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Sternschnuppennächte

Über die Autorin

Eileen Ramsay, in Schottland geboren und aufgewachsen, arbeitete in Washington, DC, und Kalifornien als Lehrerin. Neben der Liebe zur klassischen Musik war das Schreiben schon immer ihre Leidenschaft, die sie inzwischen zu ihrem Beruf gemacht hat.

Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann in Angus, Schottland, einer Landschaft, deren Reiz sie in ihren epischen Romanen »Schetterlingstage« und »Sternschnuppennächte« aufs Schönste entfaltet. In »Pinienträume« bezaubert sie ihre Leser nicht nur mit der herben Schönheit von Edinburgh, sondern entführt sie auch in die sanften Hügel der Toskana.

EILEEN RAMSAY

STERNSCHNUPPEN

nächte

Roman

Aus dem Englischen
von Sonja Schuhmacher

BASTEI ENTERTAINMENT

KAPITEL 1

Kate Buchanan. Ein schlichter Name, aber Granny hatte gemeint, damit könne man alles erreichen. Lange Zeit hatte sie ihn nicht benutzt, doch er stand nun einmal in ihrer Geburtsurkunde. Sie war nicht als Kate Buchanan in die Notaufnahme des Krankenhauses gebracht worden war, und die Presse hatte auch nicht über Kate Buchanan so ausführlich und sensationslüstern berichtet – einschließlich der seriösen Blätter, die angeblich über solchen Dingen standen. Und doch war sie als Kate Buchanan aus dem Gefängniskrankenhaus entlassen worden und danach für lange Jahre in einem Hospital ganz anderer Art verschwunden. Die nächste Station lag dann an der Riviera. Klang das nicht phantastisch? Sie hatte an der Riviera gelebt. Auch in ihrer Jugend war sie oft in Südfrankreich gewesen, hatte in wunderbaren Villen gewohnt und war auf Luxusyachten gekreuzt. Aber dann wurde alles anders. Sie wollte ganz abgeschieden leben – in einem Kloster, das Hugh entdeckt hatte. Hugh Forsythe, der liebe, gute Hugh, einer der Menschen, auf deren Treue sie immer zählen konnte. Aber es kamen auch Zeiten, da fand man Gelegenheit, vieles nachzuholen und wieder gutzumachen, und das musste hier geschehen, in diesem Haus, das ein Jahr lang renoviert worden war. Es hatte sie ein Vermögen gekostet, und manchmal hatte sie Zweifel, ob sie sich das wirklich leisten könne. Aber sie war wohlhabend, schließlich war sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere gewesen, als das Feuer ausbrach – ein Feuer, das Spuren hinterlassen hatte. Wenn man dem Spiegel, in den sie selten blickte, trauen konnte, dann war sie keine junge Frau mehr, sondern eher in den mittleren Jahren; aber Alter war relativ – wie die Schönheit lag es im Auge des Betrachters.

Das Haus, Abbots House, sah fast so aus wie früher – wenn sie es richtig in Erinnerung hatte. Auf ihr Gedächtnis war kein Verlass mehr, es war zugleich Freund und Feind. Es gestattete ihr, bestimmte Dinge zu vergessen. War der Toile-de-Jouy-Stoff rosa oder blau gewesen? Bestimmt blau, rosa war nicht ihre Farbe, und hübsche Grüntöne hatte es bei diesen französischen Rokokomustern gar nicht gegeben, oder? Jeden Tag würde ihr ein bisschen mehr wieder einfallen, behaupteten die Ärzte zumindest. Ihnen wäre es lieber gewesen, wenn Kate ihre Erinnerungsarbeit in der Obhut eines Hospitals geleistet hätte, aber es musste hier geschehen. Sonst würde sie niemals mit dem Leben zurande kommen – und auch nicht mit dem Tod.

Die Namen hatten damals ihre Neugier geweckt: Friars Carse und Abbots House. Wer mochte nicht im Haus eines Abtes leben, das romantische Vorstellungen vom Klosterleben weckte, von Mönchen und Tempelrittern, die in das Heilige Land gezogen waren? Friars Carse, das malerische Dorf, das mit den es umgebenden Ländereien früher einem Orden gehört hatte – Grey Friars hießen die Mönche, daran erinnerte sich Kate dunkel –, lag fernab von all den Orten, an denen sie Menschen hätte begegnen können, die sie kannten. Als abgelegen, alles andere als chic, ja, provinziell hatten ihre Londoner Freunde es bezeichnet. Ursprünglich hatte Hugh ihr geraten, das Haus zu verkaufen, zu nehmen, was es noch einbringen würde, wenigstens den Grundstückswert. Und sie hatte sich geschworen, nie wieder in Abbots House zurückzukehren, zu viel Schmerz und Entsetzen wären damit verbunden. Aber sie war hier einmal sehr glücklich gewesen, und das in jeder Sekunde.

War es tatsächlich Kate, die hier so glücklich gewesen war, oder etwa die andere? Keiner dachte mehr an Katherine. War sie nicht bereits vor langer Zeit gestorben?

»Der Name taugt nichts, Schätzchen. Kate Buchanan wäre nur ein Talent unter vielen anderen. ›Kate‹ ist ein x-beliebiger Name. Wir brauchen etwas Besonderes. ›Katherine‹, ja, wie die göttliche Hepburn, obwohl die sich ›Katharine‹ geschrieben hat, aber auch du wirst einzigartig sein. ›Katherine Buchanan‹ hat zu viele Silben, aber ›Katherine‹ gefällt mir, es klingt ladylike. ›Katherine Buchan‹. Das macht sich gut auf den Reklametafeln.«

Das waren die Worte von Maurice Taylor gewesen. Ihr erster und einziger Agent. Was den Namen betraf, hatte er wieder einmal Recht behalten.

Doch nun riss Kate Buchanan sich zusammen, und ihre Gedanken wanderten zurück zu ihrem neu eingerichteten Haus. Kaum war sie zur Tür hereingekommen, legte sie sich für eine Stunde auf die Couch. Das Möbel stand in dem Raum, der eines Tages, wenn aus der Wüste dort draußen erst ein Garten geworden war, das Studier- und Gartenzimmer sein würde. Ihr kleiner Ausflug hatte sie mehr Kraft gekostet, als sie gedacht hatte.

Die Frau in dem hübschen kleinen Laden war freundlich gewesen; zwar hatte sie Kate versichert, dass sie Bestellungen gern nach Hause liefere, aber sie, Kate, würde ihre Kraft zusammennehmen und wieder hingehen; aufgeben kam nicht in Frage. Zuerst würde sie durchs Schaufenster spähen, ob die Frau da war, denn zunächst durfte sie sich nicht mehr vornehmen als eine neue Begegnung pro Tag. Sie musste sich den Dorfbewohnern zeigen, damit diese sich daran gewöhnten, dass sie hier lebte. Bestimmt redeten die Leute. Das war nur allzu menschlich. Aber solange Kate zurückgezogen in ihrem hübschen Haus wohnte und sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerte, würden die Leute sie akzeptieren und nichts dabei finden, dass sie sich nur ab und zu sehen ließ. War damit wirklich zu rechnen? Damals waren die Leute im Dorf so glücklich gewesen, als sie hier auftauchte, sie hatten ihr zugewinkt, wenn sie vorbeispazierte; freundlich waren sie gewesen, aber nie aufdringlich. Nein, sie hatten Katherine bewundert, nicht Kate, und Katherine wurde nachgesagt, sie habe eine schreckliche Tat begangen 

Kate starrte an die Decke und dachte nach. Wie hieß die Frau noch? Bestimmt fällt es mir wieder ein. Maggie, ja, Maggie. In meinem früheren Leben kannte ich auch eine Maggie – eine Frau, mit der ich gearbeitet oder die ich bewundert habe. Vielleicht am Theater? Die Phantom-Maggie war nicht so handfest und tatkräftig gewesen wie diese Maggie. Ich bin so froh, dass ich meinen Mut zusammengenommen und mich in ihren Laden gewagt habe. Werde ich so mutig sein, auch in der Hochsaison dort einzukaufen, wenn Friars Carse von Touristen bevölkert ist? Ja. Ich werde es mir jeden Tag neu vornehmen, wie eine trockene Alkoholikerin.

Sie hatte ja tatsächlich einiges hinter sich, auch wenn der Alkohol dabei keine Rolle gespielt hatte. Egal. Was hat Granny immer gesagt? Schnee von gestern, meine Lieben. Da war viel Schnee, Granny. Sehr viel und doch nicht genug, um die Flammen zu löschen, die schuld waren am Tod von … An seinem Tod, ja, und an ihrem eigenen, aber nein, sie lebte doch, Kate hatte überlebt und würde es schaffen. Schaffen? Davon redeten doch alle Großmütter. Jede Frau, die etwas taugte, »schaffte es«.

Nachdem die Decke keine Antworten lieferte, sah Kate sich im Zimmer um. Ihr Schreibtisch aus dunkel schimmerndem Mahagoni mit den schönen Schwanenhalsbeschlägen war ein Geschenk von Hugh.

»Schau, welchen Fund ich in Grasse bei einem Antiquitätenhändler gemacht habe, Kate. Das Möbel hat gerufen: Kate braucht mich, denn jetzt geht es ihr so gut, dass sie Briefe schreiben kann.«

Das Mahagoniregal hatte sie in Edinburgh gekauft. Der Holzton passte nicht genau zum Schreibtisch, aber die Epoche stimmte. Ihre Bücher befanden sich noch in einer Umzugskiste unter der Treppe, nur ihre Lieblingslektüre lag auf dem Tischchen neben der Couch. Die Teppiche auf den lackierten Holzdielen waren neu, ebenso die Vorhänge, die noch nicht hingen. Sie hatte die Inneneinrichtung selbst gestaltet, Farben und Stoffe ausgesucht.

»Weißt du was, Hugh, ich habe ein neues Talent an mir entdeckt. Hätte ich nicht vielleicht Innenarchitektin werden sollen?«

»Das bist du doch schon, meine Liebe. Du hast alle unsere Häuser eingerichtet, allerdings ohne dass wir dich dafür bezahlt hätten. Du hast sogar die Vorhänge selbst genäht, aber nur für meine Wohnung. Die anderen haben mich darum beneidet.«

»Ich bin froh, dass ich etwas für dich tun konnte, mein Lieber.«

Da war ja noch das andere Talent, das sie im Kloster entdeckt hatte, oder vielmehr Schwester Marie Madeleine, um bei der Wahrheit zu bleiben. Eine unglaubliche Freude war das gewesen. Vielleicht konnte sie sich ja vor dem Essen ein wenig ihrer Arbeit widmen. Nein, wenn sie erst mal anfing, würde sie darüber das Essen vergessen.

Ihr Blick fiel auf den Gainsborough-Sessel, eine Reproduktion. Sie hatte ihn mit dem gleichen Stoff beziehen lassen, den sie auch für die Vorhänge gewählt hatte. Sie hätte zwei Sessel kaufen sollen, denn Hugh würde sie besuchen. Allerdings würde der auch mit der Couch vorlieb nehmen. Ihr gefiel das Zimmer, wie es war. Steckte zu viel Arbeit in dem Haus? Hätte sie es doch verkaufen und die Erinnerungen für immer begraben sollen? Aber wenn sie einmal geweckt waren, konnte man sie nicht mehr abschütteln. Die Erinnerungen hatten sie begleitet, die schönen, die grausamen und furchterregenden, ganz gleich, wo sie gewesen war. Hatte sie wirklich schöne Erinnerungen? Aber ja, ihn hatte sie schließlich nie vergessen und auch Granny nicht oder den guten Hugh und seine Mutter, die leider nur für allzu kurze Zeit ihre Stiefmutter gewesen war.

