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Stadt der Elfen

PROLOG

Er stand mit dem Rücken zu mir und blickte über das Wasser. Es war nur ein kleiner See, ein glitzernder großer Teich mitten im Wald, aber der Mann stand am Ufer, als würde er über einen Ozean schauen. Seine Schultern waren breit und seine Haltung stolz. Goldbraunes langes Haar floss bis zu seinen Schultern hinab und glänzte in gleißendem Licht.

Woher dieses Licht kam, konnte ich nicht ausmachen. Ich sah keine Sonne am Himmel. Überhaupt war ich mir nicht einmal sicher, ob es Tag war.

Ich tappte barfuß über das Moos am Waldboden. Ich schaute an mir hinunter und sah, wie meine Zehen das pelzige Grün berührten – aber ich fühlte es nicht. Vielmehr glaubte ich zu schweben. Ich war leicht und schien vom Boden losgelöst zu sein.

Überrascht stellte ich fest, dass ich ein cremeweißes Nachthemd aus Leinen trug. Der Stoff war fest und etwas kratzig. Ich kannte dieses Material. Auf dem Dachboden meiner Großmutter stand die Hochzeitstruhe meiner Urgroßmutter. Darin befand sich handgearbeitete Wäsche. Als Kind hatte ich einmal über die Hemdchen und Laken streichen dürfen. Anprobiert hatte ich keines der Stücke. Dafür waren sie zu alt und zu kostbar. Ich hatte mich immer darüber gewundert, schließlich war es doch nur Leinen.

Jetzt trug ich eines dieser Nachthemden. Die Spitze am Saum umwehte meine Beine. Ich schwebte weiter über das Moos. In den Baumkronen raschelte das sattgrüne Laub. Der Wald war majestätisch, ein Märchenwald, wie ich noch keinen gesehen hatte, und doch würdigte ich ihn kaum eines Blickes. Je näher ich dem Mann am Ufer kam, desto mehr nahm seine Gestalt mich gefangen.

Der Wind spielte mit seinem glänzenden Haar. In einem Moment schien er meilenweit entfernt zu sein und im nächsten konnte ich jeden fein gewirkten Goldfaden seines Brokatmantels ausmachen.

Ich streckte die Hand aus, um seine Schulter zu berühren, aber ich griff ins Leere. Er war so viel weiter weg, als es den Anschein gehabt hatte. Ich wollte, dass er sich umdrehte. Ich wollte sein Gesicht sehen. Bestimmt war er unbeschreiblich schön.

Aber er rührte sich nicht. Er sah nur weiter auf den kleinen See, wo Lichtflecke auf den sanften Wellen tanzten.

„Es ist nichts umsonst, Zoey“, flüsterte er plötzlich.

Ich ließ meinen ausgestreckten Arm sinken. „Was?“

„Du wirst für alles bezahlen“, sagte er jetzt und schluckte. Seine samtene Stimme klang bedauernd und mitfühlend. „Für alles, Zoey!“

1. KAPITEL

„Das lange Warten hat ein Ende“, sagte eine viel zu laute Frauenstimme plötzlich neben meinem Kopf. Ich riss die Augen auf.

Sieben Uhr zeigte der Radiowecker und plapperte munter weiter: „Endlich wird das Powder wiedereröffnet. Heute Abend wissen wir, wer diesen Sommer in der City heiß und angesagt ist und wer nicht. Wenn ihr es sein wollt, müsst ihr ins Powder kommen!“

Ich blinzelte und schaltete den Wecker aus. Gähnend setzte ich mich auf. Was für ein seltsamer Traum. Eben war ich noch mit dem stolzen Unbekannten in einem Märchenwald gewesen und jetzt schon wieder in meiner kleinen Wohnung im Village.

Es war mein erster Tag als Junior-PR-Agentin. Draußen vor dem Fenster pulsierte bereits die Stadt, die niemals schläft: New York City.

Manhattan war immer mein Traum gewesen. Ich kam aus einem Kaff in South Dakota, aber kaum hatte ich die Highschool hinter mir gehabt, war ich auch schon hierhergezogen. Ein Stipendium der Columbia University war mein Ticket in den Himmel gewesen. Aber jetzt war ich keine Studentin mehr, ab heute musste ich arbeiten. Vollzeit.

