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Stärker als dein Tod

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

PROLOG

Der Schrei hallte von den Backsteinwänden wider, die dem Gefängnis fast das Aussehen eines mittelalterlichen Schlosses verliehen, in dem unaussprechliche Folterqualen zum Alltag gehörten. Der Strafgefangene, der auf der schmalen Trage lag, wehrte sich gegen die Nylonbänder, mit denen seine Hände und Füße festgebunden waren. Blutspritzer befleckten das Laken, das ihn von der Hüfte abwärts bedeckte.

Schmerz und Angst verzerrten sein Gesicht. „Aufhören“, bettelte er. „Bitte …“

Der Arzt in dem weißen Kittel schaute hinunter auf seinen Patienten und erinnerte sich selbst daran, dass der Mann ein Mörder war, der kein Mitgefühl verdiente. Doch das Wissen darum machte sein Vorhaben nicht einfacher.

Während er sich innerlich gegen die gequälten Schreie des Gefangenen wappnete, griff er nach der kleinen Ampulle mit der Aufschrift RZ-902. „Es ist fast vorbei“, sagte er. „Versuchen Sie, sich zu entspannen.“

Fest umklammerte er das Fläschchen, als plötzlich die Tür aufging. Sein Magen zog sich vor Anspannung zusammen, während ein Mann im maßgeschneiderten Anzug den Untersuchungsraum betrat.

„Um Himmels willen, ich konnte ihn auf dem ganzen Weg zur Krankenstation hören.“ Der Mann starrte den Häftling finster an. „Bringen Sie ihn zum Schweigen, oder es werden bald Fragen gestellt werden, die wir nicht beantworten wollen.“

„Ich wollte ihm gerade ein Beruhigungsmittel spritzen, bevor ich ihn in den Testraum bringe.“

„Tun Sie, was nötig ist. Aber bringen Sie ihn endlich zum Schweigen. Ich möchte nicht, dass irgendwelche übereifrigen Vollzugsbeamten anfangen, hier herumzuschnüffeln.“ Als der Mann im Anzug das Klemmbrett auf dem Tisch entdeckte, nahm er es in die Hand und studierte die Eintragungen. „Wie hat der Patient auf die Behandlung mit RZ-902 reagiert?“

Beide Männer wussten, dass die Wörter „Patient“ und „Behandlung“ Euphemismen waren. Allerdings schob der Arzt diesen Gedanken rasch beiseite, um sich auf die geforderte Antwort zu konzentrieren. „Besser als erwartet.“

„Die Sterblichkeitsrate?“

„Achtundneunzig Prozent.“

„Zeitrahmen?“

„Weniger als fünf Minuten.“

„Hervorragend“, meinte der Mann und lächelte zufrieden. „Ich möchte innerhalb einer Stunde einen vollständigen Bericht auf meinem Schreibtisch.“ Er sah auf die Uhr. „Ich treffe mich um zwölf mit unserem Kunden. Ich möchte eine detaillierte Darstellung über alle Phasen der Produktentwicklung.“

„Ich kümmere mich gleich darum“, erwiderte der Doktor, während er nach der Spritze griff, um den Gefangenen zu sedieren.

„Nein. Bitte.“ Der Häftling kämpfte gegen die Fesseln an. „Tun Sie mir nicht mehr weh.“

Der Arzt und der Mann im Anzug schauten einander an. Der Doktor wich dem Blick des Patienten aus, als er ihm das starke Beruhigungsmittel verabreichte. „Nur etwas gegen die Schmerzen“, erklärte er, während er die Nadel in die Armvene des Insassen schob.

„Ich kann nicht … Mord …“ Die Stimme des Gefangenen erstarb. Das Mittel begann zu wirken.

Kühl starrte der Mann auf den bewusstlosen Patienten herunter. „Sie haben sichergestellt, dass niemand ihn vermissen wird?“

Der Arzt nickte. „Wie die anderen. Keine Familie. Keine Freunde. Er ist ein lebenslänglich verurteilter Straftäter und hat seit zwei Jahren keinen Besucher empfangen.“

„Das Bitterroot Super Max ist eine gute Beschaffungsquelle für Patienten. Sorgen Sie dafür, dass das so bleibt.“

„Ja, Sir.“

„Ich habe noch einen weiteren Gefangenen, der Ihnen zugestellt wird. Er sollte innerhalb der nächsten Stunde eintreffen.“

„Noch ein Patient? Heute Abend? Aber das war nicht …“

„Ich möchte, dass er behandelt wird. Die ganze Dosis bekommt. Sorgen Sie für einen tödlichen Ausgang!“, befahl der Mann eisig. „Es wird niemanden kümmern, wenn er unerwartet stirbt.“

Der Arzt hatte das Gefühl, als ob sich eine Schlinge immer enger um seinen Hals legte. „Ja, Sir.“

„Wenn Sie hier fertig sind, nehmen Sie die Unterlagen, die Sie für den Bericht brauchen, und vernichten Sie alles andere. Ich möchte, dass nichts übrig bleibt.“

Der Doktor, der nur zu gut verstand, was der Mann meinte, nickte. „Ich werde das Krematorium gleich benachrichtigen.“

„Ich bin sicher, dass ich Sie nicht an die heikle Natur dieses Projekts erinnern muss.“

„Nein, ich benötige keine Erinnerung.“ Schließlich konnte ein Mann kaum das vergessen, was ihn Tag und Nacht verfolgte.

