Logo weiterlesen.de
Stadt der Fremden

Über den Autor

China Miéville gehört zu den außergewöhnlichsten Fantasyautoren der Gegenwart. Er selbst bezeichnet sich gerne als Anhänger des »New Weird«-Genres, das sich von der konventionellen Fantasy abhebt. Miéville mischt in seinen Romanen Elemente des Horrors, des Steampunks und der Science Fiction. Er hat bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, wie den British Fantasy Award, dreifach den Arthur. C. Clarke Award und den Hugo Award. Für »Die Stadt und die Stadt« erhielt er 2010 den World Fantasy Award. Miéville besitzt eine eingeschworene Fangemeinde, die sich rege über seine Werke austauscht. Er lebt und arbeitet in London.

China Miéville

STADT DER FREMDEN

Roman

Aus dem Englischen von
Arno Hoven

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Jesse

»Das Wort soll etwas mitteilen (außer sich selbst).«

WALTER BENJAMIN

Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen

Die Kinder der Botschaft sahen alle, wie das Schiff anlegte. Ihre Lehrer und Schichteltern hatten sie das tagelang malen lassen. Eine Wand in dem Raum war den Kindern und ihren Ideen überlassen worden. Es ist Jahrhunderte her, dass irgendein Leere-Schiff einen Feuerschweif hinter sich hergezogen hat, so wie die Kinder es sich auf ihren Bildern vorstellten. Dennoch ist es Tradition, die Leere-Schiffe so darzustellen, und als ich jung war, malte ich sie auf die gleiche Art und Weise.

Ich schaute auf die Bilder, und auch der Mann neben mir beugte sich vor. »Schauen Sie«, sagte ich. »Sehen Sie es? Das sind Sie.« Ein Gesicht am Fenster des Schiffs. Der Mann lächelte. Er griff nach einem imaginären Steuerrad, so wie die einfach wiedergegebene Figur es tat.

»Sie müssen uns entschuldigen«, erklärte ich und nickte in Richtung der Dekorationen. »Wir sind ein bisschen provinziell.«

»Nein, nein«, erwiderte der Pilot. Ich war älter als er, gut gekleidet und benutzte einen Jargon, um ihm Geschichten zu erzählen. Er fand Gefallen daran, dass ich ihn durcheinanderbrachte. »Wie auch immer«, meinte er. »Das ist nicht … Es ist dennoch erstaunlich. Hierherzukommen. Zum Rand. Und der Herrgott allein weiß, was dahinter ist.« Er schaute zum Ankunftsball.

Es gab andere Festlichkeiten: zu den Jahreszeiten und zur offiziellen Einführung in die Gesellschaft, zu Schul- und Studienabschlüssen, zum Jahresende und während der drei Weihnachten des Dezembers. Doch der Ankunftsball war immer das wichtigste Fest. Da er von den Wechselfällen der Passatwinde abhing, fand er unregelmäßig und selten statt. Seit dem letzten waren Jahre vergangen.

Die Halle der Diplomatie war überfüllt. Sicherheitsmitarbeiter, Lehrer, Ärzte und einheimische Künstler hatten sich unter das Personal der Botschaft gemischt, Delegierte von abgeschiedenen Außenseitergemeinschaften zählten ebenso zu den Gästen wie Farmer aus abgelegenen Niederlassungen. Es gab allerdings nur sehr wenige Neuankömmlinge aus dem Außen; sie trugen Kleider, die von den Einheimischen bald nachgeahmt würden. Die Mannschaft würde am nächsten oder übernächsten Tag schon wieder abreisen. Ankunftsbälle fanden stets am Ende eines Besuchs statt, als ob man eine Ankunft und die Abreise zugleich feierte.

Es spielte ein Streichseptett, zu dem auch meine Freundin Gharda gehörte. Sie sah mich und entschuldigte sich mit einem Stirnrunzeln für die grobe Gigue, mit der sie gerade halb durch waren. Junge Männer und Frauen tanzten und brachten damit ihre Vorgesetzten und Ältesten in Verlegenheit, die ihrerseits – zum Vergnügen ihrer jüngeren Kollegen – manchmal eine witzig gestelzte Pirouette schwingen oder drehen würden.

Neben den Kinderzeichnungen, die vorübergehend die Halle schmückten, gab es auch permanent aufgehängte Bilder: Ölgemälde und Gouachen, Flat- und Trid-Fotografien vom Personal, von Botschaftern und Attachés – sogar von Gastgebern. Sie illustrierten die Geschichte der Stadt. Kletterpflanzen wuchsen über die volle Höhe der Wandtäfelung bis zu einem Ziergesims, von wo aus sie sich zu einem Dickicht unter der Decke erweiterten, das einem Baumkronendach ähnelte. Das Holz war so gestaltet, dass es die Pflanzen stützte. Vesp-Cams schwirrten zwischen den Blättern und übertrugen Bilder aus dem Saal.

Ein Sicherheitsmann, mit dem ich Jahre zuvor befreundet gewesen war, winkte mir mit seiner Prothese einen kurzen Gruß zu. Seine Umrisse zeichneten sich vor einem meterhohen und -breiten Fenster ab, von dem aus man die Stadt und Lilypad Hill überblicken konnte. Hinter diesem Hang lag das mit Fracht beladene Schiff. Jenseits von Dächern, die sich kilometerweit erstreckten, vorbei an den sich drehenden Kirchenleuchtfeuern, konnte man noch die Kraftwerke erkennen. Durch die Landung waren sie unruhig geworden, und selbst jetzt, Tage danach, zeigten sie sich immer noch launisch. Ich konnte sie stampfen sehen.

»Das sind Sie gewesen«, sagte ich zum Steuermann und wies auf die Kraftwerke hin. »Das war Ihr Fehler.« Er lachte, schaute jedoch nur halb hin. Er wurde von so ziemlich allem abgelenkt. Das war sein erster Anflug gewesen.

Ich glaubte, einen Leutnant von einer früheren Feier her wiederzuerkennen. Bei seiner letzten Ankunft, die Jahre zurücklag, hatte ein milder Herbst über der Botschaft gelegen. Er war mit mir durch das Laub der hochflurigen Gärten spazieren gegangen und hatte den Blick auf die Gastgeberstadt gerichtet, wo es nicht Herbst gewesen war, und auch keine andere Jahreszeit, die er hätte kennen können.

Ich ging durch den Rauch, der von den Tellern mit anregendem Harz aufstieg, und verabschiedete mich von allen. Einige wenige Ausländer, die Aufträge erledigt hatten, verließen gerade die Feier. Mit ihnen brach eine winzige Zahl von Einheimischen auf, die eine Ausreisegenehmigung beantragt hatten und denen sie auch gewährt worden war.

»Schätzchen, bist du wehmütig?«, fragte Kayliegh. Ich war es nicht. »Wir können morgen noch miteinander reden, und möglicherweise sogar am Tag darauf. Und du kannst …«

Doch sie wusste, es würde so schwierig werden, die Verbindung zu halten, dass der Kontakt schließlich abbrechen würde. Wir umarmten uns, bis Kayliegh zumindest ein paar Tränen in den Augen hatte und zugleich auch lachte.

»Gerade du …«, sagte sie, »du musst doch verstehen, warum ich fortgehe.«

Und ich erwiderte: »Ich weiß, Dummchen, und ich bin so neidisch!«

Ich konnte sehen, wie sie dachte: Du hast es dir selbst so ausgesucht. Und das stimmte. Ich war selbst fest entschlossen gewesen, wieder aufzubrechen, bis vor einem halben Jahr. Bis die letzte Flapo heruntergekommen war mit der schockierenden Nachricht darüber, was – wer! – sich ankündigte. Selbst dann hatte ich mir noch eingeredet, ich würde an meinem Plan festhalten und in das Außen reisen, sobald der nächste Transport einträfe. Aber es war keine wirkliche Offenbarung für mich gewesen, als das Beiboot letztendlich über den Himmel flog und dann heulend zu uns herabstieg. Mir war bewusst geworden, dass ich bleiben würde. Scile, mein Gatte, hatte es wahrscheinlich noch vor mir geahnt.

»Wann werden sie hier sein?«, erkundigte sich der Pilot. Er meinte die Gastgeber.

»Bald«, antwortete ich, obwohl ich keine Ahnung hatte. Es waren nicht die Gastgeber, die ich zu sehen wünschte.

Botschafter waren in die Halle getreten. Die Leute kamen ihnen nahe, aber niemand bedrängte sie. Stets gab es um sie herum genug Platz, einen Burggraben des Respekts. Draußen schlug der Regen gegen die Fenster. Keiner meiner Freunde und keine der üblichen Quellen hatten mir verraten können, was hinter verschlossenen Türen vorgegangen war. Nur die Spitzenbürokraten und ihre Berater hatten unsere wichtigsten und umstrittensten Neuankömmlinge getroffen, und ich gehörte schwerlich dazu.

Die Menschen blickten zum Eingang. Ich lächelte den Piloten an. Noch mehr Botschafter traten ein. Ich lächelte auch sie an, bis sie mich zur Kenntnis nahmen.

Bald würden die Gastgeber eintreffen, ebenso wie die letzten der neuen Ankömmlinge. Der Kapitän und der Rest der Schiffsbesatzung, die Attachés, die Konsuln und die Forscher, vielleicht einige späte Einwanderer – und der Grund für all das: der unmögliche neue Botschafter.

Einleitung
DIE IMMER-EINTAUCHERIN

0.1

Während unserer Kindheit in Botschaftsstadt spielten wir mit Münzen und münzgroßen, sichelförmigen Reststücken aus einer Werkstatt ein Spiel. Wir taten dies stets am selben Ort, bei einem ganz bestimmten Haus jenseits des Rialto. Es handelte sich um eine steil abfallende Seitenstraße, gesäumt von Mietshäusern, wo Werbeanzeigen unter dem Efeu ihre Farbe veränderten. Wir spielten im efeugedämpften Licht dieser alten Bildschirme, an einer Wand, die wir speziell diesem Spiel gewidmet hatten. Ich erinnere mich, wie ich mit einer geschickten Handbewegung ein schweres Zwei-Heller-Stück auf der Kante kreiseln ließ und »Schwinge fein, neige dich, Schweinerüssel, Sonnenlicht« skandierte, bis es ins Schwanken geriet und umfiel. Die Seite, die oben lag, und das Wort, das ich erreicht hatte, wenn die Münze zum Stillstand kam, wurden miteinander kombiniert und ergaben zusammen irgendeine Belohnung oder ein Pfand.

Ganz deutlich sehe ich mich selbst, wie ich im nassen Frühjahr und im Sommer mit einem Zwei-Heller-Stück in meiner Hand dastand und mit anderen Mädchen und Jungs über die jeweils richtige Interpretation stritt. Wir hätten niemals an einer anderen Stelle gespielt, obwohl jenes Haus uns beunruhigen konnte, denn es gab Geschichten über das Gebäude und über seinen Bewohner.

Wie alle Kinder entwickelten wir mit großer Umsicht einen eindringlichen und eigenwilligen Plan von unserer Heimatstadt. Auf dem Markt waren wir weniger an den Verkaufsständen interessiert, sondern mehr an einem hohen Regalfach, das durch verlorene Ziegelsteine in der Wand entstanden war und das wir immer wieder vergeblich zu erreichen versuchten. Den riesigen Felsen, der die Stadtgrenze markierte, mochte ich gar nicht. Er war geborsten, dann hatte man ihn mit Mörtel wieder zusammengesetzt (zu einem Zweck, den ich noch nicht kannte). Die Bibliothek mochte ich genauso wenig, ihre Zinnen und das Innengerüst empfand ich als beunruhigend. Wir alle liebten das College wegen der glatten Plastonefläche seines Hofes, auf der sich Kreisel und schwebende Spielzeuge meterweit fortbewegten.

