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Sternstunden

Wolfgang Seidel

STERNSTUNDEN

Die abenteuerliche Geschichte der Entdeckung und Vermessung der Welt

BASTEI ENTERTAINMENT

VORWORT

Globus, Weltkarte und Landkarte zählen zu den bekanntesten und wirkungsmächtigsten Bildmedien überhaupt. Wir kennen sie von Kindesbeinen an, lernen in der Schule, wie sie zu deuten, ja zu entziffern sind. Wir sehen sie täglich im Fernsehen, wenn wir in den Nachrichten die Weltereignisse verfolgen.

Die Weltgeschichte der Karten beginnt allerdings nicht mit Landkarten, sondern mit Sternkarten. Unsere Vorstellung vom Himmel mit seinen Sternbildern und Sternnamen stammt hauptsächlich von den alten Babyloniern. Sie waren die Ersten, die den Himmel vermessen haben, indem sie Sternpositionen notierten, darüber Tabellen anlegten, auf diese Weise Daten erhoben und sogar Berechnungen anstellten. So war es auch in den übrigen alten Kulturen von Ägypten bis China. Dort wurden nur ganz andere Konstellationen zu Sternbildern zusammengefasst. Himmelskarten waren die ersten Karten. Eine der ältesten »Sternkarten« ist die Himmelsscheibe von Nebra.

Landkarten als exakte topografische Landaufnahme sind eine Errungenschaft der Neuzeit. Dazwischen liegt die großartige Geschichte der Weltkarten, die in erster Linie Welt»bilder« sind, und die höchst interessante Geschichte der »Erdkunde« seit der Antike.

Frühe Geografen waren oftmals auch Entdecker. Das gilt schon für Herodot und endet weder bei Marco Polo noch bei den Pazifik-Fahrten von James Cook oder der Südamerika-Expedition von Alexander von Humboldt. Viele ruhmreiche Entdeckernamen sind auf den Landkarten verewigt: Barentssee, Beringstraße, Tasmanien, Vancouver oder Hudson Bay. Mit den Entdeckungen veränderten und erweiterten sich sowohl die Kartenbilder wie die Weltbilder. In Europa wandelt sich nach der überraschenden Entdeckung der Neuen Welt Amerika (1492) und der kopernikanischen Revolution (ab 1543) das Weltbild grundlegend. Die Entdeckerzeit wurde eine Blütezeit des Kartendrucks. Karten wurden nun zu aufregenden neuen Medien für die Europäer. Aber sie bildeten noch keine wirklich exakt vermessene Welt ab. Seit 1609, seit Galilei, werden auch am Himmel immer neue Welten entdeckt; und heute mehr denn je.

Im 19. Jahrhundert werden die weißen Flecken auf der Landkarte erschlossen: Das Innere Amerikas und Afrikas, ihren lokalen Bewohnern natürlich vertraut, kommt erst jetzt »auf die Landkarte« der Europäer. Terra australis wird von der Landkarte gestrichen, Australien endgültig eingezeichnet.

Anfang des 20. Jahrhunderts revolutionierte Alfred Wegener mit seiner Kontinentalverschiebungstheorie die Weltentstehungsgeschichte auf fundamentale Weise und erst 1923 zeigte der Astronom Edwin Hubble, dass es noch weitere Galaxien außerhalb der Milchstraße gibt und dass das Weltall expandiert. Als Wegener und Hubble in den 1920er-Jahren ihre Erkenntnisse formulierten, waren dies ebenfalls noch »abenteuerliche« Vorstellungen. Im 20. Jahrhundert übernehmen Raumfahrt und Astronomie die Führung bei der Entdeckung neuer Welten.

Von all diesen Entdeckungen, die unser Weltbild ständig erweitert und immer wieder revolutioniert haben, handelt das Buch und von der Art und Weise, wie sie ihren Niederschlag in Karten gefunden haben. Die Vermessung von Himmel und Erde begann in der Tat am Himmel. Sternkarten und Weltkarten waren in der Geschichte der Kartografie jahrtausendelang viel bedeutender als Landkarten. Das Buch verfolgt daher beide Entwicklungen parallel.

Drei Ereignisse haben unsere Wahrnehmung der Welt zutiefst verändert:

  1. Bis zur Kolumbuszeit machten sich die Menschen ein mehr oder weniger zutreffendes, nicht-empirisches Weltbild zurecht, das nur die drei Kontinente Europa, (West-)Asien und (Nord-)Afrika umfasste. Entgegen immer noch häufig zu hörender Meinung war die Kugelgestalt der Erde seit der klassischen Antike und im Mittelalter bekannt. Dann folgte die epochale Wendezeit von Kolumbus (1492) und Kopernikus (1543).
  2. Erst mit dem Jahrhundertwerk der ersten empirischen Landvermessung Frankreichs durch die Familie Cassini im Auftrag Ludwigs XIV. ab etwa 1670 beginnt eine neue Epoche der exakten geografischen Landvermessung, auf der alle unsere empirisch-kartografischen Kenntnisse beruhen. Dieses epochale Werk ist das am wenigsten bekannte unter all den großen Erfindungen und Entdeckungen, die mit Welt- und Himmelskenntnis zu tun haben. Nun wird aus einem eher diffusen Welt- und Kartenbild ein maßstabsgetreues Bild der Welt.
  3. Die ersten vom Mond aus aufgenommenen Fotos, vor allem von Apollo 8 aus dem Jahr 1968, zeigen den »blauen Planeten« eindrucksvoll in der Weite des Universums. Zusammen mit den astronomischen Forschungen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart, welche die unendlichen Weiten des Weltalls aufzeigen, machen diese Bilder den Menschen die Winzigkeit unseres Lebensraums nachhaltig bewusst.

Die Weltentdeckungsgeschichte ist damit keineswegs zu Ende. Auf der Erde gibt es immer noch zahlreiche unerforschte Winkel in Regenwäldern, Hochgebirgen und Wüsten, die noch keines Menschen Fuß betreten hat. Nach wie vor werden unbekannte Tier- und Pflanzenarten entdeckt. Die Ozeane und vor allem die Tiefsee sind noch weitgehend unerforscht – ganz zu schweigen von den ungeheuren Tiefen und Weiten des Weltalls.

DIE ÄLTESTEN STERNKARTEN UND WELTBILDER

Der babylonische Tierkreis

Die Astronomie gilt als die Mutter aller Naturwissenschaften: Beim Blick in den Himmel wurden schon in den Frühzeiten der ersten Hochkulturen Naturphänomene akribisch beobachtet, Daten erhoben, Daten aufgezeichnet, Tabellen geschrieben, spätere mit früheren Tabellen verglichen, analysiert – und so Erkenntnisse gewonnen. Sinn und Zweck des Ganzen war, Voraussagen zu treffen über Wintersonnenwenden, Sternkonjunktionen oder Mond- und Sonnenfinsternisse. Denn all das, davon war man überzeugt, hatte etwas zu bedeuten. Es ging nicht um Erkenntnisse über die Natur, sondern über den Willen der Götter und das Schicksal der Menschen. Man sah am Himmel keine Gesteinsklumpen, Gasbälle oder Plasmazusammenballungen, so wie wir heute, sondern man »sah« Götter und Zeichen.

Die Babylonier waren nicht die Ersten, die erkannten, dass astronomische Phänomene in regelmäßigen Abständen wiederkehren. Das ist eine Binsenweisheit, wenn man allein an die Mondphasen oder die Winter- und Sommersonnenwenden denkt. Sie dürften keinem Jungsteinzeitbauern entgangen sein – und wohl nicht einmal den Eiszeitmenschen, wenn man manche Ritzungen in den bemalten Höhlen und Grotten richtig deutet. Doch die Babylonier waren die Ersten, die davon schriftliche Aufzeichnungen anfertigten. Zum Glück auf Tontafeln, nicht auf Papier. Die ältesten bekannten Aufzeichnungen reichen bis ins altbabylonische Reich des Königs Hammurabi zurück, das kurz nach 1900 v. Chr. beginnt. Viele der auf den Tontafeln genannten Sternnamen stammen aus der sumerischen Sprache. Damit ist klar, dass schon die Sumerer, die älteste Hochkultur in Mesopotamien (älter als 3000 v. Chr.), intensive Himmelsbeobachtung betrieben. Sie gaben den Sternen Namen, und diese Sternnamen waren Götternamen wie Anu, Enlil, Inanna. Anus Keilschriftzeichen war ein achtstrahliger Stern und zugleich der Allgemeinbegriff für »Gottheit« und ein Wort für »Himmel«. Enlil bedeutet wörtlich »Herr Wind«, im übertragenen Sinn verstanden als »laute Befehlsstimme«. Eine besondere Aufmerksamkeit galt Inanna. Sie sah man im Abend- und Morgenstern verkörpert, den wir Venus nennen. Die Venus leuchtet in südlicheren Breiten noch größer und funkelnder als bei uns und wurde immer schon als Göttin und nicht als Gott verehrt. Die erotische Bedeutung, die wir mit dem Namen der Göttin »Venus« verbinden, steckt bereits in Inanna. Unter wechselnden Namen wie Ischtar oder Astarte galt Inanna in den orientalischen Kulturen stets als eine der höchsten Gottheiten. Im Zuge des Kulturtransfers, der in der griechischen Frühantike zwischen der orientalischen und griechischen Kultur stattfand, wurde die in Mesopotamien noch wilde, kriegerische, liebestolle und allmächtige Ischtar/Astarte zur lieblichen Liebesgöttin Aphrodite geschrumpft und von den Griechen in ihren Olymp eingegliedert, bei den Römern unter dem Namen »Venus«.

