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Stehaufmännchen

Inhalt

  1. 1960
    1. Ankunft
  2. 1964
    2. Leben auf dem Lande
  3. 1965
    3. Zahnarzt, die erste
  4. 1966
    4. Einschulung
  5. 1967
    5. Frollein Schmitz
  6. 6. Wie man ein Christkind fängt
  7. 1968
    7. Haustiere
  8. 1969
    8. Mut in Stalingrad
  9. 9. Twaalf paar Klompe
  10. 1970
    10. Im Schoß der Kirche
  11. 1972
    11. Nordsee
  12. 1973
    12. Bonanza
  13. 1974
    13. New York an der Sieg
  14. 14. Höhere Schule
  15. 15. Erste Liebe
  16. 1975
    16. Schlachtfeld Pubertät
  17. 1976
    17. FKK
  18. 18. Red Devil
  19. 19. Die Sache mit dem Helm
  20. 1977
    20. Der böse Brief
  21. 21. Der Ernst des Lebens
  22. 22. Ein Job für echte Männer
  23. 23. Premiere im Supermarkt
  24. 24. Kochen in Bonn
  25. 1978
    25. Fahrprüfung
  26. 26. Zwei Zimmer mit Bad
  27. 1979
    27. Jugoslawien
  28. 28. Dienen fürs Vaterland
  29. 1981
    29. Willi
  30. 1982
    30. Kamasutra
  31. 1983
    31. Happy Birthday
  32. 32. Figurprobleme
  33. 1984
    33. Paranoia und die Folgen
  34. 34. Fliegen
  35. 1985
    35. Babysitten
  36. 36. Life on stage
  37. 1986
    37. Zahnarzt, die zweite
  38. 1987
    38. Bofrost
  39. 39. Krank
  40. 1988
    40. Einen Baum fällen
  41. 1989
    41. Arbeitsamt
  42. 1990
    42. Die Sache mit dem Alter
  43. 1991
    43. Angst
  44. 44. Hausmeister zwischen den Welten
  45. 45. IBM
  46. 1992
    46. k-buff
  47. 1993
    47. Knusperhäuschen und der Kontakt zum TV

1. Ankunft

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25. März 1960, 10 Uhr 3

Eine Stimme reißt mich aus meinen Träumen. »Pressen! Pressen!« Ich presse wie verrückt, aber anscheinend bin ich gar nicht gemeint. Plötzlich sehe ich am Ende des Tunnels ein Licht – ist das schon mein Ende?

10 Uhr 8

Zum ersten Mal im Leben blicke ich in ein anderes Gesicht – das einer 70-jährigen Nonne. Bin sehr erschrocken. Das soll meine Mama sein? Will sofort wieder zurück! Die Nonne hat sich auch erschrocken, denn sie brüllt: »Mein Gott, was für ein Riesenbaby!« Frage mich, wen sie damit meint.

10 Uhr 12

Die Nonne haut mir auf den Hintern. Obwohl ich gar nix gemacht hab! Haue zurück und gebe meine erste Äußerung von mir. Einen Schrei. Alle freuen sich.

Im Bett liegt eine Frau, die mich anlächelt. Das ist also Mama. Schon besser. Will zu ihr, darf aber nicht. Stattdessen rennt die blöde Nonne aufgeregt mit mir raus und zeigt mich überall rum. Alle gucken mich an und lachen. Mein erster Auftritt. Beschließe, Komiker zu werden. Bin sicher, dass der Erfolg bei meinem Publikum mit meinem gewinnenden Lächeln zu tun hat und nicht, wie die blöde Nonne sagt, mit meinem Gewicht von knapp vierzehn Pfund.

10 Uhr 16

Die Vorstellung ist vorbei und ich darf endlich zu Mama. An ihrer Brust nehme ich die erste Mahlzeit meines Lebens ein. Lecker, was da so rauskommt! Und praktisch, dass sie gleich zwei davon hat. So kann ich mir direkt einen Nachschlag holen.

