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Starke Frauen

Titel

INHALT

  1. Anna Amalia Goethes Gönnerin, Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach (1739–1807)

  2. Lou Andreas-Salomé Die treulose Muse der Dichter und Denker (1861–1937)

  3. Hannah Arendt Partisanin der freien Liebe und der freien Gedanken (1906–1975)

  4. Pina Bausch Die Choreografin der Seele (1940–2009)

  5. Hedwig Courths-Mahler Ein Leben, so schillernd wie ihre eigenen Romane (1867–1950)

  6. Marlene Dietrich Die Diva mit dem Hausfrauenherz (1901–1992)

  7. Elisabeth von Thüringen Die Mutter Teresa des Mittelalters (1207–1231)

  8. Susanne Erichsen Das Original-»Frolleinwunder« (1925–2002)

  9. Anna Freud War der Vater ihre Krankheit? (1895–1982)

  10. Regine Hildebrandt Die Mutter Courage des Ostens (1941–2001)

  11. Hildegard von Bingen Die »Posaune Gottes«, die dem Klerus die Stirn bot (1098–1179)

  12. Petra Kelly Der Friedensengel, der nie Frieden fand (1947–1992)

  13. Hildegard Knef Triumphe und Tragödien der »Sünderin« (1925–2002)

  14. Käthe Kruse Die Über-Puppenmutti (1883–1968)

  15. Else Lasker-Schüler Die Dichterin, die sich für einen Prinzen hielt (1869–1945)

  16. Lotte Lenya Der Selfmade-Weltstar aus der Gosse (1898–1981)

  17. Luise von Preußen Deutschlands Königin der Herzen (1776–1810)

  18. Rosa Luxemburg Die rote Ikone und ihre Toy Boys (1871–1919)

  19. Alma Mahler-Werfel Die Muse, welche die Genies in den Wahnsinn trieb (1879–1964)

  20. Katia Mann Frau und »Schwesterherz« des Nobelpreisträgers (1883–1980)

  21. Maria Theresia Die kaiserliche Reichs-Reformatorin (1717–1780)

  22. Jenny Marx geb. von Westphalen Die Frau des Revolutionärs (1814–1881)

  23. Paula Modersohn-Becker Die keusche Malerin der Nacktheit (1876–1907)

  24. Nico Gothic-Göttin und Underground-Ikone (1938–1988)

  25. Domenica Niehoff Die Hure mit dem großen Herzen (1945–2009)

  26. Elisabeth Noelle-Neumann Die Dame, die wusste, was die Deutschen dachten (1916–2010)

  27. Heidi Oetinger Die Frau, die Pippi Langstrumpf entdeckte (1908–2009)

  28. Leni Riefenstahl Die umstrittene Genie-Filmemacherin (1902–2003)

  29. Romy Schneider Die geliebte Drama-Queen (1938–1982)

  30. Johanna Schopenhauer Sie lehrte ihren Sohn, was freier Wille ist (1766–1838)

  31. Elsbeth Schragmüller Die Meisterspionin (1887–1940)

  32. Clara Schumann Die Musik mehr liebte als ihre Mutterrolle (1819–1896)

  33. Clärenore Stinnes Die Milliardärstochter, die zur Auto-Rennfahrerin wurde (1901–1990)

  34. Beate Uhse Ein vibrierendes Leben (1919–2001)

  35. Cosima Wagner Muse, Managerin, Matriarchin (1837–1930)

  36. Clara Zetkin Die rote Mutter Courage (1857–1933)

  37. Nachwort

  38. Bildnachweis

Und wie sie »sprang«! Sie verwandelte das Provinznest Weimar in ein geistiges Zentrum, auf das sich die Deutschen immer wieder besinnen, wenn es der nationalen Identität an den Kragen geht.

Als die 16-jährige frisch vermählte Anna Amalia am 16. März 1756 zum ersten Mal ihre künftige Residenzstadt sieht, ist sie schockiert. Verglichen mit ihrer Heimatstadt Braunschweig (22 500 Einwohner) ist Weimar kaum mehr als ein Dorf: 6000 Einwohner, Schäfer treiben ihre Herden durch die Straßen, der unbedeckte Abwasserkanal verpestet die Luft.

»Man verheiratet mich so, wie man gewöhnlich Fürstinnen vermählt«, heißt es lakonisch in ihrem Büchlein Meine Gedanken.

Ein Jahr später wird Erbprinz Carl August geboren, die dynastische Kontinuität im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach ist gesichert. »Könnte ich Ihnen beschreiben das Gefühl, welches ich bekam, als ich Mutter wurde! Es war die erste und reinste Freude, die ich in meinem Leben hatte!« 14 sorgfältig ausgesuchte Paten sollten die Unabhängigkeit des Herzogtums innerhalb von Deutschland sichern – damals ein von Machtgezerre zerrütteter Flickenteppich. Drei Monate nach dem Tod ihres 19-jährigen Gatten kommt der zweite Sohn auf die Welt: »Die schnellen Veränderungen, welche Schlag auf Schlag kamen, machten einen solchen Tumult in meiner Seele, dass ich nicht zu mir selber kommen konnte.«

»Ich sollte ganz durch eigene Erfahrung gebildet werden«

Was folgt, verblüfft ganz Europa. Die 18-Jährige schafft es, gegen alle Widerstände vom Kaiser zum alleinigen Vormund ihrer Söhne und zur Regentin ernannt zu werden. Das Wort der Rokoko-Fürstin wird Gesetz. Ab sofort unterschreibt sie ihre Erlasse: »Wir, Anna Amalia, von Gottes Gnaden Herzogin zu Sachsen …« 16 Jahre wird sie ihren landschaftlich schönen, wirtschaftlich schwachen, politisch unbedeutenden und nach dem Siebenjährigen Krieg hoch verschuldeten Zwergstaat (100 000 Einwohner) regieren. Und zwar mit einer Energie und Entschlusskraft, die sogar ihren Onkel, Friedrich den Großen, verblüffen: »Ich fühlte meine Untüchtigkeit, und dennoch musste ich alles in mir selber finden … Da stand ich nun ganz nackend.«

Das Hauptproblem lautet: Die Finanzen sind zu konsolidieren. Sie kürzt Beamtengehälter, verkleinert die Armee, kümmert sich um den Verkauf von Getreide und Holz aus ihren Wäldern. Auch die Sitten ihrer Untertanen sind verbesserungswürdig: Anna Amalia verbietet Karten- und Würfelspiel an Sonn- und Feiertagen, Männer unter 24 dürfen nicht heiraten, Huren werden des Landes verwiesen. In den Wirtshäusern wird Meldepflicht eingeführt, die Abwasserkanäle werden überwölbt, Hauptstraßen mit Laternen beleuchtet, für alle Neubauten Ziegeldächer vorgeschrieben, aber auch ein Stipendienfonds für das Gymnasium wird eingerichtet, da die Alleinherrin großen Wert auf Bildung, Kultur und Wissenschaft legt – wie ihr Vater, der den Dichter Lessing als Bibliothekar nach Wolfenbüttel berief.

Um die Steuerzahler zu entlasten, bezahlt sie höfische Bälle aus ihrem Privatvermögen, ebenso ihre Garderobe, Juwelen, Präsente, Almosen, Reisen, Verluste beim Kartenspielen.

Der Alltag. Sie schläft auf einem Strohsack, die Wände ihres Schlafzimmers sind mit grüner Seide bespannt, und sie besitzt knapp 1000 Paar Schuhe aus Stoff, Leinen, Seide, mit Schleifen, Schnallen, Edelsteinen, meist hochhackig. Sie spricht Französisch, Deutsch, Italienisch, Englisch, Griechisch, Latein, vertont Goethes Stück Erwin und Elmire. Als Regentin beschäftigt sie an ihrem Hof rund 500 Menschen, eröffnet 1766 ihre Bibliothek im »Grünen Schloss« neu (rund 50 000 der Werke werden 2004 bei einem Brand in der Nacht vom 2. auf den 3. September vernichtet).

Doch für ihre wichtigste Aufgabe hält sie die Erziehung ihrer beiden Söhne. Und auch hier wagt die Regentin etwas Neues: Sie beauftragt mit der Anleitung der Prinzen den Bürgerlichen Christoph Martin Wieland. Seine Berufung markiert den Anfang eines Prozesses, der die Standesschranken auflösen wird: Denn die Fürstin holt noch mehr Dichter und Denker, die Habenichtse waren, und stellt sie in Lohn und Brot. In ihrem »Musenhof« haben die Stimmen von Geistesschaffenden, egal ob als Prinzen-Erzieher, Pfarrer, Uni-Professoren oder Beamte, zum ersten Mal in Deutschland gesellschaftliches Gewicht bekommen.

Wie sie selbst so glaubt auch der Erbprinz, dass da, wo kein Geld vorhanden ist, Genies das Entscheidende leisten und mit der Kraft ihres Geistes ein verschuldetes Land aus der Rückständigkeit befreien können. Am 3. September 1775 wird Carl August zum Herzog proklamiert – und Anna Amalia mit 35 Jahren in den Ruhestand geschickt. Sie zieht in das Wittumspalais an der Esplanade um. Die »Herzogin Mutter« versucht, sich mit einer »Tafelrunde« aus Freunden, in der die Gäste nach ihren Eigenschaften und nicht nach der Geburt beurteilt werden, zu beschäftigen. Hier entsteht ihr »Musenhof«. Sie lernt loszulassen, beginnt sich zu langweilen.

Und dann kommt Goethe.

Der 26-jährige Jurist ist seit dem Erfolg seines Romans Die Leiden des jungen Werthers (präsentiert 1774 auf der Leipziger Buchmesse) ein Popstar seiner Generation. Als er am frühen Morgen des 7. November 1775 am Töpfermarkt eintrifft (er kommt auf Einladung des 18-jährigen Carl August, der ihn während seiner Kavalierstour in Frankfurt am Main kennenlernte), hat er vor, höchstens 14 Tage in diesem »Nest« zu bleiben. Er bleibt 57 Jahre, bis zu seinem Tod. Und mit ihm zieht in Weimar »Sturm und Drang« ein. Mit Goethe konnte man sich nicht langweilen.

Er gibt den Hofpoeten, arrangiert Feste, Leseabende und Maskenbälle wie ein geborener Event-Manager. Wieland fällt auf, dass Goethe die Fürstin »respektlos« behandelt, »sich in deren Gegenwart oft auf dem Boden im Zimmer herumwälzt und durch Verdrehung der Hände und Füße ihr Lachen erregt« – sie ihn aber dennoch »äußerst liebenswürdig und witzig« findet.

Und der Shootingstar aus Frankfurt? Goethe verliebt sich. Aber nicht in seine Gebieterin, sondern angeblich in deren Hofdame Charlotte von Stein. Sie ist sieben Jahre älter, verheiratet, nach sieben Entbindungen zur Melancholie neigend, aber intelligent, taktvoll und höchst loyal. Fast 1700 Briefe soll er, dieser gesunde, temperamentvolle Bursche, Reiter, Fechter, Boxer, ihr geschrieben haben. Eine bizarre Vorstellung.

Also muss die Frage erlaubt sein: War Charlotte nur vorgeschoben wegen der notwendigen strengsten Geheimhaltung seiner wahren Geliebten? War es nicht doch die lebensfrohe Herzogin, die der junge Poet begehrte?

Noch am 29. Januar 1776 schreibt Goethe: »Es geht mir verflucht durch Kopf und Herz, ob ich bleibe oder gehe.« Am 14. Februar 1776 heißt es schon: »Mit der Herzogin Mutter habe ich sehr gute Zeiten, wir treiben auch wohl allerlei Schwänck und Schabernack.«

Anna Amalia, nicht Charlotte, sorgt dafür, dass ihr Sohn den Quereinsteiger zum Geheimen Legationsrat beruft, sie bewegt den Kaiser, ihn zu adeln. Sie schenkt ihm das repräsentative Haus am Frauenplan, besucht seine verwitwete Mutter in Frankfurt. Welche Frau würde all das für den Freund ihres Sohnes tun, geschweige denn für den Geliebten einer ihrer Angestellten? Weitere Indizien: Goethe diskutiert in seinen Briefen mit der Adressatin über italienische und lateinische Literatur, die er ihr im Original vorlesen möchte. Charlotte beherrscht keine Fremdsprache, Anna Amalia schon. Auf einem von Goethes Zetteln steht: »Der verfluchte Name Charlotte verfolgt mich überall.« Muss man das erklären?

Andererseits: Weimar war ein Nest. Unvorstellbar, dass im Laufe der Jahre kein Getuschel über ein so inniges Verhältnis an die Öffentlichkeit gedrungen wäre.

In seinem autobiografischen Buch Dichtung und Wahrheit schreibt Goethe, diese stürmische Zeit ließe sich allein »im Gewand der Fabel oder eines Märchens darstellen; als wirkliche Tatsache würde die Welt es nimmermehr glauben«.

Am 3. September 1786 flieht Goethe nach Italien, heimlich und ohne sich zu verabschieden. Könnte es sein, dass die »Affäre« zwischen ihm und Anna Amalia zu platzen drohte?

Der Weimarer Geheimrat bleibt 563 Tage weg. Nach der Heimkehr behandelt ihn die Dame seines Herzens betont reserviert. Er beschließt, sich in sein Häuschen im grünen Park an der Ilm zurückzuziehen und sich »elend« zu fühlen. Knapp einen Monat später trifft er die 23-jährige Kunstblumenbinderin Christiane Vulpius. Sie wird seine Geliebte, zieht bei ihm ein, das erste ihrer fünf Kinder kommt »zeitgerecht« auf die Welt.

Goethes Mesalliance schockiert die Stadt – und die Frau, die er bislang liebte. Wie muss sie Christiane beneidet haben! Um den Mann, der endlich die häusliche Behaglichkeit und das erotische Glück (die Vulpius nennt seinen Penis »Herr Schönfuß« und den Sex »Schlampampen«) fand. Zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust: Hier die spröde Göttin seines Geistes, dort ein geistloses Pummelchen, göttlich im Bett.

Anna Amalia reist nach Italien. Ohne Goethe, aber auf seinen Spuren. Er stürzt sich in seine Pflichten als Staatsminister und heiratet nach 18 Jahren wilder Ehe 1806 doch noch seinen »Bettschatz«. Aber ein Jahr später, nach Anna Amalias Tod, bezeichnet er sich als »Witwer«.

Goethe über Anna Amalia:
»Vollkommene Fürstin mit vollkommen menschlichem Sinne«

Als die Herzogin stirbt, ist »ihre« Welt bereits untergegangen. Preußen bangt um seine Existenz, nachdem Napoleon seine Armeen vernichtet hat. Das nationale Selbstverständnis ist erschüttert. Erst vor diesem Hintergrund wird deutlich, was Anna Amalia, die Protagonistin einer liberalen Erneuerung, geleistet hat. Materiell kann ihr Herzogtum weder mit Preußen noch mit Bayern mithalten. Aber in »ihrem« Weimar entfaltet sich jene Kultur, Kunst und Sprache, der wir bis heute anhängen.

Gedankt hat ihr keiner. Und wir tun ihr immer noch unrecht, wenn man sie lediglich als Goethes Anhängsel sieht. Kein Kultur-Deutschland ohne Goethe? Möglich. Aber: Kein Goethe ohne Anna Amalia. Und er hat sie enttäuscht – als Mann und als Mensch. Den Faust-Dichter erlebte sie nicht mehr.

Auf ihren Sohn hingegen kann sie stolz sein. Carl August verzichtet auf eine militärische Karriere, um das Werk seiner Mutter fortzuführen. 1816 schafft Sachsen-Weimar-Eisenach als erstes deutsches Land die Pressezensur ab und gewährt seinen Untertanen das Recht auf freie Meinungsäußerung.