Bevor die Griechen mit der orientalischen Kultur in Berührung kamen, sahen sie die glitzernde Venus übrigens ganz anders. Erstens glaubten sie, dass es sich bei Morgenstern und Abendstern um zwei verschiedene Sterne handelte. Den Morgenstern nannten sie Phosphoros (»Lichtbringer«; lateinisch Lucifer). Der Abendstern hieß Hesperos. Erst als die Griechen astronomische Kenntnisse von den Babyloniern erwarben, wurden sie eines Besseren belehrt: Als sie einsahen, dass es sich um einen einzigen Planeten handelte, wurde der Phosphoros-Hesperos-Mythos hinfällig und sie übernahmen den Ischtar-Astarte-Kult um die Liebes- und Lebensgöttin.

Aufgrund ihrer religiösen Vorstellungen lagen Himmel und Erde für die Menschen des Altertums viel näher beieinander. Sie sahen sich schicksalhaft, fast unterwürfig mit dem Himmel verbunden und versuchten mit allen Mitteln, den Willen der Götter zu erforschen. Omen, Orakel, alle möglichen Formen von Weissagung und Prophetie spielten in den Kulten und Religionen des Altertums eine überragende Rolle. Da sie, anders als die späteren monotheistischen Buchreligionen, keine schriftlich festgehaltene Offenbarung Gottes kannten, waren alle diese »ominösen« Methoden für die Menschen sozusagen die direkte Verbindung zum Jenseits, zum Himmel, zu der göttlichen Sphäre, die ihnen so viel bedeutete.

Man sah kein interstellares Weltall, sondern einen kosmischen Götterhimmel. Einzelne Sterne waren göttliche Wesen. Andere Sterne wurden zu Gruppen und Bildern zusammengefasst und mit mythologischem Gehalt aufgeladen: Die Konstellation, welche die alten Griechen (und wir) als Orion bezeichnen, war für die Sumerer ein Schaf, die alten Ägypter sahen darin Osiris, die Germanen einen Pflug, die Wikinger den Gott Thor, die Südseeinsulaner ein Boot, die Chinesen nannten das ganze Sternbild einfach shen (»drei«) wegen der drei »Gürtel«sterne. Für die Griechen war es der große Jäger Orion, eine mythische Gestalt.

Dass man bezüglich der Sternbilder nicht von abgesunkenem Kulturgut sprechen kann, weiß jeder Zeitungsleser der Horoskopspalte. Die von den bronzezeitlichen Babyloniern geprägten Sternbilder dienen noch heute der Orientierung am Nachthimmel. Wir betrachten keine germanischen oder keltischen Sternbilder, was für Mitteleuropäer ja naheliegen könnte, sondern die sumerisch-babylonischen.

Von besonderer Bedeutung waren die Sternbilder des Tierkreises. Schon die Sumerer sahen im Taurus den »Stier des Himmels«, das mächtigste Tier, auch das bedeutendste Opfertier des ganzen Altertums in der Mittelmeerwelt. Im Sternbild Stier lag damals der Frühlingspunkt. Dieser Zeitpunkt galt in den meisten alten Kulturen als Jahresanfang; das bedeutendste Datum im Kalender. Das Sternbild Löwe markierte die Sommersonnenwende, Skorpion die Herbst-Tagundnachtgleiche, der mythische gehörnte »Ziegenfisch«, später zu Steinbock umgedeutet, die Wintersonnenwende. Auch fast alle Sternbildnamen sind in Babylon vorgeprägt: Zwillinge, Krebs, Waage, Wassermann und Fische. Nur Widder und Jungfrau sind – dem Namen nach – rein griechisch. Die Bilder sind genauso alt wie die anderen.

Der babylonische Kalender

Den Babyloniern verdanken wir nicht nur den Tierkreis und viele Sternbilder. Wie praktisch alle alten und naturnahen Völker folgten sie dem Mondkalender. Der Sieben-Tage-Rhythmus entspricht den vier Mondphasen (1. Viertel, Halbmond, 3. Viertel, Vollmond). Und die Babylonier setzten jeweils einen Feiertag zwischen diese Mondphasen. Dieser Wochenrhythmus ist aber nicht über die Griechen, sondern durch die jüdisch-biblische Überlieferung Bestandteil der westlichen und mittlerweile der Weltkultur geworden. Die Sieben-Tage-Woche ist sumerisch-babylonisches Kulturerbe.

Schon im sumerisch-babylonischen Tierkreis ist der volle Kreis in zwölf Abschnitte à dreißig Einheiten eingeteilt (die dreißig Tage eines Monats). Das ergibt für den Vollkreis 360 Grad, eine Einteilung, die wir heute noch für die Unterteilung eines Kreises in Winkel benutzen: Der berühmte »rechte Winkel«, der 90-Grad-Winkel, ist genau ein Viertelkreis. Darauf beruht dann auch die Einteilung der Erdkugel in geografische Längen- und Breitengrade.

Unsere Zeitrechnung geht ebenfalls auf das von den Babyloniern benutzte Sexagesimalsystem zurück. Daher hat eine Minute nicht hundert, sondern sechsmal zehn Sekunden, eine Stunde dito sechzig Minuten, ein Tag viermal sechs Stunden. Diese Zeiteinteilung gab es schon in Uruk, der ersten Großstadt im 4. Jahrtausend v. Chr. Das Sexagesimalsystem ist eng verknüpft mit dem Fingerzählen, das im Orient nach wie vor im Alltag in Gebrauch ist. Ein sehr altes und sehr elementares Muster.

Wer Reiseführer hat, braucht keine Karten

Die großen Hochkulturen des Altertums an Nil, Euphrat und am Gelben Fluss in China konnten nur entstehen, weil sich ihre Bewohner schon früh darauf verstanden, Kanäle zu bauen, große Flächen zu bewässern und dank dieser Kunst landwirtschaftliche Überschüsse zu erzielen. Dabei mussten vor allem in Ägypten nach der jährlichen Überschwemmung sicherlich Grenzen wieder gezogen und markiert werden. Aus Mesopotamien haben sich Keilschrifttafeln erhalten, auf denen die Vergabe von Feldanteilen dokumentiert ist. Geometrische Kenntnisse und Feldvermessung im kleinen Maßstab hat es bei Ägyptern und in Mesopotamien gegeben. Aber es bestand wohl nie eine Absicht, Karten zu erstellen. Auch heute unterscheiden die Geodäten zwischen der »höheren Geodäsie«, also der Landes- und Erdvermessung, und der »niederen Geodäsie«, der Feld-, Bau- und Katastervermessung.

Karten dienen der räumlichen Orientierung. Doch wenn die Menschen der Antike und des Mittelalters und bis in die Neuzeit eine Wegorientierung brauchten, dann nahmen sie sich einen Führer. In der Anabasis von Xenophon, einem klassischen Werk der griechischen Literatur, kann man sehr schön nachvollziehen, warum die Menschen früher keine Karten brauchten: Der Marsch der Zehntausend, so der geläufige deutsche Titel von Anabasis, ist im Wesentlichen ein Bericht über den Rückzug eines riesigen griechischen Söldnerheeres nach einer verlorenen Schlacht mitten im persischen Feindesland. Um den Weg in die Heimat zu finden, müssen sich die beiden Leiter des Marsches auf vertrauenswürdige Führer verlassen. Der ortskundige Reiseführer ist die leicht übersehene Schlüsselfigur im historischen Reisegeschäft seit der frühesten Antike. Wer einen Führer hatte, brauchte keine Karten zu lesen.

