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Sterne über Schottland

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. TEIL 1 - EVAS VERMÄCHTNIS
  5. Kapitel 1
  6. Kapitel 2
  7. Kapitel 3
  8. Kapitel 4
  9. Kapitel 5
  10. Kapitel 6
  11. Kapitel 7
  1. TEIL 2 - DIE PERFEKTE BRAUT
  2. Kapitel 8
  3. Kapitel 9
  4. Kapitel 10
  5. Kapitel 11
  6. Kapitel 12
  7. Kapitel 13
  1. TEIL 3 - FELDER DES SCHICKSALS
  2. Kapitel 14
  3. Kapitel 15
  4. Kapitel 16
  5. Kapitel 17
  1. TEIL 4 - EIN GEBROCHENES VERSPRECHEN
  2. Kapitel 18
  3. Kapitel 19
  4. Kapitel 20
  5. Kapitel 21
  6. Kapitel 22
  7. Kapitel 23
  8. Kapitel 24
  9. Kapitel 25
  10. Kapitel 26
  11. Kapitel 27
  12. Kapitel 28
  13. Kapitel 29
  1. Über die Autorin

Kapitel 1

Es war seit Langem Tradition in der Familie Templeton, dass Ehen unter der Eiche arrangiert wurden, die den Rasen vor dem Haus beschattete. Unter ihren belaubten Ästen hatte Großvater Großmutter gebeten, seine Frau zu werden. Dreißig Jahre später, nach Großmutters Dahinscheiden, hatte er abermals das Knie gebeugt, ächzend und stöhnend, wie Nicola vermutete, und mit knarrenden Gelenken. Er hatte einer steifen Witwe einen Antrag gemacht, die anstelle jugendlicher Leidenschaft fast zweihundertfünfzig Hektar erstklassiges Weideland in die Verbindung einbrachte, außerdem ein Pachteinkommen von jährlich fast sechshundert Pfund.

Im selben Jahr, 1752, hatte Nicolas Vater, John James Templeton, die junge Miss Morrison eingeladen, mit ihm in den heiligen Stand der Ehe zu treten und das Band der Liebe dadurch zu besiegeln, dass sie ihren Vater überredete, die sieben Bauernhöfe und dreihundertzwanzig Hektar unbebautes Land Craigiehall zu überschreiben. Nur widerstrebend hatte Daddy Morrison diesen Bedingungen zugestimmt. Und soweit Nicola erkennen konnte, war das alles, was die Ehe den Templetons jemals bedeutet hatte - eine Maßnahme zum Erwerb von Land.

Sie ahnte dennoch überhaupt nichts Böses, als an einem schönen Frühlingsmorgen die Kutsche von Sir Charles de Morville in der Einfahrt vorfuhr und Papa in einer neuen, gestreiften Weste und seinem allerbesten Mantel hinauseilte, um den Gentleman zu begrüßen. Er geleitete ihn in den Salon im Erdgeschoss, wo sie fast eine Stunde blieben.

Auch eine üppige Mahlzeit um ein Uhr und - sie hatte das Mahl noch kaum verdaut - ein früher Tee waren für Nicola kein Grund, sich richtig Sorgen zu machen, denn Sir Charles und ihr Vater, Lord Craigiehall, plauderten über Landwirtschaft und Politik, ohne die Ehe auch nur ein einziges Mal zu erwähnen. Erst als Papa mit einem seltsam schelmischen kleinen Lächeln vorschlug, sie solle Sir Charles die uralte Eiche zeigen, an der so viele Geschäfte geschlossen worden waren, dämmerte ihr, dass sie gerade verschachert worden war.

Nicola verbarg ihr Entsetzen und machte sich mit Sir Charles auf den Weg, gefolgt von ihrer Zofe Molly, Sir Charles' Kammerdiener Lassiter und de Morvilles Kutsche, die im Beerdigungstempo die Zufahrt entlangkroch. Vermutlich für den Fall, dachte Nicola, dass ein Gefühlsüberschwang es dem ältlichen Sir Charles unmöglich machte, die kurze Strecke zurück zum Haus zu Fuß zu gehen.

Trotz seiner erhabenen Position als Richter am höchsten Gericht in Schottland und als einer der wichtigsten Grundbesitzer von Ayrshire hatte ihr Vater nicht viel für Besuch übrig. Er veranstaltete gelegentlich während der Gerichtssaison in Edinburgh kleine Dinnerpartys und genoss die Gastfreundschaft der Begüterten, wenn er in seiner Eigenschaft als Richter durchs Land reiste, doch in der Regel zog er es vor, nicht mit seinen Nachbarn zu speisen.

Sir Charles war kein ständiger Besucher Craigiehalls gewesen. Es war keine reguläre Werbung erfolgt, es waren keine billets doux ausgetauscht worden, und es hatte seinerseits definitiv nicht den Hauch einer Indiskretion gegeben. Er war ein Gentleman der alten Schule - der sehr alten Schule -, der fest daran glaubte, dass das Geturtel zwischen Verliebten erheblich weniger von Bedeutung war als ein richtiger Ehevertrag.

Nicola nahm an, dass einem Mann, der zwei Ehefrauen begraben, drei Söhne gezeugt und überdies Enkelkinder hatte, die beinahe so alt waren wie sie selbst, nicht leicht Worte der Liebe über die Lippen gingen. Seine Konversation war vage und stockend, im Gegensatz übrigens zu der beinahe brutalen Direktheit von Grant Peters, dem Ehemann ihrer Schwester. Grant hatte alle Versuche Papas vereitelt, seiner stürmischen Werbung um Charlotte ein Ende zu bereiten, indem er das Wort »Liebe« mit einer Vehemenz heraufbeschwor, die Anwälte im Allgemeinen nur dann zeigten, wenn sie ein Plädoyer im Zusammenhang mit einem Kapitalverbrechen hielten.

Sie an Charlottes Stelle hätte vielleicht auch alles für Grant Peters aufgegeben, denn er war stattlich und gut aussehend, hatte kohlschwarze Augen, die einen binnen einer Sekunde taxierten, und einen Schopf dunklen, gewellten Haares, den keine Perücke angemessen im Zaum halten konnte. Er hatte Charlotte im Schutz der Dunkelheit eilends zu der Verehelichungseiche geführt und die entscheidende Frage mit solch rhetorischer Inbrunst gestellt, dass Charlotte nicht recht gewusst hatte, ob sie Ja oder Nein sagen sollte, und lediglich ein Nicken zustande brachte, was dem ungeduldigen jungen Anwalt als Zustimmung anscheinend völlig ausgereicht hatte.

Drei Wochen später waren sie mit einem Minimum an Aufwand in der verfallenen kleinen Kirche in Kirkton vermählt worden und sofort nach Edinburgh zurückgekehrt. Papa hatte sich halsstarrig geweigert, an der Hochzeitsfeier teilzunehmen, und hatte jetzt seit fast einem Jahr kein einziges Wort mehr mit Charlotte gewechselt. Grant Peters sprach er nur an, wenn die Belange des Gerichtshofes es erforderten.

»Nicola - darf ich Sie Nicola nennen?«, erkundigte Sir Charles sich.

»Nun, selbstverständlich«, antwortete Nicola höflich.

»Ich möchte nicht zu … äh … aufdringlich erscheinen, aber mir läuft die Zeit davon.« Ihr war bereits aufgefallen, dass Sir Charles selten lateinische Autoren zitierte und niemals französische Phrasen in die Konversation einfließen ließ, wie es die Freunde ihres Vaters aus Edinburgh taten. »Miss Templeton - Nicola -, ich fühle mich verpflichtet zu erklären, dass Sie … dass Sie heute Abend besonders hinreißend aussehen.«

»Hinreißend?«, wiederholte Nicola. »Wirklich?«

»Voller … voller Saft und Kraft.«

»Saft? Ah, ja«, sagte Nicola. »Nun, ich danke Ihnen, Sir Charles.«

»Charles - Charles wird genügen. Im Lichte dessen, was zwischen uns ist, sind Sie nicht verpflichtet, mich mit meinem Titel anzusprechen.«

»Was zwischen uns ist?«, fragte Nicola. »Was ist denn zwischen uns, Sir?«

»Oh, nichts Unschickliches, das versichere ich Ihnen. War ich zu anmaßend?«

Sir Charles de Morville mochte zwar der wohlhabendste Mann in Nord-Ayrshire sein, aber seine Kniehosen aus Ziegenleder konnten seine knochigen Knie nicht recht bedecken, und selbst die größten Bemühungen seines Schneiders vermochten den schwabbeligen kleinen Schmerbauch nicht zu verbergen.

Nicola hätte ihn lieber gemocht, wäre er ein barscher Handwerker auf der Suche nach einer jungen Ehefrau gewesen, die ihm das Bett wärmte, oder sogar ein verhutzelter Lebemann aus Edinburgh, der es auf eine wohlhabende Braut abgesehen hatte, damit er seine Schulden bezahlen konnte. Wie die Dinge lagen, schien Sir Charles kein Interesse an ihren Tugenden zu haben, und die Aussicht, mit dem reservierten alten Herrn zusammenzuleben, der geistig nicht mehr so recht auf der Höhe war oder es zumindest bald nicht mehr sein würde, erfüllte sie mit Abscheu.

Sie blieb wie angewurzelt stehen und schaute zu Molly hinüber, die hilflos beide Hände hob. Lassiter, der Kammerdiener, verharrte ebenfalls im Schritt, und die Kutsche hielt knarrend an.

»Was gibt es denn, meine Liebe?«, fragte Sir Charles. »Ich darf doch davon ausgehen, dass ich nichts gesagt habe, was Sie beleidigt hätte?«

»Nein«, antwortete Nicola, »aber ich fürchte, Sie stehen im Begriff, dies zu tun.«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich meine, dass ich nicht die Absicht habe, Sie zu heiraten, ganz gleich, welche Vereinbarungen Sie mit meinem Vater getroffen haben mögen.«

»Ich habe Sie nicht gebeten, mich zu heiraten.«

»Liegt es nicht in Ihrer Absicht, mir einen Antrag zu machen, sobald wir an der Eiche eingetroffen sind?«

»Nun … nun, ja. Ich denke, so ist es.«

»Nein«, fuhr sie auf. »Nein, nein, nein.«

»Lord Craigiehall, Ihr Vater, hat mir versichert …«

»Er mag Ihnen versichern, was immer er möchte, Sir; ich werde Sie nicht heiraten«, erklärte Nicola, »nicht einmal, um meinem Vater zu gefallen.«

Ihre Mutter war direkt nach Nicolas Geburt gestorben, und einige Jahre später war ihr Bruder Jamie von der Schwindsucht befallen worden. Sie hatte aus ihm einen dürren Knaben mit langem Hals und hohen Schultern gemacht, und er hatte mehr aus Erschöpfung denn aus irgendwelchen anderen Gründen die Welt im Alter von zwölf Jahren mit einem Seufzer der Erleichterung verlassen. Dann war Charlotte im vergangenen Sommer gewissermaßen mit Grant Peters durchgebrannt und hatte es Nicola überlassen, Papas Hoffnungen für die Zukunft Craigiehalls zu erfüllen, die anscheinend eine Verehelichung mit seinem hochbetagten Nachbarn einschloss.

»Ah, ja«, erwiderte Sir Charles nickend. »Ich habe Ihrem Vater gesagt, dass es besser sei abzuwarten, bis Sie im Laufe der Zeit die nötige Reife erlangt hätten.«

»Die nötige Reife? Ich bin kein Apfel, den man pflückt«, entgegnete Nicola. »Ich bin durchaus alt genug, um selbst zu wissen, was ich will, Sir. Was immer mein Vater Sie hat glauben machen, ich werde Sie nicht heiraten, nur damit Craigiehall einen Erben bekommt.«

»Einen Erben?« Sir Charles drückte eine Hand auf die Brust, wobei seine kurz geschnittenen Nägel rosa im Abendlicht leuchteten. »Von einem Erben war nicht die Rede. Die Zeugung eines Erben könnte vielleicht nicht … ich meine, ich bin kein junger Mann mehr, Nicola, und die Natur …« Er machte Anstalten, sie am Ärmel zu berühren, doch sie wich zurück. »Ich werde kein … ähm … anspruchsvoller Ehemann sein, das versichere ich Ihnen.«

»Lieben Sie mich nicht?«

»Zweifellos werde ich lernen, es zu tun«, erwiderte er. »Tatsache ist, dass mir nur noch wenige Jahre auf dieser Erde bleiben und ich eine Ehefrau brauche, die mich beschützt.«

»Sie beschützt?«

»Vor dem ewigen Gezänk meiner Söhne.«

»Soll die Rolle der Vermittlerin meine einzige sein, Sir?«

»Sie werden gut versorgt sein.«

»Ich bin bereits gut genug versorgt«, wandte Nicola ein. »Was hat mein Vater Ihnen versprochen? Und was wird er als Gegenleistung erhalten?«

»Das, meine Liebe«, sagte Sir Charles, »braucht Ihre Sorge nicht zu sein.«

»Ich verstehe«, antwortete Nicola. »Ich soll Ihre Frau werden, um Sie vor Ihren Söhnen zu beschützen, werde aber nichts von Wert als Gegenleistung erhalten?«

»Abbaurechte«, gestand Sir Charles widerstrebend.

