Logo weiterlesen.de
Stark wie unsere Liebe

Laura Marie Altom

Stark wie unsere Liebe

PROLOG

„Was soll das heißen?“, sagte Jake Peterson fassungslos zu der silberhaarigen energischen Frau vor ihm, die für seinen Adoptionsfall zuständig war. Sie saß an einem Schreibtisch, dessen Oberfläche im Lauf der Jahre zu einer bunten Collage aus lachenden Gesichtern geworden war. Hunderte Kinderfotos bedeckten die Tischplatte. Alle diese Kinder hatte Mrs. Starling glücklich gemacht. Warum ging das nicht auch für seine kleine Bonnie?

„Nur weil diese Elizabeth Mannford mit Bonnie verwandt ist, macht sie das zu einer besseren Bezugsperson? Es war der letzte Wunsch meiner Freunde, dass ich ihre Tochter aufziehe. Sie können sie mir nicht wegnehmen. Ich bin der einzige Mensch, den sie kennt!“

„Bitte, Mr. Peterson, Sie brauchen nicht laut zu werden. Möchten Sie ein Butterscotch?“ Mrs. Starling wies auf eine große Tonschale, die randvoll war mit golden schimmernden, einzeln verpackten Butterscotch Bonbons. „Butterscotch ist der tröstlichste Geschmack, den es gibt. Finden Sie nicht?“

Jake biss stumm die Zähne zusammen. Er wollte seinen Zorn nicht an dieser alten Dame auslassen, aber er war verzweifelt.

Vor sechs Wochen waren Cal und Jenny in ihrem Wagen von einem betrunkenen Fahrer getötet worden und hatten die kleine Bonnie als Waise zurückgelassen. Es kam nicht infrage, dass er sein Versprechen brach, welches er ihnen gegeben hatte.

„Verstehen Sie doch“, sagte er und holte tief Luft, um sich zu beruhigen. „Ich liebe Bonnie. Und als Eigentümer der Galaxy Sports Company kann ich ihr mehr als ausreichend gesicherte Verhältnisse bieten.“

„Das bezweifelt Miss Mannford gar nicht.“

„Wo liegt dann ihr Problem? Warum tut sie das? Warum verweigert sie die Unterschrift?“

„Man muss es einmal aus ihrer Sicht betrachten“, begann Mrs. Starling und strich mit den Fingern über einen Stapel Aktenordner. „Sie scheint einsam zu sein, verbittert darüber, wie ihr Leben verlaufen ist. Ihre Nichte Jenny war alles, was sie auf der Welt noch hatte – und natürlich deren Tochter Bonnie. Ich kann verstehen, dass sie nicht die letzte Verbindung zu ihrer Familie an einen Fremden verlieren will.“

„Aber das ist es ja“, sagte Jake und beugte sich so weit vor, dass sein Stuhl fast kippte. „Ich bin doch kein Fremder für Bonnie.“

Mrs. Starling wich seinem Blick aus. „Das Ganze tut mir furchtbar leid, glauben Sie mir. Die Kleine vertraut Ihnen, das sieht man. Ach, es war so rührend, wie sie sich an Ihre Schulter kuschelte.“ Sie wies auf ihre Fotosammlung. „Ich liebe Happy Ends! Diese Fotos sind mein Leben. Meine Erfolge.“ Jetzt sah sie ihn wieder an. „Leider habe ich neben all diesen lächelnden Gesichtern auch viele, viele Tränen gesehen.“

Jake schluckte. Meine Tränen oder die meines Babys sollen Sie nicht sehen. Dafür werde ich schon sorgen.

Die Frau ahnte ja nicht, dass es nicht nur um Bonnies weiteres Leben, sondern auch um seine eigene Zukunft ging.

Er hatte eine glückliche Kindheit gehabt. Seine Eltern waren wunderbar gewesen, besonders sein Vater. Vielleicht hatte Jake auch deshalb selbst immer Kinder haben wollen. Er wollte sie sonntags mit ihrer Baseballmannschaft anfeuern und Kindergeburtstage ausrichten, ihnen bei den Hausaufgaben helfen und die frisch und rosig aus der Badewanne geholten kleinen Racker ins Bett bringen.

