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Starker Mann mit weichem Herzen

Marie Ferrarella

Starker Mann mit weichem Herzen

1. KAPITEL

Ohmeingott. Ohmeingott. Ohmeingott.

Das einzelne Wort wiederholte sich in ihrem Kopf wie eine altmodische Schallplatte, bei der sich die Nadel in einer Rille verhakt hatte.

„Ganz ruhig, Kelsey. Es wird wieder gut. Alles wird gut.“

Den letzten Satz sprach Kelsey Marlowe laut aus, als würde es ihr helfen, nicht die Fassung zu verlieren, während sie mit quietschenden Reifen vom Schulparkplatz raste.

Es half nicht.

Sie hatte Mühe, sich zu konzentrieren, sowohl auf die Straße vor ihr als auch auf die Gedanken, die wie Schrotkugeln aus einer Jagdflinte durch ihren Kopf sausten.

Vor ein paar Minuten hatte ihre Mutter angerufen, und seitdem stand sie unter Strom. Erst auf dem Weg zum Ausgang war Kelsey eingefallen, dass sie jemanden brauchte, der sie in ihrer Klasse vertrat. Jetzt hatte sie achtundzwanzig äußerst lebhafte Acht- und Neunjährige in der Obhut der Schulsekretärin zurückgelassen. Sie hatte erst zurückrennen müssen, und die Aktion hatte wertvolle Minuten gekostet.

Als sie den Freeway erreichte, packte sie das Lenkrad fester und trat das Gaspedal durch.

Komm schon, Kelsey, reiß dich zusammen!

Sie war sechsundzwanzig und konnte sich nicht erinnern, jemals so nervös, so voller Angst gewesen zu sein. Zumal ihre Mutter sie ausdrücklich gebeten hatte, ihren Brüdern nichts zu erzählen. Und ihrem Vater auch nicht. Niemand sollte erfahren, dass sie in der Notaufnahme des Blair Memorial Hospital lag.

Ihre sanftmütige Mutter war für sie der Fels in der Brandung. Felsen wurden nicht krank. Sie riefen nicht aus Notaufnahmen an. Felsen waren unerschütterlich und unverrückbar bis ans Ende der Zeit.

Kelsey fuhr sich durch das widerspenstige blonde Haar, holte tief Luft und zählte bis fünfzehn, bevor sie langsam wieder ausatmete. Aber auch das half nicht. Ihre Mutter hatte ihr keine Einzelheiten erzählt, sondern sie nur gebeten, so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu kommen.

Allein das beunruhigte Kelsey schon zutiefst. Ihre Mutter bat niemals um Hilfe. Zierlich, blond und so stur wie alle ihre irischen Vorfahren zusammen, legte Kate Llewellyn Marlowe den größten Wert auf ihre Unabhängigkeit. Sie wurde nicht nur mit ihren eigenen Notfällen fertig, sondern bewältigte auch sämtliche Krisen, in die ein Familienmitglied oder Freund geriet.

Seit Kelsey denken konnte, war ihre Mutter ein Energiebündel, das sich von nichts und niemandem bremsen oder gar aus der Bahn werfen ließ. Die Frau hatte Multitasking zur Devise ihres Lebens gemacht, lange bevor der Begriff erfunden worden war.

Ihr musste etwas wirklich Schlimmes zugestoßen sein.

„Ich bleibe ruhig. Ich bleibe ganz ruhig“, flüsterte Kelsey immer wieder, als wäre es ein tröstendes Mantra.

Ein Blick auf den Tacho verriet, dass sie fünfzehn Meilen pro Stunde schneller als erlaubt fuhr. Anstatt den Fuß vom Gas zu nehmen, schaute sie in den Rückspiegel. Kein Streifenwagen oder Motorrad in Sicht.

Glück im Unglück, dachte sie erleichtert.

„Lieber Gott, wenn du mir jetzt auch noch einen großen Gefallen tust, bitte ich dich nie wieder um etwas“, murmelte sie. „Und diesmal halte ich mich dran.“ Kelsey fluchte leise, als ihr einfiel, wie kurzlebig ihre letzte Abmachung mit den himmlischen Instanzen gewesen war.

Aber das hier war anders.

Damals war sie jünger gewesen. Außerdem war ihr das, worum sie gebetet – ja geradezu gebettelt – hatte, nicht gewährt worden. Bei dem „Gefallen“, um den sie gefleht hatte, war es um einen Mann gegangen. Um einen Polizisten, in den sie sich verliebt hatte. Der sein Versprechen, sie zu seiner Ehefrau zu machen, nicht gehalten hatte, weil er bereits eine hatte. Eine kleine Tatsache, die er leider nicht erwähnt hatte.

Warum dachte sie ausgerechnet jetzt daran?

„Komm schon, Kelsey, fahr langsamer und konzentrier dich“, murmelte sie.

Eine Minute später war sie nur noch zwei Meilen vom Blair Memorial entfernt, aber ihr Herz raste noch immer. Wann war sie endlich da? Die Fahrt schien eine Ewigkeit zu dauern.

Als sie die Klinik erreichte, steuerte sie sofort das sechsgeschossige Parkhaus an. Nach kurzer Suche fand sie einen freien Platz und eilte nach unten, wobei sie mehreren langsam umherirrenden Wagen ausweichen musste. An der Notaufnahme holte sie tief Luft, aber ihr Herz klopfte noch immer.

Die Doppeltür glitt auf, und Kelsey blickte sich hektisch nach jemandem um, der aussah, als könnte er ihr helfen. Sie entschied sich für eine ältere, weißhaarige Frau, die an einem Schreibtisch saß. Klein, rundlich, mit freundlichem Gesicht, hätte sie durchaus als Cinderellas gute Patentante einspringen können.

„Sie haben meine Mutter hier“, begann Kelsey und merkte erst danach, dass ihre Feststellung sich wie ein Vorwurf anhörte. Meine Nerven, dachte sie. „Was ich sagen will, ist … meine Mutter hat mich angerufen und erzählt, dass sie in Ihrer Notaufnahme ist.“ Die Worte überschlugen sich in ihrem Mund. Machte sie sich einigermaßen verständlich? „Bitte, ich muss sie sehen. Sie ist in der Notaufnahme.“

Kelsey wunderte sich darüber, dass sie nicht schrie. „Jedenfalls glaube ich das. Sonst hätte sie mich bestimmt noch mal angerufen und erzählt, dass sie wieder entlassen worden ist. Ihr Name ist Kate Marlowe.“

Der leicht verwirrte Ausdruck auf dem Gesicht der älteren Frau ging in ein verständnisvolles Lächeln über. „Da könnten Sie recht haben.“ Sie tippte auf den Bildschirm ihres Computers. „Sie ist tatsächlich in der Notaufnahme.“ Sie zeigte nach links. „Die junge Lady dort drüben wird Ihnen zeigen, wo Sie Ihre Mutter finden.“

Kelsey brachte ein „Danke“ heraus, bevor sie hinübereilte.

„Vielleicht können Sie mir helfen.“

Die Schwester würdigte sie keines Blicks. Ihre Finger flogen über die Tastatur. Kelsey musste sich beherrschen, um nicht nach ihren Händen zu greifen und sie festzuhalten.

„Meine Mutter hat mich aus Ihrer Notaufnahme angerufen …“

Die perfekt geformten Augenbrauen der Schwester hoben sich. Ihr Blick blieb auf den Bildschirm gerichtet, während sie weitertippte. „Name?“, fragte sie und klang äußerst gelangweilt.

„Kate Marlowe. Meine Mutter heißt Kate Marlowe“, erklärte Kelsey, damit die Schwester nicht auf die Idee kam, das wäre ihr eigener Name.

„Marlowe“, murmelte die junge Frau. „Ja, sie ist noch in der Notaufnahme“, bestätigte sie. „Bett Nummer fünfzehn.“ Zum ersten Mal hob sie den Kopf. Kelsey fiel auf, dass sie blaue Augen hatte. „Wenn Sie zu ihr möchten, lasse ich Sie hinein“, bot sie an.

„Gott sei Dank“, flüsterte Kelsey.

Die Schwester lächelte und drückte auf einen Knopf. Die Tür neben ihr summte, und Kelsey riss sie auf.

Dahinter blieb sie wie angewurzelt stehen. Vor ihr erstreckte sich ein von unzähligen Betten gesäumter Gang. Manche waren hinter weißen Vorhängen verborgen, andere nicht – und in den meisten davon lag niemand.

„Kann ich Ihnen helfen?“ An Kelseys rechter Seite erschien ein Pfleger.

„Ich suche Bett Nummer fünfzehn. Wo finde ich es?“

Er zeigte den Gang entlang. „Bett Nummer fünfzehn ist auf der linken Seite. Im hinteren Teil.“

„Danke.“ Sie eilte los.

Bitte lass ihr nichts passiert sein, bitte lass ihr nichts passiert sein, wiederholte sie stumm und steuerte das Bett an, auf das der Pfleger gezeigt hatte.

Als sie näherkam, sah sie jemanden dort stehen. Und dann erkannte sie, dass es ein uniformierter Polizist war.

Unmöglich, dachte sie. Das konnte nicht das Bett ihrer Mutter sein. Es gab keinen Grund, warum ein Polizist mit ihrer Mutter sprechen sollte.

Oder etwa doch?

Es war das Bett ihrer Mutter. Kelly brauchte das Gesicht gar nicht erst zu sehen, sie kannte die typisch geneigte Kopfhaltung, mit der ihre Mutter jemandem zuhörte. Es hatte auf Kelsey immer beruhigend und tröstend gewirkt.

Nur ihre Mutter versuchte, einen anderen Menschen zu trösten, während sie flach auf dem Rücken in der Notaufnahme eines Krankenhauses lag.

Ein mulmiges Gefühl stieg in Kelsey auf. Den Blick fest auf Bett Nummer fünfzehn gerichtet, wich sie mehreren Schwestern, Pflegern und Ärzten aus. Sie spürte, wie sie verkrampfte. Das tat sie seitdem immer, wenn sie einen Polizisten sah.

Wer war der Mann?

Ihre Mutter schien ihn zu kennen. Ihn zu kennen und zu mögen. Andererseits gab es kaum jemanden, den ihre Mutter nicht mochte. Kate Marlowe suchte immer nach dem Guten im Menschen und hatte ein großes Herz.

Aber das beantwortet meine Frage nicht, dachte Kelsey.

Was wollte der Polizist hier? Warum unterhielt er sich mit ihrer Mutter? Zugegeben, Kate Marlowes herzliche Art machte es selbst wildfremden Menschen leicht, mit ihr zu reden. Kelsey hätte es verstanden, wenn es ein Pfleger wäre, der ihr gerade seine Lebensgeschichte erzählte. Oder eine Krankenschwester, die ihr gerade das Herz über ihre in die Krise geraten Ehe ausschüttete. Aber ausgerechnet ein Polizist!

Das war ja noch schlimmer, als sie befürchtet hatte.

Im nächsten Moment fühlte Kelsey sich so kämpferisch wie eine Löwenmutter, deren Junge bedroht waren. Sie war vielleicht die Jüngste der Familie, aber sie hatte ihre Eltern und die vier Brüder immer beschützen wollen, auch wenn es nie nötig gewesen war.

Bis jetzt.

„Entschuldigung“, sprach sie den Hinterkopf des Polizisten an. „Gibt es hier ein Problem?“

Officer Morgan Donnelly drehte sich langsam um, und seine routinierte Antwort blieb ihm im Hals stecken, als er die Frau sah, zu der die aufgebrachte Stimme gehörte. Ohne es zu wollen, lächelte er anerkennend, als er sie gründlich musterte. Sie sah der Patientin im Bett ähnlich. Eine jüngere Schwester vielleicht?

„Nein, überhaupt kein Problem“, sagte er.

Kelsey funkelte den Streifenpolizisten mit dem Röntgenblick und der verschlossenen Miene an und straffte die Schultern. Angesichts des Größenunterschieds wirkte ihr Auftritt vermutlich nicht besonders einschüchternd, aber sie versuchte es wenigstens. Und in der nächsten Sekunde war sie plötzlich wieder Kates ängstliche Tochter, die zu verbergen versuchte, wie erschüttert sie war.

„Mom“, rief sie, „ich habe solche Angst um dich gehabt!“ Ihre Mutter sah nicht verletzt aus. Keine Blutergüsse. Kein Verband. Warum war sie hier? Und was hatte der Polizist mit den Röntgenaugen damit zu tun? „Geht es dir gut?“

„Jetzt ja“, erwiderte Kate. „Und das habe ich Officer Donnelly zu verdanken.“ Lächelnd nickte sie dem jungen Polizisten zu.

„Oh.“

Na ja, damit hatte sich Kelseys Abneigung gegen den Officer zum großen Teil erledigt. Ihre Erfahrung mit Dan hatte ihr Bild von Polizisten mehr als nur ein bisschen getrübt. Deshalb hatte sie sofort angenommen, dass der junge Mann am Bett ihrer Mutter irgendwie dafür verantwortlich war, dass sie darin lag. Vielleicht hatte er ihr bei einem Einsatz die Vorfahrt genommen, und sie hatte einen Unfall gebaut.

Aber ihre Mutter schien ihm nicht böse zu sein. Im Gegenteil. Also nickte Kelsey ihm zu. „Danke“, sagte sie förmlich.

Kate griff nach der Hand ihrer Tochter und drückte sie. „Ich wollte dich nicht unnötig aufregen, aber der Arzt hat gesagt, ich soll jemanden anrufen, der mich abholt. Und deinen Vater oder deine Brüder konnte ich beim besten Willen nicht anrufen.“

„Ich habe Ihrer Mutter angeboten, sie nach Hause zu bringen“, sagte der Officer freundlich zu Kate. „Aber sie hat abgelehnt.“

„Ich wollte Ihnen nicht noch mehr Mühe bereiten“, entgegnete Kate. „Sie haben schon genug für mich getan.“

Genug? Was genau meinte ihre Mutter damit? Kelsey schluckte die Frage herunter. „Ich helfe dir gern, Mom, aber warum wolltest du die anderen nicht anrufen?“

Kate antwortete nicht sofort, sondern sah ihre Tochter an. „Wenn ich dir sage, dass ich sie nicht stören wollte, weil sie zu beschäftigt sind, würdest du es mir glauben?“

Kelsey war nicht sicher. Ein Bauchgefühl sagte ihr, dass hier irgendetwas nicht stimmte. „Na ja, du hast mich noch nie angelogen, also müsste ich dir wohl glauben.“ Sie musterte ihre Mutter. Kate Marlowe sah müde und ausgezehrt aus. Müde hatte sie ihre Mutter schon oft erlebt, doch so erschöpft hatte sie noch nie ausgesehen. „Aber diesmal lügst du mich an, stimmt’s?“

Zu Kelseys Überraschung errötete ihre Mutter. Auch das war neu. Und äußerst beunruhigend. „Ich wollte sie nicht aufregen.“

„Aber mich aufzuregen, hat dir nichts ausgemacht?“

Kate konnte noch immer nicht fassen, was sie gerade vom Arzt erfahren hatte, und wählte ihre Worte sorgfältig. „Doch, aber ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann. Du bist auch eine Frau.“

Verwirrt starrte Kelsey sie an. Fast ihr ganzes Leben lang hatte sie sich dagegen gewehrt, das „kleine Mädchen“ oder „Nesthäkchen der Familie“ zu sein. Dass sie jetzt endlich als „Frau“ akzeptiert wurde, war ein Durchbruch. Sie hätte triumphieren können, wenn da nicht das mulmige Gefühl gewesen wäre, dass mit ihrer Mutter etwas nicht in Ordnung war.

Kelsey warf dem Streifenpolizisten einen fragenden Blick zu. Warum war er noch hier? Hatte er für heute genug Strafzettel verteilt oder schon Dienstschluss? Beinahe hätte sie ihn gefragt, ob er nichts Wichtigeres zu tun hatte. Takt war nie ihre Stärke gewesen. Dafür war ihre Mutter zuständig.

Sie versuchte, höflich zu klingen. Es gelang ihr. Einigermaßen jedenfalls. „Welche Rolle spielen Sie hier eigentlich?“

„Kelsey“, tadelte Kate ihre einzige Tochter.

Der Officer winkte ab. „Ist schon gut, Kate.“

„Kate?“, wiederholte Kelsey empört. Sie hasste es, wenn Autoritätspersonen andere Menschen herablassend behandelten. „Für Sie doch wohl noch immer Mrs. Marlowe.“

„Kelsey.“ Diesmal war Kates Ton deutlich schärfer. „Es tut mir leid, Morgan. Meine Tochter kann manchmal etwas hitzköpfig sein.“

„Tochter?“, wiederholte Morgan beeindruckt. „Als sie hereinkam, habe ich sie für Ihre jüngere Schwester gehalten.“

Kelsey verdrehte die Augen. Was versprach dieser Polizist sich davon, wenn er ihrer Mutter so schmeichelte? Zugegeben, Kate hatte eine jugendliche Ausstrahlung, und man sah ihr wirklich nicht an, wie alt sie war, aber dieser Mann war einfach unmöglich. Und er führte nichts Gutes im Schilde. Das spürte sie. Aber was immer es war, er würde damit nicht durchkommen.

„Danke für das Kompliment“, sagte Kate. „Aber ich muss mich trotzdem für Kelsey entschuldigen.“ Wieder ergriff sie die Hand ihrer Tochter. „Sie hat es nicht böse gemeint. Wahrscheinlich ist sie einfach nur durcheinander.“

„Kein Problem“, erwiderte Morgan. „So etwas erlebe ich dauernd.“ Er sah Kelsey an. „Aber die meisten Menschen sind nicht so hübsch wie Ihre Tochter.“

Kelsey hörte bei ihm einen leichten Akzent heraus. Ein Auswärtiger, dachte sie mit einem Anflug von Snobismus, den geborene Kalifornier Fremden gegenüber empfanden. „Sparen Sie sich die Schmeichelei“, sagte sie und stützte die Hände auf die Hüften, bevor sie sich zu ihm umdrehte. „Ich frage Sie jetzt zum letzten Mal, warum Sie hier sind.“

Er lächelte Kate an. Sie war wesentlich friedlicher als ihre Tochter. „Ich wollte nur sicher sein, dass es Ihrer Mutter gut geht, das ist alles.“

Kelsey wandte sich wieder ihrer Mutter zu. „Also ist dir etwas zugestoßen.“ Sie nahm Kates Hände zwischen ihre. Die Finger fühlten sich kalt an. „Mom, was ist hier los? Nun rede doch endlich“, bat sie. „Was ist passiert, und warum führt dieser Mann sich auf wie dein irdischer Schutzengel?“ Sie kniff die Augen zusammen, um ihren Worten noch mehr Nachdruck zu verleihen. „Hattest du einen Unfall?“

Kate streichelte die Wange ihrer Tochter. „Fast“, gab sie zu. „Aber jetzt geht es mir wieder gut.“

Erwartungsvoll sah Kelsey den Polizisten an.

Er enttäuschte sie nicht. „Ihre Mutter ist am University Drive in einer Hecke gelandet.“

Kate war eine ausgezeichnete Fahrerin. Sie und nicht ihr Vater hatte allen fünf Kindern das Autofahren beigebracht. So etwas war ihr noch nie passiert.

„Absichtlich?“, fragte Kelsey.

Kate wollte ihre Tochter nicht noch mehr aufregen, aber es ließ sich wohl nicht vermeiden. „Ich bin ohnmächtig geworden.“

Kelsey erstarrte. Die Angst legte sich wie eine eisige Faust um ihr Herz. Alle möglichen schrecklichen Ursachen kamen ihr in den Sinn. „Mom!“

Entsetzt suchte sie an ihrer Mutter nach Spuren des Unfalls. Aber abgesehen von der unnatürlichen Blässe sah Kate Marlowe so hübsch wie immer aus. Trotzdem wirkte sie erschüttert. „Jetzt ist doch alles wieder gut, Liebes“, sagte sie beruhigend. „Officer Donnelly war so nett, mir zur Hilfe zu kommen. Er hat darauf bestanden, mich sofort ins Krankenhaus zu fahren, anstatt auf den Rettungswagen zu warten.“

Schlagartig verflog Kelseys Zorn. Zurück blieben Besorgnis und Verlegenheit. Noch schlimmer, sie wusste, dass sie sich bei dem Officer entschuldigen musste. „Danke“, sagte sie so herzlich, wie sie konnte. „Es tut mir leid, dass ich voreilig war. Aber als ich Sie wie einen Wachposten am Bett stehen sah, da dachte ich …“

Morgan machte eine abwehrende Handbewegung. „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Falls es Sie beruhigt, ich bin tatsächlich hinter Ihrer Mutter hergefahren, um ihr einen Strafzettel zu verpassen. Mir war nämlich aufgefallen, dass sie immer wieder auf die Gegenfahrbahn geriet. Ich musste annehmen, dass sie betrunken war.“

„Um zehn Uhr vormittags?“, sagte Kelsey entrüstet, bevor sie sich daran hindern konnte.

„Oh, Sie würden sich wundern, wie oft so etwas vorkommt“, erwiderte er. „Irgendwo ist es immer fünf Uhr nachmittags.“

Kelsey ignorierte die Bemerkung und wandte sich ihrer Mutter zu. „Du nimmst doch keine neuen Medikamente, oder?“ Kelsey war vor drei Monaten in eine eigene Wohnung gezogen und war mit dem Alltag ihrer Eltern nicht mehr vertraut. Plötzlich bekam sie ein schlechtes Gewissen. Wäre sie noch zu Hause gewesen …

Kate lachte leise. „Jetzt hörst du dich an wie der Arzt, der mich untersucht hat.“ Sie wiederholte, was sie ihm gesagt hatte. „Nein, keine Medikamente, kein Fieber, keine Erklärung. Ich bin in meinem Leben nur ein einziges Mal in Ohnmacht gefallen, und zwar, als ich mit dir schwanger war.“

„Na, dann …“

Kelsey verstummte abrupt, als ihr ein Gedanke kam. Ihre Mutter war doch nicht etwa … nein, unmöglich.

Der Gedanke war einfach zu absurd, um ihn laut auszusprechen. „Vielleicht hast du etwas gegessen, was du nicht vertragen hast.“

Kate presste die Lippen zusammen und nickte. „Ja, vielleicht.“ Sie klang nicht sehr überzeugt.

Kelsey atmete tief durch. „Also, kann ich dich jetzt mitnehmen?“ Je früher ihre Mutter wieder zu Hause war, desto besser würden sie beide sich fühlen.

Kate blickte zum Gang. „Sobald der Arzt mich entlässt.“

Kelsey drehte sich um. Zu sehen waren nur Krankenschwestern. „Und worauf wartet er noch?“

„Er hat gesagt, er will sich erst noch die Laborergebnisse und das Röntgenbild anschauen.“

Bildete sie es sich nur ein, oder klang ihre Mutter tatsächlich ausweichend?

Der Polizist mit der versteinerten Miene schien wieder zum Leben zu erwachen. „Dann werde ich hier nicht mehr gebraucht. Ich bin nämlich noch im Dienst“, sagte er zu Kate. „Passen Sie gut auf sich auf, Mrs. Marlowe.“ Er warf Kelsey einen Blick zu und schaute auf ihre linke Hand. „Sie auch, Miss Marlowe.“

Bevor er davongehen konnte, erschien Dr. Samuel David, der Arzt, der sich um Kate gekümmert hatte.

Morgan beschloss, noch einen Moment zu bleiben. Er brachte Sachen gern zu Ende.

Dr. David lächelte seine Patientin aufmunternd an. „Mrs. Marlowe, gerade hat sich unser Verdacht bestätigt.“

„Verdacht?“, wiederholte Kelsey besorgt.

„Der Grund für Ihre Ohnmacht.“ Der Arzt schien sie erst jetzt zu bemerken und sah erstaunt zwischen der Frau im Bett zu der jungen Besucherin hin und her. „Du meine Güte, Sie sind ihr ja wie aus dem Gesicht geschnitten.“

„Das nehme ich als Kompliment“, sagten Kate und Kelsey gleichzeitig und lachten. Eine kurzen Moment lang legte sich ihre Anspannung.

„Das sollten Sie auch.“ Dr. David räusperte sich. „Nun ja, zurück zur Diagnose …“

Kelseys Herz schlug noch schneller. Bitte, lass es nichts Schlimmes sein. „Ist es etwas Ernstes?“, flüsterte sie.

„Das kommt darauf an, wie man so etwas betrachtet“, antwortete der Arzt. „Ich persönliche halte es für etwas sehr Ernstes.“

Wieder griff Kelsey nach der Hand ihrer Mutter. Bisher war es immer Kate Marlowe gewesen, die ihrer Familie Kraft gegeben hatte. Jetzt brauchte sie selbst Unterstützung.

Mit angehaltenem Atem wartete sie darauf, dass Dr. David ihnen etwas mitteilte, was ihr Leben vielleicht für immer verändern würde.

„Ein Kind zur Welt zu bringen, ist eine sehr ernste Angelegenheit“, fuhr er fort und sah von der Mutter zur Tochter und wieder zurück.

„Ein Kind?“, rief Kelsey fassungslos. „Welches Kind? Wie?“

Ohne es zu merken, drückte sie die Hand ihrer Mutter so fest, dass ihre eigenen Finger schmerzten.

„Das Kind Ihrer Mutter“, erwiderte der Arzt. Dann lächelte er. „Und wie sie es zur Welt bringt, brauche ich Ihnen ja wohl nicht zu erklären.“

Entgeistert starrte Kelsey ihre Mutter an. „Du bist schwanger?“ Bevor Kate antworten konnte, sah sie Dr. David an. „Sie ist schwanger?“, fragte sie ungläubig.

Er nickte lächelnd. „Ja, es sieht ganz danach aus.“

„Aber das kann doch nicht sein“, flüsterte Kelsey und musste sich am Kopfteil des Betts festhalten.

„Warum denn nicht?“, fragte der Polizist.

Kelsey wusste nicht, was sie mehr verblüffte. Dass ihre Mutter mit fast fünfzig schwanger war, oder dass der athletische Officer mit dem Röntgenblick die Unverschämtheit besaß, sie zur Rede zu stellen.

„Weil … weil sie meine Mutter ist und schon fünf Kinder hat“, sagte sie mit blitzenden Augen. Dann drängte sie sich an dem Polizisten vorbei und ging um das Bett herum zum Arzt. „Doktor, ich zweifle nicht an Ihrer Diagnose, aber sind Sie ganz sicher, dass hier kein Irrtum vorliegt? Ich meine, Laborergebnisse werden doch dauernd vertauscht. Vielleicht haben Sie die meiner Mutter mit denen einer anderen Patientin verwechselt.“

„Zugegeben, so etwas kommt hin und wieder vor“, gab der Arzt zu. „Aber bei uns ist es glücklicherweise die absolute Ausnahme. Das Blair Memorial zählt seit Jahren zu den führenden Krankenhäusern des Landes.“ Er wandte sich Kate zu. „Sie sind schwanger, Mrs. Marlowe, und sollten sich sofort darauf einstellen. Ich kann Ihnen einen hervorragenden Spezialisten nennen …“

„Ich habe schon einen“, sagte Kate und holte tief Luft, bevor sie Kelsey ansah. „Dein Vater wird es nicht fassen können.“

„Da ist er nicht der Einzige“, entfuhr es Kelsey. Sosehr sie es auch versuchte, sie konnte sich ihre Mutter beim besten Willen nicht „in anderen Umständen“ vorstellen. In den Familienalben gab es Fotos, auf denen sie schwanger war, aber das lag viele Jahre zurück. Und damals war ihre Mutter jünger gewesen als Kelsey jetzt.

Morgan beugte sich hinab und ergriff Kates Hand. „Herzlichen Glückwunsch, Mrs. Marlowe. Ein Baby ist etwas Wunderbares“, sagte er gerührt.

Kelsey lachte auf.

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