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Starke Bindung von Anfang an

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WICHTIGER HINWEIS

Die Informationen, Methoden und Ratschläge in diesem Buch stellen die Meinung bzw. Erfahrung der Autorinnen dar. Sie wurden von diesen nach bestem Wissen erstellt und mit größtmöglicher Sorgfalt geprüft. Sie bieten jedoch keinen Ersatz für persönlichen kompetenten medizinischen Rat. Jede Leserin, jeder Leser ist für das eigene Tun und Lassen auch weiterhin selbst verantwortlich. Weder die Autorinnen noch der Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch gegebenen praktischen Hinweisen resultieren, eine Haftung übernehmen.

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*Mit unserem bindungsorientierten Familienkonzept aus Wellness, frühkindlicher Entwicklung und Beratung unterstützen wir in unserem Düsseldorfer Spa seit Jahren die starke Bindung zwischen Eltern und Babys.

VORWORT

Die Schwangerschaft und die erste gemeinsame Zeit mit eurem Baby ist wunderschön, aufregend und schenkt euch einzigartige Momente. Uns als Team von MABYEN* liegt es am Herzen, das Bonding zwischen euch als Eltern und eurem Baby zu unterstützen, da eine starke Bindung, besonders im ersten Lebensjahr, viele positive Auswirkungen auf die Entwicklung eures Kindes hat.

Mit unserem Buch wollen wir euch bestärken, eure Kompetenzen auszuweiten, eure intuitiven Fähigkeiten zu nutzen und auf euer Bauchgefühl zu hören. Wir möchten euch die Bedeutung und Wichtigkeit der Eltern-Kind-Bindung mit auf den Weg geben und gleichzeitig zeigen, dass es für ein erfolgreiches Bonding nicht viel braucht: Feinfühliges Verhalten und kleine Aufmerksamkeiten können Großes und Wunderbares bewirken. So spinnt ihr von Anfang an ein zartes unsichtbares Band der Liebe zu eurem Baby.

Mit wertvollen Einblicken und interessanten Tipps wollen wir euch auf eurem gemeinsamen Weg von der Schwangerschaft bis zum ersten Lebensjahr eures Kindes begleiten. Dabei soll unser Buch ein Wegbegleiter und kein Wegweiser sein, denn jede Familie findet ihren eigenen ganz persönlichen Weg des Bindungsaufbaus. Und auch wenn wir in unserem Buch von der Mutter-Vater-Kind-Familie sprechen, soll sich doch jede noch so kleine, große und bunte Familie angesprochen fühlen.

Wir sind uns sicher: Gemeinsam als Team mit eurem Baby könnt ihr alles schaffen!

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Bonding - das Band fürs Leben knüpfen

Babys sind auf liebevolle Fürsorge angewiesen, um sich gesund entwickeln zu können – daher hat es die Natur so eingerichtet, dass Eltern und Kind vom ersten Moment an eine enge Bindung zueinander aufbauen können. So wächst ein Urvertrauen, das ein Leben lang trägt.

LIEBE UND VERBUNDENHEIT VON ANFANG AN

Kinder und Eltern sind vom ersten Moment an durch ein unsichtbares Band der Liebe miteinander verbunden.

Bereits mit dem Kinderwunsch beginnt ein Paar sich emotional auf seinen Sohn oder seine Tochter einzuschwingen, wodurch eine erste zarte Bindung zu ihrem noch nicht geborenen Kind entsteht. Auch in der Schwangerschaft ist jedes Hindenken und Hinfühlen zum kleinen Wesen im Mutterbauch wie ein Faden, den die werdenden Eltern zu ihrem Kind spinnen. Manche Frauen denken schon wenn sie erfahren, dass sie schwanger sind, voll Liebe und Zuneigung an ihr Kind. Bei anderen kommt dieses Gefühl auf, wenn sie ihr Baby das erste Mal auf dem Ultraschall sehen, die ersten Tritte spüren oder ihr Neugeborenes nach der Geburt zum ersten Mal in den Armen halten. Für die meisten Eltern sind dies unvergessliche Momente. Es ist, als würde die Zeit stillstehen und die Erde sich für einen kurzen Moment nicht mehr weiterdrehen. Die Mutter ist zumeist von der Anstrengung und den Schmerzen der Geburt erschöpft und der angespannte Vater ebenfalls, dennoch sind beide zutiefst berührt. Egal, wann es passiert: An irgendeinem Moment wissen die frischgebackenen Eltern intuitiv, dass sie ab nun Teil einer einzigartigen Liebesgeschichte sind.

