken, die immer sanfter und blauer wurden, je weiter entfernt sie sich erhoben.

Leise öffnete Petra die Autotür und schloss sie ebenso, indem sie mit der Hand gegen die Scheibe drückte, um ein Knallen zu vermeiden. Dann blieb sie stehen. Der Himmel war wolkenlos und würde später am Vormittag bestimmt in ein leuchtendes Dunkelblau übergehen, die Farbe, die zum Herbst gehörte.

Sie holte tief Luft und füllte ihre Lungen. Nichts konnte ihr solchen Frieden schenken wie die Natur.

Hoffentlich sind wir bald erfolgreich, dachte sie, schob das Funkgerät in die Brusttasche der Jacke und steckte den Kopfhörer ins Ohr.

Lasse und sie suchten jetzt seit einem Jahr in der Umgebung von Hagfors nach einem Haus auf dem Land. Anfänglich war das einfach nur ein Spaßvergnügen gewesen, doch als die Pilzsaison kam, die Blaubeeren reif wurden und die Preiselbeerbüsche rot, erfasste sie die Sehnsucht danach, weitab im Wald zu wohnen, und begann regelrecht körperlich zu schmerzen.

Sie nahm den Elchstutzen vom Boden vor dem Rücksitz, zog den Reißverschluss des Futterals auf und hängte sich die Büchse über die Schulter.

Roy jaulte laut, als Petra die Heckklappe öffnete, und versuchte, sich durch den Spalt zu drängen, doch sie packte ihn am Halsband und legte ihm schnell die Leine an, ehe sie die Klappe ganz öffnete und ihn rausspringen ließ.

Mit geübtem Griff befestigte sie das Peilgerät am Halsband und zog ihm dann eine Reflexweste über den Kopf.

Ein knackendes Geräusch im Wald ließ Roy bellen und heftig an der Leine ziehen. Doch dann schreckte er plötzlich zurück und drückte sich gegen ihr Bein.

War da ein Wolf? Petra schloss die Heckklappe, ohne den Blick vom Waldrand zu wenden. Oder ein Bär? Sie spürte ganz deutlich die Gegenwart eines Lebewesens. Sie wurden beobachtet.

»Ich schieße im Notfall, versprochen«, flüsterte sie dem Hund zu.

Als ob er verstehen würde, was sie sagte.

Roy schaute sie mit seinen dunklen Augen an. Natürlich verstand er sie.

»Das tue ich«, sagte sie noch einmal und meinte diesmal auch den Wald und die Geräusche darin.

Sie sah auf die Uhr. Zwei Minuten nach halb neun. Es war Zeit.

Das Polizeirevier roch frisch geputzt, als Christer zur Arbeit kam. In der hinteren Hälfte des Flures glänzte der Boden immer noch feucht.

»Du wirst wohl frischen Kaffee aufsetzen müssen«, sagte Kriminalassistent Folke Natt och Dag, als Christer in sein Zimmer schaute. »Der andere steht schon eine Weile.«

»Okay. Hast du trainiert?«

Folkes Haare schienen nass zu sein.

»Ja«, sagte er. »Habe heute Morgen eine Runde gedreht. Ich war ja eine ganze Weile ziemlich faul, aber jetzt kommen andere Zeiten.«

»Als ob du das nötig hättest.«

Christer kannte niemanden, der so bemerkenswert gut gebaut war wie Folke und gleichzeitig so uninteressiert daran, seine Stärke zu zeigen. Er war wie Ferdinand der Stier, nur dass Folke nicht an Blumen schnupperte, sondern am liebsten vor seinem Computer saß.

Der Kollege sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an.

»Alles in Ordnung?«

»Ja klar. Doch. Alles gut. Na, dann werde ich mal frischen Kaffee aufsetzen.«

Christer ging in den Aufenthaltsraum und goss die schwarze Soße weg, die auf dem Boden der Kaffeekanne stand.

Manchmal fragte er sich, wie viele Stunden Folke eigentlich nachts schlief. Wenn er überhaupt schlief. Er schien durchgehend zu arbeiten. So gesehen passten er und Jens gut zusammen.

Zumindest hatte sich Christer jetzt an den Gedanken gewöhnt, auch wenn er manchmal darüber nachdachte, ob es wohl in Ordnung war, wenn ein Polizist mit einem Nachrichtenfotograf zusammenlebte. Aber das war zum Glück nicht sein Problem, schließlich war er nicht Folkes Chef.

Christer setzte Kaffee auf. Der Morgen mit Torun saß ihm noch in den Gliedern. Er sollte jetzt gleich seinen Vater anrufen und fragen, wie sich das mit der Wand verhielt, doch irgendetwas widerstrebte ihm an dem Gedanken, ohne dass er es wirklich benennen konnte.

Die Idee, das Haus zu übernehmen, war schon am selben Abend aufgekeimt, als seine Eltern Gunvor und Bengt erzählt hatten, dass sie beschlossen hätten zu verkaufen. Obwohl Christer gewusst hatte, dass es eines Tages dazu kommen würde und es keine andere Lösung gab, hatte es ihn sehr mitgenommen. Mehr, als er oder Torun erwartet hatten. Die Kindheit war vorüber. Ein für alle Mal.

