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Stadt voller Jungs

- Über dieses Buch -

Beth Nugents jugendliche Heldinnen rebellieren gegen die desolate und abstossende Welt der Erwachsenen. Verzweiflung, Schrecken und Neugier treiben sie hinaus in ein Leben, in dem sie die überkommenen Verhältnisse hinter sich zu lassen hoffen.

»Die Stories in Beth Nugents ›Stadt voller Jungs‹ führen den Leser auf unvertrautes psychisches Gelände. Sie sind packend und unvergesslich. Sie werden bleiben.«

David Leavitt

Stadt voller Jungs

»Mein kleiner Schatz«, sagt sie und kommt mit ihrem Gesicht so nahe, dass ich das feine Netz aus Falten sehen kann, das ihr Gesicht in einen verwitterten Stein verwandelt. »Du liebst mich doch, oder, du kleiner Schatz, kleines Lämmchen?«

Ich bin nicht sicher, ob sie überhaupt noch zuhört, aber ich antworte immer mit ja. »Ja«, sage ich immer, »ja, ich liebe dich.«

Sie ist Mutter und Vater für mich, Schwester, Bruder, Cousine, Geliebte. Sie ist alles, habe ich immer gedacht, was ein Mensch nur braucht auf der Welt. Sie ist alles, nur kein Junge.

»Jungs«, sagt sie zu mir. »Jungs machen dich bloß kaputt.«

Ich weiß das. Ich beobachte sie an den Straßenecken, zusammengedrängt unter ihren blauen Rauchschwaden. Sie sind so nervös wie Insekten, immer führt irgendein Körperteil sinnlose, aufgeregte Bewegungen aus, ein Fuß trappelt, eine Kinnlade mahlt, ein Finger zieht Kreise auf dem Oberschenkel, die Augen wandern rastlos wie programmiert, hin und her, während sie vorbeigehende Frauen taxieren - sie wandern von den Brüsten zum Gesicht, zu den Beinen, zu den Brüsten. Sie stehen niemals still, und sie zucken und fahren zusammen, wenn ich vorbeigehe, aber trotzdem will ich sie. Ich will sie auf dem Rücksitz ihres Autos; ich will sie unter der Brücke, wo der Fluss die glitschigen Ufersteine überspült; ich will sie in den hinteren Reihen der Kinos und unter den Büschen und Bänken im Park.

»Jungs«, sagt sie. »An Jungs solltest du nicht mal denken. Jungs würden dich nur dazu bringen, etwas zu tun, wovon du keine Ahnung hast, etwas, das du nie tun wolltest, wenn du wüsstest, worum es sich handelt. Ich weiß«, sagt sie, »ich weiß eine Menge über Jungs.«

Sie ist alles für mich. Sie ist nicht meine Mutter, obwohl ich mir den Luxus geleistet habe, manchmal zu glauben, ich sei ihr Kind. Meine Mutter ist in Fairborn, Ohio, wo sie zusammen mit meinem Vater darauf wartet, dass ich nach Hause komme und einen Jungen heirate und dass ich mich zu der Frau entwickle, die ich ihrer Meinung nach noch werden kann. Fairborn ist eine Stadt voller Jungs und Parkuhren und der Air Force, aber vor allem ist es eine Stadt voll von meiner Mutter, und in meiner Vorstellung schwebt sie darüber wie eine Wolke aus radioaktivem Staub. Wenn ich zurückkehre, dann wird es zu ihr sein. Sie ist nicht der Grund dafür, dass ich weggegangen bin, sie ist nicht der Grund dafür, dass ich hier bin. Sie ist bloß etwas, das ich verlassen habe, wie all die anderen Dinge, die hinter uns her schleifen, wenn wir von Ort zu Ort gehen, von Geburt zu Geburt, von Entwicklung zu Entwicklung. Sie ist nur noch eine Brotkrume, nur noch eine Mutter in einer langen Reihe von Müttern, die dich loslassen, damit die Frau aus dir wird, die du werden musst. Aber du kommst immer auf sie zurück.

Auch die Stadt, in der ich jetzt lebe, ist voller Jungs, und als ich hierher gekommen bin, bin ich durch Hunderte von Städten gekommen, und die waren alle voller Jungs.

»Jungs«, sagt sie zu mir, »sind uninteressant, und wenn sie erwachsen werden, werden Männer aus ihnen, und dann werden sie noch uninteressanter.«

Auch das weiß ich. Ich sehe, wie Jungs ihre Tage verbringen, wie sie entweder herumstehen oder Basketball spielen oder damit beschäftigt sind, die ganze Zeit irgendeinen geisttötenden Sermon von sich zu geben, und ich kann meine eigenen Schlüsse daraus ziehen, worüber sie reden und zu welchen Höhen sie sich aufschwingen können, und ich sehe, was sie den ganzen Tag machen, aber trotzdem will ich sie.

Das eine Mal, als ich so getan habe, als ob sie ein Junge wäre, wusste sie Bescheid, weil ich die Augen zu machte. Ich mache nie die Augen zu, und als ich gekommen bin, haute sie mir ordentlich eine runter. »Ich bin kein Junge«, sagte sie, »vergiss das bloß nicht. Du weißt, wer ich bin, und vergiss bloß nicht, dass ich dich liebe und dass kein Junge dich jemals so lieben könnte wie ich.«

Wahrscheinlich hat sie recht. Welcher Junge könnte mit ihrer nachlassenden Konzentration lieben? Wahrscheinlich könnte kein Junge jemals das erreichen, was sie mit jedem Tag, der zwischen uns tritt, loslässt, was sie in der langen Geschichte ihrer Liebe verloren hat.

Was ich manchmal tue ist, mich unter ihrem abwesenden Blick davonzustehlen.

»Wo gehst du hin, was hast du vor?«, sagt sie dann, und ich schwelge in der Vorstellung, ich sei ein Kind und gebe zur Antwort: »Nirgendwohin. Nichts.«

In ihrer völlig ungelenkten, berauschenden Sinnlosigkeit haben unsere Gespräche eine größere Tragweite, als wir beide imstande sind zu verkraften, gemeinsam oder jede für sich, und die schleppe ich heute hinaus auf die Straße, eine große Last, die hinter mir her schleift, während ich nach Jungs Ausschau halte.

Heute, sage ich zu mir, ist genau der richtige Tag, um etwas zu verlieren, Liebe und Unschuld, Illusionen und Erwartungen. Es ist ein Tag, den ich durchstreifen werde, bis ich genau den richtigen Jungen finde.

Da, wo wir wohnen, an der Upper West Side, sind die Straßen voller Puerto Ricaner, die den Frauen hinterher schauen. Sorgfältig mustern sie jede Frau, die vorbeigeht; sorgfältig fassen sie sie ins Auge, als ob sie irgendwie für ihr weiteres Vorhandensein auf der Straße verantwortlich wären. Nicht eine Frau geht vorbei, ohne von der langen Leine ihrer Blicke erfasst zu werden.

Ohh, sssss, sagen sie. Mira, mira, und wenn eine Frau hinsieht, lächeln sie und zischen noch einmal durch ihre strahlendweißen Zähne. In ihren Augen spiegeln sich all die Frauen, die sie haben vorbei gehen und kochen und ihr schwarzes Haar kämmen sehen. All die Frauen, die sie mit ihren Händen berührt, und all die Frauen, die sie gekannt haben, leben in ihren Augen und schimmern aus dem Dunkel hervor. Ihre Augen sind nur dazu geschaffen, Frauen in den Straßen zu sehen.

Da, wo wir wohnen, Ecke 83. West und Amsterdam, gibt es Kakerlaken und Ratten; aber das spielt alles keine Rolle, solange wir zusammen sind, sagen wir tapfer, voll Sehnsucht. Das spielt alles keine Rolle, sage ich und zertrample eine Kakerlake, und sie, den Blick auf eine kurzbeinige Ratte gerichtet, die sich in dem langen Korridor in Richtung der kleinen Müllkammer gegenüber der Tür zu unserem Apartment davonmacht, stimmt zu, das spiele alles keine Rolle. Ich habe dem Hausmeister mal gesagt, dass sich das Ungeziefer in dem Gebäude vielleicht nicht so heimisch fühlen würde, wenn er den Müll draußen auf der Straße deponierte.

»Was ist Ungeziefer?«, wollte er wissen.

