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Sternschnuppen

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Danksagung
  8. Prolog
  9. Kapitel 1 - Mondsüchtig
  10. Kapitel 2 - Die Ausrichtung der Planeten
  11. Kapitel 3 - Sterne gucken
  12. Kapitel 4 - Das Löwe-Date
  13. Kapitel 5 - Shooting Stars
  14. Kapitel 6 - Erde an Zara
  15. Kapitel 7 - Das Skorpion-Date
  16. Kapitel 8 - Augensterne
  17. Kapitel 9 - Das Widder-Date
  18. Kapitel 10 - Ein frostiger Mondaufgang
  19. Kapitel 11 - Unter einem unglücklichen Stern
  20. Kapitel 12 - Das Steinbock-Date
  21. Kapitel 13 - Der äußere Kosmos
  22. Kapitel 14 - Sonnenbrand
  23. Kapitel 15 - Das Zwillinge-Date
  24. Kapitel 16 - Glücksstern
  25. Kapitel 17 - Weltraumeigenartigkeiten
  26. Kapitel 18 - Die Milchstraße
  27. Kapitel 19 - Totale Herzfinsternis
  28. Kapitel 20 - Mondlandung
  29. Kapitel 21 - Jupiters Monde
  30. Kapitel 22 - PLAKATWAND
  31. Kapitel 23 - Das Wassermann-Date
  32. Kapitel 24 - Glitzerstern
  33. Kapitel 25 - Das Krebs-Date
  34. Kapitel 26 - Venus-Frauen
  35. Kapitel 27 - Das Waage-Date
  36. Kapitel 28 - Superstar
  37. Kapitel 29 - Der Mann im Mond
  38. Kapitel 30 - Das Jungfrau-Date
  39. Kapitel 31 - Das Schütze-Date
  40. Kapitel 32 - Auf einem anderen Stern
  41. Kapitel 33 - Die Kraft des Uranus
  42. Kapitel 34 - Aufgehender Merkur
  43. Kapitel 35 - Urknall
  44. Kapitel 36 - Endstation Sehnsuchtsstern
  45. Kapitel 37 - Die Explosion des Kosmos
  46. Kapitel 38 - Es steht in den Sternen

Über die Autorin

Shari Low blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück. Nachdem sie als Nachtclub-Managerin in Großbritannien, Holland, Schanghai und Hongkong Station gemacht hatte, kehrte Shari Low in ihre Heimatstadt Glasgow zurück. Dort lebt sie mit ihrem Ehemann John und ihren beiden kleinen Söhnen. Sie ist heute als freie Schriftstellerin tätig.

Besuchen Sie die Autorin unter www.sharilow.com im Internet.

Shari Low

Sternschnuppen

Roman

Aus dem Englischen von
Barbara Ritterbach

Für Melanie Blank-Schröder –
eine wunderbare und verständnisvolle Lektorin,
Quell wertvoller Ratschläge und Inspiration

Danksagung

Tausend Dank dem großartigen Team bei Lübbe: Melanie, Gerke, Ursula, Margit, Barbara und allen anderen, die engagiert an meinen Büchern arbeiten und zu meinem Erfolg beitragen. Ich bin glücklich über die wunderbare Zusammenarbeit.

Vielen Dank auch meiner geschätzten deutschen Freundin Sylvia Lavizani, die immer die Zeit findet für einen Kaffee, einen Plausch und kostenlose Übersetzerdienste – Danke schön, my darling!

Großen Dank schulde ich Sheila Crowley von der Literaturagentur Curtis Brown, die mich stets ermutigt, mich in die richtige Richtung schiebt und Händchen hält, wenn mal alles schiefläuft!

Ein besonderes Dankeschön spreche ich Frankie Plater, Jan Johnston und Gillian Armstrong aus, mit deren aufmunternder Hilfe ich den »Berg« des letzten Jahres erklimmen konnte – nachdem sie mir ein Fässchen Wein auf dem Gipfel in Aussicht gestellt haben.

Und schließlich geht mein Dank an John und meine hinreißenden, unglaublichen Söhne Callan und Brad – für alles, für immer … und jetzt räumt eure Zimmer auf!

Prolog

Drei … zwei … eins … Frohes neues Jahr!

Sektkorken knallten, die Musik wurde laut gestellt, Luftschlangen wirbelten durch die Luft, Pärchen umarmten sich und sahen glückstrahlend einem neuen Jahr entgegen …

Leider gab’s das alles nur im Fernsehen.

In meinem Wohnzimmer saßen drei frustrierte Mittzwanziger, hielten eine Wunderkerze in der einen und ein volles Glas Sekt in der anderen Hand und starrten auf die Feierlichkeiten in der Glotze.

»Wir sind die bedauernswertesten Menschen auf diesem Planeten«, stellte ich seufzend fest.

»Ist gar nicht wahr!«, protestierte Stuart.

Auf der Couch mir gegenüber stimmte Trish trübsinnig My Heart Must Go On an.

»Okay, ist doch wahr«, rief Stu. »Eine Strophe und ein Refrain, Trish, dann muss Schluss sein. Da fallen einem ja die Ohren ab.«

Angestrengt redete er gegen den Tischfeuerwerkslärm aus der Nachbarwohnung an. Sogar bei Mrs. Naismith war mehr los als bei uns. Und das setzte die Nacht – wenn man bedachte, dass meine Nachbarin schon über siebzig war – auf ein ganz neues Depressionslevel.

Plötzlich überkam es mich. Im Nachhinein waren es vermutlich einige Gläser Cava Rosé zu viel, aber in dem Augenblick fühlte es sich verdammt echt an. Und verdammt wichtig. »Ich möchte etwas verkünden!«, rief ich.

»Na endlich …« Grinsend sah Stuart auf seine Armbanduhr. »Zwei Minuten und drei Sekunden, das ist neuer Rekord.«

Ich ignorierte ihn einfach und versuchte Trish zu übertönen, die gerade zusammen mit der Titanic unterging.

»Meine Lieben! Ein neues Jahr hat begonnen, und ich habe mir fest vorgenommen, ab sofort nicht mehr frustriert, pleite und Single zu sein. Ich werde den perfekten Job finden, den perfekten Mann, das perfekte Leben. Ach ja – und Sex natürlich auch. Ich werde endlich wieder richtig guten Sex haben!«

Nach diesen bedeutungsschweren Worten stand ich auf und hob mein Glas, um einen Toast auszusprechen …

»Wow!«, entfuhr es Stu und Trish wie aus einem Mund.

Zufrieden nahm ich die begeisterte Reaktion meines Publikums entgegen.

»Ich weiß, das ist eine echte Herausforderung«, rief ich mit der ganzen Feierlichkeit eines Politikers, der gerade verkündete, dass er Premierminister werden wollte. »Aber ich werde mich ihr stellen!«

»Leni, verschwinde endlich vom Fernseher! Wir meinen doch nicht dich, du dämliche Kuh. Den Schwachsinn erzählst du uns seit 1998 jedes Jahr. Wir meinen diesen armen Dudelsackspieler im Fernsehen. Gerade ist ihm ein Windstoß unter den Kilt gefahren – er hat unfreiwillig den Exhibitionisten gegeben.«

Trish hatte Celine Dion aufgegeben und kicherte hysterisch. »Ich möchte keine Prognosen wagen, wie groß seine Chancen auf ein Date noch in dieser Nacht sind.«

Stu sprang seinem Geschlechtsgenossen zu Hilfe. »Lass doch den armen Kerl in Ruhe – da draußen ist es bitterkalt.«

Ich ließ mich wieder auf die Couch fallen, während Stu und Trish sich vor Lachen krümmten. Die Situation wurde noch grotesker, als der Moderator versuchte, den Kilt des zweifellos schnuckeligen Dudelsackspielers mit einem Mikroständer nach unten zu drücken.

Na super! Die Ankündigung meiner lebensverändernden Maßnahmen wurde wegen so eines albernen Vorfalls völlig ins Lächerliche gezogen. Dann wiederum … vielleicht hatten Trish und Stu ja nicht ganz Unrecht. Ich hatte tatsächlich schon häufiger ähnlich lautende Erklärungen abgegeben. Aber dieses Mal war es mir superernst. Im kommenden Jahr würde ich mein Leben ändern. Und das bedeutete: Ich würde selbstbewusst und mutig sein und jede sich bietende Gelegenheit nutzen – ab sofort!

Ob es eine Chance gab, die Telefonnummer von diesem Dudelsackspieler rauszukriegen …?

1.

Mondsüchtig

Vier Wochen später

»Leni, glauben Sie wirklich fest daran, dass die Sterne Ihr Schicksal bestimmen?« Die Frau, die mir gegenüber an ihrem nach Feng-Shui ausgerichteten Schreibtisch saß, schaute mich prüfend an. Schon bei unserem ersten Treffen hatte sie meine Füße begutachtet, meine Chakren gereinigt und einen Schnappschuss von meiner Aura gemacht.

Das hier war nun das zweite und entscheidende Vorstellungsgespräch. Sie hatte unsere chinesischen Horoskope verglichen, eine Augendiagnose erstellt, mir die Sterne gedeutet und mit mir meditiert, damit sich unsere höheren Ichs verbinden konnten. Dabei wollte mein höheres Ich bloß wissen, ob ich den Job bekam, wie viel ich verdiente und ob ich krankenversichert sein würde. Wenn ich noch länger so im Schneidersitz hocken musste, würde ich eine Leistenzerrung kriegen, die sofortiger medizinischer Aufmerksamkeit bedurfte.