Wir waren ein hektisches Völkchen, und Polizisten wiesen uns häufig in die Schranken. Doch wir brauchten nur zu erwidern: »Ist schon in Ordnung, Sir, Madam. Wir müssen nur gerade …«, und schon konnten wir weitermachen. Wir rannten die abschüssigen und überfüllten Straßen hinunter, mit Tieren, die zwischen uns oder neben uns auf niedrigen Dächern liefen, vorbei an den obdachlosen Automa von Botschafterstadt. Und obwohl wir manchmal eine Rast einlegten, an Bäumen und Schlingpflanzen hochkletterten, erreichten wir am Ende immer den Zwischenraum.

Dort, am Stadtrand, wurden die Winkel und Plätze unserer Heimatgassen von den unheimlichen Geometrien der Gastgebergebäude unterbrochen, erst einige wenige, dann immer mehr, bis sie unsere eigenen Häuser ganz ablösten. Natürlich wollten wir versuchen, die Gastgeberstadt zu betreten, wo die Straßen ihr Aussehen veränderten und Ziegel-, Beton- oder Plasmawände anderen, lebendigeren Materialien weichen mussten. Ich meinte es ernst mit diesen Versuchen, war jedoch beruhigt, da ich wusste, dass ich damit scheitern würde.

Wir lagen im Wettstreit miteinander und forderten uns gegenseitig heraus, so weit zu gehen, wie wir konnten. Unsere Grenzlinien markierten wir. »Wir werden von Wölfen gejagt und müssen rennen«, sagten wir uns. Oder wir erklärten: »Wer am weitesten geht, ist Wesir.« In meiner Clique war ich der drittbeste »Südgeher«. An unserer üblichen Stelle gab es ein Gastgebernest in schönen fremdartigen Farben, das man mit knarrenden Muskelseilen zu einer Umzäunung gebunden hatte. In einer gewissen Manieriertheit hatten die Gastgeber es wie einen unserer Weidezäune gestaltet. Dorthin wollte ich schleichen, während meine Freunde in den Querstraßen dazu pfeifen würden.

Wenn man Bilder von mir aus meiner Kindheit sieht, gibt es keine Überraschung: Mein Gesicht von damals war genau wie das von heute, nur eben noch nicht vollendet. Der gleiche misstrauisch zusammengekniffene Mund oder das gleiche Lächeln. Wenn ich mich anstrengte, hatte ich den gleichen finsteren Zug um die Augen, über den ich manchmal später selbst lachen musste. Und damals wie heute war ich langgliedrig und rastlos.

An jenem Tag hielt ich den Atem an und trat mit einer Lunge voller Luft durch jenen Bereich, wo sich die Lüfte mischten – ein Bereich, der nicht ganz eine harte Grenze darstellte, der aber ein bemerkenswert abrupter gasartiger Übergang war. Brisen, die mit nanotechnologischen Teilchenmaschinen geformt wurden, gestalteten die Atmosphäre in beinahe künstlerischer Weise. Ich stieß auf die andere Seite vor, um Avice auf weißes Holz zu schreiben. Und da ich nun einmal in Draufgängerlaune war, betätschelte ich den Fleischanker des Nests, genau dort, wo er die Latten miteinander verflocht. Er fühlte sich so straff wie ein Flaschenkürbis an. Keuchend rannte ich zu meinen Freunden zurück.

»Du hast es berührt.« Sie sagten dies voller Bewunderung. Danach gingen wir in nördliche Richtung, wo der Äoli blies, und verglichen unsere Erfolge.

Ein ruhiger, gut gekleideter Mann lebte in dem Haus, vor dem wir mit Münzen spielten. Er sorgte für Unbehagen in der Nachbarschaft. Manchmal kam er heraus, während wir versammelt waren. Er betrachtete uns und schürzte seine Lippen, bevor er sich umdrehte und wegging – es mochte eine Begrüßung sein oder ein Zeichen seiner Missbilligung.

Wir glaubten, dass wir verstanden, was er war. Wir irrten uns natürlich. Aber wir fingen die Stimmung in der Nachbarschaft auf und sahen den Mann als gebrochen an und betrachteten seine Gegenwart als unangemessen. »He!«, rief ich mehr als einmal zu meinen Freunden, wenn er auftauchte, und wies hinter seinem Rücken auf ihn. »He!« Wenn wir tapfer waren, folgten wir ihm, während er Heckenalleen entlangspazierte und auf den Fluss oder einen Markt zuschritt oder in Richtung der Archivruinen oder der Botschaft ging. Ich glaube, zweimal verhöhnte einer von uns ihn aufgeregt. Sofort brachten Passanten uns zum Schweigen.

»Zeigt etwas Respekt!«, schimpfte ein Händler für Alt-Austern. Er stellte seinen Korb mit Schalentieren ab und verpasste Yohn, der etwas gerufen hatte, eine schnelle Ohrfeige. Anschließend beobachtete er den Rücken des alten Mannes. Ich erinnere mich, dass ich plötzlich eines wusste, obwohl mir die Wörter fehlten, um es auszudrücken: Der Zorn des Händlers war nicht vollständig gegen uns gerichtet, und das Missfallen, das er uns gegenüber zum Ausdruck brachte, galt zumindest teilweise jenem Mann.

»Sie sind nicht glücklich darüber, wo er lebt«, erklärte Papa Berdan, der Schichtvater, als ich ihm an jenem Abend davon erzählte. Ich wiederholte die Geschichte mehr als einmal. Dabei beschrieb ich den Mann, dem wir vorsichtig und verwirrt gefolgt waren, und ich erkundigte mich beim Vater nach ihm. Ich fragte, warum die Nachbarn nicht glücklich waren. Er lächelte verlegen und gab mir einen Gutenachtkuss. Ich starrte aus meinem Fenster und konnte nicht schlafen. Ich beobachtete die Sterne und die Monde, das Schimmern von Wrack.

Ich kann die folgenden Ereignisse exakt datieren, da sie am Tag nach meinem Geburtstag geschahen. Ich war in einer Art und Weise melancholisch, die mich jetzt amüsiert. Es war später Nachmittag, der dritte sechzehnte September, ein Domintag. Ich saß allein, dachte über mein Alter nach (was für ein törichter kleiner Buddha!) und wirbelte mein Geburtstagsgeld an der Münzwand herum. Ich hörte, wie sich eine Tür öffnete, blickte jedoch nicht auf. So mochten Sekunden vergangen sein, bis der Mann vom Haus vor mir stand, während ich spielte. Als ich ihn bemerkte, schaute ich voller Angst und Fassungslosigkeit zu ihm hoch.

»Mädchen«, sagte er und gab mir ein Zeichen. »Bitte komm mit mir.«

Ich erinnere mich nicht, dass ich daran gedacht hätte, einfach wegzulaufen. Was konnte ich anderes tun, als zu gehorchen?

Sein Haus war erstaunlich. Es gab einen langen Raum in dunklen Farben, mit Möbeln, Bildschirmen und Statuetten überladen. Dinge bewegten sich; Automa gingen ihren Aufgaben nach. Wir hatten Kletterpflanzen an den Wänden unseres Kinderhorts, aber nichts, was diesen glänzenden und schwarz belaubten Sehnen glich, die in Bögen und Spiralen wuchsen, so perfekt, dass sie wie Drucke aussahen. Die Wände wurden zudem von Gemälden und Plasmings bedeckt, deren Bewegungen sich wandelten, als wir eintraten. Auf Monitoren in uralten Rahmen änderten sich die Informationen. Handgroße Geister bewegten sich zwischen Topfpflanzen auf einem Trid wie ein Perlmutt-Spielebrett.

»Dein Freund.« Der Mann wies auf das Sofa. Yohn lag darauf.

Ich sagte seinen Namen. Seine gestiefelten Füße waren oben auf dem Polster, seine Augen geschlossen. Er war rot und keuchte.

Ich schaute den Mann an und fürchtete, dass er mir das antun würde, was auch immer er anscheinend Yohn angetan hatte.

Er wich meinem Blick aus und hantierte stattdessen mit einer Flasche. »Sie haben ihn zu mir gebracht«, berichtete er. Dann schaute er sich um, als ob er nach einer Eingebung suchte, wie er mit mir sprechen sollte. »Ich habe die Polizei gerufen.«

Er setzte mich auf einen Hocker neben meinem kaum noch atmenden Freund und hielt mir ein Glas hin. Ich starrte es argwöhnisch an, bis er selbst daraus trank. Er schluckte und zeigte mir, dass er getrunken hatte, indem er mit dem offenen Mund aufatmete. Er drückte das Gefäß in meine Hand. Ich schaute auf seinen Nacken, doch ich konnte kein Verbindungselement sehen.

Ich nippte an dem, was er mir gegeben hatte.

»Die Polizisten sind auf dem Weg hierher«, meinte er. »Ich habe dich spielen gehört. Ich habe gedacht, es würde ihm vielleicht helfen, eine Freundin bei sich zu haben. Du könntest seine Hand halten.« Ich stellte das Glas ab und tat, was er gesagt hatte. »Du könntest ihm sagen, dass du hier bist. Sag ihm, dass es ihm wieder gutgehen wird.«

»Yohn, ich bin’s. Avice.« Nach einem Moment des Schweigens tätschelte ich Yohn die Schulter. »Ich bin hier. Dir wird es wieder gutgehen, Yohn.« Ich war aufrichtig besorgt und schaute auf, um weitere Anweisungen entgegenzunehmen.

Doch der Mann schüttelte den Kopf und lachte. »Dann halt nur seine Hand«, erklärte er.

»Was ist passiert, Sir?«, fragte ich.

»Sie haben ihn gefunden. Er ist zu weit gegangen.«

Der arme Yohn sah sehr krank aus. Ich wusste, was er getan hatte.

Yohn war der zweitbeste Südgeher in unserer Clique. Er konnte nicht mit Simmon konkurrieren, dem besten von allen, doch Yohn konnte seinen Namen mehrere Leisten weiter als ich auf den Lattenzaun schreiben. Einige Wochen lang hatte ich mich angestrengt und meinen Atem länger und länger anhalten können. Meine Markierungen waren seinen immer näher gekommen. Also musste er heimlich geübt haben. Er hatte sich zu weit vom Hauch des Äoli entfernt. Ich konnte mir vorstellen, wie er gekeucht hatte, wie er seinen Mund offen ließ und Luft mit der sauren Schärfe der Zwischenzone einsaugte, wie er versuchte zurückzugehen, jedoch ins Stolpern geriet wegen der Giftstoffe und wegen des Mangels an Sauerstoff. Vielleicht war er ohnmächtig geworden und hatte diesen ekelhaften Dunst minutenlang eingeatmet.

»Sie haben ihn zu mir gebracht«, sagte der Mann erneut.

Ich gab einen winzigen Laut von mir, als ich plötzlich eine Bewegung bemerkte, halb verborgen hinter einer riesigen Birkenfeige. Ich weiß nicht, wie ich es vorher geschafft hatte, ihn nicht zu sehen.

Es war ein Gastgeber. Er schritt nun zur Mitte des Teppichs. Augenblicklich stand ich auf, aus Respekt, den man mir gelehrt hatte, und aus kindlicher Furcht. Der Gastgeber trat mit seinem wiegenden, anmutigen Gang vor, in komplizierter Artikulation. Ich glaube, er schaute mich an. Die Formation sich gabelnder Haut, die seine glanzlosen Augen war, betrachtete mich. Er streckte ein Körperglied aus und zog es wieder ein. Ich glaubte, dass er nach mir griff.