Doch der Vorschlag war von Torun gekommen. Sie möge das Haus, sagte sie. Es läge so schön am See.

Jetzt hatte er plötzlich das Gefühl, dass dies das Einzige war, was sie daran mochte.

Nein, ich sollte anrufen, dachte Christer wieder. Doch stattdessen hing er in der Teeküche herum und lauschte dem beruhigenden Geknatter der Kaffeemaschine.

Petra hielt Roy an der Leine, als sie über den Graben stiegen. Der Frost steckte noch zwischen dem Kies, und sie rutschte mehrmals ab, als sie auf der anderen Seite hochklettern wollte, und musste sich sogar mit der einen Hand abstützen.

Die trockenen Tannenzweige schlugen ihr ins Gesicht und zerrten an den Kleidern, als sie sich durchschob, und sie hielt sich den freien Arm schützend vors Gesicht. Nach etwa zwanzig Metern öffnete sich der Wald um sie herum. Die Bäume standen jetzt lichter, und der Boden war mit dickem Moos überzogen, das auch Steine und Baumstümpfe bedeckte.

Um die Goretex-Stiefel raschelte und platschte es, wenn sie ging. Wachsam ließ sie ihren Blick über umgestürzte Wurzeln und kleine Büsche gleiten, denn sie konnte das Gefühl nicht loswerden, dass jemand sie beobachtete.

Das bilde ich mir ein, dachte sie, und ließ Roy von der Leine.

»So«, flüsterte sie. »Such den Elch.«

Doch anstatt mit der Nase auf der Erde loszurennen, wie er es sonst tat, wenn er endlich losgelassen wurde, drehte er den Kopf zu ihr. Soll ich wirklich?

»Ab mit dir.«

Ohne weiter zu zögern, setzte Roy über die Grasbüschel hinweg.

Petra rückte den Schulterriemen des Elchstutzens zurecht und folgte dem Hund. Wo die Sonne hingelangte, leuchtete das feuchte, weiche Moos hellgrün. Im Schatten war es immer noch von Raureif überzogen. Petra wurde bald warm.

»Peo an Femke«, flüsterte es im Funkgerät. »Eine Kuh auf dem Weg zu dir.«

»Gut. Verstanden.«

Während Petra noch auf eine Fortsetzung wartete, erreichte sie einen kahlen Hügel, der von hohem gelbem Gras bedeckt war. Es war schwer zu erkennen, was darunterlag, und sie stolperte mehrmals über alte Baumstämme, die vom Abholzen übrig geblieben waren. Als sie auf die Kuppe des gerodeten Hügels kam, sah sie auf der anderen Seite Roys hin und her wippenden Schwanz. Er rannte vor und zurück, schien gute Arbeit zu leisten, war aber immer noch still. Kein einziges Bellen hatte er von sich gegeben.

Der Schuss durchbrach die Stille und hallte an den Bergen wider, ehe der Schall langsam erstarb.

Petra blieb stehen und horchte.

»Glückwunsch!«, war im Funkgerät zu hören.

Die wohlbekannte Stimme von Waldemar Halling. Mit einem Tonfall, der wie ein anerkennender Schlag auf den Rücken klang. Sachlich und unsentimental.

Ein paar Sekunden war es still, dann antwortete Femke mit seiner holländischen Satzmelodie: »Eine Kuh an Stand 255.«

»Du hast sie erwischt«, stellte Peo fest. »Gut.«

Petra stieg mit leichteren Schritten den Abhang hinunter und ging in den Wald hinein. Auf dem GPS konnte sie sehen, dass Roy vierhundert, bald fünfhundert Meter südlich von ihr war. Dann war er jetzt auch in Gang gekommen.

Petra schob die Mütze ein paarmal über der Stirn hin und her. Der grobe Stoff juckte leicht, weil sie schwitzte, aber das machte nichts.

Femkes Schuss und die frohen Stimmen über Funk hatten das Unbehagen vertrieben, und endlich hatte sie auch ihren Rhythmus und Gang gefunden, diesen Zustand, den sie so sehr liebte. Wenn es nur sie und den Wald gab. Nichts sonst.

Es war gut, so früh auf der Jagd schon eine Kuh geschossen zu haben. Vielleicht würde sich ihr Jagdglück jetzt wenden. Letztes Jahr hatten sie bis Ende November jedes Wochenende unterwegs sein müssen, um die Quote zu erfüllen, und irgendwann hatte die Jagd all ihren Charme verloren gehabt.

Petra wanderte fast eine Viertelstunde, ohne ein Bellen zu hören, weder von Roy noch von einem anderen Hund. Das Funkgerät schwieg ebenfalls, nur das leichte Rascheln des Blaubeerreisigs an ihren Hosenbeinen war zu hören.

Als der zweite Schuss des Tages knallte, blieb sie wieder stehen. Diesmal schien er von Westen gekommen zu sein, nicht weit von ihr entfernt.

»Glückwunsch!«, erklang es von Waldemar Halling wie immer prompt aus dem Funkgerät. Petra ging weiter, während sie auf die Fortsetzung wartete, doch die kam nicht.

