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Stadt, Land, Mord

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Vorspann
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19

Über die Autorin

Ann Granger war früher im diplomatischen Dienst tätig. Sie hat zwei Söhne und lebt heute mit ihrem Mann in der Nähe von Oxford. Bestsellerruhm erlangte sie mit der Mitchell-und-Markby-Reihe und den Fran-Varady-Krimis. Nach Ausflügen ins viktorianische England mit den Kriminalromanen WER SICH IN GEFAHR BEGIBT und NEUGIER IST EIN SCHNELLER TOD knüpft sie mit STADT, LAND, MORD, dem ersten Band der Reihe um Inspector Jessica Campbell, wieder unmittelbar an die Mitchell-und-Markby-Reihe an.

Ann Granger

Stadt, Land, Mord

Jessica Campbells erster Fall

Aus dem Englischen von
Axel Merz

Leser der Geschichten um Mitchell und Markby werden Jess Campbell wahrscheinlich wiedererkennen, die im letzten Buch dieser Serie – Und sei getreu bis in den Tod (engl. That Way Murder Lies) – erscheint. Mit diesem neuen Buch habe ich Jess eine eigene Karriere eröffnet, die ebenfalls in den Cotswolds spielt. Ich hoffe, die geschätzten Leser erfreuen sich genauso an Jess Campbells kriminalistischen Abenteuern, wie sie es ihren zahlreichen freundlichen Leserbriefen zufolge bei der älteren Serie getan haben.

Kapitel 1

»Dreck, Mist und tote Dinge«, murmelte Lucas Burton. »Ich hasse das Land.«

Die Worte platzten aus ihm hervor, obwohl niemand in der Nähe war, der sie hören konnte – mit Ausnahme der kreischend protestierenden Krähen, die er von dem überfahrenen Kadaver an der Einfahrt aufgeschreckt hatte. Ein unangenehm schmatzendes Geräusch unter seinem Fuß hatte seinen entsetzten Blick nach unten geführt, und er hatte gesehen, wie sich der Schlamm unabänderlich über die Seiten seiner zuvor makellos polierten Schuhe nach oben arbeitete. Die Krähen landeten wieder bei ihrer Beute und setzten ihren Festschmaus fort. Sie hüpften zankend und laut zeternd umher und kämpften in einem ungestümen Gedränge um die besten Stellen. Ihre kleinen schwarzen Augen glitzerten verschlagen. Es fiel ihm schwer, nicht zu glauben, dass diese Rüpel der Vogelwelt ihn auslachten.

Lucas hob den Schuh aus dem zähen Schlamm. Es gab ein unheilvolles, saugendes Geräusch, und der Abdruck seiner maßgefertigten Budapester begann sich augenblicklich mit trübem Wasser zu füllen. Er humpelte zu einem nahe gelegenen Stapel von verrottenden Holzpaletten und bemühte sich vergeblich, den Dreck von den Sohlen abzustreifen. Was auch immer die Bestandteile dieses speziellen Drecks waren – Lucas wollte lieber nicht eingehender darüber nachdenken –, er klebte wie Leim. Mit einem resignierenden Seufzer gab er seinen Kampf gegen den Dreck auf. Er war gestrandet, und es spielte keine Rolle, ob er kehrtmachte oder weiterging. Er würde sich schmutzig machen.

Der vereinbarte Treffpunkt war ein heruntergekommener, anscheinend verlassener Bauernhof auf dem Kamm eines Hügels an einer kaum befahrenen Nebenstraße. Die Aussicht von hier oben war spektakulär, doch Lucas war nicht in der Stimmung, sie zu genießen. Auf drei Seiten erstreckte sich eine Hügellandschaft. Auf der vierten, hangabwärts, wuchs ein dichtes Gehölz und versperrte die Sicht auf das, was am Fuß des Hangs lag.

