Logo weiterlesen.de
Starke Männer lieben zärtlich

Karen Templeton

Starke Männer lieben zärtlich

1. KAPITEL

Thea Benedict starrte die Telefonnummer an, die irgendein Flittchen vor langer Zeit in die Toilettentür gekratzt hatte. Dann versuchte sie zum dritten Mal, ihre Jeans zuzumachen.

Die Jeans für ihre „fetten“ Tage.

… und schaffte es nicht.

„Thea!“, rief Evangelista ihr durch die verschlossene Tür der Damentoilette zu. „Kommst du da in diesem Jahr irgendwann noch mal raus?“

„Ja, ja“, gab Thea gereizt zurück. Dann zerrte sie das idiotische Babydoll-Oberteil über ihre zusammengepressten Brüste. „Bleib locker!“ Sie riss die verbeulte Metalltür auf und marschierte zum Waschbecken. Dort hatte sie das Gefühl, als ob ihr Draculas Schwester aus dem fleckigen Spiegel entgegenblickte.

Diese Angelegenheit lässt sich jetzt wohl nicht mehr geheim halten, dachte sie.

„Ich hoffe bloß, dass dir nicht von etwas schlecht geworden ist, was du hier gegessen hast!“

Aber sicher. Als ob zurzeit nicht schon der Geruch mexikanischer Küche bei ihr einen Würgereiz auslöste. Mit gewaschenen und abgetrockneten Händen fuhr sich Thea durch das hellblonde, kinnlange Haar. Dann kramte sie ein kleines Döschen Lipgloss aus ihrer Tasche und strich sich etwas davon auf die Lippen. Draculas Schwester als Schönheitskönigin, hurra.

Für einen Moment stützte sie sich auf das kühle Porzellan und stieß einen zittrigen Seufzer aus. Johnny würde durchdrehen, weil sie diese Nachricht so lange hinausgezögert hatte. Aber wann war schon ein guter Zeitpunkt, um einem Mann, mit dem man vor vier Monaten Schluss gemacht hatte, zu sagen, dass das Diaphragma nicht so zuverlässig gewesen war, wie es sein sollte? Vor allem, wenn es sich um einen Mann handelte, der jeden Tag Gott auf Knien dafür dankte, dass er nur ein Kind hatte – weil ihn das Mädchen noch in ein frühes Grab treiben würde?

Thea kniff die Augen zusammen. Als ob das ihren Magen beruhigen könnte. Vermutlich könnte sie behaupten, dass sie sich einfach nicht sicher gewesen war. Wegen ihrer unregelmäßigen Perioden und so weiter. Aber das entsprach schon seit ein paar Wochen nicht mehr der Wahrheit. Sie hatte sich einfach nicht getraut, daran zu glauben. Hatte nicht mal einen Schwangerschaftstest machen wollen, weil … weil sie es einfach nicht über sich brachte.

„Thea! Um Himmels willen …“

Sie riss die Tür der Damentoilette so heftig auf, dass Evangelista einen Satz rückwärts machte und ihr beachtlicher Busen nur so wogte.

„Dios mio, du erschreckst noch die Gäste!“

„Ich dachte, du würdest mich zumindest ein bisschen bedauern. Da habe ich mich wohl in dir getäuscht“, brummte Thea. Aber sie meinte es nicht böse.

„Und verteil hier nicht überall deine Bazillen!“

„Glaub mir, das ist nicht ansteckend“, sagte Thea mit einem vielsagenden Blick. Und als Evangelista nach Luft schnappte, rauschte sie hinaus in den Gastraum, den Bestellblock in der Hand und wild entschlossen, gute Laune zu verbreiten.

Also lächelte sie, machte Witze und hielt die Luft an, während sie Teller mit dampfenden Enchiladas und Tamales und gefüllten Sopapillas servierte. Auch wenn sie sich innerlich dabei fühlte, als ob sie ohne Bremsen einen steilen Abhang hinunterraste. Im Laufe des Nachmittags gewann jedoch ihre Entschlossenheit die Oberhand. Es kam überhaupt nicht in die Tüte, sich von einer Kleinigkeit wie einer ungewollten Schwangerschaft aus der Fassung bringen zu lassen. Nie im Leben.