Stattdessen wieder Hallings Stimme: »Wer hat geschossen?«

Keine Antwort.

Was war denn da los? Wurde er nicht gehört?

Da Petra sich näher an den Schützen auf den Ständen auf der Westflanke befand als Halling, holte sie das Funkgerät aus der Tasche und wiederholte die Frage.

»Wer hat geschossen?«

Wind war aufgekommen, und hoch über ihr wogten die Kronen der Tannen mit einem schwachen Sausen hin und her. Es klang fast wie der Verkehrslärm einer weit entfernten Straße. Petra hielt das Funkgerät vor dem Mund bereit und wartete, dass sich jemand melden würde.

Als nichts geschah, versuchte sie sich zu erinnern, wer den Stand auf der Seite zugeteilt bekommen hatte.

»Petra an Pär«, sagte sie.

Pär und Alva mussten auf jeden Fall in der Nähe sein, das wusste sie.

»Petra an Pär.«

Keine Reaktion.

»Ist jemand auf der linken Seite, von wo der Schuss kam?«

Schließlich antwortete Janet Antonsson.

»Es klang, als wäre es hier ganz in der Nähe gewesen.«

Petra hoffte sehr, dass Pär geschossen hatte, damit das arme Mädchen die Sache wenigstens ein bisschen spannend finden konnte.

»Okay«, sagte Petra und wartete, dass ein anderer sich als der Schütze zu erkennen geben würde, aber es blieb wieder still im Funkgerät.

Naja, das würde sich schon auflösen. Wenn es nur kein Fehlschuss war, der ein Tier verletzt hatte.

Petra sah noch einmal auf das GPS von Roy, ehe sie weiter durch die Blaubeeren stapfte. Jetzt war er ihr nur noch zweihundert Meter voraus.

Nach zehn Minuten steilen Aufstiegs kam sie zu einem ganz neuen Kahlschlag, der im Vorjahr noch nicht da gewesen war. Erstaunt sah sie über graue Steinfindlinge und tote Baumstämme, die wie riesige Mikadostäbe durcheinanderlagen. Das Wasser in den Reifenspuren der Waldmaschinen war mit einer dünnen Schicht Eis überzogen.

Das Funkgerät schwieg immer noch.

Als Petra auf die Anhöhe kam, entdeckte sie Roy direkt beim Stand Nummer 223. Sie hob das Fernglas und sah Klas Sanner mit der Büchse an das Holzgeländer gelehnt sitzen. Aber ein toter Elch schien nicht vorhanden zu sein.

Wieder holte sie das Funkgerät aus der Tasche.

»Petra an Klas.«

Im Fernglas konnte sie Klas die Hand heben und nach dem Funkgerät greifen sehen.

»Ja, ich bin hier.«

»Ich stehe ganz oben auf dem Kahlschlag. Siehst du mich?«

Klas wandte den Kopf und winkte.

»Ja, ich sehe dich. Roy ist hier bei mir. Soll ich ihn an die Leine legen?«

»Nein, lass ihn ruhig noch ein bisschen arbeiten, wenn er nicht zu erschöpft aussieht.«

»Okay. Jetzt ist er auch schon wieder losgelaufen.«

Petra sah Roy ein Stück auf das gerodete Gelände trotten.

»Du hast vorhin also nicht geschossen?«

»Nein«, erwiderte Klas. »Das war ich nicht.«

Petra beendete die Konversation mit einem seltsamen Gefühl. Es war doch wohl kein Problem, danebengeschossen zu haben. Wem war das noch nicht passiert? Auch wenn manche natürlich mehr vom Pech verfolgt waren als andere.

5

Magdalena schob den Kinderwagen vor sich die Storgatan entlang. Es kam ihr so vor, als würde der ganze Bürgersteig schwanken und sie hätte keine wirkliche Kontrolle über ihre Füße. Aber es war schön, in die Sonne zu kommen, und mit jedem Atemzug wurde sie mehr sie selbst.

Liv sah sie mit großen Augen an, derweil sie manisch auf einem ihrer Handschuhe kaute, der von Spucke schon ganz durchweicht war.

»Wie leid du mir tust«, sagte Magdalena. »Bald kommt der neue Zahn, und dann wird alles besser, du wirst sehen.«

Das schlechte Gewissen wegen ihres morgendlichen Ausbruchs holte sie ein, und als sie auf Höhe der Bushaltestelle waren, nahm Magdalena das Handy aus der Wickeltasche, die über dem Griff des Kinderwagens hing, und rief Petter an.

»Tut mir leid«, war das Erste, was sie sagte, als er sich meldete.

»Macht nichts.«

»Doch, das tut es. Es ist nicht in Ordnung, einfach irgendwas daherzusagen. Aber ich bin so müde.«

Sie spürte das Rauschen in den Ohren, das immer kurz vor dem Weinen kam.

»Ich weiß, Liebling«, entgegnete Petter, »ich weiß.«

Sag, dass du heute Abend früher nach Hause kommst und dass du dich den ganzen Abend um die Kinder kümmerst, damit ich schlafen kann. Hilf mir.

Aber Petter sagte nichts.

»Was glaubst du, wann du nach Hause kommst?«, fragte sie, während das Rauschen in den Ohren zunahm.