Ungeziefer, sagte ich ihm, sind Ratten und Kakerlaken und riesige schwarze Käfer, die um den Toilettensitz herumkrabbeln, wenn man nachts das Licht anschaltet. Ungeziefer sind die ganzen Geräusche in der Nacht, das ganze Knacken und Kratzen und Trippeln in der Dunkelheit. »Keine Ratten«, sagte er. »Vielleicht die eine oder andere Maus, und vielleicht bekommt man ab und zu mal Kakerlakeneier zu Gesicht, aber ich halte dieses Haus sauber.«

Gemeinsam beobachteten wir, wie ein großer, braun gepanzerter Kakerlak versuchte, an der Wand an uns vorbei zu krabbeln. Keiner von uns beiden rührte einen Finger, um ihn totzuschlagen, doch als er stehen blieb und seine Fühler ausstreckte, donnerte der Hausmeister seine große Faust mit voller Wucht gegen die Wand. Er sah den toten Kakerlaken nicht an, aber ich konnte kaum meinen Blick von ihm wenden, völlig platt gedrückt, als wäre er auf seiner Hand glattgewalzt worden.

»Vielleicht hier und da ein Kakerlak«, sagte er und schnipste den Kakerlaken auf den Fußboden, ohne ihn anzusehen, »aber ich halte dieses Haus sauber. Wenn ihr einen Mann im Haus hättet«, sagte er und versuchte, an mir vorbei einen Blick in unser Apartment zu werfen, »dann hättet ihr vielleicht nicht solche Probleme mit Ungeziefer.«

Ich tat so, als ob ich nicht verstünde, was er meint, und ging ins Zimmer zurück. Der Mieterschutz wird in New York nicht bis in alle Ewigkeit in Kraft sein, und wenn er ausläuft und die ganzen Puerto Ricaner in die Bronx gezogen sind, werden wir einen Job finden müssen oder auf der Straße sitzen, aber solange wir zusammen sind, solange wir füreinander da sind ...

»Wir werden immer füreinander da sein, oder?«, sagt sie, zündet sich eine Zigarette an und kontrolliert, wie viele noch in der Packung sind.

»Ja«, sage ich immer und frage mich, ob sie zuhört oder nur darin vertieft ist, Zigaretten zu zählen. Ich werde immer für dich da sein, sage ich. Es sei denn, denke ich, es sei denn, du verlässt mich, oder ich entwickle mich zu der Frau, die ich laut meiner Mutter immer noch werden kann.

Heute ist ein Tag voller Jungs. Sie sind überall, und ich sehe mir jeden von ihnen an, Jungs auf Motorrädern, Jungs in Autos, auf Fahrrädern, an Mauern gelehnt, zu Fuß unterwegs: Ich schau sie mir alle an, um zu sehen, welcher von ihnen in dieser Stadt voller Jungs mir gehört.

Ich bin nicht so jung, und sie ist nicht so alt, aber der Mieterschutz wird nicht bis in alle Ewigkeit in Kraft sein, und eines Tages werde ich eine Frau sein. Sie will, sage ich mir, nur mich. Manchmal denke ich, dass sie meine Mutter gewesen sein muss, so wie sie mich liebt, aber als ich sie gefragt habe, ob sie jemals meine Mutter gewesen sei, fasste sie meine kleinen Brüste an und sagte: Würde das deine Mutter tun? und ließ ihre Zunge über meine Haut gleiten und sagte: Oder das? Würde deine Mutter wissen, was du willst, mein Schatz? Ich bin nicht deine Mutter, sagte sie, ich hab dich in der Innenstadt von einer Matratze gestohlen, da, wo gleich um die Ecke die ganzen Alkis in Pisse und Wein rumliegen und um Hilfe rufen und niemand zuhört. Ich hab dir das erspart, sagte sie. Aber ich erinnere mich nur zu deutlich an die Reise hierher, in einem Auto voller Leute, die meisten von ihnen vollgepumpt mit Drogen, und ich erinnere mich daran, wie sie mich entdeckt hat, als ich direkt vor dem Pornokino Ecke 98. und Broadway stand, und sie machte sich direkt unter den Augen von etwa hundert neugierigen Puerto Ricanern mit mir aus dem Staub.

»Weiß deine Mutter, wo du bist?«, fragte sie mich.

Ich lachte und sagte, meine Mutter wisse alles, was sie wissen müsse, und sie sagte: »Komm mit mir nach Hause. Da ist jemand, den ich dir vorstellen möchte.« Als sie mit mir bei sich zu Hause angekommen ist, brachte sie mich sofort zu einem großen, schweren Mann, der auf dem Sofa lag und fernsah.

»Tito, das ist Prinzessin Gracia«, sagte sie, und Tito hob seinen großen Kopf vom Kissen hoch, um mich zu betrachten.

»Für mich sieht sie aber nicht nach einer Prinzessin aus«, war alles, was er sagte.

Ich habe nie viel von Tito gehalten, und sie hat nie zugelassen, dass er mich anrührt, obwohl unser Apartment nur aus einem Zimmer besteht und er krank war vor Verlangen nach mir. Nachts, wenn sie miteinander fertig waren, kroch sie zu mir in meine Ecke herüber und flüsterte mir ins Ohr: »Schatz, du bist mein ein und alles.«

Während Tito nachts schnarchte, taten wir es immer mindestens einmal mehr als die beiden, und dann seufzte sie auf und sagte: »Mein kleiner Schatz, du bist die, die ich die ganze Zeit über haben wollte; trotz der ganzen anderen Jungs und Mädchen, die mich geliebt haben, hab ich immer nur nach dir gesucht, wollte ich dich haben.«

Solche Äußerungen sind es, die mich umbringen; solche Äußerungen sind es, die mich für sie eingenommen haben, und dazu die Tatsache, dass sie mich von den rauen Straßen voller Jungs und Bullen und Taxis zu sich holte und dass sich, wo ich auch hinsah, die strengen Augen der Unschuld abwandten.

Während dieser ersten Zeit mit ihr hatte ich das Gefühl, als ob meine Mutter zusammengerollt in meinem eigenen Körper läge und mich gebärt. Jedes Mal wenn sie mich herausgelassen hat, bin ich wieder in sie hineingekrochen.

Das große Auto hält am Gehsteig, und ich bücke mich, um zu sehen, ob sich Jungs darin befinden. Es ist voller Jungs, also sage ich: »He, kann ich mitfahren?«

»He«, sagen sie. »He, die Lady will mitfahren. Wohin?«, fragen sie.

»Oh«, sage ich, »egal wohin.« Ich schaue, in welche Richtung sie fahren. »In den Norden der Stadt«, sage ich, und dann schwingt die Tür auf, damit ich einsteige. Der älteste Junge ist wahrscheinlich sechzehn und hat gerade seinen Führerschein gemacht, und er fährt das Auto seiner Mutter, einen großen Buick oder Chevrolet oder Monte Carlo - das Auto einer Mutter. Jeder von den Jungs ist anders, aber als Jungs gleichen sie sich wie ein Ei dem anderen, und ich suche mir sofort den aus, den ich haben will. Es ist der, der mich nicht anschaut, und er ist der älteste, nur ein paar Jahre jünger als ich und das Auto, in dem wir sitzen, gehört seiner Mutter.

»Wie wär’s mit ’ner Party?«, sagen die Jungs. »Wir wissen von einer guten Party im Norden der Stadt.«

»Mal sehen«, sage ich. »Lasst uns in den Norden der Stadt fahren, und dann sehen wir weiter.«

Manchmal wache ich auf und sehe, wie sie sich auf ihren dünnen Knien an die kahle Wand lehnt, deren raue Ziegelsteine unter dem Putz freigelegt sind. Ich träume, dass sie darum betet, dass ich bei ihr bleibe, aber ich fürchte, dass es etwas anderes ist, worum sie betet, ein Anfang oder ein Ende oder etwas, wovon ich nichts weiß. Einmal ist sie ins Bett gekommen und hat ihren Kopf auf meine Brust gelegt, und ich spürte den Abdruck des Ziegelsteins auf der zarten Haut an ihrer Stirn.

