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Best Day Ever

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. [Morgen] [9:00 Uhr]
    1. 1
  8. [10:30 Uhr]
    1. 2
  9. [11:00 Uhr]
    1. 3
  10. [11:30 Uhr]
    1. 4
  11. [12:00 Uhr]
    1. 5
  12. [12:30 Uhr]
    1. 6
  13. [14:00 Uhr]
    1. 7
  14. [16:00 Uhr]
    1. 8
  15. [17:00 Uhr]
    1. 9
  16. [17:30 Uhr]
    1. 10
  17. [18:15 Uhr]
    1. 11
  18. [19:30 Uhr]
    1. 12
  19. [20:00 Uhr]
    1. 13
  20. [20:15 Uhr]
    1. 14
  21. [20:45 Uhr]
    1. 15
  22. [21:00 Uhr]
    1. 16
  23. [21:15 Uhr]
    1. 17
  24. [21:30 Uhr]
    1. 18
  25. [22:00 Uhr]
    1. 19
  26. [22:30 Uhr]
    1. 20
  27. [23:00 Uhr]
    1. 21
  28. [23:30 Uhr]
    1. 22
  29. [00:00 Uhr]
    1. 23
  30. [00:15 Uhr]
    1. 24
  31. [00:20 Uhr]
    1. 25
  32. [00:25 Uhr]
    1. 26
  33. [00:35 Uhr]
    1. 27
  34. [01:00 Uhr]
    1. 28
  35. [01:45 Uhr]
    1. 29
  36. [02:45 Uhr]
    1. 30
  37. [04:45 Uhr]
    1. 31
  38. [Ein Jahr später]
    1. Epilog
    2. Paul Stroms Playlist für den besten Tag von allen
  39. Anmerkung der Autorin
  40. Danksagung

Über dieses Buch

Es sollte das perfekte Wochenende werden, nur sie beide, traute Zweisamkeit. Paul hatte alles vorbereitet, die Kinder liebevoll untergebracht und den romantischen Trip geplant. Mia und er, allein, an einem Ferienhaus am See. Allein. Niemand in der Nähe.

Doch als Paul und Mia die Stadt und ihren Alltag hinter sich lassen, stellt sich immer mehr die Frage: Wie perfekt ist ihre Ehe wirklich, wie sehr können sie einander trauen? Allein. Niemand in der Nähe. Niemand würde die Schreie hören …

Über den Autor

Kaira Rouda ist eine amerikanische Bestsellerautorin, die mit ihren Büchern in den USA bereits viele Preise gewonnen hat. Am liebsten schreibt sie über die menschlichen Abgründe, die sich erst auf den zweiten Blick zeigen und die Leser nicht mehr loslassen. Kaira Rouda lebt mit ihrer Familie in Kalifornien.

Kaira Rouda

Best Day Ever

Sterben sollst du nah bei mir

Aus dem Englischen von Nina Restemeier

Für meine Tochter, Avery Robinson Rouda

Hör niemals auf, die Geschichten zu schreiben, die zu deinem Herzen sprechen, und glaube immer an deine Kraft, die Welt zum Besseren zu verändern.

[Morgen]
[9:00 Uhr]

1

Ich betrachte meine Frau, während sie neben mir auf den Beifahrersitz klettert. Das Sonnenlicht funkelt auf ihren glänzenden blonden Haaren wie ein Feuerwerk zum Unabhängigkeitstag, und ich strotze vor Zuversicht. Alles ist genauso, wie es sein soll.

Wir beide, nur wir beide, werden ein paar schöne Tage in unserem Wochenendhaus am See verbringen. Der Tag heute steht für alles, worauf ich hingearbeitet habe, was wir uns zusammen aufgebaut haben. Die Sonne strahlt so hell durch das Fenster auf der Fahrerseite, dass ich mir die Augen mit der Hand abschirmen muss, obwohl ich eine Sonnenbrille trage und das eigentlich ausreichen sollte.

Irgendetwas ist heute anders zwischen uns; in der schwülen Luft im Auto liegt eine seltsame Spannung. Ich kann sie nicht sehen, aber sie ist da. Ich würde sie gern benennen. Ihren Ursprung ermitteln und sie eliminieren.

Zugegeben, heute Morgen war es hektisch. Es ist Freitag, und wenn man Kinder hat, sind die Morgen immer besonders chaotisch: die Jungs wecken und anziehen und sie zu ihrer perfekt gelegenen, hervorragend bewerteten Grundschule aus rotem Backstein fahren, wo sie in der ersten beziehungsweise dritten Klasse zweifellos Bestleistungen erbringen werden. Aber um ehrlich zu sein, bin ich normalerweise an dem eben beschriebenen Szenario nicht beteiligt. Um alles, was mit den Jungs zu tun hat, kümmert sich Mia, meine Frau. In dieser Hinsicht sind wir eine traditionelle Vorstadtfamilie. Ich koche morgens Kaffee, dusche, ziehe mich an und gehe zur Arbeit, bevor die Jungs aufstehen. Ja, an den meisten Tagen ist meine Routine ziemlich egoistisch und zielgerichtet.

Auch deshalb ist der heutige Tag etwas Besonderes. Ich habe die Jungs zur Schule gebracht und sie daran erinnert, dass sie heute von der Babysitterin abgeholt werden. Wieder zu Hause, habe ich das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine geräumt. Wenn ich will, kann ich wirklich hilfsbereit sein, aber ich möchte Mia nicht daran erinnern, sonst erwartet sie es am Ende noch von mir. Als ich damit fertig war, rief ich nach Mia, damit sie sich beeilte. Seit über einem Jahr hatten wir kein Wochenende mehr für uns allein, nur wir zwei. Heute sollte es nur um uns gehen, und langsam war es an der Zeit aufzubrechen.

Sie antwortete mir von oben, ihre Stimme schwebte wie ein Schmetterling die Treppe herunter, und bat mich um Hilfe mit ihrem Gepäck. Kurz darauf schleppte ich zwei riesige Koffer aus dem Obergeschoss unseres Einfamilienhauses. Sie folgte mir mit einem Wäschekorb, in den sie wer weiß was gepackt hatte.

»Du bleibst wohl länger weg«, spottete ich. Sie errötete beschämt. Mia ist berüchtigt dafür, immer viel zu viel einzupacken. Aber ich beschwerte mich nicht. Das hier war ihr Tag. Sollte sie doch mitnehmen, so viel sie mochte. Wir hatten gerade alles im Kofferraum verstaut, als mein Handy klingelte. Ich hätte nicht rangehen sollen. Aber vergessen wir das. Es war ein winziger Fehler an diesem Tag, der ansonsten hervorragend werden wird.

Vom Fahrersitz aus schließe ich mein Handy ans Autoradio an und wähle die Playlist aus, die ich für meine Frau zusammengestellt habe. Während der Fahrt werden alle ihre Lieblingslieder laufen. Musik spielt eine so wichtige Rolle dabei, die Romantik am Leben zu erhalten.

Und jetzt machen wir uns auf den Weg. Mia dreht sich zu mir um und schenkt mir ihr perfektes Lächeln: halbmondförmig mit strahlend weißen Zähnen. Mein Lächeln ist eher rechteckig. Egal wie sehr ich es auch versuche, sieht es immer so aus, als würde ich feixen, das weiß ich. Aber dank einer kosmetischen Zahnkorrektur sind immerhin meine Zähne perfekt. Ich grinse zurück.