»Er wartet, um zu sehen, was mit dem Jungen geschieht«, teilte der Mann mit. »Wenn er sich wieder erholen wird, dann nur wegen unseres Gastgebers hier. Du solltest ihm Danke schön sagen.«

Ich tat es, und der Mann lächelte. Er hockte sich neben mir nieder und legte die Hand auf meine Schulter. Gemeinsam schauten wir zu der sich in seltsamer Weise bewegenden Wesenheit hoch.

»Du weißt, Kleines«, sagte er in freundlichem Ton zu mir, »dass er dich nicht hören kann? Oder … nun … dass er dich hört, aber nur als Geräusch? Doch du bist ein gutes Mädchen. Höflich.« Er gab mir irgendein unzureichend süßes Erwachsenenkonfekt aus einer Schale. Ich redete sanft auf Yohn ein, und zwar nicht nur, weil man es mir gesagt hatte. Ich war erschrocken. Die Haut meines armen Freundes fühlte sich nicht wie Haut an, und seine Bewegungen wirkten beunruhigend. Der Gastgeber hüpfte auf seinen Beinen. Zu seinen Füßen schlurfte eine hundegroße Wesenheit: sein Gefährte. Der Mann schaute auf in das, was das Gesicht des Gastgebers sein musste. Während er darauf starrte, war sein Blick voller Bedauern, oder vielleicht denke ich das auch nur aufgrund der Dinge, die ich später wusste.

Der Gastgeber sprach.

Natürlich hatte ich so etwas schon viele Male gesehen. Einige Gastgeber lebten im Zwischenraum, wo wir uns zu spielen trauten. Manchmal standen wir unvermittelt vor ihnen, während sie mit krabbengleicher Präzision irgendwelchen Aufgaben nachgingen oder sogar dabei rannten – in einer Gangart, die den Anschein erweckte, als ob sie stürzen müssten, obschon dies nicht geschah. Wir sahen zu, wie sie die Fleischwände ihrer Nester pflegten oder das, was wir für ihre Haustiere hielten: diese flüsternden Gefährten und Tierdinge. In ihrer Gegenwart wurden wir abrupt ruhiger und bewegten uns von ihnen fort. Wir ahmten die gewissenhafte Höflichkeit nach, die unsere Schichteltern ihnen gegenüber an den Tag legten. Genau wie bei den Erwachsenen, von denen wir es gelernt hatten, übertraf unser Unbehagen jede Neugierde, die wir vielleicht bei den seltsamen Handlungen der Gastgeber hätten empfinden können.

Wir hörten, wie sie miteinander sprachen, in klaren Tönen, die beinahe wie die Laute unserer Stimmen klangen. Später in unserem Leben mochten einige wenige von uns etwas von dem zu verstehen, was sie sagten; doch jetzt war das noch nicht der Fall, und bei mir niemals wirklich.

Ich war damals noch nie zuvor einem der Gastgeber so nahe gekommen. Meine Angst um Yohn lenkte mich von all dem ab, was ich ansonsten durch diese Nähe empfunden hätte. Doch ich behielt das Wesen im Auge, sodass es mich nicht überraschen konnte, und als es näher an mich heran schaukelte, schreckte ich zur Seite fort und hörte damit auf, meinem Freund etwas zuzuflüstern.

Die Gastgeber waren nicht die einzigen Außerirdischen, die ich gesehen hatte. Es gab andere, die in Botschaftsstadt wohnten: ein paar Kedis, eine Handvoll Shur’asi und noch mehr. Aber obwohl sie natürlich auch eine gewisse Fremdartigkeit umgab, war bei ihnen nie diese Entfremdung spürbar, diese unüberbrückbare Ferne, die uns von den Gastgebern trennte. Ein Shur’asi-Ladenbesitzer würde sogar mit uns Witze machen. Sein Akzent wäre zwar bizarr, doch sein Humor klar und verständlich.

Später begriff ich, dass diese anderen Einwanderer ausschließlich Spezies angehörten, mit denen wir – wenn auch in unterschiedlichem Maße – konzeptuelle Muster gemeinsam haben. Die Gastgeber, die Eingeborenen also, in deren Stadt man uns liebenswürdigerweise erlaubt hatte, unsere eigene Botschaftsstadt zu erbauen, waren kühle, unbegreifliche Wesenheiten. Mächte wie niedere Götter, die uns manchmal beobachteten, als ob wir interessanter, seltsamer Staub wären, die uns die Bio-Fabrikate lieferten, die wir benutzten, und mit denen die Botschafter allein kommunizieren konnten. Man erinnerte uns regelmäßig daran, dass wir ihnen Höflichkeit schuldeten. Wenn wir auf der Straße an ihnen vorbeigingen, erwiesen wir ihnen den erforderlichen Respekt, und anschließend liefen wir kichernd weiter. Doch ohne meine Freunde konnte ich meine Furcht nicht mit Albernheit überspielen.

»Das Wesen fragt, ob es dem Jungen wieder gutgehen wird«, teilte der Mann mir mit und rieb sich über den Mund. »Einfach ausgedrückt hat es etwas gesagt wie: ›Wird er später laufen, oder wird er erkalten?‹ Es will helfen. Es hat geholfen. Es hält mich wahrscheinlich für unhöflich.« Der Mann seufzte. »Oder für geisteskrank. Weil ich ihm nicht antworte. Es kann nicht erkennen, was mir fehlt. Wenn dein Freund nicht stirbt, dann nur deshalb, weil es ihn hergebracht hat. Die Gastgeber haben ihn gefunden.« Ich konnte erkennen, dass der Mann sich bemühte, freundlich zu mir zu sprechen. Er schien darin keine Übung zu haben. »Sie sind in der Lage, zu uns zu kommen, doch sie wissen, dass wir unseren Bereich nicht verlassen können. Sie wissen mehr oder weniger, was wir benötigen.« Er wies auf das Haustier des Gastgebers. »Sie haben ihre Maschinen benutzt, um ihm Sauerstoff zu geben. Vielleicht wird Yohn sich wieder ganz erholen. Die Polizisten werden bald hier sein. Dein Name ist Avice. Wo lebst du, Avice?«

Ich erzählte es ihm.

»Kennst du meinen Namen?«

Natürlich hatte ich den Namen gehört. Doch ich war mir nicht sicher, wie ich ihn höflich aussprechen sollte. »Bren«, antwortete ich schließlich.

»Bren. Das ist nicht richtig. Verstehst du das? Du kannst nicht meinen Namen sagen. Du darfst ihn buchstabieren, aber du kannst ihn nicht sagen. Andererseits kann ich meinen Namen auch nicht sagen. ›Bren‹ ist so gut, wie jeder von uns es machen kann. Das Wesen …« Er schaute auf den Gastgeber, der würdevoll nickte. »Nun, es kann meinen Namen sagen. Aber das hilft uns nicht weiter: Es und ich können nicht mehr miteinander sprechen.«

»Warum haben sie Yohn zu Ihnen gebracht, Sir?« Sein Haus stand zwar in der Nähe des Zwischenraums, wo Yohn sich herumgetrieben hatte, doch lag es wohl kaum in der Nachbarschaft davon.

»Sie kennen mich. Sie haben deinen Freund zu mir gebracht, weil sie mich auch wiedererkennen, obwohl sie wissen, dass etwas mit mir geschehen ist, dass mir etwas fehlt. Sie sprechen, und sie müssen hoffen, dass ich ihnen antworten werde. Ich bin … Ich muss … sehr verwirrend für sie sein.« Er lächelte. »Ich weiß, das ist alles töricht. Glaub mir, ich weiß das genau. Weißt du, was ich bin, Avice?«

Ich nickte. Jetzt weiß ich natürlich, dass ich keine Ahnung hatte, was er war, und ich bin mir nicht sicher, ob er es selbst wusste.

Die Polizisten trafen schließlich ein, mit einem Ärzteteam, und Brens Raum wurde zu einem improvisierten Behandlungszimmer. Yohn wurde intubiert, bekam Medikamente und wurde überwacht. Bren zog mich behutsam fort, damit ich den Ärzten nicht im Weg stand. An einer Seite reihten wir uns auf: ich, Bren und der Gastgeber. Sein Tier leckte meine Füße mit einer Zunge, die sich wie eine Feder anfühlte. Ein Polizist verbeugte sich vor dem Gastgeber, der als Antwort sein Gesicht bewegte.

»Danke dafür, dass du deinem Freund geholfen hast, Avice. Vielleicht geht es ihm demnächst wieder gut. Und dich werde ich bald wiedersehen, da bin ich mir sicher. ›Schwinge fein, neige dich, Schweinchen und Sonnenlicht?‹« Bren lächelte.

Während mich zu guter Letzt ein Polizist hinauskomplimentierte, blieb Bren mit dem Gastgeber zusammen stehen. Das Wesen hatte eine seiner Extremitäten in kameradschaftlicher Weise um ihn gewickelt. Bren entzog sich dem nicht. Sie standen in höflichem Schweigen beieinander und schauten mich beide an.

Im Kinderhort regten sie sich wegen mir unnötig auf. Auch wenn der Polizist allen versicherte, dass ich nichts Falsches getan hätte, schien es den Personaleltern ein wenig verdächtig zu sein, in was ich da wohl hineingeraten war. Doch sie waren anständig, weil sie uns liebten. Sie konnten sehen, dass ich einen Schock hatte. Wie konnte ich Yohns zitternde Gestalt vergessen? Mehr noch – wie konnte ich vergessen, so ganz in der Nähe eines Gastgebers und der Geräusche seiner Stimme gewesen zu sein? Was geschehen war, verfolgte mich, keine Frage, genau wie die gewissenhafte, auf mich gerichtete Aufmerksamkeit des Gastgebers.

»Da hatte also heute jemand Drinks mit dem Botschaftspersonal, nicht wahr?«, neckte mich mein Schichtvater, als er mich ins Bett brachte. Es war Papa Shemmi, mein Lieblingsschichtvater.

Später im Außen interessierte ich mich ein wenig für die vielen verschiedenen Formen von Familie. Ich erinnere mich nicht, dass ich – oder die meisten anderen Kinder von Botschaftsstadt – irgendein spezielles Gefühl von Eifersucht gegenüber jenen unserer Schichtgeschwister empfunden hätte, die bisweilen Besuch von ihren Bluteltern erhielten. Das war nichts, was für uns von besonderer Bedeutung gewesen wäre. Ich habe nie genauer nachgeforscht, doch im späteren Leben fragte ich mich, ob unser Schicht-und-Kinderhort-System soziale Praktiken der Gründer von Botschaftsstadt fortführte (Bremen ist lange Zeit recht locker darin gewesen, eine Vielfalt von Gebräuchen in dem von ihm regierten Gebiet zu tolerieren) oder ob es ein wenig später aufgekommen war. Vielleicht geschah dies in einem vagen gesellschaftsevolutionären Einklang mit dem institutionellen Aufstieg unserer Botschafter.

Wie auch immer. Ab und an hörte man schreckliche Geschichten von den Kinderhorten, gewiss. Doch auf der anderen Seite hörte ich im Außen auch schlimme Geschichten von Leuten, die von denen aufgezogen worden waren, die sie geboren hatten. In Botschaftsstadt hatten wir alle unsere Lieblingsschichtväter oder -mütter und jene, vor denen wir uns mehr fürchteten – jene, deren Wochen im Dienst wir genossen, und jene, bei denen das nicht der Fall war; jene, zu denen wir gingen, um getröstet zu werden, und jene, die wir um Rat fragten; jene, die wir bestahlen, und so weiter. Doch unsere Schichteltern waren gute Leute. Und Shemmi liebte ich am meisten.