Sie selbst ist nicht besonders religiös, obwohl das Apartment mit den Überbleibseln von Heiligen übersät ist - heiligen Reliquien der einen oder anderen Art: eine Haarsträhne des Jesuskindes, ein Stückchen Fingernagel des heiligen Paulus, ein Fetzen vom Kleid der Jungfrau Maria. Die sind noch übrig von Tito, der heilige Reliquien gesammelt hat, wie andere Leute Glückspfennige oder Streichholzbriefe sammeln, als eine Art Vorbeugung gegen die unausgesprochene Ahnung irgendeines Unglücks. Doch hier, in diesem kleinen Apartment, in dem wir wohnen, sind sie nur im Weg, und ich habe ihr einmal vorgeschlagen, sie wegzuwerfen. Da hob sie ein Stück getrocknetes Kraut aus Gethsemane auf und sagte: »Ich glaube nicht, dass wir das Recht haben, sie wegzuwerfen. Tito hat sie ausfindig gemacht, und wenn wir sie wegschmeißen würden, wer weiß, was Tito dann zustieße? Ich meine, vielleicht funktionieren sie ja. Und außerdem«, sagte sie noch, »bin ich nicht der Meinung, dass es in geistiger Hinsicht zweckmäßig ist, in absolut allen Dingen eine Skeptikerin zu sein.«

Als Tito gegangen ist, seine Reliquien wegen irgendeiner neuen Hoffnung im Stich gelassen hat, war sie ein oder zwei Tage lang niedergeschlagen, doch schließlich sagte sie, es sei wirklich für alle das Beste, besonders für uns beide, für die einzigartige Realität, zu der unser beider Leben sich entwickelt habe. Tito hat gesagt, ihm werde übel davon, die ganze Zeit zuzusehen, wie zwei Lesben aufeinander rumturnen, obwohl ich glaube, dass er nur wütend war, weil sie nicht zugelassen hat, dass er mich anrührt. Ich war sehr dafür, ich wollte, dass er mich anfasst. Deshalb bin ich in diese Stadt gekommen: damit jemand wie Tito mich anfasst, jemand, für den Anfassen die ganze Realität des Daseins ist, jemand, der es nicht im Keller tut und denkt, er müsste dich heiraten, jemand, der es tut und nicht an die Herrlichkeit der Liebe denkt. Doch sie hat es nicht zugelassen. Sie sagte, wenn er mich jemals anrühre, schicke sie mich zu dem Pornokino in der 98. Straße zurück und lasse die Puerto Ricaner Hackfleisch aus mir machen, und was Tito betreffe, der könne dann zu Rosa zurückgehen, seiner Frau in Queens, und wieder anfangen, für die Daily News Zeitungen auszutragen und jeden Tag mit der U-Bahn zu fahren und heimzukommen und Rosa die ganze Nacht über telefonieren zu hören, statt an Straßenecken herumzuhängen und vor dem Schulhof mit den Männern Karten zu spielen, wie er es jetzt tue. Denn, sagte sie, denn sie zahle die Miete, und solange der Mieterschutz in New York in Kraft sei, werde sie weiter die Miete zahlen, und sie könne ganz glücklich und zufrieden allein wohnen, bis sie den richtigen Zimmergenossen gefunden habe. Einen, sagte sie und fingerte an dem glänzenden Satin von Titos Hemd herum, der die Miete zahlt.

Also hielt Tito Abstand und machte uns beide krank mit seinem Verlangen, und als sie schließlich aufhörte, mit ihm zu schlafen, und zu mir auf die Matratze auf dem Fußboden kam, da konnte sich selbst Tito vorstellen, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis wir das Bett in Besitz nähmen und er sich auf den Fußboden verziehen müsste. Um sich das zu ersparen, sagte er eines Tages, dass er wohl so was wie das fünfte Rad in dieser Bude sei, hm?, und er habe eine nette puerto-ricanische Familie gefunden, die einen Mann im Haus brauche, und er denke, dass er einfach bei ihnen einziehen werde. Doch ich glaube, er versuchte nur, sein Gesicht zu wahren, weil er sich eines Tages, als sie weg war, um Zigaretten zu kaufen, vom Fernseher losriss und vom Sofa aufschwang, um mir zu sagen: »Weißt du, sie war schon mal verheiratet, weißt du.«

»Das weiß ich«, sagte ich. »Ich weiß alles darüber.«

Sie zahlt die Miete von dem Unterhaltsgeld, das sie immer noch wegen ihrer Ehe erhält, und ich weiß alles darüber, und Tito hat mir nichts erzählt, was ich nicht schon gewusst hätte, also guckte ich wieder in die Zeitschrift, die ich gelesen habe, und wartete darauf, dass er zum Fernseher zurückgeht. Er sah mich weiter an, also stand ich auf, um aus dem Fenster zu sehen, ob sie zurückkommt und etwas für mich dabei hat.

»Was ich zu sagen versuche«, sagte er, »was ich dir zu sagen versuche ist, dass du nicht die Einzige bist. Das bist du nicht. Ich war auch ihr ein und alles, der, den sie immer gesucht hat. Ich war der vor dir, und du bist bloß die vor jemand anderem.« Ich sah sie um die Ecke 96. und Broadway biegen und konnte sehen, dass sie etwas in einer Tüte für mich dabei hatte, Doughnuts oder Kekse. Ich sagte nichts, schaute nur aus dem Fenster und zählte die Schritte, die sie bis zu unserem Gebäude machte. Sie war nach vorn gebeugt und hatte etwas Schlagseite zur Hauswand hin, sodass ich mir dachte, sie hat wohl in der Bar, wo sie immer ihre Zigaretten kauft, ein paar Drinks gehabt. Als ich hören konnte, wie ihr Schlüssel sich im Schloss der Haustür drehte, ging ich, um ihr die Tür auf zu machen, und da streckte Tito die Hand aus und packte mich am Arm.

»Hör mal zu«, sagte er. »Hör einfach zu. Niemand ist jemals der Einzige für niemanden. Mach dir doch nichts vor!«

Ich riss mich los und machte ihr die Tür auf. Als sie herein kam, durchgefroren und durchnässt, vergrub ich mein Gesicht in ihrem Haar und atmete den Geruch von Gin und Zigaretten ein und den ganzen Sinn meines Lebens.

Am nächsten Tag ging Tito, aber er kam nicht weit, weil ich ihn immer noch an den Straßenecken herumhängen sehe. Jetzt spiegeln sich all die Frauen, die er gekannt hat, in seinen Augen, aber vor allem sie, und wenn er mich ansieht, kann ich es nicht ertragen, sie da im Dunkel verloren zu sehen. Immer wenn ich an ihm vorbeigehe, lächle ich.

»He, Tiiiiiiito«, sage ich. »Mira, mira, hm?« Und seine ganzen Freunde lachen, während Tito sich den Anschein zu geben versucht, als hätte er sich das selbst ausgedacht, als hätte er mir diese Bemerkung irgendwie entlockt.

Ich denke, eines Tages wird Tito den Schlüssel, den er vergessen hat da zu lassen, dazu benutzen, sich heimlich hereinzuschleichen und mich mit seinem erlahmenden Verlangen zu überziehen, mit seinem schwindenden Bedauern und seinen Enttäuschungen, und sie wird dann woanders hinziehen, weg von mir; aber der Mieterschutz wird in New York nicht bis in alle Ewigkeit in Kraft sein, und ich kann nicht bis zu den Anfängen und den Enden vorausdenken, um die sie betet.

Die Jungs im Auto lehnen sich aneinander und grinsen anzüglich und zucken wie gequälte Insekten, sie wechseln Blicke, von denen sie denken, dass sie viel zu raffiniert sind, als dass ich sie verstehen könnte, aber ich bin zu weit herumgekommen und habe zu viel erlebt, um auch nur einen einzigen davon zu übersehen. Wir fahren den Riverside Drive zu schnell hoch, sodass im Handumdrehen aus den besseren Vierteln Slums werden mit lauter Frauen in den Fenstern, mit farbenprächtigen Kleidern, die über Feuerleitern aufgehängt sind, und dem fröhlichen Lärm von Salsa-Musik, der wie ein dichter Dunstschleier über der Stadt liegt. Wie das Zirpen der Grillen, die sich in Ohio durch die Sommernächte schlängeln, bildet er den Grundton für alles andere.

»Also«, sagt einer von ihnen, »wo willst du überhaupt hin?«

»Tja«, sage ich. »Tja. Ich hab vorgehabt, in die Bronx Botanical Gardens zu gehen.«

Die Bronx Botanical Gardens sind kein Ort, zu dem es mich wirklich jemals hinziehen würde, aber ich glaube, dass es wichtig ist, zumindest in ihren Augen, die Illusion eines Fahrtziels aufrecht zu erhalten. Wenn ich ein bisschen selbstsicherer wäre, würde ich vorschlagen, dass wir die Fähre nach Staten Island nehmen und es dort im Park tun. Dann könnte ich an sie denken.

Als wir nach Staten Island gefahren sind, war es kalt und grau und windig. Wir kamen dort an, und es wurde uns bewusst, dass es dort wirklich nichts gab, was wir sehen wollten, dass auf Staten Island zu sein wirklich nicht viel anders war, als in Manhattan zu sein.

»Oder sonst wo«, sagte sie und schaute eine Straße mit einer Galerie heruntergekommener Bekleidungsgeschäfte und Versicherungsbüros hinunter. Es war Sonntag, sodass alles fest verschlossen und niemand auf der Straße war. Schließlich entdeckten wir in der Nähe der Anlegestelle ein Restaurant, wo wir Coca-Cola und Kaffee tranken und sie Zigaretten rauchte, während wir darauf warteten, dass das Boot ablegt.

»Lesben«, hat der Kellner zu einem anderen Mann gesagt, der an der Theke saß und einen Doughnut aß. »Was wollen wir wetten, dass das Lesben sind?«

Der Mann, der den Doughnut aß, drehte sich um und musterte uns.

