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Stern der Liebe über Kenia

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1. KAPITEL

Schon auf die Entfernung fiel Shanna der Mann auf, der die belebte Straße entlang auf die Terrasse des „Thorn Tree Café“ zukam. Man konnte ihn nur schwer übersehen. In dem farbenfrohen Menschengewühl aus kamerabewaffneten Touristen, Geschäftsleuten, Inderinnen in exotischen Saris und Arabern in wallenden Gewändern hob er sich durch seine Größe, die leichte Khakihose und das kurzärmelige Hemd von der Menge ab. Er hatte lange Beine und bewegte sich athletisch geschmeidig – wie ein ungezähmtes Raubtier.

Der Mann betrat die Terrasse, auf der Shanna mit Nick saß, und sah sich um. Sein lockiges dunkles Haar war kurz geschnitten, der Blick seiner blauen Augen klar und scharf.

Jetzt kam er auf sie zu.

In Shannas Magen begann es zu kribbeln, und ihr Herz schlug schneller. Eine seltsame Erregung ergriff sie, die sie sich selbst nicht erklären konnte.

Erst am Abend zuvor war sie in Nairobi aus der Maschine gestiegen, und schon schien sie zu träumen. Aber warum auch nicht? Heute war ein ganz besonderer Tag.

Ein Tag voller Versprechungen und exotischer Eindrücke unter tropischer Sonne. Was würde er ihr bringen? Endlich war sie an den Ort zurückgekehrt, wo sie als Mädchen die vier glücklichsten Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Wie lange hatte sie davon geträumt?

Lächelnd legte Nick ihr den Arm um die Schultern. „Schön, dich glücklich zu sehen“, sagte er. „Weiter so.“

Der warmherzige Ausdruck in seinen Augen rührte Shanna, und sie rieb ihre Wange an seiner Schulter. „Der Tapetenwechsel tut mir gut, Nick. Hier werde ich auf andere Gedanken kommen.“

Er drückte sie an sich und küsste sie auf die Wange. „Fein, Shanna. Ich bin froh, dass du da bist.“

Dann war er da, der Mann, und blieb vor ihnen stehen.

Prompt sprang Nick auf, und die beiden schüttelten sich die Hände. Der Ankömmling überragte sogar Nick, der an sich schon groß war. Alles an diesem Mann wirkte selbstsicher und siegesgewohnt … als würde ihm die Welt gehören.

Und ein Teil davon gehörte ihm ja tatsächlich.

Fünfundsiebzigtausend Hektar Hügel-, Savannen- und Dschungelland in Rift Valley, wo er Schafe und Vieh züchtete und am Rande einer Klippe in einem großen atemberaubenden Haus lebte. Shanna kannte die Fotos, die Nick vor einigen Jahren aufgenommen hatte. Und voriges Jahr hatte eine Zeitschrift einen Artikel über die Ranch und die dortigen Forschungsarbeiten der kenianischen Regierung und der African Wildlife Organisation gebracht. Shanna konnte sich den Mann gut in einem Landrover oder zu Pferd oder im Cockpit einer Cessna vorstellen, was für ihn wohl auch zum normalen Alltag gehörte.

Lächelnd wandte Nick sich ihr zu. „Shanna, das ist Rand Caldwell. Rand, meine Nichte Shanna Moore.“

Sie reichte ihm die Hand, und er umschloss sie mit seinen großen, kräftigen Fingern. Einen Moment lang sagte er nichts, sondern sah Shanna nur mit seinen blauen Augen durchdringend an. In seinem gebräunten Gesicht wirkten sie unglaublich hell und seltsam kalt.

„Miss Moore“, sagte er kühl und gab ihre Hand frei.

Normalerweise fühlte sie sich bei Begegnungen mit Fremden entspannt, doch dieser Mann verunsicherte sie. Warum sah er sie so an?

„Freut mich, Sie kennen zu lernen.“ Sie lächelte liebenswürdig, um sich nicht anmerken zu lassen, dass er sie verwirrte. „Nick hat mir viel von Ihrer Ranch erzählt, Mr. Caldwell.“

Nun sah er Nick an. „Du hast sie doch aber seit Jahren nicht mehr gesehen“, bemerkte er trocken.