Vorsichtshalber nickte ich Zara Delta, spirituelle Kapazität, Schriftstellerin, TV-Promi und Gründerin der berühmten Astrologie-Website www.es-steht-in-den-sternen.net, so zenhaft wie möglich zu.

Neben dem Kosmos, den Planeten Uranus und Neptun und allen sonstigen beteiligten überirdischen Mächten hatte ich es vor allem Trish zu verdanken, dass ich hier saß. Trish war ausgebildete Köchin mit einem ausgeprägten Hang zu Glanz und Glamour, was sie dazu bewogen hatte, einen Job als Catering-Managerin bei Great Morning TV! anzunehmen. Ihre Aufgabe war es, den Gästen und Stars der Show jeden noch so blödsinnigen Wunsch zu erfüllen.

Ein Promi mochte nur die blauen M&Ms aus dem Schokolinsentopf? Kein Problem. Trish machte’s möglich (sie hatte allerdings auch einen guten Vorschlag, wo er sich die andersfarbigen M&Ms hinschieben konnte – meist an Stellen, von denen sie operativ entfernt werden müssten). Wollte eine Hollywooddiva ihren makrobiotischen Weizenkleie-Flan von buddhistischen Mönchen auf Skateboards serviert haben, rannte Trish zum nächsten Tempel und bot einen Crashkurs in Straßensport an. Ein Soap-Sternchen tauchte betrunken in den Partyklamotten vom Vortag auf, leider ohne Slip, weil der irgendwie verloren gegangen war? Trish organisierte Kaffee, Aspirin und ein neues Höschen. Es ging sogar das Gerücht um, dass sie einem notorischen Bad Boy aus dem Filmgeschäft nach einem traumatischen Zwischenfall mit einer Dusche, suspekten Hinterlassenschaften auf einem Handtuch und minutenlangem nervtötendem Geschrei (alles von ihm) ein Mittel besorgt hatte, um ihn von seinen Filzläusen zu befreien. Bisher hat sie sich zwar standhaft geweigert, die Geschichte zu bestätigen, aber seit jenem Tag hat sie immer eine Tube Ringelblumensalbe in ihrer Schublade.

Kurzum, es gab nichts, was Trish den verwöhnten Diven, die der britischen Öffentlichkeit morgens aus dem Fernseher entgegenstrahlten, nicht besorgen oder organisieren konnte. Und die verwöhnteste Diva von allen war Zara Delta – behauptete jedenfalls Trish –, die Haus- und Hofastrologin der Show, die jeden Freitag das Wochenend-Horoskop verkündete. Zum Glück (wenn man es Glück nennen kann, für eine ausgeflippte Astrologin zu arbeiten, die davon überzeugt ist, dass ihr Menstruationszyklus von galaktischen Mächten gesteuert wird) hatte Trish ihre persönlichen Vorlieben hinten angestellt, als Zara an einem Freitag im Januar völlig außer sich in die Garderobe gestürmt war und verkündet hatte, dass ihre persönliche Assistentin in den Weihnachtsferien mit dem Mitglied einer Boygroup auf eine Karibikinsel durchgebrannt sei. Als echte Freundin war Trish mit dem Tablett Hefeteilchen, das sie gerade in den Händen hielt, sofort zu ihr gerannt, um ihr zu sagen, dass sie eine perfekte Nachfolgerin für ihre entlaufene Assistentin wüsste.

Und damit war ich gemeint. Auch wenn ich noch immer nicht verstehe, wie meine fünfjährige Berufserfahrung in der Marketingabteilung von CITY SANITÄR UND MEHR (ich schwöre, dass unser Firmenslogan Mit unseren Abflussrohren kriegen Sie immer die Kurve nicht von mir stammt) mich für den Job als Promi-Assistentin qualifizieren soll.

Mit entwaffnender Offenheit hatte Trish mir kurze Zeit später am Telefon die Neuigkeit verkündet: »Schließlich hast du nicht allzu viele Optionen. Und sie ist in einer echt blöden Situation. Sie würde jede nehmen.«

»Das baut mich wirklich auf, Trish. Aber – vielleicht klingt das jetzt ein bisschen altklug – hätte sie das nicht voraussehen müssen, wenn sie ihren Job beherrscht?«

»Leni, willst du nun die Stelle, oder willst du sie nicht?«

Ich zögerte. Die Antwort lautete eher Nein. Die Sache war nämlich die: Auch wenn meine alkoholvernebelte Neujahrsbotschaft inhaltlich brillant war – wie Stu bereits sagte, fasse ich diesen Vorsatz jedes Jahr. Und leider hält er aufgrund meiner angeborenen Abneigung gegen jegliches Risiko nie länger als mein Neujahrskater.

Ich wäre so gern mutig. Ich wäre so gern spontan und abenteuerlustig. Aber ich besitze genug Selbsterfahrung, um zu wissen, dass ich, wenn es hart auf hart kommt, ein … na ja, sagen wir mal Gewohnheitstier bin. Ich liebe das Vertraute. Ich bin zuverlässig. Durchschaubar. Okay, manchmal vielleicht auch etwas langweilig. Bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen ich bewusst versuche, mal was Neues zu wagen, gibt mein Trau-dich-Gen nach spätestens fünf Minuten auf, verkriecht sich ganz tief in meiner Wohlfühlzone auf der Couch, mampft Chips und schaut sich eine Reality Soap an.

»Leni? LENI?« Trishs Stimme dröhnte aus dem Telefon.

Mein Blick fiel auf das Buch, das in meiner Handtasche steckte. Zehn Schritte zu einem ganz neuen Du. Ein Baum und £ 6.99 verschwendet. Ich hatte es nämlich am Morgen in der U-Bahn zu Ende gelesen und stellte jetzt fest, dass mein altes Ich sehr hartnäckig war. Mit all seinen Ängsten und Selbstzweifeln. Mental bereitete ich schon die übliche »Danke-du-bist-eine-echte-Freundin-lieb-dass-du-an-mich-gedacht-hast-aber …«-Floskel vor. »Trish, danke …«

Ich verlor den Faden, weil in diesem Moment Archie Botham, der Chef der Entwicklungsabteilung, in mein Zimmer gestürmt kam. Er platzte förmlich vor Mitteilungsdrang. Entweder hatte er im Lotto gewonnen oder eine Erscheinung der dritten Art gehabt. Als er ein undefinierbares Plastikteil auf meinen Schreibtisch knallte, wurde mir klar, dass weder das eine noch das andere zutraf.

»Dieser Kugelhahn revolutioniert die Toilettentechnik«, verkündete er mit der ganzen Erregung eines Menschen, der wusste, dass er ab sofort für den Nobelpreis in der Kategorie Sanitärzubehörentwicklung nominiert war. »Leni, kannst du kurz einen Pressetext formulieren?«, bat er in seinem breiten Lancashire-Dialekt. »Mensch, Mädchen, das wird uns echt nach vorn bringen. Ich werde ihn Botham-Kugelhahn nennen.«

Ich habe mal gehört, dass man sich kurz vor dem Tod noch mal an die Höhepunkte des Lebens erinnert. In diesem Moment wurde mir eines klar: Wenn ich, Eleanor Olive Lomond, siebenundzwanzig Jahre alt, in naher Zukunft in der Mittagspause an einem salmonellenverseuchten Huhn-Mayo-Sandwich sterben würde, sähe ich als Letztes meinen Namen unter einem Pressetext für Klospülungen vor mir, ehe ich für immer die Augen schließen würde.

»Ich mach’s!«, entfuhr es mir.

»Den Pressetext?« Archie sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren.

»Was?«, brüllte Trish.

Ich zeigte auf den Telefonhörer, den ich mir zwischen Hals und Schulter geklemmt hatte, und machte Archie ein Zeichen, mir eine Sekunde zu geben. Er zog sich zurück, seine revolutionäre Erfindung dicht an seine Brust gepresst.

»Ich habe gesagt, ich mach’s. Den Job.«

»Kluge Entscheidung. Natürlich musst du dich erst bei ihr vorstellen.«

»Kein Problem. Sag mir nur wo und wann.« Ich würde es schaffen. Ganz bestimmt. Soeben hatte ich einen Riesenschritt in Richtung eines neuen Ichs gemacht (auch wenn Trish von hinten kräftig geschubst hatte), für die restlichen neun brauchte ich nur ein bisschen Mut, Entschlossenheit …

»Selbstverständlich musst du ihr erzählen, dass du fest an alles Übernatürliche glaubst. Du hast sie ja im Fernsehen erlebt, sie ist völlig übergeschnappt.«

… und Verlogenheit.

So kam es, dass ich nun mit einer Leistenzerrung vor Zara Delta saß und mich auf Zen konzentrierte. Ich hielt es für keine gute Idee, ihr zu sagen, dass der einzige Zen, den ich kannte, der Besitzer der Kebab-Bude an der Ecke war, bei dem ständig das Gesundheitsamt vor der Tür stand.

Wie es sich für eine hervorragende persönliche Assistentin in spe gehörte, hatte ich mich gründlich in die Regeln eines erfolgreichen Bewerbungsgesprächs eingearbeitet. Peinliche Enthüllung Nummer 1: Zehn Schritte zu einem ganz neuen Du war kein Zufallskauf. Im Gegenteil. Ich halte es für durchaus möglich, dass ich ganz allein die gesamte Ratgeberbücherbranche am Leben halten könnte. Manche Leute lesen Klatschzeitungen. Andere sammeln Briefmarken. Ich habe eine ausgeprägte Schwäche für Bücher mit dem Wort »Schritte«, »Wege« oder »Dummies« im Titel. Eigentlich müsste ich in der Lage sein, jede Situation in Sekundenschnelle zu meistern, ungeheure innere Kräfte zu entwickeln, eine PowerPoint-Präsentation abzuliefern, während ich auf dem Kopf stehe, Freunde gewinne, Menschen beeinflusse, positiv denke und mich mit meiner Großmutter versöhne.

Die Betonung liegt auf dem Wörtchen »müsste«. Denn irgendwie scheinen diese ganzen Ratgeber spätestens acht Stunden, nachdem ich sie aus der Hand gelegt habe, ihre Wirkung zu verlieren. Dann sind meine neu erworbenen Kenntnisse plötzlich gelöscht und die jahrelang eingeübten Verhaltensmuster wieder installiert. Trotzdem kann ich nicht aufhören, sie zu lesen. Ich bin wie eine dieser Schuh-Fetischistinnen, die Schuhe mit zehn Zentimeter hohen Absätzen in vierzehn verschiedenen Farben besitzen, obwohl sie genau wissen, dass sie sie nie tragen werden. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass ich nur geheilt werden kann, wenn ich einen Ratgeber finde, der mich von meiner Ratgebersucht befreit.

Natürlich kam in meinem ersten Bewerbungsgespräch keine einzige Frage oder Situation aus dem Buch vor. Ich sage Bewerbungsgespräch, dabei hat Zara Delta mich jedes Mal, wenn ich auch mal etwas sagen wollte, unterbrochen und aufgefordert, still zu sein, weil sie gerade versuchte, unsere geistigen Kräfte zu verbinden. Das war jetzt eine Woche her, und zu meiner überaus großen Überraschung rief sie mich wieder an. Meine geistigen Kräfte schienen sich ausnahmsweise kommunikativ verhalten zu haben.

In der Woche zwischen den beiden Terminen kämpfte meine natürliche Neigung (die, die mich anflehte, bloß keinen weiteren Gedanken an einen neuen Job und eine übergeschnappte Astrologin zu verschwenden) gegen die Erkenntnis, dass ich mich bis zur Rente mit Bothams Kugelhähnen rumschlagen würde, wenn ich jetzt nicht den Absprung schaffte.

In Der Job gehört dir (£ 9.99 in allen gut sortierten Buchhandlungen) hatte ich gelesen, dass Arbeitgeber in dem Moment, in dem sie einen Bewerber zum ersten Mal sehen, den alles entscheidenden Eindruck bekommen. Deshalb hatte ich mich zum ersten Termin extra gestylt. Ich hatte mein schwer zu bändigendes, langes rotes Haar zu einem halbwegs ordentlichen Knoten hochgesteckt, mein Kostüm (schwarz, Polyester, Primark, £ 19.99) und ein weißes Top angezogen und meine protestierenden Füße in schwarze Pumps mit acht Zentimeter hohen Absätzen gezwängt.

Erst später war mir klar geworden, dass ich in diesem Outfit den Eindruck erweckt haben musste, ich würde Zara Delta in einem italienischen Ristorante Pollo cacciatore servieren. Und da ich sie mit meinen Absätzen auch noch um mindestens zehn Zentimeter überragte, hatte ich meinen Auftritt für den zweiten Termin gründlich überarbeitet. Dieses Mal machte ich auf lässig: schwarze enge Jeans, Ballerinas, weißes Shirt, graue Strickjacke, das Haar offen, einfach in der Mitte gescheitelt. Bei Nicole Kidman sieht diese Frisur sexy aus, bei mir sieht sie völlig undiszipliniert aus – eher wie ein verlassenes Vogelnest.

Zara riss plötzlich die Augen auf und atmete tief ein. War es nun so weit? War das der Moment, in dem sie mir mitteilen würde, dass ich die Stelle hatte? Oder war sie zu dem Schluss gekommen, dass mein höheres Ich für den Posten nicht geeignet war? Nein. Ihre Augen waren schon wieder geschlossen, und sie verfiel erneut in Trance. Grotesk war nicht annähernd der richtige Ausdruck für das Verhalten dieser Frau. Zara Delta: Gründungsmitglied von Spackos »R« Us.

Oder doch eher Hippies Revival »R« Us? Schließlich schien Zaras Garderobe ausschließlich aus Batikkaftans, Strohflipflops und bunten Haarreifen zu bestehen, aus denen ganze Blumengebinde herauswuchsen. Heute war es auf der einen Seite eine Sonnenblume, auf der anderen hingen drei verwelkte Gänseblümchen auf ihre Schulter herab. Das dicke kastanienbraune Haar reichte ihr bis zur Taille, und sie hatte so viel blauen Lidschatten aufgekleistert, dass es für eine komplette Abba-Revival-Band gereicht hätte. Nach Presseangaben war Zara fünfundvierzig, aber sie sah jünger aus. Anscheinend waren Trancezustände und innere Ruhe gut gegen Falten.

Während sie versonnen vor sich hin summte, sah ich mich um. Verglichen mit meinem bisherigen Arbeitsplatz in einem verkommenen Industriegebiet außerhalb von Slough war das hier einfach himmlisch. Ganz wörtlich. Die Büroräume befanden sich in einem wunderbaren georgianischen Stadthaus in Notting Hill, das auf den ersten Blick aussah, als würde es von einem Börsenmakler, seiner Innenarchitektin-Ehefrau und drei Kindern namens Palomina, Pheronoma und Kalispera bewohnt.

Dieser Eindruck wurde jedoch spätestens an der Haustür hinfällig. Sie war mit altertümlichen mongolischen Kriegssymbolen versehen, um böse Geister, negative Kräfte und Graffiti sprayende Rowdys fernzuhalten. Der riesige langgestreckte Flur sah aus wie ein Mini-Planetarium. Der Teppich war schwarz, Wände und Decke hatten die Farbe des Nachthimmels, und überall funkelten fluoreszierende Sterne. Das Ganze sah nicht aus wie ein Büro, sondern eher wie der Blick aus dem Cockpit von Raumschiff Enterprise. In einer Ecke saß ein Empfangsmädchen hinter einem futuristischen silbernen Schreibtisch, der nur von einer Schreibtischlampe und den blinkenden roten Lämpchen der Telefonanlage illuminiert wurde. Als Erstes fiel mir auf, wie schlecht sie aussah. Aber das war ja auch kein Wunder, wenn sie nie das Tageslicht sah. Wahrscheinlich litt sie an Rachitis.

Zaras Büro nahm die gesamte erste Etage ein – standesgemäß für eine TV-Diva, die aussah wie eine Kreuzung aus einer Woodstock-Asylantin und Cher in ihren »Turn-Back-Time«-Jahren. Wände und Decke waren mit schweren roten Seidentüchern verhängt, was dem Raum die Aura eines Beduinenzelts gab. In jeder Ecke standen riesige Pflanzen; Perserteppiche bedeckten den dunklen Holzboden.

Für Zaras gigantischen Schreibtisch hatte man zwei Bäume geopfert. Sie waren praktisch der Länge nach durchgesägt und dann nebeneinandergelegt worden – das Konzept wäre ohne Äste allerdings gelungener gewesen. Nun füllte ein großer Haufen Gestrüpp eine ganze Zimmerecke. Auf dem Boden lagen unzählige riesige Sitzkissen aus kostbarem, reich besticktem Damast in Ockertönen, dazwischen standen kleine Baumstümpfe, die als Tischchen fungierten. Auf einem der Kissen thronte Zara.

Im Gegensatz zu dem armen, blassen, an Mangelerscheinungen leidenden Mädchen am Empfang kam sie in den Genuss von drei großen Schiebefenstern, durch die Tageslicht in den Raum flutete. Normalerweise jedenfalls. Jetzt, um sechs Uhr abends Ende Januar, war es draußen natürlich stockdunkel.

Zara sprang plötzlich auf, nahm einen großen, vergoldeten Kelch von ihrem Schreibtisch und steuerte geradewegs auf das Zentrum meiner Kontemplationen zu. Unglaublich! War das Zufall? Oder Geistesübertragung? O Gott, konnte sie etwa meine Gedanken lesen? Denk was Nettes, denk was Nettes …

Sie schob das Fenster hoch und hielt den Kelch nach draußen. Okaaaay! Entweder sie …

  1. … versuchte ihren zu heißen Tee auf ökologische Art zu kühlen …
  2. … reichte einem Fensterputzer, der auch im Dunkeln arbeitete, eine kleine Erfrischung …
  3. … es gab kein c), weil mir beim besten Willen kein anderer vernünftiger (oder sonstiger) Grund einfiel, weshalb sie an einem eisigen dunklen Januarabend den Arm aus dem Fenster strecken könnte.

»Vater Mond«, heulte sie. »Sende mir ein Zeichen dafür, dass ich mich auf dem rechten Pfand befinde, auf dem Pfad, der das Schicksal besiegelt, das deine wunderbaren Kräfte für mich ausersehen haben.«

Meine Kinnlade sackte zu Boden. Sie heulte den Mond an, und das ganz wörtlich. Auch ohne Vater Monds wunderbare Kräfte ahnte ich, dass diese Frau ungefähr so stabil war wie ein Vibrator in einer Hängematte. Bei einem Hurrikan.

Zara bedeckte die Tasse mit der Hand, zog sie wieder ins Zimmer und drehte sich zu mir um. Das triumphierende Grinsen in ihrem Gesicht ließ keinen Zweifel daran, dass sie das, was immer der Typ am Himmel gemacht hatte, zutiefst befriedigte.

Sie schwebte auf mich zu (mit der Kombi aus nackten Füßen und Kaftan bewegte sie sich verstörenderweise wie eine Überirdische) und brachte mir den Kelch. Vorsichtig hob sie die Hand, um mir zu zeigen, was sich darin befand. »Er hat uns ein Zeichen gesandt«, verkündete sie freudig erregt.

»Seien Sie nicht albern, Sie bescheuerte durchgeknallte Kuh. Er hat uns gar nichts gesandt!«, antwortete ich. Natürlich nur in Gedanken. Im wahren Leben war ich viel zu geschockt, um etwas zu sagen. Mit offenem Mund starrte ich Zara an und gab ihr so eine Rundumsicht auf meine Zahnfüllungen.

Ich schaute in den Kelch. Nichts. Leer. Keinerlei Inhalt.

»Er hat uns einen Mondstrahl gesendet«, jubelte sie.

Okay. Klar. Einen Mondstrahl. Was sonst?

»Leni, das ist ein Zeichen.«

Ich wartete darauf, dass sie hinzufügte: dafür, dass es höchste Zeit ist, mich in einen dunklen Raum zu legen und abzuwarten, bis sich mein geistiger Zustand wieder normalisiert hat.

»Es ist ein Zeichen dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind«, fuhr sie fort. Allmählich begriff ich, warum ihre letzte Assistentin erkannt hatte, dass der richtige Weg für sie der war, der zum Flughafen Heathrow führte.

Ich machte ein gütiges, verständisvolles Gesicht, als hätte ich eine Vierjährige vor mir, die mir gerade erzählte, ihre Puppe wolle vor dem Abendessen noch schnell duschen.

»Leni, sind Sie absolut sicher, dass Sie für mich arbeiten möchten?«

Neeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiiin!

Natürlich sagte ich: »Und ob!«

Schließlich würde ich fünfzehn Riesen mehr im Jahr verdienen als in meinem derzeitigen Job. Ich hatte längst beschlossen, den Posten anzunehmen, solange man nicht von mir verlangte, mein erstgeborenes Kind zu opfern.

Zara Delta sank zurück auf ihr Kissen und nahm wieder ihre Meditationshaltung ein: Schneidersitz, geschlossene Augen, Hände auf die Knie, Handflächen nach oben, Daumen und Mittelfinger zusammengepresst.

»Und Sie sind offen für alle neuen Herausforderungen und Erfahrungen, die das Schicksal für Sie bereithält?«

Ich nickte wieder und widerstand der Versuchung, der Atmosphäre durch ein Ommm etwas mehr Dramatik zu verleihen.

»Dann heiße ich Sie in unserem Team willkommen. Ich freue mich, dass Sie hier sind, und bin sicher, dass wir perfekt miteinander harmonieren werden.«

Mein höheres Ich jubelte stumm vor sich hin und setzte eine La-Ola-Welle in Gang. Ich hatte es geschafft! Okay, es war grotesk, es war bizarr und vielleicht sogar ein bisschen beängstigend, aber das Wichtigste war, dass ich aus der Nummer mit den Kugelhähnen raus war. Ich war persönliche Assistentin von Zara Delta! Auch wenn ich ihren zunehmenden Mond nicht vom Ring des Saturn unterscheiden konnte, irgendwie würde ich es hinkriegen. Wie schwer konnte das schon sein?

Ich schob meine Zweifel in einen mentalen Ordner, speicherte ihn ab unter »Dieser Job macht überhaupt keinen Sinn« und gestattete mir einen kurzen Moment des Feierns. Das neue Jahr war erst einen Monat alt, und ich war meinem Vosatz, mein Leben komplett zu verändern, schon ein ganzes Stück nähergekommen. Und mal ganz ehrlich, mehr konnte sich gar nicht verändern.

Zara öffnete die Augen und lächelte mir entrückt zu. Vielleicht würde es ja sogar Spaß machen, für Zara zu arbeiten. Im Moment irritierten mich ihre exzentrischen und idiosynkratischen Anfälle zwar noch, aber vielleicht waren sie ja in ein paar Wochen völlig normal für mich.

»Nächsten Montag um sechs Uhr erwarte ich Sie hier zu Tai-Chi, spiritueller Affirmation und einem Briefing für Ihren ersten Auftrag.«

»Äh … Auftrag

»Ja. Natürlich werden Sie in erster Linie als meine persönliche Referentin tätig und tagsüber an meiner Seite sein. Abends werden Sie nur in Ausnahmefällen arbeiten müssen. Aber Ihnen ist doch sicher klar, dass zu Ihrer Tätigkeit auch ein gewisses Maß an praktischer Forschungsarbeit gehört?«

Nein. Ich nickte.

»Darf ich fragen, was diese Forschungsarbeit beinhaltet?«

»Das ist ganz einfach, meine Liebe. In diesem Jahr werde ich ein neues, richtungweisendes Buch über die Beziehung zwischen Mann und Frau schreiben. Es gibt so viele verlorene kleine Planeten da draußen. Meine Bestimmung ist es, sie in die Umlaufbahn zu bringen, die sie auf schnellstem Weg zu ihren Seelenpartnern trägt.«

Oje, die war ja gar nicht mehr zu retten.

»Ich habe eine neue Methode entwickelt, eine Mischung aus chinesischer Philosophie, Psychologie, mathematischen Formeln, Analysen der Planetenkonstellationen und meiner angeborenen Intuitionsgabe. Mit dieser Methode werde ich die modernen Dating-Techniken ganz neu definieren. Schluss mit Speed-Dating und der Partnersuche im Internet. Ich werde einen bahnbrechenden, innovativen und revolutionären Ratgeber schreiben, wie man auf der Grundlage der Sternenkonstellation um den perfekten Partner wirbt.«

Ich nickte. Jetzt war wohl nicht der richtige Zeitpunkt, ihr zu sagen, dass Mills & Boon, der bekannte Schnulzromanverlag, gerade anrief, um das Wort »werben« zurückzufordern. Bei dem Krach, den die sich im Grab umdrehenden Suffragetten gerade machten, konnte sie das Klingeln des Telefons nämlich nicht hören. Ein Buch übers Männeranmachen auf der Basis von Geburtsdaten? Das war lächerlich. Absurd. Frauenfeindlich.

War die moderne Frau denn nicht längst über so was hinaus? Wir besaßen doch genügend Verstand, emotionale Reife und Fantasie, um die Partnersuche auf Kriterien wie Geistesverwandtschaft, intellektuelle Kompatibilität und Knackigkeit des Hinterns zu gründen, oder? Kurzfristig dämmerte es mir, wieso ich noch immer Single war.

»Was genau muss ich denn machen?« Im Geiste sah ich mich endlose Stunden in öden Bibliotheken sitzen und Material über astrologische Merkmale sammeln und auswerten. Die würde ich zu ausführlichen Berichten für die gottgleiche Miss Delta zusammenstellen, damit sie die zwingende Logik solider Forschungsarbeit mit ihrem Mondstrahlenunsinn verbrämen konnte.

»Ganz einfach, Leni. Ich muss meinen Theorien noch den letzten Feinschliff geben und mein Buch mit anschaulichen praktischen Beispielen und Fallstudien untermauern. Daher möchte ich, dass Sie in den nächsten Monaten Dates mit zwölf Männern haben, mit einem von jedem Sternzeichen.«

»Wie bitte?«

Meine pfirsischzarte Aura bekam einen mittleren Wutanfall. Niemals! Ausgeschlossen! Für das schwachsinnige, halbgare Buch einer TV-Primadonna, die im Schneidersitz vor mir saß und um den Kopf herum aussah wie eine verwelkte Grabschale, würde ich mich doch nicht prostituieren!

»Selbstverständlich werden Sie für diese Tätigkeit extra bezahlt, und jede der zwölf Studien wird mit einem Sonderbonus vergütet. Ich kann doch davon ausgehen, dass Sie die Aufgabe übernehmen?«

Ich war außer mir. Ich war entsetzt. Ich war sprachlos. Aber ich war auch pleite, wollte unbedingt aus dem Kloschüsselgewerbe raus, und außerdem wurden meine Beine allmählich taub. Also …

»Hmmmmm«, antwortete ich.

2.

Die Ausrichtung der Planeten

Und?«

Ihre Gesichter waren der Inbegriff gespannter Erwartung.