DIE BASIS FÜRS LEBEN

Wenn sich Eltern emotional auf ihr Kind einlassen, wird dies im englischsprachigen Raum als Bonding bezeichnet. Bonding ist ein Prozess. Er geht Hand in Hand mit Attachment, dem Bindungsprozess des Kindes an seine Eltern. Im Idealfall binden sich Mutter und Vater an ihr Kind und das Kind bindet sich an seine Eltern. Das unsichtbare Band der Liebe entsteht also in beide Richtungen – und in diesem Wechselspiel entsteht Bindung.

Eine starke positive Bindung ist eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Basis für ein Kind. Sie hilft ihm, sich sicher und geborgen zu fühlen. Wer in den ersten Jahren Nestwärme bekommen hat, kann auch im späteren Leben daraus Kraft schöpfen. Sicher gebundene Kinder sind widerstandsfähiger gegen Belastungen, haben mehr Bewältigungsmöglichkeiten, leben eher in freundschaftlichen Beziehungen, verhalten sich in Konflikten sozialer, weniger aggressiv und finden schneller Lösungen, die ihnen weiterhelfen. Sie sind kreativer, flexibler, ausdauernder und ihre Lern- und Merkfähigkeiten, also ihr Gedächtnis und ihre Sprachentwicklung, sind besser als die von unsicher gebundenen Kindern. Noch im Erwachsenenalter profitieren wir von einer vertrauensvollen Beziehung mit unseren Bezugspersonen, denn ehemals sicher gebundenen Kindern fällt es leichter, selbst stabile und glückliche Partnerschaften zu führen. Bindung macht bindungsfähig.

AUF EINEN BLICK: BINDUNG, BONDING UND ATTACHMENT

Bindung ist ein wechselseitiger Prozess. Wenn Eltern sich an ihr Kind binden, spricht man von Bonding. Bindet sich das Kind an seine Eltern (Bindungsperson), wird dies Attachment genannt. Im Alltagsgebrauch werden die Begriffe »Bonding« und »Bindung« häufig gleichbedeutend verwendet. Der Bindungsprozess direkt nach der Geburt und im Wochenbett wird ebenfalls als Bonding bezeichnet.

Die Bindungsforschung geht auf den britischen Kinderarzt und Psychoanalytiker John Bowlby (1907–1990) zurück, der als Erster beschrieb, dass das Kind in den ersten Lebensjahren das angeborene Bedürfnis hat, die Nähe einer vertrauten Person zu suchen.

BINDUNG IST ÜBERLEBENSNOTWENDIG

Ein Baby kommt bindungsbereit auf die Welt. Aufgrund seiner biologischen Unreife ist das kleine Menschenkind darauf angewiesen, dass es eine Person gibt, die sich um es kümmert. Fände es niemanden, der sich seiner annimmt, würde es sterben. Deshalb wendet sich das Neugeborene instinktiv den Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung zu. Babys sind also mit einem Bindungsprogramm ausgestattet. Schon in den ersten Tagen bevorzugen Neugeborene Menschengesichter und die menschliche Stimme gegenüber anderen Eindrücken. Sie schlafen vertrauensvoll in Mamas und Papas Armen und brauchen deren Fürsorge.

Für den Säugling ist in aller Regel die Mama die erste Bindungsperson. Bei ihr sucht er Kontakt, Schutz und Geborgenheit. Aber natürlich können auch andere Menschen an ihre Stelle treten wie der Vater, die Adoptivmutter oder die Oma. Zu dieser einen Hauptperson kommen, je älter das Kind wird, weitere Bezugspersonen hinzu, sodass ein vierjähriges Kind beispielsweise ohne Probleme bei den Großeltern übernachten kann, weil es sich bei ihnen ebenfalls sicher aufgehoben und liebevoll beschützt fühlt.

Sich binden zu wollen, ist ein menschliches Grundbedürfnis, das gleichrangig neben anderen existenziellen Bedürfnissen wie Hunger oder Durst steht. Womöglich brauchen wir Nähe sogar dringender als Nahrung. In einem eindrücklichen Experiment mit Rhesusaffen-Babys hat der Psychologe und Verhaltensforscher Harry Harlow (1905–1981) gezeigt, dass die kleinen Affen das Kuscheln mindestens ebenso benötigen wie Essen und Trinken. Er stellte mutterlose Äffchen vor die Wahl: Zog es sie zu einer Mutter-Attrappe aus Metalldraht, an der eine Flasche mit Milch zum Füttern befestigt war? Oder wollten sie lieber Zeit mit einer weichen, mit Decken gepolsterten Attrappe verbringen, bei der es aber keine Milch gab? Harlow wollte herausfinden, wo die Mutter-Kind-Liebe ihren Ursprung hat. Ist es Nahrung oder Berührung?

Die Affenkinder zeigten eine klare Bevorzugung: Bei der Milch spendenden »Drahtmutter« hielten sie sich immer nur kurz auf, um zu trinken. Kaum waren sie satt, schmiegten sie sich wieder an die kuschelige »Ersatzmama«. Nichtsdestotrotz war natürlich auch sie kein Ersatz für eine fürsorgliche echte Mutter. Die kleinen Affen, die ohne Mama aufwachsen mussten, waren daher schwer beeinträchtigt. Sie zeigten Verhaltensauffälligkeiten und wurden beispielsweise anderen Affen gegenüber extrem kontaktscheu oder aggressiv. Ganz anders als ihre Artgenossen mit »echter« Mama.

Was dieses drastische Experiment an unseren nächsten Verwandten im Tierreich zeigt, ist, dass wir ohne Zuwendung und Fürsorge zu Anfang des Lebens nicht gedeihen können. Insbesondere in den ersten sechs Lebensmonaten braucht der Säugling ein Nest: Sicherheit, Wärme und Geborgenheit. Wir Menschen sind als Säugetiere wie die Rhesusäffchen auf liebevollen Kontakt angewiesen. Deshalb strengt sich das Baby an, die Aufmerksamkeit seiner Eltern zu erlangen. Es sucht Blickkontakt, lächelt und weint. Später imitiert es seine Bezugsperson auch, ahmt beispielsweise seine Mama nach und streckt genau wie sie die Zunge heraus. Der Säugling zeigt Bindungsverhalten wie Weinen oder Anklammern besonders dann, wenn er sich ängstigt, allein fühlt, krank oder müde ist.

BINDUNG IST KEINE EINBAHNSTRASSE

Das Neugeborene ist biologisch darauf vorbereitet, sich zu binden. Aber wie sieht es auf Seiten der Eltern aus? Was bringt Erwachsene dazu, sich einem schreienden Winzling zuzuwenden und ihn angemessen zu versorgen? Auf Schlaf zu verzichten und ständig Windeln zu wechseln? Hier hat die Natur gut für ihre Nachkommen gesorgt. Wir alle fahren nämlich auf kleine süße Wesen ab. Die großen Augen, der im Verhältnis riesige Kopf mit der hohen Stirn, die Stupsnase und die unbeholfenen Bewegungen: All diese Merkmale rufen in uns den Beschützerinstinkt wach. Das Kindchenschema weckt sogar bei Erwachsenen, die keine Eltern sind, mütterliche und väterliche Gefühle. Menschen sind zudem intuitiv begabt. Ein schreiendes Baby löst bei fast allen Erwachsenen den Impuls aus, es aufzunehmen. Das unbeholfene kleine Kind aktiviert unser Fürsorgeverhalten.

Dazu kommt noch, dass die Mutter nach der Geburt hormonell bestens darauf vorbereitet ist, die Bindung zu ihrem Baby aufzunehmen. Durch die Geburt selbst und durch den Körperkontakt nach der Geburt wird im Gehirn von Mutter und Kind das glücklich machende Oxytocin und das opiatähnliche Hormon Endorphin ausgeschüttet, wodurch sich beide, Mama und Kind, entspannen. Oxytocin ist das Liebes- und Bindungshormon. Es führt dazu, dass wir uns friedlich, entspannt und zufrieden fühlen. Es wird bei Hautkontakt und Kuscheln vermehrt ausgeschüttet – sowohl bei der Mutter als auch beim Baby und fördert das Vertrauen zwischen beiden. Vor allem kleine Babys profitieren daher von ausgiebigem Körperkontakt. Werden sie gestreichelt, gehalten, liebkost und berührt, schüttet ihr Körper vermehrt Oxytocin aus. Übrigens kann man im Blut von Vätern, die bei der Geburt dabei waren, ebenfalls einen deutlich erhöhten Oxytocinspiegel feststellen. Auch sie sind durch das Hormon bereit, sich mit positiven Gefühlen dem Neugeborenen zuzuwenden.

Das Bindungsprogramm des Neugeborenen und die Fürsorgebereitschaft der Eltern ergänzen sich. Auf diese Weise sorgt die Natur optimal für unser Überleben – eigentlich. Wundert euch nicht, wenn euch dieses Wechselspiel nicht von Anfang an gelingt. Das kann die unterschiedlichsten Gründe haben. Wer zum Beispiel selbst eine kühle oder problematische Beziehung zu seinen Eltern hatte, tut sich meist schwerer damit, sich auf sein Kind einzustimmen. Eine komplizierte Schwangerschaft oder eine schwere Geburt beeinflussen den Bindungsprozess. Wenn ihr früher schon einmal eine Fehlgeburt erlebt habt, kann es sein, dass ihr dem gesunden Baby mit gemischten Gefühlen begegnet. Auch Beziehungsprobleme oder finanzielle Sorgen können dazu beitragen, dass ihr euch nicht so ohne Weiteres auf euer Kind einlassen könnt. Lasst euch Zeit und seid geduldig. Vertraut darauf, dass die Liebe immer weiter wachsen wird. Wie schon gesagt: Bonding ist ein Prozess.

AUCH URVERTRAUEN MUSS WACHSEN

Gerade in den ersten sechs Lebensmonaten braucht ein Säugling viel Geborgenheit. Man kann sich das tatsächlich so vorstellen, als ob ein Ei noch bebrütet werden muss. Das Baby benötigt Nestwärme. Während dieser ersten Entwicklungsphase stehen die körperlichen Bedürfnisse im Vordergrund: Hunger, Durst, Schlaf, das Bedürfnis nach Sicherheit, Wärme und Zuwendung. In der Regel ist jetzt die Mama die Hauptbindungsperson. Während der Stillzeit ist sie diejenige, die sich vor allem um ihr Baby kümmert. Das Neugeborene, so nehmen wir an, fühlt sich in der allerersten Zeit eins mit der Mutter. Es kann noch gar nicht richtig unterscheiden, wo es selbst anfängt und wo die Mama aufhört. Es ist mit seiner Mama verschmolzen – so wie in der Schwangerschaft.

Auch in der darauffolgenden Zeit ist das Baby emotional aufs Engste mit seinen Bezugspersonen verbunden. Sobald es sich mit circa sieben Monaten selbst fortbewegen kann, hat es zugleich auch die Möglichkeit, sich von den Eltern wegzubewegen und die Welt zu erkunden. Zum Bindungsverhalten kommt der Erkundungswille hinzu, das sogenannte Explorationsverhalten. Das Baby zeigt Initiative: Es greift nach Dingen und steckt sie sich in den Mund. Es robbt oder krabbelt von der Küche in den Flur oder zieht an Mamas Halskette oder Papas Brille. Das Baby erfährt sich, nehmen wir an, auf einer unbewussten Gefühlsebene erstmalig als steuerndes Selbst. Man könnte auch sagen, dass das Kind als Person erst jetzt wirklich aus dem Ei herausgeschlüpft ist, weshalb die Kinderärztin und Psychoanalytikerin Margaret Mahler (1897–1985) diese Phase tatsächlich »Schlüpfphase« (Differenzierungsphase) genannt hat. Eingepackt in Windeln, erkundet das kleine Kind unermüdlich seine Umgebung.

Sind die Bezugspersonen in der Lage, sowohl die Bindungs- als auch Erkundungsbedürfnisse ihres Kindes einigermaßen gut zu erfüllen, entwickelt sich Urvertrauen. Das Kind lernt, dass die Welt – im Großen und Ganzen – ein vertrauenswürdiger Ort ist und dass sich die Dinge schon zum Guten entwickeln werden. Damit Eltern diese Bedürfnisse überhaupt erfüllen können, müssen sie lernen, ihr Baby zu »lesen«. Und sie sollten sehr aufmerksam sein, um die feinsten Körperveränderungen wie zum Beispiel Veränderungen in der Muskelspannung mitzubekommen.

Der Säugling kommuniziert nonverbal, also ohne sprechen zu können, allein durch Lächeln, Brabbeln, Weinen, erwartungsfrohes Zappeln, Saugen und Anschmiegen. Die versorgenden Erwachsenen versuchen, sich in das Baby einzufühlen, die Signale richtig zu deuten – und bekommen Feedback. Hört es auf zu schreien, wenn ich ihm die Brust gebe? Schläft es ein, wenn ich es herumtrage? Liegen Eltern (meistens) richtig, entsteht so eine befriedigende Eltern-Kind-Interaktion, welche in besonderem Maße unsere spätere Bindungsfähigkeit prägt. Schließlich wird uns schon ganz früh – tatsächlich mit der Bildung der Muttermilch – vermittelt: »Deine Bedürfnisse sind wichtig. Du wirst gehört. Du bist geschützt. Du wirst geliebt.«

Aus diesem Grund ist es auch keine Option, das Baby einfach schreien zu lassen. Entgegen veralteter Annahmen kann man kleine Babys nicht verwöhnen. In der Generation unserer Groß- und Urgroßeltern war es noch ganz normal, Kinder nach einem festen Zeitplan zu versorgen und sie zwischendrin schreien zu lassen. Alle vier Stunden gab es ein Fläschchen und eine frische Windel. Kinder darf man nicht zu sehr verzärteln, hieß es. Dabei besteht gar keine »Gefahr«, den Säugling zu verwöhnen. Die kleinen Wesen schreien nicht grundlos und schon gar nicht, um uns zu ärgern. Kein Baby weint, weil es ihm Spaß macht oder es seine Eltern auf die Palme bringen will. Weinen ist am Anfang einfach eine Möglichkeit, die dem Säugling zur Verfügung steht, um sich mitzuteilen. Er sichert so sein Überleben. Er sagt zu Mama und Papa: »Lasst mich nicht liegen. Verlasst mich nicht. Denkt daran, dass ich Hunger habe.«

EINE FEINFÜHLIGE BEGLEITUNG STÄRKT DIE BINDUNG

Heute weiß man, dass eine feinfühlige Versorgung des Babys die beste Voraussetzung dafür ist, dass es gedeihen und sich binden kann. Den Begriff der Feinfühligkeit hat die US-amerikanisch-kanadische Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth (1913–1999) geprägt. Sie beobachtete Mütter und ihre Säuglinge und fand heraus, wie Mamas ihrem Baby Nestwärme geben. Die Forschung stützte sich, der damaligen Zeit geschuldet, zunächst auf die mütterliche Feinfühligkeit, aber selbstverständlich können Väter ebenso feinfühlig sein.

Feinfühlige Eltern beachten – in der Regel unbewusst – die folgenden vier Schritte:

1. AUFMERKSAMKEIT SCHENKEN

Wahrnehmung bedeutet, dem Kind Aufmerksamkeit zu schenken und genau hinzuhören, hinzusehen und sich hineinzuspüren. Nun könnte man meinen, dass die Wahrnehmung eines kleinen Babys nebenbei passiert, und manchmal klappt das auch gut, aber längst nicht immer. Durch die Anforderungen des Alltags sind Eltern vielfach abgelenkt und schauen beispielsweise auf ihr Handy und nicht ihr Kind an. Zur Wahrnehmung gehört auch, dass Eltern die großen und kleinen Gefühle ihres Kindes registrieren.

2. SIGNALE VERSTEHEN

Nun geht es darum, die Signale des Babys richtig zu interpretieren. Weint es, weil es gerade Hunger hat? Möchte es getragen werden, braucht es seine Ruhe oder ist ihm vielleicht kalt? Sind die Eltern aufmerksam, lernen sie nach und nach, ihr Baby richtig zu lesen. Sie verstehen seine Sprache, obwohl es noch nicht sprechen kann. Und wissen dann etwa: Wenn die Augen klein werden und der Muskeltonus nachlässt, ist das beispielsweise ein Zeichen von Müdigkeit.

3. PROMPT REAGIEREN

Feinfühlige Mütter und Väter reagieren prompt auf die Äußerungen ihres Babys. Sie können zum Beispiel heraushören, wenn das Baby vor Hunger schreit. Dann nehmen sie ihr Kind hoch, sprechen beruhigend mit ihm (»Du hast ja Hunger, mein Schatz.«) und stillen es oder geben ihm das Fläschchen. Dadurch kann das Kind sich schon sehr früh als selbstwirksam erleben. Es lernt: Ich drücke durch meine Signale wie weinen aus, dass ich Hunger habe, und dann kommt jemand, der sich um mich kümmert. Mein Verhalten ist wirksam. Je jünger das Kind ist, desto zügiger sollte seine Mama oder sein Papa reagieren. Ältere Kinder können eher mal warten.

4. BEDÜRFNISSE STILLEN

Einfühlsame Mütter und Väter tun überdies das Richtige. Sie nehmen ihr Baby in den Arm und kuscheln mit ihm, wenn es danach verlangt. Sie nehmen aber auch wahr, wenn es beispielsweise sein Köpfchen abwendet und seine Ruhe haben möchte. Sie akzeptieren die Bedürfnisse ihres Kindes und lassen sich nicht von eigenen Bedürfnissen leiten, indem sie das Kind etwa mit Zärtlichkeiten überschütten, obwohl es dies in dem Moment gar nicht braucht und will. Feinfühligen Eltern gelingt eine angemessene Befriedigung der kindlichen Bedürfnisse. Sie sind flexibel und bekommen mit, wenn sich die Bedürfnislage bei ihrem Kind ändert, zum Beispiel wenn mit zunehmendem Alter das Erkundungsbedürfnis größer wird und das Kind den »sicheren Hafen« auch mal für kurze Zeit verlassen möchte.

Vielleicht denkt ihr jetzt: »Oh je, das ist aber ganz schön kompliziert mit der Feinfühligkeit. Hoffentlich bekommen wir das hin.« Doch keine Sorge: Kinder verzeihen ihren Eltern sehr viel. So klein sie auch sind, sind sie in gewisser Weise doch auch robust, weshalb es ausreicht, wenn ihre Eltern »gut genug« sind. Manchen Eltern hilft es, wenn sie sich das immer wieder sagen. Es ist enorm entlastend. Perfektionismus dagegen ist in der Kindererziehung eher störend. Alle Eltern machen zwischendrin mal »Fehler«, aber: Die Kinder kommen sehr gut damit zurecht.

DIE WELT AUS DEN AUGEN EURES BABYS SEHEN

Wir wissen nicht genau, was in einem Baby vorgeht, doch wir können versuchen, uns wenigstens ein bisschen einzufühlen. Hier ein paar Anhaltspunkte, die dir als Mama oder Papa vielleicht helfen, dich in euer Baby hineinzuversetzen:

Stell dir vor, …

… dass du keine Worte verstehst, aber erkennst, ob eine Stimme liebevoll und zärtlich mit dir spricht oder hart ist. Du magst den Singsang, wenn deine Eltern in Babysprache mit dir sprechen. Du liebst es, wenn gesungen wird. Der Takt eines Liedes erinnert dich auf einer tiefen Ebene an die Zeit im Mutterbauch, wo du das Schlagen des mütterlichen Herzens gehört hast und die Schritte deiner Mama rhythmisch spüren konntest. Du kannst nicht sprechen und sagen, wie es dir geht, aber du kannst tönen, Blickkontakt suchen, weinen und auf verschiedenen weiteren Ebenen nonverbal mit deinen Eltern kommunizieren. Du hast noch keine Zeitwahrnehmung. Wenn du weinst und niemand kommt, weißt du nicht, wie lange es dauern wird. Zehn Minuten oder einen Tag? Darum tut es dir gut, wenn sich deine Eltern schnell um dich kümmern. Dann weißt du: Jemand ist für mich da. Ich bin nicht allein. Deine Augen können anfangs noch nicht sehr weit blicken, nur circa 25 Zentimeter. Auch deshalb hast du deine Eltern gern in der Nähe. Du magst Blickkontakt. Er gibt dir das Gefühl, in Kontakt zu sein. Mama und Papa sind deine Heimat. In ihren Armen findest du Freude, Beruhigung und Zufriedenheit. Du liebst den positiven Körperkontakt: das Umarmen, die Rhythmik beim Getragenwerden, das Schaukeln, Gehaltensein und den Geruch deiner Eltern. Sie sind dein Zuhause. Bei ihnen weißt du: Ich bin geschützt und ich werde geliebt.

LIEBE, DIE EIN LEBEN LANG TRÄGT

Werden Babys feinfühlig begleitet, kann man schon im Alter von einem Jahr feststellen, dass sie sicher gebunden sind. Sicher gebunden sein bedeutet, dass Mama und Papa für sie wie ein sicherer Hafen sind: Zu ihnen kann ihr Kind immer wieder zurückkehren, wenn es irgendetwas überfordert, wenn es unsicher ist oder Angst hat. In Gegenwart der Eltern erkunden sie die Umgebung und sind durchaus neugierig. Knallt aber beispielsweise eine Tür, kehren sie zu ihren Eltern zurück, die sie dann schnell beruhigen können.

Entgegen der bestehenden Angst, Kinder würden nicht selbstständig werden, wenn man sich zu viel um sie kümmert, weiß man heute: Babys, die gut (feinfühlig) versorgt wurden, sind mit einem Jahr zufriedener und protestieren weniger, wenn die Mutter beispielsweise den Raum verlässt. Sie ruhen mehr in sich. Das zeigt sich auch in psychophysiologischen Untersuchungen. Im Blut von sicher gebundenen Kindern zirkulieren weniger Stresshormone. Kinder, die von Anfang an Bonding erleben, gedeihen besser. Besonders eindrucksvoll kann man das in der Entwicklung von Frühchen sehen: Sie entwickeln sich viel besser, wenn die Mutter oder der Vater sie mit der Känguru-Methode betreut. Sie sind zum Beispiel in den Wachphasen aktiver und haben längere ruhige Schlafperioden (mehr zum Känguruhen erfahrt ihr ab >).

Eine bedürfnisorientierte Begleitung in der ersten Zeit stärkt Kinder für ihr ganzes Leben. Hirnforscher und -forscherinnen wissen: Im Gehirn von feinfühlig betreuten Kindern vernetzt sich das limbische System, also diejenige Region des Gehirns, die für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist, besser mit anderen Hirnregionen, was dazu führt, dass sie schon früh ihre Emotionen besser regulieren können. Sie haben zum Beispiel weniger schnell Angst und können mit aggressiven Gefühlen wie Wut oder Ärger besser umgehen. Bereits als Achtjährige zeigen sie ein gesundes Selbstvertrauen.

In der frühen Eltern-Kind-Interaktion erwerben wir unbewusst Wissen darüber, wie man mit Mitmenschen umgeht. Diese Bindungsrepräsentation nehmen wir mit in unser weiteres Leben. Kinder mit einer sicheren Bindung integrieren sich leichter in ein soziales Gefüge. Sie kommen sowohl in der Kindergartengruppe als auch im Klassenverband gut zurecht. Aber nicht nur das. Eine sichere Bindung in der Kindheit unterstützt uns auch dann noch bei der Stressbewältigung, wenn wir längst erwachsen sind. Die gefühlte Sicherheit der ersten Jahre ist tief in uns eingeprägt und hilft uns das ganze Leben lang, besser mit Belastungen zurechtzukommen. Wer als kleines Kind ausreichend Nestwärme getankt hat und gleichzeitig in einem sicheren Rahmen die Welt erobern durfte, ist als Erwachsener zudem beziehungsfähig und kann sich leichter auf eine Partnerschaft einlassen. Kurzum: Eine sichere Bindung zu Anfang unseres Lebens ist wie ein unsichtbarer Schutzmantel, der uns sicher durchs Leben begleitet. Der Schutz, der durch ein gutes Bonding entsteht, erstreckt sich sogar noch auf die nächste Generation. Die Forschung zur transgenerationalen Weitergabe belegt, dass wir unsere Bindungsmuster an unsere Kinder weitergeben. Waren wir selbst sicher gebunden und haben Fürsorge erlebt, lassen wir dies automatisch den eigenen Kindern zukommen. Wurden wir vernachlässigt oder von unseren Eltern ängstlich überversorgt, teilt sich dies oft ebenfalls unseren Sprösslingen mit. Deshalb ist es hilfreich, die eigenen Bindungsmuster im Blick zu haben.

SICHERE ELTERN, SICHERES BABY

Ein Baby bindungsorientiert zu versorgen ist eine kleine Herausforderung, aber es lohnt sich. Nicht nur, weil sich die Kinder besser entwickeln und bis ins Erwachsenenleben stabiler bleiben, sondern auch, weil Eltern unmittelbar von ihrem unermüdlichen Einsatz profitieren.

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Viel Spaß!



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