Vor langer Zeit, in einem anderen Leben, hatte sie dieses Haus entdeckt und sich sofort darin verliebt. Eine schlechte Angewohnheit, sich auf den ersten Blick und unwiderruflich zu verlieben. Abbots House. Eine Meile die Küste hinunter lag ein Kloster. Das erste Haus an dieser Stelle hatte ein Abt errichtet. Ob er darin gelebt hatte? Unwahrscheinlich. Bestimmt hatte er im Kloster gewohnt und das Haus für wichtige Gäste bauen lassen. Ein Abt? Kate stellte sich Robin Hoods rundlichen, stets vergnügten Gefährten Friar Tuck vor. Doch sie sollte sich nicht solchen Klischees hingeben. Vielleicht war dieser Abt ja groß und hager und überaus fromm gewesen. Hatte er den Anspruch, seine Besucher in diesem wunderschönen Sandsteinhaus mit dem großartigen Blick über den Monkshaven Beach glücklich zu machen? Mönche hatten hier Zuflucht gefunden, genau wie vor vielen Jahren Kate. Hier war sie überglücklich gewesen. Wie einfach war es doch gewesen, in einem Haus Frieden zu finden, das ein Mann Gottes an einem Strand errichtet hatte, an dem andere Diener Gottes in ihrer Not Schutz gefunden hatten.

Rose Lamont? Konnte Rose eigentlich irgendwo glücklich sein?

»Dieses Gesicht, da ist kein Leben drin«, dozierte der Regisseur.

»Die Stimme. Das ist … wie soll ich sagen … Technik ist nicht alles … sie muss … sie muss lebendig sein, und das vermisse ich hier.«

Er galt als einer der ganz großen Bühnenregisseure, und die Schauspielschüler fanden es spannend, dass sie die Meisterklasse bei ihm besuchen durften, aber manchmal kostete es Kraft, ihm zuzuhören, so wie es ihn Kraft zu kosten schien, seine Gedanken zu ordnen. Wieder deutete er auf Rose. »Man hat ihr zu oft gesagt: ›Mein Gott, bist du hübsch, die schönen Haare, das niedliche Lächeln, das hübsche Gesicht.‹«

Rose lächelte ihn an, und er wandte sich den anderen Schülern zu. »Vergessen Sie das Hübsche! Aus der Seele heraus zu spielen ist nicht hübsch. Wenn Sie gegen die Griechen im Marathon antreten, dann laufen Sie, um zu gewinnen. Sie sind erschöpft, Sie schwitzen … wie die Schweine. Ist ein Schwein hübsch? Nein. Shirley Temple ist hübsch. Kennen Sie Shirley Temple? Nein. Wie soll ich das erklären? Mama und Papa sagen: ›Wie hübsch ihr doch seid!‹ Und Sie antworten: ›Papa, hübsch interessiert keinen. Ich bin Schauspielerin.‹ Gut zu spielen bedeutet Leiden, es bedeutet Arbeit, es bedeutet überbordende Freude. Julia oder Rosalind oder Jeanne d’Arc oder Hedda Gabler zu sein heißt alles andere zu vergessen und nur Julia zu sein. Verstanden?«

Und Rose hatte ihr im Schlussverkauf erstandenes Nobelkostüm glatt gestrichen und sich die Lippen befeuchtet, Estée Lauder im Sonderangebot, und »Ja« gehaucht, während der Regisseur resignierend die Hände hob und sich verzweifelt abwandte.

»Verstehst du, was er meint, Katherine Buchan?«, flüsterte Maurice ihr ins Ohr, während der große Regisseur seine Gedanken entwickelte.

»Spielen bedeutet manchmal, dass an meinem lilienweißen Hals die Adern hervortreten wie Stricke und mein Kiefer angespannt ist wie der eines Urmenschen im Kampf um Leben und Tod. Ist das damit gemeint? Jeden und alles zu vergessen, was sich vor diesem Augenblick abgespielt hat, neu geboren zu werden: die erschreckende Reise aus der Geborgenheit und Stille des Mutterleibs anzutreten, um Jokaste, Lady Macbeth, Kleopatra zu werden?«

»Bleib auf dem Teppich, Mädchen!« Maurice hatte Kate angeboten, sie zu vertreten, nachdem er sie in einer Studentenaufführung gesehen hatte. Er wusste, dass etwas aus ihr werden konnte, sofern sie die richtige Ausbildung erhielt und Erfahrung sammelte. »Was glaubst du eigentlich, wer du bist, eine Mischung aus Isadora Duncan und Sybil Thorndike, wenn sie einen guten Tag hat?«

»Nein, ich bin einfach nur ich, und eines Tages, Maurice, mon ami, wirst du den Leuten erzählen, du hättest mich schon damals gekannt.«

Er lachte, obwohl er ihr Ungestüm, gepaart mit ihrer Selbstsicherheit und dem Glauben an das eigene Talent, beunruhigend fand. »Lieber Gott, sie hat die Bretter, die die Welt bedeuten, noch nie unter den Füßen gehabt und formuliert schon ihren Nachruf.« Wieder fiel sein Blick auf Rose, die hübsche, niedliche Rose mit den blonden Haaren und den porzellanblauen Augen. »So schlimm wie Rose bist du nicht. Rein äußerlich hat sie mehr zu bieten als du, aber sie wird nie lernen, wie sie ihre Gaben einsetzen kann, weil sie auf ihre dumme Ausstrahlung einer Mittelschicht-Britin und ihr Hübschsein setzt. Ihre Körpersprache sagt alles. Die arme Rose, wenn sie nicht so angespannt wäre, dann könnte sie … nicht groß, nein, niemals groß, aber wenigstens gut werden. Sie müsste mal flachgelegt werden. Das könnte jede von euch vertragen, auch du, Katherine Buchan, du graue Maus. Und hör auf, diesen jungen Schauspielern schöne Augen zu machen, die sind allesamt schwul.«

Kate wurde rot, weil es einen Jungen in ihrer Klasse und einen etwas älteren Schauspielschüler gab, auf den Maurice’ Behauptung nicht zutraf. Beide hatten Kate zum Mittagessen eingeladen. Der Junge hatte an ein Sandwich im Park gedacht, aber der ältere Studienkollege, der bereits in einer echten Produktion gegen Gage eine kleine Rolle spielte, hatte sie in ein teures französisches Restaurant ausgeführt. Natürlich hätte sie ihm nie verraten, dass sie die Einladung vor allem deshalb angenommen hatte, weil sie an das köstliche Essen bei ihrer Tante in der Provence und an die warmen Fluten der Riviera erinnert werden wollte. In Anbetracht ihrer Finanzen kamen französische Restaurants eindeutig nicht in Frage.

Für diese Verabredungen hatte Kate sich ein neues blaues Kostüm gekauft, das ebenso zurückhaltend wie schmeichelhaft war. Blau stand ihr gut. Zehn Pfund hatte sie für den gerade geschnittenen Rock mit Schlitz und die passende Jacke hingeblättert.

»Wo gehen wir hin?«

»In den Green Park. Ist das nicht der beste Name für einen Park, den du je gehört hast?«

Aber sie dachte nur an das mühsam verdiente Geld, das sie für ein Kostüm bezahlt hatte, das ihm nicht einmal ein Kompliment wert war und nun für ein Picknick herhalten musste. Kein besonders verheißungsvoller Anfang.

Wer hätte gedacht, dass dieses erste, nicht gerade erfolgversprechende Treffen dazu führen würde? Aber Kate wollte nun nicht mehr der Vergangenheit nachhängen, denn sie hatte schließlich eine Pie gekauft, die sie nur in ihren wunderbaren neuen Backofen zu schieben brauchte.

Sie stand auf, trat an ein Fenster und schob das Bettlaken zur Seite, das sie davor gehängt hatte. Bald würden die neuen blauen Vorhänge den Raum verschönern, und sie würde Lamellenvorhänge anbringen, die neugierige Blicke abwehrten, während sie hinausschauen konnte. Sie griff nach dem entzückenden Meeresvogel, den sie in Maggies Feinkostladen erstanden hatte. Merkwürdig, dass sie ein solches Stück ausgerechnet dort entdeckt hatte. Das Tier war auf seinem Ständer gefangen, aber es sah aus, als könne es sich jederzeit in die Lüfte erheben. Maggie hatte erzählt, ein Mönch aus dem Kloster im Wald schnitze die Vögel. »Er geht immer mit dem großen grauen Hund am Strand spazieren.« Hatten religiöse Menschen nicht oft ein Händchen für die Kunst? Wenn man an Schwester Marie Madeleine dachte 

Kate stellte den Vogel hin und zog das Laken wieder vor das Fenster.

Ein schmiedeeisernes Eingangstor war die einzige Öffnung in der hohen Steinmauer, die von Aberhunderten Muscheln gekrönt war. Wessen Hände mochten dieses Kunstwerk geschaffen haben, das nur für Vögel im Flug sichtbar war? Vielleicht ein Fischer aus dem 19. Jahrhundert, der sich in der Tradition der großen Steinmetze des Mittelalters sah, welche die wenig gewürdigte Rückseite ihrer Werke ebenso prachtvoll gestalteten wie die Vorderseite. Die Mauer erhob sich auf einem alten Fundament, das wiederum auf noch älteren Steinen errichtet worden war. Jenseits davon lag eine wilde Wiese namens Sea Green, die schon immer gemeinschaftlich genutzt wurde. Frühere Bewohner hatten dort ihre Rinder und Schafe geweidet, heute wurde darauf Fußball gespielt. Dahinter erstreckte sich meilenweit der Strand, der bei Flut komplett überschwemmt wurde und bei schlechtem Wetter oft tagelang unter Wasser stand. Den Meeresvögeln gefiel das. Er hatte dort eines Morgens einen Austernfischer sowie einen Sand- und einen Goldregenpfeifer erspäht. Kate erkannte nur Kiebitze und tat beleidigt, als er lachte und meinte: »Die kennt doch jeder.«

Sie ging in ihre zweckmäßig eingerichtete Küche und stellte am Backofen die Temperatur ein, welche die freundliche Frau vorgeschlagen hatte. Man hatte ihr einen Gasherd verkaufen wollen, aber das Risiko war sie lieber nicht eingegangen. Ein gebranntes Kind scheut das Feuer. Schon wieder so ein albernes Klischee! Sie nahm einen meergrünen Teller aus dem Regal über der Spüle. Ein hübsches Stück, das sie in der Provence gekauft hatte. Sie griff nach einer passenden Tasse und beschloss, Kaffee zu kochen.

Seien Sie ein braves Mädchen und trinken Sie Ihre Milch aus.

Wie überfürsorglich Krankenschwestern doch sein konnten!

Trinken Sie so viel Milch, wie Sie wollen, Schwesterchen. Ich gönne mir jetzt einen Whisky.

Sie setzte sich mit ihrer Tasse an den Schreibtisch und kicherte über die anmaßende Bezeichnung für den Raum: Studierzimmer. Was werde ich hier wohl studieren? Der Schreibtisch war sehr schön. Einen ähnlichen hatte sie für ihn in Salzburg erstanden. Ob Hugh das noch wusste? Wahrscheinlich nicht. Der gute alte Hugh hätte sie bestimmt nicht daran erinnern wollen. Nur nicht an Salzburg denken. Also, womit willst du dich beschäftigen? In den Templehall Woods gibt es das Grabmal eines Kreuzfahrers. Du könntest die Kreuzfahrer studieren und alles über Friars Carse und die Templehall Priory in Erfahrung bringen. Du hattest dich doch darauf gefreut, dich in dieser Gegend zur Ruhe zu setzen. Jetzt bist du im Ruhestand, Kate, zwar nicht ganz freiwillig … Wenn nicht die Kreuzzüge, dann sind Muscheln vielleicht ein lohnendes Thema. Am Strand gibt es sie in allen Formen, Farben und Größen. Muscheln. Eine harte Schale, die was … umschloss? Samen, Früchte, Tiere. Auch sie, Kate, besaß eine schützende Haut, aber die war nicht dick.