Ich hatte mich schon vor einer Weile für Public Relations entschieden und Praktika und Nebenjobs in diversen Agenturen gemacht. Ich stand gern im Hintergrund und hielt die Fäden in der Hand. Vorne auf dem roten Teppich posierten die von allen bewunderten Stars, Starletts und It-Girls. Aber ohne ihre PR-Agenten war jeder von ihnen nichts. Sie alle brauchten jemanden, der sie in die wichtigen Veranstaltungen hineinbrachte, der die unwichtigen Einladungen aussiebte und ihnen ein paar Sätze schrieb, die sie auf die immer gleichen Fragen der Journalisten antworten konnten.

Ich tat das alles mit Leidenschaft, weil ich gern die Kontrolle hatte und behielt. Außerdem konnten Menschen noch so berühmt sein, ich bewunderte sie nicht übermäßig. Ich schaffte es immer, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen.

Als Teenie hatte ich mir immer irgendwelche übersinnlichen Superhelden und – heldinnen zum Vorbild nehmen müssen, weil alle „normalen“ Stars für mich eben genau das waren: normal.

Ich schlug die Decke zurück und schwang die Beine aus dem Bett. Eine widerspenstige Locke fiel mir in die Stirn, und ich pustete dagegen, bis sie sich wieder zu den anderen Haaren gesellt hatte. Leichtfüßig huschte ich ins Bad und zog mir mein seidenes Trägerhemdchen über den Kopf. Der nachtblaue Stoff war zart und fein. Er glitt über meinen Körper und streichelte mein Gesicht. Für einen Moment hielt ich inne.

In meinem Traum hatte ich das kratzige Leinenhemd meiner Urgroßmutter angehabt. Ich konnte mich noch ganz genau an das Gefühl des steifen Stoffes auf meiner Haut erinnern. So, als hätte ich das Vintage-Hemdchen wirklich getragen. Meine Erinnerung an den Traum verblasste nicht, im Gegenteil. Noch immer sah ich den stolzen Rücken des Unbekannten vor mir. Und da hörte ich in meinem Kopf auch seine samtene Stimme wieder.

Ich würde für alles bezahlen müssen. Das hatte er gesagt.

Was sollte das bedeuten? Natürlich musste ich für alles bezahlen. Ich hatte hart gearbeitet und fleißig studiert, um an diesen Punkt zu kommen. Ich hatte mir eine Chance in diesem Job und bei dieser Agentur verdient. Ich wollte ja nichts umsonst. Das hatte ich nie gewollt.

Ich hob die Schultern und ließ das seidene Nachthemd auf den Boden gleiten. Wahrscheinlich wollte mein Unterbewusstsein mich nur daran erinnern, dass es ohne Fleiß keinen Preis gibt.

Ich schaltete die Dusche ein und ließ das heiße Wasser über meinen Körper laufen.

Mein Schreibtisch stand am Fenster, und ich hatte von meinem Platz aus einen atemberaubenden Blick auf das Chrysler Building. Die Art-déco-Ornamente der Spitze des Gebäudes ragten in den Sommerhimmel. Ich war voller Vorfreude auf einen spannenden Job, den Anfang einer großen Karriere und ließ mich mit einem glücklichen Seufzer in meinen weichen Bürostuhl sinken.

Ich wollte gerade die Rollen austesten und den Stuhl geschmeidig über den champagnerfarbenen Teppich gleiten lassen, als Tina mit eiligen Schritten angelaufen kam.

Tina Chen war meine Chefin, und wie alle Frauen in der Agentur trug sie High Heels an den Füßen und in der Hand ein iPad. Das schien die Standardausrüstung der Agentinnen hier zu sein. Die Praktikantinnen hatten keine Tablet-Computer, sie trugen in der Regel vier bis sechs Kaffeebecher von Starbucks. Bei ihrem Anblick hatte ich mir die Freude darüber, dass das Latte kaufen für mich nun vorbei war, nicht verkneifen können.

Erwartungsvoll lächelte ich Tina an. Sie war Ende dreißig und ihre glatten schwarzen Haare waren im Nacken zu einem strengen Knoten gebunden. Sie lächelte nur flüchtig zurück und legte das iPad auf meinen leeren weißen Schreibtisch.

„Das ist jetzt deins, Zoey“, sagte sie. „Unsere Klientenkartei findest du gleich auf dem Desktop. Du kommst heute Abend mit mir ins Powder.“ Sie atmete aus, es klang ein wenig gestresst. „Die Fay-Zwillinge sind immer wieder eine Herausforderung und die Neueröffnung des Powder ist wichtig für sie. Du wirst mich begleiten.“

Ich strahlte sie an. „Ja klar, Tina. Ich freu mich.“

Tina lachte nervös zurück. „Ja, noch Zoey. Noch.“ Sie drehte sich um und rauschte davon.