Gleichwohl haben sich aus Mesopotamien zwei Tontafelscherben erhalten, die nach dem heutigen archäologischen Befund als älteste erhaltene »Karten« gelten. Beide Objekte sind etwa handflächengroß. Die Tontafel aus Nuzi (2250 v. Chr) zeigt Ritzungen, die schematisch die Umgebung dieser Stadt darstellen. Der sogenannte Stadtplan von Nippur (ca. 1500 v. Chr.) zeigt einige markante Punkte jener sumerisch-assyrischen Großstadt wie Stadttore, Marktplatz und Tempel, die so nur mithilfe von maßstäblicher Verkleinerung, also dank mathematischer Kenntnisse, möglich waren.

Ebenfalls auf einer handgroßen Tonscherbe aus der Zeit um 600 v. Chr. erkennt man einen offenbar mit dem Zirkel eingeritzten Weltkreis – die vom Ozean umflossene Weltscheibe. In diesen Kreis, das »O«, das für den Kosmos steht, ist ein »T« eingeschrieben. Die dadurch entstandenen drei Felder innerhalb des Kreises stehen für die drei damals bekannten Kontinente Asien, Europa, Afrika. Im Mittelpunkt erkennt man Babylon an seinem Turm. Dies ist eine frühe Ausprägung der sogenannten T-O-Karte, auch Mappa mundi oder Radkarte genannt. Sie wird der vorherrschende Typus der mittelalterlichen Weltbildkarten werden. In christlicher Zeit rückt dann Jerusalem, das ja praktischerweise am Schnittpunkt der Ränder von Europa, Afrika und Asien liegt und das spirituell-religiöse Zentrum des Christentums darstellt, in den Mittelpunkt des T-Kreuzes. Diese Darstellungsform – ein Weltbild, keine Karte – bleibt für zweitausend Jahre das geografische Ausdrucksmittel des Abendlandes.

Die Himmelsscheibe von Nebra

Die Himmelsscheibe von Nebra ist die älteste authentisch überlieferte Darstellung des Sternenhimmels überhaupt – die älteste bekannte Sternkarte. Auf den ersten Blick kommt uns die Nebra-Scheibe mit ihren fast viertausend Jahren sensationell alt vor. Aber aus der Perspektive der zwanzig Kilometer von Nebra entfernten Kreisgrabenanlage von Goseck ist sie relativ jung. Denn die Goseck-Anlage, eines der ältesten Sonnenobservatorien, ist noch viel älter: um 5000 v. Chr. errichtet, also rund siebentausend Jahre alt.

Fast alle alten Kulturen folgten in der »alltäglichen« Zeiteinteilung dem Mond»kalender«. Die so natürlich erscheinende Zeiteinteilung durch die Mondphasen war derart überwältigend naheliegend, dass sie nur den Mond als Kalendertaktgeber berücksichtigten. Da aber das Mondjahr nur 354 Tage hat, im Vergleich zu den 365 Tagen des Sonnenjahres, verschoben sich die Monate allmählich innerhalb der Jahreszeiten. So ist es heute noch im jüdischen und islamischen Kalender. Deren religiöse Festtagskalender sind Mondkalender. Daher wird beispielsweise der Fastenmonat Ramadan über mittlere Zeiträume in verschiedenen Jahreszeiten gefeiert. Auch die Verschiebungen des Osterdatums stehen mit dem Mondkalender in Zusammenhang.

Mondkalender mögen als Zeiteinteilung für Jäger und Sammler funktionieren, aber sie sind keine zuverlässige Zeitbestimmung für die Ackerbauern, die vor allem wissen müssen, wann es Zeit für die Aussaat ist. Ein großes Problem der jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen Kulturen bestand daher darin, ihren Mondkalender mit dem Sonnenjahr in Einklang zu bringen. Eine Möglichkeit lieferten offenbar die Kreisanlagen, die alle dazu bestimmt waren, den Punkt der Wintersonnenwende zu fixieren. Schon die Bandkeramiker, die ersten und ältesten Ackerbauern Mitteleuropas, beschäftigten sich damit. Sie hatten erst wenige Jahrhunderte zuvor hier Fuß gefasst und errichteten um 5000 v. Chr. unter anderem in Goseck solch eine »Sternwarte«. Davon gibt es Dutzende in ganz Mitteleuropa und auf dem Balkan.

Die siebentausend Jahre alte Anlage der Goseck-Bandkeramiker entstand mehr als viertausend Jahre vor den Pyramiden Altägyptens und ist wesentlich älter als Stonehenge (um 2500 v. Chr.). Mindestens so alt sind die astronomischen Kenntnisse in allen Kulturen. Im Vergleich dazu ist die erst nach 2000 v. Chr. entstandene Nebra-Scheibe »jung«.

Die 1999 in Sachsen-Anhalt aufgefundene Himmelsscheibe von Nebra ist ein Glücksfall, weil sie wie ein Schlaglicht eine ganze Szenerie bronzezeitlicher Bauernkultur erhellt, die sonst im Schatten von Bücherwissen und unspektakulären Tongefäßen in archäologischen Museen ein eher kümmerliches Dasein fristet. Die dreitausend Jahre nach Goseck gefertigte Nebra-Scheibe entstand im Rahmen einer ganz anderen, mittlerweile Bronze schmiedenden Keramikkultur. Die Nebra-Leute waren von den Goseck-Bandkeramikern zeitlich so weit entfernt wie wir von den spätbabylonischen Chaldäern. Man darf sie also nicht vermischen.

Nicht nur die Bauernkulturen im Umfeld der Nebra-Scheibe, auch die Babylonier, auch die Chinesen kannten den später nach einem griechischen Astronomen sogenannten Meton-Zyklus, wonach neunzehn Sonnenjahre genau gleich lang sind wie 235 Mondperioden. Auf dieser Erkenntnis, diesem Wissen beruhen die lunisolaren Kalender des frühen Altertums. Alle seriösen Interpretationen der Nebra-Scheibe stimmen darin überein, dass sie eine Funktion als Kalender hatte. Womöglich stützte sie das Gedächtnis der Bauern im Hinblick auf bestimmte Phasen im Ablauf des Jahres – wie jeder moderne Kalender auch. Uns genügt ein Blick auf den Kalender, und wir wissen, wie lange es noch bis zum Urlaubsbeginn dauert. Wir brauchen nicht mühsam im Gedächtnis die Tage zählen. So ungefähr funktioniert die Scheibe auch.

Leider sind uns keine Sternbilder oder Sternbildnamen aus den Bauernkulturen der Nebra-Zeit überliefert, obwohl die damaligen Menschen offensichtlich ebenfalls über beträchtliches astronomisches Wissen verfügten. Aber es gab auf mitteleuropäischem Boden eben nie jene kulturelle Kontinuität wie im Vorderen Orient oder in China. Daher ging all dieses Wissen verloren, und auch unser abendländisches Bild vom Himmel wurde durch die Sternbilder aus dem bronzezeitlichen Babylonien geprägt. Man kann vermuten, dass die babylonischen Sternbilder in der gleichen Bronzezeit (im 2. Jahrtausend v. Chr.) fixiert wurden, aus der die Himmelsscheibe von Nebra stammt.

Sonnenwagen und Goldhüte

Die vor nicht einmal zwanzig Jahren gefundene Nebra-Scheibe gilt als das bedeutendste Kunstwerk der Bronzezeit nördlich der Alpen neben dem schon 1902 durch einen Zufall auf einem Acker in Dänemark ausgegrabenen Sonnenwagen von Trundholm (ca. 1400 v. Chr.).

Der Sonnenwagen ist indessen sehr viel aufwendiger gearbeitet: mit Pferd und Rädern insgesamt sechzig Zentimeter lang, und die auf der Vorderseite vergoldete Sonnenscheibe hat einen Durchmesser von 25 Zentimetern. Die Skulptur ist ein Symbol für die Sonnenfahrt, den Lauf der Sonne am Himmel. Das Goldblech der Scheibe zieren eingepunzte, teilweise ineinander verschlungene Kreismuster und Spiralen.

Diese finden sich gleichfalls auf den etwas bizarr anmutenden Goldhüten, die in der Zeit entstanden, als die Nebra-Scheibe als Hort oder Weihegabe vergraben wurde. Die langen, schmalen Goldhüte laufen oben spitz zu und messen, wie etwa der Berliner Goldhut, 75 Zentimeter. Es handelt sich um sogenannte Zeremonialhüte, Priesterkronen, ansatzweise vergleichbar mit den Bischofsmützen in der katholischen Kirche. Außerdem gibt es weniger exaltiert wirkende Goldkronen, die wie schlichte Helme oder Schalen aussehen. Alle sind in ganz ähnlicher Weise mit Sonnensymbolen versehen wie der Sonnenwagen, und man schreibt diesen »Verzierungen« kalendarische Funktionen zu, was aus ihrer Zahl und Anordnung abgeleitet wird. Die Anordnung ist natürlich bedeutend komplizierter, doch stark vereinfacht gesprochen zählt man auf dem Sonnenwagen von Trundholm 52 Groß-Symbole – so viele Kreise wie das Sonnenjahr Wochen hat.

Angeblich verschlüsseln die Himmelsscheibe von Nebra wie der Trundholm-Sonnenwagen komplizierte Regeln von Schaltmonaten und Schaltjahren, mit deren Hilfe sich Mond- und Sonnenkalender in Einklang bringen lassen – eine hoch abstrakte, mathematisch-geistige Leistung. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte, mit welchen konkreten Inhalten und Anschauungen ein möglicher Sonnenkult bei den bronzezeitlichen Menschen dieses Kulturkreises in Norddeutschland und Skandinavien gefüllt gewesen sein könnte.

Weltenberg und Weltenbaum

Heiliger Berg, Weltenberg, Weltenbaum und Weltachse sind Ausdruck der Vorstellung einer vertikalen Aufstiegshilfe, welche Himmel und Erde miteinander verbindet. Dieses kosmologische Modell findet sich bei vielen Völkern und in vielen Mythen. Es gehört in die kulturgeschichtlich frühe Phase der naturnahen Religionen, die die Natur von vielfältigen geistigen und Geisterkräften belebt sahen. Im Schamanismus ist die Vorstellung vom Weltenbaum oder der Weltachse eng verbunden mit der Jenseitsreise, dem Aufstieg der Schamanen in die Geisterwelt. Gebaute Weltenberge sind die Zikkurats in Mesopotamien (populär als Turm von Babel) sowie die Pyramidentempel der Mayas (aber nicht die ägyptischen Pyramiden; diese sind Grabmäler). Auch die »heiligen Berge«, die ganz real auf der Erde herumstehen, sind solche Weltenberge. Zu den bekanntesten zählen der Fudschijama in Japan oder der Olymp in Nordgriechenland. Bei den Kelten, die auf Naturheiligtümer geradezu spezialisiert waren, gab es heilige Berge in Fülle. Viele wurden in christlicher Zeit mit Kirchen bekrönt: Auf so einem heiligen Berg stehen die Kathedrale von Chartres, die Wallfahrtskirche Vézelay in Burgund, in Bayern das Kloster Andechs oder der Freisinger Dom; berühmt ist auch der Odilienberg im Elsass.

Der heilige Berg des Christentums schlechthin ist der Jerusalemer Golgatha. Das Kreuz, an dem Jesus dort hingerichtet wurde, ist ein symbolischer Weltenbaum. Alle symbolischen T-O-Weltkarten des Mittelalters zeigen Jerusalem als Mittelpunkt, als Nabel der Welt. In der christlichen Kultur gibt es kein mächtigeres topografisches Symbol, das zudem so tief reichende religiöse Wurzeln hat.

Eine Variante des Weltenbaums ist die (achtteilige) Himmelsleiter im Awesta und im Mithras-Kult. Im Alten Testament und in den Volksmärchen kommen ebenfalls Himmelsleitern vor. Auch der siebenarmige Leuchter ist ein Weltenbaum: Er trägt die sieben Planeten – allesamt leuchtende Objekte.

In manchen Mythologien stellt man sich die Welt(scheibe) als von einem Ringgebirge umgeben vor. In etlichen Sprachen des Nahen Ostens wie Persisch, Arabisch, Armenisch, und Türkisch ist das Wort Qaf der dafür zentrale Begriff, der sich in »Kaukasus« (russisch: Kawkas, türkisch: Kavkas) wiederfindet.

Solche vereinfachten, anschaulichen kosmogonischen Modelle gibt es noch in der Moderne. Wenn beispielsweise von der Entstehung des Lebens die Rede ist, spricht man manchmal von der »Ursuppe«, um teils erforschte, teils vermutete, auf jeden Fall sehr komplexe Zusammenhänge auf einen einfachen Nenner zu bringen.

Der Nabel der Welt

Ein Hauptkultort und zentraler Wallfahrtsort der Antike war das Apollon-Heiligtum samt Orakel von Delphi. Hier stand auch der Omphalos, für die Griechen der Nabel der Welt.

Der Altarstein ist heute noch erhalten: ein etwa einen halben Meter hoher, eiförmiger und innen hohler Marmorblock. In Steinmetzarbeit ist der Omphalos in rautenförmigem Muster mit einem Girlandennetz überzogen, das ungesponnene Wolle darstellen soll. Ein gängiges Muster, das sich ebenfalls auf Vasen und Münzen findet. Der delphische Omphalos wird aber auch als komplexes bronzezeitliches Weltachsensymbol gedeutet. Dann gilt das Netzgitter als Darstellung kosmischer Kreisbahnen.

Nach griechischem Mythos schickte Zeus zwei Adler vom Ost- und Westrand der Welt aus, die aufeinander zufliegen sollten. Sie trafen sich in Delphi. Alte Weltbilder sind typischerweise symmetrisch. Sie brauchen eine Mitte. Der Umstand, dass die Adler von den Rändern aus aufeinander zuflogen, setzt die Vorstellung einer Scheibe voraus. Bei einer Kugel wäre das nicht möglich. Die Scheibenform war die alte homerische Vorstellung von der Welt, die bei den Griechen in der klassischen Zeit ab etwa 500 v. Chr. von der Kugelvorstellung verdrängt wird.

Delphi war für die Griechen das, was Rom für die katholische Kirche, Jerusalem für Judentum und Christenheit und Mekka für die Muslime bedeutet: das geistig-spirituelle Zentrum. An einer geheimnisvollen Erdspalte gelegen, verband Delphi die Welt und die Unterwelt. Es war schon in vorgriechischer Zeit ein Kultort, vielleicht im Zusammenhang mit den Megalith-Kulturen, zu denen auch die Steinkreise gehören. Die Gottheit Apollon ist, wie beispielsweise auch der Athene-, Artemis- oder Dionysos-Kult, ebenso wenig griechischen Ursprungs wie der Name »Apollon«. Die Griechen haben diese Götter in ihren Olymp integriert. In seinem Epos Theogonie (»Göttergeburt«), das etwas älter ist als die Werke Homers, verschmilzt Hesiod die verschiedenen Kulte und Götterfiguren zu der bekannten olympischen Götterfamilie. Zwischen denjenigen, welche die Griechen mitbrachten (Zeus, Hera) und denjenigen, die sie in den Landschaften der Ägäis bereits vorfanden, ersann Hesiod ganze Göttergenerationen und »verwandtschaftliche« Beziehungen. Die antiken Zivilisationen hatten kein Problem damit, eine Vielzahl von Kulten nebeneinander bestehen zu lassen. Sie waren religiös tolerant und eher integrativ. Von den Musen inspiriert schuf Hesiod so das einigermaßen kohärente Götter-Weltbild der Griechen. Wobei die Griechen keine Götter als Sterne oder Sternbilder an den Himmel projizierten. Dorthin gelangten nur mythische Helden und Heldinnen wie Orion, Herkules, Andromeda, Kassiopeia und Perseus oder mythische Tiere wie Pegasus und Phönix. Die Theogonie enthält auch den einzigen Schöpfungsbericht der Griechen. Danach entsteht die Welt aus Chaos und Gaia. Zu Nachkommen von Gaia zählen auch Helios (Sonne) und Selene (Mond).

Delphi galt länger als tausend Jahre in der ganzen Welt zwischen Italien und Kleinasien als bedeutendstes Orakel. Kein anderes wird in der Mythologie und später in der überlieferten Geschichte so oft befragt, keines erhält so viele fromme Stiftungen und Weihegaben aus nah und fern, die delphischen Priester hatten enormen politischen Einfluss.

Der Urmeilenstein der Römer

Auch die Römer hatten einen Omphalos, den umbilicus urbis Romae, den Nabel der Stadt Rom. Von hier aus wurden die Meilen der Römerstraßen in Italien gezählt. Er befand sich auf dem Forum, in der Nähe der Rostra, der Rednertribüne. An diesem auch innerhalb des Forums sehr zentralen Platz berührten sich nach der mythologischen Vorstellung der Römer Oberwelt und Unterwelt. Hier stand ein kleiner Tempel, zu dessen unterirdischen Gewölben eine schmale Tür führte, die nur dreimal im Jahr rituell geöffnet wurde. Diese unterirdische Welt war für die Römer der eigentliche Nabel der Welt und genau diesen Ort bezeichnete man im Lateinischen mit mundus, was wir heute geläufig mit »Welt« übersetzen. Von dieser Unterwelt im Nabel der Welt erweiterte sich der Begriff später auf die ganze Welt.

Die drei Tage der Öffnung des mundus waren im römischen Kalender dies nefasti: An diesen Tagen durften keine wichtigen Handlungen vollzogen werden, weil man damit rechnen musste, dass böse Geister aus der Unterwelt herumspukten. (Ähnlich wie bei den Lostagen in der keltischen und germanischen Mythologie, auf denen Halloween und manche Neujahrs- und Fastnachtsbräuche mit ihren knalligen Geistervertreibungen beruhen.)

Auch Delphi war übrigens solch ein sogenannter chthonischer Ort. Der berühmte Apollon-Tempel, wo die Pythia des Orakels weissagte, stand über einer Erdspalte, aus der angeblich die Dämpfe quollen, welche sie zu ihren Prophezeiungen befähigte. Diese Erdspalte, in der einst ein Drache hauste, den Apollon erschlagen hatte, betrachtete man als einen Eingang zur Unterwelt, zum Schoß der sehr archaischen Erdgöttin Gaia.

Nabel der Welt, Zentrum der Welt, Unterwelt, mundus sind also nicht nur geografische Orientierungspunkte, sondern aufs Engste verknüpfte Bilder einer jenseitigen Welt.

Das Weltbild Homers

Im homerischen Weltbild bildet das Festland eine Art Insel auf einer Scheibe, die vom okeanós umflossen wird. Besonders große Ausdehnung hatte diese Welt-Insel und Scheibenwelt nicht: Sie umfasste die Länder rund um die Ägäis, das östliche Mittelmeer bis hinunter nach Ägypten. Den okeanós stellten sich die frühen Griechen als Weltenstrom vor, erst Herodot (um 450 v. Chr.) sprach von einem Weltmeer.

Die Scheibenwelt mit der sich wie bei einer Schneekugel darüber wölbenden fixen Himmelsschale war ein in frühen Kulturen weitverbreitetes kosmisches Weltbild. Demnach war der Kosmos erstens geschlossen und zweitens ruhte er vollkommen statisch in sich und war zugleich Welt und Weltraum. Dass die Menschen der Antike und des Mittelalters bis in die Kolumbuszeit an dieser Vorstellung der homerischen Scheibenwelt festgehalten hätten, ist ein pseudowissenschaftliches Märchen des 19. Jahrhunderts. Die Vorstellung von der Scheibenwelt war bereits bei den klassischen Griechen (Platon, Aristoteles) überwunden. Seit Aristoteles hat niemand mehr ernsthaft die Kugelgestalt infrage gestellt. Zwar war die Vorstellung von der Scheibe auch diejenige des Alten Testaments und waberte daher bis ins Mittelalter hinein. Trotzdem war für jeden gebildeten Mittelaltermenschen die Erde rund. Nichts verdeutlicht dies besser als der byzantinische und auch im Westen gebräuchliche Reichsapfel, der »Erdapfel«, das Symbol für »Weltherrschaft«.

Die geografischen Horizonte der Griechen waren durch ihre Mythen und Seereisen bestimmt. In der Argonauten-Sage hörten sie von Kolchis und dem Schwarzen Meer. In der Prometheus-Sage vom Kaukasus. In der Herakles-Sage von den Säulen des Herakles (Meerenge von Gibraltar). In der Perseus-Sage von den Küsten Äthiopiens, wo der Held Andromeda befreit. All dieses Mythenpersonal ist bis heute als Sternbilder am Himmel verewigt.

Homers Schiffskatalog (Ilias, 2. Gesang), in dem die vor Troja versammelten Griechen nach Schiffen und Herkunftsorten aufgezählt werden, liefert eine geografische Bestandsaufnahme der damals bekannten griechischen Welt. Er nennt fast nur Orte auf dem griechischen Festland, aber so gut wie keine der zahlreichen bewohnten Inseln der Ägäis. Ausnahmen sind Rhodos und die Odysseus-Insel Ithaka. Daher nehmen die Literaturhistoriker an, dass dieser Schiffskatalog wesentlich älter ist als die Ilias selbst. Demnach handelt es sich bei diesem topografischen Katalog um das älteste Stück abendländischer Literatur überhaupt. Mit anderen Worten: Unsere älteste Literatur ist ein geografischer »Altas«.

Aus der Odyssee konnte das gespannt zuhörende Publikum gleichfalls einiges über die Inselwelt des Mittelmeers erfahren. Neben zahlreichen Inseln mit Fantasienamen werden Kythera, Zakynthos, Lesbos, Chios und Psyria oder auch das Kap Malea genannt. In Homers Werk spiegelt sich im Übrigen auch, dass die Griechen im 7. Jahrhundert v. Chr. noch kaum über nennenswerte astronomische Kenntnisse verfügten. Abendstern und Morgenstern behandelt er als zwei verschiedene Sterne, seine Kenntnis des Tierkreises ist lückenhaft. Erst im 4. Jahrhundert v. Chr., ab der Zeit Platons, fließen vermehrt astronomische Kenntnisse nach Griechenland; dieser Kulturinput erreicht seinen Höhepunkt im 2. Jahrhundert v. Chr.

Die Große Suppenkelle

Der Beginn der chinesischen Himmelskunde wird in China mit dem legendären Gelben Kaiser Huangdi (ca. 2650 v. Chr.) in Verbindung gebracht. Während der chinesischen Bronzezeit entwickelten die Chinesen einen Mond-Sonne-Kalender, nach dem sich noch in der Gegenwart ihre Feiertage richten. Sie haben einen ganz eigenen Tierkreis, der völlig anders funktioniert als der babylonische Tierkreis, eine eigene Elemente-Lehre und, wie in der orientalisch-europäischen Antike, Regeln, an denen man »gute« und »ungünstige« Tage erkennt. Die frühesten kosmologischen Modelle ähneln dem homerischen Weltbild. Als ältester chinesischer Astronom gilt der Schamane Wu Xian aus der Bronzezeit, ebenfalls eher eine legendäre Figur, deren Lebensdaten unbekannt sind. Ihm wird eine Karte mit rund 140 Sternen zugeschrieben.

Die Chinesen »lesen« den Sternenhimmel deutlich anders als der Westen in seiner babylonisch-hellenistischen Tradition. Vor allem »sehen« sie ganz andere Sternbilder, deren Benennung nichts mit den uns geläufigen Namen zu tun hat. Die einzigen drei Sterngruppen, die in China wie im Westen zu einem Bild zusammengefasst werden, sind Großer Bär, Kleiner Bär und Orion. Das ganze Bild des Orion nennen die Chinesen shen, was nichts anderes bedeutet als »drei«, wegen der auffällig in einer Reihe stehenden »Gürtel«sterne. Großer Bär (Großer Wagen) wird in China »Große Suppenkelle« genannt – wofür ja auch einiges spricht, wenn man sich das Sternbild ansieht. Dito »Kleine Suppenkelle«.

Der Polarstern, um den sich der ganze nördliche Sternenhimmel dreht, spielt im astronomischen Denken der Chinesen eine überragende Rolle. Durch ihn verläuft die kosmische Weltachse – und der Kaiserpalast ist sozusagen der irdische Polarstern im Reich der Mitte. Diese Vorstellung prägt das chinesische Weltbild zutiefst. Vom höchsten Fixstern ausgehend, teilen die Chinesen den Himmel nach einem recht komplizierten System in 28 Häuser ein.

Seit dem 4. vorchristlichen Jahrhundert, noch vor der chinesischen Einigung zum Kaiserreich (221 v. Chr.), gab es bereits wirkliche und nicht nur legendäre Sternenkataloge. Also praktisch zur gleichen Zeit, als der griechische Astronom Hipparch den ersten bekannten westlichen Katalog anlegte. Die ältesten beiden chinesischen Kataloge (von Shi Shen und Gan De) sind verschollen, bildeten aber wohl die Grundlage für alle nachfolgenden Sternenkataloge der Han- und Tang-Dynastie.

DIE ERSTEN »NATURWISSENSCHAFTLICHEN« WELTBILDER

Ionien – Drehscheibe zwischen Orient und Griechenland

Bevor Athen nach der erfolgreichen Abwehr der Perser (Marathon 490 v. Chr., Salamis 480 v. Chr.) zum politischen und kulturellen Mittelpunkt wurde, lag das geistige und ökonomische Zentrum der griechischen Welt auf der gegenüberliegenden Seite der Ägäis an der heutigen türkischen Westküste, in Ionien. Die Hafenstadt Milet, an der Mündung des Flusses Mäander, war in der Frühantike und in der klassischen Antike die wichtigste Handelsstadt. Hier gaben sich Ost und West die Klinke in die Hand – wenn es damals schon Türklinken gegeben hätte.