Nach der Heirat mit seiner Highschool-Liebe Candy hatte Jake die Erfüllung dieser Träume in Reichweite vor sich gesehen. Bis Candy auf einmal nur noch ihr Geschäft im Kopf hatte und immer öfter davon sprach, dass sie nie Kinder haben wollte.

Als Candy nach fünf Jahren Ehe die Scheidung einreichte, hatte der Schmerz ihn völlig aus der Bahn geworfen. Aber seither waren zehn Jahre vergangen, und es ging ihm gut ohne sie – oder irgendeine andere Frau. Eisern hatte er seinen Schwur gehalten, nie mehr wegen einer Frau zu leiden. Und wenn man eine Frau brauchte, um Kinder zu haben, dann hatte er eben schweren Herzens auf Kinder verzichtet.

Jetzt hatte das Schicksal ihm dieses Kind auf einmal in den Schoß gelegt. Er war Vater geworden und zu allem bereit, um die kleine Bonnie zu behalten.

„Hören Sie“, sagte er und versuchte, ruhig und vernünftig zu klingen. „Ich kann das alles. Windeln wechseln, Fläschchen ausspülen, Kinderkleider kaufen, kein Problem!“

„Mr. Peterson, Sie müssen das verstehen, ich kann nicht Babys jedem zusprechen, der mich darum bittet. Wir haben da Vorschriften, die dem Wohl des Kindes dienen sollen. Sie wären bestimmt ein wunderbarer Vater, nur halten die Richter sich an das Gesetz. Und das gibt nun einmal Blutsverwandten Vorrang.“

„Aber das ist doch Unsinn. Und ungerecht! Bonnie hat diese Elizabeth Mannford nie gesehen. Ich dagegen gehöre für sie zur Familie, seit sie auf der Welt ist!“

Bedauernd sagte Mrs. Starling: „Ich fürchte, Sie haben recht. Ja, wenn Sie verheiratet wären, dann könnte ich …“

„Was?“, entfuhr es Jake entgeistert.

„Ich habe nur darauf hingewiesen, wenn Sie eine Frau an Ihrer Seite hätten, dann …“

Aber Jake war schon aufgesprungen und lief zur Tür. Er sah Licht am Horizont!

„Mr. Peterson? Wo wollen Sie denn hin?“

„Was glauben Sie wohl? In meinen Country Club! Dort liegt bestimmt irgendeine Blondine am Pool, die mich für eine Ehe auf Zeit heiraten würde.“

„Nicht so schnell!“, rief Mrs. Starling. „Kommen Sie zurück! Ich stehe voll und ganz auf Ihrer Seite, aber Sie können doch nicht einfach eine Fremde heiraten! Jeder Familienrichter wird diesen alten Trick durchschauen. Nein, es muss schon eine echte Beziehung sein. Eine liebevolle Beziehung zu einer Frau, die Sie kennen und der Sie zutrauen, dass sie auch auf lange Sicht eine liebevolle Mutter ist. Und dass sie mit Ihnen gemeinsam einen langen und wahrscheinlich ziemlich hässlichen Rechtsstreit durchstehen kann.“

Sie schob sich noch ein Butterscotch Bonbon in den Mund und sah ihn halb mitleidig, halb amüsiert an. „Meinen Sie, Sie könnten so eine Frau aus dem Hut zaubern?“

Jakes Hoffnungen fielen schon wieder in sich zusammen. War die Frau verrückt?

Er kannte nur eine einzige Frau in seinem Leben, die diesen Ansprüchen genügte. Candy. Er sah sie vor sich, mit ihrem hübschen Lächeln und den so hinreißend braunen Augen, in denen man wie in sündhaft süßer geschmolzener Schokolade versinken konnte.

Leider hatte seine Exfrau bei seinem letzten Blick in diese Augen nicht gelächelt. Sie hatte geweint. Und der Anblick ihrer Tränen hatte ihm nicht nur das Herz zerrissen, sondern ihn auch zu dem Schwur veranlasst, niemals wieder zu heiraten.

Und jetzt sollte eine Wiederheirat mit der Frau, die sein Leben in Trümmer gelegt hatte, die einzige Möglichkeit sein, um Bonnie zu behalten?

Am liebsten hätte er Mrs. Starling jetzt sehr höflich gesagt, wo sie sich ihre groteske Idee hinstecken konnte. Nur stand leider viel zu viel auf dem Spiel: Er würde Bonnie verlieren, wenn er nicht bis zum Äußersten ging.

Jake straffte sich und kam zu dem unausweichlichen Schluss: Wenn er die geringste Chance wahren wollte, Bonnie zu behalten, dann musste er Candy noch einmal heiraten. Und zwar schnellstens!

1. KAPITEL

Drei Tage später …

Vorsichtig betrat Jake Peterson die rot gekachelte Eingangsstufe zu Candy Kisses Süßwarengeschäft und Eisdiele. Aber gerade, als er das wichtigste Fusionierungsgespräch seines Lebens in Angriff nehmen wollte, klingelte sein Handy.

„Ja?“, antwortete er schnell und verfluchte sich dafür, dass er das dumme Ding nicht in seinem Leihwagen gelassen hatte.

„Hast du’s getan?“

„Nein, zum Teufel, habe ich nicht.“ Jake zog sich aus der warmen Missouri-Maisonne in den Schatten eines in Form einer riesigen Katze geschnittenen Busches zurück. Um den Bauch der Katze flatterte eine Schar Spatzen wie eine lärmende Kinderschar. Er hielt sich das freie Ohr zu. „Ich habe doch gesagt, ihr sollt warten, bis ich euch anrufe!“

„Ich weiß, aber es geht um das Baby. Bonnies Windelinhalt sieht komisch aus.“

„Was soll das heißen?“

„Ich weiß nicht recht, es ist … rosa. Und riecht ein bisschen nach Fischköder.“ Der Mann am anderen Ende war Rick, sein bester Freund aus der Highschool und jetzt Manager von Jakes Gründungsgeschäft, dem ersten „Galaxy Sports Store“, nur wenige Hundert Meter entfernt.

Jake seufzte, dann fragte er: „Womit habt ihr Jungs sie gefüttert? Ich bin doch erst seit einer Viertelstunde weg!“

„Hühnerfrikassee und ein paar Nudelreste, und gleich, nachdem du weg warst, hat sie Kirscheis und ein bisschen Kirschcreme gelutscht.“

Jake fuhr sich mit der freien Hand übers Gesicht. Er war mit den Männern aufgewachsen, die jetzt seinen Laden führten. Und er hatte gedacht, dass sie alle imstande wären, ein paar Stunden auf Bonnie aufzupassen. Aber das war vielleicht ein Fehler gewesen. Wie es vielleicht auch falsch gewesen war, nach all den Jahren wieder einen Fuß in diese Stadt zu setzen.

„Wo ist Warren?“, fragte er.

„Da kam ein Anruf von der Schule seiner Tochter, im Sportunterricht wurde ihr ein Zahn ausgeschlagen, und Warren musste schnell mit ihr zum Zahnarzt.“

Großartig. Der Einzige von ihnen, der tatsächlich Erfahrung mit Kindern hatte, war nicht mehr da. „Hör zu, Rick, mach dir keine Sorgen. Gebt ihr einfach nichts Rotes zu essen, nein, füttert sie ab sofort überhaupt nicht mehr, ja? Und ruf mich in der nächsten halben Stunde nicht an! Ich gehe jetzt rein.“

„Ich hätte gern … zwei Coco Locos, einen Dino-Riegel und eine Schoko-Erdbeere.“

„Mmh, gute Wahl.“ Ohne aufzusehen, öffnete Candy Jacobs-Peterson das große Süßigkeiten-Glas und schnupperte an dem Inhalt. Auch nach all den Jahren im Süßwaren-Geschäft liebte sie den Duft ihrer eigenen Kreationen immer noch.

Sie griff nach einem Papiertuch und holte ein paar ihrer Meisterwerke heraus. Die aus Milchschokolade, Mandeln und gerösteter Kokosnuss bestehenden Coco Locos verkauften sich dreimal besser als all ihre anderen Süßigkeiten. Nächsten Montag bei der Übergabe musste sie die neuen Besitzer von Candy Kisses darauf hinweisen, dass sie für Nachschub fürs Wochenende sorgten.

Es war schwer zu glauben, dass das Geschäft, das ihr Lebensinhalt geworden war, bald anderen Leuten gehören würde. Nach dem Tod ihres Vaters, als sie elf gewesen war, hatte ihr Großvater sie praktisch hier in diesem Laden großgezogen. Bis sie Jake geheiratet hatte. Ihre kurze Ehe war die glücklichste Zeit ihres Lebens gewesen, nur leider letztendlich dem Jacobs-Fluch zum Opfer gefallen.

Nach ihrer Scheidung war Candy in den Laden und zu ihrem Großvater zurückgekehrt und hatte sich in die Arbeit gestürzt. Eine Zeit lang ging das ganz gut. Aber vor einem Jahr war ihr Großvater gestorben, und danach hatte sie, trotz ihrer vielen guten Freunde, die Einsamkeit überfallen.

Sie hatte sich verloren gefühlt. Orientierungslos.

Und jetzt …

Jetzt brauchte sie mehr. Wovon, das wusste sie selbst nicht recht. Irgendetwas fehlte in ihrem Leben. Aber was dieses nebulöse Etwas auch sein mochte, hier in Lonesome fand sie es nicht. Und deshalb würde sie am nächsten Montagmorgen den Kaufvertrag für Candy Kisses von den neuen Besitzern unterschreiben lassen, ihr Haus abschließen und Lonesome verlassen. Auf unabsehbare Zeit – so lange, bis sie mit sich im Reinen war und so etwas wie ihren inneren Frieden gefunden hatte.

Sie verdrängte das Kribbeln im Bauch, das sie manchmal überkam, wenn sie an die nächste Zukunft dachte, und hielt dem Kunden seine rosa Candy Kisses-Schachtel hin. Erst jetzt sah sie hoch.

Die Schachtel samt Inhalt segelte zu Boden und knallte auf die glänzenden Holzdielen. Fassungslos hatte Candy sich die Hand vor den Mund geschlagen. „Oh Gott … Jake.“

Er begegnete ihrem Schock mit einem schiefen Lächeln. „So glücklich macht dich mein Anblick?“

„Nein … ich bin nur …“ Candy schüttelte den Kopf. Reiß dich zusammen! Ja, es war zehn Jahre her. Und Jake schien größer, dunkler und unendlich viel attraktiver geworden zu sein. Na und? Behandle ihn wie jeden anderen Kunden.

Leicht gesagt. Wie viele andere Kunden hatten ihr das Herz gebrochen?

„Bist du für das Klassentreffen gekommen?“, fragte sie bemüht munter, während sie sich hinkniete und die verstreuten Pralinen vom Boden aufsammelte.

„Ja. Ich dachte, ich würde es nicht schaffen, aber …“ Im Aufstehen sah sie, wie er die Achseln zuckte. „Pläne können sich manchmal plötzlich ändern.“

Das wusste Candy selbst nur zu gut. „Schön, dass du es doch geschafft hast. Die Jungs im Laden freuen sich bestimmt, dass du wieder in der Stadt bist.“

Und du, Candy? Freust du dich auch? Jake merkte, dass er den Atem angehalten hatte.

Seine Exfrau war immer eine umwerfende Erscheinung gewesen, aber jetzt …

Er schluckte und zwang sich, über ihre whiskybraunen Augen, den honigfarbenen Teint und das herrliche kastanienbraune Haar hinwegzusehen. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er sie wieder vor sich im Bett, in jenem elfenbeinfarbenen Seiden-Negligé, das sie als Geschenk zu ihrem ersten Hochzeitstag gekauft hatte. Für ihn! Die feinen Spitzenborten hatten Verstecken mit ihren Brüsten gespielt, während sie ihn hinter einem Vorhang aus dunkelbraunen Haarwellen anlächelte und ihn einlud, sein Geschenk auszupacken.

Jake holte tief Luft. Konzentrier dich. Du bist gekommen, um eine Mutter auf Zeit für Bonnie zu finden. Keine Gespielin für dich. Und Candy hatte ihn schon einmal fallen lassen, das reichte für ein ganzes Leben.

„Die Jungs haben mir erzählt, dass du ein neues Projekt hast“, bemerkte er leichthin.

„So kann man es auch ausdrücken“, gab sie zurück und rückte konzentriert die schon in tadelloser Linie stehenden Gläser mit den Süßigkeiten zurecht.

„Eröffnest du endlich einen zweiten Laden? Oder erfindest eine neue supersüße Kreation, die du dann landesweit verkaufst?“

Sie stellte sich auf Zehenspitzen und hob zwei Gläser auf ein höheres Regalbrett, hoch genug, dass sich die Knöpfe ihrer weißen Seidenbluse über ihren vollen Brüsten spannten. Dann sagte sie: „Du warst der Einzige hier in der Gegend mit hochfliegenden Träumen, Jake. Meine Träume waren immer einfach.“ Ein seltsames Lächeln umspielte ihre Lippen. „Haben die Jungs dir denn weiter nichts erzählt?“

Was sollen sie mir erzählt haben? Dass du hinreißender bist denn je? „Ich habe das Gefühl, ich bin der Einzige hier, der von nichts weiß.“

„Wir sind geschieden, Jake, falls du das vergessen hast.“

„Getroffen.“

Sie wandte den Blick ab. „Ich kann es immer noch nicht glauben, dass du hier bist. Du warst der Letzte, mit dem ich heute gerechnet habe.“ Als sie ihn wieder ansah, hatte sie abwesend ein paar Haarsträhnen zwischen die Finger genommen und zwirbelte sie mechanisch, als könnte das die Traurigkeit in ihren Augen vertreiben.

Das letzte Mal hatte Jake dieses nervöse Haarzwirbeln an dem Tag gesehen, als Candy die Scheidungspapiere unterschrieben hatte. „Candy“, sagte er und trat einen Schritt näher. „Stimmt irgendetwas nicht? Abgesehen davon, dass ich jetzt hier vor dir stehe?“ Er grinste schwach, und sie lächelte kaum merklich zurück.

„Nein. Heute ist nur ein ziemlich seltsamer Tag.“

„Wieso? Ist nicht einfach ein ganz normaler Montag?“

Sie nickte, aber dann gab sie ein seltsames kleines Geräusch von sich, das im nächsten Augenblick als Schluchzer aus ihr herausbrach. „Ach, Jake, ich weiß, dass ich das Richtige tue, aber …“

In der nächsten Sekunde war er schon bei ihr hinter der Theke und zog sie in seine Arme. „Schsch …“, murmelte er und streichelte ihr beruhigend übers Haar. Ein merkwürdiges Déjà-vu-Gefühl überkam ihn. „Alles wird gut, Candy, egal, was passiert.“

„Sieh mich an“, sagte sie, löste sich von ihm und rieb sich mit den Handrücken die Tränen weg. „Hier stehe ich vor dem größten Abenteuer meines Lebens und tue, als wäre es eine Strafe.“

„Erzählst du mir nun endlich, was los ist?“

Tapfer lächelte sie ihn an. „Entschuldige, ich habe vergessen, dass du es ja nicht weißt. Heute ist mein letzter Montag in diesem Laden.“ Sie strich mit den Fingern über den ehrwürdigen weißen Marmor der Theke. „In einer Woche verkaufe ich Candy Kisses und verlasse Lonesome. Zuerst überquere ich die Anden auf einem Lama! Danach gehe ich auf eine Amazonas-Kreuzfahrt und fahre von dort aus zu den Galapagosinseln, und …“

„Aber … was wird aus deinem Großvater?“ Was war nur mit Candy los? Candy Kisses befand sich seit über fünfzig Jahren im Besitz ihrer Familie. Das Geschäft war ihr Zuhause. Sie konnte es doch nicht einfach verkaufen.

„Das wusstest du auch nicht? Grandpa ist letzten Frühling gestorben.“

Jake seufzte tief und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. „Das tut mir sehr leid … Aber dann verstehe ich noch weniger, warum du alles verkaufen willst! Hast du den Verstand verloren?“

„Wie bitte?“

„Du verkaufst das Einzige, was du in deinem Leben wirklich geliebt hast, um dafür auf einem zotteligen Tier über die Anden zu reiten? Was soll das? Ist das eine Art verrückter Selbstfindungsversuch?“

„Ja – ich meine, nein! Und selbst, wenn? Was geht dich das an? Übrigens ist es nur ein Urlaub. Eine Gelegenheit, mal etwas anderes zu sehen. Andere Leute kennenzulernen.“ Eine Gelegenheit herauszufinden, was ich mit dem Rest meines Lebens anfangen will.

Candy zwängte sich an Jake vorbei und versuchte, die heiß-kalten Schauer zu ignorieren, die sie durchfuhren, wo ihre Arme und Hüften sich berührten.

„Wo gehst du hin?“

Ohne sich nach ihm umzudrehen, antwortete sie: „Nach Hause. Ich muss noch jede Menge packen.“ Sie schnappte sich ihre Handtasche aus dem kleinen Verschlag hinter der Ladentheke.

„Du gehst einfach so? Ich dachte, du hast abends immer geöffnet?“

„Nur von Donnerstag bis Sonntag.“

„Ja, aber was ist mit den heutigen Kunden?“

„Sie kommen morgen wieder.“ Candy war schon unterwegs zur Ladentür und erklärte: „Ich gehe jetzt und schließe ab, Jake. Letzte Warnung, oder du musst die Nacht hier drin verbringen.“

Mit einer überraschenden Bewegung, wie nur ihr Exmann sie fertigbrachte, schwang Jake sich einfach über die Theke. Im nächsten Moment war er vor ihr an der Tür und blockierte mit verschränkten Armen den Ausgang.

„Du bist kein bisschen erwachsener geworden, stimmt’s?“, brachte Candy heraus.

„Genau wie du, meinst du? Du wirfst einfach alles hin und verschwindest?“

„Ich werfe nicht alles hin. Ich gehe nach Hause und packe.“

„Um auf eine verrückte Reise zu gehen, die eher nach Flucht aussieht, vor was auch immer.“

Tränen stiegen Candy wieder in die Augen, und trotzig unterdrückte sie sie. Es hatte Jahre gedauert, bis sie sich wegen dieses Mannes nicht mehr in den Schlaf geweint hatte. Hatte er vergessen, was er ihr angetan hatte? Hatte er vergessen, welche inneren Qualen sie damals überwinden musste, um ihm so weit vertrauen zu können, dass sie ihn heiratete?

Er hatte gewusst, aus was für einer katastrophalen Familie sie kam, doch es war ihm egal gewesen. Denn sonst hätte er sie nicht so bedrängt und nicht mehr von ihr verlangt, als sie jemals geben konnte.

„Wenn wir schon von Flucht reden, Jake“, sagte sie und holte tief Luft. „Nicht ich habe alle Brücken hinter mir abgebrochen, um mich an den Stränden von Florida zu aalen.“

„Es geht hier nicht um mich, sondern um dich. Um die Candy, die immer noch allen Problemen ausweicht.“

„Was für Probleme?“, fragte sie ein wenig zu schrill. „Bis du hier plötzlich aufgetaucht bist, war alles gut.“

„Da haben wir es, du wirfst mir deine Probleme vor.“

„Manches ändert sich wohl nie. Genau wie die Tatsache, dass wir beide zusammenpassen wie Öl und Wasser. Und ich dachte schon, dass du aus heiterem Himmel zum Klassentreffen erscheinst, wäre ein Zeichen. Dass auch du die Vergangenheit hinter dir gelassen hast und wir wie vernünftige Menschen miteinander umgehen könnten. Aber da habe ich mich wohl geirrt.“

Fieberhaft wühlte sie in ihrer Handtasche nach den Schlüsseln und kämpfte schon wieder gegen die Tränen an. Es musste der Abschied von ihrem Laden sein, der ihr so zusetzte. „Du hast mich nie verstanden“, fuhr sie fort. Hast nie verstanden, was ich für dich aufgegeben habe. „Und jetzt hältst du mir Vorträge über meine Fehler und wirfst selbst jeden Tag alles weg.“

„Was werfe ich weg?“, fragte Jake verständnislos.

Deine Chance auf das Einzige, was du mit mir nicht haben konntest. Das Einzige, das du mehr als alles andere wolltest, mehr als mich: Warum hast du nicht längst eine Familie gegründet? Candy hielt die Schlüssel in der Hand und hatte die Lippen fest zusammengepresst.

„Antworte mir.“ Er nahm sie bei den Schultern. „Was sollte dieser letzte Kommentar?“

„Nichts. Ich weiß nicht.“

„Blödsinn!“ Aufgebracht stieß Jake die Luft aus und ließ sie los. Er wandte sich von Candy ab und fuhr sich durch das Haar. Die ganze Situation war außer Kontrolle geraten. Er hatte doch eine simple, klare Mission vor sich gehabt. Reingehen, Vorschlag machen, rausgehen. Eins, zwei, drei. An welchem Punkt war das nur schiefgegangen?

Merkwürdig, dieselbe Frage hatte er sich auch bei ihrer letzten Auseinandersetzung gestellt.

Wenn er vernünftig war, verließ er diesen Ort sofort wieder und versuchte bei den Richtern sein Glück mit einer Frau, die er dafür bezahlte. Vielleicht konnte er sogar auf eine dieser geheimnisvollen Zeitungsannoncen antworten, die versprachen, in dreißig Tagen komplette Biografien und falsche Identitäten zu erschaffen.

Wach auf, Jake. Deine einzige Chance steht vor dir. Und sie starrt dich an, als würde sie dir am liebsten ins Gesicht spucken.

„Jake“, begann Candy unsicher. „Warum bist du wirklich gekommen? Erzähl mir nichts von dem Klassentreffen, denn Page Watson hat mir vor sechs Wochen gesagt, dass du ‚Zurück an Absender‘ auf deine Einladung geschrieben hast.“

Vor sechs Wochen waren Cal und Jenny noch am Leben gewesen.

Candy hatte recht. Normalerweise wäre Jake nicht um alles Bier von St. Louis zu ihrem Klassentreffen erschienen. Natürlich hätte er gern einmal wieder mit all seinen alten Freunden zusammengesessen, aber angesichts der Wahrscheinlichkeit, auch Candy zu begegnen … nein, danke.

Und warum harrte er jetzt hier im Gewittersturm aus? Warum nahm er nicht den nächsten Flug zurück nach Palm Breeze und kam nie wieder?

Wegen Bonnie. Deshalb.

Er sah sie vor sich, die rosigen Wangen, das strahlende zahnlose Lächeln, die seidenweichen spärlichen Härchen auf dem Kopf und roch den Duft von frisch eingecremtem Babybauch. Es lag nicht mehr in seiner Hand, das Schicksal hatte bereits entschieden. Er war kein freier Mann mehr.

Er biss die Zähne zusammen und sagte: „Du hast recht. Das Klassentreffen war ein Vorwand. Ich bin gekommen, um mit dir zu reden.“

„Worüber?“

„Eine Ehe. Unsere Ehe. Ob du vielleicht bereit wärst, mich noch einmal zu heiraten?“

Jake wusste nicht, ob Candy ihre vollen Lippen öffnete, um etwas zu antworten, oder so fassungslos war. Eigentlich hatte er erst ein bisschen vorfühlen wollen, bevor er ihr diese Frage aller Fragen stellte. Aber jetzt war es zu spät.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Stark wie unsere Liebe" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen