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Stets sollst du schweigen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Montag, 28. April
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. Dienstag, 29. April
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. Mittwoch, 30. April
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. 22
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. 28
  36. 29
  37. 30
  38. 31
  39. 32
  40. Donnerstag, 1. Mai
  41. 33
  42. 34
  43. 35
  44. 36
  45. 37
  46. 38
  47. 39
  48. 40
  49. 41
  50. 42
  51. 43
  52. 44
  53. 45
  54. Freitag, 2. Mai
  55. 46
  56. 47
  57. 48
  58. 49
  59. 50
  60. 51
  61. 52
  62. 53
  63. 54
  64. 55
  65. 56
  66. 57
  67. 58
  68. 59
  69. 60
  70. 61
  71. 62
  72. 63
  73. Samstag, 3. Mai
  74. 64
  75. Sonntag, 4. Mai
  76. 65
  77. Danke!

Über die Autorin

Ninni Schulman, geboren 1972, ist in Värmland aufgewachsen, wo auch ihre Kriminalromane spielen. Sie hat als Journalistin für Tageszeitungen und Wochenmagazine gearbeitet. Heute lebt und arbeitet sie in Stockholm. Der vorliegende Band ist ihr vierter Värmland-Krimi, der in Schweden ein Bestseller war.

1

Kriminalinspektorin Petra Wilander ließ sich auf den Schreibtischstuhl sinken. Sie massierte ihre Schläfen und sah auf den Computerbildschirm. Gleich einundzwanzig Uhr. Alle anderen waren nach Hause gegangen, kein Telefon klingelte, nichts störte.

Hatte sie sich das so vorgestellt, als sie die Teamleitung übernommen hatte? Dass sie mit der Urlaubsplanung allein im Büro sitzen würde?

Sie loggte sich ein und scrollte die Liste runter. Ein Geräusch direkt hinter ihr ließ sie zusammenfahren, doch als sie sich umsah, war der Flur leer. Nur das Surren einer Leuchtstoffröhre, die dabei war, ihr Leben auszuhauchen, war zu hören.

Petra führte die Hand wieder zur Maus.

Diese verdammten Überfälle machten sie nervös.

Die Opfer waren unterschiedlichen Alters gewesen, die Jüngste neunzehn und die Älteste einundfünfzig. Die erste Vergewaltigung war unter einem Klettergerüst im Blinkenbergspark geschehen, die zweite in einem Gebüsch auf der Aussichtsplattform Mana.

Die Vorgehensweise war in beiden Fällen dieselbe gewesen, leise Schritte von hinten, ein schneller Überfall, ein fester Würgegriff um den Hals. Dann schleifte der Täter die Frauen rückwärts zu einem Versteck, wo er sie auf dem Boden auf den Bauch drückte. Keine der Frauen hatte sich ein wirkliches Bild von dem Mann machen können, doch musste man annehmen, dass er hochgewachsen war und kräftig. Eine der Frauen hatte große Hände ohne Ringe und mit ungepflegten Nägeln gesehen. Alle erinnerten sich an einen starken Parfümgeruch.

Seit dem vierten Überfall, der an einer der Laufstrecken am Vågbacken geschehen war, ging die Polizei davon aus, dass es sich um ein und denselben Täter handelte, doch obwohl sie alle Frauen über die Medien ermahnt hatten, sich abends nicht draußen aufzuhalten, waren es jetzt binnen nur zwei Wochen schon acht Überfälle und fünf vollzogene Vergewaltigungen.

Petra fuhr jetzt immer mit dem Auto zur Arbeit.

Die Leuchtstoffröhre surrte wieder, und ihr wurde klar, dass sie fast eine Viertelstunde vor dem Rechner gesessen hatte, ohne etwas auszurichten. Sie stand auf und wanderte durch den abendstillen Flur zum Pausenraum, der auch als Besprechungszimmer fungierte. Während die Kaffeemaschine tuckerte, blieb sie vor dem Whiteboard stehen, das mit Notizen vollgeschrieben war – für jeden Überfall eine Spalte. Langsam ging ihnen der Platz aus.

Sie drehte sich um und sah zu Betty Lisspers Zimmer, das seit dem Vorfall vor ein paar Tagen leer stand. Hier stand Aussage gegen Aussage. Übergriff oder nicht – das würde die interne Ermittlung zeigen müssen.

Sie konnte verstehen, dass Journalisten ihren Job machen mussten, war dann aber doch erstaunt darüber gewesen, dass Magdalena Hansson die schlimmste von allen gewesen war. Im Internet hatte sie sogar den Link zum YouTube-Video gepostet.

Petra füllte ihren Becher vom Wanderverein bis zum Rand mit Kaffee und ging zurück in ihr Zimmer, wo sie gerade im Stehen einen Schluck nahm, als das Telefon klingelte.

Die Landeskommunikationszentrale. Bloß nicht noch ein Überfall.

»Wilander.«

»Bei uns ist ein Notruf wegen einer verschwundenen Frau eingegangen. Sie ist heute seit dem späten Nachmittag nicht mehr gesehen worden. Anna-Karin Ehn heißt sie, arbeitet beim Jugendamt. Ihr Ehemann macht sich Sorgen, sie hätte schon vor einigen Stunden zu Hause sein sollen. Und wenn man bedenkt, was in der letzten Zeit so passiert ist, kann man ihn ja verstehen.«

»Ich fahre hin.«

*

Endlich zu Hause. Christer Berglund stieg aus den Schuhen und wollte sich einfach nur noch zusammen mit Torun auf das neue Sofa sinken lassen und sich höchstens noch einen guten Film ansehen – wenn er es schaffte, wach zu bleiben, was alles andere als sicher war.

Er schloss die Haustür hinter sich und hängte die Jacke auf einen Bügel. Obwohl sie seit fast zwei Monaten in diesem Haus wohnten, kam es ihm immer noch ein wenig fremd und unwirklich vor. Nach Toruns letztem Wochenendprojekt hing in der Diele noch der schwache Geruch von Farbe.

»Was hältst du von Eischnee mit Passionsfruchtzabaione zum Nachtisch?«

Torun thronte über eine glänzende Zeitschrift gebeugt auf einem der Barhocker an der Kücheninsel.

»Zabawas? Und was ist Eischnee?«

Christer gab Torun einen Kuss auf den Nacken und sah ihr über die Schulter.

»Eine Art Baiser. Sieht richtig lecker aus.«

»Das wird sicher gut«, sagte Christer, wohl wissend, dass seine Eltern eher einfachen Apfelkuchen mit Vanillesoße vorziehen würden.

Er goss sich ein Glas Milch ein und setzte sich ihr gegenüber.

Torun war schon wieder tief in ihre Kochbücher versunken und hatte diesen eifrigen, konzentrierten Gesichtsausdruck. Er konnte sie ewig lang ansehen, ohne dass sie etwas merkte, so gebannt war sie von dem, was sie las. Wenn sie dann aufsah, wirkte sie immer, als wäre sie gerade aufgewacht.

Ihre Ideen klangen manchmal verrückt, aber am Ende stellte sich doch meist heraus, dass sie recht gehabt und etwas gesehen hatte, was ihm verborgen geblieben war. Und er würde auch nie lernen, das so wie sie zu sehen.

Eischnee zum Nachtisch würde sicher fantastisch werden.

»Hast du Hunger?«, fragte Christer.

Torun sah von der Zeitschrift auf und lachte. An den Tagen, an denen sie ihr Fastenprogramm durchzog, war sie inzwischen fast besessen von allem, was mit Essen zu tun hatte.

»Du weißt ja wohl, dass ich dich so schön finde, wie du bist, oder?«, fragte er. »Du musst das nicht machen.«

Torun lächelte, sodass der kleine Halbmond in ihrer Wange zu sehen war.

»Ein paar Kilo nur noch.«

Er legte seine Hand auf ihre und ließ den Daumen über ihre Finger Achterbahn fahren.

Übermorgen würde dort ein Ring sitzen.

»Wie war es bei deinen Eltern?«, fragte Torun und legte die Zeitschrift beiseite.

»Ich hab es heute wieder nicht geschafft.«

»Das heißt, du hast bis gerade eben gearbeitet?«

Torun sah auf die Uhr.

»Wir hatten volles Programm, nicht nur wegen der Vergewaltigungsfälle, sondern dazu auch noch eine Menge Papierkram. Ich hatte gehofft, dass ich es heute schaffen würde, aber es war einfach nicht drin.«

»Du tust, was du kannst«, sagte Torun. »Aber an Walpurgis verwöhnen wir die beiden mal so richtig. Gunvor soll nichts machen müssen, weder spülen noch Essen kochen. Das wird sicher schön.«

»Ja, bestimmt.«

Torun sah ihn an und schob ihre Finger in seine.