Nachdem der Mann hinausgegangen war, rollte der Arzt die Trage mit dem Häftling in den Testraum und versuchte nicht darüber nachzudenken, was er getan hatte. Und er wollte erst recht nicht darüber nachdenken, was er als Nächstes tun musste.

1. KAPITEL

Das Klappern von Stahl an Stahl riss Zack Devlin aus dem Schlaf. Augenblicklich sprang er auf die Füße und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die zwei Vollzugsbeamten, die vor seiner Zelle standen.

„Zurücktreten, Gefangener.“

Zurücktreten war der Ausdruck, den die Wärter benutzten, wenn sie eine Gefängniszelle betreten wollten. Es handelte sich um eine Sicherheitsanweisung, die den Häftling aufforderte, die Hände hinter den Kopf zu legen und die Finger zu verschränken. Was wollten die beiden Beamten zu dieser frühen Morgenstunde in seiner Zelle?

Zack nahm die geforderte Position ein, sein Herz raste. „Ist es nicht ein bisschen früh für Tee und Gebäck?“, scherzte er.

Der eine Officer hieß Mitchell. Er war zwar streng zu den Gefangenen, aber niemals unfair. Der andere Wärter war in etwa so beliebt wie eine schlimme Grippe. Mills erniedrigte die Männer gern, genoss es, ihnen die Würde zu nehmen. Wenn er die Gelegenheit dazu hatte, misshandelte er sie vermutlich auch.

Mills’ Schlüssel klirrten, als er die Zellentür aufschloss. „Zurücktreten“, wiederholte er.

Zack befolgte die Anweisung, doch seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Beide Männer betraten den Raum. „Wenn ich gewusst hätte, dass ihr kommt, hätte ich aufgeräumt.“

„Halt deinen vorlauten Mund und zeig mir deine Handgelenke“, sagte Mills scharf.

Das Bitterroot Super Max-Gefängnis war ein Ort, in dem die Routine regierte. Tag für Tag vollzogen sich hier die immer gleichen Rituale und Abläufe. Dass zwei Wärter morgens um vier in seine Zelle kamen und ihm Plastikhandfesseln verpassten, gehörte definitiv nicht zu dieser Routine.

„Was soll das alles?“, fragte Zack und versuchte beiläufig zu klingen.

„Dreh dich um“, befahl Mills. „Sofort.“

Zack wusste, dass er keine Wahl hatte. Also drehte er sich um und bot Mills seine Handgelenke dar, damit dieser die Fesseln anlegen konnte. Kurz kam ihm der Gedanke, dass seine Tarnung aufgeflogen sein könnte. Aber er war sich sicher, dass das unmöglich war. Die Agency hatte seine falsche Identität peinlich genau aufgebaut. Es war völlig unmöglich, dass jemand etwas ahnte.

„Spreiz die Beine.“

Zack trug kein Hemd. Nur eine verknitterte Baumwollhose mit Kordel, wie sie alle Insassen für die Nacht bekamen. „Nicht viel Platz, um eine Waffe zu verstecken“, sagte er.

„Folge nur den Anweisungen. Tu es einfach.“

Ohne den Blick von Mills abzuwenden, kam Zack dem Befehl nach. Er knirschte mit den Zähnen, während Mills mit den Händen rasch und ruppig über seinen Körper fuhr.

„Er ist sauber.“ Mills griff die Handfesseln und zog sie fester. „Du kommst auf die Krankenstation.“

Zacks Herzschlag beschleunigte sich zu einem wilden Stakkato. Er wusste nur zu gut, was auf der Krankenstation des Gefängnisses geschah. Was zum Teufel war los? „Ich bin nicht krank.“

„Der Doktor sagt, du brauchst einen Bluttest.“

„Ich brauche keinen Bluttest.“

Mitchell tippte auf das Klemmbrett, das er in der Hand hielt. „Ich habe den Auftrag hier schriftlich, Partner. Lass uns gehen.“

„Wofür soll der Bluttest gut sein?“, hakte Zack nach, der in Gedanken sämtliche Szenarien durchging, die ihn auf der Krankenstation erwarten mochten. Keines davon erschien ihm angenehm.

„Du kannst den Doc fragen, wenn du dort bist. Und jetzt beweg dich.“

Der Impuls zu kämpfen war stark, doch jeder Versuch, sich zu wehren oder zu flüchten, wäre vergebens. Seit seiner Ankunft im Gefängnis vor vier Monaten hatte Zack gelernt, seine Kämpfe auszuwählen. Die Erfahrung sagte ihm, dass er diesen nicht gewinnen würde. Unwillkürlich drängt sich ihm die Erinnerung an all die anderen Insassen auf, die man auf die Krankenstation gebracht hatte und die mit heftigen Blutungen oder Brandwunden zurückgekehrt waren – oder aber gar nicht mehr.

Er sah auf die Uhr an der Wand. In einer Stunde sollte er seinen Kontakt von MIDNIGHT treffen. Zack war nicht sehr zuversichtlich, dass er das schaffen würde. Wenn es um die Krankenstation des Gefängnisses ging, konnte eine einzige Stunde den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.

