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Start frei für uns beide

1. KAPITEL

Irgendwo im Haus schrie ein Säugling. Es dauerte eine Weile, bis Gwen Langworthy klar wurde, dass das Schreien aus ihrem Frühstückszimmer kam. Das Geräusch wurde zu einem jämmerlichen Wimmern, bevor es erneut anschwoll. Gwen machte Licht.

Vor der hohen Schiebetür, die in den Garten hinausführte, stand eine hellblaue, tragbare Babywippe aus Kunststoff. Und darin lag, in eine rosafarbene Decke gewickelt, ein winziges Baby, das noch nicht älter als einen oder zwei Tage sein konnte. Auf einem beigelegten Zettel stand „Amy“.

Gwen strich sich die kastanienbraunen Locken hinter die Ohren, hob das kleine Mädchen hoch und wiegte es auf den Armen. Sie war Hebamme und liebte Babys über alles. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie von einer kleinen Familie und dem großen Glück geträumt hatte. Aber dann hatte Mark sie in dem Augenblick, in dem dieses Glück endlich anfangen sollte, verlassen.

„Du bist also Amy“, flüsterte sie. Das Baby hatte aufgehört zu weinen. Es trug ein handgestricktes weiß-gelb-blau gestreiftes Jäckchen mit passender Mütze. Offenbar hatte jemand sich sehr liebevoll um das Kind gekümmert.

Nur um es dann einfach im Stich zu lassen? Gwen meinte zu hören, wie auf der Straße ein altersschwacher Motor stotternd angelassen wurde und dann aufheulte. Aber im schnell verdämmernden Herbstlicht konnte sie hinter den dunklen Bäumen nichts erkennen.

Die kleine Amy strampelte, verzog ihr Gesichtchen und fing wieder an zu weinen. Gwen drückte sie tröstend an sich und ging zum Telefon, um ihre Freundin Shaye anzurufen. Dieses Kind würde nicht aufwachsen, ohne seine Eltern zu kennen – und ohne zu erfahren, warum es ausgesetzt worden war.

„Mr. Maxwell.“ Gwen versuchte, den ohrenbetäubenden Lärm mit ihrer Stimme zu übertönen. Endlich ließ der dunkelhaarige Mann den Hammer sinken. Er war groß, und mit seinen breiten Schultern wirkte er in dem engen Schuppen wie ein Riese. Bekleidet war er mit einem schwarzen T-Shirt und abgewetzten Jeans. Trotz des dämmrigen Lichts sah Gwen fasziniert, dass er graue Augen hatte.

„Kann ich Ihnen helfen?“, erkundigte er sich. Sehr freundlich klang das nicht.

Aber so schnell ließ Gwen sich nicht einschüchtern. „Das hoffe ich“, erwiderte sie mit Nachdruck.

Garrett Maxwell stand in dem Ruf, ein Eigenbrötler zu sein, und in Wild Horse Junction bekam man ihn kaum zu sehen. Im Zusammenhang mit einem vermissten Kind, das mit seiner Hilfe gefunden wurde, war er in einem Artikel der Lokalzeitung erwähnt worden. Das war der Grund, weshalb sie hier war.

Als er keine Anstalten machte, ihr zu antworten, sondern sie nur regungslos ansah, atmete sie tief durch. „Sie sind doch Garrett Maxwell?“

„Vielleicht verraten Sie mir zuerst, mit wem ich es zu tun habe.“ Er betrachtete seine Besucherin ausführlich von Kopf bis Fuß, und sie hatte den Eindruck, als registrierte er jede Einzelheit von ihren schulterlangen Locken über die grüne Bluse und die khakifarbenen Shorts bis hin zu ihren bequemen braunen Schuhen.

„Ich heiße Gwen Langworthy.“

Immerhin legte er seinen Hammer auf dem Sitz des Rasenmähers ab. „Und? Was führt Sie zu mir?“

Es war jetzt fünf Tage her, dass sie das Baby gefunden hatte, und es hatte sich noch nichts Neues ergeben. Der Sheriff kam mit seinen eher halbherzigen Nachforschungen nach der Mutter nicht weiter, und langsam riss ihr der Geduldsfaden. Deshalb hatte sie beschlossen, selbst nach dieser Frau zu suchen.

Gwen hatte am eigenen Leib erfahren, was es bedeutete, seine leiblichen Eltern nicht zu kennen: Gerade zwei Jahre war sie alt gewesen, als sie in einer Kirche ausgesetzt worden war. Darunter litt sie bis heute.

Sie schob die Hände in die Hosentaschen und wunderte sich, warum ihr plötzlich so flau im Magen war. Dieser Mann schien sie regelrecht zu hypnotisieren mit seiner starken Ausstrahlung und dem sinnlichen Ausdruck in seinen grauen Augen.

Das war lächerlich. Gwen nahm sich zusammen. „Ich möchte Sie engagieren.“

Endlich hatte sie sein Interesse geweckt. „Vermissen Sie ein Kind?“

Sie bildete sich ein, dass seine Stimme auf einmal weicher klang. Aber vielleicht irrte sie sich. „Nein. Es geht um die Mutter.“

„Ich bin nicht mehr beim FBI.“

Das klang nicht sehr ermutigend, aber Gwen war zu allem entschlossen. Dieser Mann war genau der Richtige für diese Aufgabe, und davon würde sie ihn überzeugen. Um Amys willen.

„Ich weiß. Aber früher waren Sie Ermittler dort. Jemand hat ein Baby in meinem Haus ausgesetzt, und ich werde verhindern, dass es aufwächst, ohne seine Eltern zu kennen.“

Garrett Maxwells Augenbrauen gingen in die Höhe, aber er gab keine Gefühle preis. „Und warum liegt Ihnen das Schicksal dieses Kindes so am Herzen?“

Gwen antwortete ohne jedes Zögern. „Weil ich meine leiblichen Eltern auch nicht kenne.“

Einen Augenblick schien er nachzudenken, dann kam er zu einem Entschluss. „Unterhalten wir uns drinnen weiter.“

Sie konnte einfach nicht den Blick von ihm wenden. Er strahlte etwas Sinnliches aus, das eine verborgene Saite in ihr anrührte, und das erschreckte und verwirrte sie – gleichzeitig war es erregend.

An der Hintertür zu seinem einfachen Blockhaus blieb er stehen, um ihr den Vortritt zu lassen. Die Küche war gemütlich und anheimelnd. In einer Nische standen ein Holztisch und ein paar Stühle, von den Fenstern aus blickte man über den Garten.

Gwen drehte sich um und stellte fest, dass Maxwell sie beobachtete. Sie hielt einen kleinen Moment lang den Atem an, als sie in seine grauen Augen sah. Dann wandte er den Blick wieder ab.

„Kaffee?“, erkundigte er sich, als bemühte er sich, die gängigen Höflichkeitsregeln einzuhalten.

Sie nickte nur stumm. Ihr Mund war wie ausgetrocknet.

Er schenkte aus der Kaffeemaschine zwei große Becher ein. „Zucker ist in der Dose.“

Gwen versuchte, den Deckel zu öffnen, der ihr dabei prompt auf den Boden fiel.

Ihr Gastgeber bückte sich danach. „Sie brauchen nicht so nervös zu sein. Ich tue Ihnen schon nichts. Erzählen Sie mir erst einmal, worum es geht. Dann sehen wir weiter.“

„Ich bin nicht nervös“, behauptete Gwen. Warum auch?

„Dann sind Sie eine gute Schauspielerin. Wie viel Zucker?“

„Einen Löffel“, brachte sie mit einiger Mühe heraus.

Als er an ihr vorbeigriff, um einen Kaffeelöffel aus der Schublade zu nehmen, berührte er sie aus Versehen. Gwen erstarrte unwillkürlich. Erst als er sich wieder von ihr wegbewegte, entspannte sie sich wieder. Er ließ sie nicht ein Mal aus den Augen, als sie ihren Kaffee umrührte.

Schließlich lächelte er ein wenig, nahm ein Tütchen mit Milchpulver aus einem Marmeladenglas und gab es ihr. Dabei berührten sich ihre Finger. „Leider habe ich keine frische Milch.“

Sein Gesichtsausdruck blieb unverändert, aber Gwen sah, dass seine Augen für einen kurzen Moment aufblitzten. Konnte es sein, dass er diese merkwürdige Anziehung zwischen ihnen auch spürte?

Aber selbst wenn es so war … Schließlich brauchte sie seine Hilfe und war nicht an einem romantischen Abenteuer interessiert.

Sie setzten sich an den kleinen Frühstückstisch in der Wandnische.

„Also, was haben Sie auf dem Herzen?“

Gwen atmete tief durch und erzählte, wie sie die kleine Amy gefunden hatte.

„Und Sie haben niemanden gehört oder gesehen?“

„Nein. Ein paar Minuten, nachdem ich das Baby gefunden habe, hat jemand auf der Straße einen Wagen angelassen. Aber es war zu dunkel, um etwas zu erkennen.“

„Wie klang das Anlassergeräusch?“

Gwen versuchte sich zu erinnern. Sie hatte Amy aus ihrer Wippe genommen und in den Armen gewiegt, dann hatte sie dieses Auto gehört. „Der Wagen ist nicht gleich angesprungen, so als wäre der Motor schon ziemlich alt.“

Garrett Maxwell nickte. „Dann haben Sie Ihre Freundin Shaye Malloy und den Sheriff angerufen. Was hatte das Baby an?“

Gwen registrierte die feinen Linien um Augen und Mund ihres Gastgebers. Er musste auf die Vierzig zugehen. Seine Züge waren sehr männlich, und sie hätte sein Gesicht stundenlang gebannt ansehen können. Aber dazu war sie nicht hergekommen.

„Es war in eine rosafarbene Decke gewickelt und hatte einen gelben Strampelanzug und ein gestreiftes Jäckchen und Mützchen an.“

„Warum haben Sie Ihre Freundin angerufen? Hätte der Sheriff nicht gereicht?“

„Shaye und ich sind schon ewig befreundet, und ich wollte sichergehen, dass gut für das Baby gesorgt wird. Sie ist Sozialarbeiterin und sehr erfahren in solchen Sachen.“

„Wo ist die Kleine jetzt?“

„Im Krankenhaus, auf der Säuglingsstation.“

Garrett Maxwell lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Gibt es dafür medizinische Gründe?“

„Der Kinderarzt hat eine Gelbsucht festgestellt, aber das haben viele Babys, das ist nichts Besonderes. Jetzt soll eine Pflegefamilie gesucht werden. Ich hätte Amy gern selbst behalten, aber …“

„Aber was?“, fragte er nach.

Gwen war sein forschender Blick unangenehm. „Ich muss den ganzen Tag arbeiten. Außerdem sollte ein Kind Vater und Mutter haben. Das kann ich Amy nicht bieten. Shaye meint, es wird sicher nicht schwierig, die Kleine zu vermitteln – es sei denn, wir finden die richtige Mutter.“

Langsam ließ Garrett Maxwell den Blick über sie wandern, bis sie das Bedürfnis verspürte, aufzuspringen und davonzulaufen. „Wenn wir die Mutter finden. Aber dann wird man ihr sehr wahrscheinlich das Sorgerecht entziehen.“

„Möglich. Es kommt auch auf die Umstände an. Schließlich wurde Amy nicht einfach auf der Straße ausgesetzt. Ich zerbreche mir schon dauernd den Kopf darüber, warum diese Frau ihr Kind ausgerechnet zu mir gebracht hat. Ich habe zwar viel mit alleinstehenden Müttern zu tun, aber …“

„Und wie kommt das?“

„Ich bin Hebamme und gebe verschiedene Kurse für alleinerziehende Mütter.“

„In Wild Horse Junction?“

„In ganz Wyoming.“

Garrett Maxwell stand auf. „Sie können mir nicht gerade viele Informationen geben.“

Gwen wollte noch nicht gehen. Nicht nur wegen des Babys, sondern auch, weil … Egal. „Sie finden die Frau bestimmt.“

„Miss Langworthy …“

Sie unterbrach ihn, um einer Absage zuvorzukommen. „Gwen“, berichtigte sie. „Ich bezahle Sie natürlich. Das kleine Mädchen hat das Recht, zu erfahren, wer seine Mutter ist. Sonst …“ Sie verstummte abrupt.

Garrett Maxwell kam um den Tisch herum auf sie zu. „Sonst?“ Auf einmal las sie so etwas wie Mitgefühl in seinen Augen.

„Sonst wird sie sich ihr Leben lang fragen, wer sie ist“, erwiderte Gwen vorsichtig. Sie musste auf der Hut sein, um nicht zu viel von sich preiszugeben.

„Es geht im Augenblick gar nicht um die kleine Amy, habe ich recht?“

Gwen sah ihn ein wenig trotzig an. „Es geht um alle verlassenen Kinder.“

Er hob die Augenbrauen, sagte aber nichts.

Schließlich fragte sie: „Werden Sie mir helfen, Amys Mutter zu finden?“ Nur das war im Moment wichtig.

„Ich suche normalerweise nach verschwundenen Kindern, nicht nach Eltern.“

Seine Stimme klang hart, und Gwen ahnte, dass er einen einmal gefassten Entschluss selten wieder rückgängig machte.

„Können Sie keine Ausnahme machen?“

Die Zeit schien sich endlos zu dehnen, bis er ihr endlich antwortete. „Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen und sage Ihnen dann Bescheid.“

Damit musste sie sich wohl zufriedengeben. Resigniert stand sie auf, zog eine Visitenkarte aus ihrer Tasche und legte sie auf den Tisch. „Wann?“ Sie wusste nur zu gut, dass dieses scheinbare Versprechen eigentlich so gut wie eine Absage war.

„Ich vermute, Sie möchten es möglichst bald wissen.“

„Ja. Ich habe nicht viel Zeit.“

Er betrachtete sie eine Weile. „Ich rufe Sie morgen Abend an.“

Sie standen so nahe beieinander, dass sie sich hätten berühren können, so nahe, dass Gwen seinen herb-männlichen Duft wahrnahm, eine Mischung, bei der ihre Fantasie Kapriolen zu schlagen drohte. Aber sie hatte sich solche Fantasien längst abgewöhnt.

„Ich bringe Sie hinaus“, sagte Garrett Maxwell.

An der Tür gab sie ihm die Hand. „Es freut mich, dass ich Sie kennengelernt habe, Mr. Maxwell.“

Er ergriff ihre Rechte, und im selben Moment war ihr, als flösse ein elektrischer Strom durch ihren Körper. Für den Bruchteil eines Augenblicks hielt sie den Atem an. Sie hätte nicht sagen können, wie lange ihre Hände sich berührten, zehn Sekunden oder zehn Minuten, vielleicht kürzer, vielleicht länger. Sie nahm nur seine Augen wahr, dieses tiefe Grau, und spürte die Wärme seiner Haut an ihrer.

Dann ließ er plötzlich die Hand sinken, und Gwen wandte sich ab, damit er ihre glühenden Wangen nicht sah. Sie wusste nicht, worauf sie hoffen sollte: dass er den Auftrag annahm oder dass er ihn ablehnte. Aber wenn er für sie arbeitete, dann würde er Amys Mutter finden. Davon war sie überzeugt.

Garrett betrachtete das winzige Baby durch die große Glasscheibe in der Säuglingsabteilung. Sein eigenes Kind wäre jetzt fünf Jahre alt, wenn Cheryl damals keine Fehlgeburt gehabt hätte. Nicht viel später hatten sie sich scheiden lassen.

Warum gerade die kleine Amy die Vergangenheit so vehement lebendig werden ließ, wusste er nicht. Allein das wäre Grund genug gewesen, die Finger von diesem Fall zu lassen. Aber dazu kam noch etwas: diese völlig irrationale Anziehungskraft, die Gwen Langworthy unwillkürlich auf ihn ausübte.

Eine Kinderschwester kam aus dem Säuglingszimmer, und Garrett trat auf sie zu. „Darf ich Sie einen Moment stören? Ich bin wegen der kleinen Amy hier. Der Sheriff hat sicher schon mit Ihnen gesprochen.“ Das sollte so klingen, als wäre er offiziell mit dem Fall befasst, und ihm einen seriösen Anstrich geben. „Wie geht es der Kleinen?“

„Tut mir leid, ohne Genehmigung darf ich Ihnen leider keine Auskunft geben“, erwiderte die Schwester.

„Miss Langworthy hat mir erzählt, dass Sie eine Pflegefamilie für sie suchen.“

„Sie kennen Gwen?“ Das klang schon etwas freundlicher. Garrett nickte.

„Können Sie mir vielleicht sagen, was aus den Sachen geworden ist, in denen sie gefunden wurde? Ich würde sie mir gern anschauen.“ Wenn er den Fall übernahm, musste er alles untersuchen lassen.

Wenn er den Fall übernahm …

„Die müsste ich erst heraussuchen.“

Er gab der Schwester seine Visitenkarte. „Ich habe noch einiges in der Stadt zu erledigen und könnte danach noch einmal vorbeikommen.“

Unsicher warf die Schwester einen Blick auf die Karte und nickte dann.

Garrett verabschiedete sich und ging zum Lift. Er würde noch ein paar Erkundigungen einziehen und sich dann entscheiden.

Am Sonntagmorgen, gleich nach der Kirche, fuhr Gwen wie jeden Tag ins Krankenhaus, um Amy zu besuchen. Das Leben war ganz schön kompliziert, fand sie. Einerseits hielt sie sich für eine emanzipierte Frau, andererseits stellte sie fest, dass sie doch sehr an traditionellen Werten hing und sich nach nichts mehr als nach einer eigenen kleinen Familie sehnte. Aber was wurde aus dieser Sehnsucht, wenn sie keinen Mann zum Heiraten fand? Sollte sie dann etwa auf Kinder verzichten?

„Sag mal, kennst du einen Garrett Maxwell?“, fragte Schwester Dianne, als sie in der Säuglingsstation eintraf.

Gwens Herz schlug schneller. „Ich habe ihn gebeten, nach Amys Mutter zu suchen. War er denn hier?“

„Ja, vor ungefähr einer Viertelstunde.“

„Weißt du zufällig, wo er hinwollte?“

„Er hat nur gesagt, dass er noch etwas in der Stadt zu erledigen hätte. Danach wollte er noch einmal herkommen.“

Wild Horse Junction war nicht besonders groß. Vielleicht entdeckte sie ja seinen Wagen. Sie hatte ihn bei ihrem Besuch auf der Auffahrt stehen sehen und würde ihn sicher wiedererkennen. Auf dem Seitenfenster klebte ein Emblem, ein Dreieck mit einem kleinen Flugzeug in der Mitte. Vermutlich war er Mitglied in einem Fliegerclub.

„Vielleicht läuft er mir über den Weg.“ Gwen lächelte Dianne zu. „Ich komme auf jeden Fall noch einmal zurück. Grüß Amy inzwischen von mir.“

Gwen beschloss, mit ihrer Suche auf der Hauptstraße anzufangen. Sie fuhr langsam und überprüfte die Parkplätze vor Supermärkten, Restaurants und kleineren Geschäften mit Blicken, bis sie den Wagen endlich vor einer Tankstelle entdeckte. Ihr Puls beschleunigte sich, aber sie redete sich ein, dass das nur etwas mit ihrem Auftrag zu tun hatte.

Garrett stand an der Kasse. Als sie ihn erblickte, wurde sie von seiner Wirkung schier überwältigt. Sie hatte immer schon eine Schwäche für hochgewachsene Männer gehabt, und Garrett Maxwell war groß. Und er sah so sexy aus, dass sie um ihres Seelenheils willen eigentlich sofort hätte die Flucht antreten sollen. Aber sie brauchte seine Hilfe und war entschlossen, sie auch zu bekommen.

Als sie den Laden betrat, hob er die Augenbrauen. „Das ist doch sicher kein Zufall.“

Gwen lächelte leicht. „Nein. Ich war gerade im Krankenhaus, und Dianne hat mir erzählt, dass Sie noch in der Stadt sind. Haben Sie sich schon entschieden, ob Sie für mich arbeiten?“

„Nein, noch nicht.“ Er drehte sich wieder zu dem jungen Mann an der Kasse um. „Sie können sich also an kein junges Paar mit Baby erinnern?“

„Nein.“

Gwen mischte sich ein. „Hallo, Reuben. Kennst du mich noch? Du hast mir vor ein paar Wochen in der Schule beim Aufstellen der Leinwand geholfen.“

Der Junge sah sie an. „Miss Langworthy, oder?“

„Genau. Vor ein paar Tagen stand in der Zeitung ein Bericht über ein Findelkind. Vielleicht erinnerst du dich daran. Wir suchen seine Mutter.“

Reuben schien unschlüssig. „Warum?“

„Weil wir ihr helfen wollen. Und weil wir wissen wollen, warum sie ihr Baby ausgesetzt hat.“ So wie sie selbst gern gewusst hätte, warum ihre eigene Mutter sie damals verlassen hatte. „Wenn sie das Baby zur Adoption freigeben will, haben wir nichts dagegen. Aber vielleicht weiß sie nur einfach nicht, dass es für alleinstehende Mütter viele Hilfsangebote gibt.“

Reuben warf Garrett Maxwell einen schnellen Blick zu und sah dann wieder Gwen an. Er zögerte. „Am Montagabend habe ich auch hier gearbeitet, und da kam dieser Typ mit dem Mädchen rein. Sie haben ein Schmerzmittel und diese Wattedinger gekauft. Sie wissen schon, wenn Mädchen ihre Periode kriegen.“

Garretts und Gwens Blicke trafen sich. Am Montagabend war Amy ausgesetzt worden.

„Kannst du uns die beiden beschreiben?“

Reuben zögerte einen Moment. „Das Mädchen hatte lange braune Haare, und der Mann war blond.“

„Weißt du zufällig auch, in welchem Auto die beiden unterwegs waren?“, fragte Garrett.

Reuben hob seine Schultern. „In einem alten Kombi. Braun.“

„Irgendwas Besonderes dran?“

„Keine Ahnung. Ich hab’ nicht so aufgepasst.“

Garrett gab ihm seine Visitenkarte. „Wenn dir noch was einfällt, kannst du mich ja anrufen. Okay?“

Reuben nickte, und Gwen und Garrett verabschiedeten sich. Als sich Gwen draußen zu Garrett umdrehte, streifte sie ihn leicht mit dem Arm. Die Berührung durchfuhr sie wie ein kleiner elektrischer Schlag. „Ich wette, dass das unser Pärchen war. Und was machen wir jetzt?“

„Was soll das heißen: Was machen wir jetzt?“ Garrett betrachtete sie grimmig. „Sie machen das, was Sie sonntags immer machen.“

Er mochte ein Einzelgänger sein, aber zwei Köpfe waren immer besser als einer. Und Gwen war hartnäckig. „Übernehmen Sie den Fall?“

Sein Gesicht wirkte womöglich noch kantiger. Aber seine Stimme klang ruhig. „Ich werde mich noch ein bisschen umhören und dann weitersehen.“

„Heißt das, dass Sie Aufträge nur dann übernehmen, wenn Sie vorher wissen, ob Sie Erfolg haben?“, fragte Gwen geradeheraus.

Garrett fuhr sich durch die Haare und seufzte. „Nein, natürlich nicht.“

„Würden Sie mir dann verraten, warum Ihnen die Entscheidung so schwerfällt, Mr. Maxwell?“ Sie hielt seinem durchdringenden Blick stand.

„Weil ich nur begrenzte Zeit zur Verfügung habe“, sagte er schließlich.

Das klang überzeugend. Trotzdem … „Haben Sie Amy gesehen?“

Sein Gesichtsausdruck blieb gleich, aber etwas in seinem Blick veränderte sich. „Ja.“

„Wir können einfach nicht zulassen, dass die Kleine nie erfährt, wer ihre Eltern sind.“

„Wir?“

„Mr. Maxwell“, begann Gwen, aber er unterbrach sie.

„Garrett.“

„Also gut, Garrett.“ Der Name gefiel ihr. Ihr gefiel auch, wie er aussah. Nur dieses erregende Gefühl, das sie jedes Mal in seiner Nähe erfasste, gefiel ihr ganz und gar nicht. „Sie hätten sich doch gar nicht erst in der Stadt umgehört, wenn Sie mir nicht helfen wollten.“

„Sehr weit war ich damit noch nicht gekommen, bevor Sie auftauchten. Dieser Knabe war nicht sehr auskunftsfreudig.“

„Er hat Sie vermutlich für einen Polizisten gehalten. Jungen in Reubens Alter halten sich den Autoritätspersonen gegenüber eher bedeckt.“

„Bei Ihnen hat er sich jedenfalls die Informationen nicht so aus der Nase ziehen lasen. Ich habe so ein Gefühl, als wüssten Sie sehr genau, wie Sie Männer mit Ihrem Charme herumbekommen.“

Was für ein gewaltiger Irrtum! Bei Mark hatte ihr Charme sie jedenfalls im Stich gelassen.

„Und wenn Sie damit nicht weiterkommen, dann mit Ihrem eisernen Willen“, fügte Garrett hinzu.

„Zu diesem Ergebnis kommen Sie, nachdem wir insgesamt ungefähr eine Viertelstunde zusammen verbracht haben?“

„Irre ich mich denn?“, gab er zurück, ohne auf ihre Frage einzugehen.

Es irritierte Gwen, dass er sie so schnell durchschaut hatte. „Nein. Aber um Amys Mutter zu finden, kommen wir mit meinem angeblichen Charme und meinem Willen nicht weiter, wenn wir sonst keine Anhaltspunkte haben.“

Garrett atmete tief durch und sah zu den Painted Peaks jenseits der Stadt hinüber. Diese rostfarbenen und grauen Felsen mit ihren tiefblauen Schatten sahen tatsächlich aus wie gemalt. „Haben Sie schon gegessen?“

Die Frage kam unerwartet. „Nein.“

„Dann lassen Sie uns in den Silver Dollar gehen. Dabei können wir dann alles Weitere besprechen.“

Die Hoffnung, dass er ihr vielleicht doch helfen wollte, hob Gwens Stimmung enorm. „Einverstanden.“

Sie wollte sich in Richtung ihres Wagens in Bewegung setzen, bevor er es sich doch noch anders überlegte, aber Garrett hielt sie am Arm fest. Und wieder durchfuhr sie dieses fast schon vertraute elektrisierende Gefühl.

„Machen Sie sich keine falschen Hoffnungen“, warnte er. „Nur weil wir nach Amys Mutter suchen, heißt das noch nicht, dass wir sie auch finden. Vermeintliche Spuren führen häufig auch in eine Sackgasse.“

„Oder zu anderen Spuren“, gab Gwen optimistisch zurück.

Garrett schüttelte den Kopf, und seine Mundwinkel bewegten sich kaum merklich nach oben. „Sie sind einfach unverbesserlich. Fahren wir in den Silver Dollar.“

Damit stieg er in seinen Wagen, wartete, bis sie ihren gestartet hatte und losfuhr, und folgte ihr dann.

Gwen ertappte sich dabei, dass sie lächelte, als warte das große Glück auf sie. Dabei war es nur ein Essen – allerdings in der Gesellschaft von Garrett Maxwell.

2. KAPITEL

Garrett war überfordert. Was sollte er nur mit Gwen Langworthy anfangen? Mit ihren langen Beinen, dem wohlgeformten Busen und den vollkommen gerundeten Hüften machte sie ihn reichlich nervös.

Das Silver Dollar war kein großes Restaurant. Seine Wände waren mit Brandzeichen von Ranches, diversen Lassos und signierten Fotos von Country-Sängern dekoriert. Aber das alles nahm er kaum wahr, als er für Gwen einen Stuhl zurechtrückte.

Es war völlig neu für ihn, dass eine Frau eine derartige Wirkung auf ihn hatte, und das schloss seine geschiedene Frau ein.

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