»Das ist jetzt zu Anfang eine große Umstellung für sie, ist doch kein Wunder. Nach vierzig Jahren in einem eigenen Haus ist es schwer, sich an eine kleine Wohnung zu gewöhnen. Aber mach dir keine Sorgen, das wird schon alles.«

»Ich werde es versuchen.«

Christer hoffte, dass sie recht haben würde. Bengt schien sich zumindest in der behindertengerechten Dreizimmerwohnung einigermaßen zurechtzufinden. Er hatte angefangen, sich für Ahnenforschung zu interessieren und ein Computerprogramm runtergeladen, mit dem er sich beschäftigte, während er gleichzeitig Tanzmusik hörte.

Aber um Gunvor machte sich Christer richtig Sorgen.

Wenn er zu Besuch kam, saß sie meist mit im Schoß gefalteten Händen auf dem Sofa vor irgendeiner sinnlosen Realitysoap. Kein Häkeln, kein Stricken, kein Kreuzworträtsel. Das Backen schien sie auch aufgegeben zu haben.

So hatte er sie noch nie erlebt.

»Komm, wir gehen aufs Sofa«, sagte Torun.

Sie kletterte, ohne seine Hand loszulassen, von ihrem hohen Stuhl, ging zu ihm hin und legte die andere Hand um seinen Hals.

»Es wird schon, lass ihnen Zeit.«

Als Christer sich vorbeugte, um sie zu küssen, klingelte das Handy auf dem Tisch.

Widerwillig ließ er sie los.

»Es ist Petra«, sagte er. »Der Arbeitstag scheint noch nicht zu Ende zu sein.«

2

Magdalena Hansson zerrte die saubere Wäsche aus dem Trockner in die IKEA-Tasche und warf sich diese über die Schulter. Die dritte Runde an diesem Abend. Es fröstelte sie ein wenig in dem dünnen T-Shirt, sie schaltete das Licht aus und beeilte sich, aus der Waschküche zu kommen.

Als sie an der Tür zum Abstellraum vorbeikam, hielt sie inne. Vielleicht konnten sie den ja zu einem Zimmer für eines der Zwillingsmädchen umbauen. Auch wenn die beiden nur jede zweite Woche bei ihnen wohnten, so reichte das kleine Gästezimmer, das sie sich dann teilten, nicht mehr aus.

Magdalena öffnete die Tür und sah hinein. Doch, der Raum war groß genug. Und er hatte zwei Fenster, die ausreichend Licht hereinließen.

Aber dann musste sie sich mal an die Kartons ranmachen.

Seit ihrem Umzug aus Stockholm standen die immer noch entlang der einen Wand aufgestapelt. Das war jetzt fast drei Jahre her.

Magdalena betrat den Raum und klappte einen der Kartons auf.

»Artikel usw.«, stand in eilig hingekritzelten Buchstaben darauf. Sie erkannte ihre Handschrift kaum. Der Karton war vollgestopft mit Mappen, Blöcken und Kassetten mit alten Telefoninterviews. Hatte sie das alles etwa eingepackt? Sie konnte sich nicht daran erinnern.

Magdalena klappte den Karton zu, öffnete den nächsten mit der Aufschrift »Erste Kleider Nils« und holte einen kleinen Pullover mit einem Igel darauf heraus.

Den hier sollte sie wirklich mal durchsehen, vielleicht gab es darin sogar ein paar Teile, die Liv jetzt anziehen könnte.

Sie fuhr zusammen, als das Handy in ihrer Schlafanzughose zu klingeln begann.

Petter.

»Hallo Schatz«, sagte sie. »Wie läuft es bei dir?«

Magdalena klappte den Karton zu, rückte die IKEA-Tasche, die in die Schulter einschnitt, zurecht und ging langsam die Treppe hoch.

»Mit dem Fundament bin ich zumindest fertig. Ich wollte nur hören, ob Vendela und Vanessa vom Handball nach Hause gekommen sind.«

»Sie sind beide ungefähr vor einer Stunde eingetrudelt.«

»Das ist gut. Vendela hat nicht geantwortet, und ich wollte nur sicher sein.«

Keiner von ihnen sprach es aus, doch beide wussten, was der andere dachte. Aber solange die beiden Mädchen gemeinsam nach Hause gingen, dürfte keine Gefahr bestehen.

»Wie lange brauchst du noch?«, fragte sie.

»Anderthalb Stunden, zwei vielleicht. Ich würde es gern noch abisolieren, ehe ich gehe.«

»Okay«, sagte sie und versuchte, nicht enttäuscht zu klingen.

Er musste diese zusätzlichen Jobs annehmen, vor allem jetzt in der Elternzeit. Doch dadurch sahen sie sich kaum noch. Sobald Magdalena von der Arbeit nach Hause kam, fuhr er zu seinem Job. Manchmal schafften sie es noch, zusammen zu Abend zu essen, doch meistens nicht.

Heute Abend hätte sie es gebrauchen können, mit ihm zu reden. Über Mario.

Magdalena stellte die Wäschetüte aufs Sofa und begann mechanisch, die Kleidungsstücke zu falten. Die Stapel auf dem Sofatisch wuchsen rasch. Aus dem Zimmer der Mädchen im oberen Stockwerk drang Musik, aber Nils schien dann doch endlich eingeschlafen zu sein.

Mario.

Die blauen Flecken, die sie entdeckt hatte, als er von Nils trockene Kleider ausleihen sollte. Dunkle Blutergüsse auf dem Rücken und dem Po. Er hatte sich ins Badelaken eingewickelt und versucht, sich den Pullover anzuziehen, ohne das Handtuch loszulassen, aber dann war es doch auf den Boden gefallen. Der Blick, als ihm klar wurde, dass sie es gesehen hatte.

»Was ist denn da passiert?«, hatte sie gefragt, als Nils das Badezimmer verlassen hatte.

Aber Mario beeilte sich nur, schnell in die Kleider zu kommen.

»Ist irgendjemand grob zu dir gewesen?«

Die Jogginghosen waren ein wenig zu lang und krumpelten sich über seinen Füßen.

Sie hatte sich auf den Klodeckel gesetzt und es wieder versucht.

»Mario?«

Mario zog sich die Strümpfe an und sah sie nicht an.

»Darf ich nicht erzählen.«

»Aber es hat dich jemand geschlagen?«

»Ich darf nichts sagen.«

Mit einem Mal war ihr aufgegangen, warum er in den Osterferien nicht mit ins Schwimmbad hatte gehen dürfen. Und als er sich im Schrank versteckt hatte, als es Zeit war, nach Hause zu gehen, da war auch das wohl kein Spiel gewesen.

An dem Abend hatte sie ihn nach Hause gebracht, hatte die Unsicherheit in seinem ganzen Wesen gespürt, je näher sie seinem Zuhause kamen.

Keith kam in die Diele gestampft, die tätowierten Arme standen ein Stück vom Körper ab. Seine Miene war milder geworden, als er gesehen hatte, dass Magdalena dabei war.

»Aha, so«, sagte er. »Rein mit dir, mein Junge, hattest du Spaß?«

Eine viel zu große Hand, die Mario grob und ein bisschen zu fest das Haar zerzauste. Aufeinandergepresste Kiefer.

Andrea war mit Gary, dem kleinsten der Jungs, auf der Hüfte aus der Küche geschlichen gekommen, hatte von Keith zu Magdalena und wieder zurück geschaut. Barfuß, die Haare zu einem eiligen Knoten geschlungen.

Magdalena hatte ihnen die Tüte mit Marios Kleidern hingehalten und etwas über Spielen im Wald, die Hosen und den Pullover, die er von Nils hatte ausleihen können, gesagt, aber nichts über das heiße Bad oder die vierzehn Pfannkuchen. Oder die blauen Flecken.

»Die Kleider sind sicher noch ein bisschen feucht und müssen aufgehängt werden. Schön, dass er mit war.«

Nach vielen Bedenken hatte sie ein paar Tage später beim Jugendamt angerufen und Anzeige erstattet.

»Ich darf nichts sagen.«

Hätte sie das lieber nicht tun sollen? Jetzt wurde das Ganze vielleicht nur noch schlimmer. Vielleicht würde das Jugendamt die Geschwister aufteilen und in unterschiedlichen Pflegefamilien unterbringen.