»Jedenfalls sind sie nicht allzu aufregend«, sagte er. »Kein großer Verlust.«

Sie lächelte und legte ihre Hand einen Augenblick lang auf meine Wange. Der Rauch ihrer Zigarette zog an meinen Augen vorbei in mein Haar.

»Was für ein unvergesslicher Augenblick«, sagte sie.

Auf der Rückfahrt beobachtete ich, wie der Wind ihr so ins Gesicht peitschte, dass ich es nicht wiedererkannte, und als ich die Aufmerksamkeit einiger Jungs auf der Fähre auf mich zog, sagte sie, ohne mich anzusehen oder ihren Blick von den Betonfalten des Kleids an den Füßen der Freiheitsstatue genau links von uns zu wenden: »Was du machst, ist deine Sache, aber erwarte nicht, dass ich dich bis in alle Ewigkeit liebe, wenn du so was tust. Ich bin«, sagte sie und drehte sich um, um mir direkt ins Gesicht zu sehen, »nicht deine Mutter, weißt du? Alles, was ich bin, ist deine Geliebte, und nichts dauert ewig.«

Als wir die Fähre verließen, sagte ich: »Ich erwarte nicht, dass du mich bis in alle Ewigkeit liebst«, und sie sagte, ich sei promiskuitiv und streitsüchtig, und dann zündete sie sich, während sie in die U-Bahn-Station hinunter ging, eine Zigarette an. Ich beobachtete sie dabei, und es kam mir so vor, als wäre es das erste Mal, dass ich sie von hinten sehe, wie sie von mir weggeht und einen langen blauen Rauchfaden hinter sich herzieht.

Es geht etwas vor sich mit den Jungs, etwas an ihrem Gesichtsausdruck hat sich verändert, die Art, wie sie ihre Zigaretten halten, die Art, wie sie sich mit den Ellbogen anstoßen. Es verändert sich etwas, als das Licht schwächer zu werden beginnt, und einer von ihnen sagt zu mir: »Wir haben ein Klubhaus im Norden der Stadt, hast du Lust mitzukommen?«

»Was für ein Klub«, frage ich, »was macht ihr da?«

»Wir trinken Whisky«, sagen sie, »und nehmen Drogen und gucken Fernsehen.«

Mein Junge, der, den ich mir in dieser ganzen Stadt voller Jungs ausgesucht habe, starrt aus dem Fenster, kaut auf einem Zahnstocher, den er irgendwo tief in seinem Mund festgeklemmt hat, und fährt mit seinem Finger über den glatten Kunststoff des Lenkrads. Ich merke an seiner Weigerung, mich zu fragen, dass er will, dass ich mitkomme. So stößt man, glaube ich, ins Innerste von Jungs vor, indem man in ihren Klub geht. Jungs sind wie Rudeltiere, und sie bilden immer Klubs. Es ist, als ob sie sich allein nicht zu helfen wissen. Das ist das einzige Naturgesetz des Menschen, das ich mit meiner begrenzten Lebenserfahrung beobachtet habe, das sich immer und immer wieder mit einer schlichten, banalen Beständigkeit abspielt: Da, wo es Jungs gibt, gibt es auch Klubs, und überall, wo es einen Klub gibt, ist er zwangsläufig voller Jungs, die auf der Suche sind nach den Vergnügungen, die ihnen einfach dadurch offen stehen, dass sie Jungs sind.

»Kann ich beitreten?«, frage ich. Das ist das, was ich zu ihr zurückbringen werde, Zigaretten und einen Klub von Jungs. Dadurch wird sie für immer bei mir bleiben: dass ich ins Innerste von Jungs vorgestoßen und zu ihr zurück gekommen bin.

»Tja«, sagen sie und lächeln süffisant und grinsen und kratzen sich. »Tja, es gibt eine Aufnahmeprüfung.«

Der älteste der Jungs ist jünger als ich, und doch denken sie alle, wie es Jungs überall tun, dass ich nicht annähernd so viel weiß wie sie, als ob es irgendwie einen Kurzschluss in meiner Aufnahmekapazität verursachen würde, dass ich eine Frau bin. Sie sprechen eine Sprache, von der sie glauben, dass nur Jungs sie verstehen können, doch ihre Sprache zu verstehen ist mein Schlüssel zum Erfolg, also lächle ich und sage: »Ich werde euch nicht alle ficken, weder einzeln noch auf einmal.«

Mein Junge schaut zu mir herüber und gestattet sich den Anflug eines coolen Lächelns, und ich bin verärgert darüber, dass er jetzt mehr Achtung vor mir hat, weil ich in der Lage bin, eine Sprache zu sprechen, die jeder Idiot erlernen könnte.

Zwischen uns gibt es keine trivialen Augenblicke; entweder wir sprechen gar nicht, oder wir sprechen alles aus. Heizkosten und Zahnpasta und Abendessen und die ganzen alltäglichen Dinge des Lebens kommen in der Zeit, in der wir zusammen sind, nicht zur Sprache. Ich bin mir bewusst, dass so eine Intensität nicht lange aufrecht erhalten werden kann und dass jede kurze Abwesenheit in unserer Zeit ein Ende zwischen uns ankündigt. Sie sagt zu mir, dass ich sie niemals verlassen darf, aber ich weiß, dass sie es ist, die mich eines Tages zurücklassen wird mit ein bisschen Unterhaltsgeld, um die Miete zu bezahlen, solange der Mieterschutz in New York noch in Kraft ist, und ich werde sie die Straßen entlang bummeln sehen, sie in den Armen eines anderen sehen, und manchmal sage ich spätnachts, wenn sie Rauchringe auf meine Brüste bläst, zu ihr: »Verlass mich nicht. Verlass mich bloß nie.«

»Das Leben«, sagt sie immer zu mir, »ist ein langer Abschied. Mach dir nichts vor, Kleines«, sagt sie und lacht. »Du bist jedenfalls mein kleiner Schatz, wie könnte ich dich jemals verlassen, und wie könnte ich das verlassen« - sanfte Berührung meiner Haut - »und das, und das.«

Sie weiß, dass mich das jedes Mal umbringt.

Ihr Klubhaus ist schmutzig und unordentlich, und überall liegen Matratzen und leere Bierflaschen und Tüten von McDonald’s, und durch diese ganze Unordnung jagen mehr Kakerlaken, als ich mir in einem einzigen Haus hätte vorstellen können, mehr Kakerlaken, als es Jungs in dieser Stadt gibt, mehr Kakerlaken, als es Augenblicke der Liebe auf dieser Welt gibt.

Die Jungs gehen wichtigtuerisch hinein. Das ist ihr Klub. Sie sind Jungs aus New York City, sie nehmen Drogen, und sie haben einen Klub, und ich beobachte, wie sie sich verteilen und auf Matratzen setzen und den Fernseher anmachen. Ich bleibe in der Tür stehen und strecke die Hand aus, um nach dem Zipfel der Jacke zu grabschen, die mein Junge trägt. Er dreht sich teilnahmslos zu mir um.

»Wie wär’s mit etwas frischer Luft?«, sage ich.

»Lass mich erst high werden«, sagt er, und er geht zu einem Stuhl hinüber, setzt sich, holt sein Besteck raus, macht den Stoff heiß, bindet sich den Arm ab und verbringt gut zwei Minuten damit, nach einer Vene zu suchen, in die er sich den Schuss setzen kann. Überall auf seinen Händen und Armen und wahrscheinlich auch auf seinen Beinen und Füßen und seinem Bauch sind Spuren des Scheiterns und des Verfalls, als wäre sein Körper nur für einen einzigen Zweck geschaffen und als hätte er sein Leben eifrig und ergiebig darauf verwandt, ihn systematisch nach geeigneten Stellen zum Fixen zu durchforsten.

Ich beobachte ihn, während die anderen Jungs sich ihren Stoff verabreichen oder ihre Joints rollen oder ihre Pillen schlucken, und er bietet mir was davon an. Ich sage nein, ich wolle lieber einen klaren Kopf behalten, und wie es mit etwas frischer Luft wäre? Ich will nicht, dass er voll drauf kommt, bevor überhaupt irgendwas passiert ist, aber genau das ist meine Erfahrung mit Junkies, dass sie aus jeder Situation aussteigen, bevor überhaupt eine Situation entstanden ist.

»Lass uns das Auto nehmen«, sagt er.

Du bist mein Schatz, sagt sie, und wenn du mich verlässt, wirst du dein ganzes Leben darauf verwenden, zu mir zurückzukommen. Mit ihrer Zunge und ihren Worten und dem ruhigen Streicheln ihrer Hand auf meiner Haut hat sie für mich alle Grenzen meines Lebens und meiner Liebe gezogen. Das ist die eine Liebe, die mich geschaffen hat und mich in sich schließen wird, und wenn sie mich verließe, wäre ich einsam, und ich würde lieber auf der Straße schlafen, mit ihrer Hand für immer zwischen meinen Beinen, als einsam zu sein.

Im Auto lässt der Junge seine Hand zwischen meine Beine gleiten und legt sie dann aufs Lenkrad. Die Luft ist kalt, die Straßen leer, und es ist spät. Jede Sekunde bringt mich tiefer in die Nacht hinein und fort von ihr; jede Sekunde schickt mich nach Hause. Wir fahren zum Inwood Park und klettern über den Zaun, sodass wir nur ein paar Meter vom Hudson entfernt sind.

»Hier ist es ganz anders als in Ohio«, sage ich zu ihm und er zündet sich eine Zigarette an.

»Wo liegt Ohio?«

»Gehst du nicht in die Schule?«, frage ich ihn. »Hast du keinen Erdkundeunterricht?«

»Ich weiß alles, was ich brauche«, sagt er und streckt die Hand aus, um mir die Bluse aufzuknöpfen. Junkies wissen, dass sie nicht viel Zeit haben, und Jungs wissen, wie man gleich zur Sache kommt. »Das ist sehr romantisch«, sage ich, als seine eiskalten Finger meine Brustwarzen berühren. »Kommst du oft hierher?«

Was mir an diesem Jungen gefällt, ist, dass er ihn gleich rein steckt. Er steckt ihn einfach rein, als ob er die ganze Zeit nichts anderes täte, als ob er ihn normalerweise nicht durch seine Finger oder zwischen die rauen Lippen seiner Freundin gleiten lassen müsste. Er steckt ihn einfach rein und kommt wie nasse Seife, die aus einer Faust flutscht, und das ist genau das, was ich wollte. Das ist genau das, was ich wollte, sage ich zu mir, während ich über seine Schulter hinweg den bräunlichen Hudson dahinfließen sehe. Das ist genau das, was ich wollte, aber ich denke nur daran, wie es bei uns ist. Das ist genau das, was ich wollte, aber ich sehe nur ihr Gesicht den Fluss hinunter treiben, ihre Augen, die aussehen wie vom Wasser eingefangene Funken des Mondlichts.

Es spielt keine Rolle mehr, was ich für wahr halte; es spielt keine Rolle mehr, was ich für unwahr halte. Es spielt keine Rolle mehr, was ich überhaupt glaube, weil es nur noch sie gibt. Wie ein über mein Denken gebreitetes Bild überlagert sie jeden meiner Gedanken. Sie sitzt am Fenster und schaut auf die Straße hinaus, als würde sie auf etwas warten, darauf, dass der Mieterschutz ausläuft, oder darauf, dass etwas anderes anfängt. Sie sitzt am Fenster, wartet auf etwas und lässt eine lange Schnur durch ihre Finger gleiten. In dem Licht vom Fenster her kann ich jeden Knochen ihrer Hand sehen. Sie bilden ein zartes Muster, das sich in der Haut und den Knochen ihres Handgelenks verliert.

»Ändere dich nie«, sage ich zu ihr. »Ändere dich bloß nie.« Sie lächelt und lässt die Schnur von ihrer Hand herabhängen.

»Nichts bleibt jemals so, wie es ist«, sagt sie. »Du bist alt genug, um das zu wissen, mein Schatz, oder? Beständigkeit«, sagt sie, »ist nichts anderes als der Wunsch, dass alles so bleibt, wie es ist.«

Ich weiß das.

»Das Leben ist hart für mich «, sagt der Junge. »Was fang ich schon mit meinem Leben an? Ich häng bloß den ganzen Tag rum oder fahre im Auto meiner Mutter spazieren. Das Leben ist so hart. Hier in dieser Stadt wird für mich immer alles das gleiche sein. Sie wird mich auffressen und wieder ausspeien, und ich könnte genauso gut nie geboren sein.«

Er schaut poetisch über den Fluss.

»Ich wollte einen Jungen«, sage ich, »und keinen Dichter.«

»Ich bin kein Dichter«, sagt er, »Ich bin bloß ein Junkie, und du bist bloß eine Nutte. Du kannst zusehen, wie du heute Nacht nach Hause kommst.«

Ich sage nichts und schaue zu, wie der Hudson dahinfließt.

»Tut mir leid«, sagt er. »Na und? Dann bin ich eben ein Junkie, und du bist eine Nutte, und wenn schon. Nichts ändert sich jemals. Außerdem«, sagt er, »will mein Lehrer, dass ich ein bekannter Langstreckenläufer werde, weil ich im Sportunterricht schneller laufen kann als alle anderen. Das hat er gesagt.«

»Na, das hört sich doch nach einer vielversprechenden Karriere an«, sage ich, obwohl ich mir den Lehrer in seiner ausgebeulten Trainingshose vorstellen kann, wie seine Erregung wächst, wenn er meinen Jungen anstarrt und ihm ein Extratraining nach der Schule anbietet. »Warum machst du das nicht?«

»Ich müsste das Rauchen aufgeben«, sagt er. »Und Dope.«

Gemeinsam schauen wir auf den Fluss, und schließlich sagt er: »Also, es ist Zeit, dass ich das Auto meiner Mutter nach Hause bringe.«

»Das war alles?«, frage ich ihn.

»Was hast du erwartet?«, sagt er. »Ich bin bloß ein Junkie. In zwei Jahren bin ich wahrscheinlich nicht mal mehr in der Lage, einen hochzukriegen.«

»Schau her«, sage ich, trete ein und gehe zum Fenster hinüber, wo sie sitzt. »Schau her. Ich bin eine Gezeichnete. Zwischen meinen Beinen ist Blut, und es stammt nicht von dir.«

Sie sieht mich an, richtet dann ihren Blick wieder auf das, womit sie beschäftigt war, bevor ich hereingekommen bin, und stößt Rauchringe aus, die an dem schmutzigen Fenster platt gedrückt werden. »Hast du mir ein paar Zigaretten mitgebracht?«, fragt sie und drückt ihre in dem Aschenbecher aus, der auf der Fensterbank steht.

»Eine Gezeichnete«, sage ich. »Siehst du das Blut denn nicht?«

»Ich sehe gar nichts«, sagt sie, »und ich guck auch nicht hin, bevor ich nicht eine Zigarette kriege.«

Ich gebe ihr die Zigaretten, die ich vorher gekauft habe. Selbst als ich voll und ganz damit beschäftigt war, eine Frau zu werden, habe ich an die kleinen Dinge gedacht, die ihr Freude bereiten. Sie zündet sich eine an und atmet den Rauch ein, dann stößt sie ihn gleichzeitig durch Mund und Nase langsam wieder aus. Sie weiß, dass mich das umbringt.

»Siehst du’s nicht?«, frage ich.

»Ich sehe gar nichts«, sagt sie. »Ich verstehe nicht, warum du das tun musstest.«

Sie steht auf und sagt: »Ich geh jetzt ins Bett. Ich war den ganzen Tag und die ganze Nacht auf, und ich bin müde und will schlafen gehen, bevor die Sonne raus kommt.«

»Ich bin eine Gezeichnete«, sage ich, während ich neben ihr liege. »Spürst du das nicht?«

»Ich spüre gar nichts«, sagt sie, aber sie hält mich fest, und gemeinsam warten wir geduldig auf den Tagesanbruch. Sie ist alles für mich. In der Kühle des Morgens, bevor die düsteren Lichter der Stadt auf uns fallen, drehe ich mich zu ihrem Gesicht voller Schatten um.

»Ich bin eine Gezeichnete«, sage ich. »Das bin ich.«

»Still«, sagt sie und legt ihre dunkle Hand sanft auf meinen Mund, schiebt sie dann über meine Kehle zum Ansatz meiner Brust. Niemand in der ganzen Stadt merkt, dass sie das tut. Nirgends ändert sich das Geringste, als sie das tut.

»Still«, sagt sie erneut.

Sie presst ihre Hand auf mein Herz und berührt mein Gesicht mit ihrem und nimmt mich mit sich in die mutterlos werdende Nacht. Alle Augenblicke hören hier auf; dies ist der Erste und der Letzte, und das einzige Fleisch ist ihres, die einzige Berührung die ihrer Hand. Nichts sonst existiert, und gemeinsam drehen wir uns um unter dem Streicheln des Mondes und dem Zischen der Sterne. Sie ist alles, was ich einmal sein werde, und gemeinsam werden wir zu jeder Erinnerung, die es jemals gegeben hat.

Cocktailstunde

Meine Mutter zieht in der Küche die Vorhänge zu, und das Licht im Raum reicht von einem eher matten, blassen bis zu einem dunklen Gelbton.

»Mensch«, sagt sie und sitzt am Tisch. »Mannomannomann. Diesmal sterb ich wirklich.« Sie legt sich die Hand auf die Stirn. »Mensch«, sagt sie noch einmal.

Mein Vater sieht ihr vom Herd aus zu, wo er Rühreier zubereitet. »Weißt du«, sagt er schließlich, »wenn du nicht soviel rauchen würdest, hättest du auch nicht so einen fürchterlichen Kater. Guck mich an«, sagt er, »ich hab nie einen Kater. Und weshalb?«

Er macht eine Pause, als erwarte er eine Antwort von ihr, obwohl sie sich durchschnittlich zweimal pro Woche über dieses Thema unterhalten. Meine Mutter sucht in der Tasche ihres Morgenrocks nach Zigaretten.

»Weil«, sagt mein Vater triumphierend, »weil ich nicht rauche.« Er lächelt, und meine Mutter zündet sich ihre Zigarette an.

»Haben wir Kaffee?«, sagt sie. Mein Vater legt den Pfannenwender hin und gießt ihr eine Tasse Kaffee ein; als er ihr die Tasse bringt, sehen sie sich einen Augenblick lang an, und sie nimmt sie ihm aus der Hand.

»Deine Eier brennen an«, sagt sie, und er dreht sich um und blickt zum Herd hinüber. Meine Mutter sieht ihm zu, während er die Eier in der Pfanne herumschiebt.

»Ich weiß nicht«, sagt er, »die Eier sehen schlecht aus.« Er hält sich die Pfanne unter die Nase und riecht. »Ich glaube, die Eier sind schlecht«, sagt er.

Meine Mutter lehnt sich auf dem Stuhl zurück und zieht die Zeitung zu sich herüber, als mein Vater ihr die Pfanne mit Eiern bringt.

»Was meinst du?«, sagt er. »Meinst du, dass die Eier schlecht sind?«

Meine Mutter sieht sich die Eier an, schaut dann weg. »Ich weiß nicht«, sagt sie. »Zeig mir bloß nichts zu essen.«

Mein Vater hält mir die Eier hin. In leuchtend gelbe Klümpchen und eine farblose Flüssigkeit unterteilt, sehen sie ein bisschen komisch aus, aber bevor ich irgendetwas sagen kann, streift er sie in den Abfall.

»So«, sagt er. »Ich glaube, die Eier waren schlecht. Du wirst mit Cornflakes vorlieb nehmen müssen«, verkündet er mir. »Falls wir welche haben.«

»Liebes«, sagt meine Mutter zu mir. »Sei doch so gut und schau mal, ob einer von den Nachbarn eine Pepsi gegen meinen Kater hat.«

Heute ist Sonntag, in einer Welt, in der die Geschäfte noch nicht den ganzen Tag geöffnet haben. Und meine Eltern verstehen es, sich auf die Hilfe der Nachbarn zu verlassen - besonders bei neuen Nachbarn.

»Schau mal, ob sie auch ein paar Eier haben«, sagt mein Vater.

»Mensch«, sagt meine Mutter und drückt ihre Zigarette im Aschenbecher aus. »Lass die Eier, Liebes. Hol bloß die Pepsi.«

Mein Vater setzt sich an den Tisch, und sie zündet sich noch eine Zigarette an. Beide sehen sie zu, wie der Rauch durch das trübe Licht zieht.

Ich bleibe vor dem Küchenfenster stehen, um mich zu entscheiden, bei welchem Nachbarn ich es versuchen soll, und um zu hören, ob meine Eltern über mich reden, wenn ich weg bin. Sie haben nur ein paar Themen, über die sie sich unterhalten: die Cocktailparty, die sie erst kürzlich gegeben oder besucht haben, die Karriere meines Vaters, das Rauchen meiner Mutter und, seltener, mich. Ich kenne jede dieser Unterhaltungen auswendig.

»Weißt du«, sagt meine Mutter. »Du solltest sie nicht überall um Eier bitten lassen. Sie hat noch nicht mal neue Freunde gefunden.«

»Tja«, sagt mein Vater nach einer Weile, »ich verstehe nicht, wieso das unsere Schuld sein soll.«

Die Unterhaltung stockt hier einen Augenblick lang, und ich stelle mir vor, wie meine Mutter sich dem Kreuzworträtsel in der Zeitung zuwendet und mein Vater auf den Tisch starrt.

»Na ja«, sagt meine Mutter schließlich, »sie ist in einem schwierigen Alter. Vielleicht war dieser Umzug keine so gute Idee.«

Mein Vater schweigt und überlegt sich, welches seiner vielen Gegenargumente er jetzt vorbringen soll. Immer wenn sie diese spezielle Unterhaltung führen, habe ich das Gefühl, als würde ich am Rande eines Waldes stehen, vor mir eine dunkle Mauer aus Bäumen, aber wenn ich mich umdrehe und zurückgehen will, stehen auch hinter mir Bäume und zu beiden Seiten. Ich bin mir meines schwierigen Alters bewusst, obwohl es mir so vorkommt, als ob es kein Alter gegeben hat, das nicht schwierig war für mich, und keinen Zeitpunkt, zu dem ein Umzug eine gute Idee gewesen wäre. Es ist vielleicht möglich, dass das noch keine so große Rolle gespielt hat, als ich noch ein Baby war. Wenn ich unsere Kartons voller Schnappschüsse durchstöbere, finde ich Bilder von mir, ein fremdes Baby, das unbeholfen in fremden Armen gehalten wird, oder ein älteres, verlegen aussehendes Kind vor fremden Häusern in Gesellschaft von Kindern, deren Namen ich vergessen habe. Ich versuche, mich an einen einzelnen Herkunftsort zu erinnern, einen Ort, der mir wie mein Zuhause vorkommt, aber alles, was ich sehe, sind meine Eltern in Liegestühlen, wie sie in die Sonne lächeln, oder auf Cocktailpartys, wie sie fröhlich, mit leuchtenden Augen ihre Gläser erheben. Das sind die Bilder meiner Vergangenheit, und sie wechseln mühelos von Staat zu Staat, genau wie wir, fast ohne Misstöne.

Die Viertel, in denen wir wohnen, sind alle gleich: schmucke, nahezu neue Häuser mit Auffahrten; innen sehen sie auch alle gleich aus, mit hellen Wänden und leichten, hohlen Türen, jedes Schlafzimmer, das ich habe, sieht aus wie alle anderen Schlafzimmer, die ich gehabt habe, und manchmal scheinen mir die Sachen, die ich besitze oder trage oder gern habe, genauso zu den Häusern zu gehören, in denen wir gewohnt haben, wie sie mir gehören. Die Firmen, für die mein Vater arbeitet, erledigen jedes Mal den ganzen Umzug für uns, sodass am Umzugstag plötzlich ganze Zimmer auseinandergenommen werden und verschwinden, um in dem neuen Haus fast in der gleichen Anordnung wieder aufzutauchen. Eine Puppe, die ich seit meiner Kindheit habe, erhält den Vortritt vor mir, wird vorsichtig von dem Kissen auf meinem Bett gehoben, dann wieder darauf gelegt und immer von dem Möbelpacker getragen, der eine kleine Tochter zu Hause hat. Immer wenn ich ein neues Schlafzimmer betrete, ist sie schon da und starrt, das blonde Haar straff und ordentlich, mit ausdruckslosen Puppenaugen zur Tür.

In meinen neuen Schulen bitten meine Lehrer mich manchmal, der Klasse etwas Interessantes über meine früheren Wohnorte zu erzählen, und ich versuche, mich an etwas zu erinnern, aber in Wirklichkeit ist das Amerika, das ich gesehen habe, überall gleich: Franklin, New Jersey, unterscheidet sich aus meiner Sicht nicht im geringsten von Arlington, Virginia oder Syracuse, New York. Die Häuser und die Nachbarn und die Straßen sind alle genau gleich, ohne sich auch nur so weit zu unterscheiden, dass sie mir dabei helfen könnten, mir etwas auszudenken.

Zum Schluss spielt mein Vater seine Trumpfkarte gegen meine Mutter aus, die darin besteht, dass er schließlich wegen seiner Arbeit umziehe, und die Arbeit mache er schließlich unseretwegen. Ihre Unterhaltung endet zuletzt so wie in den meisten Fällen, in einer Art beredtem Schweigen, und ich sehe mich um und frage mich, bei welchem Nachbarn die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass er eine Pepsi hat. Ich habe in dem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Mädchen ungefähr in meinem Alter gesehen, also fange ich dort an, und dieses Mädchen ist es, das mir die Tür öffnet. Sie sieht genauso aus, wie ich gern aussehen würde: glattes Haar, schöne lange Nase und lange, dünne Arme und Beine. Sie steht sichtlich auf der Schwelle zum Erwachsenenalter, und wie wir einander so gegenüberstehen, scheinen wir uns vom ungefähr gleichen Ausgangspunkt aus in genau entgegengesetzte Richtungen zu entwickeln. Das Zimmer hinter dem Mädchen liegt im Dunkeln, und sie sieht mich an, sagt aber nichts.

»Habt ihr vielleicht Pepsi da?«, sage ich, aber sie starrt mich nur ausdruckslos an. »Die ist für meine Mutter«, füge ich hinzu. »Sie hat einen Kater.«

Die Augen des Mädchens gleiten von meinem Gesicht zu meinem Oberkörper, zu meinen Beinen und Füßen, wandern dann wieder nach oben, meine Arme entlang, und beurteilen mein äußeres Erscheinungsbild.

»Nein«, sagt sie schließlich, »wir haben keine Pepsi.«

Ich wende mich zum Gehen, aber sie macht die Tür etwas weiter auf und schaut an mir vorbei unser Haus an, als hätte sie irgendetwas darüber gehört; dann tritt sie einen Schritt zurück. »Du kannst reinkommen, wenn du willst«, sagt sie.

Es ist das kleinste Haus im ganzen Block, und bei dem dunklen Zimmer hinter ihr handelt es sich um ein Wohnzimmer, das kaum benutzt aussieht, voll großer, schwerer Möbel und makellos polierter Tische.

»Meine Eltern sind noch nicht auf«, sagt sie, »aber du kannst mit in mein Zimmer kommen.«

Von irgendwo im Haus ertönt ein Fernseher und wir gehen die kurze Treppe zu einem höher gelegenen Stockwerk mit nur zwei Türen hinauf. In dem Zimmer, in das sie mich führt, liegt ein Junge auf einem der beiden Betten. Er hält ein Comic-Heft ein paar Zentimeter vor sein Gesicht und blickt nicht auf, als wir eintreten.

»Verschwinde, Tommy«, sagt sie, und er lässt das Comic-Heft sinken. Er scheint etwa so alt wie sie zu sein, und seine langen Arme und Beine ragen linkisch aus seinem Baumwollpyjama hervor.

»Verschwinde du lieber«, sagt er. Sie starren sich einen Augenblick lang an, und schließlich dreht das Mädchen sich um und geht hinaus. Tommy hält sein Comic-Heft wieder vors Gesicht. Comic-Bände liegen auf dem ganzen Bett und auf dem Fußboden rundherum verstreut, und ein paar brutale Umschlagbilder auf Glanzpapier hängen über seinem Kissen an der Wand. Auf der anderen Seite des Zimmers ist alles in kleinen Stößen an der Wand aufgestapelt.

Ich folge dem Mädchen nach unten in die Küche; das Geräusch des Fernsehers scheint aus dem Keller zu kommen, wo sich bei mir zu Hause das sogenannte Familienzimmer befindet. Das Mädchen macht den Kühlschrank auf, lehnt sich auf die Tür und starrt auf das Essen darin.

»Du hast ein Zimmer mit deinem Bruder zusammen?«, frage ich.

»Und?«, sagt sie. »Hast du keinen Bruder?«

Hinter ihr, im Kühlschrank, kann ich eine ganze Sechserpackung Pepsi sehen.

»Nein«, sage ich.

Sie zieht das Fleischfach heraus und lässt den Blick über den Käse und die Mortadella schweifen,

»Eine Schwester?«, sagt sie.

»Nein.«

Sie dreht sich um und sieht mich an. »Du bist ein Einzelkind«, sagt sie, als wäre sie anhand raffinierter Schlussfolgerungen an diese Information gelangt.

»Macht es dir nichts aus, ein Zimmer mit deinem Bruder zusammen zu haben?«, frage ich und sie wendet sich wieder dem Kühlschrank zu.

»Guck mal«, sagt sie, » wir haben doch noch Pepsi.« Sie zieht eine aus der Sechserpackung und reicht sie mir. »Hier«, sagt sie, ist dann einen Augenblick unschlüssig. »Möchtest du Eis?«, fragt sie.

Ich warte am Tisch, während sie Eis, Löffel und Schälchen mitbringt. Sie gibt mir etwas Eis, löffelt dann den Rest - fast die halbe Packung - in ihr eigenes Schälchen und klatscht ihren Löffel oben drauf.

»Okay«, sagt sie. »Was wäre deiner Meinung nach die schlimmste Todesart?«

Sie hält den Löffel an die Zunge und macht die Augen zu, um alle Möglichkeiten zu durchdenken. Während sie die Augen immer noch geschlossen hält, betritt ein Mann das Zimmer und bleibt in der Tür stehen. Auch er trägt einen Pyjama, dazu noch einen Morgenrock und ein Paar Slipper, die seine glatten weißen Fersen sehen lassen.

»Annie«, sagt er, und sie macht die Augen auf, wartet jedoch kurz, bevor sie sich umdreht und ihn ansieht.

»Wie heißt deine Freundin?«, fragt er, und mir wird bewusst, dass ich ihr meinen Namen nicht genannt habe. Sie starrt mich einen Augenblick lang an.

»Anne«, sagt sie. »Das ist Anne.«

»Also gut, Anne«, sagt der Mann, und er beugt sich über den Tisch und streckt seine Hand aus. »Sehr erfreut, dich kennenzulernen.« Seine Haut ist kalt und trocken, und ich lasse seine Hand schnell los.

Annie zerstampft ihre Eiscreme zu einer Suppe, und ihr Vater steht daneben. Er sieht uns kurz zu, macht eine Schleife in den Gürtel seines Morgenrocks und löst sie wieder, während Annie den Löffel zum Mund führt und ihr Eis aufschlürft.

»Das Eis sieht lecker aus«, sagt er. Er sieht ihr noch einen Augenblick beim Essen zu, dann dreht er sich um und geht.

Annie wirft einen Blick auf mein Eis, bringt ihr Schälchen zum Spülbecken und gießt aus, was übrig geblieben ist. Dann geht sie zur Haustür und stellt sich daneben, ohne mich anzusehen, aber auch ohne irgendetwas anderes anzusehen. Ich habe mein Eis noch nicht fertig gegessen, aber ich stehe mit dem Schälchen in der Hand auf.

»Oh«, sagt sie, »das kannst du da lassen. Tommy isst das schon.«

Sie macht die Tür mit dem Fliegengitter hinter mir zu, und als ich mich auf der Straße umdrehe, um einen Blick zurückzuwerfen, steht sie immer noch da, und die Silhouette von Gesicht, Hals und Kopf hebt sich von dem dunklen Zimmer hinter ihr ab.

Die Pepsi ist warm, als ich zu Hause ankomme, aber mittlerweile ist meine Mutter ihren Kater wieder los, und sie sitzt über das Kreuzworträtsel gebeugt. Als sie mit dem Eis in ihrem leeren Glas klirrt, steht mein Vater auf, um es ihr aus der Hand zu nehmen. Tomatensaft läuft in Schlieren an seiner Innenseite herunter.

»Sally«, sagt meine Mutter, »wir haben uns schon Sorgen um dich gemacht.«

»Hier ist deine Pepsi«, sage ich und halte sie ihr hin.

»Trink du sie, Liebes«, sagt sie. »Ich brauch sie nicht mehr.«

Sie tippt sich mit der Spitze ihres Kugelschreibers an die Lippe, wodurch ein winziges schwarzes Pünktchen zurückbleibt, als sie ihn wieder wegnimmt. »Kennst du ein Wort für Pferderennen mit fünf Buchstaben?«, fragt sie meinen Vater, und er hört auf, Eis in ihr Glas zu geben, und steht still, um zu überlegen. Sein Gesicht ist völlig ausdruckslos. Schließlich schüttelt er den Kopf, lässt das Eis in ihr Glas fallen und gießt dann Tomatensaft drauf, der blass-rosa wird, als er Wodka dazu schüttet.

Ich mache die Pepsi meiner Mutter auf und sitze mit meinen Eltern am Tisch. Meine Mutter starrt auf das Rätsel, trägt gelegentlich ein Wort ein, und mein Vater arbeitet sich durch die Zeitung, indem er jede einzelne Seite auf der Suche nach bedeutsamen Artikeln überfliegt. Er legt die einzelnen Teile der Zeitung auf einen von zwei Stößen: die mit bedeutsamen Artikeln, die er später noch lesen wird, und die ohne. Er sieht sich jede Seite verzweifelt von oben bis unten an und hofft nichts zu finden, womit er sich näher befassen muss, damit dieser Teil des Tages für ihn vorbei ist. Die Pepsi ist zu warm und zu süß, aber ich trinke sie aus der Dose und sehe meiner Mutter dabei zu, wie sie einen Eiswürfel aus ihrem Glas nimmt und ihn sich an die Stirn hält.