Amüsiert lächelte Nick. „Sie hat bei mir einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Besonders die Löwin, die mich um ein Haar zerrissen hätte.“

Eigentlich war Nick Shannas Onkel, doch da er nur elf Jahre älter war, sah sie in ihm eher so etwas wie einen großen Bruder, vor allem, da er viel Sinn für Spaß und Abenteuer an den Tag legte. Seit dem Tod ihrer Eltern vor sechs Jahren waren Nick und seine Frau Melanie ihre Familie geworden, mit der sie Weihnachten und andere Feiertage verbrachte.

„Wie geht es Melanie?“, fragte Rand.

„Bestens“, erwiderte Nick. „Die Kinder halten sie auf Trab. Deshalb konnte sie zu ihrem Bedauern auch nicht mitkommen.“ Rand hatte einige Jahre in den Vereinigten Staaten studiert und sich damals mit Melanie und Nick angefreundet.

Die Männer bestellten Bier, Shanna einen zweiten Passionsfruchtsaft. Nur mit halbem Ohr lauschte sie der Unterhaltung, trank Saft und beobachtete das bunte Treiben auf der Straße.

Eine große blonde Frau mit einem friedlich schlafenden Baby an der Schulter bahnte sich einen Weg zwischen den Tischen hindurch.

Sammy.

Wehmut durchflutete Shanna, und sie konnte das Gewicht des kleinen Körpers förmlich spüren, seinen Babygeruch wahrnehmen. Tränen brannten ihr in den Augen. Rasch blickte sie auf ihren Schoß, schloss die Augen und atmete tief durch.

Sammy ging es gut. Sie musste es glauben. Wieder atmete sie tief ein.

Denk an etwas anderes, befahl sie sich.

An Rand Caldwell und seine eisklaren Augen.

Sie zwang sich, den Männern zuzuhören, die sich über Politik unterhielten. Dann schweiften Shannas Gedanken zu der Ranch, den Fotos, die sie gesehen hatte.

Die Ranch, das wusste sie, lag nur dreißig Kilometer von Kanguli entfernt, dem Dorf, in dem sie als Kind mit ihren Eltern gelebt hatte. Am liebsten wäre sie in den erstbesten Geländewagen gesprungen, um sofort nach Kanguli hinauszufahren. Leider musste sie damit bis morgen warten, wenn sie ihren gemieteten Landrover abholen konnte. Hoffentlich fand sie das Dorf noch. Ob die Leute sich nach all den Jahren noch an sie erinnern würden?

Unauffällig beobachtete sie Rand, der sich mit Nick unterhielt. Ausgeprägte Nase, kantiges Kinn, hohe Stirn – ein sehr markantes, männliches Gesicht. Und diese durchdringend blickende Augen …

Shanna betrachtete seine Hände, in denen er das Bierglas hielt. Es waren große, gebräunte, kraftvolle Hände, die zupacken konnten. Müsste interessant sein, sie auf der Ranch in Aktion zu erleben.

Unvermittelt sah Rand sie an, als wäre ihm bewusst geworden, dass sie ihn beobachtete. Einen Moment lang hielten ihre Blicke sich fest. Die kühle Verachtung in Rands Blick verwirrte Shanna. Warum sah er sie so an?

Nick berichtete ihm, dass sie einen Artikel für eine Universitätszeitschrift schreiben wolle.

„Und nun sind Sie hier, um Material zu sammeln?“, fragte Rand höflich.

„Ja.“ Das stimmte nur zum Teil.

„Sie konnten es einrichten, zur selben Zeit wie Nick herzukommen?“

Shanna nickte. „Ich bin zeitlich ungebunden. Da habe ich die Reise so gelegt, dass wir uns hier treffen.“

„Und worüber wollen Sie schreiben?“, fuhr Rand leicht gelangweilt fort.

„Über die Situation der Frauen hier in Kenia. Inwiefern ihr Leben sich im Lauf der letzten Generation geändert hat, ihre Stellung in Familie, Gesellschaft, Beruf.“

Ironisch zog Rand eine Braue hoch. „So?“

Shanna wusste genau, was er jetzt dachte. In zwei Wochen einen fundierten Artikel über ein fremdes Land schreiben zu wollen war einfach lächerlich.

Doch sie war keine Fremde in diesem Land und hatte auch nicht vor, nur zwei Wochen zu bleiben. Das konnte sie Rand Caldwell jedoch nicht sagen, denn Nick ahnte noch nichts von ihren Plänen.

Mit zusammengekniffenen Augen sah Rand sie an. Offenbar nahm er sie nicht ernst.

Nick tätschelte ihre Hand und stand auf. „Ich muss jemanden anrufen. Darf ich euch beide einige Minuten allein lassen?“

Nachdem Nick gegangen war, herrschte zwischen Shanna und Rand angespanntes Schweigen. Aus einem unerfindlichen Grund mochte er sie nicht. Vielleicht war es am klügsten, seinen feinen Spott einfach zu übergehen und so zu tun, als wüsste sie nicht, was er meinte. Und das wusste sie ja auch nicht. Zumindest nicht, warum er sich ihr gegenüber so kühl und abweisend gab.

„Ich habe gehört, dass es auf Ihrem Land große Bestände an wilden Tieren gibt“, sagte Shanna. „Und dass Sie sich stark für den Artenschutz einsetzen.“

Rand trank einen Schluck Bier. „Ja“, erwiderte er nur.

„Ich habe den Artikel vom vorigen Jahr über die Arbeit auf Ihrer Ranch gelesen“, fuhr sie fort. „Wie sind Sie dazu gekommen, Ihren Besitz für Forschungszwecke zur Verfügung zu stellen?“

„Weil ich sie für wichtig halte“, erklärte er nachsichtig, als würde er zu einem Kind sprechen.

Shanna reagierte nicht darauf, sondern versuchte, sich den Inhalt des Artikels wieder ins Gedächtnis zu rufen. Von Rand Caldwells Haus am Rand einer Felsschlucht in der Wildnis war dort die Rede gewesen, von atemberaubenden Blicken über die wild zerklüftete Landschaft, und die Fotos hatten das dramatisch belegt. Zu gern hätte Shanna sich den Besitz einmal selbst angesehen.

Sie trank einen Schluck Saft, und ihr kam eine Idee. Eine etwas gewagte Idee, aber was hatte sie schon zu verlieren?

„Ihre Ranch ist riesengroß“, bemerkte sie sachlich. „Beschäftigen Sie dort außer Arbeitern auch weibliche Angestellte?“

„Ja.“ Wieder griff Rand nach seinem Glas.

„Könnte ich mal zu Ihnen rauskommen und mich mit den Frauen unterhalten? Wenn es Ihnen nichts ausmacht, heißt das natürlich.“

„Ich glaube nicht, dass Ihnen das weiterhelfen würde“, erwiderte Rand herablassend.

„Also, ich denke doch.“ Shanna lächelte freundlich. „Und falls Sie andere Frauen kennen, mit denen ich ebenfalls sprechen könnte, wäre ich Ihnen für Ihre Hilfe sehr dankbar.“

Rand kniff die Augen leicht zusammen und schwieg. Endlich lehnte er sich zurück und sah sie an. „Ich gebe Ihnen Bescheid.“ Sein Ton ließ anklingen, dass sie sich die Sache aus dem Kopf schlagen konnte.

Dennoch lächelte Shanna, entschlossen, höflich zu bleiben. „Danke. Es ist für mich wichtig, mit möglichst vielen Frauengruppen zu reden, um ein aussagekräftiges Bild zu gewinnen.“

„Und das glauben Sie, in zwei Wochen erreichen zu können?“

Sie zuckte die Schultern. „Ich habe schon umfangreiche Vorarbeiten geleistet.“

„Aha.“ Rands Ton verriet, dass er das stark bezweifelte.

Wieder gab sie vor, seine ablehnende Haltung nicht zu bemerken.

Eine Weile saßen sie schweigend da, und Shanna beobachtete die Menschen um sich her.

„Nick sagt, Sie seien in Kenia geboren und aufgewachsen“, versuchte sie schließlich, das Gespräch wieder in Gang zu bringen. „Und dass die Ranch in Ihrem Familienbesitz ist, seit Ihr Großvater Anfang der zwanziger Jahre aus England herkam.“

Rand presste die Lippen zusammen. „Ja.“

Vorsichtig beugte Shanna sich etwas vor. „Entschuldigung, ich möchte nicht … neugierig erscheinen. Ich versuche nur, mich mit Ihnen zu unterhalten.“ Diesmal kostete es sie Mühe, zu lächeln.

„Sicher.“ Wieder dieser kalte, abweisende Ton.

Seltsam. Was hatte der Mann? Dabei hatte sie nur Dinge angesprochen, die in dem Artikel standen. Shanna lehnte sich zurück und beschloss, alles Persönliche auszuklammern.

„Es ist schön hier. Ich freue mich schon auf die Party heute Abend, wo ich Leute von hier kennen lerne.“

Diesmal antwortete Rand nicht, aber sie hatte ihm ja auch keine Frage gestellt. Offenbar hatte er keine Lust, sich mit ihr zu unterhalten. Er lebte allein, da hatte er vielleicht verlernt, zu reden und unter Menschen zu gehen.

„Wenn man so abgelegen wohnt, ist man sicher oft einsam“, bemerkte sie. „Was tun Sie, wenn Sie sich amüsieren wollen?“

„Zum Amüsieren komme ich kaum. Ich muss mich um die Ranch kümmern.“

Und bestimmt blieb da keine Zeit für seichte Partys. „Ja, natürlich“, erwiderte Shanna ruhig. „Aber man kann doch nicht nur arbeiten. Ein bisschen Spaß ab und zu ist Balsam für die Seele.“

Rand trank einen Schluck Bier und sagte nichts.

„Falls Sie eine besitzen“, konnte sie sich nicht verkneifen, ihn herauszufordern.

Verächtlich zog er eine Braue hoch, schwieg jedoch weiter.

Shanna war versucht, ihm ihren Saft über den Kopf zu schütten, doch sie beherrschte sich. „Haben Sie eine Seele?“, hakte sie nach.

„Das bezweifle ich.“ Um Rands Lippen zuckte es, doch vielleicht hatte sie sich das auch nur eingebildet. Was mochte ihn dazu bringen, zu lächeln, zu lachen, glücklich zu sein?

„Was gefällt Ihnen am besten an Ihrer Arbeit? Was macht Ihnen besondere Freude?“

Diesmal zog Rand beide Brauen hoch. „Ihnen scheint viel an Spaß, Freude und Vergnügungen zu liegen.“ Ein moralisch verantwortungsbewusster Mensch sollte seine Zeit nicht mit so sinnlosen Dingen vergeuden, hieß das.

„Und am Glücklichsein.“ Sie lächelte strahlend. „Ich schätze meine Arbeit und meine Freunde. Und ich bin gern glücklich. Verzeihen Sie, wenn ich es so rundheraus sage, aber in Ihrem Leben scheinen diese Dinge keine große Rolle zu spielen.“ Shanna stand auf. „Entschuldigen Sie, ich möchte mich jetzt erst mal frisch machen.“

Rand blickte Shanna nach. Tolle Beine, sexy Figur. Eine Schönheit mit blondem Haar und grünen Augen und einem hinreißenden Lächeln. Bestimmt eins von diesen oberflächlichen Partymädchen. Sein Magen zog sich zusammen.

Blondes Haar und grüne Augen.

Plötzlich hatte er ein Bild vor Augen, das Gesicht einer anderen lächelnden Frau. Veilchenduft. Der zwölfjährige Junge im Bett, der verzweifelt gegen die Tränen ankämpfte, weil Männer nicht weinen. Gebrochene Versprechen. Rand verspürte einen bitteren Geschmack im Mund und verdrängte das Bild. Seit Jahren hatte er nicht mehr an sie gedacht. Das alles gehörte der Vergangenheit an und war vorbei.

Dann sah er Melanie vor sich, wie sie Nick vor langer Zeit angeblickt hatte, hoffnungslos verliebt. Ihr glückliches Gesicht, der liebende Ausdruck in ihren Augen. So jung, so naiv, so blind war sie gewesen.

Während der Studienzeit in den Staaten war Nick ihm ein echter Freund gewesen, das konnte Rand nicht leugnen. Aber Nick war auch ein unverbesserlicher Schürzenjäger, der weibliche Herzen reihenweise brach. Rand seufzte und rieb sich die Stirn.

Er hatte Melanie gewarnt, doch sie hatte nicht auf ihn gehört und Nick geheiratet. Und jetzt war Nick hier in Kenia, mit dieser jungen Frau, seiner Nichte.

In ihrem Hotelzimmer, das neben Nicks lag, ließ Shanna sich auf das große, bequeme Bett sinken. Der stilvoll eingerichtete Raum gefiel ihr: Rattanmöbel mit tropisch gemusterten Polstern in leuchtenden Farben, an den Wänden interessante Batikkunst.

Seufzend streckte Shanna sich auf dem Bett aus. Bei diesem Rand Caldwell hätte sie fast die Beherrschung verloren. Aber nur fast.

Nach der Rückkehr an den Tisch war sie mit Nick in ihr Hotel aufgebrochen, während Rand Caldwell zum Haus der Freunde gefahren war, bei denen er wohnte.

Seine herablassende, fast beleidigende Art war unerträglich, und Shanna mochte ihn nicht.

Sie gähnte und fühlte sich erschöpft. Ein Blick auf den Wecker sagte ihr, dass ihr noch zwei Stunden bis zur Party blieben. Genug Zeit für ein Nickerchen. Und morgen begann das große Abenteuer.

Plötzlich fiel ihr etwas ein. Seufzend stand sie vom Bett auf, öffnete die oberste Kommodenschublade und nahm einen dicken Polsterumschlag heraus. Für das Zimmerschließfach war er zu groß, und sie hatte ihn in den Hoteltresor legen wollen, doch am Abend war sie dazu einfach zu müde gewesen. Und morgens hatte sie in der Vorfreude auf die Stadtbesichtigung nicht mehr an den Umschlag gedacht.

Kurz entschlossen schlüpfte Shanna wieder in ihre Schuhe, griff nach Umschlag und Zimmerchipkarte und verließ den Raum. Lächelnd drückte sie den Umschlag im Fahrstuhl an sich. Nur kein Risiko eingehen. Die Originale befanden sich im Schließfach ihrer Bank in Boston. Auf die Reise hatte sie lediglich Fotoabzüge und eine Diskettenkopie mitgenommen, die sie in ihrem Laptop benutzen konnte.

Ach Dad, dachte sie. Ich schaff’s! Du würdest stolz auf mich sein. Tränen traten ihr in die Augen, und sie riss sich zusammen. Sie würde tun, was sie sich seit langem vorgenommen hatte – hier in Kenia. Ein seltsames Gefühl von Trauer und Freude erfüllte sie plötzlich.

Nick würde wenig begeistert sein, wenn sie ihm erklärte, dass sie die Absicht habe, allein hier zu bleiben. Er versuchte sie zu beschützen, doch sie war jetzt siebenundzwanzig und wusste, was sie wollte. Er und Melanie brauchten sich nicht mehr um sie zu sorgen. Sie würde ihren Weg gehen.

Die Fahrstuhltür glitt auf, und Shanna betrat die weitläufige Hotelhalle mit ihren Topfpflanzen, Kristalllüstern und exotischen Kunstwerken. Alles sehr luxuriös, sehr einladend. Shannas Stimmung hob sich, und sie fühlte erwartungsvolle Erregung in sich aufsteigen. Morgen würde sie aufs Land hinausfahren und die üppige grüne Hügellandschaft mit ihren Tee- und Kaffeeplantagen, dem flachen Buschland, den langhalsigen Giraffen und behänden Gazellen neu entdecken.

Nachdem Shanna den Umschlag in den Hoteltresor gelegt hatte, kehrte sie ins Zimmer zurück, kleidete sich aus und duschte kurz. In einen vom Hotel zur Verfügung gestellten Bademantel gehüllt, ließ sie sich aufs Bett fallen und schlief sofort ein.

Doch Shanna schlummerte unruhig. Sie träumte, wieder in Kanguli zu sein, aber das Haus war nicht mehr da. Alle Hütten standen leer, und nirgends gab es Menschen. Sie rief nach ihrem Vater, doch er kam nicht. Dann tauchte Rand auf und sah sie kalt und stumm an. Es war so schrecklich, dass sie es nicht aushielt und in Tränen ausbrach. ‚Sehen Sie mich nicht so an‘, schluchzte sie. Er zog nur spöttisch eine Braue hoch und antwortete nicht. ‚Ich will wissen, wo mein Vater ist!‘ schrie sie. ‚Ich muss ihm etwas sagen!‘

,Ihr Vater ist tot‘, sagte Rand. ‚Sie können hier nicht bleiben. Dazu haben Sie kein Recht.‘ Dann ertönten Buschtrommeln, und Shanna erwachte.

Was sie für Trommeln gehalten hatte, war Nick, der an die Verbindungstür zwischen ihren Zimmern klopfte, wie ihr jetzt bewusst wurde.