11 Uhr

Lerne Papa kennen. Ist okay. Allerdings hat er keine Brüste.

26. März 1960

Gegessen. Geschlafen. Gegessen. Bäuerchen gemacht. Geschlafen. Windel voll gemacht. Frische Windel bekommen. Geschlafen.

27. März 1960

Gegessen. Geschlafen. Gegessen. Bäuerchen gemacht. Geschlafen. Windel voll gemacht. Frische Windel bekommen. Geschlafen.

28. März 1960

Gegessen. Geschlafen. Gegessen. Bäuerchen gemacht. Geschlafen. Windel voll gemacht. Frische Windel bekommen. Geschlafen.

29. März 1960

Bringe etwas Abwechslung in mein Leben. Gegessen. Geschlafen. Windel voll gemacht. Frische Windel bekommen. Windel direkt wieder voll gemacht. Geschlafen. Prima! Wenn mein Leben so weitergeht, bin ich zufrieden!

2. Leben auf dem Lande

2. August 1964

Wir wohnen auf dem Lande, und das kommt, weil unser Haus in einem Dorf steht. Dörfer findet man nämlich eher auf dem Lande als in der Stadt. Unser Haus ist ein Musterhaus. Musterhäuser schaut man sich an, wenn man ein Haus kaufen möchte, das genauso aussieht wie ein Musterhaus. So, wie wenn Mama sich im Katalog erst mal Bilder anguckt, bevor sie was kauft. Nur, dass unser Musterhaus nicht im Katalog steht, sondern auf einer Wiese.

Abends bringt Papa ein Huhn statt Geld von der Arbeit mit. Mama meint, von einem Huhn kann sie nix zu essen kaufen. Papa meint, wir sollten doch das Huhn essen. Huhn essen find ich gut. Mama fragt, wer das Huhn denn schlachten soll. Huhn schlachten find ich nicht gut und fange an zu weinen. Frage, ob man das Huhn auch essen kann, ohne es zu schlachten. Nein, das ginge nicht. Papa meint, heute sei es zu spät, aber morgen will er das Huhn schlachten. Bestimmt.

3. August 1964

Papa hat keine Zeit, das Huhn zu schlachten, weil er ja einen Stall für das Huhn bauen muss. Das sei jetzt dringender. Aber er will es morgen schlachten. Bestimmt.

4. August 1964

Papa hat wieder keine Zeit. Diesmal muss er dringend weg. Zu einem Termin. Frage, ob ich mit kann, denn ich habe noch nie einen Termin gesehen. Papa meint, ich soll besser zuhause bleiben und aufpassen, dass dem Huhn nichts passiert.

5. August 1964

Mama fragt, was jetzt mit dem Huhn ist. Sie würde gerne Hühnchen machen. Papa sagt, man könnte ja statt Hühnchen die Eier essen, die es legt. Stimme zu, denn Eier esse ich auch gern, und man muss sie vor dem Essen nicht schlachten. Nur köpfen.

12. August 1964

Letzte Woche hat das Huhn kein einziges Ei gelegt. Vielleicht ist es ja verstopft. Pule mit dem Finger hinten im Huhn rum, um die Verstopfung zu lösen. Habe Erfolg. Es kommt tatsächlich ein Ei. Aber kein richtiges, sondern nur so eine Art Rührei.

16. August 1964

Unser Huhn heißt jetzt Else und legt immer noch keine richtigen Eier. Mama meint, es reicht, und Papa soll es endlich schlachten. Papa sagt, er könne kein Tier mit einem Namen schlachten.

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17. August 1964

Papa hat von der Arbeit einen Kumpel für Else mitgebracht. Taufe den Kumpel direkt auf den Namen Herbert. So kann ihn niemand schlachten.

2. September 1964

Papa hat den Stall weiter ausgebaut. Wir haben jetzt zwölf Hühner. Keines legt ein Ei.

10. September 1964

Mama hat Papa gestern verboten, noch mehr Hühner mitzubringen. Papa gehorcht und bringt stattdessen eine Sau mit. Trotzdem ist Mama irgendwie sauer. Die Sau soll bei uns zu Wurst werden. Vorher baut Papa ihr einen Stall.

16. September 1964

Die Hühner legen immer noch keine Eier. Die Sau auch nicht. Dafür stinkt sie. Mama meint, im Dorf würde man schon über den Gestank reden. Habe Angst, dass die Sau wegkommt, und besprenkele sie mit Kölnisch Wasser. Damit sie besser riecht. Das macht Tante Gerda auch immer so, wenn sie schwitzt und anfängt, streng zu riechen. Damit die Sau nicht geschlachtet wird, gibt es eine Nottaufe. Weil mir in der Eile kein anderer Name einfällt, taufe ich die Sau auf den Namen Gerda.

18. September 1964

Tante Gerda ist zu Besuch. Stolz erzähle ich, dass unsere Sau denselben Namen hat wie sie. Und dass das kein Zufall sei, sondern daran läge, dass sie genauso riecht wie unsere Sau. Ich glaube, Tante Gerda ist sehr gerührt, denn sie fängt vor Freude an zu weinen.

26. September 1964

Mama sagt, Gerda muss weg. Die Sau, nicht die Tante. Am Abend ist sie wirklich weg. Hatte wohl vergessen, nach dem Füttern den Stall zu schließen. Wir veranstalten eine Treibjagd durchs Dorf. Komme mir vor wie ein Indianer auf Büffeljagd. Nur dass Büffel nicht nach Kölnisch Wasser riechen.

28. September 1964

Ein Mann mit einer Schürze kommt, um Gerda abzuholen. Frage ihn, wohin er sie bringt. Der Mann antwortet, dass sie in den Fleischwolf kommt. Mama erklärt ganz schnell, dass Fleischwolf der Name eines sehr, sehr schönen Schweinetiergartens wäre. Bin misstrauisch. Mama und der Mann gucken sich komisch an. Dann sagt der Mann, dass Mama Recht hätte, und schenkt mir zum Trost eine Knackwurst. Jetzt bin ich überzeugt, denn ein Mann, der eine so leckere Knackwurst macht, kann bestimmt nicht lügen.

29. September 1964

Der Mann mit der Schürze ist noch mal gekommen, um uns noch viel mehr Knackwürste zu schenken. Und Braten und Blutwurst. Frage ihn, wie es Gerda geht. Gut, sagt der Mann, schenkt mir wieder eine Knackwurst und sagt, die Wurst sei von Gerda. Freue mich. Hab noch nie etwas von einem Tier geschenkt bekommen. Schon gar nicht von einer Sau. Und erst recht keine Wurst. Gerda muss mich echt lieb haben. Habe Gerda auch lieb. Esse die Wurst. Lecker! Jetzt weiß ich, warum man immer sagt, dass Liebe durch den Magen geht.

2. Oktober 1964

Papa kommt rein und erzählt, dass Gerda im Auto sitzt. Renne raus und rufe begeistert, dass die Sau wieder da ist. Stoße fast mit Tante Gerda zusammen, die mich ernst anguckt. Später reden Mama, Papa und Tante Gerda laut über meine Erziehung.

4. Oktober 1964

Hurra! Unsere Hühner legen Eier! Am Abend gibt es Omelett!

5. Oktober 1964

Russenei!

6. Oktober 1964

Solei.

7. Oktober 1964

Rührei.

8. Oktober 1964

Papa will mal was anderes essen. Ich auch. Mama meint, das hätten wir uns selber zuzuschreiben. Wir wollten ja unbedingt die Eier.

9. Oktober 1964

Ein anderer Mann mit Schürze holt unsere Hühner ab und bringt sie in einen sehr schönen Hühnertierpark. Bin traurig, aber wahrscheinlich haben die Hühner es da besser als bei uns. Winke mit dem Taschentuch hinterher. Ob wir uns mal wiedersehen? Mama tätschelt mir den Kopf und meint, dass wir uns ganz bestimmt sehr bald wiedersehen. Glaube ihr und bin nicht mehr ganz so traurig. Am Abend gibt‘s zum Trost Hühnchen. Mama ist die Beste!

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3. Zahnarzt, die erste

14. Juni 1965

Werner und ich spielen Zahnarzt. Werner war schon mal beim Zahnarzt und weiß, wie‘s geht. Er macht den Mund auf und ich muss reingucken. Dann muss ich fragen, ob was wehtut, und Werner sagt nein. Langweilig. Dann bin ich dran mit Mundaufmachen. Werner kennt sich aus, denn er leuchtet mir direkt mit Papas Schreibtischlampe in den Mund. Ich schlucke Staubfussel und Werner fragt, ob’s wehtut. Ich sage nein. Dann nimmt Werner einen 17er Maulschlüssel in die Hand und will damit auf meine Zähne klopfen. Ich will was anderes spielen, aber Werner meint, Zahnärzte würden das so machen und sie würden auch so ein Werkzeug benutzen und schließlich hieße es ja auch Maulschlüssel. Werner klopft vorsichtig und fragt, ob’s wehtut. Nein. Werner meint, es muss aber wehtun, sonst hätte die Zahnarztspielerei keinen Sinn, und ob es bestimmt immer noch nicht wehtut. Nein. Werner haut noch stärker zu. Bis jetzt wusste ich nicht, wie sich Zahnschmerzen anfühlen. Jetzt weiß ich es. Werner lobt mich. Ich würde perfekt den Patienten spielen. Ich spiele aber nicht. Der Zahn tut wirklich weh. Und wie beim echten Zahnarzt zieht Werner mit einer Wasserpumpenzange ein kleines Stück Zahn aus meinem Mund. Werner meint, mit mir Zahnarzt zu spielen würde riesigen Spaß machen. Mir nicht so.

Abends tut es richtig weh. Im Bett stecke ich den abgebrochenen Zahn in den Mund. Vielleicht wächst er ja wieder an.

15. Juni 1965

Am Morgen liegt der Zahn nicht mehr in meinem Mund. Aber angewachsen ist er auch nicht. Bekomme einen Verdacht. Nach dem großen Geschäft suche ich mit Mamas Fleischgabel in der Kloschüssel nach meinem Zahn. Mama kommt rein und fragt, was ich mache. Ich antworte, dass ich gerade Zahnarzt spiele. Mama guckt mich komisch an und drückt dann die Spülung. Weil mein Zahn jetzt ins Meer schwimmt, muss ich weinen. Mama guckt mich wieder an. Dann schaut sie mir in den Mund und sagt das böse Wort: »Scheiße!«

16. Juni 1965

Bin mit Mama beim Zahnarzt. Wir müssen nicht warten, denn das Wartezimmer ist leer. Prima. Später lerne ich, dass dies kein gutes Zeichen sein muss. Dann darf ich auf den Behandlungsstuhl. Der Zahnarzt kommt und lächelt mich an. In seinem Mund hat er einen Zahn aus Gold. Wahrscheinlich hat er als Kind auch Zahnarzt gespielt. Ich erkläre, dass mein Zahn im Meer schwimmt. Der Zahnarzt lacht. Ich entdecke drei weitere Goldzähne. Dann muss ich den Mund aufmachen. Der Zahnarzt guckt rein, grunzt ein paarmal und sagt dann das böse Wort. Bin beunruhigt. Er geht mit Mama in eine Ecke und tuschelt mit ihr. Abwechselnd gucken sie mich an. Mama sieht ernst aus. Bin stark beunruhigt und will aufs Klo. Außerdem tut es plötzlich nicht mehr weh. Bis der Zahnarzt meine Zähne abklopft. Wie Werner. Er benutzt sogar dasselbe Werkzeug. Will weg, aber Mama sagt, der Rest meines weggeschwommenen Zahns müsse raus. Damit der neue besser nachwächst. Mama gibt mir einen verdächtig dicken Kuss und geht ins Wartezimmer. Der Arzt gibt ihr noch eine Packung Oropax. Wusste nicht, dass sich ein Zahnarzt auch um Ohren kümmert.

Der Zahnarzt kommt mit einer Spritze. Spritzen kenn ich, denn ich bin schon mal geimpft worden. In den Po. Der Zahnarzt will mir die Spritze aber nicht in den Po stecken, sondern in den Mund. Ich will keine Spritze in meinem Mund, die andere vorher im Po hatten. Ich wehre mich und die Spritze fliegt auf den Boden. Der Arzt sagt das böse Wort und ruft dann Frollein Gisela. Frollein Gisela ist die dicke Frau, die uns begrüßt hat. Frollein Gisela soll mir die Hand halten. Sie hält aber nicht meine Hand, sondern meinen Kopf. Der Arzt hebt die Spritze auf und steckt sie mir in den Mund. Schreie wie am Spieß nach Mama und beschließe, nie wieder Zahnarzt zu spielen. Es schmeckt bitter in meinem Mund und ich muss brechen, auf Frollein Giselas Schuhe. Jetzt sagt auch Frollein Gisela das böse Wort. Der Zahnarzt sagt, nach zehn Minuten würde die Betäubung wirken. Zehn Minuten können eine Ewigkeit sein. Nicht hier. Denn nach zwei Minuten kommt der Zahnarzt wieder. In seiner Hand hat er eine Wasserpumpenzange. Wie Werner. Frollein Gisela hält mich fest. Der Zahnarzt steckt die Zange in meinen Mund. Ich schreie. Der Zahnarzt und Frollein Gisela sagen abwechselnd das böse Wort und dass es nicht wehtut. Lüge! Ich wehre mich so heftig, dass der Zahnarzt mit seiner Zange abrutscht. Dann macht es laut »Krack«! Der Zahnarzt zieht einen Zahn aus meinem Mund. Taste vorsichtig mit meiner Zunge nach dem, was von meinen Zähnen übrig ist. Bemerke neben dem abgebrochenen Zahn eine Lücke. Jetzt wäre ich eigentlich dran, das böse Wort zu sagen. Kann aber nicht sprechen. Nur schreien. Der Zahnarzt geht und kommt mit einem Werkzeug wieder, das Papa immer benutzt, um die Radkappen von seinem Käfer zu hebeln. Wenn Papa das Werkzeug benutzt, geht er immer in die Knie. Frollein Gisela kniet sich auch hin. Aber nicht auf den Boden, sondern auf meinen Brustkorb. Weiß nicht, was schlimmer ist: die Zahnschmerzen oder das Gefühl, von Frollein Giselas dicken Brüsten erdrückt zu werden. Bei Winnetou hab ich gesehen, dass die Indianer ihre Feinde an einen Pfahl binden und sie martern. Die Feinde bleiben aber immer standhaft. Klar, denn sie kannten Frollein Gisela noch nicht. Plötzlich macht es wieder »Krack«. Der Zahnarzt zeigt mir die Reste meines abgebrochenen Zahns und sagt, dass es doch gar nicht wehgetan hätte. Ihm nicht. Aber mir und Frollein Gisela, denn bevor mir der Zahnarzt die Zange in den Mund gesteckt hat, hab ich sie ein paarmal gebissen.

Mama kommt rein. Sie zieht die Oropax aus den Ohren und lobt mich, weil ich so still und tapfer war. Beschließe, nie wieder zum Zahnarzt zu gehen. Am Nachmittag darf ich zur Belohnung einen Eisbecher. Da meine Backe aber um das Zehnfache angeschwollen ist, kriege ich meinen Mund nicht auf.

Schaue zu, wie das Eis schmilzt.

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4. Einschulung

10. Juli 1966

Heute muss ich zu einem Test. Ob ich schon alt genug bin für die Schule. Denn wenn man Arzt werden möchte oder Professor, muss man zur Schule gehen. Ich will aber gar nicht zur Schule gehen. Denn ich will weder Arzt noch Professor werden, sondern Schmied. So wie der alte Johannes aus dem Dorf.

Johannes ist bestimmt schon hundert. Johannes kann viel. Er kann Pferden die Hufeisen annageln und, wenn es sein muss, ihnen auch mal einen Dorn aus dem Fuß ziehen. Nur schreiben kann er nicht. Denn Johannes war nie in der Schule, wie man im Dorf erzählt. Trotzdem ist er Schmied geworden. Warum soll ich also in die Schule, wenn ich direkt Schmied werden kann? Mama lässt nicht mit sich reden. Schule sei Pflicht und außerdem etwas Wunderbares. Sie wäre auch zur Schule gegangen und hätte es nie bereut. Frage Mama, warum sie dann kein Arzt geworden ist, oder Professor. Mama meint, sie hätte jetzt keine Zeit mehr, mit mir zu reden, und ich solle mich umziehen.

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Der Test findet in der Schule statt. Mama geht mit mir in ein Zimmer, in dem ein dickes Frollein auf uns wartet. Das Frollein fragt mich, wie ich heiße und ob ich ein Junge oder ein Mädchen sei. Antworte, dass ich Maria heiße und ein Junge bin. Und wie sie denn heißt, und ob sie denn ein Mädchen oder ein Junge sei. Weil Mädchen ja normalerweise keinen Bart haben. So wie das Frollein. Das Frollein schaut Mama fragend an. Mama meint, ich hätte eben eine gute Beobachtungsgabe. Das stimmt, denn als wir uns setzen beobachte ich, wie dem Frollein eine Naht an ihrem Kleid aufplatzt, und frage sie, warum sie so dick ist. Das Frollein schaut Mama jetzt böse an und sagt, die Erstbefragung sei vorbei und jetzt käme ein Sehtest und dann ein Hörtest. Sie fummelt an ihrer geplatzten Naht herum und meint, sehen könnte ich ja gut, das hätte sie schon bemerkt. Deswegen könnten wir direkt den Hörtest machen.

Ich muss mich umdrehen und immer aufzeigen, wenn das Frollein in eine Flöte reinpfeift. Die Flöte ist wirklich sehr leise und kaum zu hören. Aber jedes Mal, wenn das Frollein hineinpustet, atmet sie vorher keuchend ein. Das kann ich gut hören und zeige immer auf, wenn ich das Keuchen höre. Nach dem Hörtest darf ich mich umdrehen. Das Frollein hat vor lauter Pusterei einen roten Kopf und meint, ich hätte ein sehr gutes Gehör. Mama tätschelt mir stolz den Kopf.

Dann muss ich einen Satz nachsprechen. Aber in richtiger Reihenfolge. Das Frollein sagt: »Du nach Hause gehst jetzt.« Ich antworte, dass der Satz so richtig sei. Nein, der Satz sei falsch so und ich soll ihn richtig sagen. Ich sage: »Du nach Hause gehst jetzt.« Das Frollein wird etwas böse. Ich auch und wiederhole: »Du nach Hause gehst jetzt.« Das Frollein meint, niemand würde so verdreht sprechen. Dass stimmt nicht, denn Winnetou spricht so. Winnetou sei eine Romanfigur und würde in echt gar nicht leben. Bin entsetzt. Winnetou soll nicht echt sein? Ich habe Bilder von ihm gesehen. Im Fernsehen. Und alle sagen, was im Fernsehen läuft, ist echt! Das Frollein wird laut und sagt streng: »Du gehst jetzt nach Hause!« Stehe artig auf und will nach Hause gehen. Mama hält mich gerade noch zurück.

Dann erzählt mir das Frollein eine Geschichte. Von einem Hasenpapa, der aufs Feld geht und für die Hasenmama und die Hasenkinder Möhren ausgräbt. Das war‘s. Habe nie im Leben eine langweiligere Geschichte gehört. Und dann soll ich sie noch nacherzählen. Schmücke die Geschichte etwas aus. Der Hasenpapa geht los, wird aber auf dem Feld von bösen Apachen angegriffen. Am Marterpfahl wird er gefoltert und verrät unter Qualen das Versteck seiner Familie. Die Apachen reiten los, um die Hasenmama zu einer Squaw zu machen, doch der Hasenpapa kann sich befreien und richtet unter den Apachen ein Blutbad an. Am Ende haben sich alle lieb und der Hasenpapa schenkt seiner Frau einen frischen Apachenskalp. Das ist eine Geschichte! Das Frollein schaut mich entsetzt an. Mama tätschelt mir den Kopf und lobt meine Phantasie.

Am Ende muss ich dem Frollein noch zeigen, dass ich auf einem Bein hüpfen kann. Stelle mich extra doof an und hüpfe auf zwei Beinen. Nein, ich solle auf einem Bein hüpfen. Wie denn? Das Frollein macht es mir vor und hüpft los. Zum ersten Mal macht der Test Spaß. Stelle mich weiter doof an. Das Frollein hüpft und kriegt einen roten Kopf. Nach fünf Minuten kann das Frollein nicht mehr. Sie lässt sich auf einen Stuhl plumpsen. Dabei platzt die Naht ganz auf. Sie sagt, ich hätte bestanden und könnte gehen. Mama bedankt sich und geht raus. Ich hüpfe auf einem Bein hinterher.

8. September 1966

Der erste Schultag. Hab mich doch noch überreden lassen, zur Schule zu gehen. Mama hatte zum Schluss ein Argument, dem ich nichts mehr entgegensetzen konnte: eine große Schultüte voller Süßigkeiten. Mamas Argument war aber nicht von langer Dauer, denn nach einer halben Stunde war die Schultüte schon leer.

Will meinen Entschluss, zur Schule zu gehen, noch mal überdenken, aber es ist zu spät. Hand in Hand betrete ich zusammen mit anderen Erstklässlern die Schule. Mama winkt mir mit einem Taschentuch hinterher. Sie weint ein bisschen. Komisch. Ich bin doch derjenige, der in die Schule muss.

In der Klasse treffe ich das dicke Frollein vom Test wieder. Sie sagt, sie sei unsere Lehrerin und heiße Frollein Rehbein. Sie lobt uns, weil wir uns alle für den großen Tag so schick gemacht haben. Ich zeige auf und lobe Frollein Rehbein ebenfalls, weil sie sich auch so schick gemacht hat, ein Kleid ohne Riss trägt und sich sogar ihren Bart abrasiert hat. Frollein Rehbein kriegt einen roten Kopf und sagt, ich soll nicht so ungezogen sein. Wieso ungezogen? Ich wollte doch nur nett sein.

Dann soll jeder sagen, was er mal werden will. Ich sage, dass ich Schmied werden will und deshalb jetzt gehen möchte. Alle Kinder lachen. Fange an, mich wohl zu fühlen, und beschließe, noch etwas zu bleiben. Wir erfahren von Frollein Rehbein, dass wir fürs Leben lernen und nicht für die Schule. Dann malt sie eine Pyramide an die Tafel, die ihr aber nicht gefällt, denn anschließend streicht sie die Pyramide wieder durch. Sie fragt uns, was wir da auf der Tafel sehen würden. Zeige auf und sage, dass ich eine durchgestrichene Pyramide sehe. Das sei falsch, sagt sie, denn auf der Tafel stünde keine durchgestrichene Pyramide, sondern der Buchstabe »A«. Für mich ist es aber eine durchgestrichene Pyramide! Habe keine Lust mehr auf Schule und will gehen. Doch dann müssen wir unsere Hefte aufschlagen und lauter »A« malen. Frage Frollein Rehbein, ob in dem Wort »Schmied« ein »A« drin vorkommt. Nein, natürlich nicht. Dann will ich auch keine »A« malen. In »Schmiedehammer« kommt nämlich bestimmt auch kein »A« vor, wie ich den Laden so kenne. Also, was soll dann der Quatsch?

Frollein Rehbein wird streng. Wenn ich jetzt kein »A« male, bekäme ich einen Tadel und da wäre ein »A« drin. Bin verzweifelt. Wenn ich doch fürs Leben lerne, wieso lern ich dann blöde Buchstaben, die man nur dann braucht, wenn man einen Tadel bekommt? Frollein Rehbein wird richtig böse und schreit, weil es so in der Schulordnung steht. Frage, ob denn in dem Wort »Schulordnung« ein »A« drin vorkommt. Bekomme einen Tadel und muss mich in die Ecke stellen.

Während die anderen Kinder hinter mir durchgestrichene Pyramiden in ihre Hefte malen müssen, mustere ich die Tapete. Stelle mit vor, es sei eine Landkarte. In meiner Phantasie male ich mir aus, wie ich in einem Flugzeug über das Land fliege und dabei beobachte, was unten so passiert. Ich sehe Giraffen, Panther, Affen und angreifende Apachen, jede Menge spannende Dinge, und alle ohne »A«. Am Ende der Stunde bin ich richtig traurig, die Ecke verlassen zu müssen. Aber nicht lange. Denn in der nächsten Stunde steh ich wieder drin.

Schule wird wahrscheinlich nie mein Ding sein ...

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5. Frollein Schmitz

1. November 1967

Seit einer Woche gehe ich gern zur Schule. Denn seit einer Woche ist die dicke Rehbein krank und wir haben ein neues Frollein. Sie heißt Frollein Schmitz und wir werden heiraten. Frollein Schmitz weiß es nur noch nicht, denn ich habe ihr meine Liebe noch nicht gestanden. Frage Papa, was er gemacht hat, um Mama heiraten zu können. Papa sagt, er hätte Mama einen Antrag gemacht. Antrag kenn ich. Das hat was mit Ämtern zu tun und mit ganz viel Papierkram.

Im Schreibwarenladen frage ich nach einem Antrag. Der Händler hat ganz viele Anträge. Kaufe den billigsten.

2. November 1967

Bin heute extra früher in die Schule gegangen, um Frollein Schmitz meinen Antrag aufs Pult zu legen. Oben auf dem Antrag steht zwar nichts von Heirat, dafür aber ganz groß »Antrag«. Und danach etwas kleiner »auf eine Notschlachtung«. Habe ihren Namen eingetragen und als Grund »gebrochenes Herz«. Als Frollein Schmitz den Antrag sieht, regt sie sich furchtbar auf und rennt raus. Wahrscheinlich weiß sie nicht, wohin mit ihrem Glück.

3. November 1967

Frollein Schmitz hat meinen Heiratsantrag nicht richtig verstanden, denn als sie am nächsten Morgen in die Klasse kommt, trägt sie kein Brautkleid. Bin enttäuscht.

4. November 1967

Muss mit ansehen, wie meine zukünftige Frau nach der Schule von einem blonden Mann abgeholt wird. Der Mann küsst sie. Sogar auf den Mund! Bin am Boden zerstört. Werner meint, in so einer Situation würde man als Ehrenmann um die Liebe seiner Frau kämpfen. Die Ritter früher hätten das auch so gemacht. Mit Schwert und Speer.

5. November 1967

Liege vor der Schule auf der Lauer. Ohne Schwert und Speer. Dafür mit einer Steinschleuder. Als der blonde Mann Frollein Schmitz wieder auf den Mund küssen will, lass ich einen Stein losflitschen. Der blonde Mann kippt um. Sieg! Renne aufgeregt zu Frollein Schmitz, damit ich schnell um ihre Hand anhalten kann. Die interessiert sich aber überhaupt nicht für ihren tapferen Ritter, sondern nur für den blonden Mann, der stöhnend am Boden liegt und sich den Kopf reibt. Frage sie enttäuscht, ob ihr mein Kampf nicht gefallen hätte. Und ob ich noch mal nachlegen soll, Steine hätte ich genug. Frollein Schmitz starrt mit offenem Mund auf die Steinschleuder in meiner Hand. Doch statt mir vor Glück um den Hals zu fallen, gibt sie mir eine Ohrfeige. Versteh einer die Frauen.