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Sternenjagd

1

Die Alarmsirene der Careless Venture ging los und erfüllte die Höhle mit einem gellenden Heulton. Trilby Elliot sprang auf und stieß dabei versehentlich ihre provisorische Werkbank um. Das Ultraschallschweißgerät und die Kabel der Steuereinheit polterten krachend zu Boden.

Sie stürmte zur Rampe ihres Frachters. Über ihr geriet ein Nest aus dem Schlaf gerissener Blutfledermäuse in Aufruhr: Wie ledrige kleine Raketen schossen die Tierchen aus ihrer Felsspalte und wirbelten panisch um sie herum. Kreischend flohen sie dann durch die breite Höhlenöffnung in die lavendelblaue Dämmerung hinaus.

Als sie die Rampe erreichte, zischte am Himmel ein silbern blitzendes Objekt vorbei.

»Mist, Mist, Mist.« Ein anderes Schiff. Das bedeutete garantiert großen Ärger. Und selbst kleinen Ärger konnte sie im Moment ganz und gar nicht gebrauchen.

Sie sprintete durch die Luftschleuse.

Durch den Mittelgang des Frachters wand sich ein Gewirr schwarzer Kabelschlangen, buckelte über die offene Einstiegsluke und führte zur Brücke. Sie rannte hin, ohne auf die Kabel zu treten, und schlug auf einen Knopf. Der Alarm brach ab. Ein Druck mit dem Daumen aktivierte das Intracom. »Dezi, wir haben Besuch! Übernimm die Brücke.«

»Schon auf dem Weg, Captain.« Die gelassene Stimme kam von drei Decks tiefer, aus der Wartungseinheit.

Wenn Dezi sehen könnte, was sie hier oben sah …

Die Lichter flackerten in furiosem Stakkato auf dem Scannerschirm. Ominöse Datenreihen wanderten über den Monitor, doch sie blieben nervtötend lückenhaft. Das hereinkommende Schiff war offenbar klein, aber Trilbys fehlerhaftes Equipment verweigerte die Herausgabe genauerer Daten. Vielleicht war es ein konklavischer Aufklärer, es konnte aber auch eine Piratensonde sein. Oder die Vorhut eines Kriegsgeschwaders von Gott weiß woher.

Aus dem Gerätespind schnappte sie sich Fernglas und Lasergewehr und knipste das Intracom wieder an. »Der Hauptscanner streikt immer noch. Ich geh raus und schau mir das an.«

Gelassene Zustimmung, genau wie zuvor. Guter alter Dezi.

Eine Wand aus heißer Abendluft stemmte sich ihr entgegen, als sie durch die hohe Höhlenöffnung nach draußen trat. Sie hockte sich zwischen ein Geflecht aus verhakten Dornenpalmen und ein paar moosbedeckte Felsbrocken und scannte mit dem Fernglas den Himmel ab. Die blendenden Strahlen der bereits tief stehenden Sonne bissen ihr gnadenlos in die Augen.

»Verdammt!« Sie streifte mit dem Daumen über den Autofilter. Nichts geschah. Der Filter klemmte – mal wieder. Sie schlug sich das Fernglas kräftig gegen die Hüfte, dann versuchte sie es erneut.

Die Okulare wurden einen Moment lang trüb, dann justierte sich das Gerät. Sie schwenkte über den Horizont auf der Suche nach irgendetwas, was sich bewegte, und lauschte, ob was anderes zu hören war als das dichte Schweigen des Dschungels und ihr hämmerndes Herz. Fünf Minuten vergingen. Schweißflecken verpassten ihrem schmutzig-grünen T-Shirt ein Zufallsmuster.

Da! Ein Flackern, ein metallisches Schimmern. Sie hielt mit dem Fernglas drauf. Das Bild stellte sich schärfer, bis sie es erkennen konnte. Was sie sah, jagte ihr einen Schauer über die verschwitzte Haut. Ein Tark, ein hochgerüsteter ’Sko-Fighter. Seine unverwechselbare Silhouette mit den geschwungenen Flügeln zeichnete sich deutlich vor dem schwindenden Sonnenlicht ab.

Schnell machte sie einen 360er-Rundscan. Der Rest des Geschwaders musste hier auch irgendwo sein. Was heißen würde, dass es im Orbit ein Mutterschiff gab. Irgendwo. Und irgendwo war ein Ort, in dessen Umgebung man sich besser nicht aufhielt, wenn die ’Sko im Spiel waren.

Doch am rötlich eindunkelnden Himmel zeigte sich nichts. Nichts außer dem einsamen Tark.

Der ’Sko-Fighter blitzte hin und wieder zwischen den lavendelfarbenen Wölkchen auf, trudelte dahin wie ein verschrecktes Fabelwesen, das auf einer Eisscholle reitet. Selbst besoffen flog Trilby besser als der da. Dann trat der Fighter aus einer Wolkenbank hervor, und sie sah die unmissverständlichen Spuren von Lasereinschüssen an der Ladeflanke. Jetzt war klar, warum das Ding durch den Orbit eierte wie eine volltrunkene Möwe.

Das war gar kein Angreifer, das war die Beute.

Sie scannte ein weiteres Mal den Himmel ab. Eine konklavische Grenzpatrouille konnte ihre elektronische Signatur vermutlich orten. Dann würde sie einiges zu erklären haben. Und ganz zweifellos einen Batzen hinblättern müssen, den sie nicht hatte. Aber der Scan ergab nichts.

Auf einmal sackte der Tark so dicht auf den Dschungel hinab, dass sie unwillkürlich den Atem anhielt und auf das Geräusch des Aufschlags wartete.

Es kam als schrilles, kreischendes, berstendes Klanginferno – Metall auf feuchtem Holz, dann Metall auf Stein. Auf einem der wenigen Flecken, die nicht von Avanars berüchtigten Sümpfen bedeckt waren, kam der Fighter mit einem bohrenden Knirschen schließlich zum Halt. Trilby war aufgesprungen und beobachtete das Gelände mit ihrem Fernglas, jetzt auf Nachtsicht gestellt. Die ersten orangegelben Flämmchen züngelten in den Nachthimmel. Ein paar Minuten später roch sie eine Spur beißenden Qualms, unsichtbar im schwindenden Licht.

Noch einen 360er-Rundscan. Eine Patrouille der Konklaven wäre längst hier. Aber der Himmel war leer. Und ruhig.

Ihr Atem und ihr Herzschlag normalisierten sich. Ein verschlagenes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Der Status des Tarks hatte gerade von Bedrohung auf Profit gewechselt.

Sie schätzte, die Absturzstelle war gut zwei Meilen entfernt. Weit, aber nicht zu weit. Nicht für eine Bergung. Bei einem konklavischen Schiff in Not hätte sie längst laut nach Dezi gebrüllt, er solle den Scooter mit einem Erste-Hilfe-Set beladen.

Das hier war ’Sko. Was, soweit sie und jeder andere Kapitän unabhängiger Frachter informiert waren, lediglich ein anderes Wort für intergalaktischen Müll war.

Zwar kostspieliger – und gefährlicher – intergalaktischer Müll, aber letztlich eben doch Müll.

Sie ging ihre Möglichkeiten durch. Die Sonne war gänzlich verschwunden, die Nachtluft strich feucht und schwer um ihre nackten Arme. Der erste der drei Monde Avanars ging auf, blass und träge.

Nicht die besten Bedingungen, um einen Bergungsversuch zu starten, insbesondere, da es sich um einen ’Sko-Fighter handelte. Wenn sie bis morgen wartete, wäre das Feuer an der zerstörten Seite des Tarks sicher erloschen, das Metall wäre schon abgekühlt. Und der ’Sko-Pilot, falls verletzt, würde dann stark geschwächt sein oder vorzugsweise tot. Tot wäre schön. Jeder wusste, dass ein verletzter ’Sko noch blutrünstiger war als ein gesunder. Sie sollte wirklich besser bis morgen warten, allerdings würde sie dann mit den unerbittlich hohen Temperaturen zu kämpfen haben.

Als sie wieder zum ’Sko-Fighter blickte, sah sie das Feuer ausgehen. Gelöscht, vermutlich von einem automatischen Brandschutzsystem.

Das war gut. Das war sogar besser als gut, korrigierte sie sich. Ihr wurde klar, dass sie sich gerade entschlossen hatte, dem abgeschmierten Tark umgehend einen Besuch abzustatten. Trotz der einbrechenden Nacht und des ungewissen Zustandes des Piloten.

Dies war die Lösung für all ihre Probleme. Da das Feuer gleich nach dem Absturz gelöscht worden war, sollte aus dem Tark noch einiges herauszuholen sein. Einiges, was sich in Port Rumor oder Bagrond verkaufen ließ. ’Sko-Komponenten waren schwer zu kriegen und brachten mehr als anständiges Geld, selbst wenn sie aus einer Bergung stammten.

Anständiges Geld aber war Trilby zurzeit nicht vergönnt. Und selbst die Versorgung mit unanständigem Geld befand sich auf gefährlich niedrigem Niveau.

Sie drehte sich um und sah das Blitzen von Dezis sehr menschlich geformter Metallhülle. Der DZ-9-Androide wartete am Fuß der Rampe der Venture. Der voluminöse Frachter wölbte sich fast schützend über ihn. Sie hatten mitten in Reparaturarbeiten gesteckt, als der Alarm einsetzte.

»Sieht aus, als könnten wir Beute machen«, erklärte sie dem Droiden, als sie die schwingende Metallrampe hochstapfte. »Mach zwei Transport-Scooter mit Ladepaletten bereit. Ich besorge uns noch was zum Einheizen, für den Fall, dass wir unerwünschten Besuch bekommen.« Sie klopfte ihm auf die angelaufene Schulter, als sie vorbeiging. »Danke, Dez.«

»Keine Ursache, Captain. Es ist mir immer ein Vergnügen.«

Sie duckte sich durch die Luftschleuse und musste grinsen, als Dezis Stimme in ihr nachklang. Noch vor vier Monaten hatten solche kleinen Höflichkeiten zu massiven Auseinandersetzungen mit Jagan geführt. Denn Jagan hatte sich immer an ihrer Angewohnheit gestört, Dezi zu danken. Aus seiner Sicht waren Droiden Dinge, und Dinge bedurften keiner Anerkennung.

Aber sie musste sich ja nicht länger mit Jagan Grantforths Ansichten beschäftigen, sondern konnte tun und lassen, was sie wollte, egal wie unbesonnen und unverantwortlich es war. Oder wie auch immer Jagan und seine Mutter ihre Art zu leben betitelt hatten.

Sie sah immer noch sein hübsches, arrogantes Gesicht in seiner letzten Nachricht vor sich: »Mutter hat es ja immer schon gesagt. Du bist nichts weiter als zweitklassiger Müll aus Port Rumor.«

Immer noch besser als erstklassiger Müll aus Bagrond, hatte sie ihm entgegnen wollen, es dann aber gelassen. Er hätte es nicht verstanden. An diesem Punkt ihrer Beziehung, so wurde ihr klar, sprachen sie nicht einmal mehr dieselbe Sprache.

Sie schüttelte die unangenehmen Erinnerungen energisch ab, zog ihre verschlissene Jacke aus dem Schrank und machte sich auf die Suche nach einer Laserpistole, die halbwegs funktionstüchtig war.

Dann eilte sie die Rampe hinunter und traf auf Dezi, der sich über den Zustand der Transport-Scooter beschwerte.