»Mitten in der tiefsten Wildnis!«, murmelte Lucas böse. Selbst der Klang seiner eigenen Stimme erschien ihm auf obskure Weise tröstend. Doch das war genau der Zweck dieses Treffpunkts. Der Grund, warum dieses verlassene Gehöft ausgewählt worden war. Es lag weit abseits und war dennoch leicht über die Straße erreichbar, und es bestand nur eine geringe Chance, gestört zu werden, außer von wild lebenden Tieren. Zum damaligen Zeitpunkt hatte er den Vorschlag als brillant empfunden. Jetzt fragte er sich nervös, ob die Person, mit der er sich treffen wollte, einen schrulligen, wenig reizvollen Sinn für Humor hatte. Ganz ähnlich den verdammten Krähen draußen auf dem Asphalt bei ihrer Beute.

Wenigstens war der Treffpunkt so leicht zu finden gewesen, wie man ihm zugesichert hatte. »Das Gehöft hieß früher Cricket Farm«, hatte sein Informant ihm erzählt. »Frag mich nicht, warum. Wir haben keine Grillen in diesem Land, oder? Ich schätze, der Name bezieht sich auf das Spiel.«

»Und du bist sicher, dass dieses verdammte Gehöft verlassen ist?«, hatte Lucas gefragt. »Du weißt selbst, wie das mit diesen verlassenen Orten ist. Keine Seele zu sehen, wie auf der verdammten Marie Celeste, und dann, bevor man sich’s versieht, ist man von Kühen umzingelt.«

»Entspann dich, der Bauernhof ist seit Jahren verlassen. Die Gebäude stehen leer, und das Wohnhaus ist halb verfallen und vernagelt. Vertrau mir.«

Ein frommer Wunsch, den Lucas nicht so ohne weiteres erfüllen mochte. Sie hatten ihre Bekanntschaft nach einer Pause von mehreren Jahren erst kürzlich erneuert. Damals war sie produktiv gewesen, und Lucas hatte große Hoffnung, dass es wieder so werden würde. Bis zu diesem Moment hatte er keinerlei Zweifel daran gehegt, doch hier, an diesem gottverlassenen Fleck, wurde ihm höchst unbehaglich klar, wie wenig er eigentlich über den anderen wusste. Im Allgemeinen vertraute er seiner Menschenkenntnis, doch im Prinzip war er ein Spieler, und jeder Spieler wusste eines genau: Früher oder später begeht man einen Fehler.

Er hätte Gummistiefel mitnehmen sollen. Nein, Korrektur: Er hätte den Treffpunkt selbst aussuchen sollen. Lucas blickte sich mit zunehmenden Zweifeln um.

»Der Mercedes ist von der Straße aus nicht zu sehen«, hatte der andere ihm versprochen.

Er war sich dessen nicht so sicher. Leere Ställe, Scheunen und Geräteschuppen säumten zwei Seiten des Hofs und verfielen unter einem bleiernen Himmel langsam zu Ruinen. Auf der dritten Seite stand das einstige Farmhaus, Fenster und Tür vernagelt. Die Bretter waren zu einem hellen Grau verwittert. Jahre mussten vergangen sein, dachte er, seit dieses Haus das Heim einer Familie gewesen war. Heute ließ nur noch ein Haufen Müll in einer Ecke des Hofs vermuten, dass sich überhaupt jemals ein Mensch hierher verirrte. Der Haufen erweckte seine Aufmerksamkeit so sehr, dass er ihn einige Minuten lang untersuchte. Es war eine merkwürdige Mischung aus alten Waschmaschinen, Herden und allen möglichen Dingen aus Metall. Alles rostete leise vor sich hin, und er fragte sich, wie um alles in der Welt es wohl hierhergekommen war. Ob jemand den Kram illegal abgeladen und sich auf diese Weise die Gebühren für die Entsorgung gespart hatte? Obwohl mit dieser Art von Schrott Geld zu verdienen war. Metallschrott, dachte Lucas und schürzte die Lippen. Auch wenn es in diesem Fall der Mühe kaum wert war.

Es gab eine breite Lücke, wo der Hof an die Straße grenzte. Rechts und links standen verrostete Pfosten schief im Boden. Das schwere Tor, das einst zwischen den Pfosten gehangen hatte, lag wahrscheinlich auf dem Schrotthaufen unter all dem anderen Zeug. Die Pfosten bildeten eine Art Einfahrt und führten das Auge des Betrachters zu seinem geliebten Mercedes in der würdelosen Umgebung. Besser, er versteckte den Wagen. Aber wo?