»Ich habe den Job!«, verkündete ich strahlend, woraufhin wir in eine alberne Gruppenumarmung verfielen, bei der Trish und Stu fast von ihren Barhockern stürzten. Zwei Stunden lang warteten sie nun schon in der hippen, hochpreisigen Schickimicki-Bar in der Nähe von Zaras Büro und hatten daher in den Disziplinen Gleichgewicht und Aufrechtsitzen erste Ausfallerscheinungen.

»Ich habe dir doch gleich gesagt, sie nimmt jeden!«, jubelte Trish.

Das ist das Problem an Trish. Ich liebe und vergöttere sie, aber sie hat was von Joseph Stalin. Sie ist knallhart, gemein, emotionslos, taktlos und neigt zu diktatorischem Verhalten. Allerdings kann sie im Gegensatz zu Mr. Stalin auch witzig und supernett sein und ist tief unter ihrer mangelhaften Sozialkompetenz eine super Freundin. Wir kennen uns seit unserem ersten Tag auf dem College in London, als sie mir vor der Mensa mit einem Toffee Pavlova in die Arme lief (ja, die Flecken sind irgendwann wieder rausgegangen). Trotz ihres hitzigen Temperaments haben wir noch nie richtig Streit gehabt, was aber nur daran liegt, dass ich sie niemals reize, weil ich genau weiß, dass sie mich dann irgendwann im Schlaf vierteilen würde.

Das Erste, was ich von ihr mitbekam (abgesehen von der Pavlova-Creme), war, dass sie ganz anders war als meine Freunde in dem langweiligen Dorf in Norfolk, in dem ich aufgewachsen bin. Keiner aus meiner Clique hatte einen knallblauen Irokesenschnitt oder trug Doc Martin Boots zu langen Blumenkleidern. Trish sah aus wie eine Kreuzung aus Sid Vicious und Laura Ashley. Das führte zu einigen Irritationen, als sie damals ihren Mann Grey kennen lernte. Um es gleich zu sagen: Er ist Feuerwehrmann. Bitte keine Witze über lange Schläuche, das Herunterrutschen an seiner Stange oder das Entzünden seines Feuers – diese blöden Bemerkungen werden der Bedeutung, die diese mutigen Männer für unsere Gesellschaft spielen, einfach nicht gerecht. Grey ist ein irre heißer Typ, der jeden weiblichen Slip im Nu in Flammen setzen könnte.

Ups!

Wie auch immer, die beiden kamen zusammen, weil eine Nachbarin eines Tages dichten Rauch aus Trishs Fenster kommen sah und die Feuerwehr verständigte. Einige Tatütatas später trug Grey eine halb bewusstlose Trish aus der Wohnungstür. Das Heißwachsgerät, das sie nach dem Enthaaren ihrer Bikinizone versehentlich angelassen hatte, hatte die Küche in Brand gesetzt. Angeblich ein Kurzschluss. Zum Glück war ihr nichts weiter passiert, und als sie beim Warten auf den Krankenwagen das Bewusstsein wiedererlangte, fragte Grey sie, wieso sie zu ihrem Nachthemd Stiefel trage. Seit jenem Moment waren sie unzertrennlich, und sie schwor ihm noch an Ort und Stelle, künftig auf Blumenmuster, Männerboots und Haarentfernungen unten herum zu verzichten.

Heute kleidet sie sich eher wie Kate Moss für Arme – eine gewagte Kombination aus Vintage Look und High Street Jeans, Westen und anderen coolen Teilen, die eigentlich nicht zusammenpassen, bei Trish aber irgendwie doch. Die Begegnung mit Grey vertrieb auch den Irokesen in ihr. Ihr Haar ist leuchtend rot und zu einem asymmetrischen kinnlangen Bob geschnitten.

Diesen Look verdankt sie unserem gemeinsamen besten Freund Stuart. Noch eine College-Beziehung, die die Zeit überdauert hat. Wir haben Stu kennen gelernt, als er in seinem ersten Monat auf der Friseur-Schule Modelle zum Haareschneiden suchte. Getrieben von einer Mischung aus ständigen Frisurproblemen, billigem Cidre und leeren Bankkonten haben wir uns gemeldet. Ungeachtet der Tatsache, dass er uns damals Frisuren verpasste, die unsere Umgebung in Angst und Schrecken versetzten (Julie McGuiness, falls du das zufällig liest, danke für das K.-D.-Lang-Poster), sind wir seither Freunde. Ach, und falls Sie jetzt was anderes denken sollten: Stu ist ein Hetero durch und durch. Allerdings ist er …

»Das ist ja super, Leni! Ich bin stolz auf dich! Aber halt ein bisschen Abstand, Süße. Der Virus, den ich habe, ist hochgradig ansteckend.«

… ein Hypochonder. Oder soll ich besser sagen, die Post-Milleniums-Variante – ein Cyberchonder? Bei den ersten Anzeichen eines Niesens sitzt er am Computer, gibt seine Symptome auf allen verfügbaren Medizinportalen im Internet ein, stellt dann fest, dass er an der Pest leidet, und klopft jedes Mal, ehe er ein Zimmer betritt. Aber auch wenn das Web die dramatischsten Diagnosen bereithält – wir sind froh, dass er sein altes medizinisches Wörterbuch endlich in den Müll geworfen hat. Damals hing er tagelang am selben Buchstaben fest, bis er einen psychosomatischen Nervenzusammenbruch erlitt. Ich werde die schreckliche Woche 2002, als er gleichzeitig an Hämorrhoiden, Rippenfellentzündung und Schwangerschaft erkrankt war, niemals vergessen.

Wir hoffen, dass er eines Tages seiner Traumfrau begegnet und ihn das von seiner morbiden Obsession befreit. Leider sind bisher alle Versuche, ihn mit einer Angestellten aus dem medizinischen Pflegebereich zu verkuppeln, fehlgeschlagen. Einmal hat er es mit einer Altenpflegerin bis zum dritten Date geschafft, aber sie verließ ihn empört mitten in einer Folge von Emergency Room, weil er sie gebeten hatte, ihm bei einer Prostata-Untersuchung zu assistieren. Sie behauptete, der Vorfall hätte sämtliche Romantik in ihrer Beziehung zerstört. Eine Schande eigentlich, denn abgesehen von seinen Neurosen ist er ein Supertyp: eins achtzig groß, schwarze kurze Haare, tief liegende grüne Augen und ein Waschbrettbauch, der einer Drum in nichts nachsteht. Darauf zu trommeln würde er natürlich nie gestatten, aus Angst er könne sich die Rippen brechen, die Lunge verletzen oder innere Blutungen erleiden.

Ach, und erfolgreich ist er auch noch. Er besitzt einen absolut coolen Salon (Erkältungsgefahr) und ist ein aufstrebender Star (Schwindel, Höhenangst) in der Friseurwelt (Läuse, lebensbedrohliche Schnitte in den Finger, Einatmen giftiger Dämpfe). Er stylt Muttis aus Chelsea, frühreife Teenager, TV-Sternchen aus dem Nachmittagsprogramm und ist für die Vorher-Nachher-Seiten eines Teenie-Magazins zuständig. Trish hat geschworen, dass sie ihn eines Tages beim Fernsehen unterbringen wird, aber dazu müsste er auf Dauer seine Flugangst überwinden. Er hat nicht nur Angst vor einem Absturz, sondern vor allem vor Bakterien, seit er mal gehört hat, dass die Belüftungssysteme in den Flugzeugen die verbrauchte Luft nur recyclen und somit alle möglichen Krankheitserreger verbreiten. Allerdings verdankt er seiner Flugphobie auch häufig ein echtes Highlight. Wenn irgend möglich, kriegt er nämlich ein Upgrade in die Erste Klasse, weil die Stewardessen befürchten, der Anblick eines schwitzenden erwachsenen Mannes mit Gesichtsmaske könnte die anderen Passagiere verunsichern.

Ich hievte mich auf einen freien Barhocker, hielt aber genug Abstand zu Stu, damit mir sein hochansteckendes Ebola-Virus nicht zum Verhängnis werden konnte, bevor ich ein Glas Wein und ein Tütchen Erdnüsse intus hatte.

In wenigen Worten beschrieb ich meine Begegnung mit Zara. Trish und Stu waren der Reihe nach erstaunt, bestürzt, stolz und … entsetzt.

»Du musst was?« Trish prustete ihren halben Wein über die Theke.

»Das kommt gar nicht in Frage«, befahl Stu wie ein strenger Vater, der seinem Kind Alkohol, Discos und Intimkontakte kategorisch untersagte.

»Okay, Dad, wenn ich dafür eine Taschengelderhöhung kriege.«

»Ich meine es ernst, Leni. Zwölf Männer! Weißt du, wie gefährlich das ist? Statistisch gesehen tragen zwei von ihnen eine Geschlechtskrankheit in sich. Dazu kommt die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens einer von ihnen vorbestraft ist.«

Für einen Macho war er manchmal ganz schön hysterisch (Angstzustände, erhöhter Blutdruck, Falten).

Jetzt sah er mich mit einer Mischung aus Abscheu und Entsetzen an. Dazu kam eine Extraportion Sorge, damit ich mich noch beschissener fühlte. Er hatte Recht. Klar hatte er Recht. Tief in mir drin wusste ich das. Es war der reine Wahnsinn, den Job anzunehmen. Dates? Ich konnte unmöglich in so kurzer Zeit zwölf Dates abwickeln. Ich gehöre zu den Frauen, die Wochen brauchen, ehe sie ein neues Waschmittel ausprobieren, und selbst dann noch Mitleid mit dem alten haben. Andererseits … Ich dachte an den Bücherturm neben meinem Bett. Sollte ich es nicht trotzdem tun? Sollte ich nicht die zehn Schritte in ein neues Leben wagen? Sollte ich nicht endlich aufhören, diese Ratgeber nur zu lesen, und die vielen Tipps stattdessen lieber in die Tat umsetzen? Es wurde höchste Zeit, endlich ein anständiges Leben zu führen. Ich konnte es schaffen.

»Stu, ich muss ja nicht gleich mit ihnen schlafen. Ich habe nur ein Date mit ihnen, das ist alles. Ihr wisst schon, Bowling, eine Kunstausstellung und so was. Wie schlimm kann das schon werden? Seht euch doch meine Erfolge bei Männern an. Ben? Verheiratet. Donny? Weltmeister in den Disziplinen Ereignislosigkeit und Langeweile. Gary? Ist mit meiner Fußpflegerin durchgebrannt. Goliath? Hat letztes Jahr beim Barbecue versucht, Trish zu vögeln.«

»Ich habe dich gleich davor gewarnt, dich auf einen Mann mit dem Namen Goliath einzulassen. War doch klar, dass er Minderwertigkeitskomplexe haben würde«, ereiferte Trish sich.

»Danke, Dr. Jong«, antwortete ich eingeschnappt, dem Drang widerstehend, sie daran zu erinnern, dass sie es war, die mich ihrem Cousin zweiten Grades vorgestellt hatte.

»Ich verbiete es dir trotzdem! Es ist viel zu gefährlich, und außerdem wird es ganz grässlich für dich werden. So bist du einfach nicht, Leni«, beharrte Stu und knallte seine Flasche Bud vor uns auf die Theke.

Er hatte so Recht – so verdammt beschissen Recht. Mein Emotionspendel schwang von »fest entschlossen« zu »realistisch«. Es gibt keinen Zweifel: Als Gott Spontaneität und Abenteuergeist verteilt hat, habe ich laut abgewehrt: Nein, danke, ich nehme lieber Langeweile und Beständigkeit!

Ich warf ein paar Erdnüsse ein, um mir den emotionalen Druck zu nehmen. Nimm den Job. Nimm ihn nicht. Nimm den Job. Nimm ihn nicht. Früher konnte ich mich nie entscheiden, heute bin ich unentschlossen. Verflucht!

»Mann, stell dich doch nicht so an«, mischte Trish sich ein. »Sie wird das schon machen. Wer weiß, vielleicht lernt sie endlich mal einen kennen, der aus ihrer sonst üblichen Auswahl an Losern und Versagern heraussticht.«

Hallo? Ich wusste nicht so recht, ob ich froh sein sollte, dass Trish mich unterstützte, sauer, weil sie mich beleidigt hatte, oder entsetzt, weil es sie nicht im Geringsten zu stören schien, dass ich einem Axt schwingenden Psychopathen in die Hände fallen könnte. Aber in einem hatte sie natürlich nicht ganz Unrecht.

Ich war siebenundzwanzig Jahre alt und hatte noch nie eine Beziehung gehabt, die mich dazu veranlasst hätte, eine Brautzeitschrift durchzublättern. Die längste hatte bisher zwei Jahre gehalten, Ben, der einzige Mann, den ich je geliebt hatte (schluchz – tut mir leid, aber ich kann noch immer nicht an ihn denken, ohne schlucken zu müssen). Ben war der schnuckelige Fremde, den ich ein paar Jahre nach meinem College-Abschluss im Zug kennen gelernt hatte. Wir hätten jeden Wettbewerb um das ungewöhnlichste Paar des Jahres gewonnen. Ich: zurückhaltend, ängstlich und ausgestattet mit einem Abenteuergeist, der bestenfalls ausreichte, um bei Starbucks einen neuen Muffin zu probieren. Er: Marinesoldat, ein Meter fünfundachtzig vor Testosteron strotzende Männlichkeit, die mich rührend umsorgte – schließlich war Ben im wahren Leben eine eiskalte Tötungsmaschine. Leider fand ich nach zwei Jahren heraus, dass er in einer Kaserne in Felixstowe Frau und Kind hatte. Und die Mehrzahl seiner verdeckten Operationen weit vor der Frontlinie stattfanden. Sein Einsatz gegen die Taliban war vermutlich ein Klacks verglichen mit dem Stress mit einer Ehefrau und einer Freundin, von denen keine einen blassen Schimmer von der anderen hatte …

Nein, daran wollte ich jetzt nicht denken. Ich warf noch ein paar Erdnüsse ein und spulte mental vor bis zum grausamen Ende. Es bestand hauptsächlich aus Szenen, in denen ich auf dem Badezimmerboden lag, in den Duschvorhang schluchzte und allen Männern die Pest an den Hals wünschte. Danach hatte ich nur noch ein paar nichtssagende Kurzzeitaffären mit völlig inkompatiblen Typen, um mir wenigstens ab und zu eine Auszeit aus meinem Seriensingledasein zu gönnen.

Im Nachhinein hätte ich einen Rucksack packen und mich beim Trekking in Nepal religiös erleuchten lassen sollen, um mein gebrochenes Herz zu kurieren. Oder vielleicht am Great Barrier Reef die Wunder der Natur und oberflächlichen Sex mit langhaarigen australischen Beachboys genießen. Was hatte ich stattdessen gehabt? Jahrelang denselben Job, ein ödes Liebesleben und ein Apartment in Slough/Windsor, in dem ich schon ewig wohnte. Eigentlich lag es mehr in Slough, aber wenn man sich mit einem Fernglas im Fünfundvierzig-Grad-Winkel aus dem Fenster hängte, konnte man fast das Schloss sehen. Nicht dass ich das je getan hätte. Also gut, das eine Mal, und da hatte mich Mrs. Naismith von nebenan an den Füßen festhalten müssen, damit ich nicht herausplumpste. Verdammt!

Ich atmete tief durch, reckte entschlossen das Kinn und schaltete kurzfristig um auf furchtlose Superheldin. Auf gar keinen Fall wollte ich irgendwann an diesen Moment zurückdenken und bereuen, dass ich die Gelegenheit nicht mit beiden Händen ergriffen hatte (oder wenigstens mit der einen Hand, die nicht ununterbrochen damit beschäftigt war, gesalzene fetttriefende Nüsse in meinen Mund zu schieben). Nach dieser kurzen Rückschau auf mein ödes, todlangweiliges Leben und meine zutiefst unbefriedigende Liebes-Historie war ich mir sicherer als zuvor, dass ein bisschen unkalkulierbarer Wahnsinn genau das war, was ich brauchte.

Und Zara Delta war unkalkulierbarer Wahnsinn.

Great Morning TV!

»Nun, Zara, ich glaube, Sie arbeiten in diesem Jahr an einem spannenden neuen Projekt und brauchen dafür unsere Hilfe«, sagte Goldie Gilmartin, die Lieblingssofakönigin der Nation. Sie war Mitte vierzig, hatte eine auffallende Kurzhaarfrisur und einen Body, dem man die regelmäßigen Fitnessstudiobesuche ansah. In ihrer Ausstrahlung war sie Liza Minelli nicht unähnlich. Das britische Fernsehpublikum liebte sie und ihre forsche, geradlinige und wenn nötig mitfühlende Art und behandelte sie wie einen Staatsschatz.

»Ja, das tue ich, Goldie, und vielleicht handelt es sich dabei um mein bisher wichtigstes Projekt. Ich möchte noch nicht zu viel verraten, nur dies: Ich glaube, ich habe die Antwort für alle weiblichen Singles, die auf der Suche nach ihrem Märchenprinzen sind.«

Goldie drehte sich grinsend in die Kamera. »Dann gibt es also noch Hoffnung für mich?«

Goldies Singlestatus war ein ständiges Thema in der Regenbogenpresse. Was die bisher noch nicht mitbekommen hatte (wir aber – dank Trishs Insiderinformationen,) war, dass sie seit Jahren eine heimliche Beziehung zu einem ein Meter achtzig großen Stripper mit dem Körper eines Adonis hatte, der zwanzig Jahre jünger war als sie.

»Goldie, das erste fertige Buch gehört Ihnen«, versprach Zara, ehe sie sich wieder der Kamera zuwandte. »Zunächst möchte ich aber unsere Zuschauer um ihre Mithilfe bitten. Ich brauche männliche Singles. Ladys, haben Sie einen Bruder, Sohn oder vielleicht sogar Dad, der sich ausschließlich von Mikrowellengerichten ernährt? Oder sind Sie selbst ein liebeloser Single, der von herkömmlichen Dating-Spielen die Nase voll hat? Melden Sie sich bei mir, erzählen Sie mir ein bisschen über sich, fügen Sie ein Foto bei, und Sie gehören vielleicht zu den Glücklichen, die eine kostenlose Traumnacht erleben dürfen. Wer weiß, vielleicht finden Sie dabei die perfekte Partnerin. Na? Interessiert? Den Rest erfahren Sie, sobald mein neues Buch Ende des Jahres erschienen ist, aber bis dahin verrate ich Ihnen so viel: Wenn Sie ausgewählt werden, steht Ihnen ein grandioses Abenteuer bevor.«

»Prima, Zara, danke für die Ausführungen«, rief Goldie dazwischen. »Also, ihr habt es gehört, Männer! Schreibt uns! Wer weiß, wenn einer dabei ist, der mir gefällt, rufe ich vielleicht selbst an.«

3.

Sterne gucken

Morgen, Leni. Zara braucht dringend ihre Terminaufstellung für heute, außerdem möchte sie ihre neuen Kristalle bei Swarovski auf der Bond Street abgeholt haben, und, ach, könnten Sie bitte auch noch dafür sorgen, dass eine Putzkolonne kurz durch ihr Haus geht? Sie hatte gestern Abend Gäste, da ist es ein bisschen fröhlich geworden. Oh, und wir haben einen ersten Kandidaten für unser Dating-Projekt. Ich habe Ihnen die Unterlagen auf den Schreibtisch gelegt.«

»Klar, Conn, kein Problem.«

Grinsend drückte er sich auf der Treppe an mir vorbei. Ich wartete, bis er außer Hörweite war. »Chicken Tikka Baguette«, zischte ich Millie, dem blassen Empfangsmädchen zu. Abgesehen von ihrer anämischen Haut, den kohlrabenschwarzen Haaren und dem mürrischen Gesicht war sie eigentlich total nett, und ich machte mir Sorgen, dass ihr eine düstere Osteoporose-Zukunft drohte, wenn sie nicht bald die Sonne sah.

»Falsch. Käsesalat auf Vollkorn, ohne Mayo«, entgegnete sie in ihrem schwerfälligen Glasgower Dialekt.

In diesem Moment drehte Conn sich oben auf der Treppe noch einmal um.

»Ach, Millie, fast hätte ich’s vergessen. Könnten Sie mir bitte was zum Lunch besorgen? Ein Sandwich mit Käsesalat wäre perfekt.«

Sie warf mir einen triumphierenden Blick zu. »Kein Problem. Weißbrot oder Vollkorn?«

»Vollkorn«, antwortete er. »Ohne Mayo.«

»Tja, damit gehen die Sahnetörtchen in der Mittagspause wohl wieder auf mich«, antwortete ich frustriert. Wie machte sie das bloß? Ich arbeitete nun seit vierzehn Tagen für Delta Inc., und bisher hatte Millie mich jeden Mittag bei der Sandwich-Wette geschlagen. Verdammt! Vielleicht sollte ich anfangen, mir Notizen zu machen, um herauszuarbeiten, ob Conn einen Lieblingslunch hatte, das in einer direkten Beziehung zu Wochentag, Monat oder Mondphase stand. Das war in diesem Laden ja durchaus nicht unrealistisch.

Unser zugegeben ziemlich albernes Spiel hatte gleich an meinem ersten Tag begonnen, als mir im Rezeptionsbereich Zaras Sohn und Manager Conn vorgestellt wurde. Es gab im Grunde nur zwei Worte, mit denen man ihn zutreffend beschreiben konnte: Wow! Wow!

Ich bin eins siebenundsechzig und selbst auf meinen höchsten, schmerzhaftesten Schuhen (Louboutin-Plateausandalen, bei Ebay auf sechzig Pfund reduziert wegen eines dicken Kratzers am Absatz, der dank der Zauberkraft eines Eddings inzwischen verschwunden ist) ein Zwerg neben ihm. Seine Schultern sind etwa gehwegbreit, und seine topasfarbenen Augen funkeln strahlender als die Sterne im Empfang. Er sieht aus wie der junge Marlon Brando. Das Bemerkenswerteste an ihm ist jedoch seine Frisur: dunkle, lange Haare, vom Winde verweht, wie Jon Bon Jovi, nachdem er in etwas gereifterem Alter festgestellt hat, dass Heavy-Metal-Haare ein Vermögen an Pflegeprodukten verschlingen.

Zara hatte mir erzählt, dass sie Conn mit sechzehn bekam, also musste er neunundzwanzig sein. Obwohl er damit nur wenig älter war als ich, besaß er ein unglaubliches Selbstbewusstsein, das ihn viel reifer erscheinen ließ und damit zu einem perfekten Manager für Zara machte.

Ja, das alles wusste ich schon nach den fünf Gesprächen, die wir hatten, seit ich vor zwei Wochen anfing, für Zara zu arbeiten. Also gut, ich gebe zu, ein paarmal habe ich ganz zufällig mitbekommen, wie er sich am Telefon mit jemand anders unterhalten hat, aber das liegt nur an der hoffnungslos veralteten Telefonanlage, bei der man fremde Gespräche mithören kann. Ich empfinde es als ziemlichen Eingriff in die Privatsphäre, aber wenn Zara so gut ist, wie sie immer tut, kann sie doch ohnehin in jeden Kopf gucken, oder? Bei diesem Gedanken fuhr mir ein Schauer über den Rücken, und ich verfiel sofort in mein inzwischen vertrautes mentales Mantra: Denk was Nettes, denk was Nettes, denk was Nettes …

Die meisten Angestellten machen sich Gedanken, ob ihr Boss ihre Schreibtischschubladen durchwühlt. Manche Menschen fürchten sogar, jemand könnte ihre PCs ausspionieren und ihre E-Mails lesen. Und ich? Ich lebe in der ständigen Angst, Zara könnte meine Gedanken lesen und mich feuern, weil irgendeine unerzogene Gehirnzelle (mit Recht) blökt: He, du da in deinem unförmigen Kaftan, du kommst ein paar Jahrzehnte zu spät. Woodstock ist lange vorbei!

Ich machte mich auf den Weg zu Zaras Büro und öffnete vorsichtig die Tür. Schließlich wusste man bei ihr nie, was einen erwartete. Erst in der vergangenen Woche hat sie einen riesigen Drachen aus dem Fenster gehalten, weil sie davon überzeugt war, dass die Flugrichtung ihr einen Hinweis darauf geben könnte, ob sie den spirituellen Kurztrip in die Mongolei über Weihnachten buchen sollte oder nicht. Als ich gestern zu ihr reinkam, unterhielt sie sich gerade angeregt mit einer Ziege. Jawohl, mit einer Ziege! Ich frage mich, was der Tierschutzbund sagen würde, wenn er erführe, dass sich eine erwachsene Frau mit dem Tier unterhält, das ihr das Morgengetränk liefert. Dagegen erscheinen mir Archie Botham und seine Kugelhähne geradezu gewöhnlich.

Zum Glück waren an diesem Morgen weder lebende Tiere noch Kinderspielzeuge anwesend, sondern bloß Zara. In einem fluoreszierenden pinkfarbenen Schlauch, der bis zum Boden reichte, nebst passendem Haarband. Wie üblich begrüßte sie mich, indem sie ihre Handflächen gegen meine presste und die Augen schloss.

»Möge der Kosmos uns einen erfolgreichen Tag in Frieden und Harmonie schenken.«

Ich sagte es mit ihr zusammen auf und versuchte mir dabei nicht allzu blöd vorzukommen. Immerhin fing der Tag gut an. Denn inzwischen hatte ich festgestellt, dass sie dieses kleine Morgenritual mit mir nur dann vollführte, wenn sie guter Stimmung war. Sie wäre außer sich, wenn sie wüsste, dass ich meine Aura seit mehr als einer Woche nicht mehr auf dunkle Schatten überprüft hatte. Und das Buch, das ich ganz unten in meinem Rucksack versteckt hatte, würde ihr bestimmt auch nicht gefallen: So überlebe ich eine durchgeknallte Chefin – Die besten Tipps für ein positives Arbeitsklima. Plötzlich kam mir ein beängstigender Gedanke: Spürte sie das Buch vielleicht? Merkte sie, dass ich daran dachte?

Ich schaltete in den Assistentinnen-Modus. Und dachte an was Nettes. Netter Umstand Nummer 1: Die Arbeit machte mir Spaß. Ehrlich. Die Arbeitszeit war angenehm, der Job war interessant, und auch wenn Zara es schaffte, sich in kürzerer Zeit, als ich benötigte, um mein Horoskop zu lesen, von einem Ausbund an Gelassenheit in eine wütende Egomanin zu verwandeln, war ich bisher ihrem Zorn entgangen. Netter Umstand Nummer 2: Das Gehalt war erfreulich, und jeden Tag passierten viele spannende Dinge. Netter Umstand Nummer 3: Der … Conn. Ups, das war mir gerade so herausgerutscht.

Aber ich gebe zu, so eng mit diesem Mann zusammenzuarbeiten erregte nun mal … meine Alarmglocken. Eine innere Stimme brüllte: DENK KEINE ANZÜGLICHEN DINGE ÜBER EINEN MANN, WENN SEINE HELLSEHERISCHE MUTTER VOR DIR STEHT! Schweißperlen bildeten sich auf meiner Oberlippe, während ich hektisch den mentalen Pornosender wegzappte und den Kanal Funktionierende Angestellte suchte.

»Ihre To-do-Liste für heute ist bereits auf Ihrem PC und Ihrem Blackberry. Ich habe gestern Abend noch schnell ein Update gemacht. Sie sind den ganzen Tag im Büro und haben drei Kundinnen zu einem Horoskoptermin. Die erste ist eine Mrs. Callow aus Bridgend, normales Honorar sechshundert Pfund pro Stunde. Die zweite ist die Siegerin des Wettbewerbs aus Great Morning TV! letzte Woche. Das Horoskop ist gratis, deshalb habe ich ihr mitgeteilt, dass der Termin nur eine halbe Stunde dauert, wie Sie gesagt haben. Und die dritte ist Sher DeMilo. Sie ist gerade bei Eastenders rausgeflogen und war völlig hysterisch, als sie anrief. Was sollen wir ihr berechnen?«

Zara schloss kurz die Augen und schwieg. »Einen Tausender. Wenn sie einen Supermarkt eröffnet, kriegt sie wesentlich mehr.«

Hatte ich bereits erwähnt, dass ich eine weitere überraschende und ziemlich beunruhigende Eigenschaft an Zara entdeckt habe? Sie mochte eine spirituelle Koryphäe sein, eine irdische Göttin, ja, sie mochte nach den Prinzipien des karmischen Gleichgewichts leben, aber wenn es um ihren Kontostand ging, war sie knallhart.

»Conn hat mich gebeten, Ihre Kristalle abzuholen und Ihr Haus reinigen zu lassen. Darum kümmere ich mich, während Sie Ihre erste Kundin haben. Soll ich sonst noch was erledigen?«

»Ja. Erkundigen Sie sich doch bitte nach dem Dresscode für die TV Times Awards. Und Mrs. Chopra möge bitte mal zu mir kommen, um mein Outfit zu besprechen.«

Ich machte mir eine Notiz. Zara bezog ihre Garderobe keineswegs von irgendwelchen exotischen Märkten während ihrer Dritte-Welt-Reisen (wie es häufig in den Zeitungen stand), sondern ließ sie von Mrs. Chopra anfertigen, einer netten kleinen Inderin, die in ihrem kleinen Zweizimmerreihenhaus in Hounslow eine Schneiderei betrieb.

Ich ging zu meinem Schreibtisch und meinem Schreibtischstuhl – pardon, meinem Kissen und meinem Baumstumpf. Als mein Steißbein sich in den Holzboden bohrte, nahm ich mir zum hundertsten Mal vor, mir ein gepolstertes Cycle-Höschen zu besorgen. Wer hätte gedacht, dass ich in meiner beruflichen Karriere jemals so ein Kleidungsstück brauchen würde?

Mein Blick fiel auf die rote Mappe, die auf meinem Tisch lag. Oder sollte ich besser sagen auf der Rinde? Mir blieb keine Zeit für solchen Hintersinn, denn ganz plötzlich fing mein Kopf an zu hämmern. Tadam. Tadam. Tadam. Meine Hände zitterten, und ein dicker Kloß machte sich in meinem Hals breit. Die Tadams wurden immer schneller. Kurzes Memo für mich: Beim nächsten Mal Defibrillator mit auf die Büromaterialliste setzen. Tadam. Tadam. Zwei Wochen lang hatte ich es krampfhaft verdrängt und gehofft, dass Zara ihre Meinung änderte/eine neue Idee hatte/vom Bus überfahren wurde, ehe ich dieses schreckliche Projekt in Angriff nehmen musste. Aber jetzt sah ich die Realität schwarz auf weiß vor mir: der erste Kandidat! Zara hatte ihn aus dem Stapel an Zuschriften ausgesucht, den sie bekommen hatte, seit sie in Goldies Sendung öffentlich auf Männersuche gegangen war.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, im völlig falschen Film zu sein. Panik breitete sich von meinen Zehen bis zu meinem schmerzenden Hinterteil aus. Wie hatte ich je glauben können, so was zu schaffen? Warum? Dazu war ich doch nun wirklich nicht geboren. In unserem Trio war Trish zuständig für Furchtlosigkeit, Spontaneität und Dreistigkeit, Stu betreute das Ressort Attraktivität, Sensibilität, Witz und Kreativität, und ich kümmerte mich um Sicherheit, Zuverlässigkeit und Langeweile.

Ich zog ein Din-A4-Blatt mit einem aufgeklebten Foto aus der Mappe. »Harry Henshall« stand darunter. Mein Magen krümmte sich, als ich das Foto anschaute und sofort erkannte, dass er mein Typ war. Nicht dass ich einen bestimmten Typ gehabt hätte (außer unzuverlässiger, enttäuschender zwanghafter Lügner), aber Harry sah aus wie ein Mitglied aus einer Boygroup … zehn Jahre nachdem sie Platz 32 in den Charts belegt und sich getrennt hatten, um Solokarrieren zu starten. Die Solokarriere buchstabierte sich K-a-r-a-o-k-e. Rasch überflog ich den Lebenslauf. Meine Panik hatte nun Hüfthöhe erreicht. Harry war achtundzwanzig, arbeitete in einer Fabrik, die Schaltpulte herstellte, seine Hobbys waren Lesen, Sport und Ausgehen. Ich begann zu schwitzen.

Harry. Leni und Harry. Harry und Leni. Ich konnte das nicht. Ich konnte es einfach nicht. Schweißperlen traten auf meine Oberlippe, mir wurde übel. Hektisch überlegte ich, ob ich meinen alten Job wiederbekommen konnte?

»Ah, wie ich sehe, haben Sie es gefunden.« Zara baute sich über mir auf. »Wir fanden, dass er sehr nett aussieht. Er ist Löwe.«

»Er sieht aus wie einer, der den Termin bei seinem Bewährungshelfer verpasst hat«, wollte ich sagen, ließ es aber.

»Wie ich Ihnen bereits erklärt habe, habe ich eine neue Methode der Sterndeutung entwickelt, die die herkömmliche Astrologie revolutionieren wird. Aus diesem Grund werde ich Ihnen vor dem ersten Date keinerlei Informationen über das jeweilige Sternbild geben. Ich möchte, dass Sie völlig ohne Vorbehalte an die Sache herangehen.«

Ich vermute, damit meinte sie ohne die beiden Vorbehalte, die sich mir förmlich aufdrängten. Erstens: Wenn Harry Zeit hatte, seinen Lebenslauf an die Redaktion einer Fernsehshow zu schicken, war er vermutlich keiner, der mit seinem Liebesstab Horden potenzieller Freundinnen abwehren musste. Zweitens: Ich würde vor Angst sterben, ehe es überhaupt zu einem Treffen kam.

»Wichtig ist, dass Sie ihm die Organisation des Dates komplett überlassen. Wo Sie sich treffen, wo Sie hingehen, was Sie machen, das soll alles er bestimmen.«

So viel zu meinem Plan, mich auf einen Drink mit ihm zu verabreden und dann aus dem Klofenster zu flüchten.

Sie knallte ein DIN-A4-Blatt vor mir auf den Tisch.

»Hier stehen einige Richtlinien, die Sie bitte unbedingt befolgen müssen. Sie repräsentieren uns, daher erwarten wir von Ihnen, dass Sie sich so verhalten, dass wir nicht in ein negatives Licht gerückt werden.«

Ich zwang mich zur Ruhe. Das sagte eine Frau, die das Bild, das im Empfang hing, mit ihren Brustwarzen gemalt hatte – als Demonstration der Weiblichkeit. Die erst letzte Woche eine Kundin zum Weinen gebracht hatte, weil sie ihr erklärt hatte, dass ihr verschwundener Chihuahua sicher längst in dem großen Hundezwinger im Himmel sei. Und die von Promis Honorare verlangte, die die normalen Sätze um das Dreifache überstiegen. Ausgerechnet sie machte sich Sorgen, dass mein Verhalten ein negatives Licht auf sie werfen könnte? Scheiße, sie sah mich gerade so komisch an. Schnell, was Nettes! Denk was Nettes. Verdammter Mist! Dieser ganze Wahnsinn war schon schlimm genug, ohne dass ich mir auch noch ständig Sorgen machen musste, dass Zara meine Gedanken erriet.

Ich konnte das nicht. Am liebsten hätte ich meinen Kopf zwischen die Beine gesteckt und gewartet, bis die Panik nachließ. Ich hatte plötzlich das Bedürfnis, einen autobiografischen Ratgeber zu schreiben, von dem andere lernen konnten: Spür die Angst … Und dann zittere, bis deine Nase anfängt zu bluten.

»Sind Sie sicher, dass Sie der Herausforderung gewachsen sind, Leni? Conn und ich sind der Meinung, dass es sich um eine sehr anspruchsvolle Aufgabe handelt und zweihundert Pfund pro Abend daher durchaus angemessen sind. Zusätzlich übernehmen wir natürlich alle Spesen.«

Mann, es nervte mich wirklich, dass sie sich einbildete, sie könnte mich kaufen. Ich hatte Moral! Und ich hatte Werte! Aber ich hatte auch mein Konto überzogen, und da kamen mir ein paar Zweihundert-Pfund-Finanzspritzen sehr gelegen.

Ich musste mich entscheiden. Ich hatte genau zwei Möglichkeiten: abhauen oder die Sache durchziehen. Abhauen. Die Sache durchziehen. Abhauen. Abhauen! Mein innerer Schweinehund bellte immer lauter.

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