»Ich bezweifle nicht, dass mein Vater liebend gern Kohle auf Ihrem Land fördern würde, doch er benötigt auch einen passenden Erben für Craigiehall«, erklärte Nicola, »und er wird darauf bestehen, dass er von Ihnen einen Erben bekommt.«

»Das könnte in der Praxis unter Umständen nicht möglich sein.«

»So ein Unsinn!« Nicola hatte keine Erfahrung mit Liebe oder Werbung, aber sie war auf dem Land groß geworden und durchaus vertraut mit den Tatsachen des Lebens. »Es wird möglich sein, Sir Charles. Ich werde dafür sorgen, dass es möglich ist.«

»Das ist eine überaus unziemliche Bemerkung für eine junge Frau, Miss Templeton. Ich glaube allmählich, dass Sie nicht die unschuldige Blume sind, die Ihr Vater in Ihnen sieht, und in der Tat vielleicht doch keine passende Gefährtin abgeben.«

»Gefährtin, Sir Charles?«

»Ehefrau. Ich meine, Ehefrau.«

»Ich bedauere, dass ich es ablehnen muss, entweder Ihre Gefährtin oder Ihre Ehefrau zu werden.«

»Weisen Sie meinen Antrag zurück, Miss Templeton?«

»Allerdings, Sir. Allerdings«, antwortete Nicola.

»Wollen Sie die Angelegenheit nicht genauer überdenken? Darüber reden, mit …«

»Mit meinem Vater?«, fragte Nicola. »Nein, Sir Charles. Meinetwegen kann mein Vater ins Wasser gehen und Sie von mir aus gleich mitnehmen.«

Schockiert taumelte er zurück, zupfte ein Taschentuch aus der Tasche seines Mantels und hielt es sich an die Lippen. Seine Augen verdüsterten sich, und eine seltsame Röte stieg ihm in die Wangen, als hätte ihre Entschiedenheit endlich seine Leidenschaft entfacht.

»Ist das Ihr letztes Wort in der Angelegenheit, Miss Templeton?«

»Das ist es, Sir Charles. Das ist es.«

»Lassiter«, rief er, »hole die Kutsche!«

Es musste ihren Vater beträchtliche Willenskraft gekostet haben, dachte Nicola, nicht zur Tür herausgestürzt zu kommen, als Sir Charles' Kutsche klappernd zur Straße von Ayr gerollt war. Er saß wie ein Fels im Salon, in einem Sessel mit vergoldetem Rahmen, die langen Beine übereinandergeschlagen, das hagere, glatt rasierte Kinn hochgereckt, einen solchen Ausdruck der Strenge auf dem Gesicht, dass ihr nicht zum ersten Mal klar wurde, warum ihn nicht nur Straftäter, sondern auch Gerichtshelfer und Anwälte fürchteten.

»Nun, Mädchen«, begann er, »wo ist er hingefahren?«

»Nach Hause, nehme ich an«, antwortete Nicola.

Hugh Littlejohn, der Aufseher ihres Vaters, und Robertson, sein Kammerdiener, lungerten in der Dunkelheit der Halle herum und zogen auf das Zeichen des Hausherrn hastig die Salontüren zu.

Nicolas Lippen waren trocken, ihr Hals wie ausgedörrt, aber sie unterdrückte ihren Ärger, strich ihre Röcke glatt, nahm auf einem Kanapee in Schwarz und Gold Platz und lehnte sich in die Kissen, als hätten die Ereignisse des Nachmittags sie lediglich gelangweilt.

»Was ist zwischen euch vorgefallen?«, erkundigte sich ihr Vater.

»Ich glaube, du weißt, was zwischen uns vorgefallen ist. Er hat mich gebeten, seine Frau zu werden, und ich habe ihn abgewiesen.«

»Du hast ihn abgewiesen?«, sagte ihr Vater. »Darf ich fragen, warum?«

»Ich verspüre nicht den Wunsch, die Ehefrau eines Mannes zu werden, der mit einem Fuß im Grab steht«, erklärte Nicola. »Ich werde mich nicht einfach im Dienste deiner Interessen verkaufen lassen.«

»Ich darf doch davon ausgehen, dass du nicht beabsichtigst, dem Beispiel deiner Schwester zu folgen und einen mittellosen Emporkömmling zu ehelichen?«

»Grant Peters ist weder ein Emporkömmling, noch ist er mittellos.«

»Peters ist bloß ein selbstsüchtiger Anwalt ohne Rang und Namen. Er wird es zu nichts bringen«, erwiderte ihr Vater. »Vor allem wird er, wenn ich tot bin, nicht einen einzigen Hektar von mir bekommen.« Er beugte sich vor und hob das Kinn, wie bei einer Urteilsverkündung. »Er ist klug genug, wenn es darum geht, Gesetze anzuwenden, das gestehe ich ihm zu, und ich bezweifle nicht, dass er all die Verordnungen und obskuren feudalen Gesetze beherrscht, die ihn in die Lage versetzen werden, Anspruch auf Craigiehall zu erheben.«

»Ich möchte nicht Teil deiner Pläne zur Vergrößerung Craigiehalls sein«, sagte Nicola.

»Wenn du mit meiner Zustimmung heiraten willst, Nicola, wirst du Craigiehall an deine Kinder weitergeben können; dann wirst du mir vielleicht noch dafür danken, dass ich dich vor einem drohenden gewaltigen Gerangel um das Erbe bewahre.«

»Ich bin nicht in der Stimmung, mir Vorträge über die Erbschaftsgesetze anzuhören«, bemerkte Nicola.

»Vielleicht nicht«, sagte ihr Vater. »Es ist jedoch keinem Sterblichen gegeben, seine Zeit auf Erden selbst zu bestimmen; diese Entscheidung liegt allein bei Gott. Glaube mir, wenn ich plötzlich und unerwartet sterbe, dann wird Peters dir nicht einmal das Hemd am Leibe lassen.«

Wie Grant Peters Papas spießige Clique eigentlich unterwandert hatte, war nach wie vor ein gewisses Rätsel. Er war einfach an einem kühlen Winternachmittag nach dem Gottesdienst in St. Giles im Schlepptau von Mr. Arbuthnot, dem Buchhändler, aufgetaucht. Er hatte abgewetztes schwarzes Gabardine getragen, wie ein Almosenempfänger, und somit keine offenkundige Bedrohung dargestellt, einmal davon abgesehen, dass er jung war und überheblicher, als es sein Rang und die Umstände gerechtfertigt hätten. Er hatte Charlotte brieflich umworben und später auch direkt auf Craigiehall, wenn Papa in seiner Funktion als Richter auf Rundreise gegangen war. Er hatte ihr einen Antrag gemacht, bevor Papa zurückgekehrt war und es hätte verhindern können.

»Warum hasst du Grant Peters so sehr?«

»Weil er ein Emporkömmling ist, der meine Gastfreundschaft ausgenutzt hat, um sich bei deiner Schwester einzuschmeicheln. Ich hatte gehofft, dass Charlotte Arthur oder möglicherweise William de Morville heiraten würde, aber sie waren zu ungeduldig und wollten nicht warten, bis sie erwachsen war. Morgen«, fügte ihr Vater hinzu, »werden wir zu de Morville hinüberfahren und den Schaden wiedergutmachen. Ich bin mir sicher, dass Sir Charles dir geneigter sein wird, wenn du dich für deine Impulsivität entschuldigst. Er hat nämlich eine sehr hohe Meinung von dir.«

»Er hat praktisch überhaupt keine Meinung von mir«, wandte Nicola ein. »Er hat eine sehr hohe Meinung von dir, Papa, und ist dir genauso hörig wie alle anderen. Warum bietest du nicht an, die Abbaurechte zu pachten, wenn du sie so unbedingt haben willst? Die nackte Tatsache ist, dass du einen solchen Groll gegen Grant Peters hegst, dass du alles tun wirst, damit er Craigiehall nicht in die Hände bekommt.«

»Habe ich nicht gerade genau das gesagt?«

»Alles - du würdest mich dafür sogar mit einem klapprigen Greis verheiraten. Nun, Papa, ich werde vor diesem abscheulichen alten Burschen nicht kriechen, weder morgen noch an irgendeinem anderen Tag.«

»Du wirst tun, was ich sage, Nicola.«

»Nein, das werde ich nicht. Ich bin achtzehn Jahre alt und durchaus imstande, selbst die Verantwortung für mein Leben und mein Schicksal zu übernehmen.«

»Wie willst du deinen Lebensunterhalt bestreiten?«, fragte ihr Vater. »Töchter von Gentlemen sind nicht dazu erzogen, für sich selbst zu sorgen. Man erwartet von ihnen, dass sie vernünftige Ehen eingehen.«

»Gewiss würdest du mich nicht hungern lassen?«

»Der Buchstabe des Gesetzes verpflichtet mich, für dein Wohlergehen zu sorgen, bis du einen Ehemann nimmst«, sagte ihr Vater. »Hungern ist kein Thema.«

Plötzlich erhob er sich, eine hoch aufragende Gestalt im Licht, das durch das Fenster hereinfiel. Er hatte sie oder Charlotte nie geschlagen, obwohl er einmal vor vielen Jahren bei Jamie den Rohrstock benutzt hatte, um ihm eine Lektion zu erteilen, deren Moral schon lange in Vergessenheit geraten war.

Mit seinen sechzig Jahren wirkte er nicht alt. Seine Bewegungen waren nicht steif, und trotz tausend auf der Richterbank verbrachter Stunden war sein Rückgrat gerade geblieben. Er schloss die Hände hinter dem Rücken und schob sie unter seinen Rockschoß.

»In Wahrheit bin ich nicht so wohlhabend, wie du dir vielleicht vorstellst«, sagte er. »Es hat seinen Tribut gefordert, dass ich zwischen der Verwaltung meines Gutes und einer Karriere in der Juristerei das Gleichgewicht halten musste. Ich mag Richter beider Roben sein, der schottischen wie der englischen, und einen Ehrentitel haben, doch meine Finanzen sind nicht so solide, wie sie es sein sollten.«

»Sind wir arm, Vater?«, fragte Nicola mit einem Anflug von Spott.

»Arm? Nein, das wohl kaum; nicht bitterarm zumindest. Doch da Jamie von uns gegangen ist und Charlotte sich außerhalb meiner Reichweite befindet, obliegt es dir, Craigiehall eine Zukunft zu sichern, indem du eine anständige Ehe eingehst.«

»Dann such mir einen anständigen Ehemann, einen besseren, jüngeren Ehemann als de Morville!«

»Leichter gesagt als getan. Die Welt ist voller selbstsüchtiger junger Schurken, Nicola, die keinen Penny ihr Eigen nennen können und keine Aussichten haben, die der Rede wert wären. Ich habe mich sehr ins Zeug gelegt, um Sir Charles de Morvilles Interesse zu ermutigen. Was immer du denken magst, er ist in vielerlei Hinsicht der ideale Ehemann für dich.«

Er beugte sich zu ihr vor, und sie sah die Unterseite seines Kinns, seine dünnen Lippen und diese eindrucksvolle Stirn schräg von unten, genau wie damals, als sie noch klein gewesen war und er ins Kinderzimmer geschlüpft kam, um Charlotte und ihr eine gute Nacht zu wünschen. Er hatte recht furchterregend gewirkt im Licht der Kerze, und sie hatte sich oft gewünscht, er sei ein gewöhnlicherer Mann, wie Mr. Trench, der Pächter des Kirkton-Hofs, zum Beispiel. Der war rotwangig und fröhlich und nahm Nanny Airds Zorn in Kauf, wenn er sie nur zum Spaß hochhob und herumwirbelte. Oder wie Mr. Feldspar, der Schuster aus Kilmarnock, der mit einem Karren voller Stiefel und Schuhe die Grafschaft bereiste und stets ein freundliches Wort und ein Karamellbonbon für Charlotte und sie übrig gehabt hatte, obwohl er an Craigiehalls Küchentür nur wenige Aufträge erhielt.