„Shanna? Bist du wach?“

Benommen legte sie die Arme um sich. „Ja.“ Sie blickte auf den Wecker. Ihr blieben vierzig Minuten. „Ich mach mich fertig.“

Shanna entschied sich für ein schlichtes, eng anliegendes kobaltblaues Seidenkleid und begutachtete sich im Spiegel. Unwillkürlich dachte sie an Rand Caldwell, und ein leiser Schauer überlief sie. Sie würde sich von diesem Mann nicht den Spaß verderben lassen und war entschlossen, den Abend zu genießen. Wenn er sie nicht mochte, war das sein Problem, nicht ihres.

Sie ließ ihr Haar offen und wählte dazu Hängeohrringe. Schließlich schlüpfte sie in hochhackige Pumps und lächelte ihrem Spiegelbild zu. „Los, Mädchen“, sagte sie und klopfte an die Verbindungstür.

Nick erwartete sie bereits.

„Du siehst fantastisch aus“, stellte er anerkennend fest.

„Danke, Sir“, erwiderte Shanna lächelnd. Insgeheim war sie froh, Rand nicht allein gegenübertreten zu müssen.

Der Mann, der Shanna beunruhigte, trug ein weißes Abendjackett zur dunklen Hose und sah umwerfend aus. Shannas Pulsschlag beschleunigte sich, als sie ihn die Hotelhalle betreten sah. Ruhig und selbstbewusst ging Shanna ihm an Nicks Seite entgegen. Auf ihr sonniges Lächeln reagierte Rand jedoch mit unbewegter Miene.

Kühl betrachtete er sie und nickte kurz. „Gehen wir.“

Sie verließen das Hotel, und er führte sie zu seinem Wagen, einem staubigen Landrover, der aussah, als hätte er harte Zeiten hinter sich.

„Tut mir leid, dass ich Ihnen kein bequemeres Transportmittel bieten kann.“ Rands Ton ließ anklingen, dass ihm das gleichgültig war.

Shanna lächelte heiter. „Kein Problem.“ Ob sie ihn heute Abend dazu bringen konnte, wenigstens einmal zu lächeln? Er schien nicht viel vom Lächeln zu halten. Wie konnte jemand, der in diesem paradiesischen Land lebte, nur so ernst und unnahbar sein?

Höflich hielt Rand ihr die Beifahrertür auf. Eins musste man ihm lassen: Manieren besaß er. Nick setzte sich auf die Rückbank. Bis auf feinen rötlichen Staub auf dem Boden war das Wageninnere sauber.

Die Party fand in einer wunderschönen großen Villa etwas außerhalb von Nairobi statt. Sie gehörte Lynn und Charlie Comstock, Mitarbeitern der Universitätsfakultät, die Nick als Gastdozenten eingeladen hatte.

Lynn Comstock war eine interessante junge Frau italienisch-englischer Abstammung, die in Kenia geboren und aufgewachsen war. Sie hatte dunkles Haar, eine lebhafte Mimik und blitzende silbergraue Augen. Nachdem sie sich eingehend nach Shannas Arbeit erkundigt hatte, drehte sie sich unvermittelt um, ließ den Blick suchend über die Gäste gleiten und winkte Rand herüber.

„Rand! Shanna hat mir gerade von einem Artikel erzählt, den sie schreiben will …“

„Ich weiß“, sagte er. „Sie hat mir davon berichtet.“

„Du musst sie unbedingt auf deine Ranch einladen und sie mit Wambui zusammenbringen! Sie ist genau die Richtige! Und mit der alten Pokot!“

„Ich habe ihn schon darauf angesprochen“, warf Shanna ein. „Rand glaubt jedoch nicht, dass ich dort Gesprächspartnerinnen finde, die mir brauchbares Material liefern können.“

Lynn warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. „Also wirklich, Rand!“

Ernst sah er sie an. „Entschuldigt mich bitte“, sagte er und ging davon.

Lynn verdrehte die Augen. „Dieser Mann ist unmöglich“, erklärte sie Shanna. „Er geht immer mehr nach seinem Vater. Lebt fast wie ein Einsiedler, so sieht’s jedenfalls aus. Kaum zu fassen, dass er überhaupt auf die Party gekommen ist.“

„Hat er etwas gegen Frauen?“

Lynn lachte und trank einen Schluck Wein. „Er hält sie möglichst auf Abstand und geht ihnen am liebsten aus dem Weg.“

„Das habe ich auch schon gemerkt“, gestand Shanna. Es lag also wohl doch nicht nur an ihr. „Ich hab ihn heute Nachmittag kennen gelernt, und da war er zugeknöpft bis abweisend.“

Nachdenklich stellte Lynn ihr Glas ab. „Auf seine Weise ist er meist ganz nett, aber er bleibt einem ein Rätsel. Genau diese undurchschaubare, unnahbare Art scheint die Frauen jedoch zu faszinieren.“

„Und Sie nicht?“

Lynn lachte. „Himmel, nein. Sie stört mich schrecklich. Ich mag Männer, die bei denen ich weiß, woran ich bin. Jedenfalls mehr oder weniger.“ Sie lächelte vergnügt. „Haben Sie meinen Charlie schon kennen gelernt?“

Shanna hatte. Charlie war schwer zu übersehen, mit seinem roten Bart und dem überschwänglichen Temperament. Im Moment spielte er Klavier und sang irische Trinklieder.

„Die Frauen sind ständig hinter Rand her“, nahm Lynn den Faden wieder auf. „Sie umgarnen ihn richtig. Na ja, er sieht ja auch wirklich fabelhaft aus. Und seine tolle Ranch und das viele Geld sind auch nicht zu verachten.“

Das konnte Shanna sich gut vorstellen.

Lynn lächelte ironisch. „Aber bei ihm beißen die Damen auf Granit. Sie glauben, sie könnten das Eis brechen und seine Leidenschaft wecken, aber soweit ich weiß, hat das bisher noch keine geschafft. Nicht mal Marina.“ Sie nahm sich ein neues Glas von einem Tablett, das ein weiß gekleideter schwarzer Ober herumreichte. „Offen gestanden glaube ich bei Rand nicht an schlummernde Leidenschaft. Inzwischen denke ich, er ist innerlich so gefühllos, wie er sich gibt. Ihm scheint die Gesellschaft von Tieren lieber zu sein als die von Menschen.“

Jetzt konnte Shanna nicht mehr an sich halten. „Wer ist Marina?“

Lynn sah sie offen an. „Eine australischer Malerin. Sie hat ein Jahr lang mit ihm zusammengelebt. Eines Tages hatte sie dann genug und packte ihre Sachen. Danach hat sie noch eine Weile bei uns gewohnt. Sie habe es satt, mit einem Mann zusammenzuleben, der sie seelisch nicht an sich heranlasse, hat sie erklärt.“ Sie seufzte. „Es war traurig, denn ich denke, Marina hat ihn wirklich geliebt.“ Sie schwieg und blickte aufstöhnend in ihr Weinglas. „Himmel, ich lern’s wohl nie.“

„Was lernen Sie nie?“, fragte Shanna.

„Den Mund zu halten.“ Fast beschwörend sah Lynn sie an. „Ich hätte Ihnen das nicht verraten dürfen, obwohl alle Bescheid wissen …“ Sie zuckte die Schultern und schnitt ein Gesicht. „Tut mir leid.“

Die Party ging weiter. Später unterhielt Shanna sich mit einigen Frauen, als sie Rand bemerkte, der in der Nähe stand und ein vier oder fünf Jahre altes indisches Mädchen in einem golddurchwirkten Sari beobachtete. Dabei lächelte er auf eine Weise, die seine Züge ganz weich erscheinen ließ, und in seinen Augen lag ein warmherziger, fast zärtlicher Ausdruck, der Shanna ans Herz ging.

Sie wunderte sich, was ein Kind auf einer Erwachsenenparty zu suchen hatte, doch das kleine Mädchen war da, wie ein exotischer Schmetterling, und schien inmitten der Erwachsenen einen Streich auszuhecken.

Shanna sah Rand wieder an und fühlte sich plötzlich seltsam erleichtert. Dann begegnete er ihrem Blick, und seine Züge wurden hart und abweisend.

Ihr Magen zog sich zusammen. Sie legte die Finger fester um ihr Glas und wandte sich wieder der Kenianerin zu, mit der sie sich unterhalten hatte, einer Ärztin, die in einer Geburtenklinik arbeitete.

Irgendwann stand Nick neben Shanna. „Arbeitest du auf der Party?“

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