»Ich fürchte, Captain, die Standkufen dieser Einheit müssen dringend überholt werden. Sehen Sie nur diese Strebe, vollkommen verrostet. Wenn man sie mit etwas belastet, das schwerer ist als ich …«

Sie seufzte. »Ich setz es auf die Liste, okay? Aber die Scooter müssen warten, bis das Com-Pack wieder online und der Backbordscanner ausgetauscht ist. Scooterstreben nützen wenig, wenn es darum geht, möglichst alle ’Sko-Nester zwischen hier und Port Rumor zu meiden«, sagte sie und bestieg breitbeinig den klotzigen Scooter.

»Ich habe nur einen Vorschlag gemacht, Captain. Für die Zukunft, gewissermaßen.«

»Ich weiß deine Umsicht zu schätzen, glaube mir.«

»Vielen Dank. Ich bemühe mich immer …«

»Dezi.«

Der Droide richtete seinen mattierten Kopf auf und sah Trilby an. »Ja?«

»Lass uns loslegen. Auf uns wartet ein Wrack.«

»Oh, ja. Natürlich. Ich war ja auch gerade im Begriff …«

Aber Trilby hatte ihren Scooter bereits gestartet und aktivierte den Antischwerkraftantrieb. Dann flog sie über die Felsenklippe davon und war schon außer Sicht, als Dezi ihr noch erklärte, was er zu tun gedachte. Also tat er es.

Sie landete den Scooter so nah wie möglich bei dem schwelenden Wrack. Der ’Sko-Fighter hatte eine gut sechs Meter breite und an die fünfundzwanzig Meter lange Bresche in den Dschungel planiert, bevor ihn schließlich ein Wäldchen miteinander verknoteter Haarpalmen gestoppt hatte. Einer der bronzefarbenen Giganten war zur Seite geknickt, die lang herabhängenden Palmwedel rußig und angekokelt von den Flammen des ausgebrannten Tark-Triebwerks. Beim Näherkommen erhellte das Licht ihrer Kopflampe die Szene. Sie entsicherte ihre Pistole.

Der schnittige Fighter hatte sich in den weichen Boden gebohrt, die Steuerbord-Schwinge war vom Rumpf abgetrennt, die Backbord-Schwinge von ein paar weiteren Palmen durchbohrt worden. Aber davon abgesehen befand sich der Tark in erstaunlich gutem Zustand. Sie wusste nicht, ob sie dafür den Piloten oder die Flugautomatik loben sollte.

Sie schaltete ihre Lampe auf Flutlicht und leuchtete das Wrack ab. Dezi kam gerade recht.

»Du fängst achtern an. Ich schau mich hier um.« Sie schnappte sich eine Taschenlampe aus dem Werkzeugkoffer des Transport-Scooters und strahlte das Cockpit der Tark an. Das Kabinendach war abgefetzt, das Cockpit lag offen und ungeschützt da. Sie bereitete sich innerlich auf die unausweichliche Begegnung mit zerfleischten Überresten in einem Fliegeroverall vor. Sie konnte keinen Hinweis auf einen Notausstieg entdecken, der Pilot hatte offenbar keine Chance gehabt, dem Inferno zu entkommen.

Doch das Cockpit war leer. Ihre Gedärme schlugen einen Purzelbaum. »Na, toll«, fluchte sie leise. Dann rief sie: »Dezi, hierher, schnell!«

Sie hörte seinen stampfenden Schritt näher kommen. »Kann ich irgendwie helfen?«

»Gib mir Deckung.« Sie wechselte die Taschenlampe in die linke Hand und brachte mit der rechten die entsicherte Pistole in Anschlag. »Unser ’Sko-Pilot ist stiften gegangen.«

Der Droide trat einen Schritt näher und begutachtete die Leere im Cockpit. »Äußerst ungewöhnlich.«

»Erzähl das dem Piloten, wenn wir ihn finden. Da drin ist er nicht, was bedeutet«, sie fuchtelte mit der Taschenlampe in alle Richtungen, »dass er – oder sie – da draußen ist. Irgendwo.«

Die Nacht schien in sie einzudringen. Das fahle Gelb der drei Monde machte die Schatten lang, die im Licht der sich bewegenden Taschenlampe gespenstisch umhertanzten.

Irgendwer oder irgendwas war da draußen, und es war ’Skobewaffnet und ’Sko-ausgebildet. Sie lauschte angestrengt, ob sie außer ihrem Herzschlag und dem leisen Quietschen von Dezis Bolzen irgendetwas wahrnahm. Sie verfluchte sich, weil sie sich keinen Datalyzer an den Waffengürtel geklemmt hatte. Aber der Lebensform-Scanner gehörte zurzeit ohnehin eher auf den Haufen kaputter Ausrüstung.

Okay, Leben und Lernen. Hoffentlich blieb ihr genug von Ersterem für Letzteres.

Sie leuchtete ein weiteres Mal über das Gelände, ließ das Licht in die Nacht eindringen auf der Suche nach dem verräterischen Rot der ’Sko-Uniformen. Blutrot, wie die Gemetzel, die sie anrichteten, wenn sie Handelsstationen, Minenkolonien oder Frachtschiffe verwüsteten. Die ’Sko gewannen immer, weil sie ausnahmslos alles abschlachteten, was ihnen im Weg war, ihre eigenen Verwundeten eingeschlossen.

Trotz der heißen Nacht fröstelte sie ein wenig. Warum bist du nicht tot, du verdammte Ausgeburt irgendeines pillorischen Flittchens. Sie hatte den verdammten ’Sko schließlich nicht darum gebeten, in ihrem Vorgarten zu landen. Aber jetzt war er gelandet, und da Trilby, soweit sie wusste, das einzige fühlende Wesen auf dieser Welt war, lagen die Bergungsrechte unabdingbar bei ihr.

Wer’s findet, darf’s behalten. Das lohnte das Risiko.

Außerdem brauchte sie das Geld wirklich dringend. Nur die nackte Verzweiflung konnte jemanden dazu bringen, nachts im avarischen Dschungel herumzukriechen und nach einem – so Gott es wollte und sie Glück hatte – toten ’Sko zu suchen.

Zuerst entdeckte sie seine Stiefelsohlen. Reglos verharrte sie. Ein Mann, der Schuhgröße nach. Ihr Taschenlampenstrahl wanderte seine uniformierten Beine hinauf. Schwarz, die Uniform, nicht rot.

Die Gestalt rührte sich nicht.

»Dezi!«

Die dumpfen Schritte eilten herbei, diesmal deutlich schneller.

»Offenbar haben Sie ihn gefunden, Captain.« Der Droide leuchtete den Rücken des Mannes an und ließ den Lichtstrahl dann aufwärts wandern bis zu einem schwarz behaarten Kopf. Der Pilot schien aufs Gesicht gefallen zu sein, die Arme schräg nach oben ausgestreckt.

»Er ist doch tot, oder?«, fragte Trilby hoffnungsvoll.

Dezi beugte sich über den Kopf des Piloten. »Im Moment noch nicht. Es gibt schwache Anzeichen von Atmung.«

»Zur Hölle.« Trilby hockte sich neben den Piloten und betrachtete im fahlen Licht ihrer Lampe sein Profil. Das hohe Gras verdeckte fast alles bis auf eine dunkle Braue und ein geschlossenes Auge. Auf seinem Wangenknochen hatte sich bereits ein violetter Bluterguss gebildet.

Sie zerrte am dunklen Stoff des Jackenkragens und legte ein schwarzes T-Shirt frei mit edel grau schimmerndem Rautenmuster am Bündchen. Sie schob die Hand unter den Kragen und fühlte nach dem Puls. Er ging regelmäßig.

Wieder fluchte sie. Leise diesmal. »Ich kann … wir können ihn hier nicht einfach liegen lassen.«

»Captain, ich muss dringend davon abraten, einen Ycsko …«

»Das ist kein ’Sko.« So viel war sicher, da es sich offenkundig um einen Menschen handelte. Die ’Sko hingegen … nun ja, niemand wusste ganz genau, was die ’Sko eigentlich waren. »Das hier ist ein Zafharier, der Uniform nach zu urteilen.«

»Das Imperium. Ja, natürlich. Das ist etwas anderes.«

War es das tatsächlich?, fragte sich Trilby, als sie und Dezi den bewusstlosen Körper vorsichtig auf die ausgefahrene Ladefläche des Transport-Scooters hievten. Das Imperium und die Konklaven, zu deren Bürgern rein formal auch sie gehörte, waren Rivalen. Ihre offizielle Handelspartnerschaft erzeugte bloß eine dünne Lackschicht zivilen Umgangs miteinander. Davor aber waren sie erbitterte Feinde gewesen. Das Ende des Imperial-Konklav-Krieges lag erst drei Jahre zurück.

Sie war nicht sonderlich politisch, aber sie war auch nicht blöd. Das zafharische Imperium besaß gewaltige Macht. Wäre nicht der Aufstieg der ’Sko-Aggressoren dazwischengekommen, hätten sie schon vor Jahren das gesamte Konklaventum ausgelöscht.

Ein seit drei Jahren währender Waffenstillstand besagte, dass sie in dem Mann auf der Ladefläche keinen Feind mehr zu sehen hatte.

Aber sie konnte trotzdem vorsichtig sein. Sehr, sehr vorsichtig.

Er war ihr, ermahnte sie sich, immerhin direkt auf die Türschwelle gelegt worden, und zwar mit freundlichen Grüßen von den Ycsko. Das allein bedurfte schon einiger Erklärungen.

Das Medistat auf der kleinen Krankenstation der Venture diagnostizierte ihren Gast als »unbekannt, männlich, humanoid« und sonst fast nichts. Trilby verfolgte, wie Dezi die Daten von der kaum funktionierenden Einheit ablas.

»Wie übel ist der Kerl dran? Mir reicht ein grober Überblick«, fügte sie schnell hinzu, bevor Dezi loslegen konnte. »Ich weiß, es gibt keine genauen Angaben.«

»Ein paar Schnittwunden, aber es sieht nicht nach großem Blutverlust aus. Eine leichte Gehirnerschütterung. Und außerdem ein paar merkwürdig unregelmäßig verteilte innere Verletzungen, oder die Messungen sind falsch. Sein Gesamtzustand ist jedoch stabil.«

»Dann liegt es an der verdammten Medistat-Einheit. Irgendein Hinweis darauf, mit wem wir es hier zu tun haben?«

Dezi tippte auf eine Taste. »Mensch, männlich, Anfang vierzig, ein Meter neunzig groß, siebenundneunzig Kilogramm schwer. Keine Tattoos oder sichtbare Untergewebe-Chips, somit keinerlei ID

»Aha, der große Unbekannte, was? Zieh ihm die Stiefel aus. Ich übernehme Jacke und T-Shirt.« Die Kleidung befand sich in noch schlechterem Zustand als ihr Besitzer. Die Jacke hatte auf der ganzen linken Seite Laserverbrennungen, und durch das T-Shirt zog sich vorn ein langer Riss.

»Die Hose auch. Für die Regeneration muss er … oh! Möchten Sie lieber, dass ich den Patienten ausziehe, Captain?«

»Ich hab schon mal einen nackten Mann gesehen. Aber danke, dass du meine Jungfräulichkeit verteidigst.« Sie grinste den Droiden an. »Auch wenn das etwas zu spät kommt.«

So behutsam wie möglich streifte sie dem Piloten die Jacke herunter und zog ihm das T-Shirt aus. Eine Reihe dunkel angelaufener Quetschungen zierte seine linke Schulter und zog sich bis unter die dichten schwarzen Locken, die seinen Oberkörper umflossen. Die Blutergüsse verunstalteten einen gut muskelbepackten Körper, der wesentlich jünger wirkte, als das Medistat bestimmt hatte. In den dreiunddreißig Jahren ihres Lebens hatte sie reichlich Linien- und Frachtschiffoffiziere kennengelernt und wusste, dass es weder den Bauch flach noch die Schultermuskeln stramm hielt, stundenlang am Steuer zu sitzen – ganz zu schweigen von den noch viel mehr Stunden Wartezeit zwischen Flügen auf einem Barhocker an irgendeinem Tresen.