»Warum mögen es die Leute nicht, dass Mr. Bren dort lebt?«

»Nicht ›Mr Bren‹, mein Schatz. Nur ›Bren‹. Sie – einige von ihnen – halten es nicht für richtig, dass er so in der Stadt lebt.«

»Und was hältst du davon?«

Er zögerte. Schließlich antwortete er: »Ich denke, sie haben recht. Ich glaube, es ist … ungeziemend. Es gibt Orte für die Getrennten.«

Ich hatte dieses Wort schon früher einmal gehört, und zwar von Papa Berdan.

»Abgeschiedene Heime nur für sie, sodass … Es ist abstoßend, das zu sehen, Avvy. Er ist ein komischer Mensch. Ein mürrischer alter Fiesling. Armer Mann. Aber es ist nicht gut, das zu sehen. Diese Art von Wunde.«

Es ist Ekel erregend, sagte einer meiner Freunde später. Sie hatten diese Einstellung von weniger liberalen Schichteltern gelernt. Der widerliche alte Krüppel sollte doch ins Sanatorium gehen, meinten sie. Lasst ihn in Ruhe, entgegnete ich. Er hat Yohn gerettet.

Yohn wurde wieder gesund. Sein Erlebnis hielt uns jedoch nicht davon ab, unser Spiel fortzuführen. Ich ging ein wenig weiter und im Verlauf von Wochen noch ein wenig weiter, doch ich erreichte niemals Yohns Markierungen. Das Ergebnis seines gefährlichen Experiments, seine letzte Markierung, befand sich viele Meter jenseits seiner anderen: der Anfangsbuchstabe seines Namens, in einer schauderhaften Handschrift geschrieben. »Dort bin ich in Ohnmacht gefallen«, erzählte er uns später. »Fast wäre ich gestorben.« Nach seinem Unfall war er niemals mehr in der Lage, auch nur annähernd so weit zu gehen. Er blieb der Zweitbeste, wegen seiner Geschichte, aber ich konnte ihn jetzt schlagen.

»Wie soll ich Brens Namen richtig schreiben?«, fragte ich noch an jenem Abend Papa Shemmi, und er zeigte es mir.

»Bren«, sagte er und fuhr mit seinem Finger das Wort nach: sieben Buchstaben; vier davon sprach er aus, drei konnte er nicht.

0.2

Als ich sieben Jahre alt war, verließ ich Botschaftsstadt. Zum Abschied küsste ich meine Schichteltern und -geschwister. Ich kehrte zurück, als ich elf war: verheiratet; nicht reich, aber mit Ersparnissen und etwas Besitz. Ich wusste ein wenig darüber, wie man kämpfte, wie man Befehlen gehorchte, wie und wann man ihnen nicht gehorchte und wie man in das Immer eintauchte.

In mehreren Sachen war ich mittelmäßig bis gut geworden, doch, wie ich glaube, nur in einer überragend. Nicht in Gewalt. Das ist eine alltägliche Gefahr des Hafenlebens, und während meiner Zeit in der Fremde hatte ich immerhin fast so viele Kämpfe gewonnen wie verloren. Ich sehe stärker aus, als ich bin. Zudem konnte ich mich immer schnell bewegen, und wie viele mittelmäßige Schläger war ich gut darin geworden, mehr Fertigkeiten anzudeuten, als ich tatsächlich beherrschte. Und ich konnte Auseinandersetzungen vermeiden, ohne offenkundig feige zu wirken.

Ich war schlecht, wenn es um Geld ging, hatte aber einiges angehäuft. Auch konnte ich nicht behaupten, dass ich ein echtes Geschick für die Heirat besaß, doch ich war besser darin als viele andere. Ich hatte zwei vorausgehende Gatten und eine Frau gehabt. Aufgrund sich ändernder Vorlieben hatte ich sie verloren, und zwar ohne jegliche Verbitterung: Wie schon gesagt, ich war nicht schlecht, was das Heiraten anbelangte. Scile war meine vierte Verbindung.

Als Immer-Eintaucherin stieg ich zu den Rängen auf, die ich anstrebte – zu denen, die mir ein bestimmtes Prestige und Einkommen bescherten, ohne dass ich eine großartige Verantwortung übernehmen musste. Und genau darin war ich überragend: in jenem Lebensstil, der Geschick und Glück, Faulheit und Dreistigkeit verbindet, eine Technik, die wir Floaking nennen.

Immer-Eintaucher, glaube ich, haben sich diesen Begriff ausgedacht. Jeder hat etwas von einem Floaker in sich: Es gibt einen kleinen Teufel auf deiner Schulter. Nicht jeder, der einer Mannschaft angehört, strebt an, diese Technik zu meistern. Es gibt jene, die anführen oder forschen wollen, doch für die meisten ist Floaking unabdingbar. Manche Leute halten es für bloße Trägheit, doch es ist eine aktivere und differenziertere Technik als das. Floaker haben keine Angst vor Anstrengung; viele Mannschaftsmitglieder arbeiten sehr hart, um überhaupt auf ein Schiff zu kommen. So wie ich.

Wenn ich an mein Alter denke, denke ich immer noch in Jahren, sogar nach all dieser Zeit und den Reisen. Es ist eine schlechte Angewohnheit, und das Schiffsleben sollte mich eigentlich davon geheilt haben. »Jahre?«, brüllte einer meiner ersten Offiziere mich an. »Das ist mir total scheißegal, was es auch immer an siderischem Blödsinn in Ihrer Pisspott-Heimat gibt. Ich will wissen, wie alt Sie sind.«

Antworte in Stunden. Antworte in subjektiven Stunden: Keinen Offizier kümmert es, wenn du irgendetwas verlangsamt hast im Vergleich zu deiner Pisspott-Heimat. Niemanden kümmert es, mit welcher der zahllosen Jahreslängen du aufgewachsen bist. Also: Als ich rund 170 Kilostunden alt war, verließ ich Botschaftsstadt. Ich kehrte zurück, als ich 266 Kilostunden alt war: verheiratet, mit Ersparnissen und dem Wissen, ein paar Dinge gelernt zu haben.

Ich war etwa 158 Kilostunden alt, als ich lernte, dass ich in das Immer eintauchen konnte. Da wusste ich, was ich tun würde.

Ich antworte in subjektiven Stunden; ich muss objektive Stunden vage im Gedächtnis behalten. Ich denke in den Jahren meiner Geburtsheimat, die selbst von den Zeitabläufen eines anderen Ortes geprägt worden waren. Nichts von dem hat irgendetwas mit Terre zu tun. Ich traf einst einen Junior-Immer-Eintaucher von irgendeiner sich selbst hassenden Hinterwäldlerwelt, der in, wie er es selbst nannte, »Erdjahren« rechnete. Dieser lächerliche Trottel. Ich fragte ihn, ob er an dem Ort gewesen war, wo es diese Zeitrechnung gab, gemäß der er lebte. Natürlich hatte er nicht mehr Ahnung als ich, wo das war.

Als ich älter geworden bin, ist mir bewusst geworden, wie wenig bemerkenswert ich bin. Was mir passierte, passierte nicht vielen Einwohnern von Botschaftsstadt – was gewiss auch eine Bedeutung hat –, doch die Geschichte, wie es passierte, ist klassisch. Ich wurde an einem Ort geboren, von dem ich Tausende von Stunden glaubte, dass er mir alles bot, was ich vom Universum brauchte. Dann wusste ich ganz plötzlich, dass dies nicht der Fall war, aber dass ich keine Möglichkeit haben würde, wegzugehen. Und dann konnte ich den Ort doch verlassen. Das Gleiche hörst du überall, und zwar nicht nur unter den Menschen.

Hier ist eine andere Erinnerung: Wir pflegten das Eintauchen in das Immer zu spielen. Dabei liefen wir hintereinanderher, ein wenig geduckt in einer »Ich bin unsichtbar«-Haltung, riefen dann: »Tauch auf!«, und packten einander. Wir wussten sehr wenig über die Immer-Eintauchung, und jene Schauspielerei war, wie ich lernen würde, nicht viel ungenauer als die meisten erwachsenen Beschreibungen des Immer.

In unregelmäßigen Abständen trafen in meiner Jugend Flapos ein, die in den Zeiten zwischen der Ankunft von Schiffen eingeplant wurden. Hierbei handelte es sich um unbemannte Container, voll mit Kleinteilen und von ’ware gesteuert. Viele von ihnen gingen unterwegs verloren und wurden, wie ich später lernte, zu einer ständigen Bedrohung, indem sie für alle Zeiten in unterschiedlichen korrodierten Formen im Immer trieben, für das sie gebaut worden waren. Die meisten aber erreichten uns. Als ich älter wurde, bekam meine Aufregung bei diesen Ankünften einen Anstrich von Frustration: Ich war neidisch auf die Flapos, bis ich begriff, dass ich tatsächlich ins Außen rauskommen würde. Sie wurden zu Fingerzeigen, zu kleinen geflüsterten Verheißungen.

Als ich viereinhalb Jahre alt war, sah ich einen Zug, der eine gerade gelandete Flapo durch Botschaftsstadt beförderte. Wie die meisten Kinder und viele der Erwachsenen wollte ich stets mit eigenen Augen ihre Ankunft miterleben. Es gab eine kleine Bande von uns, die sich dort im Kinderhort gebildet hatte. Sie wurde von Mama Quiller – ich glaube, sie war es – überwacht und ein wenig in die Schranken gewiesen, und auf unsere viel jüngeren Schichtfreunde gaben wir selbst Acht. Wir konnten uns im Großen und Ganzen ungestört weit über die Gitter lehnen und übereinander sowie über die Ankunft schwatzen.

Wie immer wurde die Flapo auf einen riesigen Flachwagen gelegt, und der bio-fabrizierte Bewegungsapparat, der sie über den breiten Strang des für den Frachtverkehr bestimmten Schienennetzes von Botschaftsstadt beförderte, wuchtete sich hoch und streckte zeitweilig muskuläre Beine aus, um sich mitsamt seinem Antrieb anzuspannen. Die Flapo auf seinem Rücken war größer als die Halle meines Kinderhorts: ein überaus wirkliches, wie eine abgestumpfte Patrone geformtes Behältnis, das sich durch den leichten Regen bewegte. Seine Oberfläche schimmerte vom Saft, der in Fäden aus der kristallenen Abschirmung aufstieg und im Nichts entschwand. Ich weiß heute, dass die zuständigen Behörden verantwortungslos handelten. Sie hatten nicht abgewartet, bis die letzten Rückstände des Immer, die an der Oberfläche hafteten, sich verflüchtigten. Dies war nicht die erste Flapo, die sie noch vom Dunst ihrer Reise umhüllt hereingebracht hatten.

Ich schaute zu, wie ein ganzes Gebäude geschleppt wurde. So jedenfalls sah es aus. Ein großer Zug, der vor Anstrengung keuchte und dessen Enginarii ihn durch einen Einschnitt drängten. Der riesige Frachtraum wurde bergaufwärts zum Schloss der Botschafter gezogen, umringt von Botschaftsstädtern, die jubelten und mit Bändern winkten. Er hatte eine Eskorte von Zentauren, von Männern und Frauen, die an der Vorderseite von vierbeinigen, bio-fabrizierten Beförderungsmitteln saßen. Einige der wenigen Außerirdischen der Stadt standen bei ihren Terre-Freunden: Kedis hoben ihre Krausen, die in bunten Farben leuchteten, Shur’asi und Pannegetch erzeugten ihre Töne. Es gab auch Automa in der Menge: ein paar schwankende Kästen, einige mit genug überzeugender Turingware, sodass sie wie begeisterte Teilnehmer wirkten.

In dem unbemannten Gefährt befand sich Frachtgut: Geschenke für uns von Dagostin und vielleicht von Planeten, die noch weiter entfernt lagen, Importdinge, auf die wir ganz versessen waren – Buchware und Bücher, Nachrichtenware, seltene Lebensmittel, Tech und Briefe. Das Fahrzeug würde man ebenfalls ausschlachten. Ich selbst hatte jährlich im Gegenzug Dinge hinausgeschickt, wenn unsere eigenen, viel kleineren Flapos ausgesandt wurden. Sie enthielten robuste Güter und all die Unterlagen, die zum amtlichen Schriftverkehr gehörten. (Alles wurde vor der Absendung sorgfältig kopiert. Niemand würde davon ausgehen, dass irgendeine Flapo ihren Bestimmungsort erreichte.) Doch ein wenig Platz war Kindern vorbehalten, um mit Schulen im Außen zu korrespondieren und Brieffreundschaften zu pflegen.

»Flapo, Flapo! Flaschenpost!«, sang Mama Berwick, während sie unsere Briefe einsammelte. Liebe Klasse 7, Bowchurch High, Charo-Stadt, Bremen, Dagostin. Ich erinnere mich, wie ich diese Worte schrieb. Ich wünschte, ich könnte mit meinem Brief kommen und euch besuchen. Kurze briefliche Aufregungen, die immer wieder mal den Alltag durcheinanderwirbelten.

Die Flapo zog an einem der Wasserwege vorbei, die wir Flüsse nennen und bei denen es sich um kleine Kanäle handelt. Ich erinnere mich, dass auf der Stilt Bridge Gastgeber standen, als die Flapo darunter hindurchkam, zusammen mit einer Delegation der Botschaft. Sie blickten durch das farbige Glas der Brückentore nach unten. Mitarbeiter unseres Sicherheitsdienstes flankierten sie auf bio-fabrizierten Reittiermaschinen.

Es geschah außerhalb meiner Sichtweite, dass der blinde Passagier aus der Flapo auftauchte; doch ich habe Aufzeichnungen gesehen. Die Gleise wurden überblickt von Wohnhäusern auf der östlichen Seite und auf der westlichen von den Tiergärten, als das Knacken erstmals hörbar wurde. Wäre es einen Kilometer weiter geschehen, zwischen den überfüllten Mietshäusern und unter den Brückenwegen in unmittelbarer Nähe der Botschaft, hätte es viel schlimmer kommen können.

Auf den hochgeladenen Nachrichten kann man erkennen, dass einige in der Menge wussten, was da passierte. Es gab Rufe, als das Geräusch lauter wurde. Leute versuchten, andere zu warnen. Einige von denen, die begriffen, was geschah, rannten einfach weg. Wir Kinder blieben zumeist nur dort stehen, denke ich, obwohl Mama Quiller ihr Bestes getan haben dürfte, um uns dort herauszuholen. Man hört das Geräusch, wie sich das Keramikgehäuse der Flapo in anti-newtonscher Weise dehnt. Leute spähen über die Gitter, um zuzuschauen; mehr und mehr von ihnen machen, dass sie von dort wegkommen.

Die Flapo birst und schleudert brutal Klingen aus Schiffsrumpfmaterialien durch die Luft. Etwas aus dem Immer kommt heraus.

Die Klassifizierung ist ungenau. Die meisten Experten stimmen darin überein, dass das, was an jenem Tag auftauchte, eine unbedeutende Manifestation war – eine, die man »Stichling« nennt, wie ich später erfuhr. Zuerst war es eine versteckte Andeutung, die sich selbst aus Winkeln und Schatten zusammenstellte. Es vergrößerte sich selbst aus seiner Umgebung und manifestierte sich im Übergang. Die Ziegelsteine, Plastone und der Beton von Gebäuden, die Energie der Käfige und das Fleisch der gefangenen Tiere aus den Gärten ergoss sich auf und in das schwimmende Ding – entgegen aller Physik. Sie gaben ihm Substanz. Häuser wurden abgedeckt, als ihre Dachschieferplatten zur Seite tropften – in eine Wesenheit hinein, die jeden Augenblick materieller wuchs und geeigneter für diese Wirklichkeit wurde.

Man brachte das Ding rasch zur Strecke. Sie hämmerten es mit Gelegentlich-Gewehren nieder, die gewaltsam das Manchmal durchsetzen: dieses Zeug, unser Alltägliches, gegen das Stets des Immer. Nach Minuten gellenden Schreiens wurde es verbannt, verschickt oder getötet.

Glücklicherweise wurde kein Gastgeber verletzt. Doch die Erscheinung hinterließ eine Menge von Toten. Einige starben durch die Explosion; andere wurden verringert und waren teilweise davongeflossen. Von da an befolgte das Botschaftspersonal bei der Bergung von Flapos die Sicherheitsprotokolle, die sie vorher hatten schleifen lassen. Unsere Trids zeigten wiederholte Debatten, Wut und Existenzangst. Wer auch immer es gewesen war, der wegen des Vorfalls mit Schimpf und Schande entlassen wurde, er war ein Sündenbock für das System. Ich erinnere mich daran, dass die Eltern über einen jungen, verwegen undisziplinierten Botschafter namens DalTon sprachen, der genau das mehr oder weniger vor einer Cam behauptete und dabei voller Zorn war. Papa Noor sagte mir gegenüber sogar, die Katastrophe würde das Ende der glanzvollen Empfänge bei der Ankunft von Flapos bedeuten. Selbstverständlich irrte er sich darin. Er war stets ein schwermütiger Mensch.

Natürlich waren meine Freunde und ich besessen von der Tragödie. Innerhalb sehr kurzer Zeit führten wir es als Spiel auf: Wir machten Immer-blubbernde und Gehäusebehälter-knackende Geräusche, feuerten mit Fingergewehren und Stäben auf jene von uns, die zeitweilig Monster darstellten. Ich glaube, ich stellte mir den Stichling als irgendeine Art von erschlagenem Drachen vor.

Man erzählt sich, dass Immer-Eintaucher sich niemals an ihre Kindheit erinnern. Das ist eines von jenen Dingen, die angeblich jeder weiß, und es ist offenkundig nicht wahr. Leute sagen das, als ob sie nach einer Möglichkeit suchen, die Fremdartigkeit des Immer hervorzuheben: Die Folgerung aus dieser Annahme ist, dass es etwas in dieser grundlegend anderen Realität gibt, das den menschlichen Geist gründlich zerrüttet. (Was das Immer sicherlich kann, aber nicht auf diese Weise.)

Es stimmt also nicht; dennoch ist es so, dass ich und die meisten Immer-Eintaucher, die ich gekannt habe, nur flüchtige oder vage oder verworrene Erinnerungen an die Zeit haben, als wir klein waren. Ich denke nicht, dass hier etwas Mysteriöses vorliegt: Ich glaube, es ist eine Konsequenz aus unseren geistigen Haltungen, aus der Art und Weise, wie wir denken, und zwar bei jenen von uns, die in das Außen gehen wollen.

Ich entsinne mich sehr gut an Episoden, doch eben nur an Episoden, nicht an eine Zeitachse. An die bedeutendsten Zeiten, an die prägenden Augenblicke. Der Rest von allem befindet sich unorganisiert in meinem Kopf, und meistens ist mir das egal. Hier: Noch ein anderes Mal in meiner Kindheit war ich in Gesellschaft von Gastgebern. Eines Morgens im dritten Monatling eines Julis wurde ich zu einem Treffen gerufen.

Es war Papa Shemmi, den sie schickten, um mich zu holen. Er drückte meine Schulter, als er mich in eines der schmuddeligen, mit Papierkram und Datspace überfüllten Büros vom Kinderhort wies. Es handelte sich um Mama Solfers Raum, und ich war noch nie zuvor darin gewesen. Das meiste war Terretech, obwohl ein kastenförmiger, bio-fabrizierter Abfalleimer ruhig seinen Müll aß. Solfer gehörte zu den Älteren, sie war freundlich und zerstreut; allerdings kannte sie meinen Namen, und das wusste sie nicht von all meinen Schichtgeschwistern. Sie erhob sich und winkte mich zu sich, wobei sie sich offenkundig unbehaglich fühlte. Sie stand da, blickte um sich herum, als ob sie nach einem Sofa suchen würde, das es im Raum nicht gab, und setzte sich dann wieder. Hinter ihrem Schreibtisch saß Papa Renshaw neben ihr. Rückblickend stelle ich fest, nicht ohne eine gewisse Belustigung, dass sie nur wenig Platz hatten und viel zu eingeengt dort saßen. Papa Renshaw, der ein relativ neuer, rücksichtsvoller und lehrerhaft wirkender Schichtvater war, lächelte mich an. Zu meiner Verwunderung war die dritte Person, die auf mich wartete, Bren.

Seit Yohns Unfall war beinahe ein Jahr vergangen, fast fünfundzwanzig Kilostunden, und weder ich noch irgendjemand von uns hatte sich seither zu jenem Haus zurückbegeben. Natürlich war ich seitdem gewachsen, und zwar mehr als viele meiner Geschwister. Doch sobald ich den Raum betrat, zeigte Bren mit einem Lächeln, dass er mich wiedererkannte. Er sah unverändert aus. Möglicherweise trug er dieselben Kleidungsstücke wie bei jenem Ereignis.

Mama bewegte sich. Obwohl sie mit den übrigen auf einer Seite des Schreibtischs saß und ich auf der anderen, auf dem steifen Erwachsenenstuhl, zu dem sie mich dirigiert hatte, fühlte ich plötzlich aufgrund der Art und Weise, wie sie die Augenbrauen bewegte, wenn sie mich anblickte, dass sie und ich zusammen waren, in was für einer merkwürdigen Sache auch immer.

Ich würde dafür bezahlt werden, erklärte sie (wie sich herausstellte, war es ein nicht geringer Betrag, der auf mein Konto geladen werden würde); es war ziemlich sicher; und es war eine Ehre. Ihre Worte ergaben für mich nicht allzu viel Sinn. Papa Renshaw unterbrach sie in liebenswürdiger Weise. Er wandte sich Bren zu und forderte ihn mit einer Handbewegung zum Reden auf.

»Du wirst gebraucht«, sagte Bren zu mir. »Darum geht es hier.« Er hielt seine Hände wie zwei Schalen, als ob ihre Leere ein Beweis für etwas wäre. »Die Gastgeber brauchen dich, und aus irgendeinem Grund bin wieder einmal ich derjenige, der es vermitteln soll. Sie versuchen, etwas auszuarbeiten. Sie führen im Moment eine Aussprache. Ein paar von ihnen sind überzeugt, sie könnten sich klar und verständlich ausdrücken durch einen … durch einen Vergleich.« Er beobachtete mich, um zu sehen, ob ich ihm zu folgen vermochte. »Sie haben … eine Art von Gedanken. Aber die Geschehnisse, die sie damit ausdrücken wollen, haben sich noch nicht ereignet. Verstehst du, was das bedeutet? Sie möchten es sprachfähig machen. Daher müssen sie es gestalten. Ganz genau. Es schließt ein menschliches Mädchen ein.« Er lächelte. »Du verstehst, warum ich nach dir gefragt habe.«

Ich vermute, er kannte keine anderen Kinder.

Bren lächelte über die Weise, wie sich mein Mund bewegte.

»Sie … wollen mich … damit ich ein Simile, einen Vergleich aufführe?«, fragte ich schließlich.

»Es ist eine Ehre!«, rief Papa Renshaw.

»Es ist eine Ehre«, wiederholte Bren. »Ich sehe, dass du das weißt. ›Aufführen‹?« Er wackelte mit dem Kopf in einer Art, die »nun ja«, »ja« und »auf keinen Fall« ausdrückte. »Ich werde dir keine Lügen erzählen. Es wird wehtun. Und es wird nicht schön sein. Aber ich verspreche dir, dass mit dir alles in Ordnung sein wird. Das verspreche ich.« Er beugte sich zu mir vor. »Geld wird für dich drin sein, wie deine Mama gesagt hat. Und außerdem. Darüber hinaus. Das Botschaftspersonal wird dir danken. Und die Botschafter.«

Renshaw blickte auf. Ich war nicht so jung, dass ich nicht gewusst hätte, was diese Dankbarkeit wert war. Ich hatte eine Vorstellung von dem, was ich zu machen hoffte, wenn ich alt genug sein würde. Und das Wohlwollen des Botschaftspersonals war etwas, das ich sehr gerne haben wollte.

Ich sagte auch ja zu der Anfrage, weil ich dachte, es würde mich in die Gastgeberstadt bringen. Das war nicht der Fall. Die Gastgeber kamen zu uns, in einen Stadtteil, in dem ich schwerlich jemals gewesen war. Ich wurde in einem Rabenvogel dorthin gebracht, mein erster Flug, doch ich war zu nervös, um mich daran zu erfreuen. Dabei wurde ich nicht von Polizisten begleitet, sondern von Sicherheitsmitarbeitern der Botschaft, deren Körper ein wenig verdreht wirkten vor Augmens und technischen Zusätzen.

Bren begleitete mich, sonst niemand, nicht einmal einer von den Schichteltern, obwohl Bren gar keine offizielle Funktion mehr in Botschaftsstadt hatte (was ich damals nicht wusste). Das war jedoch noch zu einer Zeit, bevor er sich von der letzten solcher informellen Funktionen zurückgezogen hatte, die denen des Botschaftspersonals ähnelten. Er bemühte sich, freundlich zu mir zu sein.

Ich erinnere mich, dass wir die Randgebiete von Botschaftsstadt entlangfuhren und ich zum ersten Mal das Ausmaß der riesigen Gichten sah, die uns Bio-Fabrikate und Zubehör lieferten. Während sie sich bogen – feuchte und warme Enden von Siphons, die sich kilometerweit jenseits unserer Grenzen erstreckten –, erblickte ich andere Fahrzeuge über der Stadt: Ein paar waren bio-fabriziert, andere mit alter Terre-Technik ausgestattet, manche chimärisch.

Wir kamen in einem verwahrlosten Viertel herunter, in dem sich niemand die Mühe gemacht hatte, es vom Stromnetz zu nehmen. Obwohl es fast menschenleer war, wurden seine Straßen von lebenslangen Neon- und Trid-Gespenstern erleuchtet, die mitten in der Luft herumtanzten und Restaurants anpriesen, die schon vor langer Zeit geschlossen worden waren. In den Ruinen einer dieser Gaststätten warteten Gastgeber. Ihr Simile, so hatte man mich vorgewarnt, verlangte, dass ich allein mit ihnen war, und so gab mich Bren in ihre Gewalt.

Während er dies tat, schüttelte er mir gegenüber den Kopf, so als ob wir darin übereinstimmten, dass irgendetwas ein bisschen absurd war. Er flüsterte, dass es nicht lange dauern und er auf mich warten würde.

Was in diesem zerbröckelnden einstigen Speisezimmer geschah, war keineswegs das Schlimmste, das ich jemals erlitten habe, oder das Schmerzhafteste oder das Ekelerregendste. Es war ziemlich erträglich. Allerdings stellte es das am wenigsten begreifliche Geschehen dar, das mir jemals passiert ist oder war. Ich war überrascht, wie sehr mich das verunsicherte.

Eine lange Zeit schenkten die Gastgeber mir keine Aufmerksamkeit und führten stattdessen präzise Pantomimen durch. Sie hoben ihre Präsentflügel, traten nach vorn und zurück. Ich konnte ihren süßen Geruch wahrnehmen. Ich war verängstigt. Man hatte mich vorbereitet: Es war unerlässlich um des Similes willen, dass ich meine Rolle perfekt spielte. Sie sprachen. Ich verstand nur die einfachsten Grundlagen von dem, was ich hörte, und konnte gelegentlich ein Wort herausfischen. Ich lauschte nach dem sich überlagernden Flüstern, von dem mir gesagt worden war, es bedeute »sie«, und als ich es hörte, trat ich nach vorn und tat, was sie wollten.

Heute weiß ich, dass man das, was ich damals tat, Disassoziierung nennt. Ich beobachtete alles, mich eingeschlossen. Ich konnte das Ende des Ganzen nicht erwarten; ich fühlte nicht, dass sich irgendetwas entwickelte, und ich empfand keine spezielle Verbindung zwischen mir und den Gastgebern. Ich schaute nur zu. Während wir die Handlungen durchführten, die notwendig waren, damit sie ihre Analogie sprechen konnten, dachte ich an Bren. Er konnte natürlich nicht mehr mit den Gastgebern reden. Was gerade geschah, war von der Botschaft organisiert worden. Ich vermutete, Brens ehemalige Kollegen, die Botschafter, mussten sich für ihn gefreut haben, weil er bei dieser Organisation helfen konnte. Ich frage mich, ob sie ihm etwas zu tun hatten geben wollen.

Nachdem ich fertig und ins Jugendzentrum zurückgekehrt war, wollten meine Freunde alle Einzelheiten wissen. Wie die meisten Kinder von Botschaftsstadt waren wir Raubeine.

»Du warst bei den Gastgebern? Das ist Import, Avvy! Schwörst du es? Sag es wie ein Gastgeber?«

»Sag es wie ein Gastgeber«, erklärte ich angemessen feierlich für einen Eid.

»Ist nicht wahr! Was haben sie denn gemacht?«

Ich zeigte meine Blutergüsse. Ich wollte zugleich darüber sprechen und schweigen. Schlussendlich genoss ich es, darüber zu erzählen und es auszuschmücken. Tagelang verlieh es mir Ansehen.

Andere Folgen waren wichtiger. Zwei Tage später begleitete mich Papa Renshaw zu Brens Haus. Es war das erste Mal, dass ich es seit Yohns Unfall aufsuchte. Bren lächelte und hieß mich willkommen, und ich begegnete dort drinnen meinen ersten Botschaftern.

Ihre Kleidungsstücke waren die schönsten, die ich je gesehen hatte. Ihre Verbindungselemente funkelten, und die Lichter darauf stotterten im Takt mit den Feldern, die sie erzeugten. Ich war eingeschüchtert. Drei von ihnen waren da, und der Raum war voll, zumal hinter ihnen ein Autom war und ständig von einer Seite zur anderen huschte, während er Bren oder einem der Botschafter etwas zuflüsterte. Der Autom, ein Computer in einem segmentierten Körper, gab sich selbst das Gesicht einer Frau. Es bewegte sich, wenn er sprach. Ich konnte erkennen, dass die Botschafter sich bemühten, mir gegenüber, einem Kind, herzlich zu sein – so wie Bren es versucht hatte, ohne irgendwelche Übung darin zu haben.

»Avice Benner Cho, oder?«, sagte eine ältere Frau mit einer erstaunlich gewaltigen Stimme. »Komm herein. Setz dich. Wir möchten dir danken. Wir glauben, du solltest hören, wie du kanonisiert worden bist.«

Die Botschafter redeten zu mir in der Sprache unserer Gastgeber. Sie sprachen mich: Sie sagten mich. Sie warnten mich, dass die wortgetreue Übersetzung des Similes unangemessen und irreführend sein würde. Es gab ein menschliches Mädchen, das unter Schmerzen aß, was ihr in einem alten Raum gegeben wurde, der zum Essen erbaut war und in dem eine Zeit lang kein Essen sich ereignet hatte.

»Im Verlauf des Gebrauchs wird es gekürzt werden«, enthüllte mir Bren. »Bald werden sie sagen, du seist ein Mädchen, das aß, was ihm gegeben wurde

»Was bedeutet das, Sirs, Ma’ams?«

Sie schüttelten die Köpfe, sie zeigten einen Schmollmund. »Das ist nicht wirklich wichtig, Avice«, antwortete eine von ihnen. Sie flüsterte dem Computer etwas zu, und ich sah, wie das animierte Gesicht nickte. »Und es würde sowieso nicht zutreffend sein.«

Ich fragte erneut und formulierte diesmal meine Worte anders, doch sie sagten nichts mehr darüber. Sie fuhren damit fort, mir zu gratulieren, in der Sprache zu sein.

Während des Rests meiner Jugend hörte ich selbst zweimal, wie mein Simile gesprochen wurde: das eine Mal von einem Botschafter, das andere Mal von einem Gastgeber. Jahre später – Tausende von Stunden, nachdem ich es aufgeführt hatte – bekam ich es schließlich irgendwie erklärt. Natürlich handelte es sich um eine plumpe Übersetzung, doch es ist, wie ich denke, mehr oder weniger ein Ausdruck, mit dem man vorhat, Überraschung und Ironie heraufzubeschwören, eine Art von missgelauntem Fatalismus.

Während des ganzen Rests meiner Kindheit und meiner Jugend sprach ich nie wieder mit Bren, doch ich fand heraus, dass er meine Schichteltern zumindest ein weiteres Mal besuchte. Ich bin mir sicher: Es war meine Hilfe bei dem Simile und Brens vage Protektion, die mir halfen, durch den Prüfungsausschuss zu kommen. Ich arbeitete hart, war aber niemals eine Intellektuelle. Ich hatte das, was man für die Immer-Eintauchung benötigte, aber nicht mehr als das, was etliche andere auch besaßen – und weniger als einige, die nicht durchkamen. Es wurden nur sehr wenige Kartas bewilligt, für Zivilpersonen und für jene von uns mit der Befähigung, das Immer zu durchqueren, ohne im Tiefschlaf zu sein. Es gab keinen einleuchtenden Grund, warum mir – selbst mit meinen anerkannten Fertigkeiten – ein paar Monate später, nach jenen Tests, die Rechte gegeben werden sollten, in das Außen hinein zu entwelten.

0.3

In jedem Schuljahr war der zweite Monatling des Dezembers den Prüfungen gewidmet. Bei den meisten ging es natürlich darum, was wir in unseren Unterrichtsstunden gelernt hatten, doch es gab auch ein paar Tests, die ausgefallenere Fähigkeiten abwägen sollten. Nicht viele von uns punkteten besonders hoch in diesen Letztgenannten, in diesen mannigfaltigen Begabungen, die anderswo geschätzt wurden – im Außen. In Botschaftsstadt starteten wir von den falschen Voraussetzungen aus, wie man uns sagte: Wir hatten die falschen Mutagene, die falsche Ausrüstung, einen Mangel an Bestreben. An den Prüfungen, die ein wenig abgehobener waren, nahmen viele der Kinder nicht einmal teil. Ich aber wurde dazu ermuntert, was meiner Vermutung nach bedeutet, dass meine Lehrer und Schichteltern etwas in mir gesehen hatten.

In den meisten Dingen war meine Leistung vollkommen ausreichend. Ich war gut in Rhetorik und in einigen performativen Elementen der Literatur, was mich erfreute, sowie im Lesen von Poesie. Aber worin ich mich auszeichnete, wie sich herausstellte – ohne zu wissen, was es war, was ich da tat –, waren bestimmte Aktivitäten, deren Zweck ich nicht erahnen konnte. Ich starrte auf einen Abfrage-Bildschirm mit bizarren Plasmings. Ich musste in verschiedenen Weisen auf sie reagieren. Es nahm ungefähr eine Stunde in Anspruch, und alles war gut gestaltet wie bei einem Spiel, sodass ich mich nicht langweilte. Ich ging zu anderen Aufgaben über. Keine davon testete mein Wissen, vielmehr prüften sie Reaktionen, Intuitionen, Innenohr-Kontrolle, Nervosität. Was sie maßen, war die mögliche Eignung zur Immer-Eintauchung.

Die Frau, welche die Sitzungen leitete, war jung und wirkte stilvoll in ihrer eleganten Kleidung, die sie von einer Mitarbeiterin des Personals aus Bremen ausgeliehen, eingetauscht oder erbettelt hatte und die der aktueller Mode im Außen entsprach. Sie ging meine Ergebnisse mit mir durch und sagte mir, was sie bedeuteten. Ich konnte sehen, dass sie nicht unbeeindruckt war. Sie hob mir gegenüber hervor, nicht auf grausame Weise, sondern nur, um jeglichen späteren Ärger zu vermeiden, dass dies nichts entschied und nur die erste Stufe war, der noch viele folgen würden. Doch als sie dies erklärte, war mir klar, ich würde eine Immer-Eintaucherin werden, und so geschah es auch. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt lediglich begonnen, die Kleinheit von Botschaftsstadt zu empfinden und in meiner Platzangst darauf zu schimpfen. Aber mit den Ausführungen dieser Frau kam die Ungeduld.

Ich erschlich mir Einladungen zu Ankunftsbällen, als ich alt genug dafür war, und verkehrte freundschaftlich mit Männern und Frauen aus dem Außen. Ich hatte Freude an der scheinbaren Unbekümmertheit, mit der sie Länder auf anderen Planeten erwähnten, und beneidete sie zugleich deswegen.

Erst Kilostunden oder Jahre später erkannte ich wirklich, dass meine Lebensbahn weit weniger unvermeidlich gewesen war, als ich damals geglaubt hatte. Viele Studenten hatten mehr Talent als ich und keinen Erfolg, es hätte ebenso gut sein können, dass mein Fortgehen scheiterte. Meine Geschichte war das Klischee, doch der misslungene Versuch kam bei Weitem häufiger vor. Die Erkenntnis dieser Zufälligkeit sollte später dazu führen, dass mir im Nachhinein noch übel wurde, als könnte es mir immer noch misslingen, obwohl ich in jener Zeit bereits im Außen war.

Sogar Leute, die niemals in das Immer eingetaucht sind, glauben, sie wüssten – mehr oder weniger, wie sie möglicherweise einräumen –, was das Immer ist. Sie wissen es nicht. Diese Auseinandersetzung hatte ich einst mit Scile. Es war das zweite Gespräch, das wir je hatten (das erste ging über Sprache). Er begann die Unterhaltung mit seinen Ansichten, und ich erwiderte ihm, dass ich nicht daran interessiert sei zu hören, was Hinterwäldler womöglich über das Immer dachten. Wir lagen im Bett, und er neckte mich, als ich mich weiter über seine Ignoranz ausließ.

»Was redest du da eigentlich?«, fragte er. »Nicht einmal du selbst glaubst an das, was du da sagst, dafür bist du zu klug. Du lässt doch bloß die Immer-Eintaucher-Scheiße vom Stapel. Ich könnte diesen Scheiß im Schlaf von mir geben. ›Niemand versteht es wie wir – nicht die Wissenschaftler, nicht die Politiker, nicht die verdammte Öffentlichkeit!‹ Das ist deine Lieblingsgeschichte. Lässt jeden außen vor.«

Er brachte mich zum Lachen mit seiner Vermutung. Trotzdem, entgegnete ich ihm, trotzdem: Das Immer war nicht zu beschreiben.

Doch er ließ auch diese Ansicht nicht gelten. »Du hältst niemanden mit diesem Zeug zum Narren. Du glaubst, ich hätte nicht zugehört, wie du redest? Ich weiß, ich weiß, du bist keine, die bloß herumquasselt; du bist nur eine Floakerin, blah … blah. Als ob du deine eigene Dichtung nicht lesen würdest, als ob du Sprache als selbstverständlich voraussetzt.« Er schüttelte den Kopf. »Wie dem auch sei, du wirst mich noch meinen Job kosten mit Gerede wie diesem. ›Worte können es nicht ausdrücken‹ – von wegen! So etwas gibt es nicht.«

Ich legte meine Hand auf seinen Mund. »Aber genau so ist es«, sagte ich zu ihm.

»Nun ja, zugegebenermaßen …« – er sprach durch meine Finger, wobei er im gleichen lehrerhaften Ton fortfuhr, der jetzt allerdings gedämpft war –, »… Wörter können nicht wirklich Referenten sein, das räume ich dir gegenüber ein. Das ist die Tragödie der Sprache, doch unsere asymptotischen Anstrengungen, sie einzusetzen, sind auch nicht einfach nur nichts.«

Sei still, du, erwiderte ich. Das ist alles richtig, sagte ich; dies sprach ich wie ein Gastgeber.

»Nun gut«, meinte er, »ich ziehe meine Worte zurück angesichts der Wahrheit.«

Eine lange Zeit hatte ich das Immer studiert, doch mein erster Moment der Immer-Eintauchung war so unmöglich zu beschreiben gewesen, wie ich es beharrlich behauptete. Mit einer Handvoll anderer Karta-genehmigten neuen Mannschaftsmitgliedern und Auswanderern sowie Bremener Botschaftsmitarbeitern, die ihre Aufträge beendet hatten, war ich mit einer Ketsch zu meinem Luftschiff gekommen. Mein erster Dienst war auf der Wespe von Kolkata. Es war quasi-autonom – ein Stadtschiff, das unter eigener Flagge eintauchte und von Dagostin für diese Fahrt unter Vertrag genommen worden war. Ich erinnere mich genau: Ich stand mit all den anderen Grünschnäbeln im Ausguck; Arieka war eine Mauer quer über dem Himmel, durch den wir uns mit hübscher Sorgfalt auf unseren Immer-Eintauchungspunkt zubewegten. Irgendwo unterhalb der scheinbar feststehenden Wolke lag Botschaftsstadt.

Die Steuerperson brachte uns in die Nähe von Wrack. Es war kaum zu erkennen. Zuerst sah es wie Linien aus, die man über den Weltraum gezogen hatte, dann war es kurz in fadenscheiniger Weise materiell. Immer wieder ebbte es ab und strömte dann erneut in Solidität. Es durchmaß Hunderte von Metern. Es drehte sich, und all seine Ausleger bewegten sich, jeder von ihnen auf seine eigene Weise; seine filigrane Form wie von Trägern und geronnenen Tränentropfen wirbelte vielschichtig.

Die Konstruktion von Wrack ähnelte ungefähr der von der Wespe, doch es war veraltet und schien ein Vielfaches der Abmessungen unseres Schiffes zu haben. Es war wie ein Original, von dem wir ein maßstabgetreues Modell waren, bis es abrupt die Dimensionen wechselte und klein wurde oder weit entfernt war. Gelegentlich war es gar nicht da und manchmal nur gerade erst.

Offiziere, unter deren Haut Augmens schimmerten, erinnerten uns Erstmalige daran, was wir im Begriff waren zu tun, und an die Gefahren des Immer. Dies hier, Wrack, zeigte uns das, und es zeigte uns, weshalb Arieka ein Außenposten war – so schwer zu erreichen, so unterentwickelt und nach jener ersten Katastrophe trabantenlos war.

Ich würde professionell sein, hatte ich mir vorgenommen. Ja, ich war im Begriff, das erste Mal in das Immer einzutauchen, und ich würde alles tun, was man mir befahl. Heute denke ich, dass ich es gut gemacht hätte. Aber die Offiziere erinnerten sich daran, wie es war, ein Neuling zu sein, und sie brachten uns, diese Handvoll neuer Immer-Eintaucher, an einen Ort, wo wir beobachten konnten. Wo wir reagieren konnten, wie wir mussten, weil die Fertigkeiten, die wie eingeübt hatten, niemals garantieren konnten, dass man beim ersten Mal nicht krank werden würde. Hier konnten wir uns einen Augenblick Zeit für unsere Ehrfurcht nehmen und sie so erleben, wie auch immer wir sie erleben würden. Es gibt Strömungen und Gewitterfronten im Immer. Es gibt Gebiete im Immer, die eine ungeheure Fertigkeit und enorm viel Zeit erfordern, um sie zu durchqueren. All dies gehörte zu den Techniken, die ich jetzt kannte, zusammen mit der Körperkontrolle, der mantrischen Besonnenheit und der antrainierten Nüchternheit, die mich zu einer Immer-Eintaucherin machten und die es Immer-Eintauchern ermöglichten, bei Bewusstsein zu bleiben und zielgerichtet zu denken, während wir in das Immer eintauchten.

Auf einer Karte liegt unsere Welt gar nicht so viele Milliarden Kilometer entfernt von Dagostin oder anderen Verkehrskontenpunkten. Doch solche euklidischen Sternenkarten werden nur von Kosmologen benutzt, von einigen Außerirdischen, mit deren Physik wir nicht arbeiten können, und von religiösen Nomaden, die mit qualvoller Unterlichtgeschwindigkeit umhertreiben. Ich war empört, als ich zum ersten Mal Karten sah – ihr Gebrauch wurde in Botschaftsstadt missbilligt. Und wie dem auch sei, für Reisende wie mich sind solche Karten irrelevant.

Schaut euch stattdessen eine Karte des Immer an. Solch eine große, den Gezeiten unterworfene Quiddität. Zieh sie auf, dreh sie und überprüfe ihre Projektionen. Untersuche jene Lichterscheinung auf jede dir mögliche Weise. Und selbst wenn man in Betracht zieht, dass sie nur die Flat- oder Trid-Darstellung eines Topos ist, der sich unserer Anschauung entziehen möchte, so wird doch deutlich, dass unsere Lage sich hier ganz anders darstellt.

Die Bereiche des Immer korrespondieren in keiner Weise mit den Dimensionen des Manchmal – des Raumes, in dem wir leben. Das Beste, was wir tun können, ist zu sagen, dass das Immer unter oder über unserer Realität liegt, sie durchdringt, eine Grundlage von ihr ist – dass es die langue von etwas ist, von dem unsere aktuelle Wirklichkeit die parole darstellt, und so weiter. Hier im Alltäglichen, in Licht-Dekaden und Peta-Metern, ist Dagostin enorm viel weiter entfernt von Tarsk und Hodgson’s als von Arieka. Doch im Immer trennen bei üblichem Wind nur wenige Hundert Flugstunden Dagostin von Tarsk; Hodgson’s liegt im Zentrum von ruhigen und vollgestopften Tiefen; und Arieka ist sehr weit von allem.

Arieka liegt jenseits einer Erschütterung, wo heftige Ströme des Immer gegeneinanderbrausen, wo es Untiefen, gefährliche Vorsprünge und Materiebänke des Alltagsraums im Stets gibt. Arieka befindet sich allein am Rande des bekannten Immer, so weit, wie das Immer gekannt werden kann. Ohne Sachkenntnisse und den Mut und die Fertigkeit der Immer-Eintaucher könnte niemand in meine Welt kommen.

Die Strenge der abschließenden Prüfungen, die ich abgelegt hatte, ist sinnvoll, wenn man jene Karten sieht. Bloßes Talent reicht kaum dafür aus. Gewiss steckte auch eine Politik der Abschirmung dahinter: Bremen wollte die Kontrolle über uns Botschaftsstädter behalten. Doch es konnten ohnehin nur die qualifiziertesten Mannschaften sicher nach Arieka kommen oder Arieka verlassen. Einige von uns wurden mit Anschlüssen versehen, die uns mit den Schiffssystemen verbanden, und Immerware sowie Augmens halfen dabei. Aber nichts davon reichte aus, um aus irgendjemandem einen Immer-Eintaucher zu machen.

Die Art und Weise, wie die Offiziere es erklärten, ließ es so aussehen, als ob die Trümmer der Pionier eine Warnung vor Sorglosigkeit darstellten – ich musste jetzt aufhören, sie Wrack zu nennen; für mich war sie nicht mehr ein Stern, sondern ein Sarg für Kollegen. Als Parabel war das jedoch nicht gerechtfertigt. Die Pionier war nicht auf eine so entsetzliche Weise zwischen Beschaffenheiten gestrandet, weil Offiziere oder Mannschaftsmitglieder das Immer unterschätzt hatten: Umsicht und achtsame Erforschung waren gerade die Gründe gewesen, die sie zerstört hatten. Wie andere Luftschiffe in verschiedenen tracta cognita jener frühen Tage des Reisens war sie einem Köder zum Opfer gefallen. Einer Sache, die ihre Besatzung für eine Botschaft oder Einladung gehalten hatte.

Als Immernauten zum ersten Mal den Meniskus des Alltagsraums durchbrachen, war unter den vielen Phänomenen, die sie in Erstaunen versetzt hatten, auch die Tatsache, dass sie selbst mit ihren primitiven Instrumenten Signale von irgendwoher aus dem Urweltraum empfangen hatten. Sie waren regelmäßig und resonant gewesen: klare Beweise für einen Absender, der über ein hochentwickeltes Empfindungsvermögen verfügen musste. Sie hatten versucht, zur Quelle der Signale zu reisen. Lange Zeit hatten sie – als Anfänger in der Immer-Eintauchung – geglaubt, es wären fehlende Kenntnisse und Fertigkeiten, die ständig dazu führten, dass ihre Schiffe auf jenen Forschungsreisen Katastrophen erlitten. Immer wieder kam es zu Schiffbrüchen, die Fahrzeuge barsten in ruinöser Weise halb aus dem Immer in das materielle Manchmal.

Die Pionier war ein Unglücksfall aus jener Zeit, bevor Forscher verstanden hatten, dass die Impulse von Leuchttürmen ausgesandt wurden. Und sie waren keine Einladungen. Was die Schiffe dazu gebracht hatte, näher zu kommen, waren Warnungen, sich von jenem Ort fernzuhalten.

Überall im Immer gibt es also Leuchttürme. Nicht jede gefährliche Zone wird von diesen Signalfeuern markiert, doch bei vielen ist dies der Fall. Sie sind, wie es scheint, mindestens so alt wie dieses Universum, das nicht das erste ist, das es gegeben hat. Das Gebet, das so oft vor einer Immer-Eintauchung gemurmelt wird, ist eines zum Dank an jene Unbekannten, welche die Leuchttürme aufgestellt haben. Barmherziger Pharotekton, behüte uns jetzt.

Den Pharos von Arieka sah ich nicht, als ich das erste Mal im Außen war, sondern erst Tausende von Stunden später. Um genau zu sein, habe ich ihn natürlich niemals gesehen, und das konnte ich auch nicht. Es würde Licht, Reflexion und andere physikalische Phänomene voraussetzen, die im Immer bedeutungslos sind. Aber ich habe die Darstellungen gesehen, die von Schiffsfenstern erstellt und angezeigt wurden.

Die ’ware in diesen Bullaugen stellt das Immer und alles, was darin ist, auf eine Weise dar, mit der die Mannschaftsmitglieder etwas anfangen können. Ich habe Leuchtfeuer gesehen, die wie komplexe Klumpen erschienen, wie eine Kreuzschraffierung, die als Information umrissen und geformt war. Als ich nach Botschaftsstadt zurückkehrte, ließ der Kapitän – ich glaube, dabei handelte es sich um ein Geschenk für mich – die Bildschirme mit Tropusware laufen: Während wir uns in den gefährlichen Flatterschwingungen, die Arieka umgeben, den Knorren des Immer näherten, erblickte ich einen Strahl in fraktalem Schwarz, einen deutenden Arm aus Licht wie von einem Scheinwerfer, der sich zu drehen schien. Und als der Pharos in Sicht kam und in die Mitte des Un-Ortes schwebte, war es ein Ziegelleuchtturm, der mit Bronze und Glas gekrönt war.

Ich erzählte ihm diese Dinge, als ich ihm begegnete, und Scile, der später mein Mann wurde, verlangte von mir, meine erste Immer-Eintauchung zu beschreiben. Natürlich war er durch das Immer gekommen – er war kein Eingeborener der Welt, in der wir zusammen schliefen. Doch als ein Passagier, der ein bescheidenes Einkommen und keine besondere Widerstandsfähigkeit besaß, war er im tiefen Schlaf verblieben. Allerdings hatte er, wie er mir berichtete, einst dafür bezahlt, dass man ihn ein wenig früher weckte, damit er die Immer-Eintauchung erleben konnte. (Ich hatte von Leuten gehört, die das taten. Eine Schiffsbesatzung sollte das nicht erlauben, und sicherlich würde man es nur in flachen Seichten zulassen.) Scile war schwer Immer-krank gewesen.

Was konnte ich ihm erzählen? Als die Wespe bei jenem ersten Mal in das Immer stieß und darin eintauchte, geschützt von einem Alltagsfeld, war es nicht gerade so, als ob ich das Immer direkt auf der Haut spüren würde. Die Wahrheit war, ich hatte mich direkter mit dem Immer verbunden gefühlt, als ich während meiner Ausbildung in Botschaftsstadt mit einem Apparat verbunden gewesen war, der sich dem Immer annähern konnte wie der flache Boden eines Glases, das auf eine Wasseroberfläche gedrückt wird. Damals hatte ich genau in das Immer hineingesehen und war ihm nahe gewesen. Das hatte mich verändert. Und verlangt nicht von mir, das zu beschreiben, wie ich bereits deutlich gemacht habe!

Die Wespe tauchte hart ein. Ich war unerfahren, doch ich spürte es sofort anhand der Übelkeit, die mich trotz meines Trainings erfasste. Auch wenn wir sorgsam umhüllt von jenem Manchmal-Feld waren, fühlte ich das Zerren der seltsamen Geschwindigkeit, als wir uns in etwas hineinbewegten, was nicht wirklich Richtungen waren, und die irreführende Gravitationsblase, die wir mitgebracht hatten, trug das Ihre dazu bei. Doch ich war viel zu sehr in Sorge, mich zu blamieren, um der Ehrfurcht nachzugeben. Das kam erst später, nachdem wir unsere erste Schwäche überwunden hatten, nachdem man uns die ersten hektischen Aufgaben übertragen und wir sie gemeistert hatten, als wir eine normale Reisetiefe der Immer-Eintauchung erreicht hatten.

Was wir tun, was wir als Immer-Eintaucher tun können, das ist nicht nur, uns selbst stabil, empfindungsfähig und gesund im Immer zu halten, vor allem fähig zu bleiben, zu gehen und zu denken, zu essen, den Darm zu entleeren, zu gehorchen und zu befehlen, Entscheidungen zu treffen, irgendwelches Immerzeug und die Nebenwerte zu beurteilen, die den Entfernungen und Bedingungen ungefähr entsprechen – und das alles, ohne durch die Stets-Krankheit gelähmt zu werden. Das allein ist schon einiges. Es ist nicht nur so, dass – wie einige sagen (und andere bestreiten) – unsere Vorstellungskraft in gewisser Hinsicht beschränkt ist und das Immer uns nicht so sehr zum Narren halten kann, dass wir nicht mehr zweckmäßig denken und handeln können. Wir haben seine Launen gelernt, um es zu durchreisen, doch Wissen kann immer gelernt werden.

Während sie sich noch im Manchmal aufhalten, sind Schiffe – ich meine die von Terre-Wesen, denn ich bin niemals auf irgendeinem Fahrzeug von Außerirdischen gewesen, die das Immer meiden, und ich weiß nichts über die Art und Weise, wie sich diese Gefährte bewegen – schwere Kästen voller Leute und Zeug. Tauchen wir in das Immer ein, wo die Übersetzungen ihrer plumpen Linien einen Zweck haben, so werden sie zu Gestalten, von denen wir einen Teil darstellen, jeder von uns eine Funktion. Ja, wir sind eine Mannschaft, die zusammenarbeitet wie jede andere Mannschaft, doch es geht darüber hinaus …

Die Maschinen bringen uns aus dem Gelegentlich heraus, doch es sind auch wir, die das vollbringen. Wir sind es, die das Schiff antreiben, genauso, wie es uns zieht. Wir sind es, die durch den Urweltraum kreuzen und einrollen, und die Wechsel in ihm nennen wir Gezeiten. Zivilpersonen können das nicht, auch nicht jene von ihnen, die wach sind und sich weder übergeben noch weinen. Tatsache ist, dass eine Menge von dem Quatsch stimmt, den wir euch über das Immer erzählen. Dennoch spielen wir mit euch, wenn wir euch sagen: Die Geschichte dramatisiert, selbst ohne Lügen.

»Dies ist das dritte Universum«, erklärte ich Scile. »Es hat zwei andere vor diesem gegeben. Richtig?« Mir war nicht bekannt, wie viel Zivilisten darüber wussten. Dieses Zeug war Teil meines Alltagswissens geworden. »Jedes von ihnen war unterschiedlich. Es hatte seine eigenen Gesetze – man schätzt, dass im ersten das Licht ungefähr zweimal so schnell war, wie es hier jetzt ist. Jedes wurde geboren und wuchs und alterte und brach in sich zusammen. Drei verschiedene Gelegentlichs. Doch unter all dem, oder um all dem herum oder wie auch immer, hat es immer nur ein Immer gegeben, nur ein Stets.«

Er wusste all das, wie sich herausstellte. Aber diese alltäglichen Fakten von einer Immer-Eintaucherin gesagt zu bekommen, ließ sie zu etwas Neuem werden, und er hörte wie ein kleiner Junge zu.

Wir waren in einem schlechten Hotel in einem der Außenbezirke von Pellucias, einer kleinen Stadt, die bei Touristen beliebt ist aufgrund der prachtvollen Magmafälle, die von ihr überspannt werden. Sie ist die Hauptstadt eines kleinen Landes auf einem Planeten, an dessen Namen ich mich nicht erinnere. Im Alltag befindet sich der Planet nicht in unserer Galaxie, er ist irgendwo Licht-Äonen entfernt; doch er und Dagostin sind enge Nachbarn über das Immer.

Zu jener Zeit war ich bereits erfahren genug. Ich hatte viele Orte aufgesucht. Als ich Scile traf, war ich zwischen zwei Aufträgen und verbrachte ein paar Wochen auf selbst bewilligtem Landurlaub, bevor ich zu einem weiteren Job aufbrechen würde. Ich fing Gerüchte auf: über neue Immer-Technologien, Entdeckungsfahrten, dubiose Missionen. Die Hotelbar war voller Immer-Eintaucher und anderer Hafenbesucher. Es gab Reisende, die sich erholten, und diesmal auch Akademiker. Ich war ziemlich vertraut mit allen – bis auf die zuletzt genannten Typen. In der Lobby lief eine Werbung für einen Kurs in Die heilende Kraft von Geschichte, über den ich derbe Geräusche machte. Ein Trid aus sich drehenden und verändernden Wörtern schwebte durch den Korridor und hieß Gäste der Eröffnungskonferenz des Ausschusses für Gold- und Silberkreisläufe willkommen, ebenso die Gäste einer Versammlung von Shur’asi-Philosophbürokraten und die der KMAL, der Konferenz von menschlichen und außerirdischen ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Stadt der Fremden" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen