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Sterbekammer

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Elbmarsch, Mai 2010
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Ich – Tag 1
  11. Kapitel 3
  12. Kapitel 4
  13. Kapitel 5
  14. Ich – Tag 8
  15. Kapitel 6
  16. Kapitel 7
  17. Kapitel 8
  18. Kapitel 9
  19. Ich – Tag 12
  20. Kapitel 10
  21. Kapitel 11
  22. Kapitel 12
  23. Ich – Tag 20
  24. Kapitel 13
  25. Ich – Tag 23
  26. Kapitel 14
  27. Kapitel 15
  28. Kapitel 16
  29. Kapitel 17
  30. Ich – Tag 143
  31. Kapitel 18
  32. Kapitel 19
  33. Ich – Tag 1225
  34. Kapitel 20
  35. Kapitel 21
  36. Kapitel 22
  37. Kapitel 23
  38. Ich – Tag 2480
  39. Kapitel 24
  40. Kapitel 25
  41. Kapitel 26
  42. Ich – Tag 3215
  43. Kapitel 27
  44. Ich – Tag 3328
  45. Kapitel 28
  46. Kapitel 29
  47. Ich – Tag 3341
  48. Kapitel 30
  49. Ich – Tag 3344
  50. Kapitel 31
  51. Danksagung

Über dieses Buch

In einer abgelegenen Deichmühle wird die Leiche eines alten Mannes gefunden, der als starrköpfiger Eigenbrötler bekannt war. Als Polizistin Frida Paulsen in der Mühle auf eine verdeckte Bodenklappe stößt, ist sie zutiefst erschüttert, denn die Tür führt zu einer Kammer, die wie ein Gefängnis anmutet. Ihr Kollege Bjarne Haverkorn erinnert sich an eine junge Frau, die vor Jahren spurlos in der Marsch verschwand. Alles deutet darauf hin, dass die Entführte in der Kammer gefangen gehalten …

Über die Autorin

ROMY FÖLCK wurde 1974 in Meißen geboren. Sie studierte Jura, ging in die Wirtschaft und arbeitete zehn Jahre für ein großes Unternehmen in Leipzig. Mit Mitte dreißig entschied sie, ihren großen Traum vom Schreiben zu leben. Sie kündigte Job und Wohnung und zog in den Norden. Mit ihrem Mann lebt sie heute in einem Haus in der Elbmarsch bei Hamburg, wo ihre Romane entstehen. Ihre Affinität zum Norden kommt nicht von ungefähr, verbrachte doch ihr Vater seine ersten Lebensjahre in Ostfriesland. STERBEKAMMER ist der dritte Band ihrer Krimiserie um die beiden Ermittler Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn.

ROMY FÖLCK

STERBE
KAMMER

KRIMINALROMAN

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Für Tom. Für alles.
Du bist mein sicherer Hafen.

Elbmarsch, Mai 2010

Stille. Lediglich das Laub der Zitterpappeln rauscht im Wind, der über die Rapsfelder streicht. Die Frau lässt das Fahrrad rollen. Sie genießt das Lied der Blätter über ihrem Kopf und das Schattenspiel im Gesicht. Das Kleid flattert im Fahrtwind um ihre Beine. Erst als sie die Pappeln hinter sich lässt, tritt sie wieder in die Pedale. Das Vorderrad schlingert ein wenig, sie wird zu Hause den Reifen aufpumpen müssen. Ihr Mann wollte das gestern übernehmen, aber wahrscheinlich hat er es vergessen, als er mit den Jungs noch eine Runde Fußball spielte.

Heute Abend wird sie mit ihm anstoßen, wenn die beiden kleinen Monster im Bett sind. Auf ihre Gehaltserhöhung! Sie sei die gute Seele der Praxis, hatte die Tierärztin oft zu ihr gesagt. Sie halte alles zusammen. Aber mehr Geld wollte sie ihr jahrelang nicht zahlen. Bis sie sich notgedrungen nach einem neuen Job umgesehen hatte. Irgendwie mussten sie ja das Darlehen für das Haus abzahlen. Und ihr Mann verdiente nicht genug, um die Raten allein stemmen zu können. Bisher war es irgendwie gegangen, aber die Jungs wurden größer. Fußball, Schulausflüge, Klamottenwünsche. Das konnte sie von ihrem Gehalt nicht mehr leisten. Nur deshalb dieser Schritt, schweren Herzens, weil sie die Arbeit in der Praxis liebte. Und dann heute diese Überraschung. Ihre Chefin hatte sie zu einem Vieraugengespräch gebeten. Keine große Vorrede, sondern fünfhundert Euro brutto mehr Gehalt. Wenn sie bleiben und ihre Stunden aufstocken würde, die sie nach der Geburt ihrer Kinder auf dreißig herabgesetzt hatte. Wie die Ärztin von ihren Bewerbungsgesprächen erfahren hatte, wusste sie nicht. Ein Handschlag, damit war das Gespräch beendet gewesen.

Sie kann ihr Glück noch immer nicht richtig fassen. Insekten summen in den Blüten im Feld. Sie schlägt mit der Hand nach einer Biene. Die Bienenkästen eines Imkers stehen am Feldrand, bunte Quadrate vor dem Rapsgelb. Zu nahe darf sie ihnen nicht kommen. Ein Schwarm hat letztes Jahr eine Freundin beim Joggen verfolgt und übel zerstochen. Wenn es sehr warm ist, können die Bienen angriffslustig werden.

Sie fährt schneller, bis die Felder verschwinden. Auf einer Weide dösen Kühe im Schatten der Bäume. In einiger Entfernung ragt die alte Deichmühle auf. An den maroden Flügeln kann der Wind sich vergebens abarbeiten. Die drehen sich nicht mehr. Sie mag den Anblick, auch wenn dort schon ewig kein Korn mehr gemahlen wird.

Das Motorengeräusch hört sie schon, bevor der Geländewagen um die Kurve biegt. Er zieht eine Staubwolke hinter sich her. Sie steigt vom Rad und stellt sich an den Wegrand, um ihn vorbeizulassen. Der Wagen bremst ab und hält neben ihr an. Der Fahrer legt seinen Ellenbogen ins offene Fenster. »Moin, schöner Tag heute!«

Sie kennt den Mann nicht, aber sein offenes Lachen ist ansteckend. »Sie sagen es, einfach herrlich!«

»Ich glaube, ich habe mich verfahren. Geht es hier nach Altendeich?«

»Ja, genau. Fahren Sie einfach noch zwei Kilometer weiter. Sie kommen direkt im Dorf raus.«

Er betrachtet ihr Fahrrad. »Ich müsste auch öfter mit dem Rad fahren. Man gewöhnt sich viel zu sehr an die Bequemlichkeit und steigt für jeden Meter ins Auto.«

»Im Sommer nehme ich immer das Rad, wenn ich zur Arbeit fahre. Dieser Weg hier ist wunderschön!«

Sein Blick sucht ihren, verweilt einen Moment zu lang. »Sie wohnen hier in der Nähe?«

Die junge Frau stutzt. Flirtet er etwa mit ihr? Er ist viel älter als sie. Aber nicht unattraktiv. Kantiges Kinn, dunkle Bartschatten, seine Augen mustern sie, was sie irritiert. »Im Nachbardorf.« Sie weist in die Richtung hinter ihm.

»Warum sind wir uns dann noch nie begegnet?« Wieder dieses entspannte Lachen.

Tatsächlich! Er flirtet sie an, mitten in der Marsch. »Tut mir leid, mein Mann und meine Kinder warten schon.«

Er deutet ein Nicken an. »Sie haben da etwas im Haar.«

»Was?«

»Eine Biene, da …«

Erschrocken schüttelt sie ihre Haare aus. »Ist sie weg?«

»Nein.«

Ihre Hand sucht hektisch, kann aber nichts ertasten.

»Kommen Sie, ich helfe Ihnen.«

Die Frau beugt ihren Kopf zum Fenster, spürt seine Finger, die vorsichtig etwas abzupfen. Es ist reizvoll, dass ein fremder Mann sie berührt. »Haben Sie sie?«

»Gleich.«

Sie verharrt still. Schon lange hat sie kein Mann mehr so angesehen. Es ist der Reiz des Verbotenen, der ihr Herz schneller schlagen lässt. Dabei zupft er ihr nur eine Biene aus dem Haar.

Sie will sich aufrichten, da packt er plötzlich ihren Nacken. Bevor sie begreift, was geschieht, schlägt er ihre Schläfe mit voller Wucht gegen das Metall der B-Säule. Der Schmerz explodiert in ihrem Schädel. Benommen sackt sie zu Boden. Das Rad fällt auf den Weg.

Der Fremde steigt aus, schiebt das Rad mit dem Bein zur Seite. Er wendet sich ihr zu, knallt ihren blutigen Kopf brutal gegen das Fahrzeug, bis sie sich nicht mehr regt. Aufmerksam sieht er sich um, geht zum Kofferraum und öffnet die Klappe. Dann schleppt er ihren Körper nach hinten und hebt ihn hinein. Er nimmt einen Lappen aus dem Kofferraum und wischt das Blut von der Tür. Sein Blick fällt auf das Fahrrad. Der Mann sieht sich um, denkt nach. Er wirft das Rad hinter ein Gebüsch, nimmt die Tasche vom Weg. Sein Atem geht ruhig, als er prüfend in beide Richtungen sieht. Er steigt ein, startet den Motor und gibt Gas. Nur eine Staubwolke bleibt zurück. Und das Rauschen der Blätter im Wind.

Kapitel 1

Frida lief am Pförtner der Bezirkskriminalinspektion vorbei zum Fahrstuhl und schlug mehrfach auf die Ruftaste. Das Teammeeting der Mordkommission um acht Uhr war schon seit zwei Wochen angesetzt. Mails mit der Einladung waren herumgegangen. Ein zusätzlicher Aushang am Schwarzen Brett unterstrich die Dringlichkeit des Termins. Der neue Leiter der Mordkommission sollte vorgestellt werden, sein Vorgänger, Andreas Vollmer, verabschiedet. Dieser würde am Mittag den Stuhl seines Büros räumen.

Frida sah auf ihr Smartphone. 08.03 Uhr. Sie war zu spät, obwohl sie früher als sonst auf dem Hof ihrer Eltern in der Elbmarsch losgefahren war. Ein Unfall in einer Baustelle auf der Autobahn hatte sie aufgehalten. Die Anfahrt nach Itzehoe war momentan die reinste Tortur.

Sollte sie die Treppe nehmen? Das leise Pling des Lifts nahm ihr die Antwort ab. Die Tür öffnete sich viel zu langsam. Ungeduldig ließ sie zwei Kollegen heraustreten, die beim Betrug arbeiteten, nickte ihnen zu. Sie ging hinein und drückte auf den Knopf zum zehnten Stock. Wie in Zeitlupe schloss sich die Tür hinter ihr. Frida begann, ruhiger zu atmen.

Es tat ihr leid, dass Vollmer die Mordkommission verließ. Er hatte sie von Hamburg nach Itzehoe geholt und ihr den Einstieg leicht gemacht. An ihrem ersten Tag hatte er sie dem Team nicht als Frischling, sondern als gleichwertige Kollegin präsentiert. Er kannte ihre Vorgeschichte. Und ihre vagen Zweifel, ob es richtig gewesen war, zurück in den Polizeidienst zu gehen. Vollmer hatte sie darin bestärkt. Wie auch ihr Kollege Bjarne Haverkorn, der sich noch immer zu Hause von seiner schweren Rauchvergiftung erholte. Frida saß an seinem Schreibtisch, auf seinem Stuhl. Den sie gern für ihn frei machen würde. Seinetwegen war sie überhaupt wieder bei der Polizei.

Seit acht Wochen arbeitete sie nun in Itzehoe in der Mordkommission. Der Wechsel von der Hansestadt nach Schleswig-Holstein war nur möglich gewesen, weil ein Polizeikollege aus Kiel unbedingt nach Hamburg wollte. So konnte die wechselseitige Versetzung auf die Dienststellen über die Landesgrenze hinaus zügig vollzogen werden.

Während der Aufzug aufwärtsfuhr, fragte sie sich, ob Vollmer der Abschied von Itzehoe wohl schwerfiel. Er war fünf Jahre lang Leiter der Mordkommission gewesen. Nächste Woche würde er eine Stelle beim LKA in Kiel antreten, als Leiter des Sachgebiets 243 im Dezernat 24, zuständig für die Operative Fallanalyse. Eine neue berufliche Herausforderung. Er würde eine spezialisierte Ermittlergruppe, die Cold Case Unit, leiten. Spannende Aufgaben und ein neues Team warteten auf ihn. Da würden die letzten Jahre und die Provinz schnell vergessen sein. Außerdem würde er in Kiel näher bei seiner Tochter leben, die er seit der Trennung von seiner Frau nur selten sah. Offiziell freuten sich die Kollegen mit ihm, klopften ihm im Gang auf die Schulter, witzelten, dass er nun die Sessel beim LKA vollfurzen könnte. Aber insgeheim war sein Weggang ein herber Verlust für das Team in der zehnten Etage der Bezirkskriminalinspektion. Andreas Vollmer war einer von den Guten.

Der Fahrstuhl hielt an. Frida drängte sich durch die halb geöffnete Tür. Die Etage der Mordkommission war still und verwaist. Frida lief zum Konferenzraum und hörte eine gedämpfte Stimme. Sie zog die Tür auf, blieb stehen.

»… verlässt uns ein großartiger Kollege, Vorgesetzter und Freund.« Das Wort hatte Hanno Tehfs, der Leiter der BKI, der neben Vollmer und einem Mann im dunkelblauen Anzug stand. Das musste der Neue sein. Frida ging hinein und setzte sich auf den freien Stuhl neben Anja Schlüte, die ihr zuzwinkerte.

Tehfs sprach weiter, als habe er ihr Zuspätkommen nicht registriert. »Auch wenn wir dich, Andreas, nun an das LKA in Kiel verlieren, haben wir mit Nick Wahler einen großartigen Ersatz gefunden.«

Der Anzugträger sah in die Gesichter seines neuen Teams. Länger als bei den anderen verharrte sein Blick auf Frida, und sein Lächeln verschwand.

Der Leiter der BKI übergab das Wort an Andreas Vollmer, der mit einem leichten Beben in der Stimme über seine Jahre in der Mordkommission sprach. Der Abschied fiel ihm tatsächlich nicht leicht, das war ihm anzusehen. Tehfs warf einen schnellen Blick auf seine Armbanduhr. Wahler lächelte wie der Werbestar eines Zahnpasta-Spots und strahlte ein gesundes Selbstbewusstsein aus. Frida hatte gehört, dass er aus Lübeck zu ihnen wechselte, wo er als Gruppenleiter beim Kriminaldauerdienst in der Polizeidirektion tätig gewesen war. Mehr hatte sie nicht erfahren können. Er war einer vom Fach, mehr musste sie nicht wissen.

Nach Vollmers Rede verabschiedete sich Hanno Tehfs. Er müsse leider zu einem Termin im Innenministerium, entschuldigte er sich, drückte dem neuen und dem scheidenden Leiter der Mordkommission die Hand und ging hinaus.

Der Anzugträger wurde ernst. »Mein Name ist Nick Wahler, aber das wisst ihr ja längst.« Der neue Vorgesetzte wählte sofort das vertrauensvolle Du in seiner Ansprache, was normal war im Umgang der Kollegen in einer Mordkommission. Erst in höherer Leitungsebene begann in der polizeilichen Hierarchie das Siezen. »Ich bin fünfundvierzig, verheiratet und habe zwei Kinder. Meine Familie bleibt vorerst in Lübeck. So kann ich mich hier mit allen Kräften meiner neuen Aufgabe widmen.« Er machte eine effektheischende Pause, um den letzten Satz wirken zu lassen. Übersetzt sollte dies wohl heißen: Ich werde viel arbeiten, und das erwarte ich auch von euch. »Ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit. Meine Tür steht euch jederzeit offen, wenn ihr Fragen oder Anliegen habt. Eine Sache muss ich aber noch ansprechen: Ich hasse Unpünktlichkeit!« Er schwieg einen Moment und sah Vollmer an, der regungslos am Fenster stand. »Die Kollegin, die heute zu spät gekommen ist, möchte ich bitten, sich nach dem Meeting in meinem Büro einzufinden.« Er warf Frida einen Blick zu. »Ich werde mit jedem von euch Einzelgespräche führen, damit wir uns kennenlernen können. Aber vorher steht für euch nebenan ein kleines Buffet zu meinem Einstand bereit. Bitte, greift zu!«

Das Team klatschte zurückhaltend, und die Kollegen erhoben sich. Wahler drückte Vollmer die Hand. Dann begleitete er ihn zur Tür, wo er sich zu ihr umdrehte. Er sah sie an. »Du bist Frida Paulsen, richtig?«

Sie nickte überrascht.

»Kommst du?«

Frida fühlte ihre Anspannung, als sie ihrem neuen Vorgesetzten in sein Büro folgte. Wahler war den ersten Tag hier, sie hatten sich noch nie gesehen, und doch kannte er schon ihren Namen. Kein guter Start mit dem neuen Chef.

Bjarne Haverkorn steckte das Festnetztelefon in die Station zurück und blieb nachdenklich im Wohnzimmer stehen. Andreas Vollmer hatte sich soeben von ihm verabschiedet. »Wir sehen uns!«, waren die letzten Worte seines Vorgesetzten gewesen. Aber er glaubte nicht daran. Wenn Vollmer erst beim LKA in Kiel loslegte, würde er keine Zeit mehr für sein altes Team haben. Er sah es ihm nach. Vollmer war im besten Alter und der Aufstieg zum Leiter der Operativen Fallanalyse beim LKA wie für ihn gemacht. Er selbst hatte ihm vor einiger Zeit geraten, den Absprung zu wagen. Das sichere Fahrwasser in Richtung der weiten See zu verlassen, weil er das Zeug dazu hatte. Dann war es schneller gegangen, als er, Haverkorn, sich das gewünscht hatte. Und nun hieß es, Abschied zu nehmen.

Ihm selbst hatten die ruhigeren Gewässer immer gereicht. Er hatte nie den Drang verspürt, in der Hierarchie der Polizei aufzusteigen. Einmal war er Leiter der Mordkommission gewesen, aber er hatte das Amt bald wieder niedergelegt. Dafür war er einfach nicht geschaffen. Ihm fehlte der Biss, sich als Führungskraft über die Meinung anderer hinwegzusetzen. Erneut fragte er sich, warum er die Verlängerung beantragt hatte. Im Herbst würde er als Polizeibeamter in den wohlverdienten Ruhestand gehen können. Aber Anfang des Jahres, als der runde Geburtstag ins Haus stand, hatte er sich einfach noch nicht vorstellen können, zum alten Eisen zu zählen. Also hatte er den Antrag unterschrieben, der schnell genehmigt worden war, weil wie überall Leute fehlten. Insbesondere erfahrene Kriminalisten.

Doch dann waren im Frühjahr die Karten neu gemischt worden. Seit ihn der Brand eines Hauses beinahe das Leben gekostet hatte, war kaum noch etwas von seinem früheren Diensteifer übrig geblieben. Er war müde. Die schwere Rauchvergiftung hatte ihn lange ans Krankenbett gefesselt. Es hatte gedauert, bis er wieder halbwegs auf die Beine gekommen war. Er war daher geschlurft wie ein Neunzigjähriger, weil seine Lunge schwach wie ein undichter Blasebalg arbeitete. Schon der Weg vom Bett bis ins Bad hatte ihn an seine Grenzen gebracht. Die Zähne hatte er sich im Sitzen geputzt. Es waren Wochen vergangen, bis er nachts nicht mehr das Gefühl hatte, ersticken zu müssen. Ein Gutes hatte die Rauchvergiftung: Ihm war es nie leichter gefallen als jetzt, die Finger von den Zigaretten zu lassen.

Seit er das Krankenhaus verlassen hatte und zu Hause war, spürte Haverkorn, dass er seine Zeit bei der Kripo hinter sich hatte. Von der alten Glut als Ermittler war nicht mehr viel übrig. Sobald Ursula aus der psychiatrischen Klinik entlassen würde, wollte er weg aus der Stadt. Mit seiner Frau oder ohne sie. Es war ihre Entscheidung – wenn sie lieber in der Wohnung bleiben wollte, sollte sie das tun. Ihre Ehe war nur noch Makulatur, das wussten sie beide. Vielleicht wäre es das Beste, wenn sie nach ihrer Rückkehr die räumliche Trennung vornehmen und die Scheidung einreichen würden.

Haverkorn ging in die Küche und machte sich daran, das Geschirr vom Vortag zu spülen. Vollmer hatte prophezeit, dass Frida es ab heute nicht einfach haben würde, ihren Platz in der Mordkommission zu behaupten. »Nick Wahler ist ein Karrierist, wie er im Buche steht«, hatte er gesagt. »Für den ist der Leiterposten in der Mordkommission lediglich eine Stufe zur nächsten Führungsposition. Einer wie der will in kurzer Zeit ganz nach oben und tritt nach unten. Neulinge wie Frida werden das besonders zu spüren bekommen.«

Nur aus diesem Grund zögerte Haverkorn, seine Verlängerung aus gesundheitlichen Gründen zu revidieren. Frida brauchte ihn. Wenigstens noch ein paar Monate. Er wollte sich selbst ein Bild von Wahler machen und erst gehen, wenn er sicher war, dass das Team unter seiner Leitung ebenso gut funktionierte wie unter Vollmer.

Sein Handy vibrierte. Er legte das Geschirrtuch weg, ging in die Diele und las die Nachricht. Hast du mal wieder Lust auf die See? Henni. Er lächelte, als er die Antwort eintippte: Immer!

»Bitte, setz dich!« Wahler wies auf den Besucherstuhl in Vollmers Büro, das seit einer Stunde seines war. In der Ecke standen zwei Umzugskisten. Ob es seine Sachen oder die des Vorgängers waren, konnte Frida nicht erkennen. Aber die Kartons waren das untrügliche Zeichen, dass sich in diesem Büro etwas verändert hatte. Sie nahm Platz und wartete auf die Standpauke.

Nick Wahler fummelte an der Jalousie am Fenster herum, bis die Plastikstreifen in einer Linie lagen. »Du bist der Neuzugang«, begann er, öffnete den Knopf seiner Anzugjacke und setzte sich auf Vollmers Stuhl. Dieser schien zu niedrig zu sein, denn Wahler justierte an den Hebeln, bis er mit der Höheneinstellung zufrieden war. »Hier muss noch einiges umgestellt werden«, sagte er zweideutig und lächelte sie an. Er hatte dunkle Haare mit ergrauten Schläfen. Die Falten in seinen Augenwinkeln gaben seinem Gesicht etwas Gediegenes. Er war attraktiv und wusste dieses Attribut zu nutzen. Aber der dunkelblaue Anzug war eine Nummer zu groß für diese Provinzbehörde. Vielleicht trug er ihn auch nur für seinen Antritt am heutigen Tag. Frida musste sich beherrschen, den Mann nicht zu schnell in eine Schublade zu stecken. Vorurteile waren Gift für jede zwischenmenschliche Beziehung. Privat wie beruflich.

»Wie lange bist du schon im Team?«, fragte er, obwohl er die Antwort sicherlich kannte. Jemand, der am ersten Tag mit allen Namen vertraut war und Jalousien ausrichtete, überließ nichts dem Zufall.

»Zwei Monate«, erwiderte sie und versuchte, in seinem Gesicht zu lesen, was er von ihr wollte. Graublaue Augen, registrierte sie, passend dazu der dunkelblaue Anzug. Keine Krawatte. Wenigstens darauf hatte er verzichtet.

»Ich habe mir deine Personalakte angesehen.« Er ließ den Satz im Raum stehen, und Frida wusste nicht, ob das positiv oder negativ klang. Wahrscheinlich setzte er genau darauf, sie zu verunsichern. Sie schwieg und wartete. Manchmal war es besser, nichts zu sagen anstatt etwas Falsches.

»Interessant ist, was nicht drinsteht.« Wahler hielt inne, bis sie ihm in die Augen sah. »Warum bist du nach Holnis gefahren?«, wechselte er abrupt das Thema.

»Ich habe nach einer Freundin gesucht«, sagte sie ausweichend. Sie war damals vom Dienst freigestellt gewesen. Was ging ihn diese Geschichte überhaupt an?

Ihr neuer Vorgesetzter nickte und blätterte in ihrer Personalakte, einer dünnen Hängemappe. »Du hast deinem Kollegen Haverkorn auf Holnis das Leben gerettet.« Es klang aus seinem Mund wie ein Vorwurf.

Ihr Hals war trocken, fühlte sich an wie Sandpapier. Sie räusperte sich. »Das hätte jeder an meiner Stelle getan.«

Er sah auf und ließ die Akte zufallen. Sein Lächeln war zurück. »Ich verrate dir etwas.« Wahler lehnte sich nach vorn, legte die Unterarme auf dem Schreibtisch ab und verhakte seine Finger ineinander. »Ich hasse nicht nur Unpünktlichkeit, sondern auch Ignoranz. Ignoriere niemals Dienstvorschriften oder meine Anweisungen! Dann werden wir gut miteinander auskommen.« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und begann erneut, an den Hebeln zu drücken, bis er etwas höher saß. »Was auf Holnis passiert ist, das war vor meiner Zeit. Dein ehemaliger Vorgesetzter hat sich mit wenigen Informationen darüber zufriedengegeben. Das war sein gutes Recht. Aber jetzt sitze ich auf diesem Stuhl. Und ich rate dir, dich ab heute innerhalb des Regelwerkes deines Dienstherrn zu bewegen.«

Frida deutete ein Nicken an. Er wollte nach Regeln spielen. Das konnte er haben, warum auch nicht?

»Dass du heute zu spät gekommen bist, lasse ich dir noch mal durchgehen.«

»Danke«, flüsterte Frida und stemmte sich langsam von dem Besucherstuhl hoch. Obwohl sie nun im Stehen größer war als er im Sitzen, fühlte sie sich wie eine Schülerin, die sich ihren Tadel beim Schulleiter abgeholt hat.

Wahler schwieg einige Sekunden. Ihre Blicke trafen sich. »Und jetzt schick mir bitte Anja Schlüte rein.« Er schob Fridas Akte nach rechts und nahm sich die nächste vom Stapel. Er hatte tatsächlich alle Personalakten durchgearbeitet, bevor er hier angefangen hatte. Der Neue war nicht nur ein Pedant, sondern auch ein Perfektionist. Sie vermisste Andreas Vollmer schon jetzt, obwohl er noch da war und nebenan Wahlers Schnittchen aß.

Der Tag verging, ohne dass Frida dem neuen Leiter der Mordkommission noch einmal begegnete. Sie führte telefonische Recherchen durch, die Anja ihr überlassen hatte, übertrug Altakten ins System und nahm am Nachmittag an einem Strafprozess am Landgericht teil, wo ein Kollege eine Aussage machte. Sie verließ die BKI früher als sonst. Meistens wartete sie, bis der Feierabendverkehr endlich abebbte. Vor neunzehn Uhr hatte es keinen Zweck, auf der Autobahn von Itzehoe in Richtung Hamburg zu fahren. Heute startete sie zwei Stunden früher, weil sie am Abend noch zum Boxtraining nach Hamburg wollte.

Trotz des langen Heimwegs, für den sie knapp fünfzig Minuten brauchte, hatte sie entschieden, weiterhin auf dem Hof ihrer Familie in der Marsch zu wohnen. Sie genoss das Zusammenleben mit ihren Eltern. Während der Fahrt konnte sie den Tag noch einmal gedanklich aufarbeiten und kam nicht mit dem Kopf voller Probleme zu Hause an. Sobald sie die A 23 verließ und ein paar Kilometer über Land fuhr, begann ihre Erholungsphase. Flaches Land, grasende Kühe und Schafe, Vogelschwärme in der Luft. Die Marschlandschaft filterte schlechte Ereignisse und Gespräche des Tages aus ihren Gedanken und ließ sie zur Ruhe kommen. Nicht alles und nicht immer, aber meistens.

Frida erreichte den elterlichen Hof, stellte ihren alten Jeep vor dem reetgedeckten Wohnhaus ab und ging erst einmal hinüber zur Koppel. Dort grasten Hetfield und Cobain, ihr Hengst und der Esel ihres Vaters. Die beiden waren in den letzten Wochen gute Kumpels geworden und mochten nicht mehr ohne den anderen sein. Sie kamen sofort zum Zaun und streckten ihr die Köpfe entgegen, ihr Hengst stumm, der Esel mit Geschrei, während sie ihnen ein paar Kraftfutterkrümel zusteckte, die sie immer in der Tasche hatte. Jeden Tag stand sie ein paar Minuten hier oder lief mit den beiden auf der Koppel eine Runde. Hetfield, den sie zu ihrem zwölften Geburtstag bekommen hatte, war in die Jahre gekommen. Die Hufrehe, eine tückische Pferdekrankheit, hatte ihn lange an den Stall gefesselt, war aber inzwischen beinahe ausgeheilt. Reiten konnte man ihn schon seit Jahren nicht mehr, aber er gehörte zur Familie wie Arthur, der ungarische Hütehund. Esel Cobain war im Frühjahr statt eines Beistellpferdes in den Stall gekommen. Zuerst waren Frida und ihre Mutter skeptisch gewesen, ob er sich mit dem Hengst verstehen würde. Dabei hatte es gut funktioniert, genau wie ihr Vater es ihnen vorausgesagt hatte.

Frida lehnte am Koppelzaun und ließ das Gespräch mit Wahler noch einmal Revue passieren. Sie wurde aus ihm noch immer nicht schlau. Hatte er am ersten Tag Grenzen setzen und seine Position als neue Führungskraft untermauern wollen? Ein bisschen Kettenrasseln, damit alle wussten, dass er der Häuptling war? Oder würde er tatsächlich bei jedem kleinsten Fehltritt des Teams die Chefkarte ziehen? Andreas Vollmer war einer von ihnen gewesen, auch wenn er ihr Vorgesetzter war. Er hatte immer ein offenes Ohr für die Nöte seiner Leute gehabt. Und er war menschlich mit ihren Fehlentscheidungen umgegangen. Oft hatte ein klärendes Gespräch geholfen. Dass Wahler ihnen irgendwann ebenso hemdsärmelig gegenübertreten würde, konnte Frida sich nicht vorstellen. Aber dies war sein erster Tag als Leiter der Mordkommission gewesen, vielleicht sollte sie einfach abwarten und ihm eine Chance geben.

Sie atmete tief die Landluft ein und steckte Hetfield den letzten Kraftfutterkrümel aus ihrer Tasche zu. Der Esel schrie beleidigt hinter ihr her, als sie sich abwandte und am alten Pumpenhaus vorbei zum Haus ihrer Eltern ging. Das Abendessen stand sicher längst auf dem Tisch. Ihre Eltern warteten mit den Mahlzeiten auf sie, wenn sie nicht gerade Überstunden machte.

Frida hörte Stimmen in der Scheune, wo schon die Großkisten für die Apfelernte bereitstanden, die Ende August beginnen würde. Der lange trockene Sommer hatte die Äpfel schneller als sonst reifen lassen. Ihr Vater hatte viel Zeit und Geld aufwenden müssen, um die Apfelanlagen regelmäßig zu bewässern. Andernfalls wären die Äpfel zu klein gewachsen oder abgefallen, was ein Fiasko für seinen Hof gewesen wäre, der im letzten Jahr beinahe in die Insolvenz gerutscht war.

Sie ging hinein und sah ihren Vater mit einem Mann mittleren Alters neben dem Deutz-Traktor stehen.

»… Technik lässt eindeutig zu wünschen übrig«, sagte der Fremde, als sie zu ihnen trat.

»Frida!«, sagte Fridtjof Paulsen überrascht. »Darf ich dir Hermann Wolters vorstellen? Er hat einen Hof drüben im Alten Land.« Er drehte sich zu seinem Gast um. »Meine Tochter.«

»Moin!«, grüßte Wolters und drückte ihr fest die Hand. »Sie sind also die Polizistin?«, fragte er mit einem Schmunzeln. Er hatte die lebendige Gesichtsfarbe eines Mannes, der viel im Freien arbeitete. Und seine Statur. Wolters trug Jeans, Karohemd und ausgetretene Arbeitsschuhe. Was hatte ihr Vater mit einem Bauern aus dem Alten Land zu schaffen? Normalerweise waren sie denen auf der anderen Elbseite hier in der Marsch nicht grün. »Moin, Herr Wolters!« Sie warf ihrem Vater einen fragenden Blick zu. »Frida Paulsen, Polizistin und Bauerntochter.«

Wolters lachte und klopfte ihrem Vater auf die Schulter. »Fridtjof schwärmt die ganze Zeit von Ihnen. Mehr als von seinem Hof …«

»Lass gut sein, Hermann! Wir vertagen unser Gespräch. Du wolltest doch weiter.« Fridtjof ging zum Eingang der Scheune, und Wolters folgte ihm.

Frida merkte, dass ihr Vater ihn loswerden wollte. Der Bauer verabschiedete sich und ging hinüber zu seinem SUV. Auf der Rückbank bellte ein kaffeebrauner Labrador.

»Mach’s gut!« Fridtjof hob die Hand zum Abschiedsgruß.

»Was wollte er hier?«, fragte sie ihren Vater, als sie zur Haustür gingen.

Fridtjof antwortete nicht, wirkte abwesend. Erst an der Tür sah er sie an. »Hermann war gerade in der Nähe, wollte nur ein bisschen fachsimpeln. Komm, lass uns reingehen! Mutter wartet sicherlich schon mit dem Essen auf uns.«

Frida betrat hinter ihm das Backsteinhaus, das seit Jahren krumm wie ein alter Elbkahn den Stürmen in der Marsch trotzte. Sie mochte die Narben im Holz und das Moos auf dem Dach, Zeichen von Alter und Vergänglichkeit. Dennoch wurde es höchste Zeit, die schadhaften Stellen im Mauerwerk, Gebälk und Dach nicht nur zu flicken, sondern fachmännisch sanieren zu lassen, damit dieses Haus, das ihre Familie seit vier Generationen bewohnte, auch die nächsten Herbststürme überstehen würde. Kommende Woche würden hier umfassende Bauarbeiten beginnen, die Frida aus ihrer eigenen Tasche bezahlte. Vor allem das vermooste Reetdach, das im hinteren Teil schon einige lichte Stellen aufwies, musste vor dem Herbst grundlegend saniert werden, damit es ihnen nicht in den Wintermonaten um die Ohren flog. Sie hatte eine lange Auseinandersetzung mit ihrem Vater geführt, weil es seinem Stolz widersprach, dass seine Tochter einen Kredit aufnahm, um die Arbeiten zu bezahlen. Aber da sein gesamtes Kapital in den Obsthof und die anstehende Apfelernte floss, hatte er bald keine Argumente mehr gehabt. Frida war wie er: eine Paulsen, stur und eigensinnig, aus dem gleichen Holz geschnitzt wie die Strandpiraten der Elbe, von denen ihre Familie angeblich abstammte. Schließlich hatte Fridtjof klein beigegeben, hatte sie in den Arm genommen und geflüstert. »Ist ja schließlich dein Erbe!« Damit war es beschlossen, und ihre Mutter hatte sich vor Erleichterung eine Träne aus dem Augenwinkel gewischt.

Schon in der Diele roch es nach gebratenen Eiern. Arthur, der ungarische Hütehund, trottete ihnen müde entgegen. Er war in die Jahre gekommen wie der Hof, schlief fast den ganzen Tag, wachte nur auf, wenn gegessen wurde. Dann fiel immer mal was ab für den alten Herrn unterm Tisch.

»Da seid ihr ja!«, sagte Marta, ihre Mutter, und eilte zum Herd. Auf dem robusten Holztisch stand ein schmiedeeiserner Topf, den sie in Handtücher gepackt hatte. So hatte schon Fridas Großmutter die Kartoffeln warm gehalten. Ihre Mutter brachte die Eier und einen Topf mit Spinat.

Fridtjof stellte zwei kalte Bier und Quittenmost für Marta auf den Tisch. Er zog einen Kauknochen aus der Tasche und warf ihn Arthur zu, der sich mit seiner Beute unter die Bank verzog.

»So, nun erzähl mal von dem neuen Chef, Mädchen. Ist er nett?«, fragte ihre Mutter und tat ihr zwei Spiegeleier auf.

Frida berichtete von Wahler, obwohl sie insgeheim darüber nachgrübelte, warum ihr Vater so still war an diesem Abend. Er aß, ohne sich am Gespräch zu beteiligen. War mit den Gedanken ganz woanders. Etwas beschäftigte ihn. War es der Besuch dieses Bauern von drüben? Sie hatte gespürt, dass er ihr nicht die Wahrheit gesagt hatte. Fridtjof war noch nie ein guter Lügner gewesen. Was hatten die beiden in der Scheune besprochen, wovon sie nichts wissen sollte?

Kapitel 2

Die Fenster unter der Decke des Industrielofts, in dem sich das Boxstudio befand, waren weit geöffnet. Dennoch lief Frida schon nach fünf Minuten der Schweiß. Das schwüle Sommerwetter machte allen hier zu schaffen. Aber keiner würde sich die Blöße geben, sich über die Temperaturen im Club zu beschweren. Fridas Hände waren für das Aufwärmtraining lediglich mit Bandagen umwickelt. Ihre Boxhandschuhe lagen auf einer Bank an der Wand.

Milan, der Boxtrainer, stand neben ihr und den anderen. Ein großer bulliger Typ, der sich mit seinem dunklen Blick auch ohne ein Wort den nötigen Respekt verschaffte. Erst wenn er lachte, wurden seine Grübchen sichtbar. Dann wirkte er überraschend verletzlich. »Und jetzt ein paar Skippies!«, rief er ihnen zu. »Kommt schon, Leute! Das geht schneller! Ihr seid heute träge wie eine Herde satter Elefanten!«

Frida schlug einen Jab in die Luft und schaute zu Jo, die erst vor ein paar Monaten zu boxen begonnen hatte. Ihre Gesichtszüge zeigten die Anstrengung, mit der sie trainierte. Sie war ein Naturtalent. Schnell, hart und mit überdurchschnittlich guten Reflexen ausgestattet. In den letzten Wochen hatte sie enorme Fortschritte gemacht, und Milan nahm sie im Training richtig ran. Er hatte sofort erkannt, dass Jo den Biss hatte, eine gute Boxerin zu werden.

Frida konzentrierte sich. Fußspitze, Wechsel auf den ganzen Fuß, ein Jab mit der Führhand. Sie wischte sich mit der Bandage den Schweiß von der Stirn. Weiter. Die Freundschaft zu ihrer früheren Internatsfreundin hatte sich seit dem Frühjahr auf ihre abendlichen Treffen im Boxclub reduziert. Aber immerhin sahen sie sich durch das Training regelmäßig. Das war bei Jo keine Selbstverständlichkeit. Sie war ein Mensch, der kaum soziale Kontakte zuließ, der niemanden brauchte. Sie konnte von einem Moment auf den anderen für Wochen verschwinden, um plötzlich aufzutauchen, als sei nichts gewesen. Vor ein paar Monaten hatte Jo sie gebeten, sie zum Boxen mitzunehmen.

Sie selbst boxte seit ihrer Kindheit. In ihrem alten Kinderzimmer auf dem Hof ihrer Eltern hing noch immer der alte rissige Sandsack, den sie mit zwölf von ihrem Taschengeld gekauft hatte. Er war das einzige Überbleibsel ihrer Kindheit in diesem Zimmer.

Seit Jo mit ihr trainierte, konnten sie endlich mehr Zeit miteinander verbringen. Frida hatte sie in den Hamburger Boxclub KRAFTWERK eingeführt, der einem ehemaligen Luden gehörte. Während der normalen Öffnungszeiten trainierte hier ein gemischtes Publikum. Und nachts, wenn der Club geschlossen war, erschienen gerüchteweise auch noch ein paar schwere Jungs vom Kiez. Aber die hatte Frida bisher nie zu Gesicht bekommen.

»Frida, nicht träumen! Schneller Wechsel!« Der Trainer forderte Konzentration und vollen Einsatz. Wer nicht bei der Sache war, durfte das Training am Sandsack abreißen. Was anstrengend genug war. Frida schlug einen Jab und wechselte auf die Fußspitze. Sie liebte es, hier im Club bis an ihre körperlichen Grenzen zu gehen. In den letzten Monaten, als sie sich nach einer lebensbedrohlichen Situation vom Polizeidienst hatte beurlauben lassen, hatte sie den Sport vernachlässigt. Die ersten Sessions danach waren hart gewesen. Sie hatte sich gefühlt wie einer der Sandsäcke, die hier von der Decke hingen. Aber Jos Ehrgeiz, das Boxen zu lernen, hatte sie beflügelt. Sie hatte härter trainiert als vorher, um ihr zu imponieren.

»So!« Milan klatschte in die Hände. »Jetzt noch ein paar Fußspitzenticks. Jeder sucht sich einen Partner.«

Frida stellte sich vor Jo, die sie nicht anschaute. Verbissen sah sie an ihr vorbei. Sie packten sich an den Schultern und begannen zu tänzeln. Frida machte eine schnelle Bewegung und versuchte, Jos Fuß mit ihrer rechten Fußspitze zu treffen. Aber ihr Gegenüber war schneller und zog ihn weg. Ihr Konter kam schlagartig und saß.

»Schneller!«, keuchte Jo und bewegte ihre Füße noch flinker. Immer wieder erwischte sie Frida, die Mühe hatte, ihrem Tempo zu folgen. »Scheiße!« Jo hatte sie nicht nur angetippt, sie hatte ihr mit vollem Gewicht auf dem Fuß gestanden. »Nicht so hart!«

Aber ihre Trainingspartnerin trat zu, statt nur zu tippen. »Hör auf!« Frida löste ihre Arme von Jos Schultern. »Wir wärmen uns nur auf. Das ist kein Fight!«

Ihre Freundin warf ihr einen langen Blick zu und zuckte die Schultern. »Bist doch sonst nicht so wehleidig!« Sie ging an ihrem Trainer vorbei und nahm die Handschuhe von der Bank.

»Was ist los?«, fragte Milan.

»Ach nichts, sie kann einfach nicht verlieren.« Frida löste eine ihrer Bandagen und zog sie fester, bewegte ihre Finger.

Milan zeigte seine Grübchen und boxte sie spielerisch auf den Trizeps. »Das ist doch genau die richtige Einstellung hier. Wenn sie gewinnen will, musst du das auch wollen. Sie ist nicht mehr die Anfängerin, die du hier angeschleppt hast. Fass sie härter an! Sonst schickt sie dich bald zu Boden, wenn du nicht aufpasst.«

Nach dem Training saß sie mit Jo in der Kneipe auf der anderen Straßenseite. Ihre Freundin mit einem Bier, Frida blieb bei Wasser, weil sie noch raus in die Marsch fahren musste.

»Du gehst kaputt, wenn du mit niemandem darüber redest«, sagte sie zu Jo, die den Bierdeckel in kleine Pappfetzen zerlegte.

Ihre Freundin ließ die Schnipsel fallen und trank einen Schluck aus der Flasche. »Was willst du denn hören? Dass ich seit Wochen kaum schlafe? Dass ich keine engen, geschlossenen Räume ertrage? Dass ich jedem Fremden, der mir zu nahe kommt, gern eine reinhauen würde?« Sie trank, bis die Flasche leer war, und bestellte eine neue.

Frida war froh, dass Jo doch noch mitgekommen war, als sie vorgeschlagen hatte, etwas trinken zu gehen. Seit Wochen hatten sie das Thema ausgespart, das zwischen ihnen stand wie eine hohe dunkle Wand: dass Jo gekidnappt und tagelang in einem Keller eingeschlossen worden war. Dass sie da unten beinahe verdurstet wäre, wenn Frida sie nicht gefunden hätte. »Das ist doch ein Anfang! In einer Therapie könntest du …«

»Hör auf mit Therapeuten!«, fiel ihr Jo ins Wort. »Dieses Psychologengeschwafel ist nichts für mich! Ich muss das allein hinkriegen.«

Frida schwieg. Nur mit Worten würde sie Jo nicht überzeugen können, dass sie dringend psychologische Hilfe brauchte. »Hilft dir das Boxen?«, fragte sie.

»Es tut gut, mich auszupowern. Und außerdem gibt es mir das Gefühl, dass ich mich wehren kann, wenn mich wieder jemand angreift.«

»Du hast riesige Fortschritte gemacht. Bald kannst du deinen ersten Fight absolvieren.«

Erneut begann Jo, einen Bierdeckel zu zerstückeln. »Das ist nichts für mich. Ich mag Boxen, aber ich will nicht im Ring antreten.«

Frida trank ihr Wasser aus und sah auf die Uhr. »Es ist spät, ich muss los. Ich hatte heute keinen guten Start mit dem neuen Chef. Morgen muss ich fit sein.«

»Geh ruhig! Ich zahle.« Jo zog einen Geldschein aus der Jeans und legte ihn auf den Tresen. Der Barkeeper verstand den Hinweis und kam zu ihr.

»Danke!« Frida stand auf und sah ihre Freundin an, die nachdenklich auf ihre Bierflasche starrte. »Sag mir Bescheid, wenn du reden willst. Egal worüber, okay?«

Jo nickte und sah Frida an. »Danke!«

Sie verharrte. »Wofür?«

Ein schmales Lächeln. »Du weißt schon!« Sie wandte sich wieder dem Bier zu.

Die Fahrt von Hamburg aufs Land zum Hof ihrer Eltern machte Frida nichts aus. Im Gegenteil. Sie mochte es, wenn sie Zeit hatte, nach dem Training runterzukommen. Wenn ihr Körper schmerzte und der Adrenalinspiegel langsam sank. Wenn sie wusste, dass sie zu Hause nur noch ins Bett fallen und schlafen konnte.

Hinter Hamburg trat sie aufs Gas. Die heraufziehende Dämmerung entzog der flachen Landschaft langsam die Farbe. Kühe standen als dunkle Flecken auf den Weiden. Sie fuhr an Baumschulen und weiten Feldern vorbei, die von künstlich angelegten Kanälen, die die Leute hier Wettern nannten, unterbrochen wurden, folgte ein paar Kilometer einem Deich. Ein Schwarm Graugänse zog einen Moment über ihrem Jeep, bis er in Richtung Elbe abdrehte.

Die Elbmarsch, ihre alte und neue Heimat. Mit dreizehn hatten ihre Eltern sie weg von Deichgraben nach Süddeutschland auf ein Internat geschickt. Ihre Verbindung hatte sich danach auf wenige Pflichtbesuche an Weihnachten und an den Geburtstagen beschränkt. Nach der Schule war Frida zurück in den Norden gegangen, aber nicht in die Marsch. Sie war in Hamburg Polizistin geworden und zehn Jahre Streife gefahren. Mit Anfang dreißig hatte sie begonnen, auf der Polizeiakademie zu studieren, um die kriminalistische Laufbahn einschlagen zu können. Erst im letzten Herbst war sie in ihr Heimatdorf zurückgekehrt, weil ihr Vater mit einer schweren Kopfverletzung im Krankenhaus lag. Und sie war geblieben.

Frida gähnte und konzentrierte sich auf die Straße. Hier draußen konnte immer mal ein Tier über die Straße laufen. Sie merkte, wie müde sie war. Der Tag war lang gewesen, und das Gespräch mit Nick Wahler hallte noch nach. Sie hatte plötzlich sein Gesicht vor sich, die grauen Schläfen, die blauen Augen. Eigentlich genau ihr Typ, wenn er nicht ihr Chef wäre. Sie hatte sich schon einmal mit einem Kollegen auf dem Polizeikommissariat in Hamburg eingelassen, eine dumme Entscheidung, die sie nicht wiederholen würde. Eine Liaison im Job brachte früher oder später immer Ärger, weil einer zurückstecken musste. Sie hatte schließlich die Reißleine gezogen, als ihr Kollege mit ihr zusammenziehen wollte. Die Trennung war mit lautem Türenknallen von seiner Seite erfolgt. Kurz danach war sie von Hamburg weggegangen und in die Marsch gezogen.

Vor ihr tauchten die roten Rücklichter eines anderen Wagens in der Dunkelheit auf. Er fuhr langsamer als sie, Frida holte schnell auf. Hamburger Kennzeichen, wahrscheinlich kannte sich der Fahrer hier auf dem Land nicht aus. Als sie zum Überholen ansetzte, bemerkte sie die Scheinwerfer vor sich auf der Landstraße. Ein Fahrzeug kam aus entgegengesetzter Richtung auf sie zu. Sie scherte wieder ein. In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass sie vier Lichtpunkte gesehen hatte. Zwei Autos fuhren nebeneinander und rasten auf sie zu. Scheiße! Hatte sich einer beim Überholen verschätzt, oder waren das Jugendliche, die hier draußen gegeneinander Rennen fuhren? Immer wieder hatte sie die Marschbewohner davon erzählen hören. Der Wagen vor ihr bremste und versuchte, nach rechts auszuweichen. Frida bremste ebenfalls und zog den Jeep an den Fahrbahnrand. Das würde eng werden! Sie sah die vier Scheinwerfer auf sie zurasen, bis kurz vor dem Zusammenprall mit dem Fahrzeug vor ihr einer der Fahrer nachgab und sich zurückfallen ließ. Der andere schoss in irrer Geschwindigkeit an ihnen vorbei, getrieben von seinem Verfolger, der wieder die Jagd aufnahm.

Frida hielt hinter dem Hamburger Van an, der beinahe in den Graben gerutscht war, und stieg aus. Eine Frau mittleren Alters saß darin. Ihr Gesicht war kalkweiß. Sie atmete schwer.

»Ist alles in Ordnung bei Ihnen?«, fragte Frida, als die andere Fahrerin die Scheibe heruntergefahren hatte.

»Ja, danke!«, flüsterte sie.

»Diese Irren! Irgendwann geht jemand drauf!«, schimpfte Frida.

Die Frau nickte und starrte nach vorn in die Nacht. Ihre Hände zitterten auf dem Lenkrad.

»Können Sie noch fahren, oder soll ich Hilfe rufen?«

»Nein, danke! Mir geht’s gut!« Die Frau schloss die Autoscheibe, startete den Wagen und fuhr langsam davon. Frida blickte den Rücklichtern nach. Sie spürte ihr Herz pumpen. Das hätte ganz anders ausgehen können. Sie hatten beide viel Glück gehabt in dieser Nacht.

Es war dunkel, als sie den Jeep vor dem Reetdachhaus parkte. Die alte Außenlampe beleuchtete nur die Haustür. Der Rest des Hofes lag in der Dunkelheit. Nächste Woche, wenn hier die Bauarbeiten begannen, würde sie sich darum kümmern, dass hier richtige Strahler mit Bewegungsmeldern angebracht wurden. Ihr Vater war nicht mehr der Jüngste und lief oft im Dunkeln zum Stall oder zur Remise. Dass er bei all den Schlaglöchern noch nicht gestürzt war, grenzte an ein Wunder.

Sie drückte die Klinke herunter und schob die Haustür auf. Wie immer war sie nicht abgeschlossen. Der Letzte schließt ab, pflegte ihr Vater zu sagen. Bei der Zunahme der Wohnungseinbrüche in den Marschdörfern in den letzten Jahren war das allerdings geradezu eine Einladung für Einbrecher, dem Hof einen Besuch abzustatten.

Arthur schlief zwar im Haus, aber durch sein vorgerücktes Alter hörte er schwer. Wenn Frida kam, trottete er manchmal an die Tür, begrüßte sie und ging zurück ins Schlafzimmer. Meistens verschlief er es jedoch, wenn sie nach Hause kam. Dass er einen Einbrecher vertreiben würde, bezweifelte sie.

In der Küche briet sie sich ein Käseomelett und aß es mit ein paar aufgeschnittenen Tomaten aus dem Gemüsegarten. Kurz nach elf stieg sie in Socken die Holztreppe hinauf zu ihrem ehemaligen Kinderzimmer, in dem sie sich im Frühjahr neu eingerichtet hatte. Sie ließ die knarrenden Stufen aus, die sie seit ihrer Kindheit kannte. Kurz darauf lag sie im Bett, müde und erschöpft. Sie schlief sofort ein.

Ich – Tag 1

Der Schmerz holt mich zurück.

Er ist das Erste, was ich wahrnehme. Ich begreife nicht, warum sich mein Kopf anfühlt, als stecke er in einer Presse. Die kleinste Bewegung – und in mir wütet eine feuerspeiende Hydra.

Ich halte still.

Ich halte es aus.

Mit jedem Herzschlag pulsiert der Schmerz, wird stärker und fällt wieder ab.

Ich höre Stimmen. Aber ich verstehe kein Wort. Als wäre ich in der Badewanne abgetaucht, während jemand auf mich einredet. Ich weiß, dass ich nicht zu Hause bin. Ich ahne, dass etwas Schreckliches passiert sein muss, aber ich kann mich an nichts erinnern.

Die Stimmen sind verstummt. Ich möchte die Augen öffnen, aber ich schaffe es nicht. Irgendwann merke ich, dass meine Augen längst offen sind.

Diese Dunkelheit.

Bin ich blind?

Erschrocken bewege ich mich, und sofort breitet sich der Schmerz aus wie ein Feuerstrahl.

Wo bin ich?

Was ist passiert?

Ich will schreien, aber ich habe keine Kraft, nur einen Laut herauszubringen.

Bitte, lieber Gott! Bitte, lass mich aufwachen aus diesem Albtraum.

Oder lass mich sterben.

Kapitel 3

Geräusche im Haus weckten sie. Es war noch dunkel. Ihr Vater sprach mit einer Frau, deren Stimme sie nicht kannte. Arthur bellte in der Diele, bis Fridtjof ihm ein Kommando gab. Danach war Ruhe.

Frida griff nach ihrem Smartphone. 3.56 Uhr. Sie legte es auf den Nachttisch und setzte sich auf. Ihr Vater sprach, aber sie verstand nicht, was er sagte. Wieder redete die fremde Frau, die laut und aufgeregt klang. Frida zog sich Jeans, Hoody und Schuhe an und ging nach unten. Auf der Treppe blieb sie stehen.

»… sonst nachts nie draußen. Irgendwas stimmt da nicht«, sagte die Frau.

»Das muss nichts heißen! Hader ist alt, vielleicht hat er ihn einfach draußen vergessen.«

»Der Hund hat gekläfft wie ein Irrer, der war völlig durchgedreht.«

Frida ging in die Diele. »Moin!« Sie erkannte Dörte Kleve, eine Frau aus dem Dorf, und stellte sich neben ihren Vater. »Ist was passiert?«

»Moin, Frida!« Die Nachbarin wandte sich nun an sie. »Du bist doch Polizistin, kannst du nicht mal nachschauen?«

Frida war noch nicht richtig wach. Was wollte diese Frau so früh am Morgen von ihnen? »Nachschauen, wo denn?«

»Ich komme gerade von meiner Nachtschicht. Ich arbeite im Pflegedienst und fahre auf dem Nachhauseweg immer die Abkürzung, drüben über den Feldweg an der Deichmühle. Da ist mir der Hund vom alten Hader fast ins Auto gelaufen.«

»Hader?«, fragte Frida.

»Er wohnt in der Deichmühle. Josef Hader, er muss um die siebzig sein.«

»Hast du bei ihm geklingelt?«

Dörte gestikulierte aufgeregt. »Das ist es ja, sein Hund hat mich zur Mühle geführt, gebellt und an der Haustür gescharrt. Ich habe lange geklopft. Aber der alte Hader hat nicht aufgemacht. Kannst du mal nachsehen, ob da alles in Ordnung ist?«

Frida wechselte einen Blick mit ihrem Vater. »Ja, klar! Ich fahre hin.«

»Ich komme mit!«, sagte Fridtjof. »Josef ist kein freundlicher Zeitgenosse.«

»Übertreibst du da nicht etwas?«, fragte Frida, die ihre Lederjacke vom Haken nahm.

»Dein Vater hat recht«, sagte Dörte und öffnete die Tür. Auf dem Hof stand ihr Škoda. »Der Josef ist ziemlich aufbrausend. Er ist halt ein einsamer alter Mann, der sich schnell bedroht fühlt.«

»Okay.« Frida nahm sich eine Taschenlampe vom Haken an der Tür.

Dörte und ihr Vater warteten schon in ihrem Wagen. Die Fahrt zur Mühle dauerte nur wenige Minuten. Keiner sagte etwas, sie hingen ihren Gedanken nach. Die Anspannung der Nachbarin hatte sich auch auf sie übertragen.

»Wo ist der Hund?«, fragte Fridtjof, als sie von der Hauptstraße in den Feldweg abbogen.

»Ich habe ihn in den Schuppen gesperrt, der war nicht abgeschlossen.«

Dörte Kleve fuhr einen rasanten Stil. Der Škoda wurde derart durchgeschüttelt, dass Frida sich schließlich am Haltegriff festhielt. Aber offenbar kannte die Fahrerin die Strecke bestens. Schlaglöchern wich sie gekonnt aus, vor Bodenwellen bremste sie ab, um danach wieder Gas zu geben. Fridtjof saß auf dem Beifahrersitz, Frida hinter ihm. Was für eine Schnapsidee war das, in der Dunkelheit durch die Marsch zu fahren, um einen alten Mann aus dem Bett zu klingeln?

Sie dachte daran, dass die Nachbarin gesagt hatte, der Hund des alten Hader sei völlig außer sich gewesen. Hunde hatten ein gutes Gespür, zeigten Gefahren an, wenn der Mensch diese nicht einmal erahnte. Wenn ein Hund sich auffällig verhielt, sollte man ihm Beachtung schenken. Sie würden in der Mühle nach dem Rechten sehen, und danach konnte sie hoffentlich noch etwas schlafen.

»Da vorne ist es«, riss Dörte sie aus ihren Gedanken. Ein mattes Licht schwankte im Wind, mehr war nicht auszumachen.

Frida erinnerte sich an den Tag, als sie das letzte Mal hier gewesen war. Sie war sieben oder acht Jahre alt gewesen. Schon damals war die Mühle nicht mehr betrieben worden. Der damalige Bewohner hatte in dem Schuppen kleine Schmiedearbeiten für die Leute der Marsch angeboten. Ihr Vater hatte ein paar Eisenriegel für das Hoftor in Auftrag gegeben, und Frida hatte ihm helfen wollen. Die Männer trugen dicke Lederhandschuhe beim Einladen. Sie selbst hatte mit bloßen Händen nach den heißen Eisenriegeln gegriffen. Nur zu gut erinnerte sie sich an den gewaltigen Schmerz, den Schock, die riesigen Brandblasen auf ihren Händen. Aber auch an das mitleidende Gesicht ihres Vaters, als er ihr mit nassen Taschentüchern die Hände abtupfte. Wahrscheinlich dachte er auch gerade an diesen Tag.

Dörte Kleve parkte den Wagen neben einem klapperigen Pick-up. Das Licht, das Frida von Weitem gesehen hatte, war eine fast blinde Hoflampe, die über der Eingangstür zur Mühle im Wind schwang. Als Frida ausstieg, hörte sie ein Jaulen und Kratzgeräusche. Sie schaltete die Taschenlampe an und leuchtete den Hof aus. »Ist er da drin?«, fragte sie und zeigte auf den Schuppen, einen Backsteinbau mit Wellblechdach.

»Ja, die Tür ist nicht abgeschlossen.«

Frida ging hinüber und fing an, beruhigend auf den Hund hinter der Tür einzureden. »Ist ja gut, ich hole dich raus. Alles ist in Ordnung, gleich kommst du raus.«

Das Jaulen ging in ein Winseln über, dann in ein Bellen. Frida öffnete vorsichtig die Tür, ging zur Seite und ließ den Hund heraus. Ein English Setter flitzte durch den Türspalt, beachtete sie gar nicht, sondern schoss auf die Mühle zu. Dort begann er an der Haustür zu kratzen.

Frida leuchtete an dem imposanten Gebäude nach oben. Die Deichmühle war hoch, etwa zwanzig Meter. Ein fünfstöckiger achtkantiger Backsteinbau mit regelmäßigen Fensterluken bis zum Dach. Eine baufällige Galerie zog sich oberhalb der ersten Etage ums Gebäude. Die Holländermühle war mehr als zweihundert Jahre alt, wurde aber schon seit Jahrzehnten nur noch als Wohnhaus genutzt. Das Flügelgerippe schwankte knarrend im Wind. Aber die Flügel drehten nicht mehr, wurden jedes Jahr mehr von Wind und Sonne zerschlagen.

Neben der Mühle rauschten die Bäume und Büsche im aufkommenden Westwind. Dahinter gab es nur weite Felder, Apfelhöfe und den Deich. Ein unheimlicher Ort in der Nacht. Und der alte Hader wohnte hier allein? Der musste Nerven haben.

Frida ging zur Tür, wo ihr Vater mit der Hand gegen die Tür schlug. »Josef, bist du da? Mach auf!«

Dörte Kleve betätigte den Türklopfer. Aber niemand reagierte.

Fridtjof klinkte mehrfach. Abgeschlossen. »Vielleicht ist er weggefahren.«

»Der Wagen steht doch auf dem Hof«, sagte Frida.

»Stimmt!« Ihr Vater sah am Gebäude nach oben, das wie ein dunkler Turm in den Nachthimmel ragte. »Wir sollten reingehen. Er kann gestürzt sein. Vielleicht liegt er irgendwo, kann sich nicht bemerkbar machen.«

Frida sah sich die Holztür an. Sie war alt und würde kein Problem darstellen. Bei Gefahr in Verzug durfte sie mit Gewalt Wohnungstüren öffnen. Aber war dies hier tatsächlich eine Gefahrenlage?

Haders Hund bellte und scharrte, er ließ sich nicht beruhigen. Frida umrundete die Mühle und leuchtete in die unteren Fenster. Aber sie konnte im Inneren nichts Auffälliges erkennen.

Zurück an der Haustür fasste sie einen Entschluss. »Okay! Wir gehen rein!« Sie klopfte ein letztes Mal. »Herr Hader, sind Sie zu Hause? Hier ist die Polizei!« Sie lauschte einen Moment, keine Reaktion. Mit der Taschenlampe leuchtete sie erneut den Hof aus. An der Wand des Schuppens war ein Stapel Feuerholz aufgeschichtet, Kanthölzer und zersägte Stämme. Sie ging hinüber und nahm einen mittelgroßen Stamm vom Stapel, den sie als Rammbock für die Tür verwenden konnten. Ihr Vater kam ihr entgegen und griff mit zu.

»Herr Hader, wir kommen jetzt rein! Bleiben Sie von der Tür weg!«

Zu zweit bauten sie sich mit dem Baumstamm vor der Tür auf. Dörte Kleve ging zur Seite. Frida zählte von drei rückwärts, dann rammten sie den Stamm mit Wucht neben dem Schloss gegen die Haustür. Es krachte laut, die Tür hielt stand. Sie holten erneut aus, und beim zweiten Versuch flog die Tür ins Innere. Der Hund flitzte hinein und verschwand in der Dunkelheit.

»Du setzt dich am besten in dein Auto, Dörte«, sagte Fridtjof.

»Ja, gut!« Die Nachbarin schien froh zu sein, dass sie nicht mit ins Gebäude gehen musste. Sie ging zu ihrem Wagen und setzte sich hinein. Die Türverriegelung klackte.

Frida gab ihrem Vater die Taschenlampe. Der Wind hatte sich kurzzeitig gelegt. Die Hoflampe hing ruhig über der Tür, dennoch war kaum etwas zu erkennen. Es war totenstill, als sie die Mühle betraten. Frida ging voran. Irgendwo im Dunkeln winselte der Hund.

»Herr Hader?« Frida ging weiter, während ihr Vater mit der Taschenlampe das untere Geschoss der Mühle ausleuchtete. Ein widerlicher Geruch nach verbrannten Kartoffeln und Schweiß stieg ihr in die Nase. Bis auf das Winseln des Hundes war nichts zu hören.

»Herr Hader?«, sagte sie noch lauter. Den Fußboden bildete eine unebene Schicht durchgetretener Steinfliesen. Durch den hinteren Teil zog sich eine Backsteinwand, von der zwei Türen abgingen.

Am Fuß einer Wendeltreppe kauerte der Hund. Frida ging hinüber, ihr Vater war direkt hinter ihr. Der Bewohner der Mühle lag am Fuß der Treppe verkrümmt auf dem Bauch, seine Wange auf dem Boden. Lichte Stellen seines Schädels schimmerten durch Strähnen grauen Haares. Er trug einen ausgewaschenen Schlafanzug. Unter Mund und Nase hatte sich eine Lache getrockneten Blutes gebildet. Frida hatte in den letzten Jahren auf Streife schon genug Leichen gesehen. Erfrorene Obdachlose, Gewaltopfer, Selbstmörder. Sie sah sofort, dass der Mann tot war.

Der Jagdhund lag neben dem reglosen Körper und hatte den Kopf auf den Boden gelegt. Er winselte leise.

Frida hockte sich hin. Sie packte die Schlafanzugjacke des Mannes und versuchte, einen seiner Arme zu bewegen, was ihr nicht gelang. Die Totenstarre hatte schon eingesetzt. Und sie roch ihn auch, den Tod.

»Er ist schon seit ein paar Stunden tot!« Sie stand auf und sah die steile Wendeltreppe hinauf. »Wahrscheinlich ist er hier runtergestürzt.«

Fridtjof hielt die Lampe auf den Leichnam von Josef Hader gerichtet. Er atmete hörbar durch. »Hunde spüren, wenn ihren Herrchen etwas passiert ist.«

»Aber warum war der Hund draußen in der Nacht?«

»Vielleicht hat er ihn rausgeschickt und vergessen.«

Frida sah sich um. Die Haustür war abgeschlossen gewesen. Hader war allein gewesen, als er starb. Sie leuchtete die Wendeltreppe aus und sah ihren Vater an.

»Was machen wir jetzt?«, fragte er.

Frida zog ihr Smartphone aus der Tasche. »Ich rufe die Polizei. Auch wenn es nach einem Unfall aussieht, muss sein Tod untersucht werden. Erst dann kann der Bestatter ihn mitnehmen.« Sie telefonierte mit ihren Kollegen und umriss in kurzen Sätzen die Situation. Polizei und Notarzt würden in zehn Minuten bei ihnen sein.

»Bleibst du hier?«, fragte ihr Vater. »Ich schicke Dörte nach Hause. Sie muss nicht mit uns warten, hat immerhin schon eine Nachtschicht hinter sich.« Er ging zur Tür, fand einen Lichtschalter und schaltete das Deckenlicht an. Dann ging er hinaus. Frida hockte sich neben den Toten, wagte jedoch nicht, ihn umzudrehen. Beruhigend kraulte sie den Hund. Ein schönes und noch recht junges Tier. Der Setter winselte leise, spürte längst, dass sein Herrchen für immer fort war.

Frida richtete sich wieder auf und sah sich in der Diele um. Backsteinwände, eine Sitzbank neben der Tür, Schuhe und Stiefel in einem Regal. An der Garderobe hing eine grüne Jagdkutte am Haken.

Sie lief hinüber zu einer der beiden Türen an der Wand, ging hinein, fand den Lichtschalter und knipste ihn an. Sie stand im Bad, das gerade Platz für das WC, ein kleines Dusch- und ein Waschbecken bot. Die sauren Ausdünstungen alter Leute hingen in der Luft. Wahrscheinlich kamen sie aus dem Berg Wäsche, die im Duschbecken lag. Frida löschte das Licht und ging wieder hinaus.

Der nächste Raum war größer, das Deckenlicht blendete sie, so hell war es. Hier schlug ihr der Geruch angebrannter Kartoffeln entgegen, der nicht viel besser war als der im Bad. Frida sah sich um. Die Küche war jedoch überraschend aufgeräumt und sauber. Ein alter Gasherd zwischen Spüle und einem Ungetüm von Kühlschrank. Der Topf mit den Kartoffeln in der Spüle. Über Eck eine Sitzbank mit Kissen und einem Holztisch, auf dem noch ein Teller mit Apfelschalen stand. Und eine kleine Vase mit Wiesenblumen. Frida lächelte. Die Blumen passten eher in die Küche einer Frau. Hatte Josef Hader eine Freundin gehabt, von der niemand etwas wusste?

Etwas Dunkles bewegte sich plötzlich auf der Bank und verschwand unter dem Tisch. Frida zuckte erschrocken zusammen. Langsam ging sie in die Knie. Unter dem Tisch hockte eine schwarze Katze. Ihre Pupillen waren vor Angst geweitet. »Ist ja gut!«, sagte Frida leise. »Ich tu dir nichts.« Sie richtete sich wieder auf. Noch bevor sie an der Tür war, huschte ein dunkler Schatten an ihr vorbei in die Diele. Sie sah noch, dass die Katze zur Ausgangstür rannte und nach draußen in die Dunkelheit flüchtete.

Sie lehnte sich an den Türrahmen. Josef Hader hatte hier allein mit seinen Tieren gelebt. Vielleicht hatte er sich von ihnen besser verstanden gefühlt als von seinen Mitmenschen. Das Winseln seines Hundes rührte sie an. Er würde ins Tierheim kommen, wenn nicht ein Angehöriger sich um ihn kümmerte. Vielleicht konnte sie ihn erst einmal mit auf den Hof nehmen. Arthur war alt und sozial, er würde den jungen Hund akzeptieren.

Sie sah hinüber zu der Leiche. Was war in der Nacht hier passiert? War Josef Hader schlaftrunken abgestürzt? Die Wendeltreppe war steil, ihre hölzernen Stufen waren morsch und ausgetreten. Sie ging zur Treppe und berührte das Geländer, das leicht schwankte. Die ganze Konstruktion wirkte alt und baufällig wie die Mühle, die eine Todesfalle für jeden war, der sie betrat, vor allem in der Nacht.

Sie hörte einen Automotor anspringen. Der Škoda fuhr vom Hof. Als Fridtjof wieder hereinkam, war sie erleichtert. Sie fühlte sich nicht wohl an diesem Ort neben dem Toten.

»Sie war froh, dass sie nach Hause konnte«, sagte ihr Vater und sah betreten auf den Leichnam neben der Treppe.

»Hier hätte gar niemand mehr wohnen dürfen. Das ist alles baufällig. Die Stufen sind völlig ausgetreten, das Geländer instabil! So ein Unfall musste früher oder später passieren.«

Fridtjof sah sich in der Diele um. »Josef war ein Sturkopf. Der hat hier niemanden reingelassen.«

Frida hockte sich neben den winselnden Setter. »So einsam in der Nacht hier zu sterben hat er trotzdem nicht verdient. Nicht mal sein Hund war bei ihm.«

Kapitel 4

Wie beinahe jeden Morgen wurde Haverkorn gegen sechs Uhr wach. Sein innerer Wecker funktionierte noch immer, obwohl er seit Wochen zu Hause war und hätte ausschlafen können. Er stand auf, ging ins Bad und nach einer kurzen Morgentoilette in die Küche, um die Espressokanne auf den Herd zu stellen.

Er setzte sich auf die kleine Eckbank und nahm sein Tablet zur Hand, das Ursula ihm zum Sechzigsten geschenkt hatte. »Du musst mit der Zeit gehen«, hatte seine Frau gesagt, als sie ihm in der Klinik das Geschenk in die Hand gedrückt hatte. »Damit können wir auch mal skypen, solange ich noch hier bin.« Haverkorn hatte nur den Kopf geschüttelt. Er und skypen! Sie hatten sich so schon nichts zu erzählen, wenn er Ursula in Schleswig besuchte. Er hatte sich bedankt, obwohl er nicht wusste, was er mit diesem Ding anfangen sollte, das dünner war als ein Buch. Aber irgendwann hatte er sich ausgiebig mit dem Tablet befasst, ein paar Abos installiert und sich angewöhnt, morgens die Nachrichten auf dem kleinen Computerbildschirm zu lesen. Mittlerweile war er ganz zufrieden damit. Er schaltete das Gerät an und suchte im Internet nach den Headlines.

Die Espressokanne auf dem Herd begann zu blubbern. Er zog sie vom Feuer und goss sich eine Tasse ein. Der aromatische Geruch von Kaffee verbreitete sich in der Küche.

Jeden Morgen das gleiche Ritual. Aber es bildete eine erste Struktur für seinen Tag, den er allein zu Hause verbrachte.

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