»In vielerlei Hinsicht?«, wiederholte Nicola. »Was denn, zum Beispiel?«

»Aller Voraussicht nach«, erwiderte ihr Vater, »wird Charles de Morville in Bälde gerufen werden, seine Schuld der Natur gegenüber zu begleichen.«

»Seine Schuld der Natur gegenüber?«, fragte Nicola. »Wie meinst du das?«

»Ich meine«, erklärte ihr Vater, »dass er binnen eines oder zweier Jahre sterben wird.«

»Um mehr geht es hier nicht?«, rief Nicola. »Du wünschst, dass ich de Morville heirate, damit ich seine Witwe werden kann? Papa, das ist ein unanständiger Vorschlag.«

»Der Vorschlag ist nicht im Mindesten unanständig. Wenn du Sir Charles heiratest, bekommst du deinen Anteil an seinen Ländereien, die du nach Belieben verwalten kannst. Du hast das Recht, deinen eigenen Verwalter zu ernennen, deine eigene Pacht zu beziehen, und du bist ziemlich unabhängig von de Morvilles Söhnen. Mit einem Wort: Was du bekommen hast, wirst du behalten. Dann magst du einen Mann deiner Wahl heiraten, denn einer wohlhabenden jungen Witwe wird es niemals an geeigneten Verehrern mangeln.«

»Und Craigiehall?«

»Craigiehall ist gerettet und größer geworden.«

»Vergrößert durch mein Opfer, meinst du?«

»Ich bitte dich, welche Fehler er auch haben mag, de Morville ist kaum ein Hottentotte. Er wird dich mit Respekt behandeln und dir jede Laune erfüllen.«

»Aber wird er das Anständige tun und sterben?«, rief Nicola aus. »Hast du im Ehevertrag ein Datum festgelegt, zu dem er höflicherweise den Geist aufgeben wird?« Sie stemmte die Hände gegen die Brust ihres Vaters und stieß ihn weg. »Was ist, wenn de Morville nicht das Zeitliche segnet? Was, wenn er inkontinent wird und daran nicht stirbt? Soll ich ihn pflegen? Soll ich jede Nacht bei ihm liegen und ihn mit der Wärme meines Körpers am Leben erhalten, wie Sulamith es für König David getan hat?«

»Du hast zu viel Fantasie, Nicola.«

»Ich habe zu viel Gewissen, meinst du«, fuhr Nicola auf.

»Er ist zweiundsiebzig Jahre alt.«

»Und ich bin achtzehn. Gütiger Himmel, Papa, bedeute ich dir denn gar nichts?«, fragte Nicola und fügte hinzu, bevor sie in Tränen ausbrechen konnte: »Ich werde jetzt auf mein Zimmer gehen.«

»Wir werden um halb acht zu Abend speisen und ausführlicher über dieses Thema reden.«

»Ich habe keinen Hunger. Ich gehe zu Bett.«

»Nicola!«

»Gute Nacht, Sir.«

»Nicola!«, sagte er noch einmal.

Aber Nicola war bereits gegangen.

Das Licht der sinkenden Sonne spiegelte sich in dem schräg hängenden Wandspiegel, ein trauriger kleiner Regenbogen, gefangen in dem verdunkelten Raum. Das Himmelbett, das sie einst mit Charlotte geteilt hatte, erschien ihr riesig, und jetzt, ohne die vielen Kisten und Kästen ihrer Schwester, wirkte der Raum selbst deprimierend leer. Nicola löste ihre Bänder, schleuderte die Schuhe von den Füßen, warf sich aufs Bett und begrub das Gesicht im Kissen.

Bis jetzt waren ihre Träume von Brautnächten nicht um die Pflichten gekreist, die ein Ehemann von ihr verlangen würde und denen sie nachkommen müsste, sondern um eine Liebe, die eher dem Märchen entsprang als einem Gutshof. Sie hatte Angst, dass Papa sie irgendwie doch dazu bringen würde, Charles de Morville zu heiraten, und sei es auch nur, um Craigiehall für Kinder zu retten, die noch nicht empfangen worden waren und die, wenn man Sir Charles Glauben schenken durfte, vielleicht überhaupt nie empfangen werden würden.

Molly schlüpfte ins Zimmer. Sie war sechs Jahre älter als Nicola und hatte zuerst in der Spülküche gedient und dann als Hausmagd. Nach Nanny Airds Tod hatte man ihr die Sorge für Charlotte und Nicola übertragen. Sie war eine rundliche, rothaarige Frau, deren einfältiges Äußeres einen scharfen Verstand verbarg.

Sie tappte zum Bett, setzte sich auf die Decke und wischte Nicolas Tränen mit einem nicht allzu sauberen Taschentuch fort.

»Was soll ich tun, Molly? Was kann ich tun?«, schluchzte Nicola. »Morgen oder übermorgen wird Papa darauf bestehen, dass wir Sir Charles einen Besuch abstatten, er wird mich zwingen, mich zu entschuldigen, und … und … es wird alles von vorn anfangen.«

»Aye«, sagte Molly, »aber diesmal werden Sie darauf vorbereitet sein.«

»Tratschen die Dienstboten? Halten sie mich für eine Närrin?«

»Es zählt kein Jota, was die Dienstboten denken«, versicherte Molly ihr. »Jetzt zählt nur, was Sie tun wollen.«

»Du meinst, was Papa will, das ich tue.«

»Sie haben den komischen Kauz einmal abgewiesen, Sie können ihn erneut abweisen.«

»Ich kann ihn nicht weiter abweisen, wenn Papa ein Nein als Antwort nicht gelten lässt.«

»Sir Charles wird bald genug davon haben«, meinte Molly. »Er war von Anfang an nicht allzu scharf darauf. Er hält Sie für zu jung, und er hat Angst, dass er sich Ihretwegen völlig verausgabt.«

Nicola richtete sich auf. »Hat Mr. Lassiter das gesagt?«

»Mr. Lassiter ist viel zu großartig, um mit meinesgleichen zu schwatzen«, erwiderte Molly. »Aber wie ich Ihren Vater kenne, lässt er in der Sache nicht locker. Das Abkommen soll unter Dach und Fach sein, bevor er für die Sommersaison nach Edinburgh fährt.«

»Vielleicht wird er einen anderen Verehrer finden, jemanden, der jünger und reizvoller ist als Charles de Morville. Ich bin nicht unattraktiv, Molly, oder?«

»Sie sind weit davon entfernt, Miss«, versicherte die Zofe. »Doch Seine Lordschaft wird Sie vermutlich in Craigiehall zurücklassen. Er macht sich Sorgen, dass ein Emporkömmling wie Mr. Peters Ihnen den Kopf verdreht und mit Ihnen durchbrennt.«

»Mr. Peters ist kein Emporkömmling; er ist ein angesehener Rechtsanwalt.«

»Kann sein«, antwortete Molly, »aber er ist kein Sir Charles de Morville.«

»Warum hat mein Vater ein solches Interesse an den de Morvilles? Sir Charles mag selbst nach unseren Maßstäben wohlhabend sein, doch er ist nur ein muffiger alter Bauer mit so viel Land, dass er gar nichts mehr damit anzufangen weiß«, sagte Nicola. »Ich habe sämtliche Geschichten über die Morville-Jungen und ihre törichten Zänkereien gehört. Warum Sir Charles sich einbildet, dass eine Vermählung mit mir seine Familie einen wird, ist mir ein Rätsel. Ich nehme an, mein Vater hat ihm das eingeredet und ihn mit juristischen Fachausdrücken irre gemacht. Ich habe Papas Ränke satt, ich habe es satt, in Craigiehall wie in einem Gefängnis eingesperrt zu sein.«

»Dann gehen Sie nach Edinburgh«, meinte Molly. »Da Sie jetzt achtzehn sind, kann Ihr Vater Ihnen nicht mehr die Soldaten hinterherschicken, die Sie zurückholen sollen. Mr. Peters wird Sie aufnehmen, bis sich die Wogen etwas geglättet haben. Es wäre eine prächtige Rache dafür, wie Ihr Vater Mr. Peters behandelt hat, wenn er Ihnen ein oder zwei Wochen lang ein Dach überm Kopf geben würde.«

»Ich kann nicht ohne Papas Erlaubnis fortgehen.«

»Hätte Charlotte auf die Erlaubnis Seiner Lordschaft gewartet, säße sie noch immer hier in Craigiehall oder - noch schlimmer - wäre mit dem alten Sir Charles verheiratet. Wenn Ihr Papa begreift, dass er einen Fehler gemacht hat, wird er Ihnen die Hand zur Versöhnung reichen, Sie werden schon sehen.«

Nicola überlegte einen Moment lang. »Ich werde morgen an Charlotte schreiben.«

»Ich an Ihrer Stelle, Miss Nicola, würde mir den Brief sparen.«

»Wenn du an meiner Stelle wärst, Molly«, sagte Nicola, »was würdest du dann tun?«

»Packen und nach Edinburgh aufbrechen, bevor Seine Lordschaft Sie daran hindern kann.«

»Aber ich habe kein Geld, ich besitze keinen einzigen Penny.«

»Ich habe genug für zwei Plätze in der Expresskutsche gespart«, erwiderte Molly.

»Ich könnte unmöglich Geld von dir nehmen, Molly.«

»Geben Sie es mir zurück, wenn wir dort sind.«

»Woher sollte ich das Geld denn nehmen?«

»Mr. Peters wird sich darum kümmern«, erwiderte Molly. »Also, was soll es sein, Miss Nicola? Edinburgh - oder eine weitere Begegnung mit Sir Charles?«

»Edinburgh«, sagte Nicola. »Selbst wenn es sich als das Geringere von zwei Übeln erweist. Ja, Edinburgh, gleich morgen früh.«

Charlotte war überrascht und nicht so ganz erfreut, als sie um halb fünf an einem verregneten Donnerstagnachmittag Nicola und Molly draußen auf dem Treppenabsatz vor sich sah.

Sie hatte gerade zwei Damen von der Wohltätigkeitsstiftung von St. Andrews zu Gast gehabt, die sie mit ihren ermüdenden Tiraden an den Rand vollkommener Apathie gebracht hatten. Außerdem hatte die Einnahme des Tees zu einer derart unzeitigen Stunde ihr die Trostlosigkeit ihres Lebens in den oberen Etagen des gewaltigen Mietshauses am Lawnmarket vor Augen geführt. Graddan's Court war ursprünglich erbaut worden, damit die Stadtverordneten von Edinburgh ein wenig zusätzlichen Raum zum Atmen erhielten, aber nachdem es die wohlhabenderen Familien an die New Town auf der anderen Seite des North Loch verloren hatte, war es zum Quartier für jene geworden, die von den oberen Sprossen der Gesellschaft abgerutscht waren, sowie für jene, die wie der junge Grant Peters beabsichtigten, es in der Welt zu etwas zu bringen.

Charlotte hatte ein Hausmädchen und eine Köchin, und ihr Los im Leben war nicht hart, obwohl sie sich ab und zu einsam fühlte, denn Grant arbeitete viele Stunden am Tag, damit der Geldstrom nicht versiegte, und er hatte keinen großen Freundeskreis. Papa unterhielt ein geräumiges Stadthaus in Crowell's Close oben an den Customhouse Steps, nur einen Katzensprung entfernt, aber seit dem Tag ihrer Vermählung hatte er sich geweigert, sich mit Charlotte in Verbindung zu setzen, geschweige denn, sie zu besuchen.

»Mein liebstes Mädchen«, sagte Charlotte, »was für eine wunderbare Überraschung! Aber sieh mal, du bist ja ganz durchnässt. Seid ihr mit der Postkutsche gereist?«

»Mit dem Flyer«, antwortete Nicola. »Er hat kaum acht Stunden gebraucht.«

Charlotte geleitete sie in die Diele. »Ist Papa bei euch?«

»Nein«, sagte Nicola. »Papa und ich hatten einen schrecklichen Streit, und ich bin weggelaufen. Darf ich für ein Weilchen bei dir wohnen - wenn es dir nicht lästig ist?«

»Natürlich ist es mir nicht lästig«, entgegnete Charlotte. »Ich nehme an, Papa weiß, wo du bist?«

»Ich habe Littlejohn einen Brief übergeben.«

»Hat Littlejohn nicht versucht, dich aufzuhalten?«, fragte Charlotte.

»Im Gegenteil. Er hat unser Gepäck ans Ende der Straße bringen lassen.«

»Wo ist euer Gepäck jetzt?«

»In Mannering's Hotel in der New Town, an der Endstation des Flyer«, antwortete Nicola. »Wir sind von dort aus über die Brücke gegangen.«

»Bist du nicht auf die Idee gekommen, einen Träger zu mieten?«

»Für einen Träger hatte ich nicht genügend Geld«, sagte Nicola. »Die Mittel für die Kutsche musste ich mir von Molly borgen.«

»Oh!«, murmelte Charlotte. »Du bist wirklich weggelaufen, nicht wahr? Keine Bange. Grant wird sich um alles kümmern. Also, warum stehen wir in der Diele? Komm in den Salon und lege dein Häubchen und den Umhang ab. Ich werde uns von Jeannie frischen Tee und etwas Brot und Butter bringen lassen. Wir speisen in der Regel um acht oder halb neun zu Abend, je nachdem, wann Grant nach Hause kommt.«

»Wie geht es Grant?«, erkundigte Nicola sich.

»Gut«, antwortete Charlotte. »Also schön.« Dann stieß sie die Tür auf und führte ihre Schwester in den Salon.

Es war nach sieben Uhr, als Grant Peters zurückkehrte. Er begrüßte Nicola herzlich, hörte sich ihre Geschichte an, nickte und ging davon, einen verlässlichen Jungen zu suchen, der ihr Gepäck in Mannering's Hotel abholen sollte, während Charlotte die Köchin anwies, weitere Klöße in den Eintopf zu geben, und Jeannie, das Hausmädchen, die Lampen entzündete und den Tisch deckte.

Nicola wusste ein wenig über Grant Peters Stammbaum. Seine Familie hatte es vorgezogen, kein Öl in die Flammen zu gießen und lieber nicht an der Hochzeit in Ayrshire teilzunehmen. Zwei Brüder und eine verwitwete Mutter wohnten auf einem von vier kleinen Bauernhöfen außerhalb von Stirling, die sich in Peters' Besitz befanden. Der älteste Bruder, Roderick, verwaltete die Besitztümer. Der jüngste Bruder, Gillon, hatte im amerikanischen Krieg beim Hochlandregiment gekämpft, aber da er nicht genügend Mittel besaß, um ein anständiges Patent zu erwerben, war er jüngst aus dem Dienst des Königs ausgeschieden.

Grant hatte Latein, Griechisch und Moralphilosophie an den Universitäten von Edinburgh und Glasgow studiert; anschließend hatte ihn Hercules Mackenzie von der Anwaltsvereinigung Writer to the Signet unter seine Fittiche genommen. Die Ausbildung durch ihn hatte Grant in die Lage versetzt, seine Prüfungen in Zivilrecht zu bestehen, und dem Einfluss seines Mentors war es zu verdanken, dass er in die Anwaltsvereinigung aufgenommen worden war. Allerdings war Grant noch zu jung und verfügte daher noch nicht über die nötigen Beziehungen, um sich die lukrativeren Mandate zu verschaffen.

Der Salon, der gleichzeitig als Speiseraum diente, war herzlich sparsam möbliert. Es gab weder Anrichte noch Vitrine, sondern nur ein Sideboard für Karaffen und Gläser und einen kleinen Eckschrank, in dem das Tischleinen aufbewahrt wurde. Aus der Küche drangen neben Dampfschwaden das Klappern von Töpfen und ab und zu ein wütendes Aufheulen von Mrs. McCluskie, der Köchin; alles in allem ein himmelweiter Unterschied, dachte Nicola, zu dem riesigen, hallenden Speisesaal auf Craigiehall.

Ihr Schwager entkorkte zwei Flaschen Claret und füllte die Gläser. Er war ein massiger Mann, nicht hochgewachsen, aber breit. Sein schweißfeuchtes Gesicht hatte die richtigen Proportionen, mit einem starken Kinn und hohen, flachen Wangenknochen. Er hatte seinen Mantel abgelegt und den schlichten Kragen gelockert, den die meisten Anwälte trugen, obwohl ihre Halskrausen heutzutage, so behauptete ihr Vater, manchmal mehr Rüschen hatten als die Petticoats einer Herzogin.

Grant plauderte lässig über Ernten und Wetter, als wäre das plötzliche Erscheinen seiner Schwägerin in seinem Haus das Natürlichste auf der Welt. Währenddessen musterte Nicola den Ehemann ihrer Schwester mit einem gewissen Maß an Spekulation und fragte sich dabei, ob er wohl einen Freund hatte, zum Beispiel einen Anwaltskollegen, der genauso gut aussehend und aufmerksam war wie er selbst und mit dem er sie vielleicht bekannt machen konnte.

Hammelfleischbrühe und braunes Brot, Rindfleischeintopf mit Zwiebeln und Klößen, Erbsen in einer Beistellschale, ein Orangenpudding, kräftiger Käse und Fladen wurden mit mehreren Gläsern Claret heruntergespült. Als das Abendessen vorüber war und die letzten Krümel vom Tisch gefegt waren, dachte Nicola, dass sie in die gute Stube hinübergehen würden, aber Grant war es anscheinend zufrieden zu bleiben, wo er war.

»Deine Zofe - Molly, nicht wahr? - wird es auf dem Dachboden recht gemütlich haben, obwohl ich befürchte, dass sie sich ein Bett mit Jeannie teilen muss«, sagte er. »Wie lange willst du bei uns bleiben?«

»Ah!«, erwiderte Nicola. »Das kommt darauf an.«

»Worauf?«, fragte Grant. »Auf deinen Vater?«

»Auf dich«, antwortete Nicola.

»Die Gerichtssaison beginnt in einigen Wochen«, erklärte Grant. »Seine Lordschaft wird dich vielleicht vorher holen kommen, aber irgendwie bezweifle ich das. Er wird auf andere Weise zurückschlagen.«

»Auf andere Weise?«, wiederholte Charlotte. »Wie denn?«

Grant überhörte die Frage seiner Frau. Er strich sich eine schwarze Haarlocke aus dem Gesicht, die ihm in die Stirn gefallen war, und sah Nicola direkt an. »Ich nehme an, der Junge wird in Kürze hier sein.«

»Junge?«, fragte Charlotte. »Welcher Junge?«

»Mit dem Gepäck«, sagte Nicola. »Ich glaube, du durchschaust meinen Vater sehr gut, Grant, vor allem, da du die ganze Geschichte noch gar nicht kennst.«

»Was ist denn die ganze Geschichte?«

»Papa drängt mich, Charles de Morville zu heiraten.«

»Und Sir Charles ist nicht nach deinem Geschmack?«

»Himmel, nein! Er ist weit über siebzig und bei schlechter Gesundheit. Außerdem hat er drei Söhne, die sich darum streiten, sein Gut in Besitz zu nehmen.«

»Warum will dein Vater dich mit diesem Mann verheiraten?«

»Die de Morvilles haben Kohle auf ihrem Land«, erklärte Nicola. »Die will Papa haben. Er hatte schon lange die Idee, dass entweder Charlotte oder ich in die Familie de Morville einheiraten sollten, um ihm die Förderrechte zu besorgen.«

»Das ist wahr, Grant. Papa ist schon, seit wir Kinder waren, darauf versessen, die Templetons mit den de Morvilles zu verbinden«, fügte Charlotte hinzu, »obwohl ich es trotzdem seltsam finde, dass er uns nicht ermutigt hat, uns mit den Söhnen der Familie de Morville zu verbinden oder sie zu uns nach Craigiehall einzuladen.«

»Wir waren zu jung für sie«, meinte Nicola. »Sagen wir mal, nicht ganz reif.«

Charlotte schürzte die Lippen und machte sich an ihren Röcken zu schaffen. Sie hatte seit ihrer Eheschließung zugenommen, und ihre Wangen waren mehr als rundlich. Sie hatte schon immer zum Erröten geneigt. Mr. Watson, der Musiklehrer, hatte dies sehr erheiternd gefunden und sie oft geneckt, nur um zu sehen, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Er hatte sie seine kleine Rothaut genannt, seine kleine Cherokee-Indianerin, was in Charlottes Augen kein großes Kompliment gewesen war, und Nicola hatte die Bemerkung ziemlich geschmacklos gefunden, insbesondere angesichts der militärischen Lage in Amerika.

»Davon habe ich noch gar nichts gehört, Charlotte«, sagte Grant. »Warum hast du es mir nicht erzählt?«

»Ich hatte keinen Grund dazu«, erwiderte sie. »Es war eine Torheit, ein Sturm im Wasserglas, alles vorüber, bevor wir uns kennenlernten.«

»Trotzdem«, meinte Grant stirnrunzelnd, »hättest du es mir sagen sollen.«

»Du denkst doch wohl nicht, ich hätte dich nur geheiratet, um de Morville zu entfliehen«, erwiderte Charlotte mit brennenden Wangen. »Die ganze Affäre war ein verrückter Plan, den mein Vater ersonnen hatte. Papa ist nicht der nüchterne Mann von Vernunft und gutem Urteil, als der er bei Gericht erscheint, musst du wissen.«

»Das beantwortet meine Frage nicht, meine Liebe«, sagte Grant. »Hast du mich nun geheiratet, nur um diesem Burschen aus Ayrshire zu entfliehen, oder nicht?«

»Hör auf«, mischte sich Nicola ein. »Bitte, hör auf!«

Er sah sie an und zog eine Augenbraue hoch. »Womit soll ich aufhören?«

»Sie zu necken«, antwortete Nicola. »Ich weiß, dass du sie neckst, auch wenn Charlotte es nicht erkennt. Sie hat nicht mehr Sympathie für Charles de Morville als ich, aber das bedeutet nicht, dass sie dir nicht willig in die Arme gefallen wäre.«

»Also, Charlotte, ist die Verteidigung deiner Schwester zutreffend und akkurat?«

»Charlotte steht hier nicht vor Gericht«, schaltete Nicola sich erneut ein.

»Muss ich dein Wort darauf akzeptieren, dass die Integrität meiner Frau über jeden Tadel erhaben ist - ohne den Hauch eines Beweises, der deine Behauptung unterstützt?«

»So ist es«, sagte Nicola entschieden.

»Und was ist mit deiner Integrität, Miss Templeton?«

»Mit meiner? Ich habe keinen Grund, dich zu belügen.«

»Quid pro quo: Willst du damit andeuten, dass Charlotte einen Grund hat?«, fragte Grant, und als er dann bemerkte, wie bekümmert seine Frau war, lachte er und tätschelte Nicola den Arm. »Die Frage deiner Integrität, meine liebe Schwägerin, wird in der Schwebe bleiben müssen, bis sie sich beweisen lässt. Woran kein Zweifel besteht, ist dein Eifer. Ich wünschte, meine Brüder wären genauso begierig darauf, mich zu verteidigen. Und wie du ganz richtig vermutest, ich habe sie nur geneckt.«

Er erhob sich vom Tisch, bückte sich und küsste seine Frau auf die Stirn, dann ging er geschickt um die Stühle herum und legte Nicola beide Hände auf die Schultern. »Du bist in meinem Haus willkommen, so lange du es wünschst, Nicola. Mir ist klar, dass euer Papa beträchtlichen Einfluss in Juristenkreisen hat, aber sei versichert, ich habe nicht die geringste Angst vor ihm. Ich habe ihm ein Mal getrotzt, und es wird mir ein großes Vergnügen sein, dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, indem ich dich hierbehalte, so lange du bleiben möchtest.«

Bei seiner Berührung durchlief sie ein Schauder der Wonne. Zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass sie sich außerdem wünschte, er möge sie küssen, auf die Stirn, auf die Wange, sogar auf den Mund, doch als hätte er erraten, was in ihr vorging, löste er sich abrupt von ihr und ging zur Tür.

»Was?«, fragte Charlotte. »Was ist los?«

»Der Junge«, sagte Grant. »Hast du ihn nicht im Treppenhaus gehört?«

Der »Junge« war ein großer, schlaksiger Bursche von annähernd einem Meter achtzig. Seine Stiefel waren schlammbespritzt, sein Mantel geschwärzt vom Regen, und das Haar klebte ihm am Kopf. Er hatte Nicolas Koffer auf der Schulter über die Brücke und fünf Fluchten schlüpfriger Treppen hinaufgeschleppt und dabei Mollys kleinere Schachtel unter einem Arm gehalten. Er blies die Wangen auf, sog Luft in seine Lungen und beäugte den Gentleman mit einer gewissen Furcht, als argwöhnte er, er könne ihm befehlen, das Gepäck wieder zurückzubringen.

Grant schob eine Hand in seine Tasche und förderte einen Schilling zutage und dann, zur Überraschung des Jungen, einen weiteren. Er ergriff dessen Hand, die so kalt war wie Kabeljau, und legte die Münzen hinein.

»Waren aber nur Sixpence abgemacht, Sir«, sagte der Junge.

»Eine gute Arbeit, ordentlich erledigt, verdient immer ein klein wenig zusätzlich«, entgegnete Grant. »Wenn du dich beeilst, kannst du dir noch eine Pastete bei Mrs. McCauslan besorgen und vielleicht ein Glas Punsch in Mouser's Taverne.«

»Aye, Sir, aye. Ich danke Ihnen, Sir. Ich danke Ihnen wirklich«, erwiderte der Junge und schlug sich in einem dankbaren Salut an die Stirn. »Wenn Sie noch mal was getragen haben müssen, Sir, wissen Sie, wo Sie mich finden.«

»Das weiß ich«, entgegnete Grant. »Jetzt lauf, bevor der Pastetenladen schließt.«

Er sah dem Jungen nach, wie er die Treppe hinuntereilte, dann drehte er sich um und rief Molly, die recht prompt erschien.

»Das Zimmer deiner Herrin liegt am entgegengesetzten Ende des Flurs«, sagte er. »Bring ihren Koffer dorthin, packe ihn aus und tue mit ihren Kleidern, was immer du zu tun hast! Du wirst auf dem Dachboden bei der Köchin und Jeannie untergebracht.«

»Aye, Sir«, sagte Molly.

Grant schob abermals die Hand in die Tasche und förderte zwei Guineen zutage.

»Nimm sie, Molly! Gott weiß, du hast sie dir verdient.« Die Dienerin pflückte ihm die Münzen von der Hand und steckte sie in ihre Schürze. »Du hast gut daran getan, sie hierherzubringen.« Dann trat er an ihr vorbei und kehrte in die Stube zurück, um seiner Frau und ihrer hübschen kleinen Schwester zu versichern, dass das Gepäck endlich heil und unbeschadet eingetroffen war.

Kapitel 2

Wenn Gillon Peters für irgendetwas bekannt war, dann gewiss nicht für seine Bescheidenheit. Auf den leisesten Wink oder das Angebot eines Glases erzählte er in schauerlichen Einzelheiten von seinen Taten beim Hochlandregiment, und wenn man unklug genug war, ihn in seiner Wohnung aufzusuchen, zeigte er einem mit Gewissheit den blutbefleckten Tomahawk, mit dem er angeblich auf einem Erkundungsunternehmen an den Ufern des Brandywine zwei Abtrünnige skalpiert hatte. Damen der Stadt, jung wie alt, sogen begierig jedes Wort seiner fragwürdigen Geschichte auf, aber seine Brüder blieben skeptisch, denn, wie Roderick zu bemerken pflegte, Gillon konnte ohne die Hilfe dreier Männer und eines Milchmädchens kein Schaf scheren. Mehrere blutige Schlachten und viele beschwerliche Märsche mit dem zweiundvierzigsten Königlichen Hochlandregiment hatten keine sichtbaren Spuren bei Gillon hinterlassen, bis auf eine saubere kleine Narbe von der Länge eines Fingernagels am rechten Augenwinkel. Sie verlieh Gesichtszügen, die ohnehin schon überheblich genug waren, noch zusätzlich Überheblichkeit. Er war zwei Jahre jünger als Grant und etliche Zentimeter größer. Sein Haar war heller, und seine Augen waren von durchdringendem Blau. Trotz allem war die Verwandtschaft zwischen den Brüdern offenkundig, ihr neckisches Geplänkel war noch nicht von Rivalität befleckt worden.

Grant sah von den Dokumenten auf dem Tisch hoch. »Aha!«, sagte er. »Da bist du ja. Ich habe mich schon gefragt, wann du dich endlich von den Lämmerpferchen lösen kannst. Du bist zurück, vermute ich?«

»Du vermutest richtig«, antwortete Gillon. »Unser lieber Bruder hat mich davongejagt. Er hat mir gesagt, ich solle verduften. Habe Mitleid mit meiner Notlage.«

»Und welche spezielle Notlage wäre das?«, erkundigte sich Grant.

»Die Notlage, keine persönliche Beziehung zu Hammel zu haben, es sei denn, er wäre glasiert mit rotem Johannisbeergelee«, sagte Gillon. »Warum will Roderick nicht zugeben, dass ich nicht zum Bauern geschaffen bin?«

»Er hat auch nicht geglaubt, dass du zum Soldaten geschaffen wärst«, erwiderte Grant. »Allerdings hast du ihm das Gegenteil bewiesen.«

»Das habe ich, nicht wahr?« Gillon grinste. »Wenn Roddy jedoch hofft, dass Zeit und Überredung mich in einen Landwirt verwandeln würden, erliegt er einem traurigen Irrtum.« Er zog sich mit dem Fuß einen Stuhl heran und setzte sich an den Tisch. »Welcher Fall kettet dich an einem so frischen Maimorgen an dein Tintenfass?«

»Eine Erbschaftssache«, erwiderte Grant. »Ich habe den Schriftsatz angefertigt, und sobald die Gerichtssaison eröffnet wird, werde ich Erklärungen und Eingaben folgen lassen.«

»Ist ein hübsches Mädchen im Spiel?«, erkundigte sich Gillon. »Oder eine wohlhabende Witwe?«

»Ich habe keine Ahnung, wie die Antragsteller aussehen«, entgegnete Grant. »Ich bin ihnen nie begegnet und werde es wahrscheinlich auch niemals tun. Es ist kein Spaß, Gillon. Der Fall wird sich wochenlang hinziehen, bevor das Gericht zu einer Entscheidung kommt.«

»Mit einem Wort, der übliche Mist.«

»Mit drei Worten, ja.«

Grant übte seine Tätigkeit größtenteils in Daniel Hornes Weinkeller aus oder, um genau zu sein, in dem großen, hellen Erdgeschoss darüber. An diesem Morgen hatte ihm in aller Frühe sein Sekretär Somerville Papiere und gedruckte Indizes übergeben, die er bis zum Mittagessen um halb zwei bearbeiten würde. Natürlich hätte er das Material mit nach Hause nehmen können - das Horne's war bloß eine steile Straße von Graddan's Court entfernt -, aber er hielt es für das Beste, den Schwestern Zeit zum Schwatzen zu lassen.

»Wie ich höre«, sagte Gillon, »hast du einen Gast?«

Grant schaute auf. »Wer hat dir das erzählt?«

Gillon zuckte die Schultern. »In dieser Stadt verbreiten sich Neuigkeiten schneller als Blitze. Tatsächlich habe ich Somerville getroffen und ihn gefragt, wo du sein könntest, und er war ausnahmsweise einmal bemerkenswert entgegenkommend. Ich schätze, er ist genauso aufgeregt über das Erscheinen des Mädchens wie du.«

»Ich bin nicht im Mindesten aufgeregt«, widersprach Grant.

»Vielleicht wird der Zorn des Gerichtspräsidenten dir etwas Wermut in den Wein gießen«, meinte Gillon. »Wie lange ist sie schon bei euch?«

»Erst einen Tag«, antwortete Grant. »Nebenbei bemerkt, ich werde mit Somerville ein Wörtchen über seine lose Zunge reden.«

»Oh, du kannst ihm kaum einen Vorwurf machen, Grant. Eine so wundervolle Nachricht kannst du nicht lange unter der Decke halten.«

»Ich halte sie nicht unter der Decke. Sie besucht Charlotte.«

»Allein und ohne Anstandsdame?«

»Ihre Zofe ist bei ihr«, sagte Grant.

»Aber Papa nicht.«

»Nein, Papa nicht.«

»Soll ich etwa glauben, dass Craigiehall ihr die Erlaubnis gegeben hat, in die Stadt zu reisen und in deinem Haus zu wohnen? Sie hat sich losgerissen, nicht wahr, und ist auf eigene Faust davongaloppiert?«

»Sie ist kein Kind mehr, Gillon, und übrigens auch kein Pferd.«

»Allerdings, das ist sie nicht«, erwiderte Gillon. »Verrate mir eins: Ist sie genauso süß und fügsam wie dein liebes Weib?«

»Sei vorsichtig, Gillon!«

»Ich wollte niemanden beleidigen. Ich habe nichts als größte Wertschätzung für deine Missus, die eine Frau von größter Tugend ist. Was ist nun mit dem Mädchen? Kann man von ihr das Gleiche behaupten?«

»Sie ist, glaube ich, von gutem Charakter - und intelligent.«

»Mit einer dazu passenden Figur?«

»Gillon!«, warnte Grant seinen Bruder. »Das genügt! Was machst du überhaupt hier? Wir waren doch übereingekommen, dass du ein wenig Zeit bei Roderick und Mutter in Heatherbank verbringst. Du warst keine vierzehn Tage fort.«

»Was gibt es in Heatherbank schon für mich zu tun?«, fragte Gillon. »Mutter hat alles und jeden unter ihrer Fuchtel. Ich bin dort bloß im Weg, und offen gesagt, ich habe mich gelangweilt.«

»Es wird höchste Zeit, dass du etwas zu tun findest, etwas, mit dem du vielleicht deine Brötchen verdienen kannst.«

»Ich habe meine Pension«, sagte Gillon, »auch wenn sie nicht gerade üppig ausfällt. Ich werde ›etwas für mich zu tun‹ finden, wie du es ausdrückst, aber alles zu seiner Zeit. Ich habe mich nämlich noch nicht völlig von meiner anstrengenden Zeit beim Militär erholt. Verdiene ich nicht eine kleine Atempause?«

»Die dauert nun schon mehrere Jahre lang, Gillon«, entgegnete Grant. »Ich will nicht, dass Müßiggang dich herunterzieht.«

»Herunter?«, wiederholte Gillon. »Herunter wohin, frage ich dich? Außerdem bin ich nicht so müßig, wie du anscheinend glaubst, Grant. Ich habe durchaus einige Eisen im Feuer.«

»Hofierst du immer noch Claverings Tochter?«

»Julia?« Gillon hielt inne. »Nein, daraus ist leider nichts geworden.«

»Clavering hat ein Machtwort gesprochen, ja?«

»Das Mädchen war mir nicht leidenschaftlich genug.«

»Ha, ha!«, sagte Grant skeptisch. »Und das soll ich dir abnehmen?«

»Allerdings«, erwiderte Gillon. »Und ich bleibe dabei. Übrigens, mir fällt auf, dass du das Thema gewechselt hast. Was ist mit dir und Craigiehalls Töchtern? Du trägst jetzt für beide die Verantwortung. Das grenzt in meinen Augen fast an Habgier.«

»Habgier? Wie das?«

»Ich bitte dich, zwei Rennpferde aus demselben Stall! Wenn das nicht Habgier ist, weiß ich nicht, was es sonst sein kann. Es sei denn …« Er hielt abermals inne. »Es sei denn natürlich, du hättest die Kleine für mich hierhergeholt.«

»Wenn du Nicola meinst, ich habe sie weder für dich noch für sonst jemanden nach Edinburgh geholt. Sie ist aus freien Stücken gekommen«, widersprach Grant.

Gillon nickte. »Um ihre Schwester zu besuchen?«

»Genau das.«

»Um in deinem Haus zu wohnen, unter deinem Dach, deiner Barmherzigkeit ausgeliefert?«

»Sieh mal«, sagte Grant, »ich habe zu viel Arbeit, um mir dein Gefasel anzuhören. Nicola Templeton ist die Schwester meiner Frau. Ich kann ihr meine Gastfreundschaft nicht verwehren, wie seltsam die Umstände auch sein mögen.«

»Er wird wie der Zorn Gottes über dich kommen, das weißt du, nicht wahr?«

»Ich bin darauf vorbereitet«, entgegnete Grant. »Es gibt jedoch nur wenig, was Lord Craigiehall tun kann, da Nicola achtzehn Jahre alt ist und ich sie nicht gegen ihren Willen festhalte. Er mag schäumen vor Wut und mit ernsten Konsequenzen drohen, aber er kann mir nicht weiter schaden.«

»Er kann deinen Mandanten vor Gericht schaden.«

»Gütiger Gott, Gillon! Dafür ist er als Richter viel zu ehrenhaft.«

»Ich an deiner Stelle wäre mir da nicht so sicher. In jedem Fall ist das Mädchen, wenn sie gegenwärtig Teil deiner Familie ist, auch Teil meiner Familie«, bemerkte Gillon. »Ich habe nichts dagegen, die Last mit dir zu teilen.«

»Last? Welche Last? Was zum Teufel redest du da?«

»Sie braucht Unterhaltung, habe ich nicht recht?«

»Nicola Templeton ist nichts für deinesgleichen, Gillon«, mahnte Grant streng.

»Charlotte Templeton war auch nichts für deinesgleichen, lieber Bruder, aber das hat dich nicht daran gehindert, den Tempel zu stürmen - den Templeton zu stürmen, ha? - und mit ihr das Weite zu suchen.«

»Charlotte«, sagte Grant, »ist meine Frau.«

»Wenn du gut genug warst für das eine Templeton-Mädchen, warum sollte ich nicht für das andere gut genug sein?«, fragte Gillon. »Sie ist doch nicht hässlich, oder?«

»Nein, keineswegs, sie ist sogar reizvoll.«

»Umso besser.« Gillon erhob sich von der Bank, zog die Zipfel seiner Weste herunter und schlüpfte wieder in seinen Mantel. »Ich werde dich heute Abend zum Essen besuchen. Du wirst vielleicht Charlotte darauf hinweisen wollen - und erinnere die Köchin daran, dass ich nichts für Zwiebeln übrighabe. Sollen wir sagen, acht Uhr, oder wäre dir halb neun angenehmer?«

Grant seufzte. »Acht Uhr ist mir recht. Wenn du darauf bestehst.«

»Ich bestehe darauf«, erwiderte Gillon. »Ich bin lieber ein unwillkommener Gast als gar keiner. Soll ich meinen Überzieher und meinen scharlachroten Umhang anziehen?«

»Zieh an, was du möchtest«, antwortete Grant. »Nur bring den verdammten Tomahawk nicht mit.« Und mit einem eigenartigen Gefühl böser Vorahnungen sah er seinem Bruder nach, als dieser den Raum verließ.

Zwölf Monate lag es zurück, seit Nicola das letzte Mal in der Stadt gewesen war, und die ›Auld Reekie‹ hatte in dieser kurzen Zeit mehrere Veränderungen durchlaufen. Zusammen mit Molly schlenderten Charlotte und sie gleich nach dem Frühstück in den Frühlingssonnenschein hinaus und spazierten, die Häubchen fest gegen die frische Brise vom Forth zusammengebunden, hügelabwärts zur Brücke, um sich die letzten Verbesserungen anzuschauen.

Die imposante North Bridge war seit etlichen Jahren für den Verkehr freigegeben, aber es waren noch immer hie und da Arbeiten im Gange. An diesem Morgen fügten Steinmetze die Steine einer neuen Balustrade ein, während Träger, Fuhrmänner und Scharen nicht ganz so nobler Bürger brummend vorbeitrotteten, als wäre Fortschritt bloß ein Hindernis, eigens dazu aufgestellt, sie zu ärgern.

Im Osten lagen die Flussmündung und das Meer, die wellengepeitschte Wasserfläche, der Edinburgh sein launisches Wetter verdankte. Nicola hielt mit der einen Hand ihre Haube fest und mit der anderen Charlottes Arm. Sie hatte den Ausblick schon viele Male gesehen, aber er raubte ihr noch immer den Atem, und an diesem Maimorgen munterte er sie derart auf, dass sie für einen Moment Papa, de Morville und Craigiehall vollkommen vergaß.

Da fragte Molly: »Ist das der Mann, für den ich ihn halte?«

Als Nicola in die Richtung schaute, in die die Zofe wies, sah sie Hugh Littlejohn auf sie zukommen, das Kinn in seinem Kragen verborgen und den Hut - ein hohes, breitkrempiges Ding - heruntergezogen, als wollte er das Gesicht verbergen oder vielleicht auch die vielen Ablenkungen der Stadt nicht an sich herankommen lassen.

»Was tut er in Edinburgh?«, wunderte sich Charlotte.

»Ich glaube, da brauchen wir nicht lange zu raten«, meinte Molly. »Er wird hierhergeschickt worden sein, um Ihnen Bedingungen zu unterbreiten.«

Nicola hatte Mr. Littlejohn immer recht gern gemocht. Sein Vater und seine Onkel waren Gärtner auf Craigiehall gewesen, und seine jüngste Tochter, Faye, war gegenwärtig Küchenmagd. Nicola löste sich von ihrer Schwester und trat vor ihn hin.

»Bist du zum Vergnügen in Edinburgh, Littlejohn, oder wegen irgendwelcher Geschäfte?«

Er schaute auf und sagte, ohne Überraschung zu zeigen: »Wenn ich des Vergnügens wegen hier wäre, Miss Nicola, würde ich es nicht an so einem verdammt belebten Ort wie dem hier suchen. Außerdem habe ich daheim zu dieser Jahreszeit zu viel zu tun, um mich zu amüsieren.«

»Ist Papa bei dir?«, fragte Charlotte.

»Nein, Mistress Peters, ist er nicht. Ich bin sein … ähm, sein Gesandter.«

»Warum hat er dich geschickt und nicht Robertson?«, erkundigte Charlotte sich.

»Diese Frage müssen Sie Seiner Lordschaft stellen«, antwortete Hugh Littlejohn. »Er war zornig auf mich, weil ich Miss Nicola zum Flyer geholfen habe. Ich schätze, meine Entsendung nach Edinburgh ist seine Art, mich zu bestrafen.«

Mr. Littlejohn trug kein Gepäck bei sich, bis auf eine kleine, abgewetzte lederne Jagdtasche über einer Schulter. Er nahm sie herunter, stöberte darin herum und förderte ein Briefpäckchen zutage, eingewickelt in braunes Papier und versiegelt mit hartem, blauem Wachs. Er hielt es fest in beiden Händen, als befürchtete er, die Brise könne es ihm entreißen.

»Für mich?«, fragte Nicola.

»Für Mr. Grant Peters. Ich soll es in seine Hände legen und nur in seine.«

»Dazu musst du ihn finden«, sagte Charlotte hochfahrend. »Wenn du kannst.«

»Falls nötig, werde ich in seinem Haus warten«, erwiderte Hugh Littlejohn.

Nicola berührte ihn am Ärmel. »Hast du schon gefrühstückt?«

»Ich habe einen Happen im Gasthaus in Peebles gegessen, bevor ich die Kutsche bestiegen habe.«

»Papa hat dich nachts reisen lassen, nicht wahr?«, fragte Nicola. »Mit anderen Worten, er wollte nicht für den Flyer bezahlen? Wirst du heute noch nach Ayrshire zurückkehren?«

»Wenn ich meine Aufgabe erfüllt habe, um vier Uhr, aye.«

»Ich werde den Brief meinem Mann übergeben«, erbot sich Charlotte.

»Nein, Mistress Peters, das wird nicht angehen.«

»Vertraust du mir nicht?«, wollte Charlotte wissen.

»Es ist keine Frage des Vertrauens, Mistress Peters; es ist eine Frage der Pflicht.«

»Also schön«, sagte Charlotte. »Wenn es so sein soll, musst du zu Graddan's Court gehen und auf der Türschwelle sitzen bleiben, bis mein Mann zurückkehrt, was, wie ich hinzufügen könnte, erheblich später als vier Uhr sein wird. Tatsächlich könnte es weit nach Mitternacht werden, falls eine Antwort erforderlich ist, denn mein Mann wird nicht ohne Nachdenken zur Feder greifen.«

»Ich bitte dich, Charlotte! Littlejohn befolgt lediglich Papas Anweisungen«, wandte Nicola ein. »Ich zumindest habe nicht die Absicht, mitten auf einer öffentlichen Hauptstraße ein Gespräch zu führen. Wenn du um sechs Uhr gefrühstückt hast, musst du inzwischen hungrig sein, Littlejohn.« Sie drehte sich zu Charlotte um. »Wo ist er? Wo ist Grant? Er wird nicht im Parlamentsgebäude sein, denn die Gerichte tagen derzeit nicht. Ist er in einem Kaffeehaus oder in einer Taverne irgendwo in der Nähe?«

»Das könnte sein«, antwortete Charlotte widerstrebend.

»Wo?« Nicola hatte im Haus ihres Vaters genug Tischgesprächen gelauscht, um zu wissen, wo Anwälte und Writer zusammenkamen. »Horne's, Dow's oder das Slipper?«

»Nein«, sagte Charlotte, »er ist nicht im Slipper. Das Slipper mag er nicht.«

»Wo dann?«, beharrte Nicola.

»Im Horne's«, räumte Charlotte ein, »es sei denn, er ist ganz woanders.«

»Dann werden wir zu Horne's gehen und hoffen, ihn dort anzutreffen.«

»Vielen Dank, Miss Nicola«, sagte Hugh Littlejohn. »Ich gebe zu, dass ich wirklich so bald wie möglich wieder nach Hause fahren möchte. Wo ist dieses Lokal, dieses Horne's?«

»Dort oben.« Nicola deutete auf die zackigen Wohnhäuser der Old Town, die den Grat unterhalb des Schlosses säumten. »Hast du genug Atem dafür, Littlejohn?«

»Es ist nicht der Atem, der mir fehlt, Miss Nicola«, erwiderte Hugh Littlejohn.

»Was ist es dann?«, erkundigte sich Charlotte.

»Die Geduld«, antwortete der Aufseher. Dann folgte er zusammen mit Molly Lord Craigiehalls widerspenstigen Töchtern in die Gassen und verqualmten Sträßchen, die das Herz der Stadt schützten.

Charlotte hätte nicht den Mut gehabt, Daniel Hornes Weinkeller allein zu betreten. Der säuerliche Geruch von Bier, Tabak und Rauch sowie die schwache, klebrige Süße von eingelegten Heringen, eine Delikatesse, für die das Horne's berühmt war, hätten sie abgeschreckt. Tatsächlich war die Taverne eine der angesehensten in der Nähe des Parliament Square und himmelweit entfernt von den abscheulichen Spelunken, wie sie dicht an dicht in den Gassen von Cowgate und des Grassmarket lagen.

Nicola fasste Charlotte energisch am Arm und zog sie durch die Tür in die riesige, düstere Taverne. Molly und Mr. Littlejohn folgten ihnen, und binnen ein oder zwei Minuten saßen alle vier, die Zofe eingeschlossen, bei Grant an einem Ecktisch. Charlottes Nerven beruhigten sich bei einem Glas süßen Sherrys und einem Zimtkeks, während Grant Papas Brief las, ihn dann auf den Tisch warf und kläglich den Kopf schüttelte.

»Was ist?«, fragte Nicola. »Was ist los, Grant? Was schreibt Papa?«

Molly und Mr. Littlejohn taten so, als wären sie mit den Gedanken anderweitig beschäftigt - Familienangelegenheiten gingen sie nichts an -, aber es war schwierig, Distanz zu wahren, während man dicht nebeneinander an einem Ecktisch saß.

»Ich soll dich mit Mr. Littlejohn nach Craigiehall zurückschicken.«

»Wenn ich nach Ayrshire zurückkehre«, sagte Nicola, »wird Papa dafür sorgen, dass ich dort bleibe, bis ich mich aus lauter Verzweiflung seinem Willen beuge und diesen abscheulichen Mann heirate.«

»Du bist nicht verpflichtet, irgendjemanden zu heiraten«, wandte Grant ein. »Wir sind heutzutage genügend aufgeklärt, um anzuerkennen, dass auch Frauen Rechte haben.«

»Mein Vater ist kein Anhänger dieser Auffassung«, erwiderte Nicola. »Sieh dir nur an, wie er die arme Charlotte behandelt hat, als sie dich geheiratet hat!«

»Das ist wahr«, entgegnete Grant. »Andererseits hatte er nicht die Macht, es zu verhindern. Er mag nach Herzenslust schmollen, doch er kann dich nicht legal - oder auch moralisch - zu etwas zwingen, das du nicht willst.«

»Er wird mich ohne einen Penny verstoßen.«

»Ist das wichtig?«

Charlotte nippte an ihrem Sherry, knabberte an ihrem Keks und bewahrte Stillschweigen.

»Er will einen Erben für Craigiehall«, bemerkte Nicola.

»Und er wird einen bekommen«, sagte Grant. »Zu gegebener Zeit wird er vielleicht mehrere haben.« Er schaute zu Charlotte hinüber, die heftig errötend den Blick abwandte. »In der Zwischenzeit hat er ein Ultimatum ausgesprochen. Entweder sorge ich dafür, dass du mit Mr. Littlejohn in die Nachmittagskutsche nach Ayrshire verfrachtet wirst, oder …« Er griff nach dem Brief und las daraus vor. »… oder, Sir, Sie können sie behalten.«

»Sie behalten?«, wiederholte Charlotte. »Was um alles in der Welt meint er damit?«

»Er meint, dass ich dann die Verantwortung für deine Schwester zu tragen habe.«

»Das ist dumm«, platzte Molly heraus. »Schlicht und einfach dumm.«

»So dumm nun auch wieder nicht, Molly«, widersprach Grant. »Seine Lordschaft ist sich über meine Lebensumstände völlig im Klaren und hegt bedauerlicherweise nach wie vor die Überzeugung, dass ich Charlotte nur geheiratet habe, um Craigiehall in die Hände zu bekommen.«

»Aye, das hat er jedenfalls oft genug gesagt.« Molly ignorierte den warnenden Blick des Aufsehers. »Das ist nichts Vertrauliches, Mr. Peters. Wir alle haben ihn darüber schimpfen hören. Stimmt's, Mr. Littlejohn?«

»Es steht unsereins nicht zu, darüber zu spekulieren, was Seine Lordschaft von Peters hält«, erklärte Hugh Littlejohn streng. »Jetzt halt den Mund, Mädchen, und erinnere dich an deinen Platz!«

»Mein Platz«, sagte Molly, »ist hier bei Miss Nicola.«

»Wie will sie dir deinen Lohn zahlen, wenn Seine Lordschaft ihr keine Mittel mehr zukommen lässt? Hast du darüber mal nachgedacht, Molly Goodall?«, fragte Mr. Littlejohn.

»Ich brauche keinen Lohn«, sagte Molly. »Ein Bett und ein Happen zu essen genügen mir.«

»Du bist Dienstbotin Seiner Lordschaft«, sagte Hugh Littlejohn, »nicht die Miss Nicolas.«

»Oh, hört auf, hört auf!«, rief Nicola, laut genug, dass sich mehrere Köpfe in ihre Richtung wandten. »Ich kann dir diese Last nicht aufbürden, Grant. Ich werde tun, was mein Vater verlangt.«

»Du meinst, de Morville heiraten?«, fragte Charlotte.

»Nein, das nicht, das gewiss nicht«, erwiderte Nicola. »Ich werde jedoch mit Mr. Littlejohn nach Ayrshire zurückkehren und versuchen, mich mit Vater zu versöhnen.«

»Wenn du das tust«, meldete Grant sich zu Wort, »wirst du nie wieder frei sein. Du hast gezeigt, was in dir steckt, Nicola, und du darfst jetzt nicht den Mut verlieren. Wenn du auf ein Fingerschnippen deines Vaters nach Craigiehall zurückkehrst, wirst du entweder einen Mann seiner Wahl heiraten oder als alte Jungfer sterben.«

»Was für eine schreckliche Bemerkung, Grant«, tadelte Charlotte ihren Mann. »Nicola hat ihren eigenen Kopf, da bin ich mir sicher.«

»Dann soll sie ihn auch benutzen«, erklärte Grant. »Als Erstes dazu, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, was ich tun werde oder nicht, was ich mir leisten kann oder nicht und was eine Last für mich darstellt und was nicht. Nicola, möchtest du mit Mr. Littlejohn nach Ayrshire zurückkehren, oder willst du unter meinem Schutz in Edinburgh bleiben, bis dein Vater zur Vernunft kommt?«

»Das wird eine teuflisch lange Zeit dauern«, murmelte Molly. »Langsam glaube ich, dass ich mich geirrt habe. Er wird niemals die Hand zur Versöhnung ausstrecken.«

»Nicola«, beharrte Grant, »deine Antwort, bitte.«

»Bleiben«, erwiderte Nicola. »Ich werde bleiben, Grant, so lange du mich bleiben lässt.«

»Gut.« Ihr Schwager nickte. »Also, wenn ihr Damen uns entschuldigen wollt, ich werde für Littlejohn etwas zu essen bestellen und meine Antwort - genau genommen deine Antwort, Nicola - an Lord Craigiehall verfassen.«

»Sag ihm …«, begann Nicola.

»Was soll ich ihm sagen?«, fragte Grant.

»Dass er mir immer noch viel bedeutet und ich bedauere, dass ich ihm nichts mehr bedeute.«

»Ich glaube, das sagst du ihm besser selbst«, erwiderte Grant. Daraufhin schickte er sie alle recht lässig davon.

Die Verkaufsstände der kleinen Händler quollen über von Frühlingsprodukten, und am oberen Ende der High Street herrschte wirklich und wahrhaftig eine landwirtschaftliche Atmosphäre. Man hatte Vieh über das Pflaster getrieben, und eine Spur brauner Spritzer mischte sich mit zerbrochenen Eiern, Kohlstängeln und zertrampelten Kartoffeln. Es gab auch Schweine, einen ganzen Pferch voll, die alle vor sich hin schnaubten; sie hatten offensichtlich nicht die geringste Ahnung von dem jüngsten Edikt der Stadtverordneten, das Schweinefleisch von öffentlichen Straßen verbannte.

»Was stimmt bloß nicht mit dieser Stadt?«, beklagte sich Charlotte, wobei sie die Worte über ihre Schulter an Nicola richtete, die Mühe hatte, mit ihr Schritt zu halten. »Gibt es denn keine Gesetze und keine Polizisten, die sie durchsetzen? Warum sind diese Händler nicht auf den Märkten, wo sie hingehören? Warum sind sie hier und besudeln unsere hübschen Straßen? Mir wird ganz übel davon.«

»Es ist Handel, Liebste, einfach Handel«, antwortete Nicola.

Charlotte beachtete sie nicht. Sie war, wie Nicola begriff, nicht mehr zu bremsen, obwohl ihre Entrüstung für eine junge Frau, die im ländlichen, rauen Ayrshire groß geworden war, fehl am Platz schien.

»Ich kann mir nicht vorstellen, warum ich hier leben will.« Charlotte raffte ihre Röcke und trat über etwas Unbeschreibliches hinweg. »Kein Wunder, dass Personen von vornehmer Gesinnung den Wunsch verspüren, sich in der New Town niederzulassen. Ich würde Grant ja bitten, auch für uns dort ein Haus zu suchen, aber er schützt Armut vor. Armut! Er kümmert sich keinen Deut um meine Gefühle. Selbst wenn er wochenlang fort ist, um Fälle vor den Gerichten im Land zu vertreten, hat er durchaus nichts dagegen, dass ich eingepfercht wie ein Hühnchen in dieser trostlosen Wohnung zurückbleibe, umgeben von diesem ekelerregenden Gestank.«

»Charlotte«, unterbrach Nicola ihre Schwester, »wohin gehen wir?«

»Nach Hause«, erwiderte Charlotte. »Nach Hause, etwas essen. Ich habe Hunger. Danach werde ich mich ein wenig hinlegen. Ich habe Kopfschmerzen von diesem ganzen Gezänk.«

»Gezänk?« Nicola zupfte ihre Schwester am Ärmel. »Geht es um mich? Bin ich schuld, dass du so erregt bist?«

Charlotte blieb so abrupt stehen, dass Nicola beinahe mit ihr zusammengeprallt wäre, und Molly, die hinterdrein ging, hatte ebenfalls Mühe, einen Zusammenstoß zu vermeiden. »Warum hat er sich nicht mit mir besprochen?«, platzte sie heraus. »Bin ich nicht seine Frau? Ist sein Haus nicht auch mein Haus?«

»Wenn du möchtest, dann gehe ich …«, begann Nicola. »Wenn du mich nicht hier haben willst …«

»Oh, bleib, bleib unbedingt.« Sie drohte ihr wütend mit dem Finger. »Ich wünschte nur, er hätte daran gedacht, mich zu fragen, bevor er seine Befehle erteilte. Es ist offensichtlich, dass Grant dich hierbehalten will und dass meine Meinung nicht von Belang ist.«

»Charlotte, du bist Grants Frau.«

»In letzter Zeit habe ich mir manches Mal von Herzen gewünscht, ich wäre es nicht.«

»Oh, Charlotte«, sagte Nicola erschrocken. »Ich dachte, du wärest glücklich.«

Charlotte, der plötzlich bewusst wurde, dass ihre Hand noch immer mitten in der Luft hing, verschränkte die Arme vor dem Busen und erklärte: »Ja, das bin ich auch. Natürlich bin ich glücklich. Verzeih mir. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Ich brauche nur etwas zu essen, das ist alles.« Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und machte sich wieder nach Graddan's Court auf, Nicola und Molly im Schlepptau.

Die Straßen, die Edinburgh mit Ayr verbanden, waren hinreichend instand gesetzt worden, um Platz für schnelle vierspännige Kutschen zu bieten, die die Reisezeit für jene, die den Fahrschein zu bezahlen bereit waren, halbierten. Bedauerlicherweise erstreckten sich diese Fortschritte nicht auf die gewöhnlichen Dienste. Betten für die Nacht in dem schmutzigen kleinen Gasthaus in Peebles kosteten vier Pence, und eine Art Abendessen war für Sixpence zu haben: Also, so berechnete Grant, sparte John James Templeton, selbst wenn man den Fahrpreis dazurechnete, bloß drei Schilling, wenn er seinem Aufseher die lange Route zumutete, und das sah unter den gegebenen Umständen tatsächlich eher nach Geiz denn nach Bosheit aus.

Grant hatte nicht vergessen, dass Littlejohn einer der wenigen Dienstboten von Craigiehall war, die den Zorn Seiner Lordschaft riskiert hatten und in der Kirche in Kirkton aufgetaucht waren, um bei Charlottes Vermählung anwesend zu sein. Aus diesem Grund hatte er den Aufseher zu einem anständigen Essen eingeladen und ihn zum Hof des White Horse begleitet, von wo aus er die normale Vier-Uhr-Kutsche zurück nach Ayrshire nehmen konnte.

Im Innenhof des Gasthauses herrschte um diese Stunde des Nachmittags reges Treiben. Tauben gurrten von den Dächern und watschelten über die Pflastersteine, und Möwen, die vom Meeresarm herbeigefegt wurden, zogen am Himmel kreischend ihre Kreise. Lakaien, Träger und Postjungen lümmelten sich rauchend, lachend und schwatzend am Eingangstor. Der Wirt des Withe Horse, der Kniehosen mit Schnallen sowie eine gestreifte Schürze trug, stand neben dem Pförtnerhaus, wo er leutselig, ja beinahe salbungsvoll einem jedem einen guten Tag wünschte, der vielleicht versucht sein mochte, sein Etablissement zu betreten.

Vier traurig aussehende Pferde waren vor die Kutsche gespannt, ein flaches Gefährt, das heftig durchhing und seine Fahrgäste ordentlich durchrüttelte. Die Kutsche würde Mr. Littlejohn bis nach Peebles bringen, wo er die Nacht verbringen konnte. Morgen würde er ebenso ungemütlich über die trostlosen Moore von Lanarkshire holpern und, mit etwas Glück, bei Einbruch der Nacht an den Toren von Craigiehall eintreffen.

»Warum hat Seine Lordschaft dir kein Pferd zur Verfügung gestellt?«, wollte Grant wissen.

»Er will Miss Nicola unbedingt heil und gesund zurückbekommen«, antwortete Hugh Littlejohn, »doch er will es nicht so sehr, dass er dafür bezahlen würde, dass es auch schnell geht.«

»Reist er selbst denn nicht auf vornehme Art?«

»Aye, Sir. Er lässt sich von einer privaten Kutsche in die Hauptstadt bringen, aber für gewöhnlich unterbricht er die Reise bei Mistress Ballentine in Salton House.«

»Mistress Ballentine, die Witwe von Lord Ballentine?«, fragte Grant.

»Aye, sie ist die Cousine meines Herrn, Sir, und genauso streng wie er selbst.«

»Streng - würdest du ihn so beurteilen, Littlejohn?«

»Es liegt nicht in meinem Interesse, Seine Lordschaft zu beurteilen.«

»Ist er kein gerechter Arbeitgeber?«

»Das ist er, Sir, ein sehr gerechter Arbeitgeber - wenn auch rigoros.«

»Aber nicht großzügig?«, hakte Grant nach.

Hugh Littlejohn schulterte seine Tasche und schaute auf das Pflaster hinab.

»Du bist sehr loyal, Littlejohn«, bemerkte Grant.

»Ich hoffe, dass sich das in der Tat von mir sagen lässt, Sir.«

»Loyal Seiner Lordschaft gegenüber«, bemerkte Grant. »Und gleichermaßen seinen Töchtern gegenüber.«

»Doch es sind nicht seine Töchter, in deren Diensten ich stehe«, erwiderte Hugh Littlejohn.

»Trotzdem liegen Charlotte und Nicola dir genug am Herzen, dass du auch ihren Interessen dienst, habe ich nicht recht?«

»So gut ich es vermag, Mr. Peters.«

»Hast du meine Werbung um Charlotte nicht gefördert, indem du bei unseren Treffen ein Auge zugedrückt hast, wenn Seine Lordschaft nicht zu Hause war?«, sagte Grant.

Mr. Littlejohn kaute auf seiner Unterlippe und starrte weiterhin auf die Pflastersteine.

»Hast du nicht Nicola und ihrer Zofe geholfen, aus Craigiehall zu fliehen?«

»Ich habe ihnen nicht geholfen, Sir. Ich habe nur …«

»Was? Auch in diesem Fall ein Auge zugedrückt?«, fragte Grant. »Mir scheint, Littlejohn, dass du trotz deiner Behauptung, Seiner Lordschaft gegenüber loyal zu sein, es nicht völlig billigst, wie er seine Kinder behandelt. Überdies ist durchaus offensichtlich, dass Seine Lordschaft sich hinreichend auf dich verlässt, um dir gewisse Freiräume zu lassen, anderenfalls hätte er dir schon lange gekündigt.«

»Was wollen Sie von mir, Mr. Peters?«

»Mein Brief an Seine Lordschaft wird ihm nicht alles sagen, was er wissen muss. Er ist ein Mann des Gesetzes, und als solcher wird er unbedingt verborgene Lügen entdecken wollen. Mit anderen Worten, er wird dich genau befragen.«

»Davon gehe ich aus, Sir. Aye.«

»Darf ich fragen, was du ihm erzählen wirst?«

Mr. Littlejohn hob den Kopf und sah dem Anwalt in die Augen. »Die Wahrheit, Sir«, antwortete er. »Die Wahrheit, wie ich sie sehe.«

»Und wie«, setzte Grant Peters nach, »siehst du sie?«

»Ich sehe, dass Miss Nicola nicht den Wunsch hat, nach Craigiehall zurückzukehren.«

»Dass sie in diesem Punkt unbeirrbar ist?«

»Nein, Mr. Peters, unbeirrbar kam sie mir nicht vor«, entgegnete Hugh Littlejohn. »Tatsächlich schien sie mir nicht genau zu wissen, was sie am besten tun sollte, Sir.«

»In diesem Punkt«, erwiderte Grant, »befindest du dich im Irrtum. Lass es dir von mir gesagt sein, Littlejohn: Nicola Templeton ist fest entschlossen, nicht nach Craigiehall zurückzukehren.«

Der Aufseher kniff die Augen leicht zusammen, und ihm war anzusehen, dass ihm etwas dämmerte. »In welchem Punkt befinde ich mich noch im Irrtum, Mr. Peters? Was ist mir bisher entgangen?«

»Dass meine Frau ein Kind erwartet?«, versetzte Grant.

»Das … das ist mir noch nicht aufgefallen, Sir, nein.«

»Hand aufs Herz, es ist so«, antwortete Grant. »Allein aus diesem Grund wünscht meine Frau, dass ihre Schwester in Edinburgh verbleibt, damit sie ihr in den ersten Monaten der Schwangerschaft beisteht.«

»Wann wird das Kind denn erwartet?«

»Um Weihnachten herum.«

»Sagen Sie mir wirklich die Wahrheit, Mr. Peters?«

»Eine Wahrheit, die nicht allgemein bekannt ist, aber dennoch eine Wahrheit.«

»Warum muss ich dann Seiner Lordschaft diese Nachricht überbringen?«

»Weil er dir glauben wird«, sagte Grant. »Er wird dir glauben, weil ich es bewusst vermieden habe, ihn in meinem Brief über das bevorstehende Ereignis in Kenntnis zu setzen. Wenn er weiter in dich dringt, erzähle ihm, dass Molly die Neuigkeit dir gegenüber hat durchsickern lassen.«

»Aus welchem Grund wollen Sie es geheim halten?«, wollte Hugh Littlejohn wissen.

»Das«, antwortete Grant, »ist der Punkt, über den Seine Lordschaft sich Sorgen machen soll.«

»Aye, Sorgen wird er sich tatsächlich machen«, sagte Hugh Littlejohn. »Ich bin nicht allzu scharf darauf, der Überbringer gerade dieser Neuigkeit zu sein, Mr. Peters. Was ist, wenn er einen Beweis verlangt?«

»Das wird er wohl kaum tun, da er weiß, dass du einen solchen Beweis unmöglich erbringen kannst. Es wird ein Fall von probatio probata sein, eine Behauptung, die man nicht unverzüglich widerlegen kann.«

»Ist es Ihr Wunsch, Seine Lordschaft zu Ihnen nach Edinburgh zu holen, Mr. Peters?«, fragte Hugh Littlejohn. »Hoffen Sie, dass er herbeieilen wird, um sich selbst davon zu überzeugen?«

»Meine Sorge gilt meiner Frau«, erwiderte Grant. »Sie soll sich in dieser Zeit keine Sorgen machen müssen.«

Hugh Littlejohn zögerte. »Wenn die Dinge so liegen, wie Sie behaupten, Mr. Peters, und das Kind männlich ist, dann ist die Zukunft von Craigiehall nicht länger so ungewiss wie derzeit.«

»Sie ist nicht im Mindesten ungewiss. Ich werde dafür sorgen, dass sie sicher ist.«

»Miss Nicola, Sir, was wird aus Miss Nicola werden?«

»Ich werde mich um sie kümmern, keine Bange.«

Hugh Littlejohn sah, wie ein fetter Tuchhändler seine noch fettere Frau in eine Kutsche verfrachtete, wobei sich das Gefährt schwer nach steuerbord absenkte. »Ich sollte jetzt besser einsteigen, Sir«, bemerkte er. »Die Kutsche bietet ohnehin schon wenig genug Platz.«

»Hast du den Brief?«

»Aye, Sir, gut aufgehoben hier in meiner Tasche.«

»Und alles Übrige?«, wollte Grant wissen.

»Gut aufgehoben hier in meinem Kopf«, antwortete der Aufseher mit etwas, das ein Augenzwinkern sein konnte - oder auch nicht.

Kapitel 3

Nicola döste gerade in ihrem Zimmer, als Getuschel im Flur sie weckte.

»Was macht er hier, Grant?«

»Er ist zum Abendessen gekommen.«

»Hast du ihn eingeladen?«, zischte Charlotte.

»Er hat sich mehr oder weniger selbst eingeladen.«

»Warum hast du mich nicht vorher gewarnt?«

»Es ist mir entfallen.«

»Wie konnte es dir denn entfallen?«

»Ich hatte andere Dinge im Kopf.«

»Was zum Beispiel?«, fragte Charlotte.

»Littlejohn und den Brief …«

»Und meine Schwester, nehme ich an?«

»Ja, natürlich, deine Schwester - das Wohlergehen deiner Schwester, meine ich.«

Nicola glitt vom Bett und ging auf Zehenspitzen zur Tür. Sie fühlte sich versucht, zu hüsteln oder sich zu räuspern, damit Charlotte wüsste, dass sie da war, aber die Neugier überwog ihre guten Manieren.

»Hast du es ihm erzählt?«, fragte Charlotte.

»Es wem erzählt?«, gab Grant zurück.

»Gillon. Du hast mir versprochen …«

»Ich habe es niemandem erzählt«, sagte Grant. »Aber dein Zustand kann nicht mehr lange geheim gehalten werden. Es ist nichts, wessen man sich schämen müsste.«

»Versprich mir, dass du es Gillon nicht erzählst.«

»Also schön, ich werde es Gillon nicht erzählen«, antwortete Grant.

»Oder Nicola.«

»Oder Nicola«, wiederholte Grant. »Wo ist sie übrigens?«

Nicola drückte die Hände auf die Brust, damit sie nicht so laut atmete, als jemand zaghaft an die Tür klopfte.

»Nicola, bist du da?«, fragte Charlotte.

Sie nahm ihre Haube ab, zerzauste ihr Haar und brachte ein überzeugendes Gähnen zustande, bevor sie rief: »Wer ist da? Was ist los?« Sie öffnete die Tür einen Spaltbreit und spähte hinaus. »Oh, Charlotte, du bist es. Es tut mir leid. Ich bin auf dem Bett eingeschlafen. Ich habe euch doch nicht vom Abendessen abgehalten, oder?«

»Nein«, sagte Charlotte mit einem Anflug von Argwohn. »Hast du wirklich geschlafen?«

»Es ist die Edinburgher Luft«, antwortete Nicola, »und all diese Fußmärsche. Wie spät ist es? Ist Grant schon zu Hause?«

»Hm, er ist vor einer halben Stunde angekommen. Hast du ihn nicht gehört?«

»Nein, ich habe überhaupt nichts gehört.«

»Wir haben einen unerwarteten Besuch.«

»Wen?«, fragte Nicola, bevor sie listig hinzufügte: »Doch nicht etwa Papa, oder?«

»Nein, nicht Papa«, erwiderte Charlotte. »Grants Bruder.«

»Der Soldat oder der Bauer?«

»Gillon, der Soldat.«

»Dann«, bemerkte Nicola, »sollte ich mich wohl besser anständig herrichten.«

»Ich an deiner Stelle würde mir die Mühe sparen«, versetzte Charlotte und stolzierte den Flur hinunter, ziemlich verschnupft, wie Nicola fand.

Er erhob sich sofort vom Bibliotheksstuhl, schwang ein Bein über die abgenutzte lederne Sitzfläche und drehte sich zu ihr um. Gillon Peters war nicht das, was Nicola erwartet hatte. Charlottes Beschreibungen waren bestenfalls geringschätzig und schlimmstenfalls vernichtend gewesen; er war kein Ungeheuer, kein Kobold. Auf Nicola machte er zunächst den Eindruck eines Mannes, der gleichzeitig würdevoll und liederlich war. Sie hatte gehofft, dass er vielleicht Kleidung in den Farben seines Regiments tragen würde, aber er trug schlicht und einfach saubere, eng anliegende Kniehosen mit kleinen Schnallen und einen Gehrock. Einzig seine Hessenstiefel und die Handschuhe aus hellbraunem Leder, die adrett in einer Epaulette steckten, verrieten den Soldaten.

»Man hat Sie ganz allein gelassen, Sir«, bemerkte Nicola. »Wie überaus nachlässig von meiner Schwester und ihrem Mann.«

»Ganz und gar nicht«, erwiderte Gillon Peters. »Da ich ein Familienmitglied bin, geht man davon aus, dass ich nicht so tief sinke und das Tafelsilber stehle. Wie es jedoch scheint, muss ich mich selbst vorstellen, ohne Empfehlung oder gar Fanfare.« Er verneigte sich. »Lieutenant Gillon Peters, Ihr bescheidener Diener.«

»Nicola Templeton, Sir«. Sie streckte die Hand aus. »Überaus erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

»Schön zu hören.« Gillon Peters ergriff ihre Hand und hielt sie sachte fest. »Ich habe nur wenige Verbündete in diesem Haushalt oder gar in dieser Stadt. Ich baue darauf, dass Sie sich nicht von der vorherrschenden Meinung bezüglich meines Charakters beeinflussen lassen.«

»Ich weiß gar nicht, was Sie meinen, Lieutenant Peters.«

»Natürlich wissen Sie das«, widersprach er. »Ihre liebe Schwester, so groß ihre Vorzüge ja sind, hegt keine besondere Wertschätzung für mich. Um die Wahrheit zu sagen, sie betrachtet mich als eine Art Plage.«

»Ich bin mir sicher, dass das nicht der Fall ist.«

»Wollen Sie damit sagen, dass sie mich in ihren Briefen nicht verunglimpft hat?«

»Sie hat nur sehr wenig von Ihnen erzählt, Sir, abgesehen davon, dass Sie Soldat sind.«

»Leider ein Soldat ohne Waffen, ohne Aufgabe oder Patent. Ich bin, mit einem Wort, in Pension gegangen.« Er sah sich nach dem Lesesessel um. »Ich würde Ihnen ja ein Gläschen anbieten, um Ihren Appetit anzuregen, Miss Templeton, aber es scheint, dass mein Bruder die Flaschen weggeräumt hat.«

»Wo ist Grant eigentlich?«

»In den Keller gegangen. Er sucht wohl einen Wein heraus, der so sauer ist wie er selbst gerade. Ihre Schwester ist, so glaube ich, in der Küche und bespricht sich mit der Köchin. Wenn ich ›Keller‹ sage, meine ich das ganz allgemein, denn in einer Wohnung so hoch oben gibt es keinen Keller. Tatsächlich bewahrt er seinen Wein in einem Käsefach in den Tiefen der Speisekammer auf.«

»Wo Sie, Lieutenant Peters, nicht ohne Weiteres herankönnen?«

Er hatte blaue Augen, durchdringend blau. Einen Moment lang glitzerten sie hart, dann lachte er. »Verunglimpft oder nicht, Miss Templeton, ich bin wohl in Ihren Augen ein Schnorrer. Nun, es ist wahr, dass ich gelegentlich Grant um Gnade bitte, denn ich bin ein sehr hungriger Schnorrer und würde dem armen Kerl die Haare vom Kopf essen, wenn er es zuließe. Und was ist mit Ihnen, haben Sie Hunger?«

»Allerdings, Lieutenant Peters, denn auch bin in gewisser Hinsicht eine Schnorrerin.«

»Wollen wir dann hineingehen und zusammen unser Abendessen erschnorren?«

»Ich sehe keinen Grund, der dagegen spräche«, erwiderte Nicola.

»Mein Name ist übrigens Gillon.«

»Und ich bin Nicola.«

»Nicola«, sagte er leise. »Was für ein hübscher Name!« Und genau in dem Moment, als sein Bruder den Raum betrat, bot er ihr den Arm.

Zuerst war es ein durchaus fröhlicher Abend, und das Gespräch war so lebhaft, dass Nicola alle Mühe hatte, damit Schritt zu halten.

Dem Claret folgte Madeira, dem Madeira Portwein, und als die Gesellschaft sich vom Esstisch erhob, strahlte sie gut gelaunt und hatte nicht bemerkt, dass Charlotte, die kaum einen Tropfen getrunken hatte, überhaupt nicht begeistert von Gillons skandalösen Geschichten über seine Abenteuer im amerikanischen Krieg war und sich stattdessen darauf beschränkt hatte, Anweisung zu geben, wann die einzelnen Gänge aufzutragen waren. Einmal verschwand sie sogar für mehrere Minuten, angeblich, um sich mit der Köchin zu besprechen. Sie kehrte mit geröteten Wangen und schwitzend zurück und nahm ohne ein Wort wieder Platz, und als Grant ihre Hand berührte und sich taktvoll erkundigte, ob es ihr denn auch gut gehe, antwortete sie: »Recht gut, vielen Dank«. Daraufhin erteilte sie mit einer knappen Handbewegung Gillon die Erlaubnis, seine humorvolle Geschichte über eine Begegnung zwischen einem gefangenen französischen Hinterwäldler und einem Hochländer zu erzählen, der nur Gälisch sprach.

Nicola beteiligte sich voller Eifer am Gespräch. Es schmeichelte ihr, dass zwei gut aussehende, wohlerzogene junge Männer in ihr offensichtlich etwas anderes sahen als ein unvernünftiges Kind. Eher aus Instinkt als aus Berechnung, flirtete sie ein wenig mit beiden Gentlemen, wenn auch weniger offensichtlich mit Grant, der schließlich verheiratet war.

Im Salon waren frische Kerzen entzündet und neue Kohlen aufs Feuer gelegt worden.

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