Während die beiden Beamten ihn den Gang entlangführten, dachte er daran, dass er vermutlich nur zwei Minuten hatte, um sich einen Plan auszudenken. Andererseits war er immer schnell im Denken gewesen.

Er hoffte nur, dass ihm rasch genug etwas einfiel, um sein Leben zu retten.

Um vier Uhr in der Frühe waren die Gefängniskorridore so spärlich erleuchtet wie eine Unterwasserhöhle. Emily Monroes Schritte hallten von den Wänden und Stahltüren wider, als sie zur Krankenstation eilte. Ihre Schicht begann nicht vor fünf, aber sie war früher gekommen, um ein paar Nachforschungen anzustellen. Sie hatte viele Fragen, die beantwortet werden wollten. Was zum Beispiel mit den beiden Häftlingen geschehen war, die auf die Station gekommen und nie wieder in ihre Zellen zurückgekehrt waren. Da Dr. Lionel offenbar keine Erklärung abgeben wollte, musste sie auf eigene Faust nach Antworten suchen.

Am Ende des Korridors zog sie ihren Sicherheitsausweis durch das Gerät und gab danach den vierstelligen Code auf dem in der Wand eingelassenen Tastaturfeld ein. Das Stahlschloss klickte, und sie schob die Tür auf.

Auf der Krankenstation war es so dunkel und still wie auf einem Friedhof. Was ihr merkwürdig erschien angesichts der Tatsache, dass die Station rund um die Uhr besetzt war, sieben Tage die Woche. Bei der vollkommenen Stille richteten sich ihre feinen Nackenhaare auf.

Irritiert schlich sie auf Zehenspitzen zu der zweiten Tür, durch die sie zu dem Aufnahmebereich, den Untersuchungsräumen und den Gefängniszellen gelangen würde. Wieder zog sie ihren Ausweis durch das Lesegerät, wartete, bis das rote Licht grün leuchtete, und öffnete die Tür. Wie bereits zuvor fand sie auch diesen Bereich der Station still und verlassen vor. Zumindest hatte sie erwartet, dass eine von Dr. Lionels Assistentinnen Nachtdienst hatte und in ihrem Büro saß und am Computer arbeitete. Wo waren alle abgeblieben?

Emily, die immer misstrauischer wurde, legte die Hand auf die Dose Pfefferspray an ihrem Gürtel und marschierte weiter den Flur entlang. Das leise Klackern ihrer Stiefel bei jedem Schritt entsprach ihrem Herzschlag, der viel zu rasch ging.

Sie betrat Untersuchungsraum eins und machte das Licht an. Sie sah eine Untersuchungsliege, Edelstahltische und eine höhenverstellbare Deckenlampe. Aber keine Menschenseele.

Emily war nicht leicht zu erschrecken, doch in den drei Jahren, die sie schon als Vollzugsbeamtin in Idahos Bitterroot Super Max-Gefängnis arbeitete, hatte sie gelernt, ihren Instinkten zu vertrauen. Und genau jetzt sagten ihr diese Instinkte, dass irgendetwas absolut nicht in Ordnung war.

Sowie sie die Tür zu Untersuchungsraum zwei geöffnet hatte und das Licht einschaltete, sah sie die Umrisse eines Mannes unter einem blutbefleckten Lacken auf der Untersuchungsliege. Sie schritt zu der Liege und zog das Laken fort. Eine dunkle Vorahnung ergriff sie, als sie in das wächserne Gesicht des Gefangenen schaute. Seine blauen Lippen. Etwas Blut war ihm aus der Nase gesickert und nun schwarz getrocknet. Seine Augen standen halb offen. Er war tot.

Ganz flau vor Angst berührte sie sein Gesicht. Sein Körper war noch warm. Was ging hier vor? Wo waren Dr. Lionel und seine Assistentin? Was war mit dem Häftling geschehen?

Sie dachte wieder an die anderen Insassen, die auf die Krankenstation gebracht worden und verschwunden waren. Seit Wochen stellte sie Fragen und forschte nach, aber niemand von den Verantwortlichen hatte ihr eine direkte Antwort gegeben. Heute Morgen hatte sie die Dinge selbst in die Hand nehmen wollen und war hier hergekommen, um sich umzusehen. Sie hatte nicht erwartet, eine Leiche zu finden …

Emily bemühte sich, nicht die Nerven zu verlieren, und griff nach ihrem Funkgerät. „Hier ist null-zwei-vier-neun. Ich habe einen Code …“

Eine Bewegung hinter ihr ließ sie verstummen. Sie wirbelte herum. Der glänzende Stahl einer Waffe blitzte auf. Sie erblickte schwarzes Haar. Dunkle Augen. Ein unrasiertes Kinn. Sie spürte, wie ein Adrenalinstoß durch ihren Körper schoss. Sie umklammerte das Walkie-Talkie fester und riss es an den Mund. „Code …“

Eine Hand schnellte hervor und schlug ihr das Funkgerät aus der Hand. Aus dem Augenwinkel sah sie es durch die Luft segeln. Sie hetzte zur Tür, doch augenblicklich war der Mann über ihr. Seine Hände hatten ihre Oberarme gepackt, noch bevor das Walkie-Talkie auf dem Boden landete.

„Sei mucksmäuschenstill, wenn du überleben willst“, befahl er, wobei seine Augen bedrohlich funkelten.

Emily befreite sich aus seinem Griff und sprang zurück. „Zurücktreten, Gefangener! Jetzt!“ Sie versuchte autoritär zu klingen, hörte aber das ängstliche Beben in ihrer Stimme.

„Bleib ganz ruhig und greif mich nicht an.“ Er ging langsam auf sie zu. „Ich möchte dir nichts tun.“

Sie wusste nicht, ob es an der Pistole in seiner Hand oder an dem Ausdruck in seinen Augen lag, doch für einen kurzen schrecklichen Moment war sie starr vor Angst. Ein bewaffneter, verzweifelter Häftling, der nichts zu verlieren hatte – das war der schlimmste Albtraum eines jeden Wärters.

Sie machte einen Schritt zurück und hob die Arme, um ihn abzuwehren, obwohl sie wusste, dass es nichts nützen würde. „Bleiben Sie weg von mir.“

Er kam weiter auf sie zu. „Tu einfach, was ich sage, und dir wird nichts geschehen.“

Sie hörte die Worte kaum, so laut schlug ihr Herz. Sie sah auf die Waffe in seiner Hand und schätzte die Distanz zwischen ihnen ab, die Entfernung zur Tür. Sie fragte sich, ob sie es schaffen würde, das Funkgerät auf dem Fußboden zu erreichen, oder ob er ihr vorher in den Rücken schießen würde.

Einen Augenblick später besann sie sich darauf, was sie in ihrer Ausbildung gelernt hatte, und die Routine übernahm das Kommando. Mit einem Satz nach vorn trat sie ihm die Waffe aus der Hand. Die Pistole fiel zu Boden. Bevor er sie aufheben konnte, versuchte sie einen Handflächenschlag in sein Gesicht, den er jedoch abwehrte. Mit einer raschen Drehung ließ sie das linke Bein vorschnellen und landete einen Treffer in seinem Magen. Stöhnend stolperte er nach hinten. Rasch griff sie nach dem Pfefferspray an ihrem Gürtel. Sie riss die Dose hoch, während sie sich gleichzeitig nach dem Funkgerät bückte. Sie musste an das Walkie-Talkie kommen!

Er bewegte sich mit der Geschwindigkeit einer großen, hungrigen Raubkatze, die ihre Beute erlegte. In einer einzigen geschmeidigen Bewegung streckte er sich nach der Waffe und warf sich auf Emily. Mit der freien Hand schlug er ihr das Pfefferspray aus der Hand. Im nächsten Moment hielt er sie an den Schultern gepackt, wobei sich seine Finger in ihr Fleisch bohrten, und schob sie zurück in den Untersuchungsraum.

„Für eine Wärterin nimmst du Anweisungen nicht besonders ernst“, stieß er aus.

„Nehmen Sie Ihre Hände weg!“

„Beruhige dich und hör zu.“

Ein Schrei löste sich aus ihrer Kehle, als ihr Rücken die Wand berührte. Sie war festgenagelt. Sie versuchte, ihr Knie einzusetzen, wollte ihn so zu Fall bringen. Doch er verlagerte sein Gewicht geschickt zur Seite und wich aus. Sie wand sich, aber sein Körper war so hart und unnachgiebig wie eine Ziegelmauer. „Versuch das nicht noch mal, wenn du nicht so enden willst wie der Mann auf der Liege“, warnte er sie.

Seine Stimme war leise und gefährlich. Sie hörte den Hauch eines Akzents. Vielleicht Irisch. Allerdings hatte sie viel zu viel Angst, um länger darüber nachzudenken. Sein Gesicht war nur Zentimeter von ihrem entfernt. Er stand so nah, dass sie seinen warmen Atem an ihrer Wange spürte. Sie starrte in seine Augen, die die Farbe von dunkel gerösteten Kaffeebohnen hatten. Tödliche Entschlossenheit und Verzweiflung spiegelten sich darin wider. Sie begriff, dass er nicht der Typ für leere Drohungen war.

„Sie können nicht ernsthaft glauben, dass Sie mit dieser Sache durchkommen“, presste sie keuchend hervor.

„Doch, das ist genau das, was ich denke.“ Jeder Nerv in ihrem Körper war angespannt, als er sein Gewicht verlagerte und mit der Waffe auf sie zielte. „Nimm die Hände hoch.“

Emily hob die Hände bis auf Schulterhöhe. „Ich bin nicht bewaffnet.“

„Es ist nichts Persönliches, aber das überprüfe ich lieber selbst.“ Ohne den Blick von ihren Augen abzuwenden, fuhr er mit den Händen rasch und routiniert über ihren Körper. Sowie er die zweite Dose Pfefferspray an ihrem Knöchel ertastete, hielt er inne. Verdammt.

„Ich schätze, das hast du vergessen.“

„Ich bin gerne vorbereitet für den Fall, dass ich von irgendeinem miesen Häftling angegriffen werde.“

Als er die Dose in den Papierkorb warf, entdeckte sie eine blutende Verletzung auf der Innenseite seines Arms. Nicht von einer Abschürfung, wie er sie bei einem Handgemenge erlitten hätte, sondern von einem sauberen Schnitt. Die Art von Schnitt, die ein Arzt bei einem chirurgischen Eingriff vornehmen würde. Sie fragte sich, ob er Dr. Lionel bei irgendeiner kleineren Operation überwältigt hatte.

„Wo ist Dr. Lionel?“, fragte sie.

„Wir haben keine Zeit für Fragen.“ Er deutete mit der Pistole in Richtung Tür. „Du kommst mit mir. Los.“

„Wohin bringen Sie mich?“

Er trug nur eine Gefängnishose mit Kordel. Kein Hemd. Keine Schuhe. Seine Statur war die eines Langstreckenläufers, mit langen Gliedmaßen und einem Bauch, der wie aus Stein gemeißelt schien. Seine Brust war muskulös und mit gekräuseltem schwarzen Haar bedeckt. Auf anziehende Art und Weise vereinte sein Körper Kraft und Anmut.

Sie wandte den Blick ab und sah verstohlen zu dem Funksprechgerät, das ein, zwei Meter entfernt auf dem Boden lag. Wenn sie es erreichte, brauchte sie nur den Alarmknopf zu drücken, um die Zentrale zu benachrichtigen, dass sie in Schwierigkeiten steckte …

„Denk nicht einmal daran, nach dem Funkgerät zu greifen“, warnte er sie. „Ich möchte dir nicht wehtun, aber wenn du mich provozierst, werde ich es tun.“

Sie schaute ihn ruhig an. „Sie wollen das hier doch gar nicht tun.“

„Ich will vor allem nicht eines von Dr. Jekylls Versuchskaninchen werden.“

Dr. Jekylls Versuchskaninchen? Emily wusste nicht, was er damit meinte. Der Kerl hatte offenbar Wahnvorstellungen. Sie konnte sich was Besseres vorstellen, als ein Gespräch mit ihm anzufangen, doch wenn sie mit ihm redete, vergrößerte das ihre Chancen, diese Sache unverletzt zu überstehen. „Die Flucht wird Ihnen nicht gelingen. Selbst wenn Sie es aus dem Gebäude heraus schaffen, werden die Wachen auf den Türmen Sie ins Visier nehmen.“

„Ich gehe das Risiko mit den Wachen ein. Sie sind weitaus weniger tödlich als das hier.“ Er deutete mit der Waffe Richtung Tür. „Los.“

Sie ging vor ihm her zur Innentür. Ihre Hände zitterten so stark, dass es ihr kaum gelang, den Sicherheitsausweis durchzuziehen. Sobald das grüne Licht aufleuchtete, zog sie die stählerne Tür auf und führte ihn in den dunklen Flur. Während sie den Hauptkorridor entlangmarschierten, spürte sie bei jedem Schritt seine Waffe im Rücken und die fast schon greifbare Aura von Gefahr, die den Mann umgab.

„Ich brauche eine Uniform und einen Mantel“, sagte er.

Sie wollte protestierten, doch er hob die Pistole und zielte auf ihr Gesicht. „Besorg mir diese Dinge“, verlangte er. „Jetzt.“

In seinem Blick konnte sie Gewalttätigkeit und Unberechenbarkeit erkennen. Sie verstand, dass er sie töten würde, wenn sie nicht genau das tat, was er wollte. „Der Umkleideraum“, sagte sie.

„Bring mich hin – und zwar schnell.“

Sie rannten durch den Gang, Emily voran. Sie hoffte verzweifelt, dass ein Kollege auftauchte, allerdings war die Schicht noch nicht zu Ende und der Korridor völlig verlassen.

Als sie den Umkleideraum erreichten, atmete sie schwer und schwitzte – teils aus Erschöpfung, teils aus Angst. Die Umkleide war ein schmaler, gefliester Raum, in dem es nach schmutzigen Socken roch. An der einen Wand reihten sich die doppeltürigen, schiefergrauen Spinde, an der anderen befanden sich Regalbretter aus Edelstahl, passende Haken für Handtücher, Mäntel und Ausrüstung. Hinter einer breiten Tür lagen die Duschen.

„Such mir eine Uniform heraus.“

Emily ging zu einem der Schränke. Der Gefangene stand hinter ihr, während sie die Anziehsachen herausholte und ihm reichte. „Nehmen Sie sie und verschwinden Sie.“

Er nahm das sauber gefaltete Hemd und die Hose. Dann trat er zurück und legte die Pistole auf die Bank. Ohne Emily aus den Augen zu lassen, hakte er die Daumen in seinen Hosenbund. „Denk nicht einmal ans Fortlaufen“, sagte er. „Ich schieße nackt ebenso gut wie angezogen.“

Lächerlicherweise peinlich berührt, schaute sie zu Boden, als er die Hose auszog. Kleidung raschelte. Einen verrückten Augenblick lang dachte sie daran, zu fliehen. Doch obwohl Emily schnell war, wäre sie nicht schnell genug, um ohne eine Kugel im Rücken bis zur Tür zu kommen.

Aus dem Augenwinkel warf sie ihm einen verstohlenen Blick zu. Er hatte die Waffe wieder an sich genommen und schloss mit der linken Hand die Hemdsknöpfe, während er die Pistole in der rechten hielt. Das Hemd war ein bisschen zu groß, aber annehmbar. In der Dunkelheit des frühen Morgens würde er als Wärter durchgehen.

„Zieh deinen Mantel an“, befahl er.

Sie zuckte beim Klang seiner Stimme zusammen. Er war jetzt angezogen, samt Kappe und Stiefeln. Und er hatte eine Waffe. Eine Waffe, die er zu benutzen geschworen hatte, wenn sie nicht das tat, was er wollte.

„Ich werde nirgendwo hingehen“, erwiderte sie.

„Zieh ihn an“, wiederholte er mit scharfer Stimme.

Emily wollte nicht mit ihm gehen. Sie wollte ihm auf keinen Fall dabei helfen, zu entkommen. Das widersprach allem, woran sie glaubte, allem, wofür man sie ausgebildet hatte. Was noch schlimmer war: Es weckte Erinnerungen an das, was ihr Vater getan hatte. Und sie hatte sich geschworen, dass sie sich niemals auf diese Art und Weise in Misskredit bringen würde, wie es Adam Monroe gemacht hatte.

Sie sah zu, wie der Mann die Mäntel durchsuchte, die an den Haken hingen. Ihr Blick wanderte von ihm zu dem Alarmknopf an der Wand neben der Tür. Im ganzen Gefängnis waren solche Vorrichtungen verteilt, damit die Vollzugsbeamten im Notfall Hilfe holen konnten – ein Notfall wie dieser, in dem sie sich jetzt befand. Könnte sie den Knopf nur erreichen …

Emily starrte den Häftling an, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Sie stand genau in der Mitte zwischen ihm und dem Alarmknopf. Wenn sie sich rasch bewegte, könnte sie den Alarm auslösen, ehe ihr Geiselnehmer sie zurückhalten könnte. Innerhalb weniger Minuten wären Dutzende Wärter hier unten, und der Mann hätte keinerlei Chance mehr zu entkommen.

Ihm einen Strich durch die Rechnung zu machen war riskant. Es bestand die gar nicht so unwahrscheinliche Möglichkeit, dass er sie tötete. Schließlich steckte die Regierung keine netten Jungs ins Bitterroot Super Max. Dieses Gefängnis war den gewalttätigsten und gefährlichsten Häftlingen vorbehalten.

Konzentriert richtete sie ihren Blick auf den hervorstehenden roten Knopf. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, während sie sich näher schlich, Zentimeter für Zentimeter. Als sie nur noch einen Meter entfernt war, stürmte sie los.

Eine Millisekunde bevor ihre Hand den Knopf berührte, schlangen sich zwei Arme wie ein Schraubstock um ihre Taille. „Code drei!“, schrie sie und rammte ihm ihren Ellenbogen in den Bauch.

Seine Hand über ihrem Mund dämpfte den Schrei. Dann zog er sie vom Alarmknopf fort und wirbelte sie herum. Emily nahm ihre ganze Kraft zusammen und versuchte jede Art von Selbstverteidigung, die sie in den letzten drei Jahren gelernt hatte. Doch er war unglaublich stark und hielt sie mit einer Leichtigkeit in Schach, die sie verblüffte.

Kurz darauf fand sie sich mit dem Rücken an einen Spind gepresst wieder. In einer Mischung aus Zischen und Keuchen entwich der Atem ihren Lungen. „Nehmen Sie ihre Hände von mir!“

„Wenn du am Leben bleiben willst, sei still und hör mir zu!“

Während er sie gegen den Spind drückte, schaute er über die Schulter zur Tür, als ob er erwartete, dass jeden Moment jemand hereinkommen würde. Dann wandte er sich wieder ihr zu, seine dunklen Augen funkelten vor Ärger. „Was versuchst du hier? Willst du, dass jemand stirbt?“

„Ich versuche, einen gefährlichen Häftling an der Flucht zu hindern“, entgegnete sie.

„Ich bin nicht, was du glaubst“, stieß er gereizt aus.

Wenn sie nicht so verängstigt gewesen wäre, hätte Emily vielleicht gelacht. „Als Nächstes erzählen Sie mir, dass Sie unschuldig sind.“

„Liebes, ich bin weit davon entfernt, unschuldig zu sein, aber ich gehöre ebenso wenig in dieses Höllenloch wie du.“

Seine Stimme war wie das dumpfe Rollen des Donners, das einen gewaltigen Sturm ankündigte. Emily war sich seines Körpers bewusst, der sich fest gegen ihren presste. Sie spürte die Anspannung in seinen Muskeln, das Beben der adrenalingepeitschten Nerven.

Vor der Tür erklangen Schritte auf dem Zementboden. Der Gefangene versteifte sich. „Kein Wort“, flüsterte er. „Oder ich bringe um, wer auch immer durch diese Tür kommt. Ich schwöre es.“

Sie fühlte die Mündung der Waffe an ihrem Bauch. „Nicht“, sagte sie. „Ich tue alles, was Sie wollen.“

Durchdringend schaute er sie an, und sie sah in seinen Augen den Anflug einer Emotion, die sie nicht genau benennen konnte. So schnell, wie sie aufgetaucht war, war sie auch wieder verschwunden, und Emily fragte sich, wie diese Sache enden würde. Ob er sie umbringen würde. Ob er einen ihrer Kollegen töten würde. Ob sie diesen Tod für den Rest ihres Lebens auf dem Gewissen haben würde.

Er starrte sie einen nicht enden wollenden Moment mit einem verstörenden Ausdruck von Furcht und finsterer Entschlossenheit an. „Wenn du nicht willst, dass ich den Abzug drücke, schlage ich vor, dass du meiner Anweisung Folge leistet.“

Bevor sie antworten konnte, umfasste er mit den Händen ihr Gesicht und senkte seinen Mund auf ihren.

2. KAPITEL

Emily war so überrascht von dem plötzlichen intimen Kontakt, dass sie einen Moment lang stocksteif stehen blieb und versuchte, das Geschehen zu begreifen. Sie war sich der Berührung seines Mundes nur zu deutlich bewusst, des verbotenen Schauers der Lust, der ihren Körper von den Lippen bis zu den Zehen durchlief.

Irgendwo in ihrem Kopf meldete sich ein innerer Alarm. Eine leise Stimme der Vernunft befahl ihr, ihn von sich zu stoßen. Doch die Hitze des Kusses behinderte ihr rationales Denken. Jeder Impuls, sich von ihm freizumachen und diese ganze Sache zu vergessen, löste den noch stärkenden Drang aus, seinen Kuss zu erwidern und die Konsequenzen vorerst zu ignorieren.

Sein Mund fühlte sich fest und bestimmt an, er strich atemberaubend geschickt mit seinen Lippen über ihre. Sie spürte seinen warmen Atem auf dem Gesicht. Das leichte Kratzen seiner Bartstoppeln an ihrer Wange. Als sie den Mund öffnete, um zu protestieren, vertiefte er den Kuss.

Ihr Protest verwandelte sich in ein Seufzen. Sie spürte, wie ihr Körper sich aufzulösen und dahinzuschmelzen schien. Dies war das Schlimmste, was sie je gemacht hatte. Doch die Empfindungen, die sie durchfluteten, überwältigten sie einfach. Ihn zu küssen war vielleicht ein Fehler, aber er war es wert …

„Monroe?“

Mit einer Kraft, die sie selbst überraschte, stieß sie den Gefangenen von sich. Sie war entsetzt über das, was sie getan hatte, schockiert von dem, was sie gefühlt hatte, und beschämt darüber, wie dies auf einen Kollegen wirken mochte.

Dieser Kollege stand im Eingang des Umkleideraums und ließ seinen Blick von dem Häftling wieder zurück zu ihr wandern. „Gibt es hier ein Problem?“

„Nein“, erwiderte der Gefangene.

Der junge Officer wandte sich an Emily. „Wo ist dein Funkgerät?“

Hitze stieg ihr in die Wangen. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Wusste nicht, was sie fühlte. Kaum in der Lage, dem Vollzugsbeamten in die Augen zu schauen, trat sie einen Schritt zurück von dem Häftling. „Ich … ich muss es in meinen Umkleideschrank gelegt haben.“

Ihr Kollege schaute den anderen Mann misstrauisch an. „Wer zum Teufel sind Sie?“

Der Gefangene grinste dümmlich und streckte die Hand aus. „Zack Devlin“, stellte er sich vor.

Widerstrebend ergriff der Officer die Hand. „Sie sind neu oder wie?“

„Heute ist mein erster Tag. Eine beeindruckende Einrichtung, die Sie hier haben.“ Devlin pfiff anerkennend.

„Ja, durchaus, aber wenn Sie Ihren Job behalten wollen, schlage ich vor, dass Sie Ihren Mund bei sich behalten.“ Der Mann zog seine Hand zurück und sah Emily an. „Der Sergeant hat versucht, dich über Funk zu erreichen. Wir haben ein Problem in Zellenblock 2-W. Code Gelb im Moment, doch ich schätze, sie werden ihn auf Rot heraufsetzen, wenn auch bei der zweiten Insassenzählung einer fehlt. Der Sergeant hat alle diensthabenden Wärter gebeten, so lange zu bleiben, bis der vermisste Häftling gefunden ist.“

„Oh … ähm … sicher. Ich muss nur … ich hole mein Funkgerät und treffe dich dann im Besprechungsraum.“

„Und bring den Neuen mit.“ Mit einem letzten glühenden Blick auf Zack, wandte sich der junge Mann um und verließ den Raum.

Kaum war er verschwunden, merkte Emily, wie ihre Knie nachgaben, und sie ließ sich auf die Bank fallen. Sie konnte nicht glauben, was sie getan hatte. Konnte nicht glauben, dass einer ihrer Kollegen gesehen hatte, was sie tat. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, sich von einem Gefangenen küssen zu lassen?

Stöhnend vergrub sie ihr Gesicht in den Händen. „Ich bin erledigt als Vollzugsbeamtin.“

„Wenn ich nicht gemacht hätte, was ich gemacht habe, hättest du Gott weiß wie viele wütende Wärter herbeigerufen, und ich läge jetzt am Boden und würde bis zur Besinnungslosigkeit verprügelt werden.“

Als sie den Kopf wieder hob, konnte sie an nichts anderes denken als daran, dass sie achtundzwanzig Jahre alt war und niemals in ihrem Leben so geküsst worden war. Plötzlich empfand sie genauso viel Verachtung für sich selbst wie für den Häftling.

Der blickte zur Tür. „Hör mal, ab jetzt wird es unangenehm. Ich werde abhauen, solange ich noch die Gelegenheit dazu habe. Danke für die Hilfe.“

„Danke mir nicht für etwas, das ich nicht getan habe“, sagte sie und schaute ihn zornig an. „Sobald du durch diese Tür gehst, werde ich den Alarmknopf drücken.“

„Zieh einfach mal in Erwägung, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie scheinen“, erwiderte er. „Vergiss das nicht, was auch immer du später über mich hören solltest.“

Nein, dachte Emily, sie würde diesen Morgen wohl niemals vergessen können, egal wie sehr sie es sich vielleicht wünschte.

„Pass auf, wer hinter dir steht.“ Er salutierte spöttisch vor ihr und schlüpfte mit der lautlosen Anmut eines Panthers durch die Tür in den spärlich erleuchteten Gang, wo er in der Dunkelheit verschwand.

Mehrere Sekunden saß Emily bewegungslos auf der Bank und horchte auf das Hämmern ihres Herzens. Sie konnte nicht fassen, was soeben geschehen war. Konnte nicht fassen, dass die immer so besonnene Emily Monroe auf den ältesten Trick der Welt hereingefallen war. Sie hatte sich selbst entehrt, ihren Job gefährdet und alles aufs Spiel gesetzt, woran sie glaubte.

Genau wie ihr Vater.

Mit zitternden Beinen stand sie auf und steuerte den Alarmknopf an. Sie hatte ihn halb erreicht, als eine Bewegung an der Tür ihre Aufmerksamkeit erregte. Für einen Moment nahm sie an, dass Devlin – oder wie auch immer er heißen mochte – zurückgekehrt wäre. Überrascht sah sie, dass es ausgerechnet Marcus Underwood war, der Leiter von Lockdown, Inc., jener Firma, die das Bitterroot Super Max betrieb. Was um Himmels willen tat er so früh am Morgen im Gefängnis?

„Mr Underwood“, sagte sie. „Ich wollte gerade …“

„Officer Monroe.“ Er trat auf sie zu, gefolgt von einem anderen Mann. „Wir haben über die Sicherheitskameras in der Kommandozentrale zufällig einen Teil dessen, was sich hier abgespielt hat, mitbekommen. Geht es Ihnen gut?“

„Alles in Ordnung“, erwiderte sie.

„Sie wissen, dass wir Code Gelb ausgerufen haben?“

„Ja, Sir. Ich wollte gerade den Alarm betätigen. Ein Insasse hat mich vor kaum zehn Minuten auf der Krankenstation überwältigt.“ Mit bebender Stimme beschrieb sie die Situation, als sie die Station betreten hatte. „Er gab sich als Zack Devlin aus.“

Die beiden Männer tauschten einen Blick, der ihr einen Schauder über den Rücken laufen ließ. „Devlin blickt auf eine lange kriminelle und gewalttätige Karriere zurück“, sagte Underwood.

„Ist er entkommen?“, fragte sie.

„Niemand entkommt Lockdown, Inc.“ Der zweite Mann trat hinter Underwood hervor. Die Schulterklappen seiner Uniform wiesen ihn als Lieutenant aus, allerdings war sie ihm noch nie begegnet. „Wir kriegen ihn.“

Underwood richtet das Wort wieder an Emily. „Hat er Ihnen irgendetwas gesagt? Hat er erwähnt, wo er hinwollte?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß nur, dass er eine Lockdown-Uniform trägt, dazu einen Mantel, und dass er eine halb automatische Pistole bei sich trägt.“

„Wie ist er an die Waffe gekommen?“, verlangte Underwood zu wissen, ohne dass er jemanden im Speziellen ansprach.

„Offenbar hatte er Hilfe“, entgegnete der Lieutenant. „Jemand muss sie hereingeschmuggelt haben.“

„Zack Devlin könnte eine Nonne überreden, für ihn zu lügen.“ Underwood schaute grimmig drein. „Rufen Sie Code Rot aus.“

„Ja, Sir.“ Der Lieutenant griff nach seinem Funkgerät und erteilte mit scharfer Stimme Befehle.

Als sie das Quietschen von Gummi auf Zement hörte, drehte Emily sich um und entdeckte einen Mann in einem weißen Laborkittel, der im Türrahmen stand.

„Ah, Dr. Lionel“, begrüßte Underwood ihn. „Bevor wir Officer Monroe für ihre Aussage in den Verhörraum bringen, hielten wir es für sinnvoll, wenn Sie einen Blick auf sie werfen, um sicherzugehen, dass es ihr gut geht.“ Er wandte sich wieder Emily zu. „Sie waren einer ziemliche Tortur mit einem sehr gefährlichen Kriminellen ausgesetzt. Die Richtlinien von Lockdown, Inc. schreiben vor, dass jemand von unserem medizinischen Personal Sie gründlich untersucht.“

„Es geht mir gut.“ Sie wollte nur den Papierkram erledigen, damit sie nach Hause fahren und vergessen konnte, dass dies alles überhaupt geschehen war.

Die drei Männer starrten sie eindringlich an. Als Emily die Injektionsspritze in Dr. Lionels Hand bemerkte, begann sie zu zittern. „Wofür soll die sein?“, fragte sie.

Aufmunternd lächelte Underwood ihr zu. „Ich sehe doch, dass Sie verstört sind. Sie zittern noch immer. Dr. Lionel wird Ihnen nur etwas geben, damit Sie sich entspannen können.“

„Ich muss mich nicht entspannen.“ Emily hatte zwar keine Ahnung, was hier vor sich ging, aber irgendwas an dieser Szenerie war eindeutig falsch.

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