„Danke für das iPad“, rief ich ihr noch nach, doch Tina winkte im Gehen ab, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie hatte es offensichtlich sehr eilig. Für eine Asiatin ließ sie sich eindeutig zu leicht aus der Ruhe bringen, dachte ich. Aber sie war schon in der dritten Generation hier in den USA und den Druck des Glamour-Kapitalismus bekamen schließlich alle in der Medienbranche früher oder später zu spüren.

Ich wischte mit der Hand über den Bildschirm des Tablet Computers, um ihn aus dem Ruhezustand zu holen. Er war weiß, schmal und leicht. Der Bildschirmhintergrund war das braungoldene Logo der Chen PR Agentur auf champagnerfarbenem Grund.

Ich tippte mit der Fingerspitze auf das Icon der Klientenkartei und verkniff mir ein Lächeln. Ich hatte meine Nägel ganz bewusst in genau dem Braunton lackiert, in dem auch das Logo gehalten war. Die Farbe stand mir gut, passte zu meinen Haaren und außerdem wollte ich zeigen, wie sehr ich mich mit meinem neuen Arbeitgeber identifizierte.

Die Klientenkartei lud hoch, und ich gab den Namen Fay ins Suchfenster ein. Sofort öffneten sich zwei digitale Karteikarten. Fionn und Flora Fay waren vierundzwanzigjährige Zwillinge, beide Models. Ich kannte sie natürlich aus der Regenbogenpresse und aus weiter Ferne auch von diversen Society Events, auf denen ich für die anderen Agenturen während meines Studiums hin und wieder gewesen war.

Fionn und Flora waren groß, schlank und weißblond. Ihre Haut war zart und weiß – so weiß, dass jeder andere mit dieser Gesichtsfarbe tot, mindestens aber todkrank ausgesehen hätte. Nicht so die Zwillinge. Ihr Antlitz war wie feinstes Porzellan. Die Sedcardbilder der beiden hatten wenig, wenn nicht sogar gar kein Photoshop gebraucht. Das sah ich auf einen Blick.

Fionn trug die Haare in einem modischen Undercut. Man hätte ihn als androgyn beschreiben können, aber sein Kinn und auch die Wangenknochen waren durchaus markant. Floras Gesichtszüge waren weicher. Ihre Haare fielen lang und seidig über ihre Schultern. Laut Kartei hatte sie mit 125 Zentimetern die längsten Beine der Modebranche.

Beide hatten sie große hellgrüne Augen, eine Farbe, die ich so noch nie gesehen hatte. Aber die Karteikarten enthielten keinen Hinweis auf Kontaktlinsen. So oder so war es offensichtlich, warum diese Schönheiten gerade die totalen Aufsteiger sowohl der Modebranche als auch der Gesellschaft waren.

Was mich aber etwas irritierte, waren die Kontaktinformationen der beiden. Die Fays hatten jeder jeweils eine Wohnung auf der Upper East Side, aber außer den beiden Adressen fanden sich keine weiteren Daten, wie man sie erreichen konnte. Jeder andere Klient hatte mindestens eine E-Mail-Adresse, eine Handynummer, außerdem Festnetztelefon, Twitteraccounts und Facebookseiten. Die Fays hatten einen Manager, sonst nichts. Ich legte das iPad beiseite und blickte auf.

Am Schreibtisch mir gegenüber saß meine neue Kollegin Leslie und sah angestrengt auf ihren schicken Bildschirm mit dem leuchtenden Apfel. Ich stand auf und ging zu ihr hinüber.

„Hey Leslie, Tina hat gesagt, ich soll heute Abend mit ihr ins Powder kommen und mich schon mal auf die Fay-Zwillinge vorbereiten.“

„Fionn Fay“, sagte Leslie mit schwärmerischem Unterton und tippte weiter. „Heiß.“

„Natürlich sieht der gut aus, er ist schließlich ein Model“, sagte ich etwas ungeduldig. „Aber, was mich überrascht, ist, dass da gar keine Kontaktinformationen in ihrer Kartei sind. Keine Handynummer oder Mailadresse. Ist da ein Fehler auf meinem iPad oder muss ich mir die Daten noch woanders runterladen?“

Leslie schüttelte den Kopf. „Nein, kein Fehler und runterladen kannst du dir da auch nichts.“