Die Pie war fertig. Auf dem Weg in die Küche sah Kate ihr Spiegelbild in der Glastür und blieb kurz stehen, um es zu betrachten. Das war nicht sie, aber Katherine war es auch nicht. Wie hässlich ihr Gesicht aussah! So hübsch wie Rose war sie nie gewesen, aber ihr Gesicht hatte … Charakter. Und nun war es durch eine schlimme Narbe entstellt. Sie ließ ihr Haar nach vorn fallen, um sie zu verdecken, und warf einen Blick auf ihre Hände. Die konnte man höchstens unter langen Ärmeln verbergen. Wer hatte auf lange, weite Ärmel zurückgegriffen, um eine Verunstaltung zu verbergen? Anna Boleyn. Die arme Anna! Doch ein sechster Finger konnte nicht so schlimm sein wie diese schauerlichen Hände. Eine Strafe Gottes. War das so? »Mein ist die Rache«, spricht der Herr. Diese Hässlichkeit, diese runzlige, vernarbte Haut, die sie mit ins Grab nehmen würde, war das die Rache Gottes?

»Das glaube ich nicht«, versicherte sie Ihrem Gegenüber. »Gottes Rache war es nicht.«

Es überraschte sie selbst, wie viel sie von der Pie verdrückte. Ob sie später oder morgen Lust auf den Rest haben würde? Kate, du kannst nicht mehr unbegrenzt Geld ausgeben, du hast Unkosten zuhauf. Ich werde die Vögel damit füttern, aber lernen zu kochen. Die nette Dame im Laden wird mir dabei helfen.

Konnte sie sich darauf verlassen? Katherine war immer von willigen Helfern umgeben gewesen, aber wer würde dieser unattraktiven, verwöhnten Frau namens Kate beistehen? Die Freundlichkeit der Menschen wurde allerdings häufig unterschätzt. Das hatte sie früher oft gedacht, wenn sie an einem tristen Februarmorgen in den Garten hinaussah, wo die Mimosen leuchteten – sonnengelb wie das Rührei, das ihr Granny immer vorgesetzt hatte. Granny war freundlich gewesen, genauso ihre Tante. Hugh? Hugh ist die Freundlichkeit in Person.

Sie zog das Cape mit der Kapuze über, die ihr Narbengesicht verdeckte, nahm die Reste der Pie und trat in den Garten hinaus. Seltsam, dass die Gartenmauer sich so gut gehalten hatte, während der Zahn der Zeit an den Mauern des Hauses nagte. Das Kloster stammte aus dem 13. Jahrhundert, also gab es schon seit sechshundert Jahren ein Haus an dieser Stelle – natürlich nicht dieses. Dieses Haus hatte ein Gebäude aus dem 17. Jahrhundert ersetzt; und sie hatte versucht, es neu zu erschaffen. Bald würde es wieder instand gesetzt sein. Sobald sie die Reste ihrer Mahlzeit beseitigt hatte, würde sie die Baufirma anrufen. Sie zerkrümelte etwas von der Teighülle für das Rotkehlchen, das sie hier schon ein paarmal beobachtet hatte, legte sich den Kapuzenschal um den Hals und trat fröstelnd auf die kleine Straße hinaus.

Es war September und nicht gerade kalt, aber windig. Da würde es niemanden wundern, dass sie sich so in ihren Schal eingewickelt hatte. Über den nächsten Sommer würde sie sich – wie Scarlett O’Hara – erst morgen Gedanken machen. Draußen in der Welt zu sein und den Wind auf der Haut zu spüren war berauschend, fast wie … Nein, Unsinn! Was du schon wieder denkst, so ist es auch wieder nicht! Es herrschte Ebbe, deshalb war es weit bis zum Wasser; es ging am Sea Green vorbei, wo ein Schwarm Wildgänse rastete, dann über die Landstraße, die zur Stadt North Berwick führte, und schließlich hinunter zum Strand. An diesem Ort würde sie glücklich werden, einfach weil sie das Meer in jeder Erscheinung liebte: das leise Murmeln, das Crescendo seines Brüllens, seinen Anblick von ihrem Fenster aus, die Muscheln und der Tang und manch seltsames Treibgut. Auch das Meer wäre ein lohnendes Studienobjekt, mit dem sich Zeit füllen ließe.

Ein Steinchen war in Kates Schuh geraten, und sie zuckte vor Schmerz zusammen. Diese Schuhe taugten nicht viel. Sie würde sich andere kaufen müssen, doch schon bei dem Gedanken wurde ihr schlecht. Wer hatte ihr Schuhe besorgt, als sie begraben war? Bestimmt konnte man Schuhe auch bestellen. Wie seltsam, auf ein Versandhaus angewiesen zu sein, wo sie doch jahrelang nur handgefertigte Schuhe getragen hatte. Natürlich könnte sie sich auch praktisches Schuhwerk in ihrem alten Maßschuhatelier bestellen, aber dann würde die Welt erfahren, dass sie noch lebte, und das durfte nicht sein.

Weiter wollte sie nicht gehen, also schleuderte sie die Pie-Reste mit Schwung in Richtung Wasser. Ach, Kate, das Werfen hast du auch verlernt! Lächelnd beobachtete sie, wie die Möwen sich das Futter holten. Wie gern sah sie die Vögel im Flug, aber sie wollte sie lieber doch nicht zu nah an sich heranlassen. Eine Weile stand sie da und genoss den Anblick der Brandung.

Deine Schuhe werden schon noch nass, neckten die Wellen, aber dann machten sie kurz vor Kates Zehenspitzen Halt und wichen wispernd zurück.

In allem liegt Musik.

Dass sie seine Stimme zu hören glaubte, tat weh, und sie griff sich unwillkürlich an die entstellte Wange. Als sie tot gewesen war, hatte sie seine Stimme nicht gehört, und wie es schien, war sie jahrelang tot gewesen. Würde sie noch einmal sterben, wenn sie zuließ, dass diese Stimme ihre Gedanken, ihr Herz, ihr ganzes Sein so wie früher durchdrang? Wie willkommen diese Stimme ihr damals gewesen war! Nur nicht daran denken! Denk an das neue Haus, das neue Leben, den Neuanfang! Gott wollte meinen Tod nicht. Wollte er, dass ich länger leide, um mich für meine Sünde, meine unendlich große Sünde, zu bestrafen?

Mein ist die Rache.

Jetzt schluchzte sie. Die Ärzte hatten ihr erklärt, dass eine Wiedergeburt schmerzlich sei. Die erste Reise in die Welt wird als die traumatischste und schmerzlichste aller Reisen betrachtet, aber wiedergeboren zu werden … Warum bin ich nicht tatsächlich gestorben? Ich habe darum gebettelt, sterben zu dürfen. Welchen Grund habe ich noch, an dieser Existenz festzuhalten? Ich bin nur noch eine leere Hülle. Aber auch mein Haus war eine leere Hülle; es hat dreizehn Jahre leer gestanden. Und wie sieht es jetzt aus? Es gibt keinen Schaden, der mit Zeit und Geld nicht zu reparieren wäre. Doch gilt das auch für Kate, die einst die große Katherine Buchan verkörperte und von der nicht viel übrig geblieben ist? Sie drehte sich in den Wind, damit er die Tränen auf ihren Wangen trocknen konnte, denn sie hasste es, die eigene Haut zu berühren. Hier am Strand war sie allein. Kein Mensch weit und breit.

Dieser Ort wird mir gut tun. Ich werde mich an alles erinnern.

Mit flotten Schritten ging sie über den Strand hinauf bis zum Weg, auf dem ihr ein Mann entgegenkam. Er war groß und hager und trug einen Mantel aus grobem braunem Stoff. Darunter leuchteten weiße Turnschuhe hervor. Sie senkte den Kopf und blickte in eine andere Richtung.

»Guten Abend«, sagte er. »Was für ein schöner Abend!«

»Ja«, erwiderte sie knapp und hastete an ihm vorbei. Erst als sie das Haus erreicht hatte, schaute sie sich um. Deshalb war ihr entgangen, dass er ihr nachgesehen hatte. Rasch schloss sie auf und zog sich in ihr Gartenzimmer zurück, um sich von der Anstrengung zu erholen, die ihre einsilbige Antwort sie gekostet hatte. Und wenn sie es vermeiden konnte, dann würde sie diesen Mann ganz bestimmt nie wiedersehen.

»Vielleicht ist sie aus der Klapsmühle ausgerissen.«

Maggie Thomson musterte ihren vierzehnjährigen Sohn empört. Wieso legten diese jungen Leute eigentlich keinerlei Freundlichkeit an den Tag? »Wenn ich hören sollte, dass du im Dorf solche Sprüche vom Stapel lässt, Cameron, werde ich es deinem Vater sagen.«

Cameron grinste nur und prüfte, ob sein gegeltes Haar noch perfekt saß. Dann wandte er sich erleichtert dem Riesenhamburger zu, der selbstverständlich nur aus bestem Rindfleisch bestand – sein Vater hielt nichts von Konservierungsstoffen. »Mum, es ist doch komisch, wenn eine Frau ihr Gesicht nicht zeigt und nur nachts rausgeht. Sie ist nämlich eine Mörderin und wäre beinahe hingerichtet worden, aber angeblich war sie unzurechnungsfähig. Immerhin war sie mal Schauspielerin.«

Maggie drehte sich um und verpasste ihrem Sohn eine Ohrfeige. »Wage es bloß nicht, diese schlimmen Geschichten unter meinem Dach zu verbreiten, Cameron Thomson. Miss Buchanan könnte dich verklagen. Da stecken doch schlechte Menschen dahinter, die nichts anderes zu tun haben, als Unruhe zu stiften.«

Cameron starrte seine Mutter mit offenem Mund an, während seine Schwester ihn verteidigte: »Das Haus wurde abgefackelt, Mum, und angeblich hat es einen Mord gegeben. Du musst doch zugeben, dass es ein merkwürdiger Zufall ist, wenn dann eine Frau im passenden Alter mit schrecklichen Narben am Tatort auftaucht.«

»Mörder kehren immer an den Tatort zurück«, warf Cameron ein, ohne die rechte Hand seiner Mutter aus den Augen zu lassen.

Maggie war aber zu sehr mit Nachdenken beschäftigt, um ihren Sohn zu beachten. »Ihr ist etwas Schreckliches zugestoßen, ein Autounfall oder so. Auf der Wange hat sie eine helle Narbe, und wahrscheinlich sind auch ihre Hände entstellt, weil sie sie in den Ärmeln versteckt. Anscheinend hat sie eine plastische Operation hinter sich und zeigt sich nicht gern in der Öffentlichkeit. Was ist dabei? Ihre Stimme ist jedenfalls sehr angenehm.«

»Mutter!«

Nur ein Teenager konnte dieses Wort mit solch kritischem Unterton aussprechen. Cameron unterbrach seine Mahlzeit und sah seine Mutter und seine Schwester an. »Sie hat eine schöne Stimme, also kann sie keine entlaufene Mörderin sein? Ich wette, in der Klapsmühle findet man jede Menge Leute mit schönen Stimmen.«

Maggie öffnete die beiden oberen Knöpfe ihres kirschroten Pullovers; in der Küche war es zu heiß. »Es reicht! Miss Buchanan ist ein zurückhaltender Mensch, sie möchte ihre Ruhe haben, und sie verlangt lediglich, dass wir ihre Bestellungen liefern, ohne sie zu stören. Das Geld für die Sachen liegt immer bereit. Ich wünschte, alle unsere Kunden wären so zuverlässig.«

»Glaubst du, sie kriegt es hin, die Pie zu backen, Mum?« Um ihrer Mutter einen Gefallen zu tun, war Stacie mit einer der berühmten Rindfleisch-Pies ihres Vaters zu Abbots House hinübergeradelt, und ihr war aufgefallen, dass eine kurz gefasste Backanleitung beigelegt war.

»Sie braucht sie nur noch in die Röhre zu schieben, Schatz. Das kriegt sie schon hin.«

Für Cameron war es unvorstellbar, dass eine Frau nicht kochen konnte. Sein Leben lang war er von wunderbaren, appetitanregenden Düften umgeben gewesen, denn seine Eltern kochten hervorragend. Überdies besaßen sie zwei Geschäfte: den Delikatessladen Maggie’s Fine Foods und die beste Metzgerei der Gegend, beide ein wahres Mekka für Feinschmecker. »Warum bringt sie in der Küche nichts zustande?«

Stacie stand auf und ging neben dem Tisch in Pose. Sie war nun Eustacia Thomson, Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin – dieser grauenhafte Name würde ihr noch gute Dienste leisten. Thomson klang ja nun leider ziemlich plebejisch, aber den Ruhmeszug der großartigen Emma Thompson hatte er offensichtlich auch nicht behindert. »Manche Frauen, mein Kleiner, stehen über solchen Dingen. Sie wissen, dass es Wichtigeres gibt als Kochen und –« Da bemerkte sie, was sie gerade von sich geben wollte, und wurde knallrot. »Sorry, Mum, du weißt schon, was ich meine.«

»Allerdings. Manche Frauen werden ihr Leben lang rundum bedient.« Maggie hatte ihren Gleichmut rasch wiedergefunden, und ihr hübsches, rundliches Gesicht entspannte sich. Sie mochte ihre geheimnisvolle neue Kundin und hatte auch nichts dagegen, ihr ein wenig entgegenzukommen. »Miss Buchanan ist eben anders. Sie macht mir keine Umstände. Jeder, der so etwas überstanden hat –«

»Was hat sie denn überstanden, Mum? Du weißt doch rein gar nichts über sie, außer dass sie eine Schönheitsoperation hinter sich hat. Vielleicht ist beim Facelifting etwas schief gegangen wie bei diesen senilen Filmstars. Womöglich wird sie ja noch wegen einem anderen Mord gesucht und hat sich das Gesicht verändern lassen, damit die Bullen sie nicht kriegen. Aber du weißt doch eigentlich nur, dass sie in der Küche eine Null ist, eine hässliche Visage hat, ihre Hände versteckt, vielleicht weil sie die Bluttat damit begangen hat, und anscheinend in Geld schwimmt, wenn sie die Umbaukosten für das Haus bezahlen kann.«

»Als wir hierher gezogen sind – Stacie war damals noch klein –, da konnte man noch die verkohlten Dachbalken sehen.« Ihr fiel wieder ein, was damals getratscht worden war, aber sie ließ sich davon nicht ablenken. »Das ist wohl im Krieg passiert.«

»Im Krieg? Hier im Dorf sind doch keine Bomben gefallen, oder, Mum?«

Maggie stand auf, trat an ihren Profiherd und rückte ohne erkennbaren Grund die perfekt stehenden Töpfe zurecht. »Keine Ahnung, Liebes. Da war ich noch nicht auf der Welt, und so seltsam es klingen mag, Cameron Thomson, es ist nicht besonders weit bis Edinburgh. Friars Carse hätte etwas abkriegen können, was eigentlich für die Eisenbahnbrücke über den Firth of Forth bestimmt war.« Maggie sah ihre Tochter an, die gerade das Bügelbrett aufstellte. »Im Laden gab es allerhand Gerede, als die Renovierung begann, Stacie; die unwahrscheinlichsten Geschichten wurden erzählt. Es hieß sogar, eine Herzogin oder so habe inkognito dort gewohnt. Ihr Mann sei dahintergekommen und habe einen Brand gelegt, in dem sie und ihr …« Sie warf einen Blick auf ihren Sohn, der sich aber intensiv seinem zweiten Stück Schokoladenkuchen widmete, und sie formte das Wort Geliebter mit den Lippen, »… umkamen«, fuhr sie laut fort. »Aber Miss Buchanan kann das nicht gewesen sein, denn niemand hat das Feuer überlebt. Das ist schon lange her, es war, bevor wir hierher gezogen sind. Heute sieht das Dorf ganz anders aus, Familien ziehen zu, andere weg. Eigentlich weiß niemand genau Bescheid, außer vielleicht die Alteingesessenen, und die erzählen im Laden immer die haarsträubendsten Geschichten. Die Leute haben wirklich eine lebhafte Phantasie – wahrscheinlich wegen dieser Seifenopern«, überlegte sie.

»Das ist ja richtig romantisch«, hauchte Stacie. »Eine Ruine, sagenhaft toll renoviert, und eine Frau –«

» – die ebenfalls sagenhaft renoviert wurde«, fiel Cameron ihr ins Wort. »Sei doch nicht albern, Stacie! Wenn du gegrillt worden wärst wie ein Hühnchen mit deinem …« – er formte das Wort lautlos mit den Lippen – »Liebhaber, dann würdest du doch wohl kaum hierher zurückkommen. Nein, ich plädiere für die Bankraub-Variante. Jims Dad hat gesehen, wie sie die Möbel geliefert haben, Antiquitäten und so. Die allein sind bereits ein Vermögen wert, meint er.«

»Mrs Robertson sagt, es ist eine Menge alter Krempel«, berichtete Stacie, »und nur ein paar Zimmer haben Vorhänge, nämlich die im ersten Stock; allerdings sind die wirklich schön, Mum, hübsche weiße Baumwolle mit Spitze. Ich glaube, ein Dekorateur aus Edinburgh hat die geliefert und auch angefertigt. Ich habe sie gesehen, als ich ihr die Pie gebracht habe. Die würden sich auch gut in deinem Schlafzimmer machen, Mum.«

»Na, super! Vielleicht kriegst du sie billig, wenn die Alte festgenommen wird«, verkündete Cameron und nahm lachend Reißaus vor dem Zorn seiner Mutter.

KAPITEL 2

Wenige Tage später sah Kate den Mann vom Strand wieder. Er ging vorbei, als sie gerade im ersten Stock die Vorhänge zuzog. Nun bemerkte sie, was ihr bei der ersten Begegnung nicht aufgefallen war: Er trug gar keinen Mantel, sondern eine Ordenstracht. Als Gürtel diente ein Strick, einen zweiten Strick hielt er in der Hand. Kate ließ ihn nicht aus den Augen, bis er verschwunden war. Was wollte er mit einem Strick am Strand? Schließlich holte sie ihr Cape, seufzte und kehrte zu ihrem Sessel im Studierzimmer zurück. Der Strand war kilometerlang, aber trotzdem wollte sie ihn mit niemandem teilen, nicht einmal mit einem Mönch.

Sie holte ihren Spaziergang nach, als er wieder fort war. Doch am nächsten Abend, als sich der Wind gelegt hatte und sie das Gemälde des Himmels bewunderte, entdeckte sie einen Hund. Er war keineswegs klein, hässlich und feindselig wie Maggie Thomsons Cromwell, sondern groß und schlank und hatte ein dichtes Fell. Er lief auf Kate zu, und sie schloss die Augen, um seine schrecklichen Zähne nicht zu sehen, sollte er sie zerfleischen. Doch der Hund blieb auf den Befehl seines Besitzers stehen. Kate schlug die Augen auf, bemüht, normal zu atmen. Die Begegnung hatte sie so durcheinander gebracht, dass sie es versäumt hatte, ihr Gesicht zu verbergen.

»Manchmal vergisst er seine Manieren, und dann kann er einem ganz schön auf den Wecker gehen.« Es war der Mönch.

Kate seufzte vor Erleichterung. Der Strick war offenbar für dieses Riesenvieh bestimmt. »Ich muss zugeben, dass ich gerade an den Hund von Baskerville denken musste. Was für eine Rasse ist das, und wie heißt er?« Während sie sprach, hatte sie sich rasch abgewandt, als wolle sie den Hund genauer in Augenschein nehmen.

»Ein Schottischer Hirschhund. Er hört auf Thane.«

Als sein Name fiel, ließ das Tier von dem Treibgut ab, das es untersuchte, kehrte zu seinem Herrn zurück und versetzte erst ihm, dann Kate einen Stups mit dem Kopf.

Sie stemmte die Füße in den Sand und griff vergebens nach ihrer Kapuze. »Du meine Güte!« Hatte der Mönch ihre Narben gesehen? Nein, es war schon zu dunkel.

»Er mag Sie.« Falls er ihr Gesicht oder ihre Hände gesehen hatte, ließ er es sich nicht anmerken.

Kate wandte sich ein wenig ab. »Was würde er tun, wenn es nicht so wäre?«

»Dann würde er Sie einfach ignorieren. Diese Tiere sind sanfte Riesen. Er hatte einen unglücklichen Start ins Leben. Irgendein schrecklicher Mensch hat ihn halb verhungern lassen und dann in unserem Garten ausgesetzt. Vielleicht ist Thane dadurch noch gutmütiger als seine Artgenossen. Halten Sie ihm die Hand hin.«

Kate beobachtete den Hund, der hechelnd zwischen ihnen stand und bald seinen Herrn, bald sie mit aufmerksamem Blick bedachte. Trotz der gefährlich wirkenden weißen Zähne war das Gesicht des Tiers nicht nur schön, sondern auch freundlich. Zögernd hielt sie ihm ihre halb unter dem Ärmel verborgene Hand hin. Die Narben störten ihn nicht, er beschnupperte sie vorsichtig. Verblüfft zuckte sie zusammen, als sie die weiche Hundezunge auf ihrer rissigen Haut spürte. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie legte ihre Hand auf seinen Kopf. »Hallo, Thane, mein Freund.«

Der Mönch lachte. »Wenn Sie seine Ohren ein bisschen kraulen, lässt er Sie in Ruhe. Er möchte nur wissen, ob seine Zuneigung erwidert wird. Hunde sind die wundersamsten Geschöpfe Gottes. Für ein wenig Futter und Freundlichkeit geben sie alles, und wenn sie einmal lieben, bleibt es dabei. Er ist nicht besonders anspruchsvoll: Eine kleine Liebkosung, und er kümmert sich wieder um seine Angelegenheiten.«

Kate beobachtete den Hund, der zufrieden im Tang stöberte. »Wie schön muss ein Hundeleben sein.«

»Aber auch traurig. Er kann sich nicht auf ein Leben nach dem Tod freuen.«

Sie wich dem Blick des Mannes aus und behielt den Hund im Auge, der in einem Tanghaufen etwas entdeckt hatte, was ihn vor Aufregung zittern ließ. »Und wir können das? Ist ein Leben nicht mehr als genug? Wer wünscht sich schon, noch einmal all den Menschen zu begegnen, denen er Unrecht getan oder die er gehasst hat?«

»Oder geliebt.«

»Gute Nacht«, sagte sie abrupt und wandte sich ab. Obwohl sie sich nicht umsah, ahnte sie, dass sein Gesicht traurig war. Sie zuckte die Achseln. Es gab bestimmt genug Leute, die seine Plattitüden zu schätzen wussten. Sie hatte kein Mitleid für ihn.

In der folgenden Nacht wurde sie wieder von ihrem schlimmsten Albtraum heimgesucht. Sie sah sich selbst nackt auf einem Teppich vor dem offenen Kamin schlafen. Das Feuer war erloschen, sodass sie fror, als sie erwachte. Sie zitterte, lächelte jedoch kurz darauf, denn ihr war bereits warm; sie lag in der Badewanne, umgeben von süß duftendem Schaum. Noch immer glaubte sie Bryns zärtliche Hände auf ihrem Körper zu spüren. Sie würde ihn rufen, ihm einen Waschlappen geben und sich von ihm schrubben lassen. Sie räkelte sich im Wasser. Schlimme, schlimme Kate! Mit geschlossenen Augen tauchte sie unter. Als sie wieder auftauchte wie Venus aus den Wellen, hörte sie Stimmen. Aber wie war das möglich, wo doch niemand wusste, dass sie und Bryn hier waren? Ihr wurde angst und bang. Doch was gab es schon zu befürchten? Plötzlich stand sie, in ein Handtuch gehüllt, auf dem Flur und fror erbärmlich. Jemand wurde laut. Wer war das?

»Reiß dich zusammen!«

»Seltsame Worte aus dem Mund eines Ehebrechers.«

Kate lief ins Schlafzimmer, ließ das Handtuch fallen und schlüpfte in ihren Morgenmantel aus rosa Seide. Wieder unüberhörbar die Stimmen. Verdammt, wer war das? Bryn und wer noch? Seine Stimme klang ruhig und beschwichtigend, die andere dagegen war schneidend, hysterisch und rasend. Kate war diese Stimme nicht völlig fremd, wenn sie ein wenig näher käme, würde sie sie erkennen. Sie eilte die Treppe hinunter. Bryn sprach, eigentlich schrie er fast. Diese großartige magische Stimme. Er trug nur eine Unterhose. Bei dem Gedanken musste sie lachen; das war wirklich zu komisch, dass er halbnackt dort unten stand und herumbrüllte. Wo war sein Bademantel? Bestimmt hing er noch im Schrank. Sie hastete zurück ins Schlafzimmer, holte ihn heraus und lief, immer noch lachend, die Treppe hinunter. Als sie ins Esszimmer kam, erstarb ihr Lachen. Hier war es stockfinster, von Bryn keine Spur. Dann loderten die Flammen auf. Die blauen Toile-de-Jouy-Vorhänge brannten lichterloh. Feuerzungen leckten an ihnen, sprangen gierig von einem zum anderen. Das war unerklärlich. Sie rasten die Masten der Schiffe empor, die vergnügt über den Baumwoll-Ozean segelten, hüpften von einem Schiff aufs nächste, und jetzt, mein Gott, attackierten sie die hölzernen Vorhangstangen, an denen die Stoffbahnen hingen.

Mit ausgestreckten Armen rannte Kate darauf zu. Dann fiel sie über ein Hindernis, schrie auf und wurde durch den Schrei geweckt.

Sie schlief bis in den späten Morgen, und wie nach jedem Albtraum waren ihr Nachthemd und die Bettwäsche nass geschwitzt. War die Hitze des Feuers so schweißtreibend gewesen oder die lähmende Angst? Sie zog das Bett ab und ging ins Bad. Heißes Wasser strömte in die Wanne, aber sie zitterte, weil ihr dieses schlichte Ritual Mut abverlangte. Zuerst musste sie ihre Armbanduhr abnehmen. Sie trug sie immer und überall, außer im Wasser. An dem verhängnisvollen Abend hatte sie sie nicht bei sich gehabt. Das zarte Armband war gerissen, als sie im Theater damit irgendwo hängen geblieben war. Hugh hatte sie einige Monate nach dem Feuer aus dem kleinen Juweliergeschäft in Edinburgh abgeholt. Dann griff sie in den kleinen Wäscheschrank und holte ein weiches irisches Gästehandtuch aus Leinen heraus – es stammte noch aus Grannys Beständen – und band es sich um die Augen, bevor sie das Nachthemd über den Kopf zog. Vorsichtig kniete sie nieder und prüfte die Temperatur des Wassers. Sie stieg in die Wanne und wusch sich rasch mit einem weichen Lappen. Dabei vermied sie es, ihre Haut mit der bloßen Hand zu berühren.

Dann stieg sie aus dem Wasser und trocknete sich ab. Die Augenbinde löste sie erst, als sie ihren weichen Satinmorgenmantel übergezogen hatte. Dumme Kate!, schalt sie sich. Eitle Kate! Sie seufzte. Nun musste sie ein Versprechen halten, obwohl sie keine Lust dazu verspürte. Wenn sie es nicht tun würde, wer weiß … Vielleicht würde der Albtraum dann das nächste Mal schlimmer ausfallen.

Zuerst eine Tasse Kaffee. Sie wollte den Anruf nicht aufschieben, aber nach dem Kaffee würde sie sich besser fühlen. Er würde fragen, und sie war zu schwach zum Lügen. Sie toastete eine Scheibe Brot und strich Butter darauf. Schwester Marie Madeleine hatte ihr erzählt, dass sie sich abends gern Toast machte, um ihn am nächsten Morgen hart und kalt zu essen. Seltsam. Kate musste immer lachen, wenn sie an die freundliche französische Nonne dachte. Wie konnte ein so perfekter Mensch kalten Toast mögen?

Er war im Büro. Sie hatte gehofft, dass er unterwegs wäre, irgendwo auf der Station.

»Doktor Whittaker.«

»Simon, ich bin’s, Kate. Letzte Nacht hatte ich einen schlimmen Traum.«

»Ja?«

Verdammt, warum half er ihr nicht? »Derselbe, mehr oder weniger. Ich glaube, ich bringe zwei verschiedene Zeiten durcheinander. Diesmal fing es auf dem Teppich an, da war mir ziemlich kalt, aber dann war ich plötzlich in der Badewanne, das ging durcheinander. Ich hörte Stimmen, und ich versuchte ernsthaft, die andere zu erkennen, aber ich bin eingeschlafen oder genau in diesem Augenblick ohnmächtig geworden.«

»Wie geht es dir jetzt, Kate?«

»Gut.« Sie stellte erfreut fest, dass es der Wahrheit entsprach. »Wirklich gut. Ich habe an Schwester Marie Madeleine gedacht und ihre abscheuliche Vorliebe für kalten Toast, da musste ich lachen. Ist das ein Fortschritt, Simon?«

Er schwieg. Psychiater konnten einem wirklich auf die Nerven gehen.

»Simon, du musst mir zustimmen. Ich bin ganz leicht über den Albtraum hinweggekommen. Das muss daran liegen, dass ich wieder in meinem schönen Haus bin.«

»Ich weiß es nicht.« Wie immer klang seine Stimme neutral; nie gab sie etwas preis.

Kate griff nach einem chinesischen Schälchen, starrte wütend auf die Duftmischung, die es enthielt, und schnupperte daran. Apfel, Muskat … und Rose? Nein, sie würde sich nicht aufregen. Er wartete auf ihre Reaktion. »Ich überlege, ob ich Leute hierher einlade.«

»Eine hervorragende Idee.«

»Stimmt.«

»Und wie willst du das anpacken?«

»Keine Ahnung. Das klingt, als würdest du es mir nicht zutrauen.«

Er seufzte. »Meine liebe Kate, ich bin Arzt und kein Telepath. Du hast dich viele Jahre lang vor der Welt versteckt, und jetzt –«

Sie fiel ihm ins Wort. »Ich finde nicht, dass man behaupten kann, jemand versteckt sich, wenn er in einem Sanatorium eingesperrt ist.«

Er hörte, wie sie kicherte; es klang schön, fand er.

»Sei ehrlich«, erwiderte er freundlich. »Wenn du gewollt hättest, dann hättest du schon vor Jahren gehen können, und mental –«

»Mein lieber Simon«, unterbrach sie ihn. »Du bist der Fachmann. Mental bin ich vielleicht immer noch nicht so weit.« Sie schwieg, und er wartete darauf, dass sie fortfuhr. »Ich wollte nicht in einer Anstalt sterben«, sagte sie seufzend. »Nicht einmal, wenn sie so schön ist wie Le Prieuré.« Vor ihrem geistigen Auge sah sie das schöne alte Kloster, ein Bild, das auch die Klänge und Düfte der Provence heraufbeschwor. »Du musst kommen und dir das Haus ansehen. Es ist fast wie früher, einfach hinreißend. Würde Rae nicht gerne ein Wochenende am Strand verbringen?«

Da gab es kein Zögern. Als Arzt wollte er sehen, wie sie sich im Haus zurechtfand, und als Freund freute er sich auf ihre Gesellschaft. »Das findet sie bestimmt ganz wunderbar, genau wie ich. Erzähl mir, was du schon geschafft hast.«

»Die eigentlichen Bauarbeiten sind abgeschlossen. Die Mauern und das Dach wurden natürlich zuerst gemacht, und der Grundriss sieht wohl mehr oder weniger so aus wie in den sechziger Jahren, als ich das Haus das erste Mal habe renovieren lassen. Vom ersten Stock aus sieht man alles: das Meer, die Weiden, den Strand, die Straße nach Templehall Woods. Im Parterre ist eine große Eingangshalle mit dem Treppenhaus, von der verschiedene Zimmer abgehen. Im hinteren Teil des Hauses liegt meine phantastische Küche, die ich kaum benutze; sie ist eigentlich für Hugh gedacht. Daneben liegt ein kleines Frühstückszimmer; von dort geht’s in einen eher offiziellen Wohnraum mit großen gemütlichen Sesseln und einem Sofa, allesamt weiß bezogen, doch mit Stapeln von blauen und goldfarbenen Kissen. Der Wohnraum im Erdgeschoss beansprucht fast die gesamte Vorderfront. Er ist hell, da kann ich meine Stickereien machen. Auf der anderen Seite liegt das Esszimmer mit Blick auf den Garten, das ebenfalls recht groß ist. Daneben gibt es noch ein winziges Zimmer, das auf die Schmalseite des Gartens hinausgeht. Der Garten ist von einer Mauer umgeben, ist aber noch nicht perfekt. Er ist geschützt und sonnig, und ich glaube, das Gärtnern wird mir Spaß machen. Ich schaffe hier etwas Neues, Simon. Im Augenblick arbeite ich viel draußen – vor allem räume ich auf. Oder ich bin im Gartenzimmer. Da habe ich meine Bücher und eine Couch, einen bequemen Sessel, Regale und meinen Schreibtisch. Das ist mein Studierzimmer. Ich will meinen Geist schulen. Soll ich vielleicht den Proust zu Ende lesen?«

Sie verstummte. Proust? Wenn sie vorhatte, ihn zu Ende zu lesen, dann hatte sie offenbar irgendwann einmal damit angefangen.

Nur noch hundertdrei Seiten, aber das Leben ist zu kurz, mein Liebling, um Proust ganz zu lesen.

Schließlich brach Simon das Schweigen. »Gibt es Gästebetten für uns, oder sollen wir unsere Schlafsäcke auf dem Wohnzimmerboden ausrollen?«

»Wie gesagt, mein Wohnzimmer hat Stil. Da liegt niemand auf dem Boden herum. Murdo kümmert sich gerade um die Gästezimmer. Wenn ihr vor Weihnachten kommt, müsst ihr allerdings im Hotel übernachten. Das nächstgelegene heißt Greenhill Park, es ist ziemlich nobel, aber Psychiater verdienen ja nicht schlecht. Ich würde also sagen, ihr könnt es euch leisten.«

Auf diese Bemerkung ging er nicht ein, aber der beiläufig erwähnte Murdo interessierte ihn. »Erzähl mir von Murdo!«

»Er ist mein Bauunternehmer, ich sollte ihn mit Gold aufwiegen, er ist jede Unze wert, obwohl er einiges auf die Waage bringt. Ja, verdammt, ich habe meinen Mut zusammengenommen und mich ihm von Angesicht zu Angesicht gestellt. Das war so ähnlich, wie das erste Mal auf der Bühne zu stehen. Natürlich hat Hugh ihn für mich aufgetan, und er ist einfach großartig. Er hat gesagt: ›Meine Güte, Sie haben wohl allerhand durchgemacht.‹ Ich mag Murdo. Nicht dass wir uns besonders häufig sehen. Wir telefonieren oder ich hinterlasse Nachrichten für ihn. Keine Ahnung, was er seinen Leuten erzählt hat, wahrscheinlich nichts. Wenn sie hier sind, gehe ich oft stundenlang am Strand spazieren. Manchmal bin ich auch im Garten oder in meinem Studierzimmer. Außerdem habe ich noch zwei weitere Leute kennen gelernt. Maggie Thomson hat einen Feinkostladen, der auch gegen die Londoner Konkurrenz bestehen könnte. Sie ist mit dem Dorfmetzger verheiratet. Sein Geschäft ist ziemlich altmodisch, meiner Großmutter hätte es gefallen – makellos weiße Kacheln und wirklich feines Fleisch. Als ich Maggies Laden betrat, hat sie gerade Vorspeisen aus der Glastheke geholt. Das war ein erheiternder Anblick, diese ziemlich rundliche Dame, deren Kopf nahezu in der Theke verschwand. Ihr Lächeln ist ganz bezaubernd, und ihre Sachen schmecken köstlich. Übrigens hat sie einen kampfesmutigen kleinen Jack-Russell-Terrier namens Cromwell.«

»Ich glaube nicht, dass der arme alte Cromwell so boshaft war, wie ihn die Geschichtsschreiber hinstellen«, meinte Simon und fragte dann, ob Kate noch ein zweites Mal in dem Laden gewesen war.

»Ich bestelle telefonisch bei Maggie, und wenn es ruhig ist, hole ich meine Sachen ab, oder ihre Kinder bringen sie vorbei. Außerdem ist da ein Mönch, der auch gern am Strand entlangwandert. Maggie hat mir eine kleine Schnitzerei von ihm verkauft, zu einem Spottpreis. Er hätte ruhig das Zehnfache verlangen können. Wir haben uns ganz höflich gegrüßt und uns ein bisschen unterhalten. Es war tatsächlich ein richtiges Gespräch. Er hat einen bezaubernden Hund.«

»Einen heiligen Bernhard?«

»Sehr witzig! Nein, aber kannst du dir das vorstellen – ich mit einem Mönch? Ich werde rausgehen und noch mehr Leute kennen lernen – aber erst wenn ich so weit bin. Drei neue Leute, seit ich hier wohne, das ist doch eigentlich nicht schlecht.«

Simon erinnerte sich an die ersten Zeitungsberichte über Kate; damals war sie von unzähligen Menschen umgeben gewesen: Sekretärinnen, Schneiderinnen, Managern, Agenten, Trainern, Friseurinnen, die übliche Entourage; daneben natürlich Rose und Bryn. Nicht dass die besonders oft da gewesen wären, sie hatten alle genug damit zu tun, ihren ruhmreichen Weg zu gehen – drei Kometen mit leuchtendem Schweif. Rose war nicht unbedingt ein echter Komet, vielleicht hatte sie es ja nur dank Bryns oder Katherines Unterstützung nach oben geschafft? Simon konnte das nicht abschätzen, und die Presse berichtete längst nicht mehr über sie. Es kümmerte ihn auch nicht mehr, denn ihm ging es nur um Kate, die einst seine Patientin gewesen und inzwischen eine Freundin geworden war.

»Wie lange kennen wir uns eigentlich schon, Kate?«, fragte er unvermittelt.

»Kennen? Wie meinst du das, Simon? Wir haben uns kennen gelernt, als ich … Das war 1972, demnach sind es an die vierzehn Jahre. Pass auf, mein lieber Doktor, das hängt davon ab, wie du das Wort deutest. Im biblischen Sinn erkannt haben wir uns nämlich nicht.«

»Du bist unverbesserlich, Kate Buchanan. Ich rufe dich in ein paar Tagen wieder an. Du kannst dich aber jederzeit bei mir melden.«

Recht zufrieden mit sich, legte sie auf. Unvermittelt klingelte der Apparat. Sie starrte ihn an. Wer konnte das sein? Wer hatte überhaupt ihre Nummer? Simon. Hugh Forsythe, ihr Stiefbruder und Anwalt. Ob Hugh sie zu erreichen versuchte?

Es war Murdo. Er wollte die Räume im ersten Stock fertig stellen.

»Wenn wir eine gute Woche Zeit hätten …«

Aber ja, sie würde den Handwerkern eine gute Woche geben, damit sie endlich aus dem Haus kamen. Was für eine Freude würde das sein, im eigenen Haus endlich allein zu sein! »Das Wetter ist manchmal so gut, Murdo, das werde ich ausnutzen, um mich ein bisschen umzusehen. Maggie Thomson aus dem Dorf sagt … Sie hat mich daran erinnert, was man hier für schöne Wanderungen unternehmen kann, zum Beispiel im Wald ein Stück die Küste hinunter.«

Murdo erwähnte, dass er kein Einheimischer sei. »Vielleicht ist es keine gute Idee, allein im Wald spazieren zu gehen, Missus.«

Wieder ein Freund, der sich Sorgen um sie machte. »Im Wald liegt ein Kloster und das Grabmal eines Kreuzfahrers. Mit all den frommen Menschen ringsum wird mir bestimmt nichts passieren.«

Er blieb skeptisch. »Wie Sie meinen, Missus.«

Maggie hatte Recht, der Wald rund um das Kloster und das Grab des Kreuzfahrers waren wunderschön. Ein idealer Ort für ein Picknick, und mit etwas Glück begegnete einem dort keine Menschenseele, nicht einmal ein Mönch. Zweifellos arbeiteten oder beteten die frommen Männer tagsüber. Kate stellte allerdings fest, dass sie inzwischen nichts dagegen hätte, ihren Mönch wiederzusehen.

Am Grabmal herrschte eine große, beinahe heitere Ruhe. Ein merkwürdiger Ort für ein Grab, so weitab vom Kloster; doch vielleicht hatte der Ritter ja auch die Abgeschiedenheit gesucht. Vielleicht hatte er entstellende Wunden aus der Schlacht davongetragen, und er und sie waren Bruder und Schwester im Geiste. Wie er ums Leben gekommen war, wusste niemand. Man vermutete aber, dass der arme Mann eines gewaltsamen Todes gestorben und von seinen treuen Dienern in seinem geliebten Wald bestattet worden war. Kate setzte sich auf einen Felsbrocken und ließ die friedliche Stimmung auf sich wirken. In diesem Wald war sie noch nie gewesen; da regte sich keine Erinnerung. Angst hatte sie nicht. Es war ein geweihter Ort, das spürte sie. Hier lag ein guter Mensch begraben.

Du warst deiner Frau treu, nicht wahr, mein Freund? Du hast den Verlockungen der exotischen Mädchen widerstanden und der Mutter deiner Söhne gedacht, die hier dein Land, dein Haus und deine Kinder versorgt hat. Du ruhst in Frieden. Unvermittelt stand Kate auf, als sich ihr ein neuer Gedanke aufdrängte. Aber wenn du so gut und treu warst, wo ist dann das Grab deiner Frau? Du liegst ganz allein hier, Kreuzfahrer.

Sie näherte sich dem steinernen Monument. Der Efeu war zurückgeschnitten worden, aber weil das Grabmal schon stark verwittert war, musste man annehmen, dass die Gebeine des Kreuzfahrers nicht mehr darin zu finden waren. Kate legte die Hand auf den gemeißelten Deckel. Der Stein war kalt, hatte jedoch nichts Erschreckendes an sich. Kate seufzte erleichtert. Ein guter Tipp von Maggie – hier gefiel es ihr tatsächlich. Sie ließ sich auf einem Stein neben dem Grabmal nieder und packte ihr Mittagessen aus – zwei Haferkekse und zwei Stückchen Käse, schottischer Cheddar und französischer Brie, eine Vorliebe, die sie aus der Provence mitgebracht hatte. Gut gemacht, Kate! Sie betrachtete ihren Apfel. Er war rot und saftig, aber plötzlich überfiel sie das Verlangen nach einer reifen Feige. Wann hatte sie das letzte Mal eine Feige gegessen? Bestimmt bekam man sie auch in Schottland. Sie würde Maggie danach fragen. Nein, lieber nicht, sie wollte ihren Apfel essen und jeden Bissen genießen.

Eine leichte Brise kam auf, und als Kate aufblickte, sah sie zu ihrem Entzücken, dass zarte goldbraune Buchenblätter zu Boden segelten. Wie schön dieser Anblick war! Da erinnerte sie sich wieder an die Winter ihrer Kindheit, als sie und Hugh die Gesichter hochgehalten hatten, um die Schneeflocken zu spüren. Vergnügt stand sie auf und streckte die Hände aus wie ein gutgläubiges Kind.

Ein goldenes Blatt schwebte durch die Luft und sank im Spiralbogen zu seinen Geschwistern auf den Waldboden hinab. Aus reiner Freude an diesem herbstlichen Rascheln stapfte Kate durch das Laub.

»Ich hatte einen Albtraum, und doch geht’s mir gut. Ich freue mich am Geschmack eines Apfels und spiele mit dem Laub. Mir geht’s gut.« Sie wandte sich dem verfallenen Grabmal zu. »Danke schön, Herr Ritter. Ich werde Sie noch oft besuchen.«

Sie musste nach Hause. Um fünf würden Murdo und seine Leute fort sein, und es wartete eine Menge Arbeit auf sie. Auf dem Rückweg durch den Wald hatte sie überhaupt keine Angst. Sie hörte nur die eigenen Schritte im Laub und gelegentlich einen Vogel, der sich mit seinen Artgenossen verständigte. An einer Weggabelung huschte etwas vorüber, ein rotbraunes Eichhörnchen, das sich an den Stamm einer gewaltigen Buche klammerte. Kate hätte schwören können, dass es ihr einen wütenden Blick zuwarf, bevor es in höhere Regionen verschwand.

Welche sind nun die einheimischen, die grauen oder die roten?

Die roten, Kate. Die grauen sind Räuber.

Das war Hughs Stimme. Er wusste einfach alles, das konnte einem manchmal auf die Nerven gehen. In dieser Hinsicht war er wie Bryn.

Sie lächelte. Neue Interessen, neue Entdeckungen warteten auf sie.

Im Haus herrschte Ruhe: Die Arbeiter waren fort, hatten aber Spuren hinterlassen. Kate roch das Holz, mit dem sie gearbeitet hatten, und der Duft lockte sie nach oben. Sie wollte sich die Fortschritte ansehen. Murdo hatte empfohlen, die kleineren Gästezimmer mit platzsparenden Einbauschränken und -regalen zu versehen.

»Sehr elegant«, sagte Kate, »sehr modern. Zu klinisch? Mag ich es klinisch? Eigentlich nicht, aber die Lasur und die Bettbezüge werden das Ganze gemütlicher machen. Die Bezüge werden prächtig. Ich werde sie selber nähen.«

Vergnügt dachte sie über Stoffe und Farben nach, als sie nach unten ging. Sie würde noch heute Abend anfangen, sofort. Nein, kein Anruf mehr. Einen Augenblick lang dachte sie nach, während sie den weichen Jeansstoff ihres langen Rockes glatt strich. Mit ihren hässlichen dünnen Beinen kamen kurze Röcke nicht mehr in Frage.

»Mädchen mit dünnen Beinen muss man aufpäppeln.«

Die hellen neuen Küchenschränke waren fast leer, dabei sollten sie mit Dosen und Gläsern gefüllt sein. Im Kühlschrank lagerten zwar allerhand faszinierende Päckchen, die sie bei Maggie erstanden hatte. Aber man brauchte auch Dinge zum Leben, die Maggie nicht führte.

»Da fährt ein Lieferwagen rum«, hatte Maggie erklärt, »damit man bei schlechtem Wetter zum Einkaufen nicht aus dem Haus muss.«

Wie nett Maggie war! Eine ziemlich feige Art, sich zu versorgen, aber eigentlich konnte doch jede Frau froh sein, wenn ein freundlicher Lieferant die Bestellung vor die Tür stellte und pfeifend wieder ging. Kate sah auf die Uhr und wählte hastig. Bitte, sei da!

»Maggie vom Feinkostladen hat mir gesagt, dass Sie bis vor die Haustür liefern.«

»Stimmt.«

»Ich möchte gern telefonisch ordern, das Geld für den Fahrer lege ich in einem Umschlag bereit.«

»Natürlich, Madam. Er klopft nur mal kurz an, wenn er da ist. Wir möchten ja nicht, dass Gefrorenes auftaut.«

Sie kämpfte die Panik nieder. Einem neuen Menschen gegenübertreten? Nein, noch nicht. »Nicht nötig. Ich bin immer zu Hause, aber ich arbeite und möchte nicht gestört werden.«

»Wenn Sie sicher sind.«

Sie war sicher, gab ihre Bestellung auf und wartete geduldig, bis der Mann die Kosten berechnet hatte.

»Die Sachen werden morgen Vormittag gebracht. Wir beladen den Wagen in aller Frühe.«

»Fein. Mein Scheck liegt in dem Korb vor der Tür.«

Angsthase. Kopfschüttelnd stellte sie den Scheck aus. Ob er den Namen wohl kannte? Kate Buchanan war ähnlich, vielleicht zu ähnlich. Katherine Buchan, Kate Buchanan. Ob sie ihn noch einmal hätte ändern sollen? Nein, in ihrem Beruf hatte sie unentwegt andere Rollen verkörpert, jetzt wollte sie endlich sie selbst sein.

Er war immer er selbst gewesen, und er war überall aufgefallen. Sogar wenn er schwieg, war er die wichtigste Person auf der Bühne.

»Katherine Buchan. Das hört sich eher nach einer Piratin an als nach einer Schauspielerin. Bist du ein wilder Freibeuter, Kate?«

»Nein, ich gehe kein Risiko ein, außer bei den Rollen, die ich übernehme, aber nicht im Privatleben.«

»Das Leben ist immer riskant … wie die Liebe, Kate.«

Seine Augen, seine schönen Augen, die sie anlächelten und ermutigten. »Katie, Katie, du hast mich verhext. Ach, cara, dir kann niemand das Wasser reichen.«

Kate schüttelte den Kopf, um die Erinnerung zu verscheuchen. Sie wollte nicht in ihrem Kummer versinken. Schließlich wäre sie beinahe darin ertrunken.

Weiße Bohnen auf Toast. Das hatte etwas ungeheuer Befriedigendes. Schwester Aquinas hatte Kate einmal aus London eine Dose Heinz Baked Beans mitgebracht. Wie genüsslich sie die Bohnen verspeist hatte! Nun trug Kate ihr Abendessen ans Fenster im Frühstückszimmer, stellte den Teller auf den Tisch und öffnete die Jalousien.

Wie schön, beinahe ätherisch das Licht in Schottland doch war! Die Welt da draußen war blau, hellblau. Oder war sie lila? Aber auch Grau mischte sich darunter und auf jeden Fall ein ganz zartes Grün. Unmöglich, den wunderschönen Abend zu beschreiben. Soeben malte ein Künstler den Horizont rot an.

»Ich möchte vergehn wie das Abendrot.« Literatur. Auch die konnte sie studieren.

Aber du hast dich bereits damit beschäftigt.

Nur ganz begrenzt und kaum mit französischen oder russischen Autoren. Nein, mit Proust bin ich fast durch. Wie habe ich das bloß geschafft, als nur Zeit für meine Arbeit war – oder für ihn?

»Es muss Hunderte von Büchern geben, die ich nicht gelesen habe«, versicherte sie den Bohnen auf dem letzten Toastdreieck. »Tausende sogar, und viele von ihnen sind lesenswert.«

Doch wie sollte sie sich Bücher beschaffen, ohne eine Buchhandlung zu betreten? Über den Versandbuchhandel. Allmählich kannte sie sich aus mit den Umwegen. Früher hatte sie das nicht nötig gehabt. Vielleicht lag darin das Problem. Einen Moment lang wünschte sie, eine dieser lästigen Schwestern würde mit den Tabletten oder einem Thermometer in der Hand hereinplatzen, aber sie hatte ja bewiesen, dass sie keine Hilfe mehr brauchte. Und jetzt war sie mit ihren Gedanken allein, was gefährlich war, denn die Vergangenheit schmerzte.

»Kate, du hast versprochen, nachzudenken und dich den Erinnerungen zu stellen.«

Sie ließ die Jalousien herunter und schaltete die Lampe an, sodass ein neugieriger Beobachter nur schmale Lichtstreifen bemerken würde. Rasch zog sie ihr Cape an und setzte aus Gewohnheit auch die Kapuze auf. Dann schlüpfte sie hinaus und schloss die Haustür hinter sich ab. In der Stille der Nacht war das Wispern des Meeres gerade noch vernehmbar, außerdem leise Geräusche der Vögel, das ferne Rauschen des Verkehrs und sogar ein Lachen, das wohl von einer Imbissbude an der Hauptstraße herüberdrang. Wie weit mochte die Hauptstraße entfernt sein? Schätzungsweise hundert Meter, aber nachts schien alles näher gerückt. Kate hörte das Kichern von Teenagern, die unter den Straßenlaternen standen. Wussten sie, dass dieses wenig schmeichelhafte Licht ihnen alle individuellen Züge nahm? Kate versuchte sich an ihre Jugend zu erinnern. Hatte man in den fünfziger Jahren schon von Teenagern gesprochen? Sie wusste es nicht. Sie jedenfalls hatte damals keine Zeit gehabt, unter einer Straßenlaterne herumzustehen. Hatte sie etwas versäumt? Natürlich. Aber so war das Leben. Ob wohl einer der kichernden Jugendlichen schon mal von Goethe oder Ibsen oder Anouilh gehört hatte? Hatten sie jemals Beethoven gehört? Das Haus in der Provence war von Musik erfüllt gewesen: dem Singen der Nonnen in der Kapelle, den mitreißenden Klängen der Orgel, Kates Schallplatten – Geschenke von Hugh und Simon.

»Du hast doch erwähnt, dass du Beethoven liebst.« Das war Simon.

»Weißt du noch, die Bach-Kantate, Kate?« Das war Hugh.

Chacun à son goût. Jeder, wie es ihm gefällt. Aber den eigenen Geschmack lernt man erst kennen, wenn man eine Hörprobe bekommt.

»Guten Abend.«

Plötzlich tauchte ein Mann aus der Dunkelheit auf, und sie fuhr zusammen.

»Verzeihen Sie, wenn ich Sie erschreckt habe. Ich entschuldige mich in aller Form. Ich bin’s nur, Miss …?« Sie blieb ihm die Antwort schuldig.

»Ich bin Pater Benedict aus dem Kloster.«

Kate blieb stehen, und obwohl es fast dunkel war, wandte sie sich instinktiv ab. »Das war tatsächlich ein kleiner Schreck«, erwiderte sie. »Sollten Priester oder Mönche um diese Uhrzeit nicht im Bett liegen oder ins Gebet vertieft sein?«

Er war nicht beleidigt. »Arthritis ist eine quälende Angelegenheit. Wenn ich im Bett liege und den Schmerz akzeptiere, den sie mir schickt, dann schafft sie es womöglich bis zu meinen Händen. Ich versuche aufrecht dagegen anzukämpfen.«

»Ich habe gehört, dass die Gewässer an den Küsten von Hawaii für alte arthritische Knochen wahre Wunder wirken.« Noch während sie sprach, hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Wie sollte ein Mönch aus einem schottischen Kloster nach Hawaii kommen?

»Das ist wirklich interessant. Vielleicht wirken diese Jacuzzi-Bäder nach dem gleichen Prinzip. Wir haben einen Bruder, der mit seinen Händen ebenfalls wahre Wunder bewirkt, aber können Sie sich vorstellen, wie konsterniert er wäre, wenn ich ihn um eine Behandlung im Jacuzzi ersuchen würde?«

Er lachte über sie, aber es machte ihr nichts aus.

»Haben Sie auch Schmerzen, meine Liebe?«, fragte er leise, und sie konnte wahrheitsgemäß antworten, das sei nicht der Fall.

»Es gibt schlimmere Schmerzen als die körperlichen«, entgegnete er.

»Die kenne ich nicht«, log sie. »Wo ist Thane?«

»Er hat es vorgezogen, jemandem Gesellschaft zu leisten, der ihn dringender braucht als ich.«

Sie wollte sich in den Schutz ihres Hauses flüchten. »Gute Nacht, Bruder Benedict.« Sie brachte es nicht über sich, ihn Pater zu nennen.

Er ließ sich nicht so leicht abweisen. »Darf ich Ihren Namen erfahren?«

»Kate.«

»Gute Nacht, Freundin Kate.«

Sie beeilte sich. Seit Jahrhunderten schon bot Abbots House Schutz. Manchmal dachte sie an die anderen, die dort Frieden gefunden hatten. »Freundin Kate« hatte der Mönch sie genannt. War er ihr Freund? Wenn ja, dann schloss er sich einer kleinen handverlesenen Schar an. Viele der Freunde, die sie einst umschwärmt hatten, hatten in demütigender Weise die Verbindung zu ihr geleugnet, um von dem Skandal unberührt zu bleiben. Außer Hugh natürlich, und nun gab es auch Simon. Ein Anwalt und ein Arzt. Ob der Beruf ihnen Aufrichtigkeit abverlangte? Nein, wohl eher die Umstände. Kate sah das Licht, das freundlich durch die Läden drang, und blieb stehen. Warum renne ich so? Das war Benedict, mein Freund, mir kann nichts passieren. Sie wandte sich noch einmal um. Der Mönch hatte sich nicht von der Stelle gerührt und blickte aufs Wasser. Kate lächelte. Wie schön das Meer war! Sie sah das Spiel des Lichts auf den Wellen und hörte ihr Murmeln. Der arme Pater Benedict! Aber ihn so anzureden widerstrebte ihr. Er würde sich damit begnügen müssen, ihr Freund Ben zu sein, sofern eine Freundschaft daraus wurde. Er kämpfte gegen die Arthritis und sorgte sich bestimmt um seine Hände. Schlimm für einen Künstler! Würde die Krankheit seine Hände lähmen, bevor er all die Dinge geschaffen hatte, die ihm wichtig waren? Sie wusste nur, dass er Tiere aus Treibholz, kleine Meisterwerke, schnitzte. Sie erkannte Genies – er war in seinem Metier so gut wie sie früher in ihrem.

»Würde für dich die Welt untergehen, wenn du nicht mehr schnitzen könntest, mein Freund Ben?«, fragte sie die einsame Gestalt.

»Es gibt schlimmere Schmerzen als die körperlichen.«

Was für eine angenehme Stimme er hatte, wenn auch nicht vergleichbar mit seiner Stimme. Jene Stimme hatte Menschen aufhorchen lassen, Gespräche waren verstummt, und im Theater … mein Gott, sie wusste noch, welche Ausstrahlung er auf der Bühne entfaltet und wie er seine Macht genossen hatte!

»Natürlich ist mir klar, was ich tue, Kate. Ich arbeite verdammt hart daran. All die Hohlköpfe, die behaupten, es gehe einem leicht über die Zunge, die irren gewaltig. Jede Silbe, jede Geste ist das Ergebnis stundenlanger Arbeit. Und der Ton, die Musik, dafür bin nicht ich verantwortlich, mein Schatz. Für die zufällige Qualität will ich keine Lorbeeren, sondern nur für das, was ich mit meinem Instrument erreiche. Denn es ist ein Instrument wie eine Geige und muss gespielt werden. Soll ich es spielen, Kate, und sehen, ob es Wirkung zeigt?«

Wie alle Männer war er gelegentlich ein Mistkerl.

KAPITEL 3

Der Rückweg vom Strand erschien Kate länger. Vielleicht weil sie vor dem Mönch die Flucht ergriffen hatte? Wie dumm! Endlich war sie im Haus und lehnte sich erleichtert gegen die Eingangstür. Das weiche Licht der Lampen fiel auf die Docken Seidengarn, die auf dem Sofa lagen. Kate lächelte.

Sie glaubte, Schwester Marie Madeleines Stimme zu hören. »Sie haben Talent, Kate, und das sollten wir pflegen: Denn wenn man es nicht achtet, verflüchtigt es sich.«

»Verflüchtigen, ma sœur? Ich dachte, alles sei vergänglich.«

»Das ist eine Frage der Wortwahl. Ein Talent beschränkt sich nicht auf eine Woche oder ein Jahr, man hat es für immer. Wenn Sie das künstlerische Talent aber nicht ausbilden, dann verblasst es allmählich und verschwindet schließlich ganz. Es verflüchtigt sich, besser gesagt. Vergänglich ist der Tau auf der Rose, die Sie sticken – die Sonne trocknet ihn im Nu.«

»Gut argumentiert, Schwester. Und was ist mit den anderen Begabungen? Verschwinden die oder verflüchtigen sie sich eher?«

»In der Bibliothek gibt es Bücher, Kate, auch mit Theaterstücken und Gedichten. Soll ich Ihnen eines holen? Die Lerche von Anouilh, zum Beispiel?«

Sie wollte nicht ans Theater denken. »Ich würde lieber einen neuen Stich lernen.«

Ihrer Stickerei würde sie sich später widmen; sie musste zuerst Hugh anrufen. Sie ließ das Cape aufs Sofa fallen, während sie zum Hörer griff. Wo er um diese Zeit wohl steckte? Würde er in seiner gemütlichen, mit Büchern voll gestopften Wohnung sitzen, einen bequemen Pullover mit den typischen Lederflicken am Ellbogen über dem Hemd, oder war er in der Oper, im Ballett, aß er mit Freunden zu Abend oder allein in seinem Club? Sie unterdrückte die Sehnsucht, mit ihm an einem dieser Orte zu sein. Sie war hier zu Hause.

»Hallo, mein Lieber. Ich hatte gedacht, du machst die Gegend unsicher.«

Er lachte. »Du weißt genau, dass ich aus dem Alter raus bin.«

»Hugh, sei nicht albern!«, protestierte sie. »Du bist noch keine fünfzig.«

»Ich bin ein angesehener Anwalt, Kate, da hat man sich die Hörner allmählich abgestoßen. Ich wollte dich gerade anrufen. Wie steht’s?«

»Es geht schon besser. Ich koche selbst, na ja, genauer gesagt, gibt es da eine nette Frau im Dorf, die diese köstlichen kleinen Pies liefert, inklusive Backanleitung, und die befolge ich dann.«

»Und du isst die Dinger auch?«

»Was für eine merkwürdige Frage. Nicht einmal Simon erkundigt sich danach.«

»Vielleicht sind Ärzte feinfühliger als Juristen. Bewältigst du die Portionen?«

Sie sah sein aufrichtiges, sorgenvolles Gesicht vor sich. Was für ein Schatz ist doch ein guter Freund! »Riechst du es denn nicht? Meine Küche duftet noch nach Hühnchen-Pie und stinknormalen Bohnen auf Toast. So wie damals an den Winterabenden bei Granny. Sie schaute zu ihrem peinlich sauberen Esstisch hinüber und hatte angesichts der harmlosen Lüge abergläubisch die Finger gekreuzt. An Granny zu denken war immer schön. »Du hast großartige Arbeit geleistet, mein Lieber, und jetzt freue ich mich auf Besuch. Wann kannst du kommen? Ich habe Simon angerufen, Hugh, weil ich einen kleinen Albtraum hatte, aber ich wollte, dass er weiß, wie leicht ich darüber hinwegkomme.«

Er seufzte, aber seine Stimme klang aufmunternd. »Das ist ja großartig.«

»Immer dasselbe, aber ich habe mich schnell erholt, keine Angstzustände, und ich hab mich auch nicht im Bett verkrochen. Es war die richtige Entscheidung, wieder hierher zu ziehen, Hugh. Wart nur ab. Die Träume werden sich bald verflüchtigen.«

»Kate, du hast gesagt, dass du dich der Vergangenheit stellen willst. Du musst dich daran erinnern, was in dieser Nacht geschehen ist.«

Sie schwieg.

»Kate.«

Sie griff nach einem Strang Goldfäden und drückte ihn kurz an ihre unversehrte Wange. »Ich bin noch dran. Ich habe mich nur gefragt, ob die Wahrheit etwas ändert. Bryn wird dadurch nicht wieder lebendig, meine Karriere ist endgültig vorbei, und mein Gesicht ist auch nicht mehr zu retten. Eigentlich habe ich angerufen, um dich einzuladen. Simon findet es übrigens phantastisch, dass mir nach Gästen zumute ist. Er glaubt, ich wüsste nicht, dass er mich vor Ort beobachten will. Jedenfalls vergebe ich Einladungen, aber nur an ganz besondere Menschen.«

»Meine liebe Miss Buchanan, wenn du mich brauchst, eile ich sofort zu dir. Du wolltest aber doch für ein paar Monate allein sein.«

»Ich bin nicht einsam, Hugh. Seltsamerweise vermisse ich das Glockenläuten und die Choräle, die mich manchmal zum Wahnsinn getrieben haben, aber hier gibt es auch Geräusche. Du solltest mal die Krähen hören, wenn sie sich im Wald sammeln, die machen einen Mordslärm, und dann erheben sie sich mit einem Schlag in die Lüfte und fliegen als schwarze Wolke zum nächsten Baum.«

»In welchem Wald?« Er klang nervös.

»Hab ich dir nicht davon erzählt?« Kate tat überrascht. »Ein Stückchen die Küste hinunter, Hugh, vielleicht ein, zwei Meilen. Ich gehe da nur hin, wenn es hell ist. Es gibt dort ein Kloster oder so etwas Ähnliches. Das ist mein neuer Lieblingsplatz, den habe ich für mich allein.«

»Ich komme am Wochenende rauf, dann machen wir eine Spritztour.«

»Du brauchst dir wirklich keine Sorgen um mich zu machen. Ich liebe dich heiß und innig, Hugh, aber ich hatte eher an einen Besuch nach Weihnachten gedacht. Die Gästezimmer sind noch nicht fertig.«

»Nach Weihnachten? Bis dahin sind es ja noch fast drei Monate – das ist zu lang.«

»Nein, das war so abgemacht, Bruderherz. Ich brauche noch ein bisschen Zeit, um mich an dieses Leben zu gewöhnen – ohne Glocken, die den Tag einteilen, ohne nette Nonnen, die mir vorschreiben, wann ich essen, wann ich im Garten spazieren gehen und wann ich mich aufs Ohr legen soll. Jetzt gönne ich mir jeden Abend einen Whisky.«

»Was für ein Lasterleben!«

Sie lachten. Alkohol war noch nie ein Problem gewesen.

»Na gut. Dann komme ich kurz nach Weihnachten, aber du musst mir versprechen, dass du mich anrufst, wenn vorher etwas schief geht. Bist du sicher, dass du Weihnachten allein verbringen willst?«

Es wäre ihr unerträglich gewesen, das Fest nicht allein zu verbringen. Es war besser, allein an die glücklichen Stunden zu denken. Dann würden die anderen nicht unter ihr zu leiden haben, sollten die bösen Erinnerungen an das Unglück doch die Oberhand gewinnen. »Ich habe meine Weihnachtsrituale, Hugh«, log sie.

»Dann also zu Neujahr? Darf ich mich auf einen guten Rutsch einladen? Du kannst mich ja in diesem kleinen Zimmer hinten im Haus unterbringen, das wird mich an die Weihnachtsfeste mit deiner Großmutter erinnern. Ja, ein paar ruhige, friedliche Tage am Strand, das wäre genau das Richtige.«

»Wahrscheinlich bei Regen und Sturm. So hat es nämlich anfangs hier ausgesehen, obwohl es heute angenehm kühl und klar war. Ich dachte, sie würden nie fertig mit der Renovierung.«

»Aber jetzt ist es fertig«, sagte er. »Die Arbeit ist getan, Kate, und wir blicken gemeinsam in die Zukunft.«

Sie lachte, dieses großartige attraktive Lachen, das ihm immer durch und durch gegangen war. »Hinten anstellen, mein lieber Anwalt. Ich habe hier schon zwei Freunde, vier, wenn man die Hunde mitrechnet. Nämlich Maggie vom Laden und Benedict, den Mönch von der Templehall Priory, das Kloster im Wald, von dem ich gesprochen habe. Der Mönch hat einen wunderbaren Schottischen Hirschhund. Maggies Vierbeiner heißt Cromwell, ein hässlicher, angriffslustiger, kleiner Köter.«

»Dann hat er ja den richtigen Namen.«

»Du bist also zu Silvester hier? Am besten kommst du schon am neunundzwanzigsten«, sagte sie betont ungezwungen. Er durfte nicht merken, wie sehr sie sich nach ihm sehnte. »Ich denke, Simon und Rae kommen auch.«

Er erinnerte sich an eine Zeit, da hätte jeder um eine Einladung gebettelt, da war es ein Privileg gewesen, dieselbe Luft wie Kate und Bryn zu atmen. »Das wird wie in alten Zeiten. Hast du Zeit zum Arbeiten gefunden?«

Wieder fiel ihr Blick auf das Sofa mit den schönen Seidengarnen. »Natürlich, das ist wie Yoga, ein wenig Beschäftigung jeden Tag sorgt für Konzentration und Ordnung.«

Er dachte kurz nach, als Jurist wog er Vor- und Nachteile, Kosten und Nutzen ab. »Was ist mit dem Auftrag? Hast du schon darüber nachgedacht?«

»Das muss ich mir in Ruhe überlegen.«

»Du hast Recht, natürlich.« Wenn sie sich zu schnell entschied, dann bedeutete das Stress, und Stress durfte nicht sein. »Macht nichts. Es kommt bestimmt noch etwas Besseres.«

»Nach Weihnachten.« Das Gespräch drehte sich um neue Aufträge für ihre exquisiten Goldstickereien. »Wann kommst du also?«, fragte sie noch einmal. »Ist der neunundzwanzigste abgemacht?«

»Ja, aber ich kann mich auch sofort auf den Weg machen, wenn du mich brauchst. Erzähl mir von deinem Hunde-Mönch.«

»Wie pietätlos von dir! Er ist größer als du und dünner; er sieht gut aus, hat aber etwas Asketisches und ist sehr kultiviert; er besitzt eine schöne, eher ruhige Stimme. Er kann von Glück reden, dass ich ihn nicht früher kennen gelernt habe. Ich hätte ihn mit Haut und Haaren verschlungen.«

»Ist das arme Lämmchen jetzt vor dir sicher?«

Sie lachte herzerwärmend. »Er hat seine Schlachten schon geschlagen und gewonnen. Ich könnte ihn nicht in Versuchung bringen.« Sie zuckte zusammen, dann lächelte sie. »Versuchung? Weißt du noch, Hugh?«

»Natürlich, dieser nette Amerikaner.« Gekonnt ahmte er den Dialekt des Mittleren Westens nach. »Ich habe gehört, Sie lassen sich in Versuchung führen. Was aus ihm wohl geworden ist?«

»Ihn hat wohl auch jemand in Versuchung geführt, nehme ich an, und er hat sie geheiratet.«

»Sehr vernünftig. Das hätte ich auch tun sollen. Ich rufe dich morgen gegen sechs von der Kanzlei aus an, ein Gespräch mit meiner Mandantin gewissermaßen.«

»Eine Versuchung zu sein hat mir deutlich besser gefallen.«

»Die bist du aber nach wie vor. Gute Nacht, meine Liebe. Bis morgen.«

Sie legte auf, fragte sich, was sie nun anfangen sollte, und ging schließlich in ihr Schlafzimmer hinauf. Sie trat ans Fenster und schaute auf den Weg hinaus. Wie dunkel es war. Fast Winter. Da wird es um drei schon dunkel, hatte Granny immer gesagt.

Ich sehe nur nach dem Wetter, sagte sie sich. Nicht dass es aufs Wetter ankäme. Nach Jahren, in denen es geheißen hatte: »Nur nicht nass werden, Kälte schadet dir«, nahm sie den Kampf gegen die Elemente mit wachsendem Vergnügen auf. Was war schöner, als die Küste entlang zu wandern, den Wind im Rücken?

Ich muss jetzt wenigstens etwas essen, um wieder gutzumachen, dass ich Hugh so angeflunkert habe. Sie griff nach einem Schal, legte ihn um die Schultern und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Sie setzte sich aber nicht an den Stickrahmen, was ihr ziemlich verlockend erschien, sondern ging weiter in die Küche.

Ein Käsebrot? Nein, so einfach wollte sie es sich nicht machen. Rührei? Perfekt. Aber wie in aller Welt nahm ein Ei diese Gestalt an? War ich schon immer so eine Niete in der Küche? Granny oder Hughs Mutter haben mir doch bestimmt die Grundbegriffe beigebracht. Ich muss Hugh danach fragen. Kate beäugte den Eierkarton. Probieren geht über studieren, sagte sie sich. Erst mal aufschlagen und dann durchrühren. Die Eier zu schlagen bereitete keine Schwierigkeiten, und es machte sogar Spaß, die Schalenstückchen aus der Schüssel zu fischen, die immer wieder davonflutschten. Schließlich gab sie es auf. In den letzten Jahren hatte ihr Körper auf die eine oder andere Weise so viel verdauen müssen, da kam es auf ein bisschen Eierschale wirklich nicht an.

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