Die nächstliegende Möglichkeit war der offene Kuhstall mit dem Wellblechdach direkt vor ihm. Die Blechpaneele hatten sich gelockert und klapperten im böigen Wind, der über die Hügel strich. Er überquerte den Hof und warf einen Blick hinein. Es war nicht viel zu erkennen – das Innere des Stalls war dunkel, und es herrschte ein schwacher Geruch nach den früheren Bewohnern, oder besser gesagt, nach ihren Ausscheidungen. Er unternahm ein paar vorsichtige Schritte ins Innere. Es erschien ihm wenig sinnvoll, einfach den Wagen hineinzufahren und sich vielleicht die Reifen an einem achtlos liegen gelassenen Stück Metall aufzuschlitzen.

Allmählich gewöhnten sich seine Augen an das Dämmerlicht. Er konnte Stallboxen erkennen. Altes, moderiges Stroh auf dem Boden. Unerwartet spürte er, wie sich in ihm Neugier regte. Was war geschehen, dass dieser einst so geschäftige Ort in solches Elend verfallen war? Mehr noch, brachliegendes Farmland zum richtigen Preis wäre eines Kaufs durchaus wert, falls es ihm gelang, eine Baubewilligung zu erwirken.

Das war wiederum eine Idee, die ernsthafter Überlegung wert war. Ein solches Projekt war heutzutage weit mehr nach seinem Geschmack als ein kleiner Haufen Schrott. Ein solches Projekt wäre groß und profitabel. Allein um diesen Hof herum konnte man sechs Häuser im Cottage-Stil errichten, vielleicht sogar acht, wenn man sie ein wenig enger zusammenquetschte. Stadtmenschen mit einer romantischen Sehnsucht nach dem Leben auf dem Land mochten so etwas. Sie kämen niemals auf den Gedanken, in der Stadt ein so kleines Heim zu kaufen. Doch hier draußen waren sie bereit, gutes Geld auf den Tisch zu blättern für einen Kaninchenstall mit einem falschen Kamin in der Zimmerecke und einer hübschen »Aussicht«.

Er stellte sich diese begehrenswerten Behausungen vor: Erbaut aus Cotswold-Stein (nicht dem echten, sondern einer billigen Imitation), spitze Holzdächer über den Eingangstüren und ein Parkbereich für alle Bewohner. Individuelle Garagen erhöhten nur die Kosten und nahmen wertvollen Platz ein. Zögernd, beinahe widerwillig verdrängte er die Vision von einer lukrativen Investition aus seinen Gedanken. Lucas war nicht hergekommen, um nach Bauland zu suchen, auch wenn er sich rühmte, ein Auge für Gelegenheiten zu haben. Einige der besten Geschäfte seiner Karriere hatten so ihren Anfang genommen: eine zufällige Begebenheit, eine rasche Entscheidung. Eine Lücke sehen und sich darauf stürzen.

Er drang tiefer in den Stall vor. Hinter ihm stand der silbergraue Mercedes als Silhouette eingerahmt im Freien, und Lucas hatte das Gefühl, als gehörte der Wagen in eine andere Welt als die, die er nun betreten hatte – eine »Dadraußen«-Welt, die zwar unangenehm, aber normal war. Er hatte eine »Hier-drin«-Welt betreten, in der andere Regeln galten, und er war nicht ganz sicher, was das für Regeln waren. Einen kurzen Moment lang überkam ihn die irrationale Angst, nicht zurückkehren zu können, abgeschnitten zu sein, von dem Moment an, als er den unwiderruflichen Schritt über die Schwelle des Kuhstalls gemacht hatte, unter das klappernde Blechdach, durch dessen große Löcher Regen und Tageslicht ins Innere fielen. Er war nicht nur einfach an einem anderen Ort, sondern auch in einer anderen Zeit, die zu einer verschwundenen Kultur gehörte. Er war durch den Spiegel getreten. Er spürte einen Anflug von etwas, das er seit Jahren nicht mehr gekannt hatte – Panik – und wandte sich um in Richtung Tageslicht und dem vertrauten Universum, das er so unbedacht verlassen hatte.

Beinah hatte er den Ausgang erreicht und damit die Sicherheit (wie sein Verstand ihm beharrlich weiszumachen versuchte), als er den merkwürdigen Haufen auf dem Boden zu seiner Linken bemerkte. Er musste beim Hereinkommen fast darauf getreten sein, doch seine Augen hatten sich noch nicht an das Dämmerlicht gewöhnt, und er hatte ihn nicht gesehen. Er stockte. Das Gefühl von Panik wuchs zu einem Klumpen in seinem Bauch. Übelkeit stieg in ihm auf.

»Sei kein verdammter Narr!«, schalt er sich. »Das ist nur ein Haufen Müll wie alles andere.«

Doch er fühlte sich von dem Haufen angezogen wie von einer magnetischen Kraft. Er musste ihn untersuchen, und wenn nur aus dem einen Grund, sich zu beweisen, dass nichts dahintersteckte und seine Angst unbegründet war. Jetzt stand er direkt davor. Ja. Nur ein alter Mantel. Was ist bloß los mit dir, Lucas?, schalt er sich. Siehst du neuerdings Gespenster?

Es war nichts weiter als ein schmutziger, alter, rosafarbener Mantel. Nicht mehr, nicht weniger. Ein Frauenmantel wahrscheinlich, nach der Farbe zu urteilen. Für einen Moment verebbte seine Angst, nur um im nächsten mit Vehemenz zurückzukehren. Der Mantel war gar nicht so alt, wie Lucas im ersten Augenblick geglaubt hatte, und schmutzig war er auch nicht. Nicht annähernd alt und schmutzig genug, um achtlos weggeworfen zu werden. Er gehörte nicht hierher. Das Stück zerrissenes Sackleinen gleich daneben, das schon eher. Aber was hatte ein neuer und obendrein teuer aussehender Mantel hier zu suchen? Warum war der Mantel so achtlos weggeworfen worden?

Seine Schuhe waren inzwischen so schmutzig, dass er sich nicht länger bemühte, sie einigermaßen sauber und trocken zu halten. Er schob einen Fuß vor und schubste den Mantel an. Etwas Schweres, Nachgiebiges lag darunter, das – wie ein weiterer Schubser erkennen ließ – sich bis unter das Sackleinen fortsetzte. Irgendjemand hatte etwas darunter versteckt. Ein größeres Objekt, groß genug, dass Mantel und Sackleinen nötig waren, um es zuzudecken.

Lucas zuckte zusammen und wich einen Schritt zurück. Doch er konnte sich nicht abwenden und davonlaufen, sosehr er das wollte. Ein mächtiger Wunsch, den zugedeckten Gegenstand zu untersuchen, stand im heftigen Widerstreit mit einem beinahe genauso starken Widerwillen, ihn zu berühren. Die bloße Vorstellung von physischem Kontakt stieß ihn ab. Er blickte sich suchend um und entdeckte eine alte Heugabel, die vergessen an der Wand einer Stallbox lehnte. Lucas ging sie holen und streckte sie nach dem Sackleinen aus, um es mit den Zinken behutsam hochzuheben und freizulegen, was sich darunter verbarg.

Durchdringend süßlicher Gestank schlug über Lucas zusammen und verdrängte den anhaftenden Geruch nach Vieh. Im Dreck vor ihm lagen zwei Beine in blauen Jeans, die Füße in Turnschuhen.

»Nein, oh nein!«, flüsterte Lucas. »Nein. Das kann nicht sein …« Seine Hand zitterte. »Los, weiter, du Schlappschwanz!«, befahl er sich. Er zielte nach dem Mantel und schleuderte ihn zur Seite, um den Rest des Gebildes am Boden aufzudecken. Plötzlich erfüllte ein Rauschen seine Ohren. Die Wände des Kuhstalls wichen erst zurück und stürzten dann auf ihn ein. Er hatte den Dreck und den Mist erlebt, und jetzt hatte er zu allem Überdruss ein totes Ding gefunden.