Jedenfalls so lange nicht, bis sie ein paar Stunden später mit ihrem alten Jeep Cherokee vor dem weitläufigen Ranchhaus von Johnny Griego anhielt. Als sie ihn auf dem Rücken eines Pferdes in der Übungskoppel zwischen zwei Pferdeställen entdeckte, bäumte sich ihre Entschlossenheit wie ein sturer Junghengst auf, der nicht zugeritten werden will.

Die nach Erde, Heu und Pferden duftende Bergluft schnürte Thea fast die Kehle zu. Daher wandte sie den Blick lieber dem Haus zu. Dieses beeindruckende Gebäude stand groß und alt und massiv in den Strahlen der Abendsonne, die durch leuchtend grüne Pinyon-Kiefern und schimmernde Zitterpappeln fielen. Wie viele Abende hatte Thea schon mit Johnny und seiner Tochter Rachel auf der Veranda verbracht, die um das ganze Haus herumführte. Sie hatten beobachtet, wie Blitze über der Mesa tanzten. Oder wie der Himmel in Flammen aufging, ehe die Sonne hinter Bergketten verschwand. Und Thea hatte sogar nach fünfundzwanzig Jahren noch das Erstaunen darüber in Johnnys Augen gesehen, dass das alles heute ihm gehörte.

Andy Morales, der Vorbesitzer der Ranch, war mehr als nur Johnnys erster Arbeitgeber gewesen; er war ihm ein Vorbild, das ihm bis dahin bitter gefehlt hatte. Johnnys Vater hatte Frau und Sohn sitzen lassen, als Johnny noch ganz klein war. Auf welche Weise Andy dann später Johnnys Adoptivvater geworden war, konnte Thea nicht genau sagen. Aber sie wusste, dass für Johnny ein Traum in Erfüllung gegangen war, als Andy ihm die Ranch hinterlassen hatte.

Widerwillig kehrte ihr Blick zu dem Pferd und seinem Trainer zurück, deren Silhouette sich gegen den weiten blauen Himmel abzeichnete.

Los, Mädchen, jetzt bring die Sache schon hinter dich!

Langsam und unsicher stieg Thea aus dem Jeep. Sie betrachtete Johnnys stämmigen, kräftigen Körper, der ohne Schwierigkeiten den eleganten, muskulösen Fuchs im Zaum hielt. Ein beigefarbener Cowboyhut beschattete das wettergegerbte Gesicht mit den schelmischen, dunkelbraunen Augen und dem Mund, der mit einem Zucken der Lippen mehr sagen konnte als die meisten Männer mit hundert Wörtern.

Johnny war zu weit weg und konzentrierte sich zu sehr auf seine Arbeit, um sie zu bemerken. Aber seine Gegenwart hatte trotzdem eine heftige Wirkung auf sie, brachte ihre Haut zum Kribbeln und ließ ihr den Atem stocken. Zu wissen, wie weit er es gebracht hatte, womit er hatte fertigwerden müssen … sie musste zugeben, dass diese ganze hart erkämpfte Selbstsicherheit verdammt sexy war.

Doch wenn man ihm zu nahe kam – dem immer noch verletzten kleinen Jungen, dessen Vater ihn verlassen hatte, dem jungen Mann, dessen Ehe zerbrochen war –, dann zeigte es sich, dass ein Großteil dieses Selbstvertrauens nur Entschlossenheit war, die Kontrolle zu behalten. Johnny hatte keine Probleme damit, Entscheidungen zu treffen oder Versprechen zu halten. Aber sein Herz zu riskieren?

Niemals.

Thea runzelte die Stirn. Was vor ihr lag, war kein Zuckerschlecken. Weder für sie noch für ihn. Wie andere Leute eine „Freundschaft mit gewissen Extras“ aufrechterhalten konnten, war ihr völlig schleierhaft. Und keiner von ihnen wollte zugeben, dass sie beide einen Fehler begangen hatten. Sie hatten doch tatsächlich allen Ernstes geglaubt, dass eine rein sexuelle Beziehung Spaß und Spiel für nervige Hormone sein könnte, ohne dass man sich in emotionale Untiefen begeben musste. Wenigstens hatte Thea damit Schluss gemacht, solange sie noch einen Funken gesunden Menschenverstand besaß – und als sie gemerkt hatte, dass sie mehr wollte, als Johnny ihr jemals geben konnte.