Mia liebt mich so sehr, und selbstverständlich gilt das Gleiche auch für mich. Fast zehn Jahre sind wir jetzt zusammen. Wir kennen einander so gut: unsere Stärken, unsere dunklen Seiten. Auch wenn ich ehrlich gesagt nicht sicher bin, ob Mia überhaupt so etwas wie ein niederträchtiges Alter Ego hat. Ihre dunkle Seite ist einfach mürrisch, und die kommt üblicherweise nur zum Vorschein, wenn sie müde ist oder wenn es einem unserer Söhne besonders schlecht geht. Ich für meinen Teil frage mich, ob Mia glaubt, dass ich eine dunkle Seite habe. Wahrscheinlich bin ich für sie einfach ihr treuer, liebender Ehemann.

Heute jedoch, heute Morgen, genau jetzt, geht eine seltsame Energie von ihr aus, sie strömt ihr aus allen Poren, aus ihrem perfekten, makellosen Gesicht. Bestimmt ist das der Grund für diese Spannung zwischen uns.

»Du wirkst nervös, Honey«, sage ich. Ich möchte ihr das Bein tätscheln und ihr sagen, sie soll sich entspannen, tue es aber nicht. Trotz ihrer merkwürdigen Laune ist sie immer noch schön, fast in jeder Hinsicht perfekt.

»Ach ja? Ich glaube, ich bin einfach aufgeregt«, bestätigt sie meine Vermutung und streckt die Hände in Richtung der Windschutzscheibe aus. Der Brillant auf ihrem Ehering blitzt im grellen Sonnenlicht auf, als reflektierte er ihre Energie.

»Das bin ich auch. Aber wir haben eine lange Fahrt vor uns, also versuch einfach, dich zu entspannen. Heute soll der beste Tag von allen werden.« Ich bemühe mich, meiner Stimme einen angemessen beschwingten Tonfall zu verleihen. Sie soll glauben, dass ich genauso glücklich und sorgenfrei bin wie sie. Dass ich mir nichts Aufregenderes vorstellen könnte, als heute zum ersten Mal in diesem Jahr zu unserem Haus am See zu fahren.

»Darf ich dich dann um einen kleinen Umweg bitten? In Port Clinton gibt es eine kleine Bäckerei, direkt vor dem Abzweig nach Lakeside. Ich würde dort auf dem Hinweg gern anhalten und Croissants für morgen kaufen. Weißt du noch, wo das ist? Fürs Frühstück heute ist es jetzt natürlich zu spät, aber morgen ist fast genauso gut.« Zum Glück sind ihre leuchtend blauen Augen auch hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt. Als ich zu ihr hinüberschaue, können wir keinen Blickkontakt herstellen.

Ich frage mich, ob ihre letzte Bemerkung auf mich gemünzt war. Natürlich. Ich habe schließlich noch den Anruf angenommen, als wir gerade alles gepackt hatten, ins Auto steigen und aufbrechen wollten. Ich hätte nicht rangehen sollen. Es waren keine Neuigkeiten, doch ich hatte gehofft, es wären welche. Stattdessen habe ich dreißig Minuten für ein sinnloses Gespräch mit einem Headhunter vergeudet und so – ja, ich weiß – dafür gesorgt, dass wir zu spät losgefahren sind. Wenn wir bei der Bäckerei ankommen, werden die Croissants ausverkauft sein, das weiß ich auch.

»Ja, ich weiß noch, wo das ist. Hässliche Ladenzeile, aber klar, wir können dort gern anhalten. Dann hast du also kein Problem mehr mit Gluten?« Eine Zeitlang hatten Mia und ihr aktueller Arzt den Verdacht, ihr nervöser Magen, ihr Gewichtsverlust und ihre Verdauungsprobleme könnten an einer Glutenunverträglichkeit liegen. Doch nachdem sie ein paar Wochen auf Weizenprodukte verzichtet hatte und sich keine Besserung einstellte, war ich froh, dass sie diesem Trend nicht länger hinterherrannte. Vegetarierin ist sie allerdings immer noch, und wenn wir essen gehen wollen, hat sie keine große Auswahl und muss immer endlos das Personal ausfragen. Es ist wirklich lästig. Aber ich schiebe diese Gedanken beiseite. Meine Frau gibt einfach ihr Bestes.

»So wie es aussieht, liegt es nicht am Gluten«, sagt Mia und lächelt. »Also würde ich wirklich gern dort anhalten. Natürlich nur, wenn das für dich in Ordnung ist.«

Eigentlich hatte ich nicht vor, auf dem Weg zu unserem Wochenendhaus bei einer Bäckerei anzuhalten, die garantiert keine Croissants mehr hat. Mia weiß, ich bin ein Mann der Tat, und wenn ich einen Plan habe, dann ziehe ich ihn auch durch. Ich will lieber schnell ankommen. Aber heute ist Mias Wunsch mir Befehl.

»Wie Ihr wünscht, meine Liebe.« Ich bin der perfekte Ehemann. Ich muss lächeln, als ein Song aus der Anfangszeit unserer Beziehung im Radio anläuft. Es ist eine Kunst, die perfekte Playlist zusammenzustellen. Dieser Song, »Unforgettable«, war der Soundtrack zu unserer ersten gemeinsamen Nacht. Die unschuldige Mia, auch nach vier Jahren an der Uni war sie noch Jungfrau, hatte auf keinen Annäherungsversuch der Verbindungsjungs reagiert. Sie hatte auf einen älteren, gebildeteren Mann gewartet, einen Mann, der für sie sorgen würde, und den hatte sie in mir gefunden.

Ich hatte im besten Hotel von Columbus eine Suite mit Blick auf den glitzernden Fluss gebucht. Ein paar Monate waren wir schon zusammen gewesen, und ich hatte so lange gewartet, wie man es von einem Mann nur verlangen kann. Mia war nervös, sie hockte angespannt auf der Kante des rot-weiß gestreiften Polstersessels und umklammerte ihre Champagnerflöte wie eine Waffe, mit der sie sich notfalls verteidigen würde. Sie trug ein hellblaues Kleid, das gut zu ihren Augen passte und sich ihr ganz einfach über den Kopf streifen ließ, nachdem ich sie an mich gezogen und zum Tanzen aufgefordert hatte. Die Erinnerungen an diese Nacht sind immer noch ganz lebendig. Erst im Morgengrauen hatte ich sie davon überzeugt, bis zum Äußersten zu gehen. Sie machte sich Sorgen, weil sie ihrer Mutter ein Versprechen gegeben hatte. Bis ich zu ihr sagte: »Wenn im Wald ein Baum umfällt und niemand da ist, der es sieht, ist er dann überhaupt gefallen?« Sie lachte, und ich legte mich auf sie, hielt ihre Arme sanft über ihrem Kopf fest und presste meinen Mund auf ihren. Und sie gab nach. Endlich. Bei der Erinnerung lecke ich mir über die Lippen und rutsche auf dem Fahrersitz hin und her.

»Wer war da eben am Telefon? Die Arbeit?«, fragt Mia, als ich in der Auffahrt zurücksetze.

»Wer sonst? Manchmal habe ich den Eindruck, die kommen keine Minute ohne mich klar.«

Irgendein seltsamer Ausdruck huscht über Mias Gesicht, bevor sie sich abwendet und aus dem Beifahrerfenster schaut. Ich dachte, das Thema wäre abgehakt. Ich sollte mich für die Verzögerung entschuldigen, tue es aber nicht. Eine einvernehmliche Stille breitet sich aus.