Sie musste unbedingt diese Anna-Karin morgen noch mal anrufen, um sicherzugehen, dass das nicht passierte.

*

Christer stand vorm Tor, als Petra in die Straße einbog. Hier war er also gelandet. Der weiß gestrichene Neubau mit den hohen Gauben und der zurückhaltenden Form stach aus der Reihe der Fünfzigerjahre-Häuser in der Nachbarschaft heraus.

Obwohl Christer und sie so viele Jahre zusammengearbeitet und Tag um Tag im selben Auto gesessen hatten, war ihr Kontakt doch niemals privater Natur gewesen, und sie kannten das Zuhause des anderen nicht.

Doch sie freute sich für ihn. Seit Christer mit Torun zusammen war, wirkte er viel ruhiger und souveräner. Es schien ihn auch nicht mehr zu grämen, dass Petra die Chefposition bekommen hatte, von der alle – sie selbst eingeschlossen – gedacht hatten, dass man sie Christer anbieten würde.

In der ersten Zeit nach Sven Munthers Pensionierung hatte sie sich Sorgen um ihn gemacht, aber das war nicht mehr nötig, und das war ein Glück.

»Tut mir leid, dass ich den Abendfrieden störe«, sagte sie, als er die Beifahrertür aufmachte und einstieg. »Schön wohnt ihr hier. Mit Zugang zum See und allem!«

»Danke«, erwiderte Christer und tastete nach dem Sicherheitsgurt. »Wir fühlen uns wohl. Glaubst du, dass er es wieder ist?«

»Keine Ahnung. Aber in dem Fall wäre er jetzt einen Schritt weitergegangen. Offenbar wird sie schon seit heute Nachmittag vermisst.«

Petra fuhr auf die Storgatan zurück und dann weiter Richtung Norden.

»Es ist schon die Anna-Karin vom Jugendamt, von der wir hier reden, oder?«

»Genau. Das wird langsam richtig unangenehm.«

Christer und sie hatten bei der Behandlung von schweren Fällen beide schon mit Anna-Karin zusammengearbeitet. Vor allem erinnerte sich Petra an den Fall, als sie einen drogenabhängigen Jugendlichen in Handschellen legen mussten, um ihn ins Auto und dann weiter in eine Klinik zu bringen. Petra hatte den Jungen noch aus Hannes’ Grundschulklasse gekannt, sich aber natürlich nichts anmerken lassen. Die Mutter hatte in der Diele gestanden und geweint, dass die Mascara nur so geflossen war.

Anna-Karin Ehn war niemand, die sich selbst Gefahren aussetzte. Sie war eine ruhige Bank.

Petra fuhr langsamer und bog auf das Grundstück der Familie Ehn ein. Das Haus, eine gelbe Holzvilla mit Schnitzwerk um die verglaste Veranda, lag ein Stück zurückgesetzt von der Hauptstraße und hatte einen genau gleich aussehenden Hof als einzigen Nachbarn.

Zwischen den Höfen schien es keine Trennung zu geben, keinen Zaun, keine Hecke. Schuppen, Scheune und Spielhäuschen lagen zwischen den Häusern verstreut, und kleine Wege, nicht mehr als Fahrrinnen im Gras, verliefen kreuz und quer.

Petra parkte vor der Veranda. Hinter dem Küchenfenster bewegte sich eine Gestalt. Kurz darauf ging draußen eine Lampe an, und die Haustür öffnete sich.

Torsten Ehn ließ sie in die Diele und trat dabei ein paar Schritte zurück. Petra erkannte ihn aus einem kürzlich gelesenen Wirtschaftsartikel in der Zeitung. Da hatte er Anzug, Schlips und Seitenscheitel getragen. Nun war er mit einer Jeans und einem kleinkarierten Hemd von der teureren Sorte bekleidet. In der einen Hand kreiste ungeduldig ein Handy.

»Ich weiß wirklich nicht, ob ich grundlos angerufen habe, aber das hier sieht Anna-Karin einfach nicht ähnlich. Wir wollten um fünf Uhr hier losfahren, um neue Gartenmöbel auszusuchen. Normalerweise meldet sie sich immer, wenn sie spät dran ist, aber diesmal geht sie nicht einmal ans Handy. Ich mache mir wirklich Sorgen, vor allem nach all den Überfällen in der letzten Zeit.«

In einer Ecke lehnten ein paar Walking-Stöcke. Neben dem Dielenspiegel hing ein rechteckiger Rahmen mit drei Bildern, die bei einer Fjällwanderung gemacht worden zu sein schienen. Zwei der Bilder zeigten Aussichten über schneebedeckte Berggipfel und das dritte ein Selfie von ihnen beiden, Torsten mit der Sonnenbrille auf der Stirn und Anna-Karin mit Stirnband und roten Wangen. Beide lächelten, die Gesichter aneinandergeschmiegt, in die Kamera.

Petra und Christer folgten Torsten in ein großes Wohnzimmer, dessen eine Hälfte ein geblümtes Stoffsofa, ein Fernseher und ein paar Bücherregale einnahmen, die andere ein antiker Esstisch mit Stühlen.

Torsten setzte sich aufs Sofa, schaltete die Sportnachrichten aus und legte die Fernbedienung auf den polierten Glastisch. Dann trug er einen Teller, auf dem das Besteck ordentlich abgelegt war, in die Küche. Er schien nicht viel runtergekriegt zu haben.

Petra setzte sich neben ihn, nahm Notizblock, Stift und das Befragungsformular über verschwundene Personen heraus, das sie mitgenommen hatte. Christer wählte den Sessel an der kurzen Tischseite.

Torsten schob die Haare beiseite, die ihm ins Gesicht gefallen waren, und ließ das Handy von der einen in die andere Hand wandern.

»Ehe ich bei Ihnen angerufen habe, habe ich mit ihrer Chefin gesprochen. Die hat gesagt, sie hätte in Erinnerung, dass Anna-Karin irgendwann am Nachmittag einen Hausbesuch im Kalender gehabt hätte, mehr wusste sie aber auch nicht. Und da sie jetzt nicht nach Hause gekommen ist, mache ich mir natürlich Sorgen. Wie gesagt, normalerweise ruft sie immer an, wenn sie spät dran ist.«

Torsten beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf die Knie. Das Handy wechselte weiter hin und her von einer Hand in die andere.

»Gehen die vom Jugendamt allein auf Hausbesuche?«, fragte Christer.

»Offensichtlich müssen sie das inzwischen, weil sie so wenig Leute haben. Früher waren sie beim Jugendamt zu dritt, aber jetzt nur noch zu zweit, und die Kollegin ist krankgeschrieben. Wegen Stress. Das hat Anna-Karin richtig zu schaffen gemacht.«

Petra richtete sich auf.

»Ist sie bedroht worden?«

»Mehrfach schon, aber sie findet, das gehört einfach dazu. Einmal, als sie bei einem Hausbesuch war, hatte jemand zwei Reifen ihres Wagens durchlöchert, als sie rauskam. Eigentlich habe ich schon immer darauf gewartet, dass so was hier passieren würde.«

Torsten sah schnell aufs Handy und ließ es dann weiterwandern.

»Wie steht es um Anna-Karins Gesundheit? Mal abgesehen davon, dass sie auch Stress hat?«

Trotz der besonderen Umstände war es wichtig, dass sie die Standardfragen nicht vergaßen. Schließlich konnte alles auch eine ganz natürliche Erklärung haben.

»Gut«, erwiderte Torsten. »Sie ist fast nie krank.«

»Sie hat keine Vorbelastungen? Herzprobleme? Diabetes? Keine rezeptpflichtigen Medikamente, die sie nehmen muss?«

»Nein, sie ist sehr gesund. Im Juni will sie den Stockholm-Marathon laufen.«

»Wie ist es mit Alkohol?«

»Sehr wenig. Ab und zu ein Glas Wein.«

Klar, dachte Petra. Das sagen alle, die trinken. Ab und zu ein Glas Wein.

Torsten zupfte ein wenig an seinen Hosenbeinen. Er bewegte sich unruhig auf seinem Platz hin und her. Es war, als habe er Insekten unter den Kleidern, die juckten, sodass er unmöglich still sitzen konnte. Petra notierte. Die Frage nach dem Drogenkonsum übersprang sie trotzdem.

»Wann haben Sie zuletzt mit Anna-Karin gesprochen?«, fragte Christer.

»Heute Morgen, ehe wir zur Arbeit gefahren sind.«

»Schien sie sich über irgendetwas Sorgen zu machen?«

Torsten zögerte ein wenig.

»Nein, nicht mehr als sonst.«

»Es stand ihr heute also nichts bevor, was ihr Stress oder Unruhe verursachte?«, fragte Petra.

»Jedenfalls hat sie nichts gesagt. Eigentlich erzählt sie mir nie irgendwelche Details. Wenn sie von der Arbeit erzählt, dann immer ganz allgemein.«

»Sie hatten auch keinen Streit?«

»Nein, alles war wie immer.«

Torsten sah zur Decke und dann aus dem Fenster und fuhr sich mit einer Hand über den bärtigen Hals.

»Hatten Sie während des Tages irgendwelchen Telefonkontakt?«, fragte Petra.

»Ich habe sie gegen halb fünf angerufen und ihr eine SMS geschickt, aber darauf erhielt ich keine Antwort.«

Petra notierte etwas.

»Was stand in der SMS?«

Torsten nahm wieder das Handy und öffnete die Nachricht.

»Hier ist sie«, sagte er und hielt sie hoch, sodass Petra und Christer sie lesen konnten.

»Kauf Milch und Klopapier. Kuss.«

»Anna-Karin ist also gesund und fit«, sagte Petra. »Wie steht es um ihre Psyche? Hat sie irgendwelche Probleme?«

»Was meinen Sie damit?«

»Depressionen oder Angstanfälle? Sie haben gesagt, sie wäre überarbeitet, gestresst und besorgt. Hat sie deshalb irgendwelche Hilfe aufgesucht? Nimmt sie Schlaftabletten oder so etwas? Antidepressiva?«

»Glauben Sie, dass sie sich umgebracht hat?«

Torsten sah sich mit verwirrtem Gesichtsausdruck um.

»Könnte das denn sein?«, fragte Petra.

Er schüttelte bedächtig den Kopf.

»So jemand ist Anna-Karin nicht. Sie kriegt alles hin, auch wenn es schwierig ist. Sie würde niemals so aufgeben.«

Petra verstand ihn. Denselben Eindruck hatte sie auch gehabt.

»Und es gibt niemanden sonst, bei dem sie sein könnte?«

Torsten richtete sich auf und sah plötzlich verärgert aus.

»Warum sollte sie? Warum sollte sie ganz plötzlich nicht nach Hause kommen und dann auch noch einfach nicht ans Handy gehen? Es muss etwas passiert sein. Ich habe unsere Tochter Emma angerufen, aber die hat auch nichts von ihr gehört.«

»Emma«, echote Petra und machte eine Notiz. »Wo wohnt sie?«

»Drinnen in Hagfors. In Gärdet.«

Petra schrieb Emmas Adresse und Telefonnummer auf, fragte Anna-Karins Automodell und das Nummernschild ab, um sich dann zu erkundigen, was sie getragen hatte und ob es sonst irgendwelche besonderen Merkmale gäbe.

Torsten nahm einen Schluck Wasser aus einem Glas auf dem Tisch. Als er sich vorbeugte, um das Glas zurückzustellen, konnte man einen Schweißfleck unter seiner Achsel sehen.

»Was werden Sie jetzt tun?«, fragte er.

Die große Nummer mit staatlichem Rettungsdienst, Helikopter und Suchtrupp war irgendwie keine Alternative, solange sie nicht das Auto gefunden hatten. Missing People auch nicht. Theoretisch konnte sich Anna-Karin im Moment überall befinden. Sie mussten erst einmal mit gewöhnlicher Polizeiarbeit anfangen. Versuchen, sich mithilfe ihrer Kolleginnen ein Bild von ihrem Tag zu machen, ihre Handyverbindungen prüfen und möglicherweise die Auszüge ihrer Kreditkarte anfordern, um zu sehen, wo sie sich aufgehalten hatte.

»Jetzt ist es zu spät und zu dunkel, als dass wir noch viel machen könnten.«

»Das heißt, wir sollen einfach nur hier sitzen und warten und die Stunden vergehen lassen?«

Petra begann, ihre Papiere einzusammeln.

»Ich kann verstehen, dass Sie besorgt sind«, sagte sie. »Aber gleich morgen früh werden wir loslegen. Versuchen Sie jetzt, nicht an das Schlimmste zu denken. Es kann für alles eine natürliche Erklärung geben. Das Auto kann kaputtgegangen sein und das Handy sich entladen haben.«

Torsten machte eine aufgebrachte Geste.

»Aber …«

Petra unterbrach ihn und sagte so ruhig sie konnte:

»Selbst wenn es Anna-Karin überhaupt nicht ähnlichsieht, sich nicht zu melden, finde ich doch, dass Sie ihre Freunde und Bekannten anrufen sollten, um zu erfahren, ob sie wirklich nicht dort ist. Ungewöhnliche Dinge geschehen. Und Menschen verhalten sich manchmal anders, als man denkt.«

»Ich will, dass Sie etwas tun. Und zwar jetzt

Petra ging neben ihm in die Hocke.

»Wir werden alles tun, was wir können, glauben Sie mir. Wir nehmen diese Sache sehr ernst.«

Torsten holte ein paarmal tief Luft und drückte eine Hand auf seinen Brustkorb.

»Ich glaube, sie ist tot«, keuchte er. »Ich spüre es.«

3

Andrea ließ das Wasser ins Waschbecken laufen, bis es richtig kalt war. So kalt, dass alles davon betäubt wurde.

Es zog zwischen den Beinen, fühlte sich an, als würde ihr Schoß brennen.

Es ist meine Schuld, dachte sie. Ich bin frigide. Wenn ich im Bett nur ein bisschen engagierter sein könnte, wäre er auch netter.

Aber sie versuchte es ja schon so gut sie konnte, bewegte sich unter ihm, als würde sie es genießen, gab ein paar Laute von sich, warf den Kopf hin und her.

Zwischen den Oberschenkeln klebte alles, das Sperma war, als sie aus dem Bett aufgestanden war, aus ihr herausgelaufen, an einem Bein hinunter und wie eine Schnur bis zum Knöchel.

»Bist du nicht mehr scharf auf mich? Das war früher aber anders!«

So fing es immer an.

»Wen fickst du denn, wenn ich nicht zu Hause bin?«

Ihre Proteste, nichts half.

»Ich war nie mit einem anderen zusammen als mit dir. Niemals.«

Und das war die Wahrheit. Keith war der Erste und der Einzige gewesen. Der Hübscheste der ganzen Schule. Das gesamte erste Jahr im Gymnasium war sie unsterblich verliebt gewesen, hatte seinen Stundenplan auswendig gelernt, um keinen Blick auf ihn zu verpassen, wenn er den Flur hinunterging.

»Irgendwer muss es doch sein, du miese Hure! Glaubst du, ich weiß nicht, dass du mehrmals am Tag flachgelegt werden willst? Aber anscheinend nicht mehr von mir.«

Seine Finger griffen um ihr Kinn, der Speichel sprühte über ihr Gesicht.

Andrea verfluchte ihren Körper, der sie verriet. Aber ihm schien egal zu sein, wie trocken sie war. Wenn sie nur genug stöhnte, schob er. Presste sich rein.

Andrea machte das Handtuch nass und drückte es zwischen die Beine. Sie verzog das Gesicht vor Schmerz, doch nach einer Weile linderte die Kälte ein wenig. Sie wusste, dass es ihr mehrere Tage schwerfallen würde zu sitzen.

Der Blick aus dem Spiegel war abschätzig.

Du fettes Schwein.

Die Narbe auf dem Unterarm, die dünne gerötete Haut, die immer noch rissig war, obwohl es jetzt ein Jahr her war, dass er das Teewasser über sie geschüttet hatte. Nur ein Unfall.

»Kapierst du nicht, wie mich das kränkt, dass du denkst, ich mach so was absichtlich?«

Den ganzen letzten Sommer war sie langärmelig herumgelaufen, war kein einziges Mal baden gegangen. Und so würde es auch diesen Sommer wieder sein.

»Du kannst froh sein, dass ich dich überhaupt noch ficken will.«

Einige Wochen lang war es ruhig gewesen, die Rippen waren geheilt, und sie konnte Gary wieder auf die Hüfte heben, ohne dass es wehtat. Keith hatte zum großen Vergnügen der Jungs ein Squad gekauft, und an einem Samstagnachmittag hatte er sie alle mit ins Kino nach Karlstad genommen, und hinterher waren sie bei McDonald’s gewesen. Sogar Nachtisch hatten sie gekriegt, Eis oder Kuchen, was sie wollten, und er hatte weder Zelda noch sie gepiesackt wegen ihres Gewichts. Nicht mal, dass Link seinen Apfelsaft ausgeschüttet hatte, war irgendwie schlimm gewesen.

Aber als das Jugendamt kam, wendete sich das Blatt.

»Ich werde dem, der das gemacht hat, den Hals umdrehen!«, hatte er gebrüllt.

Andrea sah auf das Handtuch, es war kein Blut mehr zu sehen. Sie machte es wieder nass, diesmal mit noch kälterem Wasser, legte es wie eine Windel zwischen die Beine und setzte sich vorsichtig auf die Toilette.

Bald würde es wieder passieren. Es war nur eine Frage der Zeit.

Dienstag, 29. April

4

Magdalena wickelte sich den Schal ein paarmal um den Hals und warf die Tasche über die Schulter. Sie hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass die so leicht war – keine Windeln, keine Gläschen mit Babynahrung, keine Feuchttücher. Es fühlte sich ein bisschen so an, als würde sie schweben, so wie wenn man nach einem langen Winter von gefütterten Stiefeln zu leichten Halbschuhen wechselt.

Während sie ein letztes Mal mit der Bürste durch die Haare ging, kam Nils aus der Küche. Sie sah ihm nach, als er die Treppe hinauflief, um seinen Rucksack zu holen. Hätte sie die Sache mit Mario anders als durch eine Anzeige lösen können? Und wie hätte das ausgesehen?

Sie würde sofort beim Jugendamt anrufen, sowie sie im Büro war.

Magdalena ging in die Küche. Petter lehnte, die eine Hand um die Kaffeetasse geschlossen, über der Zeitung, Liv hatte den Breilöffel fest im Griff. Über ihr an der Lampe hingen immer noch die Ballons von ihrem ersten Geburtstag, jetzt allerdings müde und ein wenig verschrumpelt.

Magdalena schob die Bürste in die Tasche, und gab erst Petter und dann Liv einen Abschiedskuss.

»Einen schönen Tag euch«, sagte sie und spürte den Geschmack von Kinderbrei.

»Kommst du wie immer?«, fragte Petter.

Er nahm einen Schluck Kaffee und schob Livs Teller ein Stück weiter in die Tischmitte.

»Denke schon. Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert.«

Als sie rauskam, stand Nils schon startklar an der Garageneinfahrt. Sie beeilte sich mit Helm und Handschuhen, stellte die Tasche in den Fahrradkorb.

»Wann kriege ich eigentlich ein neues Fahrrad?«, fragte Nils, als sie draußen auf der Straße waren.

Petter hatte Sattel und Lenker so hoch wie möglich eingestellt, aber Nils reichte trotzdem noch mit den Füßen bis auf den Boden, wenn er saß. Das sah wirklich armselig aus.

»Natürlich kriegst du ein neues Fahrrad, Schätzchen.«

»Das sagst du jetzt aber schon ganz lange.«

»Ich weiß. Nächsten Samstag ist Fahrradtauschbörse in der Schule. Gestern kam die Mail.«

»Ich will aber ein neues.«

»Nein, diesmal gibt es kein neues. Du wächst einfach zu schnell.«

Nils strampelte vor ihr, ohne etwas zu erwidern. Man sah ihm an den Schultern an, dass er unzufrieden war, aber das konnte sie nicht ändern. Sie würden schon eins finden, das ihm gefiel. Und sonst mussten sie in den Kleinanzeigen im Netz schauen.

Es gab Kinder, die hatten größere Sorgen als diese.

»Jedenfalls hätte ich am liebsten ein dunkelgrünes«, sagte Nils von vorn.

Seine Stimme klang wie immer. Also doch keine schlechte Laune.

»Ja, das klingt schick.«

Sie kämpften sich über die Brücke, danach trennten sich ihre Wege. Magdalena sprang vom Fahrrad und sah Nils den Geijersholmsvägen hinunter verschwinden. Ob Mario heute wohl zur Schule kommen würde? Gestern war er offenbar nicht da gewesen.

»Ich darf nichts sagen.«

Doch, ich habe das Richtige getan, dachte sie und schob das letzte Stück bis zur Redaktion. Jetzt muss ich darauf vertrauen, dass alles gut wird.

*

Christer Berglund und Urban Bratt saßen einander schon am Konferenztisch gegenüber, als Petra in den Pausenraum kam. Urban blätterte träge in einer Zeitung und drehte an seinen langen Bartspitzen, Christer zeichnete irgendetwas auf einem Block. Und heute saß Betty Lisspers wieder neben Christer, auf dem Platz, der einmal Petras gewesen war. Betty sah blass aus, aber egal. Wenigstens war sie wieder da.

Das war gut.

Auf dem Weg zur Kaffeemaschine verbarg Petra ein Gähnen hinter vorgehaltener Hand. Der Morgen war noch nie ihre Tageszeit gewesen, und heute Nacht hatte sie nicht viel Schlaf bekommen. Die Gedanken an Anna-Karin Ehn hatten sie mehrere Stunden lang gequält, ehe sie zur Ruhe gekommen war.

Während sie darauf wartete, dass Folke Natt og Dag in seinem Zimmer ein Telefongespräch beendete, füllte sie ihren Becher. Wenigstens keine weiteren Vergewaltigungsfälle, dachte sie und warf einen Blick auf das Whiteboard, um sich dann zu den anderen ans kurze Ende des Tisches zu setzen.

»Schön, dass du wieder da bist, Betty«, sagte sie.

Betty nickte, löste die Arme, die sie vor der Brust verschränkt hatte, und fuhr sich mit der Hand über das blonde Haar, das im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden war.

»Das finden wir alle«, fuhr Petra fort und ignorierte ganz einfach die völlig teilnahmslose Miene von Urban.

»Tut mir leid, wenn ich das sage, aber wenn man solche Angst kriegt, dass man ohne Grund die Leute halb totschlägt, dann ist man bei der Polizei vielleicht nicht richtig. So ein Übergriff wirft ein schlechtes Licht auf das ganze Revier, und das ist so ziemlich das Letzte, was wir gebrauchen können.«

Das hatte Urban zwar nur unter vier Augen zu Petra gesagt, doch Zurückhaltung hatte noch nie zu seinen Stärken gehört. Betty wusste wahrscheinlich ganz genau, was er dachte.

»Wie ihr wahrscheinlich schon gehört habt, ist Anna-Karin Ehn vom Jugendamt verschwunden«, begann Petra. »Sie ist gestern nicht von der Arbeit nach Hause gekommen, und ihr Mann hat sie gegen neun Uhr abends vermisst gemeldet. Christer und ich waren gestern Abend spät noch bei ihm, und er war sehr besorgt.«

Petra horchte, ob Folke kam, aber er war nicht zu hören. Was machte der denn?

»Gehen wir davon aus, dass er es wieder ist?«, fragte Urban mit einem Nicken Richtung Whiteboard.

»Könnte sein. Aber der Ehemann von Anna-Karin hatte eher Sorge, dass es irgendetwas sein könnte, was mit ihrer Arbeit zusammenhängt. Ein Klient, der ausgeflippt ist oder so. Fangen wir also mal damit an, uns ein Bild zu machen, wie ihr Arbeitstag gestern gewesen ist, was sie gemacht hat, wen sie getroffen hat.«

Petra verstummte, als Folke endlich in der Tür auftauchte.

»Entschuldigt«, sagte er und war in nur zwei Schritten bei seinem Stuhl. »Ich musste da einfach noch was fertig machen.«

Petra wartete, bis er sich gesetzt und die langen Beine unter den Tisch gefaltet hatte.

»Außerdem sollten wir versuchen, ihr Handy zu finden«, fuhr sie fort. »Auch wenn das noch ein wenig zu früh ist, habe ich schon mal eine Suchmeldung für die Medien vorbereitet. Wir werden sehen, ob wir die dann brauchen oder nicht.«

Als Petra auf ihren Zettel schaute, um laut vorzulesen, begannen die Buchstaben, sich auf dem Papier zu bewegen und zu verschwimmen. »Trägt eine rote Windjacke, Jeans …«

Sie richtete sich auf, nahm einen Schluck Kaffee und versuchte es dann erneut, aber die Wörter flossen weiter über das Papier. »Braune Stiefel … dünner, vielfarbiger Schal … Škoda Fabia von 2005 … blau metallic. Kennzeichen KBL … 434.«

»Ja«, sagte sie, »dann legen wir einfach mal los. Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

5

Magdalena setzte sich noch in ihrer Jacke an den Schreibtisch und wählte die Nummer von Anna-Karin Ehn. Während es klingelte, zog sie den Reißverschluss der Jacke auf und warf den Computer an.