Wenn das nicht ein Hammer war, nachdem sie so viele Jahre als Single wunderbar allein zurechtgekommen war? Nach so vielen Jahren, in denen sie sich geweigert hatte, über einen Mann auch nur eine Träne zu vergießen?

Sie holte tief Luft und ging auf die Koppel zu.

„Thea!“

Sie fuhr herum. Johnnys Tochter kam auf sie zugerannt. Das versetzte Thea einen Stich. Sich von Johnny zu trennen war eine Sache, aber es würde lange nicht so leicht sein, den Kontakt zu diesem intelligenten, lustigen Mädchen abzubrechen, das sie aus ganzem Herzen lieb gewonnen hatte.

In diesem Moment warf Rachel sich Thea in die Arme und stieß sie fast um.

„Himmel, Rachel … was ist denn los?“, fragte Thea kopfschüttelnd. Nein, dachte sie dabei, ich kann mich immer noch nicht an das Haar gewöhnen. Denn das Haar des Mädchens, früher dunkel und glänzend und wunderschön, hatte jetzt unregelmäßige Streifen aus flittchenblond und ketchuprot. Der arme Johnny – was musste er als Vater durchmachen?

Rachel straffte die Schultern und strich sich eine Haarsträhne hinter ein Ohr mit vielen Piercings zurück. „Hast du meine Nachricht nicht bekommen?“

„Was? Oh, nein … ich habe das Telefon für die Arbeit abgestellt und vergessen, es wieder anzuschalten.“

Das Mädchen packte sie an der Hand und zog sie zur Seite ums Haus herum. Bei dem Duft des üppig blühenden Flieders musste Thea fast würgen. „Ich bin schwanger!“

„Was?“ Das war alles, was Thea herausbrachte, als das Klingeln in ihren Ohren nachließ.

Das dumme Kind kicherte allen Ernstes. „Jesse und ich bekommen ein Baby!“ Plötzlich wurde sie ernst und klammerte sich noch fester an Theas Hand fest. „Aber wie in aller Welt soll ich das Dad erklären? Er wird mich umbringen.“

Das schon, dachte Thea. Aber zumindest ist dann deine Frisur kein Thema mehr. Und als ihr im nächsten Moment die Bedeutung dieser kleinen Ankündigung bewusst wurde, war ihr einziger Gedanke: Na, wenn das kein richtig miserables Timing ist. Vor ihrem geistigen Auge tauchte ein Bild von Rachels Freund auf – ihr Vater hatte schon vorher nicht zu seinen Fans gezählt. Ein großer, kräftiger Typ mit Glatzkopf, der in seiner Freizeit gerne andere Leute Nadeln mit bunter Farbe in seinen Körper stechen ließ.

„Du musst mir helfen, es Dad zu erzählen! Bitte, Thea? Jesse wird auch da sein, aber …“

„Ich habe deinen Vater schon seit Monaten nicht mehr gesehen!“

„Na und?“

Thea holte tief Luft, um angesichts des flehenden Ausdrucks in Rachels braunen Augen stark zu bleiben. „Dann weiß Jesse also schon Bescheid?“, fragte sie, um Zeit zu gewinnen.

„Aber natürlich. Ich habe es ihm gesagt, sobald ich es wusste. Und er findet es cool.“ Klar. Die ganze Tätowiertusche musste in sein Hirn gelaufen sein. Das war die einzige Erklärung dafür, dass ein neunzehnjähriger Junge es „cool“ finden würde, Vater zu werden. „Er ist übrigens auf dem Weg hierher. Toll, dass du da bist. Warte mal.“ Sie kräuselte die Augenbrauen. „Wenn du meine Nachricht nicht bekommen hast, warum bist du dann hier?“

„Ich … muss etwas mit deinem Dad besprechen.“ Unter diesen Umständen komme ich wahrscheinlich erst dazu, wenn mein Baby so alt ist wie Rachel, überlegte Thea.