»Schwer zu sagen. Wir müssen mit diesem Carport fertig werden, ehe der erste Schnee fällt. Es soll weiterhin kalt bleiben, also ist Eile geboten.«

»Bitte …«

Der Kloß im Hals machte es ihr schwer zu reden.

»Ich tue, was ich kann«, erklärte Petter. »Das weißt du doch.«

Vielleicht tust du das, aber es reicht gerade nicht. Kapierst du das nicht?

Magdalena schluchzte kurz auf, versuchte aber sofort, das Weinen zu unterdrücken. Es war so peinlich, sich nicht unter Kontrolle zu haben, als wäre man wieder ein Kind. Ein Kind, das die ganze Zeit Hilfe und Unterstützung brauchte. Unmöglich, in der Stadt rumzulaufen und zu heulen.

»Magda? Hörst du? Bitte.«

»Ich bin so müde«, schluchzte sie. »Ich glaube, ich war noch nie so erschöpft.«

Ein älterer Mann mit Kugelbauch und einem wuseligen Shih Tzu an einer Automatikleine starrte sie an, während er vorbeiging. Magdalena drehte rasch den Kopf weg.

»Du, langsam mache ich mir ein bisschen Sorgen um dich«, sagte Petter.

»Ich mir auch.«

Das schlechte Gewissen war verflogen, jetzt war sie nur noch wütend.

»Ich meine, ganz im Ernst«, erwiderte Petter. »Man hört ja so allerhand über Postnatale Depression. Könnte es sein, dass du die hast?«

Magdalena umklammerte den Griff des Kinderwagens so fest, dass ihr die Arme wehtaten.

»Du hast schließlich schon mal Probleme mit Depressionen gehabt«, fuhr Petter fort. »Und es ist offenbar möglich, dass man dann dafür empfänglicher ist, wenn man ein Kind bekommen hat und …«

Er hatte sich wirklich informiert. Wie lange war er um sie herumgeschlichen und hatte sie beobachtet, als wäre sie ein Psycho?

»Ich. Bin. Müde!«, schrie sie. »Begreif das doch! Und wenn jemand den Unterschied zwischen Müdigkeit und Depression kennt, dann bin ich das. Ich will leben, ich liebe Liv, aber ich muss mal SCHLAFEN! Aber bau du nur deinen verdammten Carport.«

Sie drückte das Gespräch weg, ohne sich zu verabschieden, obwohl sie wusste, wie sehr er das hasste, und schmiss das Handy in die Tasche.

Idiot!

Sie ging immer schneller, bis sie ein Ziehen in den Leisten spürte. Erst als sie auf der Brücke war, bemerkte sie, dass Liv mit dem Handschuh im Mund eingeschlafen war.

Es geht vorüber, dachte sie. Das sagen sie zumindest alle, die Hebammen und die Schlaumeier. Es ist nur eine Phase.

Die Lokalredaktion war leer und dunkel. Ein Zettel an der Tür verwies alle, die eine Annonce aufgeben wollten, an das Büro in Karlstadt. Für redaktionelle Hinweise war eine Telefonnummer aufgeführt, die man anrufen konnte.

Magdalena drehte den Schlüssel herum und kämpfte ein bisschen mit dem Schloss, das immer noch klemmte. Dann schob sie die Tür mit dem Rücken auf und zog den Kinderwagen hinter sich her. Drinnen roch es säuerlich. Säuerlich und nach abgestandener Luft.

Zum Jahreswechsel war die Lokalredaktion des Värmlandsbladet in kleinere Räume an derselben Straße gezogen, jetzt ohne Empfangstisch und ohne einen Bereich, wo die Kunden Platz nehmen konnten. Nun gab es nur noch einen Schreibtisch und eine winzige Teeküche mit Mikrowelle, Kaffeemaschine und einem kleinen Kühlschrank. Spülen musste man im Waschbecken auf der Toilette.

Magdalena hatte nur wenige Monate vor Livs Geburt bereits dort gearbeitet und sich überhaupt nicht daran gewöhnen können, weder an die neuen Räume noch an die Einsamkeit. Ohne Empfangsdame fühlte sich die Redaktion leer an. Armselig. Sie dachte oft an Barbro Holmgren und fragte sich, wie es ihr wohl jetzt erging.

Sie sammelte ein paar Briefe auf, die trotz des Zettels an der Tür auf dem Boden im Flur lagen. Dann beugte sie sich über Liv, die im Wagen tief schlief, band ihre Mütze auf und öffnete den Reißverschluss des Fleece-Overalls.

Postnatale Depression. Wie bekloppt konnte man eigentlich sein?

Auf dem Schreibtisch stand neben der Tastatur ein halb mit Kaffee gefüllter Becher, in dem Schimmelinseln schwammen. Magdalena leerte den Inhalt in die Toilette, dann spülte sie die Tasse aus.

Das war bestimmt Björn, dachte sie und schrubbte mit der Spülbürste über den schwarzen Rand auf der Innenseite der Tasse. Irma würde das Büro niemals so hinterlassen. Der neue Reporter aus Torsby aber war ein ehrgeiziger Fünfundzwanzigjähriger, witzig und flott, doch mit seinem Ordnungssinn haperte es ein wenig. Magdalena legte die Spülbürste weg und kehrte an den Schreibtisch zurück.

Vor dem Fenster hatte sich eine Schlange am Drive-in-Bankomaten gebildet, der sich gleich neben der Redaktion befand. Eben war eine Frau mit Pferdeschwanz und Sportjacke an der Reihe, den Wagen im Leerlauf und die Brieftasche in der Hand.

Magdalena fuhr mit dem Zeigefinger über den Tisch und hinterließ dabei eine Spur in der dünnen Staubschicht.

Ganz oben auf dem kleinen Stapel neben dem Computer lag eine Mappe mit Gemeinderatsbeschlüssen von Mitte September. Magdalena erkannte Björns krakelige Handschrift. Im Übrigen sah der Schreibtisch genauso aus, wie sie ihn im März verlassen hatte. Ein paar Schreibblöcke, einige alte Zeitungen, ein grün lackierter Apfel aus Gips, den Nils in der Kernzeitbetreuung gebastelt hatte.

Als Magdalena in Elternzeit gegangen war, hatte die Leitung der Zeitung beschlossen, keine Vertretung einzustellen, sondern wenn es nötig war, die Kollegen aus den Nachbargemeinden einspringen zu lassen. Meist fuhren die dann in ihre Heimatredaktionen und schrieben die Artikel dort, aber wenn es eilig war, benutzten sie auch manchmal den Computer hier.

Magdalena griff nach dem Apfel, der auch eingestaubt war, dann lehnte sie sich auf dem Stuhl zurück. Sekunden später war sie eingeschlafen.

Als Petra zum Schlachthaus zurückkam, herrschte schon Gedränge ums Feuer. Die größte Lücke fand sich zwischen Janet Antonsson und Jan-Åke Qvist. Petra schwang sich mit dem Rucksack in der Hand über die Bank und quetschte sich zwischen die beiden. Ihre Beine brannten vor Müdigkeit, vor allem die Oberschenkel. Auf ihren Stiefeln klebten gelbe Birkenblätter.

»Habt ihr geklärt, wer den Schuss abgegeben hat?«, fragte sie, während sie ihren Rucksack öffnete.

»Nein«, erwiderte Janet. »Aber wie gesagt, ich fand, es klang, als wäre es von unserer Seite gekommen.«

»Seltsam.«

»Ja, wirklich.«

Petra holte die Thermoskanne heraus und füllte den Becher mit dem starken Kaffee. Die ersten Schlucke brannten im Hals.

»Sind Pär und Alva schon wieder zurück?«, fragte sie und sah sich um.

»Nein, soweit ich weiß nicht.«

»Na ja, die kommen bestimmt auch gleich.«

Petra ließ sich in das gemütliche Gemurmel sinken und schaute ins Feuer.

Henrik Åhman hockte mit einer Grillzange vor dem Feuer, auf dem einige Stücke Fleisch in einer Pfanne zischten. Nachdem er sie ein paarmal herumgedreht hatte, holte er eine Plastikflasche mit Pfannkuchenteig und schüttete den Inhalt über das Fleisch für einen zünftigen »Kolbulle«.

Petra nahm noch ein paar Schlucke Kaffee, dann klemmte sie den Becher zwischen den Knien fest und holte die Wurstdose und den Grillspieß aus dem Rucksack. Das musste reichen.

Immer mehr Jäger kamen dazu, und wer keinen Platz mehr auf der Bank bekam, setzte sich auf seinen Rucksack daneben.

Zwischen ein paar Schluck Kaffee drehte Petra in regelmäßigen Abständen am Grillspieß, musste jedoch immer wieder an den Schuss denken.

»Aber vier Jahre Gefängnis dafür, dass man einen Wolf geschossen hat«, schnappte sie von irgendwoher auf und drehte sich um.

Jan-Åke sah sie an.

»Findest du nicht auch, dass das ein wenig heftig ist, Petra«, fragte er. »Vier Jahre. Das ist ja mehr, als man für Körperverletzung bekommt.«

Petra drehte die Wurst herum, langsam war sie fertig.

»Selbst Polizeichefs müssen doch eine persönliche Meinung dazu haben dürfen, oder?«, meldete sich Oliver Långström von der Bank gegenüber zu Wort.

»Natürlich. Aber ich möchte jetzt nicht darüber diskutieren.«

Das Gespräch um sie herum erstarb. Bald waren alle Blicke auf Petra gerichtet.

»Wir müssen ja trotzdem unseren Job machen, oder?«, sagte sie. »Ganz gleich, worum es geht.«

»Klar«, sagte Oliver und blinzelte wegen des Rauchs vom Feuer. »Aber es ehrt dich, dass du es wagst, trotzdem ehrlich zu sein, das muss ich sagen.«

Petra war schon viele Male in diese Art von Gesprächen verwickelt worden. Als neu zugezogene Göteborgerin war es ihr anfänglich schwergefallen, den Unmut gegen die Wölfe zu verstehen, doch im Laufe der Jahre hatte sie mehr oder weniger widerwillig begonnen, die Sache anders zu sehen.