„Also hat nur der Manager ihre Nummern?“

Leslie sah auf und lachte. „Nein, die haben keine Nummern oder Webaccounts oder so, Zoey. Die Zwillinge halten nichts von moderner Kommunikation.“

Ich runzelte die Stirn. „Aber wie erreichen wir sie dann?“

„Wir fahren zu ihnen nach Hause, auf die Shootings, auf denen sie gerade sind, oder wir warten, bis sie hierherkommen. Manchmal warten wir ganz schön lange.“

„Wie bitte?“, fragte ich und schielte auf Leslies großen silberglänzenden Bildschirm. Da war ich in einer der besten PR-Agenturen der Stadt, umgeben von den neusten, schicksten und teuersten Kommunikationsmitteln, und musste mich quasi mit Klienten aus dem neunzehnten Jahrhundert beschäftigen?

Leslie stützte das Kinn auf ihre Hand und seufzte. „Ja, das nervt manchmal total. Und dann sind wir hier auch richtig sauer auf diese egozentrischen und exzentrischen Fays. Aber dann kommt Fionn vorbei und sieht jeder von uns einmal in die Augen und … Ach, Zoey, morgen weißt du genau, was ich meine. Man verzeiht den beiden alles.“

Ich runzelte die Stirn. Es war noch abzuwarten, ob auch ich diesen seltsamen blassen Zwillingen alles verzeihen würde. „Das klingt nach schwierigen Klienten“, sagte ich.

Leslie nickt. „Oh ja. Aber die beiden sind gut. Man erreicht sie zwar nie, aber sie lassen keine Party aus. Manchmal muss man sie regelrecht bremsen, weil ja nicht jedes Event hier in Manhattan ihrem Image wirklich zuträglich ist. Es ist nicht nur, dass sie alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die sind immer fit und posieren noch in den frühesten Morgenstunden. Am Ende so einer Partynacht sind sie auf den meisten Fotos zu sehen. Außerdem sind sie auch …“ Sie brach ab und suchte scheinbar nach den richtigen Worten.

„Was?“, fragte ich.

„Ich habe immer das Gefühl, dass die regelrecht nach Aufmerksamkeit hungern.“

„Hungern?“

Leslie nickte und senkte die Stimme. „Ja, mir scheint, die saugen unsere Aufmerksamkeit in sich auf. Als wäre das die Luft, die sie zum Leben brauchen … Als bräuchten sie sonst nichts. Nur unsere grenzenlose Bewunderung.“

Blitze zuckten über den roten Teppich. Eine junge Schauspielerin stolzierte an uns vorbei: Andrea Allan. Sie war sehr jung, ein Starlett noch, aber ihre Posen für die Fotografen waren perfekt.

„An der bin ich dran“, hauchte Tina mir zu und strich ihr rotes Etuikleid glatt. „Noch ein oder zwei Telefonate, dann verlässt die Jerry Diller und unterschreibt meinen Vertrag.“

Ich nickte und betrachtete Andrea. Mit ihren blonden Locken war sie ein wahrer It-Girl-Traum, den man schmieden musste, solange er noch heiß war. Eben hatte sie noch eine eigene Kinderserie im Disney Channel gehabt, den Titelsong hatte sie natürlich selbst gesungen, und jetzt purzelten die Rollenangebote aus Hollywood nur so bei ihr hinein. Aber niemand konnte sagen, ob nach ein paar Blockbustern alles vorbei war oder aber die oscarreifen Angebote kamen.

Tina und ich standen mit einigen anderen PR-Agenten und Managern neben dem Eingang zum Powder. Von hier führte der rote Teppich bis zur Lexington Avenue, wo die schwarzen Stretchlimos hielten und die Prominenz ausspuckten.

Andrea Allan verschwand im Powder und der nächste schwarz glänzende Wagen fuhr vor. Ein Angestellter des Clubs öffnete die Tür, und Fionn Fay stieg aus. Gekreische wurde vom Rand des roten Teppichs laut. Fionn nickte dem Mann, der ihm die Tür geöffnet hatte, zu und schritt über den Teppich. Sein Gang war geschmeidig, seine Füße schienen den roten Teppich kaum zu berühren. Mir war, als schwebte er. Das Blitzlichtgewitter erreichte seinen Höhepunkt, das Klicken der digitalen Kameras schwoll an, und Fionn posierte.

Tina stemmte die Hände in die Hüften und trommelte mit den Fingern auf den roten Stoff ihres Kleides. „Ich hoffe für Flora, dass sie in der nächsten Limo sitzt“, sagte sie. „Eigentlich sollten sie zusammen kommen.“ Falten legten sich auf ihre Stirn.

„Vielleicht hat Flora sich einen eigenen Wagen organisiert“, sagte ich.

Tina schenkte mir einen sprechenden Blick. „Flora kann sich nicht mal neue Wimperntusche ‚organisieren‘. Wie soll die an eine Limo kommen?“

„Heißt das, wir kaufen ihr die Wimperntusche?“

„Feather Lashes von Helena Rubinstein, ein Fläschchen pro Woche, sonst braucht sie ja nichts, bei diesem Gesicht“, sagte Tina, während sie Fionn ansah. Er trug einen braunen Anzug, sein Einstecktuch hatte die Farbe seiner Augen – und, wie ich nun sah, auch seine Strümpfe. Er wandte sich nach und nach den verschiedensten Fotografen zu, steckte die rechte Hand mal in die Hosentasche, fuhr sich dann durch die weißblonden Haare oder öffnete sein Sakko, um die Hand lässig auf die Hüfte zu legen.

„Heute werde ich ihm wirklich sagen, dass er lächeln soll“, zischte Tina neben mir. „Es muss etwas passieren. Floras Angebote sind ein klein wenig besser als seine, und wenn er nicht aufpasst, fährt sie ihm davon.“

Ich betrachtete die Schaulustigen hinter den Journalisten. „Aber die Frauen lieben ihn“, sagte ich und nickte in Richtung einiger kreischender Fans.

Sie schüttelte den Kopf. „Sie würden ihn mehr lieben, wenn er mal lächeln würde. Ich meine nicht, dass er hier mit Dauergrinsen posieren soll, sondern, dass er einmal im Monat einen Fotografen anlächelt. Jemand wie er muss das natürlich sparsam einsetzen. Aber Flora und Fionn sollten in der Gunst all dieser Menschen schon gleichauf sein, einer allein ist einfach weniger wert.“

Fionn schienen Überlegungen wie diese fern zu sein. Er sonnte sich in Bewunderung, und sein Blick streifte die Massen. Seine großen hellgrünen Augen glitten über die Menge, und einer nach dem anderen schien darin zu ertrinken – als hätte Fionn Fay sie alle hypnotisiert.

„Andererseits“, hauchte jetzt auch Tina neben mir und sah verzückt zu dem weißblonden Adonis, „ist dieser Blick ja sein Markenzeichen und lächeln kann jeder andere mittelmäßige Schauspieler auch. Mit dieser Miene begeistern, das muss man erst mal schaffen.“ Ein leiser Seufzer entglitt ihr.

Ich verdrehte die Augen, sodass sie es nicht sah. Das konnte ja wohl nicht wahr sein. Ein leises Schmunzeln um die Mundwinkel würde diesem Fionn wirklich gut stehen. Das musste ihm doch mal gesagt werden, das durfte man doch nicht unter den Tisch fallen lassen, nur weil er den besten Undercut der Upper East Side hatte.

Wie konnten sich denn nur alle so von ihm einfangen lassen!?

Von Flora Fay ließ sich an diesem Abend allerdings niemand einfangen. Fionns atemberaubende Zwillingsschwester mit den längsten Beinen der Modebranche saß weder in der nächsten noch in der übernächsten Limo.

Tina schäumte vor Wut, als sie nach einem kurzen Gespräch mit Fionn wieder vor mir neben dem Eingang stand.

„Er hat sie heute Mittag das letzte Mal gesehen, da wollte sie noch kommen!“ Tina biss die Zähne zusammen, und ihre Finger tanzten wieder an ihrer Taille. Sie schien einen Augenblick zu überlegen, dann schüttelte sie seufzend den Kopf. „Es hilft nichts, ich muss sie suchen.“ Sie sah zu mir. „Zoey, du bleibst und achtest darauf, dass Fionn auch von den richtigen Fotografen fotografiert wird. Er ist zwar immer da, wo die Kameras sind, aber manchmal sind es leider die falschen. Die kleinen Regenbogenblätter interessieren uns nicht!“

Ich nickte. „Klar, kein Problem.“

„Ich ruf dich an, wenn ich Flora habe, achte auf dein iPhone!“

Ich nickte wieder. Tina stöckelte eilig zur Straße und winkte sich ein Taxi heran. Als sie eingestiegen war, wandte ich mich dem Seiteneingang des Powders zu und betrat den Club. Das Licht war gedämpft, gerade hell genug, dass man den samtigen Puderton der tiefen Sessel und runden Sofas erkennen konnte. Das ganze Etablissement wirkte mit seinen dezenten Nudetönen wie mattiert.

Verschiedene Stars und Starletts strömten an mir vorbei. Andrea Allan lächelte ein paar Fotografen an. Als sie meinem Blick begegnete, hielt sie ihn ein paar Sekunden lang länger fest als gewöhnlich. Ich wusste nicht, warum sie mich betrachtete, aber auch ich fragte mich kurz, ob ich sie persönlich kannte. Waren wir uns schon einmal privat begegnet?

Aber nein, das war ja Unsinn. Das hätte ich mir gemerkt. Ich vergaß doch keine angehenden Weltberühmtheiten, wenn ich ihnen einmal vorgestellt worden war. Vielleicht gefiel ihr lediglich mein lachsfarbenes Seidenkleid.

Tina hatte das gute Stück extra noch von einem jungen Designer in die Agentur bringen lassen. Alles, was ich im Kleiderschrank hatte, hatte ich ihr vorher aufgezählt. Ein Second Hand Chanel und ein oder zwei Marc Jacobs Outfits, je nachdem, wie man das kombinierte. Tina aber hatte keins davon für gut genug befunden, sondern nur den Kopf geschüttelt und diesen aufstrebenden Designer anrufen lassen.

Wie auch immer, mein Kleid war sekundär, und auch Andrea Allan war an diesem Abend nicht mein Problem. Ich musste Fionn Fay vor die richtigen Kameras stellen. Ich drehte mich um – und prallte zurück. Er stand bereits hinter mir und sah auf mich herab. Er war wirklich groß. Obwohl auch ich kein Zwerg bin, überragte er mich noch um fast einen Kopf. Seine Miene war unbeweglich, aber seine Augen fixierten mich, als wollten sie mich an Ort und Stelle festhalten.

Für eine Sekunde war auch ich von diesen Augen gefangen. Aber ich schüttelte es schnell ab und straffte die Schultern. „Ich bin Zoey, Tina Chens neue Assistentin. Sie hat dir sicher von mir erzählt.“

„Ja“, sagte er. „Aber sie hätte uns einander vorstellen sollen.“ Seine Stimme war tief, viel tiefer, als man von so einem schmalen blassen Mann erwartet hätte. Ein sanfter Bariton, der keine Lautstärke brauchte, um sich Gehör zu verschaffen.

Wieder war ich einen Moment lang irritiert und wieder schluckte ich es runter. Ich lächelte. „Das hätte sie, aber da Flora nicht aufgetaucht ist, hat Tina wohl andere Prioritäten.“

„Mhm“, machte Fionns tiefe schmeichelnde Stimme. Mehr nicht. Er sah mich einfach nur weiter an. Es war schon fast ein Starren.

Ich musste ja zugeben, dass dieses lachsfarbene Seidenkleid atemberaubend war, und es passte gut zu meinen brünetten Locken, aber das war nun wirklich kein Grund, mich derart zu fixieren. „Anstatt mich so anzustarren, solltest du lieber sehen, dass du auf ein paar Fotos kommst“, sagte ich. „Das ist schließlich dein Kapital. Da ist Bill; er verkauft seine Bilder meistens an die Vanity Fair. Du solltest dich mal zu ihm drehen.“

„Ich lass mich nicht mit dir fotografieren“, sagte Fionn, ohne mit der Wimper zu zucken.

Ich lachte auf. Für wie eingebildet hielt mich dieser Kerl. Ich stemmte die Hände in die Hüften und trat einen Schritt näher an ihn heran. „Das will ich hoffen, denn es geht hier nicht um mich, es geht um dich! Und wo wir gerade dabei sind, du solltest den Fotografen hin und wieder mal ein kleines Lächeln schenken, kein großes oder besonders strahlendes. Gönn den Kameras nur mal ein kleines Schmunzeln. Das unterstreicht deine Überlegenheit und Arroganz und wirkt gleichzeitig sogar eine Spur freundlich.“

Fionn hob eine Augenbraue. „Freundlich? Ich bin nicht freundlich.“

„Aber du bist ein Profi“, sagte ich und verschränkte die Arme vor der Brust, „du solltest wissen, wann man so tun muss.“

Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, schwieg aber. Seine Augen ließen nun tatsächlich von mir ab und wanderten durch den abgedunkelten Club zu Andrea Allan.

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