Für die Griechen war das, was wir heute als Türkei, Anatolien oder Kleinasien bezeichnen, Asia. Von diesem nächstgelegenen Asia wurde der Begriff im Lauf der Zeit immer weiter ausgedehnt, je mehr man von Asien kennenlernte.

Im Vergleich zu den benachbarten Assyrern, Phöniziern und den alten Ägyptern waren die Griechen in den ionischen Städten Milet, Ephesos, Priene, Didyma, Larissa, Smyrna und auf Inseln wie Samos, Rhodos, Kos oder Lesbos ein »junges« Volk. Die Westküste von Asia lag an der äußersten Peripherie der alten bronzezeitlichen Hochkulturen, die ihren Zenit längst überschritten hatten. Die Hethiter, einst eine Großmacht in Anatolien, die auch das Mäandertal beherrscht hatte, waren untergegangen. Die kretischen Minoer, die um 1500 v. Chr. rund um den Hafen von Milet die Oberschicht bildeten, waren als Kultur ebenfalls ausgelöscht. Die Assyrer und die alten Ägypter wurden durch die eisenzeitliche Wanderung oder Seevölker-Wanderung derart in Mitleidenschaft gezogen und geschwächt, dass sie sich in einer Niedergangsphase befanden. Die Sage vom Trojanischen Krieg ist vielleicht ein Echo dieser von Gewalt, Tod und Brand gekennzeichneten Phase des Untergangs der bronzezeitlichen Kulturen rund um die Ägäis.

Dank der räumlichen Nähe zur Levante, die durch die Schifffahrt entlang der südanatolischen Küste leicht vermittelbar war, traten die Ionier in intensiven Handels- und Kulturkontakt mit dem Nahen Osten. Öl, Wolle, Purpur waren begehrte Handelsgüter. Die syrische Provinz begann schon im heute türkischen Alanya. Hier waren nach den Altbabyloniern und den Assyrern mittlerweile die neubabylonischen Chaldäer die politischen Herren des Geschehens. Der bekannteste neubabylonische Herrscher ist Nebukadnezar II. Laut dem historisch nicht bestätigten Bericht in der Bibel soll er um 590 v. Chr. Jerusalem und seinen Tempel zerstört und die Juden nach Babylon verschleppt haben.

Die erste berechnete Voraussage einer Sonnenfinsternis

Milet, die geistig lebhafte, multikulturelle Stadt des Handels und Wandels an der Mäandermündung war die Heimat von Thales (ca. 625–547 v. Chr.). Dort entwickelte sich erstmals in der Geschichte ansatzweise eine Schule rationalen, empirischen Denkens. Laut Herodot soll der Gelehrte Thales für den 28. Mai 585 v. Chr. eine Sonnenfinsternis vorausgesagt haben. Manche behaupten, er hätte nur das Jahr richtig genannt.

Über Thales’ Leben ist so gut wie nichts bekannt und von seinen angeblichen Werken nur die Titel: Nautiké astrología (»Sternkunde für die Schifffahrt«), Perí tropes (»Über die Sonnenwende«), Perí isemerías (»Über die Tagundnachtgleiche«). Allein die Titel zeigen, dass er hauptsächlich Astronom war. Es heißt, Thales sei nach Ägypten gereist, möglicherweise auch nach Babylonien. In irgendeiner Form nahm er am ost-westlichen Kulturaustausch teil. Zu jener Zeit verfügten jedenfalls die chaldäischen Neubabylonier, die intensiv Astronomie betrieben, über genügend Wissen und zuverlässige Aufzeichnungen, die weit genug zurückreichten, um Berechnungen für die Vorhersage einer Sonnenfinsternis anzustellen. Vielleicht übernahm Thales die Daten, vielleicht konnte er schon selbst derartige Berechnungen vornehmen. Ob tatsächlich geschehen oder nur gut erfunden, markiert dieses Datum den für uns greifbaren Beginn einer für Europäer neuen Weltsicht, die aus empirischen Beobachtungen Schlüsse zieht und Naturphänomene nicht auf göttliche Einwirkung zurückführt. Dies wurde dann aber erst in der Moderne die wirklich einzige, allgemein anerkannte (natur)wissenschaftliche Methode. Als Naturgelehrter hielt Thales Wasser für das Urelement schlechthin.

Abschied von der Scheibenwelt

Der bedeutendste Thales-Nachfolger war Anaximander (ca. 610–545 v. Chr.). Ob hier ein klassisches Lehrer-Schüler-Verhältnis bestand, ist nicht bekannt. Aber nach dem wenigen, was wir über Anaximander wissen, muss er die wichtigsten Lehren des Thales gekannt haben. Er scheint ein angesehener Bürger gewesen zu sein, denn er war wohl als Anführer an der Gründung einer Kolonie der Stadt Milet an der Schwarzmeerküste beteiligt.

Von Anaximander stammt eine völlig revolutionäre Idee. Er stellte sich vor, dass die (zylindrische) Erde ohne weitere Stütze ruhig inmitten des Universums »schwebe«. Das ist die Abkehr von der Scheibenwelt Homers, wo die Welt wie eine Schneekugel auf festem Untergrund ruhte. Anaximander dagegen stellte die Welt in den (Welt-)Raum. Das war zwar spekulativ und nicht empirisch gedacht, aber er folgte damit nicht mehr den überkommenen mythologischen Vorstellungen, wie man sie bei Hesiod, bei Naturvölkern oder in der Bibel findet.

Eine Theorie vorzuschlagen, obwohl sie spekulativ ist, stellt Anaximander in die Tradition der milesischen Naturdenker, auch wenn »Zylinder« die falsche Theorie war; »Kugel« wäre richtig gewesen.

Mithilfe einer Theorie wurden Naturthemen diskutierbar. Der Anaximander-Schüler Anaximenes widersprach der Wasser-Vorstellung von Thales mit dem Argument, ein Urelement müsse überall im Kosmos vorhanden sein. Da es aber viele Orte ohne Wasser gäbe, vor allem auch am wolkenlosen Himmel, müsse die Luft, die überall vorhanden ist, das Urelement sein. Diese Art der Argumentation – in kritischer Auseinandersetzung einen gedanklichen Neuansatz zu suchen (Theorie) und ihn zu begründen – entspricht dem Muster modernen rationalen Denkens.

Erst Anaximanders Vorstellung der Erde als frei im Raum schwebendes Gebilde ermöglichte die Entwicklung von Theorien einer Himmelsmechanik, die dann Teil der griechischen Astronomie wurde. Er ist der eigentliche Begründer des geografischen und kosmischen Weltbildes der Antike und des Mittelalters mit der ruhenden Erde im Mittelpunkt des Universums. Dieses geozentrische Weltbild wurde von dem Universalgelehrten der Alexander-Zeit, von Aristoteles, letztlich kanonisiert und von Ptolemäus in der Spätantike »katalogisiert«.

Doch von Anaximander stammen noch weitere bis dahin unerhörte und vollkommen revolutionäre Gedanken. So hatte er als Erster die Vorstellung eines unendlichen und unbestimmten Universums (apeiron), eines Kosmos. Der von Anaximander geprägte Begriff »Kosmos« beinhaltet im Griechischen nicht nur »Welt« und »Ordnung«, sondern auch »wohlgeordnete Welt«, »schöne Ordnung« mit einem gewissen ästhetischen Reiz. (Das Wort ist eng verwandt mit dem uns geläufigen Begriff »Kosmetik«.) Er postulierte ferner die mögliche Existenz mehrerer Welten und erklärte Blitz und Donner durch die Kollision von Wolken, ähnlich wie die Funken und der Lärm in einer Schmiede. Er und Anaximenes hielten Luft für das Urelement – und in dieser Reihenfolge: Wind, Wolken, Wasser, Erde, Gestein für immer weitere Verdichtungen von Luft. Feuer wurde als verdünnte Luft betrachtet. Auch ein naturwissenschaftliches Weltbild. Neu an dieser Art des Denkens war, dass Anaximander all diese Phänomene auf natürliche Ursachen zurückführte und nicht auf blitzeschwingende Götterväter oder sonstiges Mythenpersonal.

Was über Anaximander bekannt ist, verdanken wir kurzen Erwähnungen bei Aristoteles und Plinius sowie späteren Geografen wie Strabon und Eratosthenes. Er hatte noch eine weitere bahnbrechende Idee. Eratosthenes gibt an, Anaximander habe eine Weltkarte entworfen, die sich auf einer sphärischen Form befunden habe, und Hekataios habe sie verfeinert. Davon ist außer dieser Erwähnung sonst nichts überliefert, aber sie scheint gezündet zu haben. Der grundlegende Gedanke jeder Kartografie ist schließlich, überhaupt eine (Welt-)Karte als eine geografische Gesamtvorstellung der bekannten, bewohnten Welt anzufertigen.

Die »Weltkarte« des Hekateios

Mit Hekateios, der um 500 v. Chr., also zur Zeit der persischen Invasion, in Milet lebte, wird der erste geografische »Forschungsreisende« der Antike fassbar. Wie sein etwas jüngerer Zeitgenosse Herodot, der berühmte »Vater der Geschichtsschreibung«, bereiste der aus wohlhabender Familie stammende Politiker und Diplomat den Nahen Osten bis nach Ägypten und verfasste darüber einen sogenannten Periegesis (wörtlich: »Umlauf«), eine Art Reisebeschreibung von einer Station zur nächsten. Im Nahen Osten, wo Hekateios auch unterwegs war, hatten wenige Jahrzehnte zuvor, um 540 v. Chr., die Perser die Chaldäer als Herrscher abgelöst. (Das war ungefähr so, als würden die Iraner heute Irak, Syrien, Südtürkei und Libanon besetzen.)

Von Hekataios’ Schriften sind keine Originaltexte erhalten. Die Angaben stammen größtenteils aus einem byzantinischen geografischen Lexikon des 6. Jahrhunderts n. Chr., sind also tausend Jahre jünger als die Periegesis. So dürftig und indirekt ist oftmals die Quellenlage wegen des ungeheuren Bücherverlustes der Antike. Natürlich gibt es keine überlieferte grafische Version der Hekataios-Karte – das wäre ein Trumpfblatt der Kartografiegeschichte und ein Welturkundenerbe ersten Ranges.

Hekataios’ katalogartige Erdbeschreibung beginnt im Westen an den Säulen des Herkules (in der Meerenge von Gibraltar), folgt dem nördlichen Mittelmeerrand (Spanien, Italien, Balkan bis nach Kleinasien) und kehrt über Ägypten und Libyen (Nordafrika) an die Säulen des Herkules zurück. Es handelt sich um eine Aufzählung der Völker, Stämme, Grenzen, Städte, Flüsse und Gebirge an den Küsten. Gelegentlich dringt er ins Landesinnere vor. Durch die Angabe von Entfernungen und Himmelsrichtungen kann die Lage von Örtlichkeiten zueinander bestimmt werden. Darüber hinaus gibt Hekateios landeskundliche Hinweise auf das Brauchtum, die Gründungssagen, Flora und Fauna. Herodot übernahm später einige der Angaben von Hekateios, etwa die Phönix-Sage aus Ägypten.

In dieser aufzählenden Beschreibung wird für uns die geografische Weltvorstellung der griechischen Antike erstmals konkret fassbar. Wirklich bekannt ist nur die Welt des Mittelmeeres, das in seinen wesentlichen Umrissen einigermaßen richtig dargestellt ist. Afrika reicht allenfalls bis zur Sahelzone, in Asien sind der Persische Golf und der Indus bekannt, die riesige Entfernung ist jedoch stark verkürzt. Indien selbst und ganz Ostasien fehlen. Europa nördlich der Alpen ist im Detail ebenfalls unbekannt, auch wenn bei Hekataios erstmals die Kelten schriftlich erwähnt werden.

Die Erde ist eine Kugel

Diese Aussage trifft der Überlieferung nach der kolonialgriechische Gelehrte Pythagoras (um 560–480 v. Chr.), wobei er sich die Erde als eine geometrisch perfekte sphärische Kugel vorstellte.

Pythagoras’ Bild schwankt zwischen Magier und Mathematiker – und vermutlich war er beides. Eine schillernde, geradezu legendäre Persönlichkeit. Auch im Mittelalter war Pythagoras bekannt und geschätzt. Man sah in ihm den Begründer der Mathematik schlechthin (»Lehrsatz des Pythagoras«). Er stammte von der Insel Samos, die Milet unmittelbar vorgelagert und heute noch griechisch ist. Pythagoras soll ein Thales-»Schüler« gewesen sein. Aus politischen Gründen verließ er im Alter von etwa vierzig Jahren seine Heimatinsel und wanderte in die blühende griechische Kolonialstadt Metapont in Süditalien aus. Die Stadt war reich vom Weizenexport aus ihrer Umgebung. Das benachbarte Sybaris, ebenfalls eine Griechenkolonie, wurde sprichwörtlich für seinen Luxus.

Im Metapont begründete der anscheinend rhetorisch sehr überzeugende und als Persönlichkeit faszinierende Gelehrte eine philosophische Schule, in der manche eine Sekte, andere eine Geheimgesellschaft sehen; bekannt ist, dass sie sich vegetarisch ernährten. Pythagoras, den moderne Gelehrte zuweilen als eine Art Schamanen mit außergewöhnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten charakterisieren, vertrat eine Seelenwanderungslehre und postulierte, da er sich neben Mathematik auch sehr viel mit Musik beschäftigte, eine »Sphärenmusik« oder »Sphärenharmonie« zwischen den Planeten.

Ob das pythagoreische Weltbild von Pythagoras selbst stammt oder erst nach seinem Tod von seinen Anhängern entwickelt wurde, ist umstritten. Danach kreisen die Planeten um ein Zentralfeuer – das aber nicht die Sonne ist! Auch Sonne, Mond, Erde (und Gegenerde) kreisen als »Planeten« um dieses Feuer. Der Pythagoras-Schüler Philolaos gilt als der prononcierteste Vertreter dieser Vorstellung, die er vielleicht sogar ganz autonom entwickelt hat. Die Pythagoreer vertraten jedenfalls kein geozentrisches Weltbild. Anaximander (Zylinder) und Hekataios hatten noch keine Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde; sie sahen sie nur als sphärisch, als irgendwie gebogen an. Die Kugelgestalt kommt als Idee, als eine Art philosophische Spekulation wahrscheinlich aus der pythagoreischen Denkschule jener Zeit um 500 v. Chr. Einen einzigen »Entdecker« der Kugelform der Erde gibt es nicht.

Sich die »Welt«, Erde und Weltall, als Kugelform vorzustellen, passt zu den mathematisch-abstrakt, aber auch transzendental-religiös denkenden Pythagoreern. Wenn der Kosmos so göttlich harmonisch sein sollte, dass darin sogar die Sphären harmonisch klingen, dann konnte man sich darin nur perfekte geometrische Körper vorstellen und als perfektester Körper galt die »Sphäre«, die Kugel.

Die Kugelgestalt der Erde war bei allen maßgeblichen griechischen Autoren nach 500 v. Chr. herrschende Meinung. Gerade auch bei Platon und Aristoteles, weil dies so schön zu den »kosmischen« Idealvorstellungen passte.

Norden, Süden, Osten, Westen

Zu Homers Zeiten hatte man im Alltag die Namen der Winde als ungefähre Angaben von »Himmelsrichtungen« verwendet: Zephyr (lateinisch favonius) für den Westwind, Boreas (lateinisch aquilo) für den Nordwind, Notos (lateinisch auster) für den Südwind, Apeliotes oder Euros (lateinisch eurus) für den Ostwind. (»Europa« bedeutet, entsprechend der Herkunftssage über die Entführung der phönizischen Königstochter durch den Stier von der phönizischen Küste nach Kreta: die aus dem Osten Gekommene.) Diese frühe Form von Richtungsangaben war also noch mythologisch unterlegt. Nicht anderweitig erklärbare Naturkräfte wie den Wind hielt man für »göttlichen Ursprungs«. Wenn die Götter solche Kräfte entfalten konnten, dass sie Wind, Sturm, Vulkanausbrüche oder Fluten hervorriefen, mussten sie übermächtig oder »allmächtig« erscheinen. Deswegen waren sie »gefürchtet« und wurden mit Respekt (»Ehrfurcht«) behandelt. Vorsichtshalber versuchte man sie durch Opfergaben zu »besänftigen« – was man alles anschaulich bei Homer nachlesen kann. Götterbesänftigung, Erntedankopfer, Vorzeichendeutung auf Schritt und Tritt – in der abergläubischen Welt der Antike lag des Schicksal jedes Einzelnen und das der Gemeinschaft in der Hand der Götter. Auch dies ein Grund für den stark hierarchischen und geschlossenen Aufbau der kosmischen Weltbilder. Die theologisch-philosophische Grundeinstellung wurde auf die Erde und den Himmel übertragen und die Geografie entsprechend angepasst.

Erst im 5. Jahrhundert begann man in Griechenland, rationalere Begriffe für Himmelsrichtungen zu verwenden. Und zwar solche, die sich an der Sonnenbahn, also einem Naturvorgang orientieren: anatole (»Aufgang«, lateinisch oriens), dysis (»Untergang«, lateinisch occidens). Wie teilweise noch bis ins 19. Jahrhundert sprach man auch von »gen Morgen« (griechisch eos) oder »gen Abend« (griechisch hespera). Die Angabe der Mittagsrichtung, die Bezeichnungen für die »Sonnenseite« (sur, althochdeutsch sunt) sind dagegen in allen Sprachen uralt.

Die Vier-Elemente-Lehre

Nach antiker Auffassung bestand die Materie im Kosmos aus den vier Grund- oder Urelementen Wasser, Erde, Feuer, Luft in jeweils unterschiedlichen Zusammensetzungen. Diese Lehre war ein Grundpfeiler der antik-mittelalterlichen »Naturwissenschaft«.

Sie stammt von dem griechisch-sizilischen Universalgelehrten Empedokles (490–430 v. Chr.), der die Urelemente-Auffassungen von Thales (Wasser), Anaximander (Luft) und Heraklit (Feuer) zu einem einheitlichen System zusammenfasste. Es schien so plausibel, dass es rund zweitausend Jahre lang gültig und ein Grundpfeiler der Alchimie blieb – in Europa bis weit in die Neuzeit.

Die Vier-Elemente-Lehre wurde, wie das geozentrische Anaximander-Weltbild, von Aristoteles kanonisiert. Er stellte sich vor, dass die vier Elemente durch Sonne, Mond und Sterne beeinflusst und vermischt werden, wodurch die gesamte materielle (Natur-)Welt in ihren vielfältigen Ausdrucksformen überhaupt erst entstand. Erst wenige Jahre vor der Französischen Revolution entdeckten Chemiker wie Lavoisier, Priestley, Davy die chemischen Elemente. Sie erkannten beispielsweise, dass »Luft« sich aus verschiedenen Gasen zusammensetzt, »Wasser« eine Verbindung von Wasserstoff und Sauerstoff ist. Erst dadurch wurde die Empedokles-Lehre schlagartig obsolet.

Empedokles lebte in Akragas (Agrigent) auf Sizilien, einer dank Weizen-, Oliven- und Mandelexport blühenden Griechenkolonie. Er war noch ein Knabe, als die Athener bei Marathon und Salamis die Perser besiegten und anschließend den Parthenon bauten. Sein Großvater war Olympiasieger im Jahr 496 v. Chr. Empedokles selbst war vor allem als Heilkundiger berühmt. Daran sieht man, wie universal diese Universalgelehrten von der Antike bis zur Renaissance waren. Auch Aristoteles war solch ein »Philosoph« und »Arzt«.

So falsch sie auch war, immerhin entwickelte Empedokles seine »Naturwissenschaft« aus Vorstellungen über (angenommene) natürliche Vorgänge, nicht aus mythologischem Denken. Deshalb steht auch Empedokles in der Tradition der vorsokratischen Naturgelehrten. Nach seiner Auffassung gab es kein Entstehen und Vergehen, sondern alles in der Natur sei das Ergebnis einer ständigen Mischung der vier »ewigen« Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer. Schon den Pythagoreern galt die Vier als eine geradezu heilige Symbolzahl für einen geordneten Kosmos: vier Elemente, vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten. Diese vier kosmischen Eckpunkte finden sich später immer wieder auf den Weltkarten des Mittelalters und bis in die großen Weltdarstellungen der Barockzeit. Aristoteles verknüpfte die vier Urelemente wiederum mit den vier »Ureigenschaften«: nass (Wasser), trocken (Erde), kalt (Luft), heiß (Feuer). Auch die Lehre von den vier Körpersäften (Blut, Schleim, Galle und schwarze Galle), welche die Grundlage der vormodernen »Medizin« bildete, gehört in diesen Zusammenhang.

Angesichts seines umfassenden Werks und als legendärer Wunderheiler war Empedokles eine Weltberühmtheit der Antike und des Mittelalters, auch in der mittelalterlich-islamischen Welt. Doch sein naturwissenschaftliches Weltbild hat die moderne Wissenschaft nicht überlebt. Zu den populärsten Legenden um Empedokles’ Tod (oder Freitod?) gehört die von seinem Sturz in den Krater des Ätna.

Milchstraße und Atomlehre

Nach der mythischen Erzählung der alten Griechen entstand die Milchstraße, als der junge Herakles-Knabe beim Säugen in die Brüste der Göttermutter Hera biss. Sie riss ihn von sich, daraufhin verspritzte ihre Milch. Auf Griechisch heißt Milch galaktos, daher auch das Wort »Galaxie«.

Solche »Hera-Milch-Vorstellungen« über den Sternenhimmel aus frühgriechischen Zeiten mochte ein Mann wie Demokrit (um 460–370 v. Chr.) nicht glauben. Als Erster äußerte er die Vermutung, dass es sich bei der Milchstraße um eine Ansammlung zahlloser schwach leuchtender Sterne handele. Dies konnte aber erst nach der Erfindung des Fernrohrs in der Galilei-Zeit um 1610 n. Chr. bestätigt werden. Bei den »naturwissenschaftlich« orientierten griechischen Gelehrten des 5. vorchristlichen Jahrhunderts kursierten noch andere Vorstellungen von der Milchstraße: Der pythagoreische Naturphilosoph Philolaos (ca. 470–400 v. Chr.), ein Zeitgenosse von Demokrit und Sokrates, nahm an, es handele sich bei der Milchstraße um einen Riss im Himmelsgewölbe. Die meisten Pythagoreer hielten sie für eine ausgebrannte ehemalige Sonnenbahn.

Am bekanntesten ist Demokrit für seine Atomlehre. Vielleicht aus eigenem Antrieb, vielleicht auf Anregung seines vermutlich aus Milet stammenden Lehrers Leukipp, formulierte Demokrit seine These, wonach die Materie letztlich aus kleinsten, unteilbaren (griechisch a-tomos) Bestandteilen zusammengesetzt sei. Diese Elementelehre unterschied sich deutlich von der Wasser-Erde-Luft-Feuer-Lehre des Empedokles und steht modernen Anschauungen wesentlich näher.

Demokrit war bis in die Barockzeit, ja noch im 19. Jahrhundert viel bekannter als heute. Über ihn waren zahlreiche Anekdoten im Umlauf. Der Zeitgenosse von Sokrates galt als »der lachende Philosoph«; Rembrandt stellte sich als lachender Demokrit in einem Selbstporträt dar, andere Künstler malten Fantasiebilder, die ihn immer lachend zeigen. Er galt als Inbegriff jener heiteren Gelassenheit der Lebensführung, welche die alten Griechen auch als philosophisches Ideal schätzten.

Demokrit stand zu den philosophischen Konsequenzen seiner materialistischen These. Er hielt die Atome für ewig; die materiellen Formen zerfielen seiner Ansicht nach und setzten sich immer wieder neu zusammen. Dafür brauchte es weder einen ersten (göttlichen) Anstoß noch einen Zweck oder ein transzendentes Ziel, wie Aristoteles meinte. Und er fand im Gegensatz zu Platon, dass auch nur die Atome (also die Materie) wirklich real seien, während Platon die Ideen für realer, weil ewig, hielt.

Der Vorsokratiker und Naturphilosoph Demokrit verabschiedete sich wie kein anderer von allen mythischen und transzendenten Vorstellungen seiner Zeit. Keine Frage, dass solch ein fortschrittlicher und unabhängiger Geist die Erde für eine Kugel hielt, an die mögliche Existenz vieler Welten in unterschiedlichen Stadien des Werdens und Verfalls glaubte und die Existenz eines leeren Raums, eines Vakuums postulierte, was alle anderen Zeitgenossen für unmöglich hielten.

WELT UND WELTALL IN DER ZEIT ALEXANDERS DES GROSSEN

Die erste Entdeckungsreise

Am 2. August 338 v. Chr. besiegte der makedonische König Philipp II. Athen und Theben. Damit wurde er zum Hegemon, zum Vorherrscher in Griechenland. Sein junger Sohn Alexander, der nach der Ermordung des Vaters alsbald die Herrschaft übernahm und später »der Große« genannt wurde, brach nach Asien auf. Was zunächst als Rachefeldzug gegen die Perser gedacht war, brachte den Griechen eine ungeheure Erweiterung ihres geografischen Weltbildes.

Fast gleichzeitig begann der griechische Entdecker Pytheas von Marseille (ca. 380–310 v. Chr.) eine Reise nach Westen und Norden. Und hätte Pytheas nur ein bisschen mehr Zeit und Gelegenheit gehabt, im Nordatlantik umherzufahren, wäre er womöglich der Entdecker Amerikas geworden – sofern er verstanden hätte, was er da vor sich sah. Auch der Wikinger Leif Eriksson konnte 1300 Jahre später mangels umfassender geografischer Kenntnisse nicht verstehen, wo er in Vinland/Neufundland eigentlich ...

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