Ich muss zugeben, mir gefällt das Gefühl von Erfolg, das damit einhergeht, an einem Freitagmorgen hier aus meiner Nachbarschaft herauszufahren, neben mir meine Frau, und mich auf den Weg zu meinem Wochenendhaus zu machen. Ich fahre einen marineblauen Ford Flex, ganz bewusst. Damit unterstütze ich die amerikanische Wirtschaft und mache zugleich deutlich, dass ich für mein Ego weder einen schnellen Sportwagen noch eine schicke Limousine brauche. Nein, ich bin Familienvater und mir meines Status bewusst, alles zugleich. Wir verkörpern hier den American Dream.

Meine Frau blickt immer noch aus dem Fenster und bewundert offensichtlich die ersten Anzeichen des Frühlings um uns herum. Die Vorgärten werden wieder grüner, und die Bäume, so lange kahl nach den langen, düsteren Wintermonaten, blühen und sprießen. Unser Vorort wird wieder eine Augenweide, gerade rechtzeitig. Ich fahre auf den Freeway in Richtung Norden, durch die Innenstadt von Columbus, und empfinde Stolz für meine Heimatstadt, die inzwischen für mehr steht als nur für College-Sport. Sie wird erwachsen. Überall hält man uns mittlerweile für eine niveauvolle, weltoffene Stadt, nicht bloß eine Studentenstadt oder ein Kuhdorf. Ich muss jetzt nicht mehr »Columbus, Ohio« sagen. Wir erscheinen auf den internationalen Wetterkarten als die Stadt in Ohio. Unser Wetter ist wichtiger als das Wetter in Cleveland oder Cincinnati. Für mich ist das ein Zeichen, dass wir es als Stadt geschafft haben.

Während wir durch die Ausläufer des Stadtzentrums fahren, wo Wolkenkratzer in den strahlend blauen Himmel ragen, sind wir ironischerweise auf dem Weg aufs Land. Ganz egal wie sehr sich Columbus auch verändert, der Großteil von Ohio ist noch immer ländlich geprägt. Meine Frau und ich, wir verbringen unsere Zeit in unserer Vorstadt-Blase und fahren nur durchs Zentrum, wenn wir aus der Stadt hinauswollen. Wir sollten wirklich öfter die Innenstadt erkunden, stelle ich fest. Es gibt immer so viel mehr zu tun, als man an einem Tag schaffen kann. Deshalb mache ich gern Pläne.

Mia rutscht auf ihrem Sitz hin und her, beugt sich so weit zu mir, wie es mit angelegtem Sicherheitsgurt möglich ist, und fragt: »Glaubst du, die Erdbeerpflanzen haben Wurzeln geschlagen? Also, auf den Fotos, die Buck geschickt hat, sah es ganz danach aus. Vielleicht sind sie sogar ein bisschen gewachsen. Aber es kann ja immer noch etwas schiefgehen.« Mir fällt auf, dass sie jetzt ihr Handy in der Hand hält, ihre hübschen Finger, betont von einem fröhlichen roten – erdbeerroten – Nagellack, huschen eilig über die kleine Tastatur. Sie war Texterin in der Werbeagentur, als ich sie kennenlernte, und sie kann immer noch erstaunlich schnell tippen.

»Hier steht, man soll Erdbeerpflanzen nur in einer seriösen Gärtnerei kaufen. Ich bin einfach nicht sicher, ob ich die richtigen geholt habe. Und sie brauchen große Anpflanzlöcher, breit genug, damit man das gesamte Wurzelsystem unterbringen kann, ohne die Wurzeln zu quetschen. Wirklich pingelige Pflanzen«, fährt sie fort. Sie zieht eine Schnute, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.

»Denen geht es bestimmt gut«, beruhige ich sie. »Niemand kümmert sich so gut um sie wie du.«

Ein schwarzer Sportwagen zieht rechts an uns vorbei, eigentlich ist es nur ein metallisches Blitzen, weil er so schnell fährt. Ich habe ihn im Rückspiegel gar nicht herankommen sehen. Komisch, wie sich manche Sachen anschleichen, wie aus dem Nichts.

»Es ist ein bisschen so, als hätten wir wieder Babys. Oder Welpen«, bemerkt sie und beachtet das Rennauto gar nicht, als ich den Blinker setze und auf die Überholspur wechsle. »Hier steht, man soll sie nicht zu tief pflanzen. Die Wurzeln sollen bedeckt sein, aber das Herz direkt an der Oberfläche. Ich sollte Buck anrufen und ihn bitten, mal nach den Herzen zu sehen.«

Sie wirft mir einen Blick von der Seite zu und bemerkt zweifellos mein Grinsen. B-U-C-K, was ist das überhaupt für ein Name? Im Ernst jetzt. Aber abgesehen von seinem albernen Namen ist Buck Overford schon ein netter Kerl, glaube ich. Am See ist er unser Nachbar. Er ist Witwer, obwohl er ungefähr so alt ist wie ich, und unterhält sich mit meiner Frau gern übers Gärtnern. Ich sollte das klarstellen: Ich bin fünfundvierzig, aber Mia ist erst dreiunddreißig. Vom Alter her ist Buck näher an mir als an ihr, vielleicht sogar etwas älter. Aber ich sehe ohnehin jünger aus. Wir sind nun wirklich keine alten Knacker, aber er hat diese Leidenschaft fürs Gärtnern, was meiner Meinung nach eher so ein Frauending ist, und das lässt ihn in meinen Augen älter wirken, schwächer.

Zumindest behauptet Mia, dass sie und Buck sich übers Gärtnern unterhalten, seit wir ihn letzten Sommer kennengelernt haben. Direkt nachdem unser Möbelwagen abgefahren war. Er kam mit einer Flasche Merlot vorbei, einem sehr guten, wenn ich mich recht erinnere, und wir verbrachten zu dritt einen netten Abend auf der Veranda, bis es Zeit war, die Jungs zu finden und ins Bett zu bringen. Am See sind die Jungs immer wie frei laufende Hühner, auch schon in den Sommern, in denen wir noch mieteten. Kaum waren wir Eigentümer, hatten sie offenbar ihren Radius erweitert.

Es gab für sie zahllose tolle Aktivitäten am See, von Segelstunden über Shuffleboardspielen bis hin zu Skateboarden und Fahrradfahren. Manchmal fanden wir sie am Ufer, wo sie Steinchen flitschen ließen, als wären sie einem Gemälde von Norman Rockwell entsprungen. Alles war vollkommen sicher, und diese endlosen Sommerbeschäftigungen machten unseren Jungs so großen Spaß, dass sie uns anflehten, so oft es ging nach Lakeside zu fahren. Doch sie zur Schlafenszeit zu finden, einzufangen und ins Bett zu verfrachten war eine Prozedur, die am besten in der Familie blieb. Bei diesem nervenaufreibenden Manöver wollten wir keine Zeugen.

»Du hast recht. Kein Grund, Buck zu belästigen. Ich sehe nach den Pflanzen, sobald wir da sind«, stimmte Mia mir zu, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Handydisplay zuwendet.

