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Stadt der Vergessenen

Über den Autor:

Stephen Blackmoore war nach eigener Aussage als Kind der Ansicht, man könne seine Zeit am besten damit verbringen, Dinge in Brand zu stecken. Bis er entdeckte, dass Augenbrauen nur sehr langsam nachwachsen. Neben seinen Romanen um das von dunklen Mächten unterwanderte L.A. schreibt er Kurzgeschichten, Artikel und betreut als Redakteur das Pulp-Magazin NEEDLE: A MAGAZINE OF NOIR.

Stephen Blackmoore

Stadt der Vergessenen

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Thomas Schichte

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Kapitel 1

Ich werfe meine Jacke auf den Tresen. Setze mich auf den Barhocker neben Julio. Er genehmigt sich gerade den sechsten Drink des Tages, und es ist noch nicht einmal Mittag. Leere Schnapsgläser liegen vereinzelt auf dem Tresen herum. Julio steht auf Tequila und bevorzugt Patrón, wenn er es kriegen kann, andernfalls Cuervo. Ich trinke Scotch. Bestelle mir einen Johnny Walker Black, pur.

»Was zur Hölle machste hier, Joe?«, fragt er und wirft mir aus unsteten Augen einen Seitenblick zu. Außer dem Barkeeper sind wir die Einzigen hier. Henry’s Bar and Grill an der Magnolia ist nicht die schlimmste Spelunke der Stadt, gehört aber zum Übelsten, was man in North Hollywood findet. Alles hier ist rotes Kunstleder und Messingschnickschnack. Sieht aus wie die Hölle, wenn Satan denn ein Lounge-Sänger wäre. Julio ist Stammgast. Wenn er nicht gerade beruflich mit mir unterwegs ist oder zu Hause bei seiner Frau Mariel steckt, sitzt er hier und kippt sich ein paar hinter die Binde.

»Ich wollte dich gerade das Gleiche fragen«, sage ich. »Du wurdest gestern Abend bei Simon erwartet. Hast du mit dem Italiener gesprochen? Hast du den Stein bekommen?«

Simon Patterson ist unser Boss. Der verrückte englische Scheißkerl hat uns eingestellt, um Knochen zu brechen und Hände in Zerkleinerer für Küchenabfälle zu stecken. Den Rest der Leiche notfalls auch.

Wir sind gut in dem Job und er bezahlt uns gut.

»Yeah«, sagt er. »Ich hab mit ihm geredet.«

»Und der Stein? Hast du ihn?«

Er schüttelt den Kopf. Toll. Kein Stein, und Julio ist scheiße noch mal zu besoffen, um klar zu denken. Er hat dann so einen Tausend-Meter-Blick drauf. Einen Moment später blickt er zu mir auf, eine Bitte in den Augen. »Ich kann das nicht machen, Mann.«

»Was machen?«

Er schüttelt den Kopf. »Das hier«, sagt er und starrt dabei auf seine Hände und Arme. Er packt mich am Kragen, zieht mich heran. »Das endet nie, Mann. Das endet verdammt noch mal nie! Ich kann das nicht für immer machen. Scheiße, ich kann das nicht machen.«

Okay, nicht der richtige Zeitpunkt, um den verrückten Bären in den Pelz zu stochern. Sachte befreie ich mich aus seinem Griff und betrachte ihn gründlich. Er sieht furchtbar aus: blutunterlaufene Augen, zitternde Hände. Hat nicht geschlafen. Nervöser, als ich ihn je erlebt habe. Er ist total ausgerastet, und das macht mir eine Scheißangst.

Julio ist der größte Filipino, den ich kenne. Einsfünfundachtzig. Richtig harter Kerl. Stemmt drei-fünfzig, hat Drachentätowierungen an den Schultern. Verprügelt Samoaner zum Spaß. Ich habe den Fehler gemacht, im Fitnessstudio für ein paar Runden gegen ihn anzutreten, und lag mit Gehirnerschütterung und ausgeschlagenem Zahn am Boden. Wenn Julio Angst hat, dann muss es dafür einen verdammt guten Grund geben.

Gestern Abend hat Simon von ihm verlangt, Sandro Giavetti in die Mangel zu nehmen, einen Italiener aus Chicago. Sollte sich den Itaker in seinem Hotel vorknöpfen.

»Jesus, Mann, was zum Teufel ist denn mit dir passiert?«, frage ich Julio.

Vor einer Woche taucht Giavetti bei Simon auf, um Sachen zu kaufen, die man nicht im Handel kriegt. Hat einen Job geplant: In ein Haus einbrechen und einen Edelstein klauen.

Jedenfalls bringt Simon ihn mit drei Jungs zusammen, die gut im Einbrechen sind, und kriegt einen netten dicken Anteil für seine Rolle als Mittelsmann. Nun sind zwei nirgendwo mehr zu finden, und der dritte ist tot. Hat sich vorgestern Abend das Hirn rausgepustet. Es heißt, man hätte genug Patronenhülsen für einen ganzen Ladestreifen gefunden, aber nur eine einzige Kugel. Die Kugel, die er benutzt hat, um seine Wand zu streichen.

Normalerweise würde Simon einen Scheiß darauf geben. Nur machen jetzt Gerüchte die Runde, Simon hätte seine Finger in dem gehabt, was immer zum Teufel da abgelaufen ist. Ein Typ wie Simon aber lebt von seinem Ruf. Ist wertvoller als Gold. Er überlegt sich, dass Giavetti die Klappe aufgerissen hat, also muss Simon ihm jetzt demonstrieren, dass diese Scheiße nicht gut ankommt.

Julio gießt sich einen weiteren Drink ein und kippt ihn herunter, als wäre es Muttermilch. Starrt auf seine Hände. »Sieh nur, was er aus mir gemacht hat.«

Ich recke den Hals, um mir seine Hände anzusehen. Kann nicht erkennen, was damit groß los sein soll.

»Sie sehen prima aus, Julio.«

»Nein, Mann! Das tun sie nicht. Das sind nicht meine Hände. Es sind seine. Es sind seine Scheißhände!«

Ich gebe ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. »He! Jetzt komm mal wieder zu dir!«

Also schickt Simon Julio zu Giavetti ins Hotel. Das Arschloch allemachen und den Stein mitnehmen. Weiß der Teufel, was Simon damit möchte. Geht wohl ums Prinzip, vermute ich.

Wie auch immer. Die Sache ist die: Julio sollte sich gestern Abend zurückmelden, ist aber nie aufgetaucht.

Mein Telefon zwitschert mir aus der Jackentasche was vor. Es ist Simon. »Joe, mein alter Kumpan«, sagt er, und der Cockney klingt durch, als lebte er nicht schon seit fünfzehn Jahren in den Staaten. »Hast du ihn gefunden?«

»Ja«, sage ich. »Er dreht durch. Irgendwas ist passiert, aber er hat mir noch nicht erzählt, was.«

»Wie sieht er aus?«

»Er sieht beschissen aus«, sage ich. »Ich denke nicht, dass er geschlafen hat. Trinkt außerdem schon früh am Tag.« Tatsächlich sieht Julio sogar schlimmer aus als vor einer Minute. Ich sehe genauer hin. Ja, als würde sein Gesicht zusammenschrumpfen oder so was.

Julio schließt die Augen, faltet die Hände. Brummt irgendwas auf Tagalog.

»Hat mit Giavetti geredet, oder?«

»Ja, er hat mit ihm geredet. Denke ich wenigstens. Er führt sich irgendwie ganz komisch auf.«

Simons Ton wird eindrücklicher. »Hat er den Stein?«

Ich blicke zu Julio hinüber. Jesus Christus, denke ich, er betet! »Nein«, sage ich. »Sagt, er hätte ihn nicht bekommen. Sieh mal, ich denke, ich muss ihn hier hinausschaffen.« Der Barkeeper guckt uns ganz böse an, und sollte Julio total ausrasten, dann lieber irgendwo, wo’s privat ist.

»Ich brauche diesen Stein, Joe. Ich brauche ihn verdammt noch mal, Kumpel! Stell fest, wo er ist. Wenn Julio Giavetti gesehen hat, dann hat er auch den Stein gesehen. Er weiß, wo das Ding steckt.« Simon klingt atemlos und schrill.

»Jesus, beruhige dich!«, sage ich. »Ich finde es heraus.« Simon kann manchmal ein richtiges Arschloch sein.

»Julio«, sage ich. »Simon möchte …« Ich fahre zusammen, als ich Glas bersten höre. Julio hat seine Flasche Cuervo gepackt und am Tresen zerschmettert.

Instinktiv möchte ich auf Distanz gehen, obwohl ich nicht glaube, dass er auf mich losgehen wird. Trotzdem drehe ich mich zur Seite und verdrehe mir dabei das linke Knie.

Wie sich rausstellt, bin ich nicht der, der sich Sorgen machen muss.

Julio packt den Barkeeper am Hemd, zieht ihn ran, holt richtig weit mit der Flasche aus. Der Typ schreit und rudert mit den Armen, um sich zu befreien.

Julio zieht den Barkeeper noch näher ran und schnappt mit den Kiefern. Als wollte er ihn am Brustbein packen und zubeißen.

Ich ignoriere die Schmerzen im Knie und gehe auf Julio los. Nehme ihn in einen Doppelnelson und zerre ihn rückwärts. Der Barkeeper, gar nicht dumm, nimmt Richtung Hintertür Reißaus.

»Was zum Teufel machste, Mann?«, brülle ich. Julio knurrt und spuckt nur und fuchtelt mit dieser gottverdammten kaputten Tequilaflasche in der Gegend herum.

Ich versuche ihn zu Boden zu ringen, aber ehe ich ihn richtig in den Griff bekomme, beugt er sich vor und schleudert mich sauber über den Tresen. Ich krache gegen eine Wand voller Wild Turkey und Maker’s Mark, und Glas splittert rings um mich.

Ich schlage mit dem verdrehten Knie am Boden auf und schneide mich an Glasscherben. Auf der anderen Seite der Theke pirscht Julio wie ein Panther auf Heroin hin und her und schwingt dabei die Flasche. Er brummt und knurrt, hat völlig den Verstand verloren. Was für ein Zeug hat er sich verdammt noch mal reingezogen?

Ich schnappe mir hinter der Theke ein Gemüsemesser. Die Klinge ist nur drei Zoll lang, aber es ist besser als nichts. Ich humpele hinter dem Tresen hervor, packe einen Schemel, bleibe auf Distanz.

Julio wirbelt herum, sieht mich. Sein Gebrummel wächst sich zu einem Schrei aus, und er geht auf mich los. Dabei fuchtelt er mit der kaputten Flasche herum – nicht so, als betrachtete er sie wirklich als Waffe, sondern eher, als wüsste er sonst nichts damit anzufangen.

Den Barhocker in einer Hand, das Gemüsemesser in der anderen, komme ich mir wie ein geistig zurückgebliebener Löwenbändiger vor.

Und als Julio fast schon in mich hineinrennt, bleibt er stehen.

Der Ausdruck in seinen Augen wechselt zu etwas, was ich noch nie zuvor gesehen habe. Flehen. Beten? Für einen Sekundenbruchteil ist Julio zurück. Lange genug, so scheint es, um Lebwohl zu sagen.

Er stößt sich die zersplitterte Flasche in den Hals und reißt eine schartige Wunde vom Adamsapfel bis zur Halsschlagader, dreht die Flasche nach oben und rammt sich die Schneide durch den Rachen.

Blut spritzt hervor wie Öl aus einem Lastkran. In Panik lasse ich Messer und Barhocker fallen. Versuche, die Blutung zu stoppen. Ich kann Simons blecherne Stimme hören, die aus meinem Telefon auf dem Fußboden immer wieder »Was? Was?« ruft.

Ich greife nach Barhandtüchern, meiner Jacke, einfach allem, womit ich den Blutfluss unterbinden kann. Aber nichts davon hat eine Wirkung. Julio verdreht die Augen. Das Leben strömt in roten Blasen über das Hemd.

*

Frank Tanaka raucht mir etwas vor.

Er ist inzwischen bei seiner dritten Kool, während er mir in einem der Verhörzimmer auf dem North Hollywood Polizeirevier am Burbank Boulevard gegenübersitzt. Was die Geräuschdämmung angeht, hat man hier schlechte Arbeit geleistet, und ich kann den Verkehr auf dem 170 Freeway einen Häuserblock entfernt hören.

Ich blicke auf das RAUCHEN-VERBOTEN-Schild an der Wand. Frank fängt meinen Blick auf. Bläst mir den Rauch ins Gesicht.

»Schätze, du möchtest auch eine«, sagt er. Das tue ich, aber wir beide wissen, dass er mir keine Zigarette geben wird und ich sie ohnehin nicht annehmen würde.