Sogar Jagan war mit achtunddreißig um die Mitte herum aus dem Leim gegangen. Allerdings bezweifelte sie, dass Jagan jemals auch nur ansatzweise einen so durchtrainierten Körper besessen hatte wie diesen hier.

Sie und Dezi schwenkten die Regenerationsglocke über den Körper des Piloten und richteten sie aus. Vermutlich hatte sich das Medistat vertan. Vielleicht war er ein jüngeres Crewmitglied und gar kein Offizier, wie die Uniform vermuten ließ. Weniger Verantwortung und ein geringeres Einkommen brachten Untergebene oft dazu, mehr Zeit im Gym-Raum zu verbringen als in hochpreisigen Cocktailbars und feinen Restaurants.

Aber halt. Die Fältchen um seine Augen deuteten auf Umgang mit Anspannung und Stress hin. Sein Gesicht mit dem markanten Kinn und den dichten dunklen Augenbrauen wirkte befehlsgewohnt und streng. Nicht unattraktiv. Aber letztlich war die Strenge wahrscheinlich das, woran sich die meisten erinnern würden. Von Lachfältchen keine Spur.

Sie strich ihm eine Locke aus dem Gesicht und entdeckte noch mehr Blutergüsse, die zu dem Striemen auf dem Wangenknochen passten. Die Augenlider flackerten. Rasch zog sie die Hand weg, überrascht, dass er ihre Berührung gespürt hatte. Oder doch nicht? Die Regenerationsglocke dürfte ihn längst mit Schmerzstillern vollgepumpt haben. Seine Reaktion war sicher nur Zufall.

Sie erwog, die Betäubungsdosis manuell einzustellen, um für eine etwas länger anhaltende Bewusstlosigkeit zu sorgen. Allerdings spürte sie, wie ihre Neugier größer wurde als ihre Angst vor diesem zafharischen Offizier, ihrem einstigen Feind.

Im Moment sah es nicht so aus, als würde er demnächst splitternackt aus der Krankenstation ausbrechen und sie ums Schiff jagen.

Trotzdem, ein bisschen Vorsicht war wohl angebracht. Zumal sie drüben bei dem Wrack auf die Schnelle noch das eine oder andere zu erledigen hatte. Sie knöpfte den Gewehrriemen ab und warf die Waffe Dezi zu. Der Droide fing sie vorsichtig auf.

»Stell ihn ruhig, so lange du kannst«, sagte sie. »Sollte er doch aufwachen, dann mach ihm klar, dass du keinen Spaß verstehst.«

»Sehr wohl, Captain.« Dezi nahm Habachtstellung ein, als Trilby an ihm vorbeiging. Draußen im Korridor hörte sie ihn noch fragen: »Aber welchen Spaß soll ich denn nicht verstehen?«

Die tiefe Nacht auf Avanar, Heimat unzähliger tödlicher, nachtaktiver Reptilien, eignete sich schlecht für weitere Bergungsarbeiten. Sie startete ihren Scooter, dessen Ladefläche sie mit verwertbaren Komponenten des ’Sko-Fighters schwer beladen hatte, und machte sich im Dunkeln auf den Rückweg zum Schiff. Dort angekommen, nahm sie sich die Zeit, alles abzuladen und gut zu verstauen, dann schaute sie auf der Krankenstation vorbei, um zu erkunden, ob ihr Gast noch am Leben war.

War er. Zufrieden stapfte sie auf die Brücke, um die letzten Transportanfragen durchzugehen, die sie noch hatte runterladen können, bevor ihr Com-Pack mal wieder den Geist aufgab.

Die Anfragen versiegten allmählich. Nur vier in der letzten Woche, erst elf im ganzen Monat. Noch vor einem Jahr hatte sie weit über vierzig Anfragen im Monat gehabt.

Das Kleintransporte-Geschäft war echt im Eimer. Eine Serie von ’Sko-Überfällen hatte die Frequenz lohnender Aufträge dezimiert und in letzter Zeit praktisch ausgelöscht. Kaum jemand riskierte es noch, seine Waren Kleinfrachtern mit ihrer vorsintflutlichen Navigation und so gut wie wirkungslosen Abwehr anzuvertrauen. Schon gar nicht auf Routen durch Quadranten wie Gensiira, wo die konklavischen Grenzpatrouillen unterbezahlt, unterbesetzt und somit bestenfalls dekorativ waren. Sofern man überhaupt mal eine antraf.

Folglich gingen die Aufträge nun an die teureren, aber besser geschützten Mittelstreckenfrachter großer Gesellschaften wie Rinnaker, Norvind oder Grantforth Galaktik. Die konnten es sich nämlich leisten, Frachter und Frachtgut von privaten Sicherheitsdiensten eskortieren zu lassen. Und drängten damit kleine Anbieter wie sie aus dem Geschäft.

Schon schräg, ging es ihr durch den Kopf, wie parallel diese Entwicklung mit dem Verlauf ihrer Beziehung zu Jagan verlief. Sie hatten sich kennengelernt, als die Zeiten gut fürs Geschäft waren und einem die stetig eintrudelnden Aufträge ein angenehmes Auskommen sicherten. Er hatte etwa genauso viel von ihrer Aufmerksamkeit beansprucht wie die Transportagenturen. Aber dann fingen die Überfälle an, und Stück für Stück begannen die Agenturen auf ihre Dienste zu verzichten.

Und Jagan fing an, Verabredungen abzusagen.

Dann, vor vier Monaten, kam der Tiefpunkt.

»Wir können nicht mehr mit Unabhängigen arbeiten«, hatten die Agenturen gesagt.

»Ich werde Zalia heiraten«, hatte Jagan ihr gestanden.

Sie lehnte sich im Sessel zurück und massierte ihren Nasenrücken. Zum Teufel mit Grantforth. Zum Teufel mit den ’Sko. Sie atmete tief durch und fügte grimmig hinzu: Und zum Teufel mit Zafharia. Der Krieg gegen das Imperium hatte nach Regierungsangaben praktisch das gesamte Haushaltsbudget verschlungen. Also belegten sie alles und jedes mit irgendwelchen Steuern und Abgaben und verlangten noch Zuschläge auf die ohnehin überzogenen Lagergebühren in Quivera und Bagrond, ja sogar in solchen heruntergekommenen Raumhäfen wie Port Rumor. Und wenn sie einen erwischten, der sein Schiff ohne Genehmigung mit besseren Abwehrsystemen ausgestattet hatte, kassierten sie richtig ab. Zum Beispiel für LD-5-Torpedos, die sie eigentlich unbedingt brauchte. Hätte sie welche, würde sich das unter den Händlern herumsprechen und ihre Chancen, an Aufträge zu kommen, deutlich verbessern.

Aber die Lady-Fives würden ihr rein gar nichts nützen, wenn sie ihren Com-Pack nicht wieder in Bereitschaft brachte. Ihre Ausstattung war sowieso illegal: Reichweiteverstärker und Übertragungsentstörgeräte waren strikt verboten, für das Überleben in Gensiira aber unerlässlich.

Sie brauchte das Zeug einfach. Ihre Kunden mussten sich darauf verlassen können, dass sie sowohl den ’Sko als auch der Regierung immer einen Schritt voraus war. Der Speditionsvertrag mit Techplat bewies es: In Bagrond wartete ein vollgepackter Container Frachtgut auf sie. Sie musste bloß endlich mit den Reparaturen fertig werden.

Diese Tour würde das Geld für den neuen Triebwerkvorschub reinbringen, den sie letzten Monat hatte einbauen müssen. Wer eigentlich wovon ihr neues Com-Pack bezahlen sollte, darüber dachte sie im Moment lieber gar nicht erst nach.

Die nächsten zwanzig Minuten verbrachte sie mit dem Versuch, ihr fehlerhaftes Com davon zu überzeugen, sich mit dem neuen Reichweiteverstärker zu verbinden. Der Lohn waren nur neue Probleme, ein Wadenkrampf eingeschlossen.

Sie schob sich umständlich aus dem engen Leitungsschacht hinaus und trottete zur Krankenstation.

Dezi war immer noch auf Posten.

»Irgendwas Neues?«

»Nein, Captain. Er macht Fortschritte. Seine Werte normalisieren sich stetig.«

»Das klingt doch ermutigend. Allerdings frage ich mich, ob wir …«

»Nav! S’viek noyet.« Eine heisere, tiefe männliche Stimme unterbrach sie.

Trilby beobachtete, wie sich der Kopf des Mannes langsam hin- und herbewegte. Seine Atmung war deutlich kräftiger geworden. Er murmelte noch irgendwas, diesmal ganz leise. Auf dem Heilkissen, das seine Brust bedeckte, blinkte eine Reihe Lämpchen erst grün, dann gelb, dann wieder grün.

»Er hat Albträume.«

»Vielleicht eine Reaktion auf die Betäubungsmittel. Die Werte zeigen nichts Bedrohliches an.«

»Vielleicht nicht für ihn, Dez. Aber ich erkenne Zafharisch, wenn ich es höre. Es hat nie gut geklungen und wird auch niemals gut klingen. Auch wenn ich nicht die geringste Ahnung habe, was er gerade gesagt hat.«

Eine weitere Bestätigung für die real existierende konklavische Gleichgültigkeit gegenüber den Bedürfnissen der eigenen Bevölkerung. Das dringend benötigte Übersetzungsprogramm »Zafharisch – Standard«, ohne das es fast unmöglich war, sich auf den weiten Flugbahnen im Grenzgebiet zu bewegen, ließ seit über zwei Jahren auf sich warten.

»Ich muss gestehen, auch ich habe nicht viel Zafharisch vorrätig. Doch ich glaube, nav heißt nein.«

»Und vad heißt ja, und dharjas taf, viek musst du sagen, wenn du ein kaltes Bier haben willst. Falls er kein Standard spricht, sehe ich den Vorrat meines Kneipenvokabulars bereits bei der Frage nach seinem Namen zur Neige gehen. Oder nach seinem Rang. Oder wieso zum Teufel er hier in einem ’Sko-Fighter gestrandet ist.«

Trilby warf einen Blick auf die ramponierte schwarze Uniform, die sie in dem kleinen Zeugspind hinter dem Untersuchungstisch verwahrte. Sie hatte sie hin- und hergewendet auf der Suche nach irgendeinem Hinweis auf seine Identität. Die eher unwahrscheinliche Möglichkeit, eine Belohnung könnte auf seinen Kopf ausgesetzt sein, war ihr plötzlich in den Sinn gekommen. Und je höher der Rang, desto höher die Belohnung. Immer vorausgesetzt, das Imperium wollte ihn überhaupt wiederhaben.

Es war jedenfalls verdächtig, dass jegliche Hinweise auf seine Identität fehlten.

In den folgenden Stunden spielten Trilby und Dezi verschiedene Theorien um die Frage durch, wie ein zafharischer Pirat an einen ’Sko-Tark gekommen sein mochte.

Denn das war gar nicht so einfach.

Diese zwei Lager hassten sich gegenseitig mindestens so sehr, wie die konklavischen Handelsgesellschaften sie beide verabscheuten. Wenn nicht noch schlimmer. Seit Ende des Krieges gab es jedoch immer wieder Gerüchte über einen Machtwechsel. Man munkelte von Persönlichkeiten an der Spitze des zafharischen Imperiums, die willens waren, sich mit gewissen hochgestellten Persönlichkeiten der Ycsko an einen Tisch zu setzen.

Im Großen und Ganzen schenkte man solchen Gerüchten keine große Beachtung. Die Beteiligten waren schlicht und einfach inkompatibel. Die Ycsko gestalteten ihren Regierungs- und Verwaltungsapparat genauso wahnwitzig wie ihre Überfälle. Die paramilitärische Both Niyil bekriegte sich mit dem Lager der religiösen Dakrahl, die hatten es wiederum auf alle sechs Beffa-Handelskartelle abgesehen. Hochgestellte Häupter wurden etwa so regelmäßig gekrönt, wie Trilby ihren Flugplan zusammenstellte.

Die Zafharier waren zwar deutlich besser organisiert, aber nicht weniger gefährlich. Eine gradlinige, patriarchale Gesellschaft. Das Haus Vanurin herrschte seit über achthundert Jahren. Der jetzige Kaiser Kasmov regierte bereits einunddreißig Jahre. Sein ältester Sohn und seine Tochter bekleideten hohe Positionen im Council of Lords.

Vanurisches Blut regierte auch in der zafharischen Luftflotte. Der Oberbefehlshaber Lord Admiral Neville Vanushavor war Kasmovs direkter Cousin. Zwei seiner Söhne dienten im Rang von befehlshabenden Captains. Noch mächtiger als Vanushavors Söhne war allerdings Kapitän Tivahr, genannt der Commodore. Laut Gerüchteküche war er ein brillanter, aber arroganter, kaltblütiger Mann, der keinerlei Furcht kannte. Und kein Erbarmen.

Eine Zusammenarbeit zwischen ’Sko und Zafhariern schien unmöglich. Allerdings verband sie ein gemeinsames Ziel. Beide eigneten sich gern konklavische Waren an und strebten, wie man so hörte, nach der endgültigen Vorherrschaft über den gesamten konklavischen Luftraum.

Nichts davon klang ermutigend für unabhängige kleine Raumspeditionen wie die von Trilby Elliot. Politische Intrigen, Grenzkonflikte und die ewigen Spionage-Spielchen zwischen ’Sko und Zafharien trugen noch kräftig dazu bei, die Situation einer ohnehin gerade gestrandeten Frachtpilotin zu verschlimmern. Was immer sie aus dem Wrack des Tarks bergen konnte, war ihrer Meinung nach ein längst überfälliger Ausgleich für ihre Unbill.

Und sollte das zafharische Imperium zufällig die Freundlichkeit haben, mit einer Belohnung in ihre Richtung zu winken, dann konnten die fünf Ladies, die sie so dringend brauchte, ihr gern als Ticket zur Glückseligkeit dienen.

Sofern sie sich nicht dafür entschied, Jagan Grantforth nachzujagen und die Ladies als Erstes an ihm auszuprobieren.

2

Er wusste, wo er war. Er erkannte die korrodierten Metallwände und den verdreckten Steinboden. Seine Zelle auf Szedcafar.

Aber diesmal saß Rafi da, in voller Uniform. Goldborte auf der Schulter, glänzende Medaillen auf der Brust. Und Malika, aufreizend in hautengem schwarzen Catsuit. Edelsteinschmuck baumelte an ihren Ohren und tanzte um ihre Handgelenke.

Und eine andere Frau, kleiner als Malika. Silberblondes Haar, verwaschener grüner Overall. Sie trug keine glitzernden Medaillen, keinen Schmuck. Doch neben ihrer Schlichtheit wirkte Rafi prahlerisch und Malika grell und aufgedonnert.

Das rote Glühen des Kraftfeldes pulsierte um sie herum. Sie waren Gefangene. Er wusste, dass sie fliehen mussten, aber Malika wollte nichts davon hören. Sie lachte ihn aus und streichelte neckend sein Gesicht.

Er schlug verärgert ihre Hand weg, dann sah er wieder die Frau in Grün. Sie stand auf der anderen Seite einer tiefen Schlucht, die mitten durch den Fußboden führte, und griff nach ihm. Sie erinnerte ihn an eine der Feen aus seinen Kindergeschichten. Oder an die Gelfaia-Elfen aus den Faytari-Legenden der Funkenwelten, angebetet von den ’Sko wegen ihrer fragilen Schönheit.

Er rief ihr etwas zu, aber sie schien ihn nicht zu hören. Jetzt wollte sie ihm helfen. Irgendwie spürte er das. Er versuchte an den Rand der Schlucht zu gelangen, aber Malika hielt ihn am Arm fest.

»Sie ist gewöhnlich«, zischte sie böse. »Von niederer Herkunft. Verunreinige dich nicht durch Berührung.«

»Sie kann helfen«, sagte er zu Malika und sah Rafi flehend an. Aber Rafi zuckte nur mit den Achseln und schaute weg.

Plötzlich waren die Ycsko da, sieben an der Zahl. Sie wirkten wie Skelette im Gegensatz zu ihren sich aufblähenden Umhängen. Die Funkenfee rief ihm kurz etwas zu. Es klang wie eine Warnung.

Neben ihm begann Malika erneut zu lachen, höher diesmal, fast hysterisch. Sie drückte dem rot gewandeten Ycsko irgendetwas in die Hand. Einen Zylinder. Ein Hypospray.

Er sah es näher kommen und wusste, wenn es erst mal seinen Nacken berührte, würden die Schmerzen beginnen, sich in seinem ganzen Körper ausbreiten und ihm schließlich den Verstand rauben. Er wollte, dass es aufhörte, mit der ganzen Kraft seines Willens stemmte er sich dagegen …

Er riss die Augen auf. Das gleißende Weiß der Wände drang auf ihn ein, blendete ihn. Er krümmte sich vor Schmerz, aber lautlos. Immer schön lautlos.

Dann verschlang ihn die Dunkelheit, und er schlief.

Einige Zeit später flatterten erneut seine Lider, diesmal behutsamer, sodass die Pupillen sich langsam an die Helligkeit gewöhnen konnten. Das Licht wirkte jetzt nicht mehr so grell wie vorhin, bohrte sich aber dennoch wie tausend Stecknadeln in sein Hirn.

Er zwang sich, alle Regungen seines langsam munter werdenden Körpers zu unterdrücken und nur Wahrnehmungen durchzulassen. Die Erinnerung an die kurze Gefangenschaft bei den ’Sko kehrte zurück, mit all den Schmerzen, den Drogen und Verhören. Dann nahmen seine Ohren ein tiefes Rauschen und Summen um ihn herum wahr. Das klang nicht nach dem hohen, hell erleuchteten Verhörzimmer, an das er sich erinnern konnte.

Er öffnete die Augen einen winzigen Spalt und erblickte als Erstes die Regenerationsglocke über seinem Körper.

Er war auf einer Krankenstation, einer kleinen. Noch dazu erbärmlich ausgerüstet. Seine Regenerationsliege war die einzige hier.

Er sehnte sich danach, seinen Kopf zu drehen, seine Armmuskeln anzuspannen und das verdammte Dauerjucken von seinen Wunden zu kratzen. Aber seine Sinne warnten ihn, dass noch jemand im Raum war. Er war noch nicht bereit sich zu erkennen zu geben. Nicht, solange er nicht wusste, wo er war und warum.

Jahrelanges Training hatte ihn gelehrt, Schlaf so vorzutäuschen, dass nicht mal die Regenerationsgeräte irgendeine Veränderung seines Herzschlags oder seiner Atmung registrierten. Mittlerweile nahm er seine Umgebung vollständig wahr. Automatisch schätzte er seine Position ab. Von ihm bis zur linken Wand grob geschätzt zwei Meter. Rechts war die Wand vielleicht einen Meter fünfzig entfernt – höchstens fünf Zentimeter mehr. Da hing ein kleines Schiffsdiagramm, Leuchtdioden zeigten Fluchtwege, Erste-Hilfe- und Brandschutzausstattung an.

Er prägte sich das Diagramm gut ein.

Er erkannte eine Türöffnung, eher eine Luke, Entfernung etwa zwei Meter zwanzig von seiner rechten Schulter.

Ein metallhäutiger Droide, ein alter DZ-9 – er musste milde lächeln – stand neben der Luke, ein Lasergewehr fest in der Hand. Seine Gelenke quietschten jedes Mal, wenn er sich umwandte, um aus der Tür in den Korridor oder auf die medizinischen Geräte zu schauen.

Er fragte sich, seit wann Droiden beim Sicherheitsdienst eingesetzt wurden? Und von wem?

Wenn das das einzige Hindernis darstellte … doch da war ein Geräusch. Schnelle Schritte näherten sich – auf einem Metallboden. Der Hall dieser Schritte, Klang für Klang, verriet ihm, das nur eine Person im Anmarsch war. Er nahm keine weiteren Geräusche wahr und keine weiteren Leute außer dem Droiden und dem Herannahenden.

Er konzentrierte sich auf den Rhythmus der Schritte und berechnete ihre Länge. Wer auch immer da gleich auftauchen würde, war eher leicht und von kleiner Gestalt. Vermutlich weiblich.

Das war sie. Als die Frau den Raum betrat, fing sich das Oberlicht in ihren kurzen Haaren und schimmerte golden. Rafi hätte ihr Gesicht als gewinnend beschrieben, lieblich, mit großen Augen und langen Wimpern. Ihr Mund hatte genau diesen gewissen Touch von Trotz. Aber der befehlshabende Captain Rafiello Vanushavor war ja auch ein unverbesserlicher Frauenheld, wohl bewandert im Katalogisieren von weiblichen Reizen.

Im Gegensatz zu Rafi verstand er selbst sich mehr auf Waffen und Strategien. Weibliche Reize waren für ihn unbedeutend. Seine Begegnung mit Malika hatte ihn gelehrt, wie oberflächlich solche Einschätzungen sein konnten. Und wie schmerzhaft falsch.

»Wie geht es ihm heute Morgen?« Die Frage weckte seine Neugier. Sie sprach Standard. Er begriff sofort, dass er sich auf der falschen Seite der Zone befand.

»Immer noch ohne Bewusstsein«, antwortete der Droide. »Aber die Albträume haben aufgehört.«

»Ich versteh nicht, warum er immer noch weggetreten ist. Wann hast du zum letzten Mal die Werte geprüft?«

»Vor zehn Minuten. Aber die innere Diagnostik ist leider wieder offline. Ich kann mit dem Medistat Handmessungen vornehmen, falls Sie genau wissen wollen, was los ist.«

Sie seufzte müde. »Vielleicht sollte ich das.«

Der Droide wandte sich dem Interface mit der kleinen Konsole neben der Tür zu. »Das Medistat wird die Testresultate in dreiundvierzig Sekunden zur Verfügung stellen, Captain.«

Captain? Sie war zu jung, um diesen militärischen Rang zu bekleiden. Irgendwas in den Zwanzigern? Mit fast geschlossenen Augen war es schwierig, ihr richtiges Alter einzuschätzen, aber er konnte ihre Umrisse vor den weißen Wänden des Raumes gut erkennen. Das Uniformhemd bis zur Taille aufgeknöpft, die Ärmel hochgekrempelt. Das ärmellose gerippte T-Shirt darunter umspannte eng ihre Brüste. Die Rundungen ihrer Hüften und ihres Hinterns füllten die ausgebeulte Hose anständig aus. Ein breiter Werkzeuggürtel sackte ihr fast über die schmalen Hüften, heruntergezogen von der schweren Laserpistole und diversen daran baumelnden Ersatzteilen. Das war nicht die Uniform einer Schiffsärztin.

Sie kam näher und betrachtete das Display. Er roch einen süßen, leicht moschusartigen Duft nach Blumen und parfümiertem Puder.

»Wir sollten ihn vielleicht ein bisschen stimulieren. Ich kann hier nichts entdecken, was mir erklärt, warum er noch ohne Bewusstsein ist.«

»Vielleicht hat er übermäßig starke Schmerzen.«

So war es. Er nutzte den Schmerz als Fokussierungspunkt. Er hatte fast sein ganzes Leben mit Schmerzen verbracht, und mit der Disziplin, die das ermöglichte.

Auch seine Macht war ganz selbstverständlich für ihn. Er hatte immer die Kontrolle. Und würde sie bald wieder haben. Sie musste nur noch ein bisschen näher kommen.

Er verlangsamte willkürlich seinen Herzschlag und seine Atmung, so, wie er es vor über dreißig Jahren gelernt hatte. Nur noch ein paar Sekunden, nur noch ein bisschen näher …

Ein Warnlämpchen am Regenerator begann plötzlich rot zu blinken.

»Verdammt, was ist los?« In ihrer Stimme schwang eine Spur Panik mit.

»Eine Herzrhythmusstörung.« Der Droide ging um den Regenerator herum. »Ich kann nicht einschätzen, wie schlimm es ist.«

Plötzlich leuchteten die Warnlampen und Anzeigen alle noch einmal auf, dann schaltete sich die gesamte Regenerationseinheit ab.

»Mist, was hast du gemacht?«

»Ich habe nichts gemacht. Ich wollte bloß die Messungen kalibrieren.«

»Verflucht noch mal, er atmet nicht mehr!« Sie löste die Arretierung der Glocke und schob sie zur Seite.

Er spürte ihre Hand an seinem Hals, ihre Finger tasteten sanft nach seinem Puls. Ihre Stimme klang angespannt in seinen Ohren. »Wage es ja nicht, mir einfach zu krepieren, du undankbarer pillorischer Hurensohn! Ich hab schon genug Ärger am Hals, ich –«

Mit unfehlbarer Präzision griff er zu. Eine Hand packte ihren Hals, mit der anderen schnappte er sich ihr linkes Handgelenk und drehte ihr den Arm auf den Rücken. Sie verlor das Gleichgewicht, kippte nach vorne und fiel auf seinen Brustkorb.

Ihr gellender Aufschrei durchfuhr ihn wie eine menschliche Alarmsirene.

»Yagash! Ruhe!« Rasch übersetzte er sein harsches Kommando in ihre Sprache. Solange er sie unter Kontrolle hatte, hatte er auch den Droiden unter Kontrolle. Um den Rest der Besatzung würde er sich später kümmern. Kundig ertastete seine Hand die empfindliche Hauptschlagader an ihrer Kehle. »Wenn du dich rührst, ist sie tot!«

Der Droide stand da wie betäubt, nur seine metallenen Arme zuckten hilflos. Das Lasergewehr in seiner Hand rasselte leicht dabei.

»Was soll das denn, das ist doch nicht nötig.« Ihre Stimme klang dünn, gedämpft von seinem nackten Brustkorb. Er bog ihren Arm etwas weiter nach oben. Sie schrie auf vor Schmerz.

»Bitte tun Sie ihr nicht weh.« Das Flehen des Droiden klang fast weinerlich.

»Waffe runter.« Er setzte sich auf und presste die Frau mit stählernem Griff an sich. »Fallen lassen und wegstoßen. Raus damit vor die Tür!«

Es gab ein metallisches Geräusch, als das Gewehr zu Boden fiel, und ein kratzendes Scheppern, als es quer durch den Raum Richtung Tür schlidderte.

»Jetzt komm her.«

»Sir?«

»Hierher! Wird’s bald!« Inzwischen hatte er sich aufrecht hingestellt und lehnte nun an der Bettkante. Er wirbelte sie mit einem kurzen, harten Ruck herum, sodass sie nun den Droiden anschaute. »Nimm ihr Gürtel und Holster ab, sofort!«

»Warten Sie!« Die Frau wand sich in seinem harten Griff und versuchte ihn anzusehen. »Sie brauchen doch nicht …«

Rasch umklammerten seine Finger ihren Kiefer wie ein Schraubstock und zwangen ihr Gesicht wieder in Richtung des Droiden. »Sag ihm, er soll dir den Gürtel abnehmen.«

»Hören Sie doch, Sie verstehen nicht!« Sie presste ihre Worte unter Schmerzen hervor. »Dezi, sag ihm –«

»Captain, vielleicht ist jetzt nicht der passende Moment für eine Diskussion. Mein Wissensspeicher ist zwar nicht hundertprozentig präzise, aber wie es scheint, hält er Sie entweder im lähmenden G’zhen-Dai-Griff, gerne angewandt von den Kriegsmönchen auf Dakrahl …«

»Dezi!«

»… oder im tödlichen Tah-Fral-Griff, für den die Meuchelmörder des Despi-Schuld-Ordens berühmt sind. Unglücklicherweise sind meine Daten zu beiden Griffarten unvollständig.«

»Aber er braucht doch gar keine –«

»Den Gürtel«, befahl er streng. »Nimm ihn ihr ab!«

Der Droide trat vorsichtig näher und öffnete die Gürtelschnalle. Der Gürtel fiel scheppernd zu Boden.

»Raus damit, durch die Tür.«

Der Droide tat wie befohlen und schaute ihn dann erwartungsvoll an.

»Jetzt leg dich auf den Diagnosetisch.«

»Aber, Sir, ich bin nicht verletzt, und diese Geräte reagieren auch gar nicht auf –«

»Hinlegen! Sofort!«

Der Droide kletterte steifbeinig auf die Liege.

»Leg dich flach hin und zieh die Glocke über dich.«

Mit einem leisen Fauchgeräusch glitt die Regenerationsglocke an ihrer Schiene entlang, bis sie genau über dem Droiden hing.

»Gut.«

In einer einzigen schnellen Bewegung ließ er kurz ihren Arm los, arretierte die Glocke und zog die Frau erneut stramm an seinen Brustkorb. Eine Hand hielt immer noch ihre Kehle umfangen. Mit der anderen umschlang er sie und fixierte ihre Arme fest an ihren Hüften. Er brachte seinen Mund ganz nah an ihr Ohr. Wieder fiel ihm ihr eigenartiger Blumenduft auf.

»Versuch irgendwelche Tricks, nur irgendetwas, und du bist tot.« Er spürte unter seinen Fingerkuppen, wie die Angst ihren Puls in die Höhe trieb.

»Sie … brauchen sich wirklich nicht …«, ihre Stimme war nur noch ein ersticktes Röcheln, »… so aufzuführen.«

»Los jetzt!« Er stieß sie vorwärts zur Luke, wo sie stehen blieben. »So. Ich werde jetzt deine Arme loslassen. Für eine Sekunde. Um die Waffen aufzuheben. Aber ich hab immer noch meine Hand an deiner Kehle. Tu also nichts Unüberlegtes.« Seine Fingerkuppen drückten sich fester in ihre Haut. »Hast du mich verstanden?«

Sie bekam kaum Luft. Unter Schmerzen ächzte sie Zustimmung.

Er zog sie mit sich nach unten und schnappte sich Gewehr und Gürtel. Schnell schulterte er das Lasergewehr, vergewisserte sich, dass seine Hand ihre Kehle weiterhin fest im Griff hatte, und zog die Pistole aus ihrem Gürtelholster. Dann ließ er den Gürtel achtlos auf den Boden fallen und presste die Frau erneut mit Nachdruck an sich.

Die Bewegungsabläufe hatten ihn Kraft gekostet. Eine glühende, stechende Hitze schoss ihm den Nacken hoch. Zischend rang er nach Luft. Er hatte jetzt keine Zeit für so was. Er konzentrierte sich. Spannte seinen Körper an. Und fühlte ihre weichen Haare direkt an seiner Brust. Die feste Rundung ihres Hinterns an seinem …

Hölle und Teufel! Er war splitternackt.

Sein Plan war, sie zur Brücke zu zerren und zu erzwingen, dass sie das Schiff nach seinen Anweisungen flog, doch das ging so nicht. Verlegen trat er einen Schritt zurück und drückte ihr rasch die harte Mündung der Pistole in den Rücken.

Die Parallele – und höchst peinliche Ähnlichkeit – zu dem, was er eben noch gegen sie gepresst hatte, war ihm durchaus bewusst. »Geh zwei Schritte geradeaus.« In seiner Stimme knirschte Unbehagen.

Vor ihnen war die Wand. Die Wand und der kleine Zeugspind.

»Aber –«

»Los!« Er stieß sie vorwärts. Sie stolperte nach vorn, er riss die Schranktür auf. »Hose!«

Sie nahm die Hose heraus und wollte sich umdrehen, um sie ihm zu geben. Rasch versetzte er ihr noch einen Stoß. Er hatte keinerlei Verlangen, ihre Reaktion auf seinen unbekleideten Zustand zu erleben. Oder auch die Reaktion seines Körpers auf ihren Anblick. »Du bewegst dich erst, wenn ich es sage. Und nur dann.«

Über ihre Schulter hinweg hielt sie ihm die Hose hin. Er riss sie ihr aus der Hand und versicherte sich, dass sie reglos zwischen ihm und dem halb offenen Spind verharrte. Dann manövrierte er schwankend erst ein Bein in die Hose, dann das andere.

Seinen Anordnungen folgend reichte sie ihm in gleicher Manier seine Jacke an und danach seine Stiefel. Er fuhr mit den nackten Füßen hinein und verzichtete darauf, die lästigen Verschlüsse festzuziehen.

Und jetzt, versuchen wir denselben Trick noch mal?

Er packte ihren Arm und zerrte sie rückwärts, doch sie überraschte ihn, indem sie den Schwung der Bewegung nutzte, herumfuhr und ihm direkt in die Augen sah. Ihr Blick sprühte vor Zorn.

»Ich weiß ja nicht, wem Sie hier was beweisen wollen …«

Närrin, dachte er, und dann: Aber eine mutige kleine Närrin.

»Still!« Rasch drehte er ihr den Arm auf den Rücken. Sie schrie auf und sackte gegen ihn. Er drückte ihr die Pistolenmündung fest in den Rücken, damit sie nicht vergaß, woran sie war.

»Jetzt vorwärts!«

Sie fluchte grimmig, aber unterdrückt. Er stieß sie in den Gang und hielt dann inne, warf schnell prüfende Blicke nach links und nach rechts. Der Korridor, glanzlos und grau, bestand aus gehämmerten Metallspanten an Boden, Wänden und Decke. Üblich bei den meisten Frachtern dieser Klasse. Kabelkanäle und sich windende Rohrleitungen führten direkt unter der Decke entlang. In Kopfhöhe glommen Leuchtbänder an den Wänden, vereinzelt unterbrochen von düsteren Abschnitten, wo durchgebrannte Dioden nicht ausgetauscht worden waren. Ein paar Schritte weiter hing ein viereckiger Intracom-Lautsprecher, notdürftig mit Klebeband an die Wand gepappt.

Er rief sich das Schiffsdiagramm von der Krankenstation ins Gedächtnis, das die Fluchtwege zeigte, die Erste-Hilfe- und Brandschutzausstattung. Was er hier sah, bestätigte seine Vermutung. Bei diesem Schiff handelte es sich zweifelsfrei um eine alte Circura Vier mit einer Mindestbesatzung von fünf Mann.

Gut, zwei davon kannte er bereits.

Mit einem groben Stoß dirigierte er sie Richtung Brücke. Ein Lichtschein weiter vorn kündigte das Ende des Korridors an. »Wie viele sind noch da?«

»Wie viele was?«

»Stell dich nicht blöd. Ich hab keine Geduld für so was.«

Sie versuchte sich trotz seines harten Griffes umzudrehen, um ihn anzusehen. Er packte eine Handvoll ihrer Haare und zerrte ihren Kopf wieder an seine Brust. »Wie viele?«

»Wie viele Droiden? Keine sonst.«

»Besatzung?«

»Nur Dezi. Nur dieser Droide. Das ist alles. Nur ich und der Droide.«

»Wann kommen die anderen zurück?«

»Welche anderen denn?«

Er schlang ihr die Arme um den Bauch und quetschte, bis sie japste. Er hätte ihr locker die Rippen brechen können – ein Leichtes, trotz seiner eigenen Verletzungen. »Verarsch mich nicht …«

»Was um alles in der Welt wollen Sie denn, verflucht noch mal? Was suchen Sie denn?«

»Den Rest der Crew!«

»Ich hab sonst keine Crew! Sie besteht bloß aus Dez und mir. Das ist die ganze Show. Himmel noch mal, das tut doch weh!«

Er rüttelte sie noch mehr und riss schmerzhaft ihren Kopf an den Haaren zurück. »Ihr fliegt niemals zu zweit eine Circura Vier. Das Schiff ist viel zu groß –«

»Das ist keine Vier, das ist eine Zwei!«

Er stutzte. Eine Circura Zwei? Bei allen Gottheiten, das Schiff musste eine fliegende Antiquität sein. Falls es überhaupt noch flog.

Jetzt lag die Luke zur Brücke direkt vor ihnen. Er blieb an der Öffnung stehen und lauschte nach irgendwelchen Lebenszeichen. Da er nichts Verdächtiges hören konnte, stieß er sie die Rampe hoch und auf die Brücke.

Was er auf der Brücke und auf den großen Sichtschirmen zu sehen bekam, bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen. Dies war definitiv eine alte Circura Zwei. Die Brücke war winzig. Uralte Steinzeit-Computerteile und etwas zeitgemäßere Systeme waren nebeneinander-, aneinander- und durcheinandermontiert. So gut wie nichts davon schien ordnungsgemäß zu funktionieren. Die zerfetzte Sitzfläche des Kommandostuhls war mit Klebeband geflickt. Dünne schwarze Kabel schlängelten sich über die Steuerkonsole, provisorisch mit rotem Band zusammengehalten. Ein kleines Plüschtier, katzenviehartig mit großen Augen und Schnurrhaarbüscheln, baumelte an einem weiteren Stück des roten Bandes, das unter einer Stromleitung an der Decke festgeklemmt war.

Und sie befanden sich keineswegs im Weltraum. Sie waren auch nicht im Dock irgendeiner bekannten Station, geschweige denn in einem Raumhafen. Sie hockten gestrandet im riesigen Eingang von etwas, das eine große Höhle zu sein schien. Und der Nebel, der in der frühen Morgenluft aufstieg, deutete darauf hin, dass diese Höhle über einem dichten, tropischen Dschungel lag.

Es gab kein anderes Schiff, gab keine Menschenseele weit und breit.

Das Ganze war vollkommen widersinnig.

Er ließ ihre Haare los, riss sie herum und packte sie grob am Ellenbogen. Mit Nachdruck rammte er ihr die Pistole in die Rippen. »Kazat merash! Gdro deya?«

»Was?«

Er brauchte einen Moment, bis er schaltete. Er hatte sie wieder auf Zafharisch angeblafft. Er wurde nachlässig. Unerklärlicherweise. »Wo zum Henker sind wir?«

»Auf Avanar. Na ja, ich nenne es jedenfalls Avanar.« Ihr Blick verengte sich. »Was dachten Sie denn, wo Sie sind?«

»A-va-nar?« Der Name sagte ihm rein gar nichts.

»Genau.«

»Und wo liegt dieses Avanar?«

»Auf meinen Karten im Quadranten 84-YC-7. Gensiira-System. Etwa einen Trike von Port Rumor entfernt. Es ist ein kleiner Planet der H4-Klasse, unbewohnt. Es sei denn, man zählt die Blutfledermäuse und Vampirschnecken als Einwohner.«

Jetzt dämmerte es ihm. Eine unwirtliche, vor Hitze glühende Welt, auf der die Konklaven während des Kriegs ein paar Abwehrsensoren aufgestellt hatten. Noch bevor das Imperium Anstalten machen konnte, den Planeten zu vernichten, hatte die feuchtheiße, korrosionsfördernde Umwelt das gesamte Equipment unbrauchbar gemacht. Es war bei fast fünfzig Grad Hitze einfach im Sumpf verrottet.

Der gleißend helle, alles vernebelnde Dampf, den er durch die Anzeigeschirme sehen konnte, schien das zu bestätigen.

Er starrte auf die kleine Frau hinab, die vor ihm stand. Sie ging ihm nicht mal bis zu den Schultern.

Sie rührte sich, versuchte der Pistolenmündung auszuweichen, die ihr in die Rippen drückte. Er verstärkte den Griff um ihren Arm. »Wie viel haben sie dir gezahlt, damit du mich herbringst?«

Sie schaute ihn an, als würde sie an seiner Intelligenz zweifeln. »Ich hab Sie nicht hergebracht. Und niemand hat mich für irgendwas bezahlt. Sie sind hier mit Ihrem ’Sko-Tark runtergekommen und einfach auf meine Türschwelle geklatscht, ohne dass ich dabei auch nur ein Wörtchen mitzureden hatte. Also mach ich mich zur Bergung auf und rechne damit, schlimmstenfalls auf einen toten ’Sko zu stoßen, womit ich durchaus fertigwerden kann. Stattdessen finde ich Sie. Am Leben. Was hätte ich Ihrer Meinung nach tun sollen? Sie da liegen lassen? Als Festmahl für die heimische Flora und Fauna?«

Er entdeckte auf dem Ansichtsschirm in ihrem Rücken die Furche aus abgeknickten Palmen, als wäre ein langer großer Fuß einmal auf den Dschungel getreten. »Du willst mich also nicht nach Quivera schaffen und dem konklavischen Geheimdienst ausliefern?«

»Das wäre ziemlich bescheuert von mir, wenn man bedenkt, dass dort mindestens zwei Haftbefehle mit meinem Namen vorliegen.«

»Haftbefehle? Weswegen?«

Sie seufzte. »Der übliche Mist. Unautorisierter Codebruch, nachgewiesene Urkundenfälschungen, ein paar Anzeigen wegen Trunkenheit und ungebührlichem Benehmen. All die Teufelskreis-Karusselle, in die Low-Budget-Spediteure nun mal so reinrasseln.«

»Und du bist hier, weil … weil wegen Codebruch nach dir gefahndet wird?«

»Natürlich nicht«, antwortete sie empört. »Ich bin hier, weil ich endlich einen Verstärker für mein Com-Pack aufgetrieben habe. Irgendwo muss ich ihn ja schließlich installieren.«

Er starrte sie mit leerem Blick an. Irgendwie schien sein Verstand nur äußerst träge zu arbeiten.

Warum sollte eine Kopfgeldjägerin im Dienst der Konklaven diese unwirtliche Hölle als Reparaturstation ansteuern? Quivera verfügte schließlich über hervorragend ausgestattete Docks.

»Du reparierst hier dein Schiff?«, fragte er und deutete nach draußen auf den Dschungel.

Sie zuckte mit den Schultern und wand sich in seinem Griff, offenbar wurde es allmählich sehr unbequem für sie. Aber er konnte sie nicht loslassen, ehe er seine Lage richtig einzuschätzen vermochte. Im Moment ergab nichts einen Sinn.

»Ja, hier«, sagte sie. »Es ist billig, um nicht zu sagen umsonst. Es gibt keine Schnüffelnasen, die mir im Nacken sitzen und jede kleine Übertretung von was auch immer auf die Liste setzen und mir, ich zitiere, wegen ungenehmigten Umbaus Pfui-pfuis verpassen. Ich bin hier, weil ich hier nicht Gefahr laufe, die Beherrschung zu verlieren und irgendeinem Amtsschimmel eine reinzuhauen, sodass sie meinen renitenten Arsch für’n Deuce ins Minsec stecken, derweil sie natürlich weiter die horrende Hafengebühr kassieren.«

Er hörte ihr aufmerksam zu und erkannte das Kauderwelsch aus den zwielichtigen Spelunken rings um die billigen Frachterdocks der konklavischen Häfen. Eine Schnüffelnase war ein Inspektor. Ein Pfui-pfui war ein behördliches Bußgeld. Mit Minsec war die Minimum-Security-Zelle des Hafengefängnisses gemeint, der Ort, wo die Mannschaften der diversen Frachter üblicherweise ihren Rausch ausschliefen. Und ein Deuce bedeutete zwei Tage.

Endlich fiel der Groschen. Dieser kleine Hitzkopf, der zu ihm hochstarrte und sich in seinem Griff wand, stellte keinerlei Bedrohung für ihn dar. Dazu war sie überhaupt nicht in der Lage. Sie war einfach bloß eine gewöhnliche Billigfrachterpilotin, die sich ganz blauäugig ziemlichen Ärger aufgehalst hatte, indem sie ihn vom Dschungelboden auflas.

Kurz entschlossen ließ er ihren Ellbogen los und deutete mit dem Lauf der Pistole auf den Kapitänssessel. »Hinsetzen!«

Sie setzte sich und streckte behutsam Nacken und Rücken.

Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Ein unangenehmes Schuldgefühl beschlich ihn. »Es … ähm … offenbar handelt es sich um ein Missverständnis«, setzte er unbeholfen an. Er war nicht der Typ, der sich entschuldigte. Aber er war sonst auch nicht der Typ, dem Irrtümer unterliefen.

»Ein Missverständnis? Himmel Arsch! Sie hätten mich fast umgebracht.«

»Ich dachte … ich musste davon ausgehen, dass Sie eine Kopfgeldjägerin sind, die mich nach Quivera zurückbringen will.«

»Der Krieg ist seit drei Jahren vorbei, werter Herr Zauberer. Schon mitbekommen?« Sie ließ ihrem Unmut jetzt freien Lauf. »Die Konklaven und Ihr Imperium haben ein Friedensabkommen miteinander. Und selbst wenn ich fähig und geneigt wäre – was ich nicht bin –, Sie nach Quivera zu verfrachten, wäre das noch lange kein Grund, mich einfach umzubringen. Okay, das Essen dort ist hundsmiserabel, und die Behörden sorgen immer dafür, dass reichlich Wasser im Schnaps ist, aber nicht mal das sind gute Gründe, jemanden abzumurksen.«

Ihre kesse Art erboste ihn, und sein Reuegefühl wich frischem Zorn. »Meine Lage ist ungleich komplizierter, als Ihre unverschämten Sprüche unterstellen.«

»Unterstehen Sie sich, mich unverschämt zu nennen!« Ihre Stimme bebte vor Empörung. »Ich habe jedes Recht der Welt, unverschämt zu sein! Ich hab Sie auf mein Schiff geholt, um Ihnen das Leben zu retten. Und Sie, Sie sperren meinen Droiden unter die Regglocke und brechen mir fast die Rippen. Dank Ihnen hab ich solche Kopfschmerzen, dass mir jedes Haar einzeln wehtut. Also wagen Sie es gefälligst nicht, mir blöd zu kommen oder mich als unverschämt zu bezeichnen!«

Mit einem Schubs drehte sie den Sessel weg von ihm, schwang locker die Beine hoch und legte ihre Stiefel auf die Steuerkonsole, als wollte sie sagen: Gespräch beendet. Basta.

Jähzorn brandete in ihm auf. Dummes kleines Biest! Er wollte die Lehne ihres Stuhls packen und herumreißen, damit sie ihn ansah. Wirre Gedankenfetzen und Emotionen tobten durcheinander und wühlten ihn auf, sicher auch eine Folge der andauernden Schmerzen in seinem Körper. Niemand sprach in solchem Ton zu ihm, ohne die Konsequenzen tragen zu müssen. Er war derjenige, der allen Grund hatte, ungehalten zu sein. Er sollte sie mal nachdrücklich daran erinnern, wen sie hier vor sich hatte.

Allerdings wusste sie das wohl gar nicht.

Der Gedanke erwischte ihn kalt. Er öffnete die im Zorn schon geballte Faust und ließ die Hand sinken. Sie wusste gar nichts. Sicher, aufgrund seiner Uniform ging sie zu Recht davon aus, dass er Zafharier war. Er trug die Uniform eines Offiziers, das war unübersehbar. Aber ohne jeden Hinweis auf Namen oder Rang.

Er sollte es ihr sagen. Jetzt sofort. Das würde ihr Respekt einflößen, Angst machen, sodass sie gefügig wurde und kontrollierbar. Sie würde es nie wieder wagen, ihm einfach den Rücken zuzudrehen – ihre Manieren waren ja dermaßen beleidigend.

Dermaßen unüblich frech. Bemerkenswert.

Er bekam seine Atmung wieder unter Kontrolle und merkte, dass er wider Willen ein wenig fasziniert war – was ihn komplett überraschte.

Irgendwie verrückt das alles, vollkommen absurd. Dieser Dschungelplanet, dieses Schrottschiff, diese kleine, grünäugige Funkenfee …

Sein Mundwinkel zuckte plötzlich und hob sich zu einem dünnen, ziemlich ungewohnten Lächeln. Er sicherte die Pistole und steckte sie sich in den Hosenbund. Dann verharrte er einen Moment, rieb sich mit den Fingerknöcheln den verdammten Juckreiz an seiner linken Seite und überlegte, welche Möglichkeiten er jetzt hatte.

Vielleicht war es ja vorerst sogar besser, wenn sie nicht wusste, wer er war. Wenn sie ihm ein Stück weit vertrauen zu können glaubte. Natürlich nur aus Gründen der Sicherheit.

Aber die Sicherheit verlangte auch, dass er zunächst ihre Identität ermittelte.

»Wie heißen Sie?« Er lehnte sich gegen eine Schalttafel mit kaputten Sensoren und faltete die Arme vor der Brust. Als sie nicht antwortete, hakte er nach: »Wie soll ich mich entschuldigen, wenn ich Ihren Namen nicht kenne?«

Sie drückte auf einen Knopf am Stuhl und ließ ihn ein Stück in die Höhe fahren, bevor sie sich umdrehte und ihm gerade in die Augen blickte.

»Ich denke, Sie schulden mir ein bisschen mehr als eine Entschuldigung.« Auffordernd hielt sie ihm eine Hand entgegen, die leere Handfläche nach oben gerichtet.

Er zögerte und wog sein instinktives Bedürfnis, die Waffengewalt bei sich zu behalten, gegen die Notwendigkeit ab, ihre Kooperation zu erlangen. Und wie kooperativ musste er selbst sich gebärden, um sein Ziel zu erreichen? Schließlich zog er die Pistole aus seinem Hosenbund und reichte sie ihr. Sie schob sie sich in den Gürtel und streckte die Hand nach dem Lasergewehr aus, das er ihr ebenfalls übergab.

»Das ist doch was, für den Anfang.« Sie legte sich das Gewehr quer auf den Schoß. »Also, wer sind Sie?«

Er zuckte die Achseln und justierte sich geschmeidig auf seine neue Rolle. »Mein Clan-Name ist Vanur. Mein persönlicher Name ist sehr lang und ganz in meiner Sprache. Aber man kann ihn abkürzen und mich Rhis nennen.«

»R-e-e-c-e? Und Sie sind Zafharier.«

Seine Herkunft stand außer Frage, das wusste sie so gut wie er. Er hatte sich keinerlei Mühe gegeben, seinen Akzent zu verbergen. Auch seine Uniform sprach für sich. »Rhis, mit I. R, h, i, s. So wird mein Name buchstabiert. Und ja, ich bin Zafharier. Andernfalls wäre ich längst nicht so ein wertvoller Fang für eure Sicherheitspatrouillen.«

»Oh, die hätten bestimmt auch nichts dagegen, einen lebendigen ’Sko zu erwischen«, bemerkte sie belustigt. »Elliot. Zwei L, ein T. Captain Trilby Elliot.«

»Und Ihr Schiff?«

Sie schaute sich gemächlich auf der armseligen Brücke um, als wolle sie Inventur machen. »Ähm … nein, Sie zuerst.«

»Ich?«

»Genau, Rhis. Sie. Auf welchem Schiff haben Sie gedient, ehe Sie beschlossen, sich einen Abstecher mit dem Tark zu gönnen?«

Sein Verstand arbeitete mit Hochgeschwindigkeit, denn er wusste, jedes Zögern konnte als Suche nach Ausflüchten interpretiert werden. »Auf der Razalka, kennen Sie sie?«

»Gute Güte, wer im bewohnten Universum kennt und fürchtet nicht das zafharische Wunderkampfschiff. Der Commander war Tivahr, oder?«

»Soweit ich informiert bin, ist er es noch. Zumindest bis vor zwei oder drei Wochen, als ich … als ich und mein Team auf … in der Nähe von Szedcafar Schwierigkeiten bekamen.«

Er bemerkte, wie sie skeptisch eine Augenbraue hob und bereute sofort, was er zuletzt gesagt hatte. Szed war eine ’Sko-Welt, auf der sich eine riesige Militärbasis befand. Kein Ort, wo Zafharier sich gewöhnlich herumtrieben, und bestimmt nicht uneingeladen. Schnell dachte er nach. »Wir waren auf einem Übungseinsatz mit Ernstfall-Simulation. Sie nahmen mich ins Kreuzfeuer, in einem Tark, den wir vor ein paar Jahren mal gekapert hatten.« Er sprach weiter, um möglichst kooperativ zu wirken. »Irgendwie haben wir die Orientierung verloren und sind über die Grenze geraten. Ich machte den Lockvogel, damit die anderen umdrehen konnten.«

»Gefährliches Spiel.«

Er zuckte die Achseln. »Das gehört zu meinem – wie würden Sie es ausdrücken – zu meinem Job?«

Wieder eine skeptisch gehobene Augenbraue. Aber diesmal hatte er damit gerechnet, es geradezu darauf angelegt. Genau wie auf die Frage, die sie ihm jetzt stellte und die ihm helfen würde, seine erfundene Identität zu untermauern.

»Und Ihr Job ist was genau?«, fragte sie.

»Lieutenant. In einem B-Geschwader.«

»Ein Lieutenant also. Aber –«

Rhis hob die Hand und unterbrach sie. »Ich glaube, jetzt bin ich wieder dran. Erzählen Sie mir etwas über Ihr Schiff.«

Sie zögerte. »Okay, das ist wohl fair. Das hier ist die Careless Venture. Unabhängiger Sternenfrachter, derzeit vorübergehend in Port Rumor registriert.«

»Sie sind eine Unabhängige?«

»Wenn ich jemals meine Schulden bezahlen kann, dann ja.«

Er nickte und schloss kurz die Augen. Ihm war durchaus bewusst, wie dünn die Linie war, auf der viele Kleinspediteure balancierten – sowohl finanziell als auch was die Gesetze anging. »Wie lange haben Sie sie schon?«

»Fünf Jahre, ein paar Monate mehr oder weniger.«

»Es sind nicht mehr besonders viele davon unterwegs.«

»Sie wollen wissen, wie ich diesen Schrotthaufen auf interstellaren Bahnen halte?« Sie seufzte erschöpft. »Mit Spucke und gutem Zureden, so geht das. Und um gleich den Rest Ihrer Frage zu beantworten, ja, ich hab die Wahrheit gesagt, es gibt keine weiteren Crewmitglieder. Und ja, ein DZ-9 taugt eigentlich nicht zum Frachter-Droiden. Aber er war an Bord, als ich das Schiff übernahm. Genau wie bei Ihnen hatte ich nicht das Herz, ihn wie alten Schrott am Wegrand liegen zu lassen.

Und ja, wenn ich endlich mein Com-Pack reparieren darf, will ich nach Port Rumor, wo ein Frachtauftrag nach Bagrond auf mich wartet. Sie sind herzlich eingeladen mitzukommen. Aber es steht Ihnen selbstverständlich frei, mit den Überresten Ihres fabelhaften ’Sko-Fighters hierzubleiben und mit den Blutfledermäusen Sackhüpfen zu spielen. Offen gesagt ist es mir scheißegal, wofür Sie sich entscheiden.«

Er wollte etwas sagen, aber sie hob die Hand und ließ ihn nicht zu Wort kommen.

»Und jetzt«, sagte sie und stand auf, »werde ich meine Krankenstation aufsuchen und Dezi befreien.« Sie schlang sich den Gewehrriemen über die Schulter. »Danach such ich mir das größte Glas, das ich finden kann, und das werde ich mit eisgekühltem Gin füllen und austrinken. Denn ich fühl mich beschissen, hab Migräne und kann nicht mehr geradeaus gucken. Und ich hatte noch nicht mal ein Frühstück. Also wenn Sie mich bitte entschuldigen würden …«

Bevor sie die Luke erreichte, legte er seine Hand auf ihren Arm.

»Elliot –« Das klang schroffer, als er wollte. Er wusste gar nicht genau, warum er sie eigentlich aufhielt. Er hatte einfach nach ihr gegriffen, bevor ihm überhaupt bewusst wurde, was er tat.

Sie sah ihn scharf an. »Hören Sie, wenn Sie wieder vorhaben, mich zu töten, dann bringen Sie es bitte endlich hinter sich. Und wenn nicht, dann hören Sie gefälligst auf, zwischen mir und meinem dringend benötigten Drink zu stehen.«

»Gehen Sie schon und gönnen Sie sich Ihren Drink. Ich werde den Droiden befreien.«

Sie dachte einen Moment über sein Angebot nach, dann zuckte sie die Achseln.

»Seien Sie nett zu ihm«, fügte sie hinzu, als er hinter ihr in den Korridor trat. »Er hat furchtbare Angst vor Ihnen.«

Er nickte knapp, ohne eine Miene zu verziehen. »Ich werde ihm alles erklären.« Er sah ihr nach, als sie eine Bodenluke ansteuerte, die Leiter hinabstieg und unter Deck verschwand. Das vollkommen unlogische Bedürfnis, ihr zu folgen, ignorierte er entschlossen.

Der Kopf des Droiden fuhr herum, als Rhis die Krankenstation betrat. Dezi lag immer noch unter der Regenerationsglocke gefangen. Seine Gliedmaßen zuckten sinnlos vor sich hin, als hätte jemand Frostschutz in seinen Stromkreis gegossen.

»Oh nein, Sir, sagen Sie jetzt nicht, Sie haben sie umgebracht. Sagen Sie mir, dass sie noch lebt. Sie ist ein gutes Mädchen, das ist sie wirklich. Etwas ungestüm zuweilen, aber …«

»Captain Elliot gönnt sich einen Drink«, würgte er Dezis Befürchtungen ab. Er löste die Verschlüsse und schwenkte die Glocke zur Seite. »Es war einfach ein Missverständnis«, erklärte er dem Droiden, der sich ungeschickt aufrichtete.

Scheppernd stellte er die Füße auf den Boden und schaute zu Rhis auf. »Ein Missverständnis. Ja, natürlich, das muss es gewesen sein. Aber mein Captain – geht es Captain Elliot gut?«

»Es geht ihr gut.« Er entdeckte sein Hemd, das noch im Spind hing, und griff danach. Ein stechender Schmerz schoss ihm durch die Schulter. Er beachtete ihn nicht. »Sie wollte sich wohl … wie sagte sie? … einen eisgekühlten Gin genehmigen.«

»Ah, ja, in der Lounge. Nun, es ist nicht direkt eine Lounge. Keine richtige Schiffslounge.«

»Unter Deck?«, schlug Rhis vor, um die Flut des anscheinend endlosen Monologs im Ansatz zu stoppen.

»Unter Deck. Neben der Kapitänskajüte. Genauer gesagt, ursprünglich gehörte die Lounge auch zur Kapitänskajüte. Aber sie hat …«

»Dezi, geh einfach vor, ich folge dir.«

»Ich soll … oh, ja, selbstverständlich. Es ist ja mein Schiff. Nun, eigentlich ist es Captain Trilby Elliots Schiff. Und Sie sind der Gast. Und …« Dezi schlurfte eilig aus der Krankenstation, und seine Stimme hallte durch den leeren Korridor.

Rhis ließ ihm einen kleinen Vorsprung, dann folgte er kopfschüttelnd.

3

Trilby stützte sich mit beiden Armen auf die Arbeitsplatte, die ihre kleine Kombüse säumte, und holte ein paar Mal tief Luft. Sie wäre beinahe gestorben. Dieser verdammte Schweinehund hätte sie fast umgebracht, bloß weil er sie für irgendeine konklavenhörige Kopfgeldjägerin hielt. Wenn sie erst nicht mehr so zitterte, würde sie diese Fehleinschätzung wahrscheinlich zum Brüllen komisch finden, aber im Moment war absolut nichts daran lustig.

Zu allem Überfluss setzte sie vielleicht gerade ihren Techplat-Vertrag in den Sand. Statt das Schiff zu reparieren, verlor sie wertvolle Zeit, indem sie mit diesem Irren diskutierte.

Diesem nackten Irren. Der auf der Krankenstation seinen – zugegebenermaßen atemberaubenden – Körper gegen ihren gepresst und auch sonst wenig Zweifel an seiner Männlichkeit gelassen hatte.

Bloß gut, dass ihr keine Frotzelei über die sprichwörtliche Kanone in seiner Hose rausgerutscht war. Ein hysterisches Kichern stieg in ihr auf, aber sie schaffte es, die Kontrolle zu behalten. Zu leicht konnte sich hemmungsloses Gegacker in eine Tränenflut verwandeln. Erst recht nach der Anspannung der letzten Stunde, die ihr wieder einmal vor Augen geführt hatte, dass sie einfach strohblöd war und grundsätzlich den falschen Leuten vertraute.

Zum Beispiel Transportagenturen, die einem paradiesische Zeiten versprachen und dann die Aufträge strichen.

Oder einem Mann, von dem sie glaubte, er liebte sie. Bis er eine andere heiratete.

Oder einem Zafharier, den sie für ungefährlich hielt, und der prompt versucht hatte, sie zu töten.

Drei Chancen, drei Luschen? Sie setzte sich auf einen der zwei am Boden festgenieteten Barhocker, die die Lounge ihren Gästen zu bieten hatte. Dann zog sie die unangenehm kneifende Laserpistole aus ihrem Gürtel und legte sie auf die Tresenplatte. Gut, vielleicht nicht drei völlige Luschen. Durch den Zafharier war sie immerhin an die geborgenen ’Sko-Komponenten gekommen. Das war wirklich ein Geschenk der Götter. Vielleicht konnte sie sogar ein paar Raten für ihr Schiff abstottern. Es wäre schön, sich mal eine Weile keine Sorgen um die Gläubiger machen zu müssen.

Sie streifte den Gewehrgurt von der Schulter und lehnte die Waffe an die Kabinenwand. Dann begann sie, sich mit kreisenden Bewegungen die schmerzenden Schläfen zu massieren. Es wäre schön, sich mal eine Weile gar keine Sorgen machen zu müssen. Keine stornierten Aufträge und leeren Bankkonten. Keine kaputten Ausrüstungsteile. Keine verlogenen Dreckskerle von Exfreunden. Keine ’Sko-Piraten. Keine wild gewordenen Zafharier – die sich irgendwo auf ihrem Schiff herumtrieben und Gott weiß was anstellten, während sie hier hockte und Trübsal blies. Verdammt!

Sie fuhr hoch, wirbelte herum und prallte gegen etwas Großes, Unnachgiebiges.

Kräftige Hände packten sie mit entschiedenem Griff an den Hüften, als sie vom Hocker rutschte. Sie verlor kurz das Gleichgewicht, dann bekam sie mit einer Hand dicken, schwarzen Stoff zu fassen und landete mit der anderen auf einer breiten Schulter.

Sie zuckte zurück und ließ Vanurs Jacke los, als wäre sie glühend heiß. »Du elender pillorischer Mistkerl, was schleichst du dich von hinten an mich heran?«

»Mir war nicht bewusst, dass Sie uns nicht kommen gehört haben. Alles in Ordnung mit Ihnen?«

»Prächtig.« Erschöpft. Überarbeitet. Schreckhaft. Und ohne Frage völlig überreizt. Aber sonst prächtig. Oder wenigstens kurz davor. Ihr entflammter Zorn verglühte, als sie seinen betretenen Gesichtausdruck sah und ihr klar wurde, dass sie ihn und Dezi einfach nur nicht bemerkt hatte. Sie schaute den Droiden an, der an der Luke stand und ihr verunsichert den Werkzeuggürtel entgegenstreckte.

Energisch stemmte sie ihre gespreizten Hände vorne gegen seine Jacke und drückte. »Ich sagte, mir geht es prächtig. Sie können mich jetzt loslassen.«

Seine einzige Reaktion war ein leichtes Zusammenziehen der Augenbrauen, als betrachtete er eingehend irgendeine unbekannte Lebensform. Eine unbekannte und wunderliche Lebensform.

Hoffentlich befielen ihn nicht irgendwelche Flashbacks und er hielt sie erneut für die konklavische Schergin. Sie hatte weder die Energie noch die Geduld, das alles noch mal durchzumachen. »Lass mich los, Vanur.«

Er ließ sie so abrupt los, dass sie ins Taumeln geriet und suchend nach der Tresenkante griff. Schnell streckte er ihr die Hand entgegen. »Entschuldigung.« Er wirkte genauso durcheinander wie sie.

Sie stieß seine Hand weg. »Dezi?«

Dem Droiden schien sein Arrest unter der Regenerationsglocke nicht weiter geschadet zu haben. Er reichte ihr den Gürtel. »Soll ich mit der Kalibrierung der Sensoren fortfahren?«

Sensoren, die seit Stunden intakt hätten sein sollen. »Ja, bitte. Und verstau das hier wieder im Waffenlager.« Sie hielt ihm das Lasergewehr hin.

Guter alter Dezi. Einzig verbliebener Draht zur Zurechnungsfähigkeit. Sie schnallte sich den Gürtel um und verstaute die Pistole im Holster.

»Danke, Dez. Bitte achte unbedingt drauf, dich um 0900 für mindestens eine halbe Stunde runterzufahren. Wenn du nicht bald etwas Auszeit bekommst, kriegen wir nämlich wesentlich größere Probleme als die Reparatur des Schiffs.«

Als Dezi ging, riskierte sie einen Blick zu Vanur. Er hatte sein Hemd gefunden und zog es gerade an. Es hing offen herunter und gab seine blutunterlaufenen, übel aussehenden Verletzungen frei. »Und Sie sollte ich wohl besser zurück auf die Krankenstation verfrachten.«

»Das ist nicht nötig.« Er rollte mit den Schultermuskeln, doch sein schmallippiger Mund und die tiefen Augenringe verrieten etwas anderes. Was auch immer das Regbett an Schmerzmitteln in ihn reingepumpt hatte, sie würden nicht ewig wirken.

»Na dann, setzen Sie sich«, sie deutete auf den zweiten Barhocker. »Ich hab immer noch einen Drink nötig.«

Und bessere Kontrolle über ihre Emotionen. Es gab keinen zwingenden Grund, noch länger sauer auf ihn zu sein, gestand sie sich ein und ging hinter den Tresen. Was würde sie wohl tun, wenn sie ahnungslos aufwachte, nur um festzustellen, dass sie sich auf einem zafharischen Schiff befand?

Sie würde sicherstellen, dass sie ein Lächeln auf den Lippen und ihre Waffe entsichert in der Hand behielt.

Das mit dem Lächeln wirkte bei ihm zwar etwas verkrampft, aber er hatte ihr die Waffen zurückgegeben. Ein Pluspunkt für ihn. Doch irgendetwas an diesem Zafharier machte sie nervös. Mit seinen dunklen Augen und seinen schwarzen Haaren sah er einfach zu gut aus. Was vermutlich auch der Grund für die Arroganz war, die sie unterschwellig an ihm wahrnahm.

So wie es aussah, wimmelte der Quadrant geradezu vor gut aussehenden arroganten Männern. Kerlen wie Jagan. Gut aussehend und arrogant, aber noch dazu wohlhabend und mächtig, sodass er sich selbst für den Nabel der Welt hielt …

Sie bremste sich. Nein, Vanur war doch bloß ein gewöhnlicher Lieutenant, irgendein unbedeutender Luftakrobat. Sie öffnete eine Schrankklappe und holte einen dickbauchigen Plastik-Shaker heraus. Vanur gehörte zu der Sorte von Männern, die Befehle erhält und nicht erteilt. Trotzdem dröhnte ihr Schädel hartnäckig weiter vor sich hin, als hallte darin der Doppelschlag von zwei ungleichen Trommeln: Grantforth. Vanur. Grantforth. Vanur.

Je schneller sie nach Port Rumor kam, desto eher konnte sie sich die Entschädigung für all diesen Ärger sichern. Und diesen Kerl loswerden.

Gegen ihre Kopfschmerzen aber konnte sie schon hier und jetzt etwas unternehmen. Sie entriegelte ein weiteres Schrankfach, griff tief hinein und förderte ihre letzte Flasche Gin zutage. Als sie sich umdrehte, lehnte Rhis an der Tresenkante und spähte interessiert in das geöffnete Fach.

Zeit für Gastfreundschaft. »Mögen Sie auch etwas?«

Er kam um den Tresen herum, trat neben sie, griff über ihren Kopf hinweg in das Schrankfach und nahm eine Flasche Bagrond-Whisky heraus.

»Ich kann Ihnen auch einen Kaffee machen, falls Sie welchen wollen«, erbot sie sich. »Oder wollen Sie etwas essen?« Doch er schüttelte nur den Kopf.

»Gläser stehen hier.« Sie stießen vor dem Schrank mit den Armen aneinander. Seine Finger schlangen sich um ihr Handgelenk, als wollte er sie an sich ziehen. Einen komplett verrückten und hirnrissigen Moment lang dachte sie, er wolle sie küssen.

Sein Gesicht war über ihrem, sein anderer Arm legte sich um ihren Rücken …

Und dann schob er sie höflich zur Seite. »Ich krieg das auch alleine hin.« Er warf ihr ein kleines, leicht schiefes Lächeln zu.

Sie zog sich langsam zurück, nahm auf einem der beiden Barhocker Platz und schraubte den Deckel der Ginflasche ab.

Er goss sich einen kleinen Schluck Whisky ein, verschloss die Flasche wieder und stellte sie ins Fach zurück.

Unfassbar, ein Mann, der hinter sich aufräumte!

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