Motorenlärm kündigte Jesses Ankunft an. Als der bullige Jesse unbeholfen von einem Motorrad abstieg, das sich anhörte, als ob es lieber ein Panzer geworden wäre, warf Rachel erst ihrem Freund, dann Thea einen hilflosen Blick zu. Endlich wirkte sie so aufgewühlt, als ob es vielleicht doch einen Grund gab, weshalb ihre Neuigkeiten ihren Vater zum Mord treiben könnten. „Kann das nicht warten?“

Thea verzerrte das Gesicht zu einem falschen Lächeln. „Klar doch“, sagte sie. Aber nur, weil es grausam wäre, gleich zwei Bomben an einem Tag platzen zu lassen. Der arme Mann.

Jesse tauchte hinter Rachel auf, und Thea dachte, dass der junge Mann vielleicht doch nicht ganz so begeistert wirkte, wie Rachel es gerne hätte. Er sah irgendwie verängstigt aus. Aber dann mussten die beiden sich natürlich ganz fürchterlich abknutschen, und der Stich von Eifersucht, den Thea auf einmal spürte, überraschte sie völlig. Verdammt, dachte sie. Wenigstens bin ich keine siebzehn mehr.

Das tröstete sie aber merkwürdigerweise längst nicht so, wie sie gehofft hatte.

Vor allem, als Johnny plötzlich an der Hausecke auftauchte. Voller Misstrauen und grimmigem Beschützerinstinkt. Damit war vor allem Jesse gemeint. Aber da schwang ein „Was zur Hölle machst du hier?“ mit, dass Thea sich auch gemeint fühlte. „Was ist hier los?“, knurrte Johnny.

Und Thea musste sich beinahe in den Flieder übergeben.

„Du bist was?“

„Schwanger“, wiederholte Rachel.

Johnny bezweifelte, ob er mehr Sterne vor den Augen sehen würde, wenn ihm ein Pferd einen Huftritt an den Kopf verpasst hätte. So wie sie da vor ihm stand, breitbeinig, die Füße in hohen Turnschuhen, die Hände in die Taschen ihrer Kapuzenjacke gestemmt, ihre weiblichen Kurven nur allzu sichtbar in ihren eng anliegenden Sporthosen, war sie der Widerspruchsgeist in Person. Und das Ebenbild ihrer Mutter.

Sie war außerdem ein siebzehnjähriges Mädchen – sein siebzehnjähriges Mädchen – und sollte nicht mal über Babys nachdenken. Außer wenn es darum ging, mal auf die Babys von anderen Leute aufzupassen.

„D-du hat versprochen, nicht auszuflippen.“

„Du hast wirklich ein verdammtes Glück, dass ich nicht völlig den Verstand verliere!“, brüllte Johnny, obwohl er genau wusste, dass es nicht gut war, bei jeder Kleinigkeit auszurasten. Aber diese Neuigkeit hier war keine Kleinigkeit, sondern viel, viel schlimmer. Eine absolute Katastrophe. „Wie lange hast du mich schon angelogen und behauptet, dass du keinen Sex hast?“

„Johnny“, sagte Thea leise und warnend hinter ihm.

„Als ob ich dir irgendetwas davon erzählen würde“, sagte Rachel unter Tränen.

Meine Tochter ist schwanger, dachte Johnny. So ein Mist. Und der andere Beteiligte an diesem Wahnsinn – der aussah, als ob er am liebsten tot umfallen würde – hatte wenigstens so viel Anstand, knallrot anzulaufen.

„Mann, Dad – bleib auf dem Teppich. Jesse und ich sind jetzt schon zwei Jahre zusammen. Hast du gedacht, wir würden für immer warten?“

„Ja.“

„Aber …“

„Du da“, sagte Johnny und deutete mit dem Finger auf Jesse, der daraufhin zu Johnnys Befriedigung zusammenzuckte. „Um dich kümmere ich mich später. Jetzt geht es hier nur um meine Tochter und um mich.“

„Ich will wirklich nicht mit Ihnen streiten“, sagte Jesse, die Hand besitzergreifend auf Rachels Schulter gelegt. „Aber das ist mein Kind, mit dem Rachel schwanger ist. Deshalb habe ich wohl auch ein Wörtchen mitzureden.“

„Schön.“ Johnny verschränkte die Arme vor der Brust. „Dann erklär mir mal, wie du vorhast, für meine Tochter und dein Kind zu sorgen. Verdammt, du bist doch nicht mal aufs College gegangen.“

„Dad!“, rief Rachel, als Angst in den dunklen Augen des Jungen aufleuchtete. „Das ist unfair!“

„Darüber habe ich wirklich noch nicht nachgedacht“, sagte Jesse. Sein Adamsapfel hüpfte wie verrückt. „Weil, ich habe es ja auch gerade erst erfahren.“ Schweiß glänzte auf dem kahlen Kopf des Jungen. „Aber ich weiß, ich …“ Sein Blick wanderte zu Rachel, die ihn mit so viel Vertrauen und Bewunderung ansah, dass Jonny ganz übel wurde. „Ich lasse mir etwas einfallen, Sir“, sagte Jesse lahm.

Trotzdem musste man ganz schön Mut haben, um jemandem gegenüberzutreten, der wütend genug war, einen Schuppen mit bloßen Händen abzureißen.

„Daddy.“ Bei diesem einen, rebellischen Wort wandte Johnny misstrauisch seine Aufmerksamkeit wieder Rachel zu. Sie hob den Kopf. „Ich bin nicht unglücklich, dass es passiert ist.“

Rachel war zwar nie richtig rebellisch gewesen, aber dafür mehr als stur. Es war ihre Entscheidung gewesen, für die Highschool nach Tierra Rosa zurückzukehren. Mit der „ekligen“ Privatschule in Manhattan, an der ihre Mutter ihr einen Platz besorgt hatte, hatte sie nichts am Hut gehabt. Eine Entscheidung, die sogar Johnny nicht nachvollziehen konnte. Welches halbwegs intelligente Mädchen gab schon ein angenehmes Leben in der Upper East Side von Manhattan auf, um wieder in ein kleines Nest im nördlichen New Mexico zu gehen? Um bei einem Vater zu leben, der nur knapp die Highschool geschafft hatte und jetzt gerade mal so eben fähig war, die Ranch in den schwarzen Zahlen zu halten?

Du musst das in Ordnung bringen, hörte er eine innere Stimme, während sich alles in ihm zusammenzog. Du musst das wiedergutmachen …

Na klar. Weil er vor achtzehn Jahren damit so viel Erfolg gehabt hatte.

„Was ist mit der Schule? Und dem College? Du warst doch so aufgeregt, weil du von Stanford genommen worden bist.“

„Die Schule habe ich in drei Wochen hinter mir. Und Stanford war Moms Idee. Nicht meine.“

Das ist ja etwas ganz Neues, dachte Johnny und zog die Augenbrauen hoch. „Wo wollt ihr eigentlich leben? Und wovon? Wissen deine Eltern überhaupt schon Bescheid?“, herrschte er Jesse an. Der wurde rot, und Johnny wandte sich wieder Rachel zu. „Ist deine Mutter informiert? Rachel, hat einer von euch beiden sich überlegt, was das heißt? Was ein Baby für eure Zukunft bedeutet?“

„Natürlich habe ich darüber nachgedacht!“, fuhr Rachel ihn an.

Johnny lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter. „Bitte sag jetzt nicht, dass du mit Absicht schwanger geworden bist.“

Seine Tochter wurde rot und warf ihrem Freund einen hilfesuchenden Blick zu. Der wirkte, als hätte er gerade eine Kanne Frostschutzmittel getrunken. Dann sah sie wieder Johnny an. „Nicht direkt. Ich habe nur nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde.“

„Oh, Rachel. Nein“, sagte Thea leise und gequält.

Johnny fuhr herum.

Seine Exfreundin sah merkwürdig verletzlich in der albernen Kinderbluse aus. Das passte gar nicht zu ihr, wo sie doch die ganze Zeit darum kämpfen musste, überhaupt für voll genommen zu werden – bei ihrem Fliegengewicht.

„Das hast du mir nicht erzählt“, seufzte Thea.

„Du hast davon gewusst?“

Thea blinzelte. „Ungefähr drei Minuten länger als du.“

„Niemand versucht, dir irgendetwas zu verheimlichen, Dad“, sagte Rachel und wurde rot, als Johnny sie wieder ansah. „Darum bin ich doch jetzt hier und erzähle dir alles. Weil ich will, dass du weißt, was los ist. Aber wir haben keine Antworten auf alle Fragen. Noch nicht. Außer …“ Sie legte ihre Hand in Jesses. „Außer, dass wir heiraten wollen.“

Johnny lachte beinahe laut auf. „Auf keinen Fall, verdammt noch mal.“

„Dad!“

„Glaubst du wirklich, dass ich dich gleich zwei Fehler machen lasse?“

„Dad! Das hier ist mein Leben“, rief Rachel. „Und jetzt, wo ich ein Baby bekomme, kannst du mir nichts mehr vorschreiben. Nicht du, nicht Mom und niemand sonst!“

Als sie aus dem Zimmer rannte, donnerten die Gummisohlen ihrer Turnschuhe dumpf über die alten Dielen.

Schwerfällig und verwirrt folgte ihr Jesse.

Johnny ließ sich auf die Holzbank unter einem der Fenster fallen und hielt sich den Kopf. Ihm war ganz schwindlig.

„Jesse! Jesse!“ Rachel packte ihren Freund am Arm, während er den Kiesweg vor dem Haus entlangrannte. Aber er schüttelte sie ab und lief weiter. „Jesse … um Himmels willen! Was ist los?“

„Was los ist?“, brüllte er und fuhr herum.

Rachel stolperte rückwärts. Der Atem stockte ihr – so wütend hatte sie ihn noch nie erlebt. Niemals.

„Bist du wahnsinnig? Hast du mich reingelegt, damit du schwanger wirst?“

„Nein!“, rief sie. Ihr Gesicht wurde heiß. „Ich meine … nicht direkt.“

„Und was zur Hölle soll das heißen?“ Ehe sie antworten konnte, deutete er auf das Haus. „Du hast mich voll auflaufen lassen, Rachel! Vor deinem Vater, der mich sowieso schon hasst …“

„Das tut er nicht, Jesse.“

„Du hast gesagt, dass du auf der sicheren Seite bist, das eine Mal, als wir keine Kondome mehr hatten! Also, was sagst du dazu? Dass du mich angelogen hast?“

„Ich habe gesagt, ich denke, dass es sicher ist. Aber … was für einen Unterschied macht das schon? Wir haben doch die ganze Zeit davon geredet, zu heiraten und Kinder zu haben.“

„Irgendwann mal, Rachel! Nicht jetzt! Jetzt noch nicht! Ich bin nie im Leben bereit dafür, Vater zu werden!“ Er schluckte heftig, und seine Augen glänzten. „Dass du mir das angetan hast …“

„Ich? Dir angetan? Hey, du warst zu faul, zum Laden zu gehen!“

„Ich wäre schon gegangen, Rachel. Aber du hast gesagt …“ Er schüttelte langsam den Kopf. Dann hob er die Hände und wich zurück. „Ich muss hier weg. Jetzt kann ich nicht mit dir reden …“

Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zu seinem Motorrad. Rachel rannte ihm nach. „Jesse, es tut mir leid!“, sagte sie, als er aufstieg und den Helm aufsetzte. „Ich habe gedacht … ich habe gedacht, das wäre okay für dich.“

Er warf ihr einen bösen Blick zu. „Wie zum Teufel konntest du so etwas denken?“

Zum ersten Mal bekam sie richtig Angst. „Ach, komm schon, Jesse.“ Sie streckte die Hand nach ihm aus, als er sich abwandte und den Motor anließ. „Du hast gesagt, das spielt keine Rolle, weil wir uns lieben. Jesse!“, schrie sie, als er davonbrauste. „JESSSEEE!“

Tränen der Wut schossen ihr in die Augen. Sogar ihr war klar, dass sie niemandem außer sich selbst Vorwürfe für die Klemme machen konnte, in der sie saß.