»Mentholzigaretten sind was für Schlappschwänze.«

Frank Tanaka ist einer dieser kleinen japanischen Typen, vor denen man Kampfsportschüler immer wieder warnt. Er ist kurz und drahtig, und ich zweifle nicht daran, dass er mich verkloppen kann, egal wie viel er raucht.

Er drückt eine Taste an dem kleinen Recorder zwischen uns und nennt Datum und Uhrzeit.

»Also, Sunday, warum hast du Julio umgebracht?«

»Frag den Barkeeper«, sage ich zum fünften oder sechsten Mal. »Er wird dir das Gleiche sagen. Julio hat sich selbst umgebracht.« Als die Cops endlich so weit waren, mit mir zu reden, war es schon vier Uhr nachmittags. Ich konnte mich bis dahin ein wenig sauber machen, aber meine Hände fühlen sich immer noch klebrig an, egal wie viel ich sie schrubbe. Mein Hemd ist mit Julios Blut getränkt, und das Knie, das ich mir hinter dem Tresen verdreht habe, ist geschwollen. Das verdammte Ding pocht schon, wenn ich es nur komisch angucke, und das schon, seit ich es mir beim Ringen auf der High School kaputtgemacht habe. Diese Mistkerle hätten mir ruhig etwas Advil geben können.

Zumindest haben sie mir Pflaster für die Schnittwunden an den Händen gegeben.

»Erzähl hier keinen Scheiß, Sunday.« Frank funkelt mich an, die Ärmel seines Salmon-Oxford-Hemds bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. Sein Mr-Miyagi-Schnurrbart zuckt. »Julio Guerrera war nicht der Typ, sich umzubringen.«

Da hat er mich in der Ecke. Noch vor vier Stunden hätte ich ihm zugestimmt. Verdammt, ich stimme ihm jetzt noch zu! Julio und Selbstmord, das passt nicht zusammen.

»Keine Ahnung. Vielleicht konnte er seine Wettschulden nicht bezahlen?«

Frank weiß, dass ich mit etwas hinter dem Berg halte. Er kannte Julio fast so gut wie ich. Gott weiß, dass er uns beide oft genug verhaftet hat: Verdacht auf Mord, auf schwere Körperverletzung. Hat mich einmal gegriffen, als ich bei Rot über die Straße ging, nur um mich aufs Revier zu kriegen. Er hatte aber nie genug in der Hand, um uns festzunageln. Wir setzen diesen Wortwechsel noch ein paar Runden lang fort, als erwarte er, dass genug Wiederholungen mich dazu bewegen, meine Story zu ändern. Dann wirft er eine Granate ins Gespräch.

»Was hat es mit Sandro Giavetti auf sich?« Ich fahre beinahe zusammen, als er das sagt. Doch seit ich vor zwanzig Jahren unten in Venice Pot verhökert habe, sitze ich immer wieder in solchen Zimmern, und ich habe nicht vor, dieses Mal auszurutschen.

»Sandra? Nie von ihr gehört«, sage ich. »Julios Frau wird stinkig sein.«

»Ich weiß, dass Julio gestern Abend Giavetti besucht hat.«

»Weiß nicht, wovon du redest.« Frank hält die Klappe und macht auf Anglotzen. Jeder Cop hat das drauf. Streng gucken, nix sagen. Die meisten Leute schütten sich aus, nur um die Stille zu vertreiben und das Gespräch wieder in Gang zu bringen. Ich bin nicht so leicht zu packen. Er macht das schon seit Jahren mit mir.

Eine Minute später klopft jemand an, und eine Uniformierte steckt den Kopf herein. »Sein Anwalt ist da«, sagt sie. Frank und sie funkeln sich gegenseitig an und zeigen dabei Gesichter, die lauthals von einem schlimmen Beziehungsende künden. Ich Glückspilz. Die Frau führt einen von Simons gesichtslosen Anwälten herein, ehe Frank auch nur Gelegenheit erhält, den Mund zu öffnen.

Der Mann trägt einen grauen Armanianzug und eine auffällige Rolex. Allein sein Haarschnitt kostet vermutlich so viel wie meine Schuhe. »Detective«, begrüßt er Frank und blickt ihn mit der Miene einer Schulnonne an, die gerade einen Jungen auf der Mädchentoilette erwischt hat. »Schön, Sie wiederzusehen.«

»Herr Anwalt«, gibt Frank zurück. Er weiß, dass er nichts gegen mich in der Hand hat. Dieses Verhör ist vorbei. Er steht auf, zieht eine Visitenkarte aus seiner Tasche, kritzelt eine Nummer auf die Rückseite und reicht sie mir.

»Wenn du irgendwas Merkwürdiges siehst. Irgendetwas. Ruf mich an.« Er geht zur Tür hinaus. Knallt sie hinter sich zu.

»Sie verstehen sich wirklich darauf, Freunde zu finden, nicht wahr, Mr Sunday?«, fragt der Anwalt. Er setzt sich vor mich, legt die Aktentasche aus Kalbsleder auf den Tisch und öffnet sie. »Tut mir leid, das von Ihrem Kollegen zu erfahren«, sagt er mit etwa so viel Gefühl, als bestellte er ein Sandwich.

»Ja«, sage ich. »Das war ätzend.«

Von allem, was mir heute passiert ist, verstört mich am meisten, dass mir Frank seine Karte gegeben hat. Eben noch verhaftet er mich, dann gibt er mir seine Telefonnummer. Erinnert mich an ein schlechtes Date. Ich stecke mir die Karte in die Jackentasche, nur um sie nicht mehr sehen zu müssen.

»Haben Sie ihn umgebracht?«

»Himmel noch mal, Sie nicht auch noch!«

Er breitet versöhnlich die Hände aus. »Ich muss das fragen«, sagt er. »Ich deute Ihre Antwort als nein. Der Barkeeper hat mir die gleiche Story erzählt, sobald er erst mal genug Beruhigungsmittel bekommen hatte, dass er endlich nicht mehr so schrie. Scheint zu denken, dass Mr Guerrero ihn aufzuessen versucht hat oder so was. Wir müssten Sie ruckzuck hier loseisen können, wenn man bedenkt, dass keinerlei formelle Beschuldigung gegen Sie erhoben wurde.«

»Wie lange dauert ruckzuck?«, frage ich.

Er wirft einen Blick hinter sich zur Tür. »Es geht nur noch um Papierkram. Es wird jedoch leichter sein, wenn wir noch ein paar Minuten lang hier sitzen. Der Detective ist ganz schön angefressen.«

Kapitel 2

Simon besitzt ein Haus nördlich der Palisades, das Aussicht aufs Meer und den Pacific Coast Highway bietet. Meereswellen und Verkehr erzeugen ein geringes Rauschen, das immerhin den Lärm in meinem Kopf übertönt.

Er hat zu einem Treffen dort eingeladen, in einem Haus, in dem er üblicherweise Hollywood-Berühmtheiten der D-Liste und Produzenten unterhält sowie ab und zu ein jugendliches Naivchen. Er steckt hinter einer Menge Geld, das in L.A. kursiert, hängt das aber nicht an die große Glocke. Man wird seinen Namen nicht in der Variety genannt finden, und so ist es ihm auch lieber.

Natürlich kommt er zu spät, aber da er der Boss ist, heißt das nur, dass ich zu früh bin. Mit Hilfe eines Ersatzschlüssels und meiner Kenntnis des Alarmcodes verschaffe ich mir Zutritt. Julio und ich haben uns in diesem Haus nach einem Job gelegentlich neu formiert und hatten so von jeher einen Schlüssel.

Herrgott, es fällt schwer, in der Vergangenheitsform an Julio zu denken. Nach meiner Entlassung bin ich zunächst nach Hause gegangen, habe mir Eis aufs Knie gepackt und die schlimmsten Schnitte neu verbunden. Mich sauber gemacht. Und mir die ganze Zeit lang überlegt, was ich Julios Frau sagen soll.

Weiß nicht, ob die Cops das übernehmen, aber es ist klar, dass Simon es nicht tun wird. Für sie wird jedoch gesorgt sein. Simon steht auf dieses Loyalitätsding. Sobald man dazugehört, gehört man dazu. Aber um nichts in der Welt wird er mit ihr reden. Das wird meine Aufgabe sein, ob es mir nun gefällt oder nicht.

Sie wird es nicht gut verkraften. Julio hat ihr nie erzählt, wie er seinen Lebensunterhalt bestreitet. Sie denkt, dass er als Manager für ein Bauunternehmen in Hollywood arbeitet. Er hat sie in Manila kennengelernt, wo sie in der Überzeugung aufwuchs, nichts aus eigener Kraft bewegen zu können. Glaubt immer noch, dass sie einen Mann um sich haben muss, um irgendwas gebacken zu kriegen. Erstaunlich, dass sie aus dem Bett kommt, ohne dass Julio dabei hilft.

Julio hat mir mal erklärt, dass sie ihm das Gefühl gibt, gebraucht zu werden. Etwas Besonderes zu sein. Ich sagte ihm, er wäre nicht ganz dicht.

Ich habe sie auf dem Weg zu Simon angerufen. Habe nur den Anrufbeantworter erreicht. Julios raue Stimme forderte mich auf, eine Nachricht zu hinterlassen, also tat ich es. Wollte gerade erklären, dass Julio sich umgebracht hat, aber es war ein bizarres Gefühl, der Stimme eines Toten etwas zu sagen, was sie eigentlich schon wissen müsste. Habe dann Mariel hinterlassen, sie solle mich später zurückrufen.

Ich bin bei meiner vierten Marlboro und meinem dritten Tecate, als die Haustür aufgeht. Simon hätte ich erwartet, aber Danny kommt als Überraschung.

Danny Harrison ist Simons … Verdammt, ich weiß nicht, als was ich ihn bezeichnen soll. Verwaltungsassistent? Vorarbeiter? Betriebsmanager?

Glatzkopf, aalglatt mit Worten. Eine Menge Tätowierungen. Trägt immer diesen gottverdammten Buster-Keaton-Hut und wirkt so wie ein Komparse in Swingers.

Simon gehört ein Club in Hollywood, wo er die meisten seiner Geschäfte erledigt. Wechselt das Thema des Etablissements alle paar Abende. Die Fetischleute an einem Tag, Swing Dancer am nächsten, Heavy-Metal-Fans, wenn er sie dazwischen kriegt. Simon liebt die Vielseitigkeit.

Danny leitet den Club und kümmert sich um einige der nicht ganz legalen Geschäfte. Ein echter Senkrechtstarter, dieser Danny. Wie ich höre, erlaubt ihm Simon, vom Club aus nebenher ein bisschen was mit Prostitution zu verdienen.

Meistens habe ich persönlich mit Danny zu tun, wenn ich eine saubere Knarre abhole oder Julio und ich mal die Bodyguards für Simon im Club machen.

»Joseph«, sagt Simon, als er mit Danny im Schlepp auf die Veranda kommt. »War nicht ganz sicher, ob du es schaffen würdest. Danny, hol dem Mann was zu trinken.« Ich hebe mein Bier, und er nickt. »Dann besorg mir was zu trinken.«

Simon ist wie ein Hydrant gebaut, gedrungen und massiv, aber gute zwanzig Jahre älter als er aussieht, auch wenn sein Harr dünner wird. Er mag gekochtes britisches Essen lieber, als sein Arzt beruhigend fände, aber Simon ist das egal. Er hat so viel Geld, dass er unsterblich ist, und kann es sich leisten, auf großem Fuß zu leben.

Er klatscht mir eine dicke Hand auf die Schulter. »Alles okay mit dir, Junge?«

»Klar«, sage ich. »War nur ein langer Tag.«

Er lässt den Kopf hängen und nickt. »Das war er«, sagt er und blickt wieder zu mir auf. »Doch er wird noch länger. Die Sache ist nicht ausgestanden, Joe.«

»Was ist nicht ausgestanden, Simon?« Etwas in mir droht zu zerreißen.

Ich werde nicht sauer. Das wäre unprofessionell, gäbe dem anderen einen Vorteil. Ich zwinge mich, ein Stück weit loszulassen, aber an den Ecken sickert es raus.

»Weißt du, warum er das gemacht hat?« Ich trete näher heran, zeige ihm meine Hände. Julios Blut klebt noch immer unter den Fingernägeln. »Er hat sich selbst den Scheißhals aufgerissen!«

Simon weicht langsam zurück, und in diesem Augenblick merke ich erst, dass er ein Messer hält. Die Klinge ist nur Millimeter davon entfernt, meine Eingeweide auf dem Fußboden zu verstreuen. Man vergisst leicht, wie schnell er mit dem Messer ist.

»Beruhige dich, Joseph. Darüber wollen wir ja hier reden.« Er blickt sich in dem dunstigen blauen Schleier um, der in Los Angeles als nächtliche Dunkelheit durchgeht. »Aber nicht hier draußen.« Er geht hinein ins Wohnzimmer. Ich zögere kurz, um mich zu fassen, und folge ihm dann.

Er schließt die Schiebetür. Verriegelt sie. Zieht die Vorhänge zu. »Ich weiß nicht, ob das hilft«, sagt er mehr zu sich selbst als zu uns anderen. Danny reicht ihm einen Scotch mit Soda. Er gießt den Drink in sich hinein, als wäre es Wasser, und plumpst in einen der lederbezogenen Manhattansessel.

»Gib uns mal einen kurzen Überblick über das, was passiert ist«, fordert er mich auf.

Ich setze ihnen die Details auseinander. Als ich jedoch darauf zu sprechen kommen möchte, dass Julio den Stein besorgen sollte, zeigt mir Simon dieses Halt-bloß-die-Klappe-Gesicht, und ich übergehe diesen Teil.

Danny scheint es nicht zu bemerken. Ich frage mich, ob Simon ihm davon erzählt hat. Und überlege dann, warum wohl nicht.

»Giavetti hat Julio umgebracht«, sagt Simon. Hebt eine Hand, als ich den Mund öffne. »Lass mich ausreden. Bitte. Ich weiß nicht, wie er es gemacht hat, aber ich weiß, dass er es getan hat. Er und ich blicken auf eine lange Geschichte zurück. Als er mich neulich aufsuchte, habe ich mir fast in die Hose geschissen. Ich bin vierundsechzig. Bin Giavetti zum ersten Mal begegnet, als ich achtzehn war. Er sah damals genau so alt aus wie heute. Kannst du mir folgen?« Er unterbricht sich, damit ich es verdauen kann. Ich kann es nicht.

»Ich hab den Kerl gesehen, als er dich aufgesucht hat«, sagt Danny. »Er muss in den Achtzigern sein.«

»Ich dachte 1959 das Gleiche.«

»Bist du sicher, dass es derselbe Typ ist?«, frage ich.

Er lacht. »Oh ja!«, sagt er. »Einen Mann wie Giavetti vergisst man nicht wieder. Ich habe gelegentlich was für ihn erledigt. Er hatte seine Finger in ein paar Bordellen in London, in Pferderennen und Pokerclubs.«

Er unterbricht sich erneut und holt tief Luft, bevor er fortfährt. »Eine verdammt eigenartige Sache: Er verbrachte viel Zeit in Bibliotheken. Eines Abends hat ein Kumpel von mir die clevere Idee, Giavetti umzulegen. Wir hatten getrunken, und wir beide wussten, dass er stinkreich war. Also überlegten wir uns, dass wir uns im Wandschrank verstecken und Giavetti im Schlaf erwürgen würden. Mein Job war es, ihn ins Haus zu lotsen. Ich hatte Schlüssel und wusste, wann der alte Sack ins Bett geht.«

»Ihr habt versucht, ihn umzubringen?«, fragt Danny.

»Nicht versucht. Haben ihn richtig gut gefesselt, ihn mit einem Cricketschläger totgeprügelt. Haben zugesehen, wie er auf seinen Perserteppich blutete, und dabei die ganze Zeit gelacht. Wir stopften uns so viel in die Taschen, wie wir nur mitnehmen konnten. Dann zündeten wir seine Bude an. Er war wirklich tot. Ich habe ihn brennen gesehen.«

Ich blicke zu Danny hinüber, möchte mal sehen, ob er ihm das abkauft.

»Quatsch«, meint der.

»Ich stimme Danny zu«, sage ich. »Möchtest du uns weismachen, dass Giavettis Geist zurück ist und er irgendwie Julio dazu gebracht hat, sich umzubringen? Komm schon, Simon. Dreh jetzt nicht durch. Du hast Giavetti vor, wie vielen, fast fünfzig Jahren umgebracht? Es ist jemand anderes. Was ist aus deinem Partner geworden?«

»Hat die Nerven verloren«, erzählt er. »Hat davon geredet, zur Polizei zu gehen.« Wie ich Simon kenne, heißt das, dass der Typ am Grund der Themse liegt. So viel zu dieser Spur.

»Wer wusste sonst noch davon?«

»Außer euch beiden habe ich nie einer Menschenseele davon erzählt. Damals hatte Giavetti Verbindungen. Wäre durchgesickert, dass wir es waren, dann wären wir tot gewesen. Niemand sonst wusste davon.«

»Jemand führt dich an der Nase rum. Die Typen, mit denen du ihn zusammengebracht hast, stecken da mit drin. Müssen sie einfach. Der Tote hat die Nerven verloren, und die anderen haben ihn umgenietet.«

»Und die fehlenden Kugeln?«

»Die Westen«, sagt Danny und erwärmt sich für das Thema. »Die Kugeln stecken in ihrem Kevlar.« Macht allmählich Sinn. Die Puzzlestücke fügen sich zusammen. Simon nickt langsam zu diesem Szenario.

»Warum hat Julio dann Selbstmord begangen, nachdem er ihn getroffen hatte?«, fragt er.

»Okay, das reicht«, sagt Danny. »Das ist ja eine nette Plauderei am Lagerfeuer, Geistergeschichten erzählen und all so was. Vielleicht können wir später noch S’mores aufbacken und Kumbaya singen. Aber derzeit haben wir es mit einem Arschloch zu tun, das jemanden spielt, den du vor fünfzig Jahren umgebracht hast. Entweder das, oder du wirst senil, und ich wette, dass das nicht dein Problem ist.«

»Du hältst es also für einen Trick?«

»Ich gebe zu, dass es ein bizarrer Dreh ist«, sage ich, »aber ja. Was Danny sagt, hat was für sich.«

Wenn Simon sich in eine Idee verbeißt, lässt er nicht mehr davon ab. Der hartnäckigste Mann, dem ich je begegnet bin. Er schlägt diesen Tonfall an, der verrät, dass uns eine lange Nacht der Diskussionen bevorsteht.

Er denkt eine ganze Weile lang nach. »Du hast recht«, sagt er schließlich.

»Bitte?«

»Ich sagte, du hast recht. Er muss ein Imitator sein. Der richtige Giavetti ist tot. Seit Jahren.«

Irgendwas stimmt da nicht. Simon gibt niemals so leicht nach. Was zum Teufel spielt er für ein Spiel?

»Was Danny sagt, stimmt. Es kommt auch gar nicht darauf an«, meint Simon. Er nickt Danny zu, der aufsteht, um Simon einen weiteren Scotch mit Soda zu holen. »Jemand kommt mir blöd. Ich möchte, dass er verschwindet.«

»Halleluja«, sagt Danny. »Er kommt zur Einsicht.«

Simon widmet Danny ein kaltes Lächeln. Ich denke nicht, dass Simon diesen Kalauer mit der Senilität so bald vergisst.

»Wann?«, frage ich.

»Heute Nacht«, sagt Simon. Er hebt das leere Glas. »Danny, bringst du mir noch einen?« Ernüchtert darüber, den Servierer machen zu müssen, geht Danny los, um einen weiteren Drink zu besorgen.

Simon öffnet eine Schublade am Tisch neben seinem Sessel und holt eine Glock 30 mit Laufgewinde und Schalldämpfer hervor.

»Benutz die hier«, sagt er und reicht mir die Waffe. »Sie ist sauber.«

Danny kehrt mit einem neuen Glas zurück. Simon kippt den Inhalt herunter. »Ich verlasse die Stadt«, sagt er. »Fahre für ein paar Tage nach San Diego. Mache ein bisschen Urlaub. Gehe vielleicht angeln.« Die Gelassenheit, die Simon sonst nach außen kehrt, bekommt Risse. Er trinkt sonst nicht so viel, schwitzt nicht so viel.

»Ich habe nur noch dich, Joseph. Ich verlasse mich darauf, dass du unseren falschen Mr Giavetti aus der Stadt geleitest, ehe ich zurückkehre. Es ist unerlässlich, dass du das tust. Wahrscheinlich das Wichtigste, was ich je von dir verlangt habe.«

Er braucht mir nicht zu sagen, dass ich auch den Stein besorgen soll. Das versteht sich von selbst. Ein alter Mann in einem Hotelzimmer. Einfacher kann man es nicht haben.

Aber warum ist es so verdammt wichtig?

Kapitel 3

Nur Danny und ich stehen noch auf der Kieseinfahrt und rauchen. Wir blicken Simon nach, während er mit seinem schwarzen Jaguar davonfährt.

»Wovon habt ihr da geredet?«, fragt Danny.

»Giavetti. Du warst doch dabei. Wirst du taub oder nur senil?«

Danny lacht. »Wo wir schon davon sprechen: Er hat einen Schlag weg, was?«

Ich zucke die Achseln. »Vielleicht.« Ich denke mir schon seit dem Anruf in der Kneipe, dass Simons Verhalten nicht mehr ganz in der Spur ist. Das ist nicht der Simon, den ich kenne. Gewöhnlich kann ihn nichts erschüttern. Er ist durch nichts aus der Fassung zu bringen. Seine Besessenheit davon, den Stein zu kriegen, ergibt einfach keinen Sinn. Und jetzt diese Story über Giavetti …

»Was, glaubst du ihm?«

»Kommt es darauf an?« Klar, ich hege Zweifel, aber ich arbeite für den Mann. Arbeite nahezu verdammte zwanzig Jahre für ihn. Wenn er langsam den Verstand verliert, folge ich ihm auf dem Fuße.

Danny denkt über das nach, was ich gerade gesagt habe. »Vermutlich nicht.« Die Heckleuchten des Jaguars verschwinden hinter einer Kurve.

»Außerdem«, sage ich, »wenn er wirklich denkt, dass es noch derselbe Typ ist, glaubst du, dass er mich dann losschicken würde, um ihn zu killen? Komm schon. Wenn man seiner Story zuhörte, könnte man meinen, der Typ wäre unsterblich.«

»Wenn du die Sache so betrachten möchtest, klar. Ich denke immer noch, dass er nicht mehr bei Trost ist.« Danny zieht an seiner Zigarette und bläst eine Lunge voll Rauch hervor.

»Mein Dad ist senil geworden«, erzählt er. »Wir mussten ihn in einem Heim unterbringen. Er hat niemanden mehr erkannt und sich jeden Tag vollgeschissen. Hattest du je mit so was zu tun?«

»Bin meinem Dad nie begegnet.«

»Das muss ganz schön scheiße sein.«

»Möchtest du auf irgendwas raus?«

»Simon wird nicht ewig leben. Irgendwann stellt er was Dummes an, und der ganze Laden bricht über ihm zusammen. Was dann?«

»Ist das hypothetisch gemeint?«

»Was? Ach, beruhige dich. Ich habe nicht vor, ihm an den Karren zu fahren. Er kommt für meinen Lebensunterhalt genauso auf wie für deinen. Ich frage mich nur, was passiert, wenn er schließlich Mist baut. Oder alt wird und den Löffel abgibt. Der Mann ist Mitte sechzig, um Himmels willen!«

Ich werfe meine Zigarette weg und trete sie mit der Ferse aus. Er hat recht. Simon wird alt. Er hat keine Kinder, keine Familie, von der ich je gehört hätte. Was passiert, wenn er irgendwann abtritt? Ist ja nicht so, dass ich eine Rente von ihm kassieren würde.

»Simon ist nicht senil.«

»Nein, er hat uns einfach nur erzählt, ein toter Gangsterboss aus den Fünfzigern wäre aus dem Grab gestiegen und hätte Julio so irre gemacht, dass der sich den Hals aufschlitzt. Ich meine, ich sage ja nicht, dass Julio ganz sattelfest im Kopf war, aber … Was ist? Sieh mich nicht so an. Du bist auch verrückt.«

»Ich tue einfach, was mir gesagt wird«, antworte ich.

»Genau, du tust einfach, was dir gesagt wird. Du bist nur ein nützliches Werkzeug, wie? Siehst du, das ist der Unterschied zwischen dir und mir. Du folgst gern Befehlen. Das befreit dich von anstrengendem Nachdenken.«

Ich zünde mir eine frische Marlboro an und puste Rauch in die kalte Luft. Von meiner Position aus kann ich dort unten hinter der Straßenbeleuchtung des Pacific Coast Highway mit knapper Not ein Stück Meer erkennen.

»Hab ich dir jemals gesagt, dass ich dich nicht besonders mag?«, frage ich.

»Dann ist es ja gut, dass wir beide Profis sind, was?«

Ich bin gute fünfzig Pfund schwerer als Danny. Ich könnte ihm einen Happen Bürgersteig zu fressen geben, ohne in Schweiß auszubrechen. Das würde zwar Simon sauer machen, wäre die Sache vielleicht aber wert.

Danny zeigt seine übliche besorgte Miene, als ich nichts sage. Als wüsste er, was mir durch den Kopf geht. Ich möchte nicht länger als nötig in Gesellschaft dieses Drecksacks bleiben, also werfe ich die halb aufgerauchte Zigarette weg, zertrete sie mit der Ferse und gehe zu meinem Wagen.

»He«, sagt er, während ich einsteige. »Dieser Witz wegen Senilsein? Ich hab nur Spaß gemacht. Ich hab nur rumgealbert. Brauchen wir Simon nicht zu erzählen, richtig?«

Ich lächle ihn an, sage nichts und fahre aus der Einfahrt. Soll er sich ruhig eine Zeit lang damit herumschlagen.

Ich gebe einen Scheiß darauf, was er über Simon sagt. Er hat vermutlich recht. Was mir Sorgen macht, das ist, was er über Julio gesagt hat. Über mich.

Natürlich war Julio ein bisschen verrückt. Man kann nicht jemanden in den Kofferraum packen und dann in eine Schrottpresse stopfen, ohne ein bisschen abgedreht zu sein.

Aber Julio war nicht so verrückt, sich selbst umzubringen. Selbstmord ist etwas, was man anderen antut.

Und was zum Henker hatte das mit dem nützlichen Werkzeug zu bedeuten? Zum Teufel mit ihm! Ich bin nicht der, der Simon seine Getränke bringt. Wofür verdammt hält sich Danny eigentlich? Ich hab den Kerl nie leiden können, und jetzt weiß ich auch warum.

Sicher, was ich mache, ist einfacher. Befehle ausführen. Tun, was einem gesagt wird. Ich bin aber kein verdammter Roboter. Ich mache diesen Job, weil ich gut darin bin. Mir gefällt die Arbeit. Ich werde mit allem fertig, was sich mir in den Weg stellt.

Das traf allerdings auch auf Julio zu.

Ich verdränge den Gedanken und fahre mit offenen Fenstern den PCH entlang. Die kalte Luft bläst den Geruch des Meeres herein. Das Knie tut trotz des Advils wieder weh, also kaue ich ein paar mehr von dem Zeug und schlucke sie trocken herunter. Der Magen wird später dafür bezahlen.

Ich rufe Giavettis Hotel übers Mobiltelefon an und überzeuge mich davon, dass der Mann noch dort weilt. Ich werde diese Sache bis morgen früh erledigt haben. Danach über den Berg zu Du-par’s fahren und Pfannkuchen essen.

Ich nehme eine Abfahrt rechts auf die Topanga und mache mich an die lange kurvenstreiche Strecke durch den Canyon zur 101. Mein Mobiltelefon klingelt. Ich fummele es aus der Tasche hervor. Es ist Mariel, Julios Frau. Als ob ich das gerade jetzt gebrauchen könnte.

»Ja?«

»Ich bin gerade nach Hause gekommen«, sagt Mariel. »Du hast angerufen.«

»Hat dich die Polizei schon angerufen?«

»Die Polizei?«, fragt sie, und Argwohn macht sich in ihrem Ton breit. »Ist Julio bei dir?«

»Nein«, sage ich und weiß nicht recht, wie ich weitermachen soll. »Er … Sieh mal, Mariel, bist du noch eine Zeit lang auf? Ich denke, ich sollte zu dir kommen.«

Nachdenkliches Schweigen. »Was ist mit Julio passiert?«

Wie erzählt man jemandem, ihr Ehemann hätte sich selbst den Hals mit einer kaputten Flasche aufgeschnitten?

Ein Laut ertönt an ihrem Ende. »Einen Moment«, sagt sie und legt den Hörer hin. Ein paar Sekunden vergehen. »Gott, Joe, du hast mir richtig Angst gemacht.«

»Verzeihung?«, frage ich.

»Julio«, sagt sie. »Er ist gerade hereingekommen. Möchtest du mit ihm reden?« Ihre Stimme ist mal da und mal nicht, während ich durch eine Zone schlechten Empfangs bei Fernwood fahre und allmählich das Signal verliere. »Schatz«, sagt sie am Mundstück vorbei. »Joe ist am Telefon.«

»Mariel«, sage ich. »Hör mir zu. Julio ist nicht bei dir. Er kommt nicht mehr nach Hause.«

»Doch«, sagt sie. »Er steht gleich hier. Er wi…« Sie bricht ab.

Und fängt an zu schreien.

»Mariel? Was ist da los?« Wenn sie mir antwortet, so geht das in einem Ausbruch digitalen Rauschens unter. Das Signal fällt komplett aus. Ich werfe das Telefon auf den Beifahrersitz, trete das Gaspedal durch und brettere durch den Canyon, so schnell der Wagen es überhaupt schafft.

Einen halben Häuserblock vor meinem Ziel brause ich bei Rot über die Ampel und parke dann auf der Straßenseite gegenüber dem Haus hinter einem Pick-up. Ist Mariel einfach nur übergeschnappt? Ich habe sie ohnehin nie für besonders stabil gehalten. Oder ist tatsächlich jemand bei ihr? Und wenn ja, wer?

Nur eine Möglichkeit, es herauszufinden. Ich ziehe die Pistole unterm Sitz hervor und schraube den Schalldämpfer auf. Überprüfe die Kammer, führe einen Ladestreifen ein, lade durch.

Die Haustür steht einen Spalt weit offen. Ich kann Mariel vor dem Sofa auf dem Boden sitzen sehen. Ich schiebe die Tür auf, trete ein.

Und da sitzt Julio auf der Couch. Er hält Mariels Hand mit seiner Hand umfasst und bewegt seinen Kopf hin und her. Seine Augen sind weit aufgerissen, als wüsste er nicht mehr, wie man blinzelt. Ein zerfetzter Lappen aus weißer Haut – die an einen Schlangenbauch erinnert – und Muskeln füllen die Stelle, wo er früher eine Kehle hatte.

Er bewegt den Mund wie ein Barsch, versucht einen Laut zu erzeugen, bringt aber nichts hervor, nicht mal ein Pfeifen. Ich brauche eine Sekunde, um den Grund zu begreifen: Er atmet nicht.

Mariel dreht sich zu mir um, als ich eintrete. Tränen laufen ihr übers Gesicht, und die Wimperntusche zerläuft zu dunklen Linien bis hinab ans Kinn. »Hilf ihm!«, sagt sie zu mir. »Oh Gott, bitte hilf ihm.«

»Heilige Scheiße!«, sage ich, und es ist kaum ein Flüstern. Ich stehe stocksteif da, die Pistole fest umklammert. Ich habe keinen Schimmer, was ich machen soll. Scheint mir ein bisschen spät für die Sanitäter. Ich gehe langsam auf die beiden zu, wobei Julio mir kaum Beachtung schenkt, und fasse ihn an. Die Haut ist klamm. Ich prüfe den Puls. Nichts.

Ich erinnere mich an Frank Tanakas sonderbar starkes Interesse an Giavetti und wie der Detective mir gesagt hat, ich solle ihn anrufen, falls ich etwas Merkwürdiges sehe. Das hier ist eindeutig scheißmerkwürdig. Aber wenn ich Frank in die Sache reinziehe, ist Simon erledigt. Vielleicht ich auch.

Julio wendet sich mir zu, wobei ihm der Kopf auf die Seite hängt. Gelber Eiter rinnt aus der Halswunde.

Zum Teufel mit Simon. Nichts ist mehr planbar. Das ist der schrägste verdammte Mist, dem ich je begegnet bin.

Ich krame in meiner Jacke nach Franks Karte. Mein Telefon liegt noch im Wagen, also schnappe ich mir Mariels.

Sie tätschelt Julio zwanghaft die Hand, wiegt sich vor und zurück und sagt: »Ist schon okay, Baby. Alles wird gut.« Sie versucht, alles zusammenzuhalten, weiß aber nicht, wie. Ich bin mir nicht sicher, dass ich es besser hinkriege.

»Ich habe ihn reinkommen gehört«, erzählt sie, während ihr Blick gebannt auf dem Ehemann ruht. »Und dann habe ich gesehen, in welchem Zustand er ist. Was ist mit ihm passiert, Joe?« Neue Schluchzer erschüttern ihren Körper. »Ich weiß nicht, was ich machen soll.«

Das Telefon klingelt einmal, zweimal, und mit einem Klicklaut meldet sich Frank. »Hallo?«, fragt er mit verschlafener Stimme.

»Frank«, sage ich, »Joe Sunday. Sieh mal, Julio …« Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll. Ich habe hier einen Toten auf dem Sofa, und ich brauche Hilfe. Ich denke, dass Giavetti vielleicht was damit zu tun hat, und oh, nebenbei, mein Boss denkt, dass er Giavetti vor fünfzig Jahren in London ermordet hat. Und habe ich schon davon gesprochen, dass sich der Tote auf dem Sofa immer noch bewegt?

Was zum Teufel tue ich hier eigentlich? Einen verdammten Cop anrufen?

»Was?«, fragt er.

Ich hole tief Luft. Ich brauche jemanden, der klar denken kann, und derzeit ist Frank der Einzige, der mir einfällt. »Es geht um Julio«, sage ich. »Er ist …« Ein lautes Klicken ertönt. Ich denke, er hat einfach aufgelegt, bis mir auffällt, dass ich kein Freizeichen höre.

»Du kannst das Telefon weglegen«, sagt eine kratzige Stimme mit einem Chicagoer Akzent. Neben Chicago klingt da noch etwas durch, was ich nicht unterbringen kann. »Es funktioniert sowieso nicht mehr.«

Der Typ kommt aus der Küche zum Vorschein. Groß. Runzlig und so gut wie kahl. Leberflecken auf den Händen und im Gesicht.

»Das ist doch wohl jetzt ein Scheißwitz!« Der Mann ist alt genug, um mein Urgroßvater zu sein, aber Hände und Hals bestehen zur Gänze aus drahtigen Muskelpaketen, und er hält sich aufrecht wie ein Marine. Ganz wie auf dem Bild der Überwachungskamera, das mir Simon gezeigt hat. Beinahe hätte ich gelacht, aber ich verkneife es mir.

Er ist vielleicht alt, aber die Beretta in seiner Hand ist es nicht. Ich tue, was er sagt, und lege wieder auf.

»Und die Pistole auch, wenn es dir nichts ausmacht.«

»Ich denke, das lasse ich lieber, danke.« Gott, wie sehr ich ein mexikanisches Patt liebe!

»Joe, wer ist das?«, fragt Mariel. Giavetti lächelt sie an.

»Sandro Giavetti«, sagt er. Er grinst über irgendeinen Witz, den nur er verstanden hat. »Man könnte sagen, dass dein Mann und ich uns nahestehen.«

Sie steht auf. Tritt in meine Schussbahn, ehe ich sie daran hindern kann. »Können Sie ihm helfen? Er ist in diesem Zustand nach Hause gekommen. Ich weiß nicht, was ich machen soll.«

Giavetti geht ein Stück zur Seite, und wir beide halten die Waffe wieder auf den jeweils anderen gerichtet. Er schüttelt den Kopf. »Nein. Ich hatte gehofft, es würde diesmal anders sein.«

Mariel wirkt noch hilfloser als zuvor.

»Du hast ihm das angetan«, sage ich, es ist eine Feststellung, keine Frage. Mir dämmert, dass Julio vielleicht nicht der Einzige ist. »Wer noch? Die beiden Typen, die für dich auf Raubzug waren? Du hast versucht, auch den anderen zu erwischen, aber er hat sich umgebracht, ehe du ihn erwischt hast, nicht wahr?«

»Ich führe dieses Gespräch nicht weiter. Ich möchte nur mein Eigentum holen.«

Ich wende mich wieder der Schweinerei auf der Couch zu, die einmal Julio war und die dort vergebens nach Luft schnappt. Sein Eigentum?

»Nein. Du wirst ihn nirgendwo hinbringen«, sage ich.

Giavetti seufzt theatralisch. »Haben wir den Punkt erreicht, wo du so etwas sagst wie: ›Nur über meine Leiche?‹«, sagt er. »Denn das können wir so machen.«

»Und wir machen was, killen einander? Du erschießt mich, ich erschieße dich?«

Er denkt darüber nach. »Du hast recht«, sagt er. »Julio, bring ihn um!«

Julio ruckt übernatürlich schnell von der Couch hoch. Ich wirbele herum. Ich puste ihm zwei blutlose Löcher in die Brust, durch die man mit einem Zug fahren könnte. Der Schalldämpfer drückt den Lärm auf so etwas wie lautes Klatschen. Es bremst Julio nicht mal.

Mariel kreischt. Läuft zu ihm. Er versetzt ihr mit der Wucht einer Planierraupe einen Hieb mit dem Handrücken. Sie kracht wie ein Müllsack an die Wand, und ihre Knochen brechen wie Glas.

Ich brauche eine Sekunde, um zu erkennen, dass ich die falsche Priorität gesetzt habe. Ich drehe mich, um Giavetti niederzuschießen, aber er ist schneller. Der alte Mann bewegt sich wie ein verdammter Ninja. Haut mir mit einer Hand die Waffe aus dem Griff. Ich schlage mit der Linken zu, aber er duckt sich darunter hinweg wie ein Zwanzigjähriger.

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