»Gute Entscheidung.« Ich werfe einen Blick in den Rückspiegel, um nach weiteren heranrasenden Sportwagen Ausschau zu halten. Natürlich hatte ich auch mal einen teuren Sportwagen, und wahrscheinlich werde ich eines Tages wieder einen haben, wenn mein Lebensstil sich wieder ändert. Ich betrachte die Ausstattung meines zweckmäßigen Ford Flex. Hier ist Platz für die ganze Familie und so viele Erdbeersetzlinge, wie Mia pflanzen kann. Ich kann mehr Sportausrüstung für die Jungs transportieren, als sie selber tragen können. Es ist ein vernünftiges, praktisches Auto. Für einen verantwortungsvollen Familienvater. Es passt perfekt zu mir, dieses Auto. Zu mir und meiner heißen, neuerdings wieder schlanken Frau. Aber wenn sie noch mehr Gewicht verliert, verschwindet sie noch. Es ist ein Jammer, dass sie in letzter Zeit so sehr mit Übelkeit zu kämpfen hat. Ihr neuester Arzt ist davon überzeugt, es sei stressbedingt, und hat ihr empfohlen zu meditieren.

»Wusstest du, dass man die Ableger der Erdbeerpflanze ›Tochterpflanzen‹ nennt?«, fragt Mia. Die Luft zwischen uns vibriert auf einmal, ich spüre es. Ping.

»Nein, wusste ich nicht«, antworte ich und atme scharf ein, bevor es mir überhaupt bewusst wird. Komisch, dass das Fehlen einer Tochter einem zu den seltsamsten Gelegenheiten den Atem rauben kann. »Warum nicht ›Sohnpflanzen‹? Wie sexistisch.«

»Ich wünschte mir immer noch, wir würden es weiter versuchen«, sagt Mia ruhig und macht schon wieder dieses uralte Fass auf. Bei diesem alten, abgedroschenen Thema kommt mir die Galle hoch. Ich huste, räuspere mich und versuche, die düsteren Gedanken zu vertreiben.

»Können wir diese Diskussion wenigstens heute einmal nicht führen?«, frage ich. Ich konzentriere mich auf das Ackerland, das sich rechts und links der Straße erstreckt. Wir sind endlich dem Dunstkreis der Stadt entkommen, endlich frei von den Verpflichtungen, den riesigen Bürogebäuden, den Maßanzügen und Country Clubs, die einem Teil der Bevölkerung so wichtig sind. Wenn ich auf dem Land leben müsste, würde mir natürlich das Golfspielen fehlen. Und so viele andere Sachen. Ein Besuch auf dem Land ist etwas fürs Wochenende, eine Stippvisite bei unserem häuslichen, simpleren Alter Ego. Nichts für die Dauer. Ich hoffe, wir streiten uns nicht schon gleich am Anfang unserer Landpartie.

Mia dreht sich zu mir um, und in ihren Worten kann ich ihr zartes, freundliches Lächeln ausmachen: »Natürlich. Kein Streit. Das ist unser besonderer Tag, der Auftakt zu einem wunderbaren Wochenende. Ich wusste bloß bis eben gar nichts von Erdbeersetzlingen und ›Tochterpflanzen‹. Ich hätte Paprika anbauen sollen.« Ihre sanfte Stimme ist ein tückischer Dolchstoß mitten ins Herz. Diese Bemerkung mit den Paprika ist ein Stich. Klar, wir hätten versuchen können, noch mal schwanger zu werden, aber ich war überzeugt, dass es doch wieder ein Junge werden würde. Wir hatten schon zwei kleine Prachtexemplare, beide eine Miniaturausgabe von mir, genau wie es sein soll. Ich verstehe schon, dass es Mia gefallen würde, auch eine kleine Version von sich selbst auf der Welt zu sehen, die in ihre Fußstapfen tritt. Aber wozu das Schicksal herausfordern?

Ich werfe meiner Frau einen Blick zu. Hat Mia sich da gerade über die Augen gewischt? Nein, das war bestimmt eine Wimper. Das Thema ist fast so alt wie Sam, unser Jüngster, und der ist schon sechs. Seit sechs Jahren streiten wir nun schon – oder sind vielmehr unterschiedlicher Meinung – über unsere Phantomtochter. Lilly wäre ihr Name gewesen, das erzählt Mia wieder und wieder. Seit sechs Jahren. Es ist absurd. Sie sollte dankbar sein, zum Beispiel für ihre Erdbeertöchter hinter ihrem wunderschönen Haus am See. Sie sollte dankbar sein für alles, was sie hat, alles, wofür ich gesorgt habe, und nicht um etwas weinen, was nie existiert hat. Ich umklammere das Lenkrad und sehe, wie meine Knöchel weiß hervortreten.

»Oder Bohnen. Grüne Bohnen. Das wäre bestimmt lustig«, bemerke ich, bemüht darum mitzuspielen. Schon seit ich klein war, liebe ich grüne Bohnen. Ich weiß nicht warum, und ich habe es nie hinterfragt. Es ist einfach eine Tatsache, wie der unfassbar blaue Maihimmel oder die braun-grünen Felder, die sich meilenweit zu beiden Seiten der Straße erstrecken.

Einmal, als ich noch ein Kind war, sind meine Eltern mit uns in ein schickes Restaurant in der Stadt gegangen. Das war natürlich lange vor ihrem tragischen Unfall. Bevor alles anders wurde. Da sieht man es mal wieder: Etwas passiert, und – zack – schon ist nichts mehr, wie es mal war.

Die Leute sagen, es war wirklich Ironie des Schicksals, verdammtes Pech, dass meine Eltern an jenem Nachmittag beide beschlossen, ein Nickerchen zu machen. Moms Bekannte in der Nachbarschaft erzählten der Polizei, dass meine Mutter sich sonst nie zu einem Mittagsschlaf hinlegte. Aber sie hatte Alzheimer im Frühstadium, also änderten sich die Dinge ständig. Um es kurz zu machen: An diesem Tag machte sie einen Mittagsschlaf. Mein Dad wurde auf seine alten Tage etwas langsam, auch wenn er dickköpfig war und es niemals zugegeben hätte. Er legte sich jeden Mittag hin. Meine Mutter litt zwar unter einer fortschreitenden Krankheit, aber noch funktionierte sie, hatte immer noch mehr Energie als er. Klar, sie vergaß Kleinigkeiten, wie den Namen der Nachbarin, aber bis dahin hatte sie noch nie etwas Entscheidendes vergessen, wie zum Beispiel den Motor abzustellen, nachdem sie den Wagen in die Garage gefahren hatte.

Jeden Tag von halb eins bis zwei machte mein Dad seinen Mittagsschlaf. Er nahm seine Hörgeräte heraus, schaltete im Fernsehen den Golfsender an und begann unerträglich laut zu schnarchen. Er klang wie ein außer Kontrolle geratener Zug, der über die Gleise quietscht. Ich sehe es förmlich vor mir, wie meine Mutter von ihren Besorgungen nach Hause kam, mit dem Auto in die Garage fuhr und auf den Knopf drückte, mit dem sie das Garagentor schloss. Dann wird sie ins Haus gegangen sein, wobei sie versehentlich vergessen haben wird, die Verbindungstür zwischen der Garage und der Wohnung zu schließen, während der Motor weiterlief. Sie wird Dads Güterzug-Schnarchen aus dem Schlafzimmer gehört haben und aus irgendeinem Grund beschlossen haben, sich an diesem Nachmittag zu ihm ins Bett zu legen. Vielleicht hatte sie zu viel zu Mittag gegessen und Magenschmerzen, vielleicht beschloss sie deshalb, ein Schläfchen zu machen? Die Ermittler fanden jedenfalls eine Packung Tums Magentabletten auf ihrem Nachtschränkchen.

Ich finde den Gedanken tröstlich, dass die beiden friedlich eingeschlafen sind, wie bei einer Narkose vor einer Operation. Die Krankenschwester gibt einem die Spritze, und ehe man von zehn runtergezählt hat, ist man weg. Nur dass sie eben nicht mehr aufgewacht sind. Der stille Tod, so nennt man eine Kohlenmonoxidvergiftung. Nachdem es passiert war, brachte ich bei uns im Haus Warnmelder an, auch wenn pro Jahr höchstens vierhundert Menschen an dem farblosen, geruchlosen Giftgas sterben. Trotzdem muss man vorsichtig sein, jede Gefahr in Betracht ziehen. Allem und jedem immer einen Schritt voraus sein. So läuft es heutzutage in der Welt.

Aber vor der Tragödie, als ich noch ein Kind war, sind meine Eltern manchmal in den schicksten Restaurants der Stadt mit uns essen gegangen. Das geschah nur, wenn mein Dad gute Laune hatte, wenn er eine Bonuszahlung erhalten und sie nicht sofort versoffen hatte. Wir waren herausgeputzt in unseren kleinen Anzügen mit Krawatte, Mom strahlte uns an und sagte, wir seien die hübschesten Männer, die sie je gesehen habe, und dann fuhren wir zum Restaurant The Old Clock Tower. Alle Kellner hatten einen Narren an meinem Bruder und mir gefressen. Dort habe ich zum ersten Mal perfekt zubereitete grüne Bohnen gegessen, fein geschnitten in einer buttrigen Senfsauce. Ich weiß noch, wie die Bohnen im Schein der Kerzen auf dem Tisch glänzten. Ich schmecke immer noch den ersten Bissen, spüre immer noch das Lächeln, das sie mir aufs Gesicht zauberten. Diese Bohnen waren ganz anders als die, die es zu Hause gab.

Mia und ich haben kein Stammrestaurant, in das wir regelmäßig mit den Jungs gehen. Jedenfalls keins mit flackernden Kerzen und blendend weißen Tischdecken. Dafür sitzen wir ziemlich regelmäßig zusammen am Küchentisch. Am Esszimmertisch nie, noch nicht. Die Jungs sind noch zu ungeschickt und würden nur auf unseren teuren Perserteppich kleckern. Ein Geschenk von Mias Eltern, ein Souvenir von einer ihrer exotischen Reisen – natürlich. Ich habe den Teppich mal gegoogelt, er ist über siebzigtausend Dollar wert. Also finden die Familienmahlzeiten in der Küche statt, auch wenn man weder Mia noch mich als guten Koch bezeichnen kann – beileibe nicht. Manchmal helfe ich dabei, ein paar Sachen in den Topf zu werfen, aber ehrlich gesagt ist normalerweise Mia für die Mahlzeiten zuständig. Aber das ist ja auch logisch: Sie ist die Hausfrau. Doch dann wiederum verstehe ich nicht, warum sie in all unseren gemeinsamen Jahren ihre Kochkünste nicht verbessert hat. Ich weiß, dass sie in Kochbücher und sogar Kochkurse investiert hat, doch selbst ihre besten Versuche würde ich maximal mit einer Drei bewerten. Verglichen mit gehobener Küche sind sie gerade mal essbar. Jede Woche am Italienischen Dienstag quälen die Jungs und ich uns durch »Mama Mias Lasagne«. Jede Woche ist sie wieder matschig und so gut wie geschmacksneutral. Es ist wirklich eine Schande.

Bei den seltenen Gelegenheiten, wenn ich für das Essen zuständig bin, gehe ich mit den Jungs gern zu Panera. Das ist nicht so schlimm, wie bei McDonald’s oder Wendy’s zu essen. Obwohl wir das natürlich auch machen. Bitte verraten Sie es nicht Mia. Nein, Panera ist fast ein Restaurant, eine Stufe über, sagen wir mal, einer Pizzabude oder Fast Food. Manchmal versuche ich die Jungs dazu zu überreden, dort grüne Bohnen zu bestellen. Aus Tradition, Sie verstehen? Aber sie haben keinen Sinn dafür. Mikey fasst sich sogar an den Hals und macht Würgegeräusche. Er isst überhaupt nichts, was grün ist, sagt Mia. Sie sagt, er werde sich schon noch daran gewöhnen, seine Geschmacksnerven werden reifen. Meine Geschmacksnerven hatten damals keine Wahl, Daddy sei Dank. Da wurde gegessen, was auf den Tisch kam. Aber ich liebe meine Kinder. Diese kleinen Kerle. Trotz der Ähnlichkeit frage ich mich manchmal, ob sie überhaupt von mir sind. Sie sind so perfekt.

»Grüne Bohnen«, wiederholt Mia und reißt mich damit aus meinen Gedanken über Elternschaft und Nachwuchs und Krümel auf teuren Teppichen. Sie hat das Gesicht abgewandt, betrachtet wie gebannt das Ackerland, das vor dem Fenster vorbeizieht. Ich kann ihr Gesicht nicht sehen, bemerke aber einen Ton in ihrer Stimme, etwas, das sich so anhört wie das Gefühl, wenn man einen Witz nicht versteht. Als wäre man selber der Witz. Als wäre man ein Idiot. Nur jemand, den man liebt, kann einem dieses Gefühl geben.

»Ich frage Buck mal, ob das möglich ist, über den Sommer.« Ich sehe sie nicken, die Landschaft zieht vorbei, und der Gesamteffekt macht mich schwindelig. Ich schaue wieder auf die Straße.

Seit wann fragt sie good old Buck bei allem, was mit dem Garten zu tun hat, um Rat? Und worüber sprechen Buck und Mia sonst noch? Übers Wetter? Über die Vor- und Nachteile von Kunstdünger? Über unsere Ehe? Bald wird die Straße sich verengen, dann ist sie in jeder Richtung nur noch einspurig. Da wird es gefährlich. Eine zweispurige Landstraße verzeiht keinen Fehler.

[10:30 Uhr]

2

Dieser gleichförmige Abschnitt des Highways, die Strecke zwischen Columbus und, sagen wir mal, der großen Pilot-Raststätte, wo wir meistens zum Tanken anhalten, ist langweilig: flaches, blassgrünes Ackerland und vor den Fenstern kaum etwas, das die Fantasie anregt. An diesem Punkt der Reise fange ich normalerweise an, von unserem Ziel zu träumen, stelle mir vor, wie ich zum ersten Mal den See wiedersehen werde.

Ich weiß, was Sie jetzt denken. Träumt der Kerl allen Ernstes vom Eriesee? Ja, das tue ich. Wenn Sie noch nie dort waren, haben Sie jetzt wahrscheinlich den toten See aus den späten Sechzigern vor Augen, in den der brennende Cuyahoga River mündet. Damals war der Eriesee eine einzige Giftmülldeponie, Schwerindustrie säumte sein Ufer, das Abwasser aus Cleveland und die Pestizide und Kunstdünger der Landwirtschaft wurden in ihn hineingeleitet. Die Ufer waren von toten Fischen übersät. Dieser arme See gab den Anstoß für das Wasserschutzgesetz von 1972, Gott sei Dank. Oder, etwas aktueller, Sie haben vielleicht von den giftigen Algenblüten gehört, die den See in einen grünen Glibber verwandeln, der wie der Schleim aussieht, mit dem sie bei den Kids‹ Choice Awards, die die Jungs so gern schauen, die Gäste übergießen. Aber so oft passiert das nicht. Klar gibt es invasive Muscheln, und manchmal riecht es ekelhaft nach totem Fisch. Aber wenn ich auf einer Bank am Ufer sitze und zuhöre, wie das Wasser gegen die Felsbrocken schwappt, fühle ich meistens einfach Frieden. Ich schätze, jemand, der noch nie einen Sonnenuntergang am Eriesee gesehen hat, wird es nicht verstehen. Aber es ist wunderschön. Und wenn man den Kopf nicht zu weit nach links oder rechts wendet, kann man sich beinahe einbilden, man säße am Meer. Wenn die Sonne im Wasser versinkt, fühlt man sich, als könne man irgendwo ein völlig neues Leben anfangen. Dann wäre alles ganz einfach, genau wie in der kleinen Siedlung am Seeufer, wo unser Wochenendhaus unter einer riesigen Eiche steht. Romantisch, nicht wahr?

Unser Haus befindet sich in einer geschlossenen Wohnanlage mit dem treffenden Namen Lakeside, eine Chautauqua-Gemeinschaft, die vor über hundertvierzig Jahren von einigen Methodistenpredigern als Sommerfrische für Erwachsenenbildung und kulturelle Bereicherung, gewürzt mit einer ordentlichen Prise Religion, gegründet wurde. Nicht, dass ich etwas gegen Religion hätte, wirklich nicht, ich bin nur nicht damit aufgewachsen, und wir erziehen unsere Kinder auch nicht religiös. Aber das heißt nicht, dass wir die Annehmlichkeiten nicht zu schätzen wüssten, mit denen diese guten Christenmenschen die Gemeinde gesegnet haben. Selbst ein Atheist wie ich weiß diese Vorzüge zu würdigen.

Sogar die Präsidenten Ulysses S. Grant und Rutherford B. Hayes waren irgendwann mal in Lakeside. Und Mia betont gern, dass auch Eleanor Roosevelt hier war. Sie zitiert diese Frau ziemlich oft. Ich nicht. Ich finde sie zu hässlich – im Ernst, dieses Gesicht ist doch wirklich abscheulich. Ich würde nicht jeden Tag neben so einem Gesicht aufwachen wollen. Aber Mia ist das egal. Sie sagt, Eleanor Roosevelt inspiriert sie dazu, jeden Tag etwas zu tun, das ihr Angst macht. Sie hat das anders ausgedrückt, aber Sie verstehen, was ich meine. Ich habe erwidert, dass mir diese Frau Angst machen würde, wenn sie mir nachts auf einer dunklen Straße entgegenkäme, aber Mia hat nicht gelacht.

Lakeside ist jedenfalls eine herrliche kleine Siedlung, sie liegt auf einer Halbinsel zwischen Toledo und Cleveland. Aber denken Sie jetzt nicht an eine dieser großen, schmutzigen Städte, die die Wetterkarten vergessen haben. Stellen Sie sich ein Städtchen vor wie in Mayberry R.F.D. Kennen Sie die Sendung noch? Nein, ich bin natürlich nicht so alt, dass ich die noch gesehen hätte, aber denken Sie einfach an Ron Howard und Sommersprossen und einfachere Zeiten – genauso ist es. Die Holzhäuschen wurden ursprünglich so gebaut, dass der See der natürlichen Klimaregulierung dient. Jetzt, mit der globalen Erwärmung, haben die meisten eine Klimaanlage.

Auf der kleinen Hauptstraße befinden sich eine Pizzeria, ein Laden mit den besten Kartoffeldonuts mit Zuckerguss der Welt, Souvenirgeschäfte und so weiter. Es gibt auch ein historisches Gasthaus von 1875, in dem es meiner Meinung nach spukt. Mit seinen alten, unebenen Holzböden, den knarrenden Türen und dem muffigen Geruch finden andere es vielleicht charmant, aber mich gruselt es. Für meinen Geschmack sind die Fenster zu hoch und zu schmal, als hätte das Haus etwas zu verbergen. In den Siebzigern sollte das Gebäude plattgemacht werden, die Hälfte der Zimmer war so unbewohnbar, wie der See verschmutzt war. Doch eine Gruppe von Anwohnern rettete es vor dem Abriss und brachte es langsam wieder auf Vordermann. Gute Arbeit, auch wenn ich bezweifle, dass sie jemals selbst dort übernachten. Aber es liegt direkt am See, und alle sagen, es sei zauberhaft. Meine Lieblingsplätze sind der Anleger und das Bootshaus. Es ist so typisch amerikanisch mit seiner hübschen viktorianischen Dachlinie und seiner hervorragenden zentralen Lage. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie die Besucher damals per Boot ankamen. Ich mag das Gefühl, wenn ich am Ende des Anlegers stehe. Die Umgebung gefällt mir, es ist als wäre sie eine Filmkulisse: Oh, schaut mal, da ist der gutaussehende, reiche Großstädter Paul Strom, der in seinem Rückzugsort am See einen sorgenfreien Tag voller Müßiggang genießt. Wirklich präsidial.

Ich glaube, heutzutage schaffen es die Präsidenten nicht einmal mehr bis nach Cleveland, unserem entfernten Nachbarn im Osten, geschweige denn in unsere kleine Oase am See. Aber das ist auch gut so. Zu viele Leute haben sie schon für sich entdeckt. Als die Jungs noch kleiner waren, kamen wir jeden Sommer mit den Boones hierher, die in Columbus zwei Häuser weiter wohnen. Das machten wir ungefähr dreimal, dann mieteten wir uns selbst ein Haus. Als wir die Boones danach einmal in der Pizzeria trafen, war es gar nicht mal so unangenehm. Sie hatten mit der Sache abgeschlossen und andere Nachbarn eingeladen, die unseren Platz in ihrem großen Ferienhaus eingenommen hatten. Bis zum letzten Sommer konnten wir uns kein eigenes Haus leisten. Aber als es endlich so weit war, kauften wir eins in der gleichen Straße, in der Greg und Doris Boones prächtiges Sommerhaus steht. Natürlich nicht so groß. Aber weil unseres sich auf einem höher gelegenen Grundstück ein Stück die Straße hinauf befindet, schauen wir jetzt ironischerweise auf sie hinab. Für uns ist damit ein Traum wahr geworden, besonders für Mia.

Am liebsten fahren wir kurz vor oder kurz nach der Hauptsaison nach Lakeside. Die Hauptsaison sind die zehn Wochen im Sommer, wenn es von Touristen nur so wimmelt und die Tore geschlossen sind. Dann müssen sogar Eigentümer die albernen Torgebühren zahlen. Für mich ergibt das keinen Sinn, aber so ist es nun mal.

Aber auf der Habenseite – und heute ist schließlich ein Tag für positives Denken – ist Lakeside ein wunderbarer Ort, vor allem während der relativ einsamen Nebensaison wie jetzt. Ich erinnere mich noch an unsere erste Reise hierher, damals, als wir frisch verheiratet waren und die Boones uns eingeladen hatten. Wir waren begeistert von der Möglichkeit, Baby Mikey bei meinen Eltern zu lassen und ein Wochenende allein zu verbringen, nur wir zwei und andere junge Eltern. So fingen sie an, die guten Zeiten in Lakeside, und das nur dank der Boones. Wir spielten Karten, vor allem Euchre. Wir tranken zu viel, aßen zu viel, und dann rauchten die Männer auf Greg Boones Veranda hinter dem Haus Zigarren, während sich die Frauen auf Doris Boones Frontveranda in den überdimensionierten weißen Korbstühlen mit rosa Kissen entspannten und plauderten. Hinter dem Haus konnten wir sie lachen hören, wahrscheinlich machten sie sich über uns lustig. Wir Männer verdrehten nur die Augen – Frauen sind eben Frauen, nicht wahr?

Wenn Sie mich fragen, muss ich sagen, dass ich bis heute nicht weiß, was eigentlich vorgefallen ist, warum die Boones uns irgendwann nicht mehr eingeladen haben. Aber was soll’s? Wir kamen ja dann auch ohne sie jeden Sommer hierher, brauchten keine Einladung mehr, mieteten wunderbare Häuser für uns allein. Und inzwischen besitzen wir sogar selbst eins, auf einem grasbewachsenen Grundstück oberhalb von dem der Boones. Wenn ich auf meiner von Fliegengitter geschützten Veranda sitze, kann ich Greg Boone mit seinem aktuellen männlichen Gast auf der hinteren Veranda sitzen und geschmuggelte kubanische Zigarren rauchen sehen. Aber wer braucht schon Lungenkrebs? Ich jedenfalls nicht. Ich finde, alles ist richtig gut gelaufen.

Genau wie die Boones haben wir unseren Hauptwohnsitz im begehrten Vorort Grandville im Nordwesten von Columbus, ungefähr zwei Stunden südlich vom Eriesee. Alles, was wir auf der Welt besitzen, befindet sich in Ohio, in diesem politisch entschiedenen, küstenmäßig unterprivilegierten Staat. Ich bin ein »Ureinwohner«, in dem Vorort aufgewachsen, in dem wir auch jetzt unsere Kinder aufziehen. Verraten Sie es niemandem, aber damals galt er noch nicht als vornehm. Nein, Grandville wuchs zu seiner – na ja – Größe, um einen treffenden Ausdruck zu verwenden, heran, als die Ohio State University und Columbus an Prominenz und Reichtum gewannen. Davor war Grandville ein Viertel für Schlachter und Fabrikarbeiter und so weiter. Jetzt wimmelt es hier von Country-Club-Gören und Männern wie mir, die niemals Schwielen an den Händen haben werden. Im Grunde ist es wie bei meinem Dad und mir. Schwielig gegen kultiviert. Aber was das eigene Zuhause angeht, fällt bei uns in der Familie der Apfel nicht nur sprichwörtlich nicht weit vom Stamm – der Apfelbaum in unserem Garten ist tatsächlich aus einem Samen aus dem Nachbargarten gesprossen. Meine Eltern wohnten im wahrsten Sinne des Wortes gleich nebenan. Vor dem Unfall.

Ja, ich habe das Haus neben meinem Elternhaus gekauft, sogar schon bevor ich Mia kennenlernte. Ich wusste, wo ich leben wollte, und als es zum Verkauf stand, war ich vorbereitet. Das Leben erfordert eine sorgfältige Planung, finden Sie nicht auch? Meine Frau hat sich an dieses Arrangement gewöhnt, obwohl sie anfangs, wie jede junge Braut, natürlich ihre Bedenken hatte. Mia kam nicht von hier, also wusste sie nicht, wie praktisch es sein kann, Familie in der Nähe zu haben, wie nett es ist, wenn die Kinder ihre Großeltern kennen und einfach zu ihnen hinüberlaufen können. Doch nachdem unser Haus auf Vordermann gebracht worden war, lernte sie die Konstellation zu schätzen. Selbstverständlich überließ ich die Renovierung Mia und ihrer Mutter. Jetzt erinnert nichts mehr an die primitive Junggesellenbude, in der ich vorher wohnte. Doch das gehörte alles zu meinem Plan. Ich stellte die Hülle zur Verfügung, laut Maklerkatalog ein »Traumhaus von 1931«, das lediglich »ein wenig liebevoller Pflege« bedürfe. Mia und ihre Eltern sorgten für die Pflege und einiges mehr. Unser Hochzeitsgeschenk. Zum Dank schenkte ich Mias Mutter Phyllis eine antike mosaikbesetzte Pillendose.

»Die ist traumhaft, vielen Dank. Die kommt in meine Sammlung, zu den anderen, die Sie mir geschenkt haben. Sie sind so aufmerksam. Und eine mit Mosaik habe ich noch nicht, woher wussten Sie das, Paul?« Phyllis schlang mir ihre knochigen Arme um die Hüfte. Ich bemühte mich, nicht zusammenzuzucken.

»Wahrscheinlich Intuition, Phyllis«, brachte ich heraus, obwohl ich es ganz genau wusste. Ich hatte ein Foto abgespeichert, das Mia einmal von Phyllis‹ Sammlung gemacht hatte, von den kleinen Trophäen, die auf einem verspiegelten Tischchen in ihrem Schlafzimmer ausgestellt sind. Es ist wirklich wichtig, sich seine Schwiegermutter warmzuhalten.

Bevor meine Eltern starben, gingen wir mit den Jungs morgens oft durch unseren Vorgarten hinüber zum Vordereingang von Moms und Dads einstöckigem Haus, um sie übers Wochenende bei den Großeltern abzuliefern. Die Jungs waren damals noch nicht alt genug, um zu bemerken, wie klein das Haus verglichen mit den anderen in der Straße war. Ich warte nur darauf, dass die neuen Besitzer es abreißen lassen und eine fette Villa auf das Grundstück setzen.

Damals jedenfalls begrüßte uns der Duft von Moms berühmten Chocolate Chip Cookies und der vertraute Lärm der Zuschauer irgendeiner Sportveranstaltung aus dem Fernseher, den mein Vater immer viel zu laut aufgedreht hatte. In einer Ecke im Schlafzimmer meiner Eltern stand jetzt wieder der Schaukelstuhl, in dem meine Mutter mich als Kind immer beruhigt hatte. Im Wohnzimmer tauchten auf wundersame Weise meine alten Bauklötzchen wieder auf, sobald Mikey alt genug war, um daraus Burgen zu bauen.

Klingt idyllisch, was? Genauso, wie das Leben für meine privilegierten Söhne sein sollte. Ein luxuriöses Haus mit kostspieligen Möbeln, hingebungsvolle Großeltern direkt nebenan, eine nicht berufstätige Mutter und ein hart arbeitender Vater. Meine Jungs konnten sich ins gemachte Nest setzen. Und sie liebten meine Eltern, vor allem meine Mutter. Für mich war das perfekt – solange mein Dad und meine Mom sich beide an meine Regeln hielten. Familie ist Familie. Die Familie steht über allem und so weiter. Wenn sie nicht gebraucht werden, schön, dann können sie andere Pläne machen. Aber die Enkelkinder haben an erster Stelle zu stehen. Diese Regel haben meine Eltern nur ein einziges Mal gebrochen. Ich finde, für die Kinder des Lieblingssohns muss man sich immer Zeit nehmen, was auch passiert, finden Sie nicht auch?

Nun, da meine Eltern nicht mehr da sind, müssen wir natürlich auf Babysitter ausweichen. Manche sind da patenter, andere weniger, und im Nachhinein betrachtet hätten meine Eltern wahrscheinlich trotz ihres Alters besser auf meine Söhne aufgepasst als die schlaksigen Teenager, die wir jetzt engagieren und viel zu gut bezahlen.

Meine Eltern wären zum Beispiel auch dieses Wochenende die bessere Wahl gewesen, zweifellos viel effektiver als Claudia, die heute Morgen eintraf und völlig übermüdet aussah. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen, und ihre Fingernägel waren bis aufs Fleisch abgekaut. Vielleicht nimmt sie Drogen, schießt es mir durch den Kopf, und ich frage mich, ob ich Mia darauf ansprechen soll. Lieber nicht. Sie würde bloß umkehren und die Jungs retten wollen. Aber wir brauchen diese gemeinsame Zeit, diesen wunderbaren Tag zusammen. Claudia ist nicht die Einzige, die erschöpft ist, ihr sieht man es nur am meisten an.

Ich bin ziemlich geschickt darin, meine Gefühle zu verbergen. Zum Beispiel fragt sich Mia, ob es mich stört, neben dem Geist meiner Eltern zu leben. Sie drückt es nicht so aus, sondern sagt nur so etwas wie, es sei seltsam, dass die neue Familie die Haustür in einem anderen Braunton gestrichen hat. Ich finde es vielmehr seltsam, dass sie das ganze Ding nicht schon längst abgerissen haben, aber das sage ich nicht. So etwas, solche Kleinigkeiten, stören mich nicht. Mich stören die großen Sachen, aber das lasse ich mir nicht anmerken. Pokerface-Paul nannten mich meine Jugendfreunde. Darauf bin ich stolz. In meinem Job ist das von Vorteil. Ich bin der geborene Verkäufer, und das ist wirklich keine Übertreibung. Ich weiß, viele Menschen mögen keine Verkäufer. Sie halten uns für ungebildet und niveaulos, ganz egal was wir verkaufen. Mir macht das nichts aus, solange ich gutes Geld verdiene. Und das tue ich schon immer. Als wir uns kennenlernten, hielt sich sogar Mia für etwas Besseres. Sie war Texterin im Kreativteam und ich nur ein Typ aus der Kundenberatung. Aber jetzt weiß sie, was was ist. Ich habe ihr ziemlich schnell beigebracht, wie es in der Welt läuft.

»Paul, ich muss mal«, sagt Mia und klappt die Zeitung zu, als könnte sie einfach aus dem Auto springen und sich irgendwo am Straßenrand der I-71 erleichtern.

»Oh, okay, ich fahre an der nächsten Ausfahrt ab und versuche, etwas Vernünftiges zu finden«, sage ich. Die Rastplätze an dieser Straße sind alle eher suboptimal.

»Aber sauber muss es sein«, fügt sie hinzu. Als hätte ich den Röntgenblick. Normalerweise machen wir auf dem Weg zu unserem Wochenendhaus keine Pinkelpause. Das wissen die Jungs, das weiß Mia. Aber bei ihrer geschwächten Konstitution, und heute, am besten Tag von allen, werde ich eine Ausnahme machen, ohne sie zurechtzuweisen. Heute bin ich guter Laune, heute bin ich flexibel.

»Gut. Tankstelle oder Fast Food? Du hast die Wahl.« Ich will mir nicht vorwerfen lassen, ich hätte die falsche Toilette für sie ausgesucht. Auch wenn ich keine Lust zum Anhalten habe, bleibt mein Tonfall freundlich.

»Erst mal möchte ich meine Optionen sehen«, antwortet sie und schlägt ihre Zeitschrift wieder auf. Sie könnte es ruhig ein bisschen würdigen, dass ich extra für sie eine Rast einlege, aber ich sage nichts, sondern werfe ihr bloß einen Blick zu. Sie ist wieder in das banale Klatschblatt auf ihrem Schoß vertieft.

Sie sollte diesen Schrott nicht lesen.

»Du weißt, dass da nichts als Tratsch drinsteht. Diese ganzen Geschichten über die Promis sind alle erfunden. Keiner ist so glücklich oder so traurig, wie es in diesen Heftchen dargestellt wird. Das wahre Leben findet in der Mitte statt. Im mittleren Westen, wie hier, mitten im Nirgendwo, wie gerade, und mitten zwischen, na, zwischen uns«, sage ich. Heute fühle ich mich poetisch, auch wenn ich keine Sekunde lang glaube, ich wäre normal oder in der Mitte von irgendetwas.

»Paul, ich habe dich noch nie sagen hören, du seist mittleren Alters«, sagt Mia. Ich glaube, sie macht sich über mich lustig, in ihrer Stimme ist so ein Unterton.

»Bin ich auch nicht«, behaupte ich. »Die Leute in dem Heft da sind alle älter als ich. Aber die werden nachbearbeitet. Wenn du sie auf der Straße treffen würdest, wärst du entsetzt, wie alt sie in Wirklichkeit aussehen. Die sind einfach nicht echt.« Ich bin das Thema leid. Ich war noch nie ein Freund von Tratsch und lese natürlich keine Klatschblätter, aber ich weiß, wie es in der Welt läuft. Die Leute reden. Verdammt, vor ein paar Jahren hat Mia von irgendwem gehört, dass die Leute glauben, wir wären nicht glücklich. Und vor Kurzem kam das Gerücht auf, ich hätte mit einer Verkäuferin im Einkaufszentrum geflirtet. Lächerlich. Ich kann Einkaufszentren nicht ausstehen. Ich kaufe grundsätzlich nur in Boutiquen oder online. Aber wer Gerüchte verbreitet, interessiert sich ja nicht für so etwas Nebensächliches wie Fakten.

Als jedenfalls vor ein paar Jahren die ersten Gerüchte aufkamen, begann Mia auf Facebook augenblicklich mit einer ›Rebranding‘-Kampagne, wie sie es nannte. Sie postete Fotos von uns an den unterschiedlichsten Orten, auf denen wir gemeinsam lachten. Einige von den Aufnahmen sind schon richtig alt, aber solange ich darauf gut aussehe, ist es mir recht. Sie sagt, es habe funktioniert, denn danach habe sie die Gerüchte nicht mehr gehört. Ich schon, aber das erzähle ich ihr nicht, und schon gar nicht werde ich ihr von dem Gerücht mit dem Einkaufszentrum erzählen, weil sie mich dann fragen würde, wann und wo und in welchem Zusammenhang ich es gehört habe. Und das kann ich ihr natürlich nicht sagen, ich tratsche schließlich nicht.

Ich blicke zu meiner Frau und sehe, dass sie einen Artikel über einen von diesen Late-Night-Show-Moderatoren liest. Na, das würde ich auch hinkriegen. An einem Schreibtisch sitzen, mit berühmten Leuten über belangloses Zeug reden und fürstlich bezahlt werden. Ich weiß gar nicht, wie man überhaupt an so einen Job kommt. Als ich genauer hinschaue, fällt mir auf, dass der Typ in dem Heft fast so aussieht wie Buck, unser Nachbar am See.

Ein vornehmes Äußeres.

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