Hallo, hier ist der Anrufbeantworter von Anna-Karin Ehn. Ich kann gerade nicht ans Telefon kommen, aber wenn Sie Namen und Telefonnummer hinterlassen, rufe ich zurück.«

Magdalena legte auf, ohne etwas zu sagen, holte ein paarmal tief Luft und horchte einen Moment auf die Stille.

Vorige Woche hatte sie sich endlich die Zeit genommen, all die alten Papiere wegzuwerfen, die Björn hier während ihrer Elternzeit hinterlassen hatte, sie hatte im Handwaschbecken in der Toilette das gesamte Geschirr gespült, den kleinen Kühlschrank geputzt, überall abgestaubt und den Fußboden gewischt.

Jetzt war sie bereit, wieder richtig mit der Arbeit anzufangen und den Abonnenten des Värmlandsbladet zu zeigen, dass die Redaktion in Hagfors wieder besetzt war.

Immerhin hatte sie schon zwei Aufhänger gelandet. Bei dem einen ging es um die Überfälle auf Frauen, bei dem anderen um die neue Polizistin Betty Lisspers, die bei einer Festnahme die Nerven verloren hatte.

Magdalena nahm eine der Zeitungsseiten von ihrem Schreibtisch, faltete sie ganz auf und las. POLIZEIBEAMTIN IN HAGFORS WEGEN ÜBERGRIFFS ANGEZEIGT. »SIE HAT EINFACH IMMER WEITER ZUGESCHLAGEN.« In fetten Versalien.

Petra Wilander anzurufen und um einen Kommentar zu bitten, hatte ihr nach allem, was vorher gewesen war, natürlich widerstrebt, aber sie hatte keine andere Wahl gehabt. Job ist Job. Und als sie am nächsten Tag den Aufhänger gesehen hatte, gab ihr das wieder den wohlbekannten und ersehnten Kick, und sie schob das größte Unbehagen beiseite.

Sie steckte beide Aufhänger in eine leere Mappe und legte sie auf den Schreibtisch.

Diese Mappe werde ich füllen, dachte sie und loggte sich in ihren Mailserver ein. Eine lange Reihe von Mitteilungen mit dem Betreff Walpurgisverkauf lag ganz oben im Posteingang.

Zu Beginn des Schuljahres hatte sie sich auf einem Elternabend in Nils’ Klasse angeboten, Elternsprecherin zu werden. Sie hatte die Blicke der anderen Eltern im abendlich erleuchteten Klassenzimmer gespürt: Schließlich war sie in Elternzeit, da könnte sie doch mal ein bisschen Verantwortung übernehmen, wo sie doch den ganzen Tag zu Hause war. Vielleicht hatte sie sich das auch nur eingebildet, aber auf jeden Fall war ihre Hand hochgegangen.

Tessan und Rosanna hatten schon ihre Dienste angeboten, und nach weiteren Minuten bleischweren Schweigens und Gemurmel, dass man auch Männer in der Gruppe gebrauchen könnte, hatte sich auch Bills Vater Oscar geopfert.

Jetzt war es Zeit für den großen Frühjahrseinsatz: Kuchenverkauf bei der Walpurgisfeier im Blinkenbergspark.

Die Planungen liefen schon seit Monaten, jetzt mussten nur noch die letzten Dinge erledigt werden, soll heißen, Eltern und Kinder mussten backen, was immer sie wollten, und sich mit den Kuchen am Verkaufsstand einfinden, wenn ihre jeweilige Schicht begann.

Magdalena wollte eben den Mail-Verlauf öffnen, als das Redaktionstelefon klingelte.

»Värmlandsbladet, Hansson.«

»Guten Morgen«, erklang es am anderen Ende.

Die dunkle Stimme von Bertilsson aus der Hauptredaktion in Karlstad.

»Irgendwelche neuen Überfälle?«

Während Magdalena antwortete, dass es zum Glück nicht so aussähe, rollte sie mit dem Schreibtischstuhl zu ihrem Dokumentenschrank und blätterte die Wiedervorlagemappe durch, in der viele Pressemitteilungen und Notizen über zu erledigende Dinge lagen. In den meisten Fächern herrschte gähnende Leere.

»Was steht bei euch heute an?«

Magdalena rollte zurück zum Kalender auf dem Schreibtisch. Auch da nichts.

»Mach was über die Nervosität«, sagte Bertilsson. »Wie dieser Vergewaltiger das Leben der Leute beeinträchtigt.«

»Genau.«

Ein Standardartikel, da musste man nur raus in die Stadt gehen und die Ohren aufmachen. Die Leute redeten ja schier von nichts anderem.

»Und da wäre noch die Sache mit dem Redaktionsauto«, begann Magdalena.

Von Bertilsson aus der Zentralredaktion war weiterhin ungebremstes Tastaturgeklapper zu hören.

»Das Redaktionsauto?«

»Das musste in die Werkstatt.«

Als Magdalena ihren Arbeitsplatz wieder übernommen hatte, musste sie feststellen, dass der Wagen jedes Mal, wenn sie nach rechts abbog, ein kreischendes Geräusch von sich gab. Petter hatte auf Radlager getippt.

»Das musst du mit der Finanzabteilung besprechen«, sagte Bertilsson und tickerte weiter. »Aber ich schätze mal, dass sie sagen werden, dass du warten sollst.«

»Warten? Und worauf? Dass es von selbst heil wird?«

»Ruf sie an und sprich mit ihnen. Aber wenn es eng wird, kannst du ja vielleicht dein eigenes Auto nehmen, oder?«

Als sie aufgelegt hatten, saß Magdalena ratlos da.

War das die Richtung, in die es lief? Würde man den Firmenwagen für die Redaktion komplett streichen? Wie sollte sie das hinkriegen? Petter und sie hatten nur ein Auto, und ein weiteres zu kaufen, konnten sie sich nicht leisten.

Heute würde also das Fahrrad reichen müssen.

Wenn bloß nichts Akutes passiert, dachte sie und wählte noch mal die Durchwahl von Anna-Karin Ehn.

*

Die Leiterin des Jugendamts, Maarja Leander, sah Christer, der auf der anderen Seite ihres Schreibtischs saß, über ihre Lesebrille hinweg an, beugte sich dann vor und reichte ihm eine blaue Klarsichthülle.

»Ich habe mal, wie Sie mich gebeten haben, alle Fälle zusammengestellt, mit denen Anna-Karin derzeit arbeitet. Die aktuellen stehen ganz oben.«

Christer nahm die Hülle entgegen, die so glatt war, dass sie ihm fast aus den Händen rutschte.

»Ja, und ich muss schon sagen, langsam mache ich mir richtig Sorgen«, fuhr sie fort.

Maarja nahm die Brille ab. Die eng sitzende Bluse war am Hals aufgeknöpft und zeigte einen Goldring, der an einer dünnen Kette hing und in der Kuhle am Hals glitzerte.

War sie Witwe? So jung.

Sie zog ein wenig an der Kette und rieb den Ring.

»Torsten Ehn hat gesagt, Anna-Karin wäre bei ihrer Arbeit bedroht worden«, sagte Christer. »Stimmt das?«

Maarja nickte bedächtig.

»Ja, wir haben einen Klienten, der in der letzten Zeit aggressiv war, der am Telefon bedrohlich agierte und so weiter. Leider gehört es zu unserem Job, mit so etwas umzugehen, das ist nichts Besonderes. Gustav Skoglund, zwanzig Jahre. Alkoholiker. Ihnen sicher bekannt.«

Christer nickte.

Gustav Skoglunds Laune hatte ihn, vor allem wenn Alkohol mit im Spiel war, öfters mal aus dem Gleis getragen. Kleinere Gewalttätigkeiten vor ein paar Jahren in der Nähe der örtlichen Pizzeria Florenz, grobe Sachbeschädigung. Doch wozu er in nüchternem Zustand fähig war, hatte Christer keine Ahnung.

»Haben Sie das angezeigt?«, fragte er.

»Ja, das haben wir getan. Aber Sie haben ja schließlich auch eine Menge zu tun. Aber alle Treffen, von denen wir im Vorhinein wissen, dass sie heikel sind, finden hier im Büro statt«, fuhr Maarja fort. »Wir gehen keine unnötigen Risiken ein. Anna-Karin hat viel Berufserfahrung, sie hat schon oft Jugendliche, die sich in Krisen befanden, in ihrem eigenen Haus empfangen. Sie weiß, wie sie sich da zu verhalten hat.«

Maarja fingerte wieder an dem Goldring an ihrer Kette, zog ihn vor und zurück.

»Torsten Ehn sagte, Anna-Karin wäre in der letzten Zeit gestresst gewesen«, sagte Christer und legte die Plastikmappe auf seinen Schoß.

»Es ging hier turbulent zu, wir hatten Kürzungen und Leute, die aus anderen Gründen aufgehört haben. Und Anna-Karin ist, wie gesagt, eine der erfahrensten Sozialarbeiterinnen, deshalb hat sie zwischenzeitlich eine große Last schultern müssen.«

Maarja lehnte den Kopf an die Nackenstütze.

»Wie sah Anna-Karins Arbeitstag gestern aus?«, fragte Christer.

»Wir haben flexible Arbeitszeiten, deshalb kann ich nicht genau sagen, wann sie am Morgen gekommen ist, aber ich habe sie um viertel nach acht begrüßt. Da saß sie an ihrem Schreibtisch. Das ist normalerweise die ruhigste Zeit des Tages, aber kommen Sie doch einfach mit, dann sehen wir es uns an.«

Maarja stand auf, ging vorweg durch die Tür und dann den Flur hinunter. Sie blieb vor einem Whiteboard stehen, das mit rotem Stift wie ein Kalender aufgeteilt worden war. Links standen die Namen der Sozialarbeiter und rechts ihre Termine außer Haus, Tag für Tag mit Uhrzeit und Fall.

Maarja zeigte auf Anna-Karins Namen ganz oben und dann auf das Kästchen vom Montag.

»15.00: Svensson.«

Das war alles.

»Lassen Sie uns mal in ihr Zimmer gehen und nachsehen«, sagte Maarja und verschwand durch eine offene Schiebetür.

Anna-Karins Zimmer war bedeutend kleiner als das ihrer Chefin, doch ebenfalls mit den klassischen Behördenmöbeln ausgestattet. An der Wand hingen ein Wandbehang und ein Plakat in Pastellfarben mit der Nummer des Frauenhauses.

Mappen mit Gummibändern in ordentlichen Stapeln. In einer Tasse Textmarker. In einer kleinen Keramikvase neben dem Telefon standen ein paar Huflattichblüten und welkten vor sich hin.

Maarja trat an den Schreibtisch und beugte sich über den aufgeschlagenen Kalender auf der Tischunterlage.

Am Montag war kein anderer Besuch als der bei Familie Svensson eingetragen, der Rest der Woche war aber voller Einträge mit Treffen und Hausbesuchen. Um Zeit zu sparen, nahm Christer sein Handy heraus und fotografierte den Wochenplan ab. Dann schlug er die vorangegangene und die nachfolgende Woche auf und tat dasselbe.

An der wattierten Pinnwand hingen ein paar Postkarten und handgeschriebene Briefe. »Danke, dass es dich gibt!« »Ein Licht in der Dunkelheit.«

Offensichtlich barg Anna-Karins Arbeit nicht nur Bedrohung und Elend.

»Wir sollten auch mit den anderen sprechen«, meinte Maarja, »die wissen hoffentlich mehr als ich.«

Sie ging wieder vorweg, diesmal zu einem Zimmer ganz hinten, mit Aussicht auf ein Kiefernwäldchen hinter dem Haus. Als sie den Raum betraten, trafen sie erst einmal auf eine rundliche, kleine Frau in einer knielangen Tunika und mit Dutt. Elise Thunberg. Die arbeitete schon seit Christer denken konnte beim Jugendamt.

Weitere fünf Personen saßen um einen lackierten Fichtenholztisch mit einem von Ostern übrig gebliebenen Läufer, auf dem Hühner abgebildet waren. Die drei Frauen im oberen mittleren Alter, die direkt am Fenster saßen und sich mit ihren grauen Kurzhaarschnitten erstaunlich ähnlich sahen, arbeiteten auch schon lange hier und nickten zum Gruß. Aber das junge Mädchen in gestreiftem Pullover, Rock und grünen Strumpfhosen hatte er noch nie gesehen, ebenso wenig wie den Mann ganz außen in T-Shirt, Jeans und Hosenkette.

Elise starrte Maarja an, während sie ihren dampfenden Suppenteller zum Tisch balancierte.

»Wer ihn nicht kennt, das hier ist Christer Berglund von der Polizei«, stellte Maarja ihn vor. »Wie ihr euch denken könnt, geht es um Anna-Karin.«

Der Mann am Fenster hielt mit der Gabel in der Luft und mit offenem Mund inne.

»Habt ihr sie gefunden?«, fragte Britten Ljungberg, eine der Grauhaarigen.

Christer schüttelte den Kopf.

»Ich versuche herauszubekommen, wann sie zuletzt gesehen worden ist.«

Elise sah die anderen am Tisch an, dann wandte sie sich Christer zu.

»Ich habe sie jedenfalls beim Vormittagskaffee zuletzt gesehen.«

Britten wischte sich den Mund mit einer Serviette ab und sagte:

»Ich bin ihr irgendwann nach der Mittagspause auf dem Flur begegnet. Da hatte sie ihre Jacke an und sagte, sie würde auf Hausbesuch gehen.«

»Wie wirkte sie? Beunruhigt? Bedrückt? Gestresst?«

»Sie meinte, sie habe es eilig, aber ansonsten ganz normal. Wenn sie beunruhigt war, dann hat man es ihr jedenfalls nicht angemerkt.«

Eine andere der Grauhaarigen, Heidi Kleve, warf Maarja einen Blick zu.

»Gestresst sind wir alle hier. Mehr oder weniger. Normalerweise isst Anna-Karin trotzdem immer noch mit uns zusammen zu Mittag, aber gestern hat sie am Schreibtisch gegessen, es muss also schon etwas Besonderes gewesen sein.«

»Um welche Uhrzeit haben Sie sie auf dem Flur getroffen?«, erkundigte sich Christer bei Britten.

»Das kann ich so genau nicht sagen.«

Sie dachte einen Moment nach, während sie ihren Teller sauberkratzte und dann das Besteck weglegte.

»Ich würde sagen, es war gegen zwei Uhr, aber sicher bin ich da nicht.«

In dem Fall wäre es eine Stunde vor dem Besuch bei Familie Svensson gewesen.

»Sie sind sicher, dass sie gesagt hat, sie habe es eilig?«

»Ja, da bin ich sicher. Vollkommen.«

Die Damen sahen einander wieder an, dann wandten sie sich an den Mann, der bisher noch nichts gesagt hatte.

»Wann hast du denn zuletzt mit ihr gesprochen, Zacharias?«, fragte Elise.

Der Mann mit der Hosenkette, der in eigene Gedanken versunken gewesen zu sein schien, fuhr bei der Frage zusammen.

»Das war beim Vormittagskaffee.«

Elise warf Britten einen eiligen Blick über den Tisch zu.

»Aber keiner von Ihnen hat darauf reagiert, dass Anna-Karin nicht zurückkam?«, fragte Christer.

Die Frauen wanden sich ein wenig.

»Gestern war ziemlich viel los«, sagte Elise. »Wir waren wohl alle mit unseren eigenen Sachen beschäftigt.«

Das Mädchen mit dem gestreiften Pullover sah die anderen an. Sie musste ganz neu sein, vielleicht eine Praktikantin.

»Meist gibt es eine ganz normale Erklärung dafür, dass Leute nicht zu der Zeit nach Hause kommen, wie es von ihnen erwartet wird«, sagte Christer. »Aber wenn Anna-Karin im Laufe dieses Tages nicht wieder auftaucht, dann werden wir eine Suchmeldung rausgeben.«

»Wie schrecklich«, meinte Elise, »nicht zu fassen.«

»Falls Ihnen etwas einfällt, das für uns wichtig sein könnte, dann melden Sie sich bitte.«

Christer legte ein paar seiner Visitenkarten auf den Tisch und verließ den Pausenraum. Maarja begleitete ihn zur Tür.

»Das ist wirklich seltsam«, sagte sie. »Normalerweise kann man die Uhr nach Anna-Karin stellen.«

»Das hat ihr Mann auch gesagt. Wie wirkte sie denn in der letzten Zeit so? War da irgendetwas anders?«

»Nein, nicht direkt. Vorige Woche war sie ein paar Tage zu Hause, weil sie krank war.«

»Was hatte sie?«

»Eine Erkältung. Hier hatten ziemlich viele einen Schnupfen.«

Maarja fuhr sich mit der Hand durch die langen Haare, die sie dann über die Schulter warf.

»Geben Sie mir doch auch Ihre Handynummer«, bat sie, »dann kann ich mich gleich melden, wenn mir etwas einfällt.«

Christer gab ihr eine Visitenkarte.

»Tun Sie das«, sagte er.

»Versprochen. Bis später.«

6

Magdalena sah sich in der Teeküche der Redaktion um. Der kleine Raum glich mehr einer Abseite und lag direkt neben der Toilette. Genügte es eigentlich den Richtlinien zur Hygiene am Arbeitsplatz, dass man im Handwaschbecken der Toilette spülen musste? Vermutlich nicht.

Bestimmt würden sie bald die gesamte Hagfors-Redaktion dichtmachen. Lokaljournalismus in Papierform lohnte sich nicht mehr. In jeder Ausgabe der Fachverbandszeitung standen Berichte von neuen Schließungen und Sparmaßnahmen.

Ines aus Sunne hatte auch noch keinen neuen Job, sie arbeitete zwar ab und zu als Freie, war damit aber noch nicht richtig in die Gänge gekommen.

Magdalena goss sich einen Becher Kaffee ein, ging zum Schreibtisch zurück und klickte sich wieder durch den Mail-Verlauf zum Thema Walpurgisverkauf. Anna-Karin Ehn hatte sie noch einmal auf den Anrufbeantworter gesprochen. Hoffentlich meldete sie sich bald.

Rosanna hatte einen aktualisierten Einsatzplan geschickt. Jedes Kind sollte eine halbe Stunde lang verkaufen, immer zu zweit und mithilfe seiner Eltern. Magdalena nippte ein wenig an dem heißen Kaffee, während sie noch mal Nils’ Dienstzeiten checkte.

Oscar meldete, dass Tische, Papierkörbe und Lichterketten organisiert waren, und bekam dafür ein »prächtig!« als Antwort von Tessan, die schrieb:

»Ich habe von allen Eltern Nachricht gekriegt, was sie backen, nur von denen von Mario, Joel und Elsa noch nicht. Hat einer von euch mit denen geredet?«

Magdalena stellte den Becher ab und öffnete ein Antworten-Fenster:

»Ich kann bei Marios Familie nachfragen. Soweit ich weiß, waren die krank. Wenn sie nicht backen können, dann mache ich etwas an ihrer Stelle.«

Drei Sekunden später die Antwort von Tessan:

»Ich finde, das solltest du wirklich nicht tun. Es ist doch unmöglich, dass sich jedes Mal dieselben Familien drücken.«

Noch ehe Magdalena antworten konnte, kam eine neue Nachricht von Rosanna.

»Ganz meine Meinung. Ein paar von uns machen alle Arbeit und andere gar nichts. Warum hat man denn Kinder, wenn man sich nicht mal ein bisschen engagieren kann?«

Magdalena seufzte. Woher nahmen die nur alle ihre Selbstzufriedenheit? Aber klar, wenn man es als Lebensziel betrachtete, sich »um die Kinder zu kümmern und dem Mann den Rücken freizuhalten«, dann war das wohl so.

Sie holte ihr Handy aus der Tasche und wollte eben Andrea anrufen, als das Redaktionstelefon wieder klingelte.

Auf dem Display erschien erneut die Kurzwahl von Bertilsson.

»Da ist noch etwas anderes gekommen«, sagte er. »Um drei Uhr soll im Rathaus ein Zukunftsstipendium vergeben werden. Eine Gruppe Jugendlicher, die dafür kämpfen, dass der Slamlomhügel in Hagfors erhalten bleibt, sollen es kriegen. Ich schicke dir die Mail weiter.«

»Aber meine normale Arbeitszeit endet zurzeit ja um fünfzehn Uhr«, gab Magdalena zu bedenken.

Sie dachte an Petter, der zu seiner Sauna-Baustelle musste.

»Ich weiß, ich weiß«, sagte Bertilsson. »Aber das reißt du doch schnell runter. Ein Foto und zwölfhundert Zeichen.«

Und ehe Magdalena noch etwas sagen konnte, beendete Bertilsson das Gespräch.

Eigentlich hatte sie nichts dagegen einzuwenden, zu arbeiten. Wenn sie könnte, würde sie sehr gerne Vollzeit arbeiten, doch die Verlagsleitung hatte beschlossen, sowohl ihre Stelle als auch die von Björn in Torsby zu verkleinern, um Geld zu sparen. Und natürlich nicht ohne zu versichern, dass dies nicht die journalistische Qualität beeinträchtigen würde. Was vielleicht daran lag, dass Björn und sie sich ständig den neuen Bedingungen anpassten.

Magdalena klickte die Walpurgis-Mails weg. Höchste Zeit, was zu arbeiten.

*

Christer drehte die Heizung im Auto runter und lehnte sich zurück.

»Man kann sich ja schon fragen, warum Anna-Karins Kollegen nicht reagiert haben, als sie nicht wieder ins Büro zurückkam«, sagte Betty.

»Ja, das kann man sich wirklich fragen.«

Die Erklärung der Kolleginnen war ein wenig schwach gewesen.

»Kennst du diese Familie, zu der wir jetzt fahren?«

»Na ja«, sagte Christer, »Keith Svensson hat vor ein paar Jahren mal bei der Feuerwehr mitgemacht, aber mehr als das weiß ich auch nicht.«

Während Betty den Wagen parkte, sah Christer zum Haus der Familie Svensson hoch. Es war heruntergekommen, aber recht beeindruckend, in alle möglichen Richtungen angebaut und von einem großen und wild wuchernden Garten umgeben. Es schien gerade eine größere Renovierung stattzufinden, unter einer Persenning bei der Terrasse lag irgendwelches Baumaterial.

Gute Lage. Kaum Verkehr, Nachbarn nur auf der einen Seite, auf der anderen Wald.

Betty ging vor ihm her den Kiesweg hinauf. Hinter der Tür waren Kinderstimmen zu hören und Geräusche von einem Fernseher oder Computerspiel, doch als sie klingelten, machte niemand auf.

Christer drückte noch einmal auf die Klingel.

»Jetzt machen Sie doch auf«, sagte er. »Wir wissen, dass Sie zu Hause sind. Hier ist die Polizei.«

Die Frau, die schließlich öffnete, starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Das Haar lag ihr in schweißnassen Strähnen ums Gesicht, und der Pullover war voller Milchflecken.

»Sind Sie Andrea Svensson?«, fragte Betty.

Die Frau nickte kaum wahrnehmbar.

»Wir sind von der Polizei«, erklärte Christer, »und wir müssten mit Ihnen reden.«

Mit langsamen Bewegungen ging Andrea in die Küche voraus und sank auf einen Stuhl. Christer setzte sich ihr gegenüber, und Betty hob einen Hockeyschläger auf und lehnte ihn an einen Türrahmen, ehe sie sich setzte.

Der Geruch von Zimtschnecken hing süß und schwer im ganzen Haus, und Christer merkte, wie hungrig er war.

»Ist Keith zu Hause?«, fragte er.

Andrea schüttelte den Kopf.

»Er arbeitet«, sagte sie. »Was wollen Sie denn?«

Christer entschied, nicht lange drum herumzureden.

»Das Jugendamt hat eine Anzeige wegen Ihrer Kinder bekommen.«

»Ja?«, murmelte Andrea in die Tischplatte.

»Und gestern hatten Sie Besuch von einer Sozialarbeiterin, und zwar von Anna-Karin Ehn.«

»Nein, das hatten wir nicht«, sagte Andrea.

»In ihrem Kalender steht, dass sie um drei Uhr hier bei Ihnen einen Hausbesuch machen sollte. Sie war also nicht da?«

»Nein, Sie ist nicht gekommen.«

Zwei kleine Jungs schauten zur Tür herein, ohne etwas zu sagen. Sie sahen sich verwirrend ähnlich mit demselben braungelockten Haar. Sie konnten höchstens ein Jahr auseinander sein.

Im angrenzenden Zimmer lag ein größerer Junge der Länge nach auf dem Bauch vorm Fernseher mit einer Spielkonsole in den Händen. Er war so beschäftigt, dass er nicht einmal zu merken schien, dass sie Besuch hatten.

»Wie viele Kinder haben Sie?«, fragte Betty schließlich, als der kleinste Kerl mit einer schwer herunterhängenden Windel zwischen den ...

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