»Herrgott«, sagt sie. »Warum müssen die einen immer in so heiße Gegenden schicken?«

Mein Vater blickt von seiner Zeitung auf und sieht dabei zu, wie etwas von dem Eis auf das Rätsel meiner Mutter tropft.

»Verdammt«, sagt sie, tupft einen Tropfen auf, der auf die Zeitung gefallen ist, und verschmiert damit das Wort, das sie gerade eingetragen hat.

»Aber wenigstens ist sie aus gutem Papier«, sagt mein Vater. »Das muss man ihr lassen.«

Sie sagt nichts und reibt sich mit dem Eiswürfel über Gesicht und Hals. Mein Vater sieht dabei zu, wie ihr die Wassertropfen über das zierliche Brustbein in die Bluse rinnen. Dann schaut er weg und steht auf, um noch einen Drink zuzubereiten.

»Liebes«, sagt meine Mutter, »ist dir nicht langweilig? Warum guckst du nicht ein bisschen Fernsehen?«

Genau wie unsere Nachbarn und unsere Häuser, unsere Straßen und unsere Bäume verändert sich das Fernsehprogramm von einem Ort zum Ändern so gut wie gar nicht, und die gleichen Shows und Songs und Gesichter begleiten uns durch das ganze Land. Ich sehe mir einen Film an, den ich schon in zwei anderen Staaten gesehen habe, und durchs Fenster kann ich Annies Haus sehen. Ich male mir aus, wie sie in das Zimmer zurückgeht, das sie sich mit ihrem Bruder teilt, sich auf die Bettkante setzt und ihm dabei zusieht, wie er seine Comic-Hefte liest. Ich kann mir nicht vorstellen, was sie in jenem Haus sonst tun könnte, es sei denn, sie sitzt auf dem großen, schweren Sofa im Dunkel des Wohnzimmers.

In der Küche ist mein Vater damit fertig, die Zeitung durchzusehen, seufzt auf und wendet sich dem großen Stoß von Artikeln zu, die er jetzt lesen muss. Er starrt lustlos auf jeden einzelnen Artikel, und immer wenn meine Mutter ihn bei ihrem Rätsel um Hilfe bittet, hört er auf zu lesen und stiert geradeaus, um zu überlegen, bis er, unfähig zu helfen, sich wieder seinem Artikel zuwendet und sie zu einer anderen Frage übergeht. So verrinnt der Nachmittag ganz langsam; die meisten Tage vergehen bei uns so, ganz langsam, und immer wieder geschieht das gleiche, und bei dem Tempo, in dem für uns die Zeit vergeht, erscheint es möglich, dass ich niemals erwachsen werde.

Der Film geht zu Ende, ein anderer fängt an, und ich sehe mir auch den noch an, bis meine Eltern sich zu regen beginnen, in Erwartung der Cocktailstunde, die unmittelbar bevorsteht. Die Cocktailstunde macht es erträglicher, dass der Tag plötzlich zur Neige geht, macht daraus ein sanftes Hinübergleiten in den Abend, und sie verändert alles - selbst das Licht nimmt einen gedämpften Goldton an, und es fällt direkt auf meine Eltern. Ich sitze nicht in dem Licht, aber ich bin nahe genug, um seine Wärme zu spüren, zusammen mit dem beißenden Geruch der Martinis meiner Mutter und der gelegentlichen milden Woge von Scotch im Atem meines Vaters, wenn er sich über mich beugt, um meiner Mutter ihren Drink zu reichen.

Mit der Cocktailstunde stellt sich so eine Erregung ein, ein fieberhaftes Gespür dafür, dass alles möglich ist. Die Augen meiner Eltern beginnen zu leuchten, ihre Stimmen erheben sich, ihre Gesten werden weit ausholend und fröhlich. Dann herrscht hier ein grell funkelndes Licht, und wenn ich nach draußen schaue, kommen mir die ganzen anderen Häuser grau und unwirklich vor, nur wie ein Teil der verschwindenden, fahlen Abendlandschaft. Die Familien darin nehmen ihr Abendessen ein und machen die Hausarbeit und sehen zusammen fern. Sie werden heute Abend das gleiche tun, was sie gestern Abend getan haben und was sie auch morgen wieder tun werden. Selbst Annies Haus ist düster, nur von dem kraftlosen, orangefarbenen Sonnenstrahl erleuchtet, der von dem Gebäude dahinter reflektiert wird. Ich wende mich wieder dem Fernseher zu und höre, wie meine Eltern munter werden.

Als ich am nächsten Tag die Haustür aufmache, steht Annie da, ganz unbekümmert an den Türpfosten gelehnt. Sie hat nicht geklopft und vielleicht den ganzen Morgen hier gestanden, möglicherweise schon, seit mein Vater zur Arbeit gefahren ist.

»Oh«, sagt sie, als hätte sie ihre Tür geöffnet und mich davor entdeckt.

»Hi«, sage ich.

»Hör mal«, sagt sie. »Ich hab deinen Namen nicht mitgekriegt.«

»Sally«, sage ich zu ihr, und sie nickt.

»Sally«, wiederholt sie. »In der Schule gibt es schon drei Sallys.«

Sie fasst nach einem Faden, der von ihrem Armelaufschlag herunterhängt, und zieht daran, aber er ist nicht lose, und sie lächelt, als ihr Ärmel anfängt, sich aufzuribbeln. »Ich kann sie alle drei nicht leiden«, sagt sie und blickt in Richtung der Schule, die nicht allzu weit entfernt liegt. Meine Eltern bemühen sich immer, ganz nah bei der Schule zu wohnen, damit ich zu Fuß hingehen kann, und sie bemühen sich auch, bei unseren Umzügen den Schulbeginn mit einzuplanen, damit ich, wie sie es ausdrücken, keinen schlechten Start habe. Die Chance neue Freunde zu finden, sagen sie, ist für mich genauso groß wie für alle anderen. Und das stimmt, ich finde in meinen neuen Schulen immer Freunde, und es sind immer die gleichen: schüchterne Mädchen mit dünnem Haar und Brille und schüchterne Jungs mit blassen, runden Gesichtern. Sie ähneln einander so sehr, dass ich mich kaum von einer Stadt zur nächsten an sie, ihre Namen oder ihre jeweiligen Charakterzüge erinnere. Manchmal schicken wir uns ein paar kurze, hingestammelte Briefe, doch schon bald treten neue Freunde an ihre Stelle, die so reden wie sie, so gehen und aussehen und sich so kleiden wie sie, ja, ihnen so ähnlich sind, dass nur ihr Alter sich ändert, und es ist, als handele es sich um denselben Freundeskreis, der zusammen mit mir älter wird.

Ich finde meine neuen Freunde am Anfang jedes Schuljahrs, und genau wie ich selbst sind sie immer zu finden, wie sie sich am Rand des Klassenzimmers herumdrücken oder in den Fluren die Wand entlang schleichen - an Stellen, wo wir nicht im Weg stehen und beobachten können, wie uns die Spielregeln an der Schule vorgeführt werden. Annie ist ganz anders als meine üblichen Freunde.

»Wie auch immer«, sagt sie jetzt, »was hast du gerade gemacht?«

»Nichts«, sage ich, und sie starrt mich gespannt an.

Sie sagt nichts, also sage ich schließlich: »Ich hab bloß Fernsehen geguckt.«

»Fernsehen?«, sagt sie und wirft einen Blick über meine Schulter. Hinter mir springt der Fernseher übergangslos von einer Show zur Werbung und wieder zu der Show, und sie horcht und versucht zu erraten, was gerade läuft.

»Meine Eltern lassen mich nicht viel Fernsehen gucken«, sagt sie und schaut immer noch an mir vorbei, und bald sitzen wir zusammen auf dem Teppich vor dem Fernseher.

»Oh«, sagt sie, »ich finde diese Show toll.« Sie sitzt nur ein paar Schritte vom Fernseher entfernt, aber ich kann sehen, wie ihre Augen durchs ganze Zimmer wandern. Sie lehnt sich zur Seite und wirft um die Ecke herum einen Blick in die Küche.

»Was macht sie da?«, fragt Annie.

»Ich weiß nicht«, sage ich, »vielleicht ein Kreuzworträtsel.«

Einen Augenblick später kommt meine Mutter ins Zimmer, und als ich ihr Annies Namen sage, wirft Annie mir einen überraschten, etwas misstrauischen Blick zu, da sie ihn mir eigentlich nicht verraten hat, aber sie gibt meiner Mutter die Hand und lächelt.

»Sie haben ein sehr schönes Haus«, sagt sie, und meine Mutter schaut verdutzt drein und lässt dann ihren Blick über die weißen Wände, die schlichten, gediegenen Möbel schweifen.

»Danke«, sagt sie, und als unsere Show weitergeht, steht sie, vornehm an ihrer Zigarette ziehend, hinter uns, während wir es uns wieder vor dem Fernseher gemütlich machen.

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