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1. KAPITEL

Den eleganten Zylinder ein wenig schief auf dem Kopf, schritt Will Shafto fröhlich die Piccadilly Street hinunter. Er hatte allen Grund, wohlgemut zu sein, denn alle Sorgen gehörten mit einem Schlag der Vergangenheit an. Vor ihm lag eine wunderbare, sonnige Zukunft. Er hatte Sarah Allenby um ihre Hand gebeten und war von ihr und ihrer Familie akzeptiert worden.

Dabei kümmerte es ihn nicht im Geringsten, dass sie sich wahrscheinlich völlig falsche Vorstellungen über die Gründe seines Heiratsantrags machte. Sie war zwar die gefeierte Ballkönigin der Saison, doch nicht ihr jugendlicher Liebreiz und ihre goldenen Locken hatten ihn angezogen, sondern die nüchterne Tatsache, dass sie eine reiche Erbin war. Ihre Schönheit und ihr Charme waren höchst willkommene Beigaben, in seiner Lage aber gewiss nicht von vorrangiger Bedeutung.

Schließlich sollte sie ihn – wenn auch ohne es zu ahnen – vor Marshalsea bewahren, dem gefürchteten Schuldnergefängnis, das ihn unwiderruflich erwartete, hätte sie ihn abgewiesen. Zehn furchtbare Jahre lagen hinter ihm, in denen er wohlhabend und sorglos erscheinen musste, obwohl er in Wahrheit nahezu mittellos war. Nur sein schneller Verstand und seine Geschicklichkeit hatten ihn am Leben gehalten. Doch das war jetzt alles vorbei. Endlich konnte er wieder Will Shafto von Shafto Hall sein, mit allem, was das bedeutete.

Den alten Familiensitz Shafto Hall könnte er schon bald wieder herrichten lassen, die umliegenden Ländereien, die sein verschwendungssüchtiger Vater verloren hatte, zumindest teilweise zurückkaufen, und der Name Shafto würde wieder seinen alten Glanz erhalten. Wenn er dafür den Preis zahlen musste, sich selbst an eine Frau zu verkaufen, die er zwar mochte, aber keineswegs liebte, dann war er bereit dazu.

Letzten Endes wurden nicht wenige Ehen unter seinen Standesgenossen auf weitaus geringerer Grundlage geschlossen, als er sie seiner reichen zukünftigen Gemahlin bot. Er würde sich nach Kräften bemühen, ihr ein guter und treuer Ehemann zu sein – allein seine Dankbarkeit dafür, dass mit ihrem Vermögen die Shaftos aus dem Elend herauskamen, verpflichtete ihn zu unbedingter Treue.

Lächelnd stieg er die Freitreppe des großartigen Stadthauses im italienischen Stil hinauf, den ein längst verstorbener Allenby Anfang des achtzehnten Jahrhunderts hatte errichten lassen, und betätigte den Türklopfer. Auch dieses Palais würde bald ihm gehören. In wenigen Minuten sollte er den Ehevertrag unterzeichnen, den sein Anwalt Wilmot mit den Rechtsberatern der Familie Allenby am Morgen ausgehandelt hatte.

Amüsiert stellte er sich den schlauen Fuchs Wilmot vor, wie er den Allenbys Papiere unterbreitete, die Will Shafto nicht nur als wohlhabend, sondern sogar als reich erscheinen ließen. Niemand wäre aufgrund dieser Schriftstücke darauf gekommen, wie es in Wahrheit um seine Finanzen stand.

Ganz verloren in seinen rosigen Traum, nahm er den frostigen Blick des Butlers gar nicht wahr, und auch die Tatsache, dass er in einen Vorraum geführt wurde statt, wie bei seinen früheren Besuchen, in den Empfangssalon, störte ihn nicht. So blieb ihm wenigstens Zeit, in einem prachtvoll gerahmten venezianischen Spiegel sein Erscheinungsbild zu überprüfen.

An seinem Äußeren gab es nun wirklich nichts auszusetzen. Seine dunklen Locken waren modisch und korrekt à la Brutus frisiert, das Krawattentuch bauschte sich in makellos weißer Seide, der blauschwarze Überrock saß perfekt, ebenso die eng geschnittenen cremefarbenen Pantalons. Ohne eitel zu sein, musste er sogar selbst eingestehen, dass er in Aussehen und Auftreten die meisten Gentlemen seines Alters in den Schatten stellte. Alles war folglich in bester Ordnung.

Da kehrte auch schon der Butler zurück und führte ihn mit eisiger Miene einen langen, schwarz-weiß gefliesten Gang entlang. Eine gut gekleidete junge Dame, gefolgt von ihrer Anstandsdame, kam ihnen entgegen. Wills artige Verbeugung beantwortete sie mit einem Blick, der dem des Butlers an Eiseskälte in nichts nachstand. Will Shafto hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, auch der geringsten Kleinigkeit Beachtung zu schenken, denn alles Wissen konnte sich irgendwann als sehr nützlich erweisen. So entging ihm nicht, dass diese junge mittelgroße Dame mit ihrer geraden Nase, den klaren grauen Augen, der hohen Stirn und dem modisch aufgesteckten kastanienbraunen Haar von einer strahlenden, wenn auch klassisch strengen Schönheit war, beinahe, als wäre eine antike Marmorstatue zum Leben erwacht.

Am Ende des Ganges drängte der Butler ihn ungeduldig in einen Raum, den er bisher noch nie betreten hatte. Dort erwartete ihn allerdings nicht seine zukünftige Braut, sondern eine Gruppe von Herren, offenbar alles Mitglieder der Familie Allenby. Wie eine Krähe zwischen prächtigen Pfauen stand Simpson unter ihnen, der Anwalt der Familie. Nach Josiah Wilmot, seinem eigenen Rechtsbeistand, hielt Will vergeblich Ausschau.

Am anderen Ende des Raumes, hinter den Allenbys, entdeckte er dafür zwei extrem kräftig gebaute Männer, in denen er auf der Stelle Bow Street Runners erkannte, die gefürchteten Londoner Ordnungshüter. Irgendetwas war hier ganz und gar nicht in Ordnung. Man ließ ihn nicht lange im Unklaren.

John Allenby, Sarahs Onkel und Vormund, ergriff als Erster das Wort.

“Nach allem, was und wer Sie sind, Sir, werden Sie Verständnis dafür haben, dass wir Sie auf diese Weise empfangen.”

Ohne lange zu überlegen, beschloss Will, unverfroren an seinem bisherigen Auftreten festzuhalten. Ihm blieb kaum etwas anderes übrig.

“Ganz im Gegenteil, Sir. Ich habe nicht die geringste Ahnung.”

“Dem kann schnell abgeholfen werden”, entgegnete Allenby mit schneidender Stimme. “Von einer Heirat zwischen Ihnen und meiner Nichte kann keine Rede mehr sein. Mithilfe dieser beiden Herren hier”, wobei er auf die Konstabler wies, “mussten wir feststellen, dass Ihre eigenen Angaben wie auch die Ihres Anwalts nicht der Wahrheit entsprechen. Sie sind nichts weiter als ein mittelloser, hoch verschuldeter, hergelaufener Bursche, was sage ich, ein Schurke und elender Mitgiftjäger der übelsten Sorte. Nicht einmal der Ring, den Sie meiner Nichte gaben und der jetzt vor Ihnen auf dem Tisch liegt, ist bezahlt. Ihr gesamtes Einkommen beläuft sich auf weniger als zweihundert Pfund pro Jahr. Hätten wir auch nur im Entferntesten eine Ahnung über Ihren wahren Charakter und Ihre wahren Lebensumstände gehabt, Sir, wir hätten Ihnen nicht einmal erlaubt, mit unserer Nichte zu sprechen, geschweige denn, um ihre Hand anzuhalten.”

Mit einem Schlag war der Traum von einer sorglosen Zukunft vorbei. Will Shafto schluckte einmal, doch die Unverfrorenheit und Selbstbeherrschung, die viele Jahre lang seine wichtigste Überlebensquelle gewesen waren, ließen ihn auch jetzt nicht im Stich.

“Und Ihre Nichte, Sir?”, fragte er, äußerlich vollkommen gefasst und scheinbar unbeeindruckt. “Was sagt sie zu dieser Ablehnung meines Antrags? Kann ich nicht mit ihr sprechen?”

“Was meine Nichte wünscht oder nicht wünscht, ist für Sie ohne Belang. Sie wird den Wünschen ihres Vormunds und ihrer Familie Folge leisten, und wir werden keinem weiteren Kontakt mit Ihnen stattgeben. Um Sarahs Namen vor einem Skandal zu schützen, werden wir diese ganze Angelegenheit diskret behandeln, erwarten allerdings, dass Sie auf der Stelle das Haus verlassen und diesen Ring mitnehmen. Sollten Sie so uneinsichtig sein, auf einer weiteren Diskussion zu bestehen, haben die beiden Bow Street Runners den Auftrag, Sie zur Tür hinauszubefördern.”

Will machte keine Anstalten, den Raum zu verlassen oder den Ring vom Schreibtisch zu nehmen. Sein bisheriges Leben war nicht gerade arm gewesen an unangenehmen Augenblicken, doch diese Demütigung war das Schlimmste, was ihm je widerfahren war. Er schaute Harry Fitzalan an, Sarahs Cousin, der ihn mit ihr bekannt gemacht hatte.

“Und du, Harry?”, fragte er. “Du stimmst all dem hier zu?”

John Allenby gab ihm keine Gelegenheit zur Antwort.

“Natürlich, zumal er einsieht, dass seine Torheit uns dazu brachte, einem Menschen wie Ihnen Zutritt zu unserem Haus zu gewähren und Ihre Werbung um unsere Nichte zu dulden.”

Will blieb nichts weiter übrig, als den letzten Rest Würde zu retten und zu gehen, bevor die Konstabler sich seiner bemächtigten. Nach einer kurzen wortlosen Verbeugung wandte er sich um und ging zur Tür. Er würde diesen Männern weder widersprechen noch sich rechtfertigen. Beides wäre sinnlos gewesen. Er hatte einen handfesten Täuschungsversuch unternommen und war entlarvt worden, daran war nicht zu rütteln. Warum Sarahs Onkel ihm allerdings die Bow Street Runners auf den Leib gehetzt hatte, blieb ihm unverständlich. Er war schließlich kein Krimineller. Doch in den Augen dieser Männer war Armut offenbar ein Verbrechen, für sie war er folglich ein Schurke.

Bevor er die Tür öffnete, wandte er sich noch einmal um und sagte mit erhobenem Kopf und ruhiger, unbeteiligt klingender Stimme: “Ich wäre ihr ein besserer Ehemann geworden als jeder andere, den Sie ihr zu heiraten befehlen werden.”

Das waren prophetische Worte, und manch einer der Anwesenden sollte Grund genug bekommen, sich ihrer zu erinnern. Zu diesem Zeitpunkt starrte John Allenby ihn jedoch lediglich unversöhnlich an und drohte, ihn von den Konstablern die Treppe hinunter werfen zu lassen.

“Bemühen Sie sich nicht”, erklärte Will Shafto mit einer angedeuteten Verbeugung. “Und du, Harry, wirst Sarah gegenüber mein Bedauern zum Ausdruck bringen. Ich verlasse mich auf dich als einen Mann von Ehre.”

Harry Fitzalan schaute ihn verlegen an, biss sich auf die Unterlippe und schüttelte den Kopf.

“Nun denn, dann nicht”, war Wills einziger Kommentar zum Verrat seines Freundes, bevor er endgültig ging. Es gab für ihn nichts mehr zu sagen, denn alles, was John Allenby vorgebracht hatte, entsprach der Wahrheit.

Und doch war es nicht die ganze Wahrheit.

Erst auf der Straße wurde Will die volle Härte seiner Lage bewusst. Angesichts der bevorstehenden Hochzeit mit einer der reichsten Erbinnen Londons hatte er sich in Schulden gestürzt, um entsprechend gekleidet zu sein, und er hatte weitere Summen geliehen, die nicht für ihn selbst bestimmt waren. All das würde er nun auf der Stelle zurückzahlen müssen. Dabei war der Gedanke, wie die Gesellschaft über ihn reden mochte, seine geringste Sorge, denn im Schuldnergefängnis konnte ihm sein Ruf einerlei sein.

Ohne es zu merken, war er aus seinem üblichen schwungvollen Schritt in einen müden, beinahe schleppenden Gang verfallen, und zum ersten Mal in seinem Leben ließ er den Kopf hängen. So nahm er auch gar nicht wahr, dass ihm ein eleganter Zweispänner mit rot-goldenem Wappen an den Wagenschlägen gefolgt war und jetzt unmittelbar vor Burlington House zum Stehen kam. Ein kräftiger junger Lakai sprang vom Kutschbock und sprach ihn an.

Will war so in Gedanken verloren, dass er den Bediensteten anfangs gar nicht beachtete, sondern seinen Weg Richtung Hyde Park fortsetzte.

“Verzeihen Sie, Sir”, machte der Diener einen erneuten Versuch. “Meine Herrin wünscht Sie zu sprechen. Sie sitzt dort drüben in dem Wagen.”

“Mit mir?”, fragte Will ungläubig. “Sie will mit mir sprechen?”

“Jawohl, Sir, falls Sie Mr Will Shafto sind.”

Verwirrt betrachtete Will zuerst den Diener, dann den Zweispänner. Erst als er an den Wagen herangetreten war, erkannte er die in ihm sitzende Dame. Es war die junge kühle Schönheit, der er im Haus der Allenbys begegnet war. Sie öffnete das Kutschfenster, um mit ihm sprechen zu können.

Aus dieser Nähe betrachtet, trat ihre strenge, klare Schönheit noch deutlicher zutage. Ohne Schwierigkeiten hätte sie für ein Standbild Athenes, der Göttin der Weisheit, Modell stehen können, denn auch sie schien sich mit unnahbarer Würde von den Höhen des Olymp zu dem gemeinen Sterblichen hinunter zu beugen.

“Mr Will Shafto”, sagte sie, und in ihrer Stimme lag die gleiche frostige Kühle wie in ihrer Miene.

“Gewiss, Madam, der bin ich.”

“Man hat Sie aus dem Haus geworfen, wie ich höre, und die Verlobung mit meiner Cousine Sarah aufgelöst?”

“Ist das eine Frage”, entgegnete Will ein wenig ungehalten, “oder eine Feststellung, die mich noch mehr demütigen soll?”

“Weder, noch”, antwortete sie in ihrer wunderbaren Gelassenheit. “Ich habe mich lediglich vergewissert, dass ich den Richtigen vor mir habe.”

Den Richtigen? Wofür?, fragte sich Will und starrte die Dame wortlos an.

Sie fuhr unbeirrt fort: “Und natürlich sollte ich mich Ihnen bekannt machen. Soweit ich erinnere, sind wir einander nie vorgestellt worden. Ich bin Rebecca Rowallan, und zumindest doppelt so reich wie meine Cousine Sarah Allenby.”

“Dann meinen Glückwunsch und einen schönen Tag, Miss Rowallan. Sie müssen mich jetzt entschuldigen. Da ich nicht den hundertsten Teil Ihrer beider Reichtümer besitze, habe ich über vieles nachzudenken.”

“Das müssen Sie, Mr Shafto, in Anbetracht Ihrer veränderten Lage. Aber eilen Sie doch nicht so schnell weiter. Ich habe noch zwei Fragen an Sie. Wo wohnen Sie? Und kann ich Sie morgen Vormittag um elf Uhr besuchen? Es widerstrebt mir, geschäftliche Dinge mitten auf der Straße zu besprechen.”

Das war selbst für Will Shafto zu viel. Er hatte sich an diesem Unglückstag schon manches angehört, doch jetzt verließ ihn seine hart errungene Fassung. Er starrte Miss Rowallan ungläubig an. “Warum denn, um alles in der Welt?”

“Nicht hier, Sir”, erwiderte sie. “Warum, habe ich Ihnen gerade erklärt, und ich wiederhole mich nicht gern. Ich wünsche, mit Ihnen ins Geschäft zu kommen. Also teilen Sie mir bitte Ihre Adresse mit. Vielleicht sollte ich hinzufügen, dass es entschieden zu Ihrem eigenen Vorteil wäre, mich zu empfangen.”

“Duke Street Nummer zehn”, brachte er mühsam hervor. “Ich habe dort Räumlichkeiten gemietet. Auf der ersten Etage.”

Miss Rowallan zog ihre schön geschwungenen Brauen hoch. “In der Duke Street? Können Sie es sich leisten, dort zu wohnen?”

“Selbstverständlich nicht. Aber was blieb mir anderes übrig?”

“Gewiss, ich verstehe. Erwarten Sie also meinen Besuch um elf Uhr. Mrs Grey wird mich begleiten. Machen Sie sich keine Umstände, wir werden keine Bewirtung benötigen.”

Ohne Wills Antwort abzuwarten, rief sie dem Kutscher zu: “Weiter, James.”

Will Shafto starrte entgeistert dem eleganten Gefährt nach, als entführe es eine Erscheinung aus der jenseitigen Welt, die ihn mit sich nehmen wollte – und er wusste nicht, ob zum Himmel oder zur Hölle.

2. KAPITEL

“Nichts Neues von Josiah Wilmot, Bert?”

Gilbert Barry, Will Shaftos Kammerdiener, Butler und Koch in einer Person, schüttelte bedauernd den Kopf. “Nichts. Aber wie ich ihn kenne, kommt er plötzlich hereingestürmt und zieht ein neues Ass aus dem Ärmel.”

“Das ist das Ende, Bert, und Sie wissen das so gut wie ich”, sagte Will mit tonloser Stimme, während er aus dem Fenster starrte. “Wenn Sie mich jetzt verlassen wollen, kann ich es Ihnen nicht verübeln.”

“Davon kann keine Rede sein, Sir. Ich lasse Sie doch nicht im Stich, nachdem ich mich um Sie gekümmert habe, seit Sie ein kleiner Knirps waren. Und dann haben Sie mir ein Dach über dem Kopf gegeben, als ich mit meinem schlimmen Bein aus dem Krieg heimkehrte. Meine kleine Pension aus der Armee hält mich schon über Wasser, solange ich nur bei Ihnen eine Bleibe habe. Nein, Sir, ich verlasse Sie nicht. Außerdem könnte ein armseliger Krüppel wie ich lange nach einem so rücksichtsvollen Dienstherrn suchen.”

“Aber genau das werden Sie wohl oder übel bald müssen, Bert”, sagte Will düster. “Es kann nicht mehr lange dauern, bis die Schulden mich ins Marshalsea bringen.”

“Warten Sie ab, Sir. Noch ist nicht aller Tage Abend. Wer weiß, was morgen ist.”

Diese tapfere Zuversicht seines alten Dieners konnte Will nicht mehr teilen. Seine Demütigung im Hause Allenby war eine zu gute Geschichte, als dass er auf Diskretion – und sei es nur um Sarahs willen – zählen durfte. Wie ein Lauffeuer würde sich dieser Skandal in Londons besserer Gesellschaft verbreiten. Er durfte es nicht einmal wagen, sich in einem seiner Clubs zu zeigen, denn damit wäre er das Risiko eingegangen, dass man ihm den Zutritt verwehrte, was einer vollständigen gesellschaftlichen Ächtung und dem endgültigen Ruin gleichgekommen wäre. Niedergeschlagen und hoffnungslos ging er an diesem Abend sehr früh zu Bett.

Am kommenden Morgen brachte er nur mit Mühe und ohne rechten Appetit sein Frühstück hinunter, denn alles hatte den bitteren Geschmack der Niederlage angenommen.

Nur Miss Rowallans bevorstehender Besuch veranlasste Will, sich aus seinem bequemen Morgenmantel zu schälen und lustlos von Bert ankleiden zu lassen. Er kontrollierte nicht einmal sein Aussehen im Spiegel, sondern verließ sich vollkommen auf seinen Diener. Er hätte den Anblick seines eigenen Gesichts kaum ertragen. Es war schlimm genug, ein Mitgiftjäger zu sein; als ein solcher bloßgestellt zu werden, war gänzlich unerträglich.

Wie er nicht anders erwartet hatte, traf Miss Rowallan mit ihrer Anstandsdame auf die Minute pünktlich ein und ließ sich von Bert in den Salon führen.

“Auf Madams Bitte hin habe ich dem Lakai erlaubt, in der Küche zu warten”, informierte der alte Diener Mr Shafto, während er die beiden Damen zu einem großen französischen Sofa geleitete.

In ihrem schlichten grauen Morgenkleid mit weißem Leinenkragen und weißen Manschetten sah Miss Rowallan beinahe wie eine Quäkerin aus. Sie nahm ohne Umstände auf dem Sofa Platz, und während sie sorgfältig, Finger für Finger, die Handschuhe auszog, sagte sie im liebenswürdigsten Ton: “Es wäre schön, wenn Mrs Grey sich zu meinem Lakai gesellen könnte. Ich ziehe es vor, Mr Shafto, dieses Gespräch mit Ihnen unter vier Augen zu führen.”

Will zog die Brauen hoch, und sein Diener war nicht minder erstaunt. Mrs Grey stand da mit gefalteten Händen und missbilligender Miene, ganz die Anstandsdame mittleren Alters, der nicht erlaubt wird, ihre Aufgabe zu erfüllen.

“Entspricht das Mrs Greys Wünschen?”, fragte Will. Er wurde immer neugieriger auf das, was seine Besucherin ihm mitzuteilen gedachte.

“Nein, natürlich nicht”, antwortete Miss Rowallan seelenruhig. “Da ich sie jedoch bezahle, folgt sie meinen Wünschen, nicht ich den ihren.”

Wie kann sie in Gegenwart ihrer Angestellten so etwas sagen, auch wenn es wahr ist, fragte sich Will im Stillen.

Laut meinte er: “Dann haben Sie keine Sorge um Ihren guten Ruf, Madam? Mit mir allein zu sein, meine ich.” Er klang ein wenig schneidend, aber das kümmerte seine Besucherin offenbar nicht im Geringsten, höchstens, dass ihre Stimme einen ähnlichen Ton annahm.

“Wer sollte denn Gerede in die Welt setzen, Mr Shafto? Mrs Grey gewiss nicht, und Ihr Bediensteter hier ist die Verschwiegenheit in Person, wenn es um Sie geht. Sollten Sie aber selbst verbreiten, einige Zeit mit mir allein verbracht zu haben, wer würde Ihnen wohl glauben – und nicht mir?”

Ja, wer wohl? Dieses eiskalte Frauenzimmer hatte recht, das musste Will sich eingestehen. Er schluckte einmal heftig und lenkte dann ein: “Nun gut, wenn das Ihr Wunsch ist.”

“Das ist mein Wunsch. Sobald meine persönlichen Angelegenheiten mit Mr Shafto besprochen sind, lasse ich Sie rufen, Amelia. Es wird nicht lange dauern.”

Mit dem Versprechen, ihr in der Küche den besten Tee seines Herrn zu servieren, führte Bert die nach wie vor missbilligend dreinblickende Mrs Grey aus dem Salon.

“Ich kann es kaum erwarten, von Ihnen zu erfahren, welche persönliche Angelegenheit Sie mit mir zu besprechen haben”, sagte Will leichthin. Er hatte sich mit dem Rücken zum Fenster gestellt, sodass sein Mienenspiel im Schatten blieb.

Zum ersten Mal sah er Miss Rowallan lächeln, und erstaunt beobachtete er, wie ihr gesamter Ausdruck weicher und wärmer wurde. Er meinte sogar, jetzt eine gewisse Ähnlichkeit zwischen seiner Besucherin und der lieblichen Sarah Allenby, ihrer Cousine, entdecken zu können. Doch diese Verwandlung dauerte nur wenige Augenblicke, dann war das Lächeln und mit ihm die Ähnlichkeit wieder verschwunden.

“Die privateste Angelegenheit der Welt”, antwortete sie. “Ich bin gekommen, Sie zu fragen, ob Sie mich heiraten wollen.”

Will war kurzzeitig wie vom Donner gerührt. Dann lachte er ungläubig und heiser.

“Ich Sie heiraten? Es muss Ihnen doch bekannt sein, was gestern Nachmittag im Hause Allenby vorgefallen ist.”

“Das weiß ich, Mr Shafto. Deshalb zog ich es vor, während der unerfreulichen Unterredung nicht anwesend zu sein. Außerdem lag mir nichts an der undankbaren Rolle einer Trösterin meiner Cousine, die übrigens kaum des Trostes bedurfte. Ich habe sie verzweifelter gesehen über den Verlust einer Lieblingspuppe. Sie vergoss ein paar Anstandstränen, als man ihr mitteilte, die Verlobung mit Ihnen sei gelöst, doch das Versprechen unseres Onkels, ihr stattdessen einen Marquess als Ehemann zu verschaffen, heiterte sie umgehend wieder auf. Als ich sie verließ, übte sie sich bereits im Auftreten als Marchioness.”

“Nun, Madam, Sie gewinnen keinen Adelstitel, wenn Sie mich heiraten.”

“Richtig, Mr Shafto. Doch statt eines solchen scheinen Sie Verstand zu besitzen, und genau der fehlt den meisten Herren meiner Umgebung.”

“Wie wollen Sie das beurteilen, da Sie mir noch nie zuvor begegnet sind?”, fragte Will verwundert.

“Oh, ich weiß manches über Sie”, erklärte sie leichthin. “Genug, um zu erkennen, dass sich hinter Ihrem charmanten Auftreten ein kluger, gesunder Menschenverstand verbirgt.”

“Und Ihr eigener gesunder Menschenverstand bringt Sie dazu, einem nahezu fremden Mann einen Heiratsantrag zu machen?”

“Zumindest verbietet er es mir nicht”, antwortete Miss Rowallan selbstbewusst. “Allerdings nur, falls in einem Ehevertrag alle Bedingungen genau festgelegt werden.”

“Ich verstehe”, meinte Will, was durchaus nicht der Wahrheit entsprach. Langsam beschlich ihn das Gefühl, dass etwas Herabwürdigendes an einem Heiratsantrag war, wenn er von einer Dame ausgesprochen wurde. Für wen hielt sie ihn überhaupt? Welche Frage! Sie wusste nur zu gut, dass er ein Mitgiftjäger war. Bereits in einer ihrer ersten Bemerkungen hatte sie ihren Reichtum herausgestellt. Nachdenklich schwieg er eine Weile.

“Sie sind so still, Mr Shafto. Interessiert es Sie nicht, welche Bedingungen ich an eine Eheschließung knüpfe?”

Die Selbstsicherheit und Ruhe, mit der sie Ungeheuerlichkeiten sagte und tat, brachte ihn aus der Fassung. Er nahm sich mit Mühe zusammen, um dann zu antworten: “Es stellen sich mir da gewisse Fragen. Warum, zum Beispiel, kaufen Sie sich mit all Ihrem Geld nicht einen Duke, wenn Ihre Cousine schon einen Marquess wert ist?”

“Weil ich keinen Duke will. Ich habe mich unter den heiratsfähigen Adligen Englands umgeschaut und bedauerlicherweise allesamt für unattraktiv befunden. Ganz besonders die Herzöge der königlichen Familie, die nicht nur hässlich, sondern auch noch ausschweifend sind. Sie dagegen sind eine höchst ansprechende Erscheinung, wenn ich mir diese Freiheit erlauben darf.”

Will schluckte nur. Langsam traute er seinen Ohren nicht mehr.

“Andererseits, warum sollte ich mir nicht erlauben, Ihr Äußeres zu kommentieren, wenn ich bereits die männliche Rolle übernommen habe und den Heiratsantrag ausspreche?”, fuhr Miss Rowallan unbeirrt fort. “Schließlich findet kein Mann etwas Anstößiges daran, einer Dame Komplimente zu machen, wenn er auf ihr Jawort hofft.”

Will schloss die Augen und atmete tief ein. Das war einfach zu viel.

“Fahren Sie fort”, brachte er schließlich mit Mühe heraus.

“Wenn Sie mich heiraten, Mr Shafto, wird das eher zu meinem als zu Ihrem Vorteil sein. Ein Ehemann bedeutet für mich einen gewissen Schutz, und zwar nicht nur vor gewissenlosen Abenteurern, denen, im Gegensatz zu Ihnen, nicht zu trauen ist, sondern genauso vor meinen männlichen Verwandten, denen ich ebenso wenig trauen kann. Nur zu gerne würden sie mir Vorschriften machen, einfach, weil ich eine Frau bin. Eine allein stehende und wohlhabende Frau im heiratsfähigen Alter ist eine nicht geduldete Abweichung von der Norm, und damit gewissermaßen Freiwild. Können Sie mir so weit folgen, Mr Shafto?”

Will nickte schweigend. Eine sich derart freimütig äußernde junge Dame entsprach nicht der Norm, so viel war gewiss.

“Aus diesem Grunde”, fuhr Miss Rowallan fort, “bin ich gewillt, Sie zu heiraten, falls Sie sich vertraglich verpflichten, in vollem Umfang auf mein Vermögen zu verzichten. Unter uns, privat, sozusagen, werden wir zusätzliche Abmachungen treffen, die folgendermaßen aussehen. Sie sind lediglich nominell mein Ehemann, was allerdings nicht öffentlich bekannt werden darf, und nach einer Spanne von fünf Jahren kann jeder von uns dieses rein geschäftliche Verhältnis beenden. Als Gegenleistung zahle ich Ihre gesamten Schulden und darüber hinaus regelmäßig einen Betrag, der es Ihnen erlaubt, als Gentleman aufzutreten, passend zur Rolle des Ehemanns einer so wohlhabenden Frau, wie ich es bin.”

Jetzt wandte Will sich von ihr ab und bot ihr einen Anblick, den ein Gentleman niemals einer Dame bieten sollte: den seines Rückens.

Blicklos starrte er aus dem Fenster, hinunter auf die Duke Street. Sollte er ihr Angebot nun als Kompliment oder als Beleidigung verstehen? Alles in allem fühlte er …

Wenn er ehrlich war, wusste er nicht, was er fühlte.

“Nun, Sir? Wollen Sie mir nicht antworten?”

Noch immer mit dem Rücken zu ihr, sagte Will mit heiserer Stimme: “Sie wollen mich kaufen.”

Nicht einmal das brachte Miss Rowallan aus der Ruhe.

“Was wäre daran so furchtbar? Waren Sie denn nicht bereit, sich für weitaus weniger an meine Cousine zu verkaufen?”

Diese in gleichmütigem Ton geäußerte Frage ließ ihn herumschnellen und heftig ausrufen: “Das war meine Entscheidung. Dies ist Ihre.”

“Aber nein, Mr Shafto, es bleibt Ihre Entscheidung. Niemand zwingt Sie. Bedenken Sie nur eines. Wenn Sie zustimmen, sind für Sie mit einem Schlag alle Sorgen vorbei. Und sollten wir beschließen, uns zu gegebener Zeit zu trennen, werde ich dafür sorgen, dass Sie nicht leer ausgehen.”

Ein verführerisches Angebot, dachte Will, weit verführerischer, als sie ahnt. Aber was für einen Mann würde das aus mir machen!

Er ging ein paar Schritte auf sie zu, blieb vor dem Sofa stehen und sah sie finster an.

“Wie kommen Sie zu der Überzeugung, mir trauen zu können?”, fragte er mit gepresster Stimme. “Warum sollte ich nicht nach der Hochzeit über Sie herfallen und mir gewaltsam mein Recht nehmen? Genau besehen, könnte ich das auch jetzt – und mich danach weigern, Sie zu heiraten. Wir sind allein. Sind Sie nicht ein wenig zu vertrauensselig? Ich bin schließlich nichts Besseres als ein gemeiner Schurke, oder? Das wurde jedenfalls gestern Nachmittag festgestellt.”

Auch diese Rede konnte Miss Rowallan nicht erschrecken. So kühl und ruhig wie bisher antwortete sie: “Ich glaube schon, Ihnen trauen zu dürfen. Sie mögen ein Schurke sein, doch dann, so glaube ich, sind Sie ein ehrlicher Schurke, und wenn wir heiraten, werden Sie mein Schurke.”

Ihr Schurke, schau an, dachte Will grimmig. Damit war sein Entschluss gefasst.

“Nein, das werde ich gewiss nicht sein, Madam. Ich lehne Ihr Angebot ab. Ich muss einen letzten Rest an Würde behalten, und Sie unter diesen Bedingungen zu heiraten, käme dem völligen Verlust meiner Selbstachtung gleich.”

“Zum einen sehe ich nicht, wo der Unterschied zwischen einer Heirat mit Sarah und einer Hochzeit mit mir liegen soll, und zum anderen verlange ich von Ihnen nicht einmal Enthaltsamkeit – ich erwarte lediglich Diskretion.”

Will sah sie fassungslos an. “Wie können Sie so etwas äußern? Dazu noch als unverheiratete Dame?”

Miss Rowallan schüttelte belustigt den Kopf. “Sie scheinen wenig über Frauen zu wissen, Mr Shafto. Darin unterscheiden Sie sich offenbar nicht von anderen Männern.”

Sie erhob sich. “Würden Sie so freundlich sein und Mrs Grey holen lassen? Was immer Sie jetzt sagen, ich gebe Ihnen drei Tage Zeit, mein Angebot zu überdenken.”

“Ich werde meine Meinung kaum ändern. Sie müssen schon nach einem anderen Tölpel Ausschau halten, Miss Rowallan.”

Darauf erwiderte sie lediglich: “Wir werden sehen. Und nun, Mr Shafto, halte ich es für angebracht, dass Sie auch mir eine Tasse Ihres besten Tees anbieten.”

Unglaublich, dachte Will. Diese Frau ist aus Eis, nein, aus Stahl. Im Augenblick blieb ihm nichts weiter übrig, als nach Bert und Mrs Grey zu läuten. Jetzt war ihm verständlich, warum Miss Rowallan das Gespräch keinesfalls in Anwesenheit ihrer Anstandsdame hatte führen wollen!

Drei Tage. Drei Tage, um mich zu entscheiden, ging es ihm den ganzen Nachmittag immer wieder durch den Kopf. Kann ich wirklich eine Frau heiraten, die mich vom ersten Augenblick an überhaupt nicht angezogen hat, trotz ihrer unbezweifelbaren Schönheit? Ist das nicht sowieso die Schönheit einer Gorgo, bei deren Anblick Männer zu Stein erstarren?

Je öfter Will sich die Unterredung mit Miss Rowallan vor Augen führte, umso mehr schreckte er zurück. Nein, ich werde auf ihr Angebot nicht eingehen, sagte er sich wieder und wieder, sie muss sich einen anderen suchen, der für sie den Pantoffelhelden abgibt.

Er war nicht gerade in bester Stimmung, als Josiah Wilmot später in Duke Street Nummer zehn auftauchte, und empfing seinen alten Freund entsprechend ungnädig.

“Ich hatte dich eigentlich eher erwartet, Josh. Viel eher.”

Der Anwalt seufzte tief und zog ein sorgenvolles Gesicht.

“Wozu, Will? Die ganze Sache war bereits verloren, bevor du deinen Fuß ins Allenby-Palais setztest. Der gesamte Clan empfing mich mit Unheil verkündenden Gesichtern. Man ließ mich nicht einmal den Aktendeckel aufschlagen, sondern erklärte, es sei alles über dich bekannt, und über mich ebenso. Sie gaben zu, dass sie Runners auf uns angesetzt hatten, und nur, weil sie einfach nichts finden konnten, was an unserem Verhalten kriminell gewesen wäre, ließen sie uns nicht verhaften. Natürlich wollten sie auch keinen Skandal.”

“Du hättest mich zumindest warnen können”, warf Will vorwurfsvoll ein.

“Wie denn? Sie hielten mich im Haus fest, bis du wieder fort warst. Gib es ruhig zu, Will, wir wollten eine kleine Schwindelei aufziehen, und das ist danebengegangen. Keinen wirklichen Betrug, denn immerhin gehört dir Shafto Hall, du stammst aus einer guten und alten Familie, und es ist kein Verbrechen, arm zu sein, ebenso wenig ist es verboten, eine reiche Erbin heiraten zu wollen. Das hat vor dir schon manch einer getan. Es war einfach Pech, dass sie deine wahren finanziellen Verhältnisse vor der Hochzeit herausfanden, nicht erst hinterher.”

“Vor allem mein Pech”, meinte Will bitter.

“Richtig. Und es kommt noch schlimmer, fürchte ich. Deine unbezahlten Rechnungen und Schuldscheine sind von Jem Straw aufgekauft worden, und der will dich noch vor Ende der Woche ins Marshalsea bringen. Sieh zu, dass du von London fortkommst.”

“Und wohin?”

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