»Für die Leute in Stockholm ist es leicht, da unten zu hocken und zu bestimmen, wie viele Wölfe es hier geben soll«, sagte Jan-Åke.

Oliver, der ein fetttriefendes Stück Fleischwurst auf einem Stock hatte, nahm einen Bissen und nickte.

»Ich möchte gern wissen, wie die Chefs vom Naturschutzamt reagieren würden, wenn sie zusehen müssten, wie ihre Hunde vor ihren Augen in Stücke gerissen werden«, sagte er.

Seit sein Karelischer Bärenhund Oden vor zwei Jahren totgebissen worden war, gab es mehrere Hundebesitzer in der Jagdmannschaft, die ihre Tiere nicht mehr frei laufen lassen wollten. Man hatte sogar erwogen, das Treiben mit Hunden ganz aufzugeben. Aber Petra brachte es nicht übers Herz, Roy von dem fernzuhalten, was er am meisten liebte und wozu er geboren war.

Aber Verteidigung war eine Sache. Die gewilderte Wölfin eine andere.

Dankbar bemerkte sie, dass die Aufmerksamkeit der Jagdgruppe sich von ihr auf Waldemar Hallings Nissan Navara verlagert hatte, der im Schritttempo mit der geschossenen Elchkuh auf dem Anhänger auf den Kiesplatz gefahren kam.

»Ist derjenige immer noch nicht hier, der den zweiten Schuss abgegeben hat?«, fragte Petra.

Sie schob ihre Wurst in ein Brot und beugte sich über den Rucksack, um nach der Senftube zu suchen.

»Wieso den zweiten Schuss?«, fragte Ernst Losjö. »Ich habe nur einen Schuss gehört.«

Rund um das Feuer setzte eine verwirrte Diskussion ein. Einige hatten den Schuss gehört, andere nicht. Einige hatten die Gespräche über Funk gehört, andere nur Teile davon, manche gar nichts.

Plötzlich fluchte Jan-Åke neben ihr.

»Was gibt’s?«, fragte Petra.

Er saß mit dem Handy in der Hand da und starrte auf das Display.

»Ich muss los«, sagte er. »Meiner Mutter geht es wieder schlechter. Sag Halling, dass ich den Rest des Tages nicht dabei sein kann.«

Jan-Åke stand auf, kletterte über die Bank und lief eiligen Schrittes mit dem offenen Rucksack in der Hand zu seinem Auto. Keiner der anderen schien zu bemerken, dass er verschwand.

»Ich habe den Schuss gehört«, sagte Frans Mogård gerade. »Aber ich fand, dass er ein bisschen seltsam klang.«

»Wieso das? Was meinst du?«, fragte Oliver.

»Ich kann es nicht richtig erklären, aber irgendwas war ungewöhnlich.«

Petra stand auf und blickte über den Kiesplatz. In ihr wuchs das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte.

Klas Sanner hielt sich ein Stück entfernt beim Anhänger auf und sprach mit Halling, doch nach einer Weile kam er zu den Bänken geschlendert. Obwohl Petra wusste, dass die Brüder einander inzwischen möglichst aus dem Weg gingen, fragte sie, ob er vielleicht Pär und Alva gesehen hätte.

Klas schüttelte den Kopf und setzte sich auf den freien Platz von Jan-Åke.

»Gibt es denn niemanden, der Pär oder Alva seit heute Morgen gesehen hat?«, fragte Petra jetzt laut.

»Nicht, seit wir uns zum Stand aufgemacht haben«, erwiderte Henrik.

»Aber seid ihr denn nicht zusammen zurückgelaufen?«, fragte sie.

»Nein. Ich bin direkt zum Auto gegangen, ohne auf jemanden zu warten.«

Petra sah auf die Uhr. Über eine Stunde war vergangen, seit die Drückjagd beendet worden war. Selbst wenn sie ganz langsam gelaufen wären, müssten die beiden längst hier sein.

»Wir müssen versuchen, ihn anzurufen«, beschloss Petra und holte ihr Handy aus der Jackentasche.

Kein Netz.

»Hat jemand Netz?«

Alle, die um das Feuer herumsaßen, begannen, Handys aus Taschen und Rucksäcken herauszusuchen, doch die meisten schüttelten den Kopf, als sie auf das Display sahen. Jan-Åke Qvist schien dagegen Netz gehabt zu haben, aber der war bereits weggefahren.

»Ich habe zumindest zwei Striche«, sagte Ernst Losjö schließlich. »Ich kann es versuchen, aber ich bräuchte die Nummer.«

Petra klickte Pärs Handynummer auf ihrem Telefon an und las sie vor.

»Da geht sofort die Mailbox ran«, erklärte Ernst nach ein paar Sekunden. »Wahrscheinlich hat er auch kein Netz.«

Es wurde still in ihrem Kreis, nur das Feuer knackte ab und zu laut. Klas drehte seinen Grillspieß, ohne eine Miene zu verziehen, als hätte er nicht einmal begriffen, worum es ging.

Pär oder Alva könnten gefallen sein und sich verletzt haben. Aber dann hätte Pär wahrscheinlich das Funkgerät benutzt.

»Hat einer von euch Pär heute übers Funkgerät gehört?«, fragte Petra. »Hat er überhaupt irgendetwas gesagt?«

Als keiner antwortete, stieg Petra über die Bank und ging zu Waldemar Halling in das Schlachthaus.

»Pär und Alva sind nicht zurückgekommen«, sagte sie. »Wir müssen nach ihnen suchen.«

6

Pär Sanners Volvo XC90 stand einsam auf der Wendeplatte, von der aus der Weg hinauf zu den sechs westlichen Ständen abging. Petra parkte neben ihm.

»Das ist ja seltsam«, sagte Waldemar.

Er hinkte zu Pärs Auto, packte den Türgriff, doch der Wagen war abgeschlossen.

Petra folgte ihm und suchte mit dem Blick das Gelände um den Kiesplatz ab, konnte aber nichts anderes erkennen als Birkengestrüpp und vertrocknete Wildhimbeerbüsche. Das schwere Rauschen der Tannen war das Einzige, was sie hörte.

»Hier ist jedenfalls niemand«, erklärte Waldemar, das Gesicht an die getönte Autoscheibe gedrückt.

Dann trat er einen Schritt zurück, sah sie fragend an und nahm das Funkgerät aus der Jackentasche. Der Kopfhörer saß schon im Ohr.

»Halling sucht Pär.«

Keine Antwort.

»Bist du da, Pär? Melde dich, wenn du mich hörst.«

Waldemar unternahm noch ein paar weitere Versuche, dann schüttelte er den Kopf. Nein, nichts.

»Wir werden wohl zum Stand hinaufgehen und da suchen müssen«, sagte Petra. »Etwas anderes macht wohl keinen Sinn.«

Der Schnipsel von einem Plastikband, der an einem kleinen Busch am Rand des Grabens befestigt war, markierte den Beginn des kaum sichtbaren Pfads. Petra ließ Waldemar vorgehen und das Tempo bestimmen.

An den Stellen, wo das Sonnenlicht zwischen den Bäumen durchdringen konnte, glitzerte das nasse Preiselbeerreisig, doch im Schatten strich ihnen die Luft kalt übers Gesicht.

Ohne jemanden zu sehen oder zu hören, kamen sie nach etwa hundert Metern an den Schildern vorbei, die den Weg zu Stand 221 und 222 wiesen.

Waldemar schlug das gleiche Tempo an wie zuvor, doch als sie an Sitz 223 vorbei waren, wurde er langsamer. Petra sah, wie sein Rücken etwas krummer wurde, wohl ein Tribut an sein Alter. Ab und zu rückte er die Mütze zurecht und fuhr sich mit der Hand über den Nacken.

Er war genauso besorgt wie sie.

Als sie zum Hinweisschild für Stand 224 kamen, blieb Waldemar stehen. Es war ziemlich düster, der Wald stand dicht, und die Sonne war hinter einer Wolke verschwunden.

»Pär! Alva!«

Waldemar rief laut. Doch das Knarren eines trockenen Baumstamms und die Stille danach waren die einzige Antwort, die er erhielt.

»Ich habe hier kein gutes Gefühl, Petra«, sagte er. »Ich habe hier verdammt noch mal überhaupt kein gutes Gefühl.«

Petras Mund war ausgetrocknet, sie sehnte sich nach etwas zu trinken.

»Wir müssen weiter in das Gebiet hineingehen«, sagte sie. »Hier irgendwo müssen sie doch sein, oder?«

»Doch, natürlich. Aber warum antworten sie nicht?«

Waldemar ging weiter Richtung Stand Nummer 224. Zwischen den Tannen war es dunkel. Graue Flechtenvorhänge wehten wie kleine urzeitliche Wimpel lautlos von den trockenen Ästen. Jetzt gingen sie Waldemars wegen noch langsamer.

Der Stand befand sich auf dem Abhang zu einem Moorgebiet, das von Wollgras weiß gefleckt war. Darunter lag ein Teich, der so klein war, dass er weder einen Namen hatte, noch auf der Karte verzeichnet war. An seinem südlichen Ende schwammen Seerosenblätter auf dem Wasser.

Sie konnten die Rucksäcke, die nebeneinander in der Nähe des Standes hingestellt worden waren, schon von Weitem sehen. Waldemar lief, so schnell er konnte, als er sie erkannte, und Petra folgte ihm.

Doch dann blieb er wie angewurzelt stehen und ruderte mit den Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

Pär lag auf der Seite, regungslos wie auf einem Foto.

Petra blinzelte ein paarmal, um das Bild scharf zu stellen, und versuchte zu verstehen, was sie hier sah.

Das halbe Gesicht fehlte, versteckt unter einer klebrigen Schmiere aus nassen Haarbüscheln, Gehirnsubstanz und weiß glänzenden Knochensplittern. Im einen Ohr saß immer noch der Kopfhörer. Von dort ringelte sich das Kabel in die Brusttasche, als wäre nichts geschehen.

»Mein Gott«, flüsterte Waldemar.

Petra hockte sich hin, stützte sich mit den Händen auf der feuchten Erde ab, und zwang sich, weiter hinzusehen.

Pärs karierte Filzjacke war nass von dunklem Blut. Der eine Arm lag in einem seltsamen Winkel unter dem Körper verdreht. Die Finger wiesen steif gespreizt nach oben. Pärs Kappe lag ungefähr einen Meter entfernt.

Im Augenwinkel sah Petra, wie Waldemar auf die Knie sank. Dann begann er geräuschvoll zu würgen.

7

Waldemar kniete weiterhin bleich und mit schweißnassen Schläfen im Preiselbeerreisig und würgte. Petra ließ ihn in Ruhe und betrachtete stattdessen Pär. Nur wenige Stunden zuvor hatten sie noch miteinander gesprochen. Jetzt war er tot. Ein Stück Fleisch im Moos.

Woher kamen die seltsamen Verletzungen auf seiner Wange? Waren das Vögel gewesen, die sich über ihn hergemacht und auf ihn eingehackt hatten? Petra blickte sich um. Vielleicht. Ein Stück entfernt über den Baumkronen kreisten zwei Krähen.

Erst in diesem Moment dachte Petra an Alva. Mein Gott! Wo war sie?

»Alva!«, rief sie, so laut sie konnte.

Das Echo kam dröhnend zurück, wie ein Gruß aus der Ewigkeit.

»Alva!«, rief sie wieder, jetzt in die andere Richtung.

Ein weiteres Mal antwortete der Berg.

Langsam rappelte sich Waldemar auf und wischte sich den Mund mit dem Jackenärmel ab. Er war immer noch weiß im Gesicht.

»Alva ist verschwunden«, sagte Petra. »Wir müssen sie suchen.«

Waldemar begab sich mit wackligen Schritten hinunter zum Moor. Petra wählte die andere Richtung, ein Stück den Hügel hinauf, um besser sehen zu können. Derweil rief sie weiter.

Die Krähen kreisten über ihnen, aber sonst war der Wald still und leer.

»Ich kann sie nicht finden«, keuchte Waldemar, als sie sich wieder am See trafen.

Er ließ sich auf einem Stein nieder, um Atem zu holen, und fasste sich an die Brust.

»Das war doch wohl ein Fehlschuss, oder?«, fragte Waldemar. »Glaubst du nicht?«

Petra wusste nicht, was sie erwidern sollte, sie sah wieder zu Pär. Zu dem, was von ihm noch übrig war. Der Elchstutzen stand ein paar Meter von der Leiche entfernt an eine Tanne gelehnt.

»Hast du Netz?«, fragte sie.

Sie selbst wusste sicher, dass sie keines hatte. Wenn sie von unten aus dem Dorf nicht hatte anrufen können, dann auch nicht von hier.

Waldemar lehnte sich zurück und nestelte lange herum, ehe er das Handy aus der Jackentasche bekam.

»Nur Notruf«, sagte er und gab es ihr. »Aber das müsste ja wohl reichen.«

Bodil Sanner kreuzte durch den Schulkorridor und tat ihr Möglichstes, um einer Gruppe herumalbernder Oberstufenjungs und einem Mädchen aus der fünften Klasse, das ganz in seine eigene Welt versunken über ein Handy gebeugt lief, auszuweichen. Überall waren Schüler auf dem Weg zur Mensa oder zurück in ihre Klassen.

Ich werde heute wohl auch da essen müssen, dachte sie, nachdem ich es fertiggebracht habe, mein Essen zu Hause zu vergessen. Vermutlich stand die Dose auf der Arbeitsplatte in der Küche. Oder sie hatte sie gar nicht erst aus dem Kühlschrank geholt. Eigentlich hatte sie keine Ahnung, wo die Dose war.

In der vergangenen Nacht hatte sie kaum geschlafen.

Lust.

Das war ein Wort, das sie nie benutzte, ein Wort, das nicht zu ihr passte, doch in dieser Nacht war es in den Sinn gekommen. Es hatte im Unterleib gepocht, bis weit in die Oberschenkel hinein, so intensiv, dass ihr am Ende richtig übel war.

Sie hatte in der Dunkelheit zu Pär hinübergeschielt, der auf der anderen Seite des Bettes lag, und hatte versucht herauszukriegen, ob er schlief oder nicht. Schließlich war sie gezwungen, die Hand unter die Decke zu schieben, den Rand der Unterhose zur Seite zu falten und vorsichtig die Finger einzuführen.

Das Gefühl ihrer Fingerspitzen auf dem Weichen, Nassen hatte sie schockiert. Wann hatte sie das schon einmal gefühlt? Mit Pär schmerzte es beinahe. Aber nun kochte es in ihr, und sie wollte nichts anderes, als fester zudrücken, tiefer eindringen, mehr, mehr, mehr … Bis sie merkte, dass die Matratze anfing zu schaukeln. Rasch gab sie ein schläfriges Seufzen von sich, dann drehte sie sich auf die Seite und zog das eine Knie hoch, um zwischen die Beine zu kommen.

Als der Orgasmus abklang, war sie schweißnass und atemlos.

Es liefen immer noch kleine Wellen durch ihren Körper, als Pär plötzlich aufstand und ohne ein Wort das Zimmer verließ. Kurz darauf hörte sie die Spülung der Toilette.

Er musste sie gehört haben. Bestimmt war es so. Mit Erstaunen erkannte sie, dass es ihr ...

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