„Bitte sehr.“ Überrascht, dass ihre Hand nicht zitterte, hielt Thea Johnny ein Glas mit zwei Fingerbreit Whiskey hin. Langsam sah Johnny auf, verwirrt und bedrückt.

Sie wollte ihn nur noch in den Arm nehmen und ganz festhalten.

Schweigend betrachtete er einen Augenblick lang das Glas. Als er sie dann wieder ansah, kniff er die Augen zusammen, und ihr Herz klopfte heftig. „Was ist los? Du bist blasser als sonst. Alles okay?“

„Mir geht’s prima.“ Sie schwenkte das Glas. Der Alkohol glitzerte. „Austrinken.“

„Wo ist deiner?“

„Ich muss mich nicht beruhigen“, sagte sie. Gerade noch mal gut gegangen, dachte sie.

Schließlich stürzte Johnny das Zeug hinunter und zog eine Grimasse. „Verdammt, was hast du vor? Willst du mich umbringen?“

„Ich will dich von deinen Qualen erlösen.“ Sie setzte sich neben ihn auf die Bank.

„Und in welcher Eigenschaft bist du eigentlich hier?“, fragte Johnny.

„Als Schiedsrichter, denke ich“, sagte Thea nach einer kurzen Pause. Dann legte sie ihm die Hand auf den Arm. „Oh, Johnny … das tut mir ja so leid.“ Mehr, als du dir vorstellen kannst, dachte sie.

Johnny deutete ein Lächeln an, lehnte sich gegen die Wandtäfelung und ließ anscheinend den Whiskey wirken. „Ich war wohl ziemlich hart zu den beiden.“

„Du hattest ja auch gute Gründe.“

Er seufzte wie … nun ja, wie ein Mann der gerade herausgefunden hat, dass seine siebzehnjährige Tochter schwanger ist. „Glaubst du, ich sollte sie suchen gehen? Alle beide?“

„Wenn du in den letzten drei Minuten deine Meinung nicht geändert hast, würde ich sagen, nein.“

„Du kannst doch unmöglich glauben, dass ich ihr erlauben sollte, Jesse zu heiraten?“

„Sie bekommt sein Baby. Ich bin mir nicht sicher, ob du etwas dazu zu sagen hast.“

Johnny starrte mit zusammengekniffenen Augen das leere Glas an. „Bedauerlicherweise wird Rachel immer noch schwanger sein, wenn die Wirkung des Alkohols nachlässt.“

„Ich weiß“, sagte Thea sanft und mitleidig. Vor allem, weil er keine Ahnung hatte, was ihm noch bevorstand.

„Verdammt, Thea“, sagte er leise. „Ich vermisse dich.“

„Dir fehlt nur der Sex“, sagte sie, ohne zu zögern.

„Nein. Ich vermisse dich. Okay, und den Sex. Ich müsste tot und begraben sein, wenn mir der Sex nicht fehlen würde.“

Als Thea einen Seufzer ausstieß, lächelte Johnny hoffnungsvoll. Sie seufzte noch einmal. „Okay. Ich vermisse dich auch.“

„Dann war der Sex also gut?“

Typisch Mann. Immer auf der Suche nach Selbstbestätigung. Vor allem, wenn’s um Bettgeschichten ging. Als ihre Mundwinkel sich kräuselten, lachte Johnny leise, tief in der Kehle. So wie er es hinterher immer getan hatte, als sie zusammen in ihrem Bett lagen. Wenn sie sich voller Wohlbehagen räkelte und Johnny dieses Funkeln in den Augen bekam.

Ja, genau so, dachte sie. Oder vielleicht lag das nur am Alkohol. Bitte, lieber Gott, lass den Whiskey schuld sein.

„Also …?“, sagte er mit einem albernen Grinsen. Und sie dachte: Nein, am Whiskey liegt das nicht.

„So gut war der Sex auch nicht.“

„Oh, Darling, das ist jetzt aber hart.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Starke Männer lieben zärtlich" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen