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Steh ich jetzt unter Denkmalschutz?

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Vorwort
    1. Was heißt hier Senior?
  5. Midlife-Crisis
    1. »The wrong side of sixty!«
  6. Your dreams may not
  7. Erste Sitzung, Freitag, der 13.
    1. Rentnerpech
    2. Ryan macht mir Freude
    3. Treppenwitz der Technikgeschichte
    4. Nachrichten aus Nudistan
    5. So fit war ich noch nie
    6. Golden Boy
  8. Zweite Sitzung, Freitag, der 20.
    1. Die Ü50-Party
    2. Fit wie ein Filzpantoffel
    3. Teste dein wahres Alter
    4. Alles eine Frage der Relation
    5. Hoch die Tassen!
  9. Dritte Sitzung, Freitag, der 27.
    1. Sitzpinkler
    2. Kamasutra mit der Lehrerin
    3. Oversexed and underfucked?
    4. Kleines Bier
    5. In Ihrem Alter noch?
  10. Vierte Sitzung, Freitag, der 3.
    1. Früher war alles besser 1 (Kleidung)
    2. Früher war alles besser 2 (Musik)
    3. Endlich Narrenfreiheit?
    4. Dorfälteste
    5. Sex im Alter
  11. Fünfte Sitzung, Freitag, der 10.
    1. Wahres und gefühltes Alter
    2. Fitness ist nicht gleich Fitness
    3. Kauf dir Jugendlichkeit
  12. Sechste Sitzung, Freitag, der 17.
    1. Mein vorletzter Wille
    2. Wie alt werde ich?
    3. Gesundheit!
    4. Fitness!
    5. Klassentreffen
  13. Siebte Sitzung, Freitag, der 23.
    1. Charakterfach
    2. Wieder Kind werden
    3. Schlaf
  14. Achte Sitzung, Freitag, der 30.
  15. Schluss
  16. Dank

Sky

du Mont

STEH ICH

JETZT UNTER

DENKMAL-

SCHUTZ?

Älterwerden ist
nichts für
Spaßbremsen

Vorwort

Als ich kürzlich auf der Reise von Hamburg nach München auf dem Flughafen in der Buchhandlung war, fiel mir auf, wie viele Bücher sich mit dem Älterwerden beschäftigen. Früher schien mir das eher umgekehrt. Da hießen die Bücher »Forever Young« oder »Jung und gesund mit der Hollywood-Diät« oder so ähnlich. Heute scheint der Buchmarkt die Situation realistischer zu sehen. Vielleicht sind es aber auch nur meine Situation und mein Blickwinkel: Womöglich fallen mir die neuen Titel nur deshalb besonders ins Auge, weil ich selbst langsam in die Jahre komme. Überschriften wie »Mein Vater, die Demenz und ich« oder »Restlaufzeit« lösen eine spontane Todessehnsucht in mir aus. Ob ich noch genug »Lebens-Restlaufzeit« habe, um eines dieser Bücher fertig zu lesen?

Ja, denkt man sich. Alles wahr, was da so geschrieben wird. Aber soll das die ganze grausame Wahrheit sein? Glücklicherweise gibt es auch noch andere Überschriften, die sich mit dem Alter beschäftigen. »Nein, ich will keinen Seniorenteller« oder »Alt werden, ohne alt zu sein«. Eine gewagte Behauptung. Meint der Autor, wenn ich nicht mehr in der Lage bin, meine Socken allein anzuziehen, dann gehe ich einfach barfuß auf die Straße? Oder soll ich bei Verlust meines Gebisses einfach auf flüssige Nahrung umsteigen?

Nein, meine lieben Autorenkollegen, wenn man alt ist, ist man alt, da hilft kein falscher Optimismus. Ich meine, immerhin geht es hier um etwas so Großes wie Vergänglichkeit! Und die kommt ja auch nicht auf einmal, sondern nach und nach. Erst geht die Haarfarbe, dann geht die Figur – und schließlich gehen einem all die Jugendlichkeitsfanatiker auf den Geist. Und doch: Wer will schon älter werden? Irgendwie möchte doch jeder gerne jung bleiben. Innerlich und äußerlich, vor allem aber äußerlich. Wenn ich an den doofen Spruch denke, dass man immer so alt ist, wie man sich fühlt, muss ich dankend ablehnen. So beknackt wie in jungen Jahren möchte ich lieber nicht mehr sein. Höchstens so sportlich, so fit, so schlank – und so potent. Überhaupt fallen mir nach einigen Sekunden Überlegung noch ein paar zusätzliche Dinge ein.

Dass sich Autoren mit dem Alter befassen, ist übrigens keine Seniorenspezialität, die nur aufs Alter zielt! Betrachten wir ruhig mal die »Jugendliteratur«, denn da scheint mir die Hoffnungslosigkeit ebenso Einzug gehalten zu haben. Titel wie »Letztendlich sind wir dem Universum egal« oder »Das Leben spielt sich anderswo ab«, versprühen nicht unbedingt jugendlichen Optimismus. Von hartem Stoff wie »Das Schicksal ist ein mieser Verräter« mal ganz abgesehen. Selbst in der Musik hat die Furcht vor dem Altern Einzug gehalten. Ziehen Sie sich doch mal den Titel der Gruppe The Who rein. »I want to die before I get old« zeugt nicht von dem Glauben, dass das Alter lebenswert zu sein scheint.

Aber was will uns das eigentlich alles sagen? Dass wir sowieso hadern, egal, ob wir jung sind oder alt? Dass jedes Alter mies sein kann? Dass wir nicht so rumzicken und solche Heulsusen sein sollen? Vielleicht. Man kann es auch auf einen Nenner bringen: Die einzig kluge Art des Umgangs mit dem Thema – ob jung oder alt – ist am Ende mit einem einzigen Wort zu umreißen: Humor. Und da ich in meinem Alter nicht unbedingt der Richtige bin, Witze übers Jungsein zu reißen, bleiben wir ruhig beim Ersteren. Schon Kishon hat das Problem auf den Punkt gebracht: »Altern ist ein hochinteressanter Vorgang: Man denkt und denkt und denkt – und plötzlich kann man sich an nichts mehr erinnern.«

Ja, ich genieße das Privileg, mich viel mit deutlich jüngeren Menschen umgeben zu können. Vielleicht hat mir das auch über die unweigerliche Depression hinweggeholfen, die vermutlich jeden von uns packt und beutelt, wenn ihm klar wird, dass man die Lebensmitte schon ein kleines Weilchen hinter sich gelassen hat. Meine Frau war mal nur halb so alt wie ich (das gleicht sich aber zunehmend an, doch dazu später), meine Kinder sind noch richtige Kinder. Da gibt man als Papa im Opa-Alter schon gerne mal den Daddy cool. Wie die Hanseaten sagen: Wat mut, dat mut. Und: Was stört schon der Ischias, wenn man Cabrio fährt.

Oder anders ausgedrückt: Älterwerden ist nichts für Spaßbremsen. Schreiben wir also ein Buch!

Ich nehme dieses Buch mit zarten sechsundsechzig Jahren in Angriff. Wenn man Udo Jürgens glaubt, dann fängt das Leben jetzt erst an, und jetzt erst hat man Spaß daran. Na ja. Als er das Lied komponiert hat, konnte er das Wort Haarausfall vermutlich noch nicht mal buchstabieren und war gerade mal vierundvierzig.

Wer die Lebensmitte überschreitet, fällt zunächst vermutlich in ein ziemlich tiefes Loch. Denn klar ist: Es geht abwärts. Irgendwie nimmt die Schwerkraft zu und die Leidenschaft ab. Ich denke manchmal an das Zitat: »Ein Mann ist dann alt, wenn er seine Komplimente nicht mehr in die Tat umsetzen kann.« Da ist was dran, aber die Vernunft gebietet mir, nicht Männern wie Anthony Quinn nachzueifern (der mit einundachtzig noch Kinder zeugte) oder Luis Trenker (mit sechsundneunzig). Abgesehen davon würde meine Frau mit Sicherheit aus Protest in den Sitzstreik treten. Und zeugen Sie mal so Nachwuchs.

Es fällt auch dem größten Optimisten und Lebenskünstler plötzlich ganz leicht, deprimiert zu sein. Einerseits. Andererseits lässt sich eine gewisse Komik nicht leugnen. Plötzlich tauchen Fragen auf wie: Soll ich mir mal den Push-up-BH meiner Frau ausleihen? Immerhin kann ich es in Sachen Oberweite bald mit ihr aufnehmen. Oder: Ist in der Nasensalbe Haarwuchsmittel verarbeitet? Denn irgendwie scheint der Haarwuchs von anderen Stellen dorthin umgezogen zu sein. Und: Gibt es bei Porsche eigentlich auch eine Aus- und Einsteighilfe? Wie sonst soll ich aus dem Ding jemals wieder rauskommen?

Nein, Älterwerden ist nichts für Spaßbremsen. Wer sich nicht über die eigenen Unzulänglichkeiten amüsieren kann, der ist sowieso verratzt. Was es im Dschungel der gut gemeinten Ratgeber endlich braucht, ist ein Buch, das die Wahrheit sagt und gleichzeitig amüsant ist. Eine kleine Philosophie für angehende Senioren. Ein Trost für alle, die auch vom Steh- zum Sitzpinkler geworden sind oder sich schon fast pädophil fühlen, wenn sie mal einer Frau unter fünfzig hinterherschauen. In diesem Buch wird nicht ein Fünkchen Wahrheit enthalten sein. Sondern ein ganzes Feuerwerk.

Wer glaubt, dass ein Promi es beim Älterwerden leichter hat, der wird hier die ganze grausame Wahrheit erfahren: Nichts ist erniedrigender, als bei jedem Schwimmbadbesuch oder in jeder urologischen Praxis erkannt zu werden – mit entsprechenden Rückschlüssen, die die lieben Mitmenschen dabei ziehen. Deshalb also: Flucht nach vorn! Ehrlichkeit und Selbsterkenntnis sind angesagt. Der Abschied von der trügerischen Hoffnung, doch noch jünger rüberzukommen. Dies und mehr in einem schräg-komischen Buch mit ganz viel Selbstironie und ganz wenig Distanz.

Sollten Sie sich nun entscheiden weiterzulesen, dann sollten Sie wissen, dass alle Geschichten, die Sie hier finden, wahr sind und sich genauso zugetragen haben. Nur nicht unbedingt bei mir, sondern auch bei Freunden und Bekannten. Und vielleicht die eine oder andere ja auch bei Ihnen …

Was heißt hier Senior?

Älterwerden ist eine seltsame Sache. Lange leben möchte jeder, älter werden will keiner. In der Wirtschaft ist man bekanntlich ganz oben angekommen, wenn auf der Visitenkarte das Wort »Senior« prangt. Man ist dann »Senior Partner«, also einer von denen, die das viele Geld bekommen. »Senior Vice President«, einer von denen, die noch mehr Geld bekommen und dafür bezahlt werden, dass sie die Firmenzigarren rauchen. Oder wenigstens »Senior Assistant«, also der Obersklave, der die Peitsche über den anderen Sklaven schwingen darf.

Außerhalb der Wirtschaft ist das eher anders: Wenn »Senior« davorsteht, ist meist nur mickriger Kleinkram drin. Zum Beispiel bei der »Seniorenportion«. Genial: Du zahlst zehn Prozent weniger und bekommst dafür nur die Hälfte. Oder beim »Seniorenabend«: Die Band ist schlecht, die Stimmung irgendwo zwischen Kreishospiz und Aussegnungshalle – und am Ende des Abends werden Miss Kukident und Mister Rock ’n’ Rollator gewählt. Kein Wunder, dass sich so viele Menschen vor dem Altwerden fürchten. Wenn es das ist, was man von uns erwartet: keine Power, keine Laune und keine Ansprüche mehr zu haben …

Dabei gibt es eine Menge Beispiele dafür, dass Alter eher ein Anlass für weitaus bessere Qualität ist. Menschen altern wie Wein oder wie Whisky: Je mehr Jahre sie auf dem Kerbholz haben, desto mehr Geschmack haben sie. Sie altern wie Bäume: Je mehr Ringe sie zählen, umso stolzer und schöner sehen sie aus. Sie altern wie Käse: Je älter sie sind, umso mehr Charakter haben sie. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Geruch!

Das mögen nette Redensarten sein, aber ich finde, es ist auch wirklich etwas dran. Wenn ich mir die Fotos ansehe, als ich halb so alt war – ich würde nicht anziehen, was ich damals getragen habe. Und ich habe vielleicht ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen, aber die machen wenigstens was her! Außerdem weiß ich heute, was mir wirklich wichtig ist, und muss nicht jeder Mode und jedem Unsinn hinterherlaufen.

Es gab eine ziemlich lange Zeit, da war ich für jedes weiße Haar und jede Falte dankbar, weil es mir half, mich ein wenig von der Rolle des glatten Schnösels und Schönlings zu befreien. Dann gab es eine ziemlich kurze Zeit, in der ich doch wieder gerne jünger gewesen wäre (als mir nämlich aufging, dass mit dem Älterwerden auch ein paar körperliche Einschränkungen verbunden sind). Inzwischen nervt mich nur noch die Sicht der Jüngeren auf die Älteren. Ich meine, welcher Vollpfosten hat sich im Ernst das »Seniorenschnitzel« ausgedacht? Kann ich nicht einfach sagen: »Machen Sie mir ein kleineres«, wenn ich keinen großen Hunger habe? »Seniorentreff«! Wer glaubt, dass Alte nur unter sich sein wollen? Sollen wir uns nur noch über die Zipperlein unterhalten, über Stützstrümpfe und Harndrang? Nein! Eine nette Gesellschaft ist dann schön, wenn es Alte und Junge gibt, am besten auch noch ein paar Kinder, damit Leben in die Bude kommt. Unter Senioren kann ich sein, wenn ich unter der Erde bin. Auch so ein Unsinn: das »Seniorenweb« – Internet für Alte. Ja, das gibt es tatsächlich, und das klingt, als würde man sagen: Fußball für Fußlahme. Es existiert tatsächlich so ein Paralleluniversum, ein Internet, in das man vermutlich erst eintreten darf, wenn man die fünfzig überschritten hat. Da guckt man dann wahrscheinlich Livestream in Zeitlupe, macht Couch-Surfing in Altenheimen, ordert Bücher in Großdruck, Schlafanzüge in Übergrößen und guckt Rentnerpornos? Ich bin für die Verbannung mindestens der Hälfte aller Wörter, die mit »Senioren-« anfangen, aus unserem Wortschatz. Sie sind irreführend, peinlich und diskriminierend. Und überhaupt: Wer hat sich das ausgedacht, dass man heute mit fünfzig Lenzen Senior ist? Unsere Superministerin Andrea Nahles schraubt ja bereits heftig an der Senioren-Grenze. Rentner mit dreiundsechzig! Ein Witz. Dann kann sie als Erstes ihre halbe Bundestagsfraktion in den Ruhestand schicken.

Was soll denn werden, wenn wir alle schon bald achtzig Jahre und älter werden, wenn die Generation der heutigen Kinder bereits eine Lebenserwartung von hundert Jahren hat? Wollen die wirklich die Hälfte ihrer Zeit auf dem Planeten als Senioren verbringen? Aber vielleicht ist das auch die Lösung: Wir schicken die über Achtzigjährigen ins Weltall. Nach einer ausgedehnten Butterfahrt durchs Universum kommen sie deutlich jünger zurück, als sie losgeflogen sind. Tatsache! Glauben Sie nicht? Dann lesen Sie mal »P.M.« oder ein anderes Fachmagazin.

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Wer wirklich in den Herbst seines Lebens startet, für den werden die Jahre, die er noch hat, immer wertvoller. Die will er nicht mit schlechter Unterhaltung, peinlichen Angeboten und mickrigen Portionen verbringen. Wir »Ältere« wollen es krachen lassen! Wir wollen schlemmen und genießen! Wir wollen uns austoben. »Seniorenpower« ist nichts anderes als das, was in dem Wort drinsteckt: Power! Ohne jede Einschränkung.

Ich rufe hiermit auf zur Revolution der Alten. Und die starte ich hiermit, indem ich mal ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudere.

Midlife-Crisis

Meine Midlife-Crisis begann an einem ganz normalen Montagmorgen. Das Wochenende war hart gewesen, weil unser Sohn, damals noch ein Säugling von wenigen Monaten, die ganze Nacht hindurch abwechselnd gepupst und geschrien hatte. Sprich: Er hatte Blähungen. Gut, die habe ich auch manchmal, aber meine bemerkt man nicht, wenigstens nicht akustisch, und man kann wunderbar dabei schlafen. Zumindest ich. Meine Frau ist da anderer Meinung. Aber lassen wir das.

Unser kleiner Sohn also war ständig wach und wollte bespielt und gefüttert werden. Leider hatte ich in jener Nacht »Dienst« gehabt, während Beate mit Schlafmaske und Oropax friedlich schlummerte. Gegen Morgen dann war die letzte Milch alle, und ich machte mich auf zum Supermarkt, um ein paar Päckchen Folgemilch zu kaufen.

»Kannst du auch noch eine extragroße Packung Klopapier und ein Paket Waschpulver mitbringen? Und vielleicht noch Karotten und Zwiebeln.«

Ich war schon an der Tür, als meiner Frau noch Tabs für die Geschirrspülmaschine, Christbaumkugeln und Skistöcke einfielen. Und ein Pfund ganz zartes Rindertatar. Und ein Kloreiniger. Und natürlich Chips. Aber nicht die total versalzenen, sondern die total scharfen. Chili-Onion-Jalapeño-Triple-Hot-Terror-Kick-Punchers.

»Die Scharfen? Aber du bekommst doch von denen immer Magenschmerzen.«

»Jep. Aber von den Milden bekomme ich Sodbrennen.«

Ich habe eine kluge Frau, aber bei solchen Argumenten verschlägt es mir immer wieder die Sprache.

Ich fuhr also die zweihundert Meter zum nächsten Supermarkt, versuchte, auf dem Parkplatz mit einigen Kniebeugen meinen Kreislauf einigermaßen auf Vordermann zu bringen. Zum Glück hatte ich das Auto direkt neben einer Station für Einkaufswagen abgestellt, sodass ich mich auf einem davon halb liegend in den Laden schleppen konnte. Nachdem ich den Filialleiter davon überzeugt hatte, dass ich keineswegs betrunken, sondern nur unendlich müde war, schob ich den Wagen und mich durch die Gänge und sammelte die paar Kleinigkeiten ein, die mir meine liebe Frau aufgetragen hatte.

Als mich eine halbe Stunde später eine freundliche junge Frau in der Schlange vor der Kasse aufweckte, damit ich wieder ein Stück weiterginge, ließ mich ein Opa mit Filzhut vor. »Sie Armer«, sagte er und stupste eine Hochschwangere an, die vor ihm stand. »Lassen Sie doch mal den Mann vor. Nicht dass er uns am Ende noch schlapp macht hier drin.«

»Aber gerne«, sagte die werdende Mutter betroffen und machte Platz, damit ich mich zur Kasse vorkämpfen konnte. Sie denken, das sei der Gipfel der Schmach gewesen? Keineswegs. Denn an der Kasse kam, was mir öfter passiert. »Ach, sind Sie nicht der … dieser …«

»Ja, ja, der bin ich«, flüsterte ich, halb aus Erschöpfung, halb aus Scham, dass es schon so weit war, dass mich inzwischen sogar die schwangeren Frauen an der Kasse vorließen.

»Ich kenne Sie aus dem Fernsehen.«

Verlegenes Lächeln. Man muss Dankbarkeit heucheln, dass man erkannt wird. Sie wusste ja nicht, wie es um mich bestellt war. Ich packte mein Zeug zusammen und wuchtete den etwa dreihundert Kilogramm schweren Einkaufswagen mit letzter Kraft vom Förderband weg, da hörte ich sie hinter mir sagen: »Auf Wiedersehen, Herr Heesters!«

Ich bitte Sie, der Mann ist seit einer Ewigkeit tot!

»The wrong side of sixty!«

Kennen Sie noch Waldorf und Statler, die zwei merkwürdigen, kauzigen alten Männer aus der »Muppet Show«? Die beiden lästern von ihren gemütlichen Balkonplätzen aus über eigentlich alles. Meine Frau Beate findet die beiden zum Piepen komisch, ich eher tragisch. Was wohl damit zusammenhängen mag, dass ich mich mit zunehmendem Alter immer häufiger in den beiden wiedererkenne.

Seit einiger Zeit betrachte ich die Welt mit anderen Augen, und das hat nichts mit meiner abnehmenden Sehkraft zu tun, wie meine Kinder immer behaupten. Sollte dem so sein, müssten meine Kinder älter sein als ich. Die sehen und hören nämlich überhaupt nichts, zumindest wenn ich ihnen etwas sage.

Ich sitze gerne und oft mit meinem guten Freund Didi auf einer Parkbank, und wir blicken auf die Elbe. Didi ist das, was man seinen ältesten Freund nennt. Damit ist normalerweise nicht der älteste, sondern der langjährigste gemeint. Tatsache ist, dass wir beide immer älter werden, und immer häufiger, wenn ich Didi so ansehe, denke ich mir: Meine Güte, sieht der alt aus! Dieser Eindruck hält allerdings nur so lange an, bis ich selbst in den Spiegel blicke. Vieles hat sich verändert, seit ich auf »the wrong side of sixty«, der falschen Seite von sechzig bin, wie es die Amerikaner so treffend ausdrücken.

Ein Beispiel? Ich nehme es beim Ausfüllen von Formularen nicht mehr so ganz genau.

Größe: Mal im Ernst, messen Sie das noch nach? Es heißt ja, im Alter wird man wieder kleiner. Ich denke, dass dabei nicht die Körpermasse gemeint ist, leider. Ich bringe heute mehr Volumen auf die Waage als vor einigen Jahren. Sicher ist da die Körperlänge gemeint, und die hat sich tatsächlich verringert.

Gewicht: 99 Kilo. Die wollen schließlich mein Nettogewicht, oder? Wenn ich mir die Haare und die Nägel schneide, mich vor dem Wiegen rasiere, Stunden vorher nichts esse oder trinke, dann kommt das doch sicher hin. Außerdem muss man da auch ästhetisch denken: 103 Kilo klingt einfach scheiße.

Augenfarbe: Endlich mal eine dankbare Kategorie! Smaragdgrün natürlich. Ha! Nimm das, Alter! Blöderweise will das aber keiner wissen. Nach der Augenfarbe wird in dem beschissenen Formular nicht gefragt.

Haarfarbe: Weiß, aber ich schreibe mal Grau, da muss man auch ein bisschen kompromissfähig sein. Ich bewerbe mich schließlich nicht als Weihnachtsmann.

Körperbau: Schlank, ganz klar. Ich muss nur den Bauch einziehen. Die wollen ja nicht wissen, wie lange. Reden kann ich dabei allerdings nicht. Und seit Jahren lasse ich mich auch nicht mehr von der Seite fotografieren.

Geschlecht: Männlich, keine Frage. Ich muss mir nur ansehen, wo mir überall Haare sprießen.

Krankheitsgeschichte: Wollen die ein Formular von mir oder einen dicken Wälzer in Buchform? Da könnte ich denen gleich den Medizin-Ratgeber schicken. Da steht jede Krankheit drin, die ich bisher hatte.

Und das ist der Moment, in dem ich aufgebe und das Formular in den Papierkorb werfe.

Zurück zur Parkbank und zu meinem Freund Didi. Da saßen wir nämlich mal wieder und redeten übers Älterwerden. Kein Wunder also, dass wir auf unserem Bänkchen einiges an Trübsal bliesen. Das heißt: Ich habe Trübsal geblasen. Didi ist dafür gar nicht der Typ. Ich hatte ihm von der Begebenheit im Supermarkt erzählt und ärgerte mich ehrlicherweise ein bisschen, dass er das amüsant fand und sein ganzer Trost darin bestand, mir mit aller Kraft auf die Schulter zu hauen und zu sagen: »Dann hoffen wir mal, dass du auch so alt wirst wie Jopie Heesters. Die entsprechend junge Frau hast du ja schon.«

Sehr witzig! Hatte Didi denn gar keinen empfindlichen Punkt in Sachen Alter? Einen Moment musste ich nachdenken, doch dann fiel es mir ein: Didi war immer ein Tatmensch gewesen. Ich wusste, wie ich mich rächen konnte: »Kannst du dich denn noch erinnern, wie sich das für dich angefühlt hat, zum ersten Mal einen Rentenbescheid in Händen zu halten?«, fragte ich ihn etwas gehässig, aber im Ton ganz harmlos.

»Hm«, murmelte er. »War schon geil, ja.«

»Geil? Der Rentenbescheid?« Fassungslos starrte ich ihn an und versuchte, die dichten Büschel Haare in seinen Ohren und in der Nase nicht wahrzunehmen. »Was, bitte schön, ist daran geil?«

»Geld fürs Nichtstun? Money for nothing?« Er setzte ein Grinsen auf, als hätte er nicht auch erst einmal über vierzig Jahre in die Sozialkassen eingezahlt.

»Also, ich fand es seltsam«, stellte ich fest. »Befremdlich.«

»Befremdlich? Lustige Wortwahl.«

»Ja. Es ist doch so was wie ein Zeugnis, dass man jetzt aufs Altenteil gehört. Man bekommt es amtlich, dass einen keiner mehr braucht. Und die Hoffnung, dass wir bald abnippeln, damit sie nicht mehr zahlen müssen, schwingt stumm in jeder Zeile mit.«

Nun lachte er auch noch. »Ehrlich? So hast du das aufgefasst? Also, ich sehe das ganz anders.«

»Ach ja? Nämlich wie?«

»Der Rentenbescheid ist so was wie ein Freifahrtschein. Du kriegst Kohle – zwar nicht wahnsinnig üppig, aber sicher –, zahlst überall weniger Eintritt, und wenn dir langweilig ist, lässt du dich mieten.«

»Mieten?« Okay, jetzt war alles klar. Didi hatte einen an der Waffel. Vielleicht Altersschwachsinn. Oder was richtig Ernstes.

»Sicher«, sagte er. »Rent-a-rentner. Nie gehört?«

Nein. Nie gehört. Wer, bitte schön, will sich einen Rentner mieten? Und wozu?

»Ich wüsste gerne, was in deinem Kopf vorgeht«, sagte Didi und sah mich mit zweifelndem Blick an.

»Frag nicht. Also, was hat es mit diesem ominösen Angebot auf sich?«

»Reich an Erfahrung, günstig im Preis! So werben die. Ist eine Art Arbeitsvermittlung für Ruheständler, die sich den Ruhestand etwas aktiver vorgestellt haben und gerne noch ein wenig Zaster anlanden würden.«

»Klingt nicht nach sehr viel Zaster: günstig im Preis«, stellte ich skeptisch fest.

»Aber darauf kommt es doch auch gar nicht an. Es geht darum, eben nicht auf dem Altenteil zu landen, sondern was Sinnvolles zu tun. Also, ich finde das großartig. Nebenbei bessere ich noch die Urlaubskasse auf, was will man mehr? Hier!« Er reichte mir seine Zeitung. »Lies mal! Von wegen Altenteil. Da hat ein Mann mit zweiundsechzig noch sein Abitur gemacht! Und er war nicht mal der Älteste. In Berlin hat 2008 die damals fünfundsechzigjährige Sonja Rasch ihr Abi abgelegt.«

»An so was kannst du dich erinnern?« Mir schwirrte der Kopf. Ich glaube, ich wüsste nicht eine einzige Schlagzeile aus dem Jahr 2008. Kann mir kaum meinen Hochzeitstag merken. Und wenn, dann auch nur, weil meine Frau mich bereits Wochen vorher täglich daran erinnert und überall Zettel hinlegt. Neulich hatte sie ihr Hochzeitskleid rausgehängt, weiß der Teufel warum. Ich hab ihr natürlich gleich zum Hochzeitstag gratuliert – war leider ein halbes Jahr zu früh. Nee, mein Freund, mein Erinnerungsvermögen gleicht wahrscheinlich dem einer Fruchtfliege, nachdem sie eine Flasche Kirsch alle gemacht hat. 2008? Und du erinnerst dich im Ernst, dass eine Berliner Rentnerin irgendwann ihr Abi gebaut hat.

»Iwo. Steht hier drin.«

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