Keinen Fuchs, der draußen auf der Straße überfahren und zerfetzt worden war, sondern ein menschliches Wesen, das aus trüben, blutunterlaufenen Augen anklagend zu ihm hochstarrte. Ein Mädchen, ein junges Mädchen. Ihr Unterkiefer war wie im Schrei herabgesunken und gab den Blick frei auf gleichmäßige, weiße Zähne. Die blau angelaufene Zunge quoll ein wenig hervor, und ihre Unterlippe war blutig, als hätte sie sich selbst heftig darauf gebissen.

Lucas würgte und schleuderte die Heugabel beiseite. Er stolperte rückwärts aus dem Kuhstall und torkelte über den Hof zu seinem Mercedes. Ohne auf den an seinen Schuhen klebenden Dreck zu achten, den er nun überall auf dem mit Teppich ausgelegten Fahrzeugboden verteilte, drehte er mit zitternden Fingern den Zündschlüssel, bis der Motor ansprang. Er setzte quer über den Hof zurück, wendete und schoss mit durchdrehenden Reifen nach vorn und durch die Einfahrt nach draußen.

Glücklicherweise kam kein Fahrzeug des Weges, weder aus der einen noch aus der anderen Richtung. Selbst wenn es ihm wie durch ein Wunder gelungen wäre, einen Zusammenstoß zu vermeiden, der andere Fahrer hätte ihn unweigerlich gesehen. Es war wichtig, dass er unentdeckt blieb. Lucas raste voller Panik davon und wurde erst langsamer, als er den Fuß des Hügels erreicht hatte, hinter dem Wäldchen, wo er in der Einfahrt zu einem Feld anhielt. Hektisch kramte er nach seinem Mobiltelefon.

Gott sei Dank wurde sein Anruf sofort entgegengenommen.

»Hör zu!«, krächzte er. »Fahr nicht hin! Ich meine, fahr nicht zu diesem Treffpunkt, zur Cricket Farm, verdammt! … Wo bist du? … Dann dreh um und fahr zurück nach Hause! … Keine Diskussionen! Ich erklär dir alles später. Mach es einfach, okay?«

Er schwitzte und kämpfte gegen die Übelkeit an, die in seiner Speiseröhre nach oben stieg. In seiner Hast, die Farm zu verlassen, bevor irgendjemand ihn sah, hatte er wahrscheinlich jede Menge Spuren hinterlassen: die Reifenabdrücke des Mercedes, seine Fußabdrücke, Fingerabdrücke auf dem Griff der Heugabel. Nun, es spielte keine Rolle, Herrgott noch mal. Die Chancen standen gut, dass der Regen alles wegspülte, noch bevor der Tag zu Ende war. Es hatte in letzter Zeit genug geregnet, um Noahs Arche flottzumachen, und die Vorhersage hatte noch mehr versprochen. Der Regen würde die Reifenspuren und Fußabdrücke wegwaschen. Und die Fingerabdrücke – meine Güte, die waren sicher verschmiert, unvollständig, nicht zu gebrauchen. Vielleicht vergaßen sie sogar, die Heugabel zu kontrollieren. Wer? Die Polizei, wer sonst.

Warum sollte die Polizei überhaupt zur Cricket Farm fahren? Niemand fuhr dorthin. Außer natürlich ihm selbst. Dummerweise. Trotzdem. Niemand würde die … würde dieses Ding finden, für Wochen und Monate. Das Wichtigste war, dass niemand je erfuhr, dass er dort gewesen war. Nur sie beide hatten von ihrer Verabredung gewusst. Er würde nicht reden, und der andere würde es nicht wagen.

Ein Rattern und Rumpeln kündigte an, dass sich von hinten ein anderes Fahrzeug näherte, und zwar mit recht hoher Geschwindigkeit. Lucas stieß einen Fluch aus. Das Fahrzeug kam den Hügel herunter, vorbei an der Cricket Farm und geradewegs auf ihn zu. Ihm blieb nicht genügend Zeit, den Motor zu starten und wegzufahren. Er tat das Einzige, das ihm übrig blieb. Er duckte sich tief und hoffte, dass, wer auch immer vorbeikam, annehmen würde, dass niemand im Wagen war.

Das Fahrzeug ratterte vorbei. Lucas tauchte vorsichtig wieder auf und spähte über das Armaturenbrett nach vorn. Er erhaschte einen kurzen Blick auf das Heck eines Pferdeanhängers. Es war ein Anhänger für ein einzelnes Tier, mit einer Rampe am Heck, die hochgeklappt wurde und so eine halbe Tür bildete. Hänger wie dieser wurden in der Regel von einem Landrover oder einem ähnlichen Fahrzeug gezogen – genau das, was man in dieser Gegend erwartete. Rappelnd verschwand das Gespann hinter der nächsten Kurve; der Hänger schien leer zu sein, was erklärte, wieso der Fahrer so schnell fuhr. Irgendein Landei, das seinen Geschäften nachging und sich nicht für Lucas und seinen Wagen interessierte.

Langsam beruhigte sich sein Puls wieder, und er begann, seine nächsten Schritte zu planen. Zuerst musste er von hier verschwinden. Gab es vielleicht etwas, das er noch vorher erledigen sollte? Und was war hinterher?

Ein guter Staatsbürger hätte natürlich die Polizei gerufen und den grausigen Fund gemeldet. Doch gute Staatsbürger wurden nicht von schlechtem Gewissen geplagt wie Lucas.

Eigentlich war sein Gewissen stets ein bereitwilliges Ding gewesen. Es erhob nur selten Einwände gegen irgendetwas. Stattdessen hatte Lucas einen stark ausgeprägten Selbsterhaltungstrieb, der nun machtvoll einsetzte. Er hatte einen Fehler begangen, indem er hierhergekommen war. Er hatte einen Fehler begangen, sich überhaupt auf diese ganze dumme Geschichte einzulassen. Jetzt die Behörden zu informieren wäre der dritte Fehler, der die beiden anderen noch verschlimmern würde. Er konnte es sich nicht leisten, Erklärungen abzugeben. Die Polizei versprach einem immer, diskret vorzugehen, wenn sie verzagte Zeugen aufmuntern wollte – doch es war nichts Diskretes an den Bullen, in Uniform oder nicht, wenn sie zur Haustür getrampelt kamen – oder gar auf die Arbeit, ins Büro! – und anfingen Fragen zu stellen. Eine Säule der Gesellschaft darzustellen, Vertrauen in anderen zu erwecken, das war ein großer Teil von Lucas’ Handwerkszeug. Und wenn irgendein Idiot in der Bar des Golfclubs oder im lokalen Pub jedem in Hörweite erzählte, dass die Polizei bei Lucas Burton gewesen war (»Ehrlich, ich hab sie mit eigenen Augen gesehen, als sie wieder gefahren sind!«), dann schlug das sicher einige Wellen und geriet lange Zeit nicht in Vergessenheit. Das war das Dumme an den Bullen – selbst in Zivil war für jeden Einäugigen offensichtlich, wer und was sie waren. Und selbst wenn es Lucas gelang, eine überzeugende Geschichte zu erfinden und die Bullen abzuwimmeln, hatte seine weiße Weste einen Fleck erhalten, der sich so schnell nicht wieder auswaschen ließ.

Wie wäre es dann mit einem anonymen Anruf?

Nicht vom Mobiltelefon aus, oh nein. Viel zu riskant – die Daten des Anrufs wurden sicher gespeichert und konnten bis in diese Gegend zurückverfolgt werden. Vielleicht sogar bis zu seinem Telefon. Öffentliche Fernsprecher gab es in der Gegend nicht. Das nächste Festnetztelefon befand sich im nächsten Pub, und zweifellos würde er dort irgendjemandem auffallen, weil er ein Fremder war. Vielleicht würde man ihn sogar belauschen.

Nein, kein anonymer Anruf bei den Bullen.

Sollte doch jemand anders die Leiche finden, oder vorzugsweise auch nicht.

Lucas stieg aus dem Wagen und umrundete das Fahrzeug langsam. Der Mercedes war von oben bis unten vollgespritzt mit Schlamm, und wenn jemand ihn so nach Hause kommen sah, fiel es garantiert auf.

In der Nähe gab es eine Pfütze. Lucas drückte sein Taschentuch darin aus und versuchte den Dreck abzuwaschen, doch das machte es nur noch schlimmer. Ihm blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass ihn niemand sah. Seine Bemühungen, die Schuhe zu säubern, verliefen gleichermaßen erfolglos.

Schließlich gab er auf und warf einen Blick auf seine Uhr. Er hatte fast zwanzig Minuten verschwendet! War das möglich?

Jemand hätte vorbeikommen können und beobachten, wie er sich zum Narren machte, indem er versuchte, seinen Wagen mit einem Taschentuch zu waschen.

In diesem Moment fing es wieder an zu regnen. Dicke Tropfen landeten platschend auf der Windschutzscheibe und in seinem Gesicht. Gleich würde es wieder schütten. Er würde von hier verschwinden. Nach Hause fahren. Der Mercedes musste warten. Er würde ihn später waschen und die Spuren von dieser elenden Farm beseitigen.

Während er davonfuhr, sinnierte er, dass dieses unwillkommene Abenteuer seine Vorbehalte gegen das Land bestätigt hatte. Es hielt immer die eine oder andere hässliche Überraschung parat. Und wenn es keine Kühe waren, dann waren es Tote.

Kapitel 2

Der Landrover mit dem leeren Pferdeanhänger ratterte an dem Schild mit der Aufschrift Berryhill Stables, Livery and Equestrian Centre. Inh. P. Gower vorbei. Gleich hinter dem Wegweiser zum Reitstall bog das Gespann von der Straße ab und setzte seine Fahrt über einen unbefestigten Schotterweg fort, bis es mitten auf dem Hof zum Halten kam.

Die Stallboxen standen sich in zwei parallelen Reihen gegenüber. Der Wassertrog war eine alte Emaillebadewanne. Penny (alias P. Gower) und ihre verfügbaren Helfer gaben sich alle erdenkliche Mühe, das Gehöft sauber zu halten, doch es hätte nicht schaden können, dachte sie melancholisch, wenn alles ein wenig schicker gewesen wäre. Die Leute waren durchaus bereit, mehr Geld zu bezahlen, wenn ihre Tiere in einem »richtigen« Stall standen, in einer gemauerten Box, und wenn man einen überdachten Reitplatz anzubieten hatte und … na ja.

Penny seufzte. Träume waren schön und gut, aber sie kosteten Geld. Man musste investieren, um Profit zu machen, sagten die Leute jedenfalls immer wieder. Doch man kann nicht investieren, was man nicht hat. Abgesehen davon war sie zufrieden mit dem, was sie erreicht hatte. Der Hof mochte nicht der schickste sein, doch als sie ihn gekauft hatte, war er eine verfallene Ruine gewesen. Sie hatte hier wahre Wunder vollbracht. Leider war das nur wenigen Besuchern bewusst.

Beim Geräusch von Pennys Ankunft erschienen ein oder zwei neugierige Köpfe mit gespitzten Ohren über den Halbtüren, doch Solo, einst der Erste, der das vertraute Geräusch des Motors identifiziert und ihr einen gewieherten Gruß zugeworfen hätte, tauchte nicht auf.

Der Reitstall hatte Besucher. Es waren zwei Fahrzeuge. Eins parkte neben dem »Büro«, das andere unten beim Tor zur Koppel. Der Wagen neben dem Büro, ein dunkelblauer Passat, gehörte Andrew Ferris. Hoffentlich hat Andy noch nicht zu lange gewartet. Der matschbespritzte ältere Jaguar bei der Koppel war ihr ebenfalls bekannt; er gehörte Selina Foscott. Das hatte Penny gerade noch gefehlt.

Ma Foscott mit Kind.

Sie stieg aus. Unten am Koppelzaun sah sie Andrew lehnen. Auf der Koppel war (mithilfe von Andrew) eine Reihe niedriger Sprünge aufgebaut worden. Andrew beobachtete gebannt eine kleine Gestalt auf einem kastanienfarbenen Pony mit weißen Fesseln und angelegten Ohren. Das ungleiche Paar näherte sich mit dem Elan eines Kavallerieangriffs einer Barriere aus roten und weißen Stangen. Dann, im allerletzten Augenblick, brach das Pony nach der Seite aus, und die kleine Gestalt segelte geradeaus weiter, um mit einem dumpfen Schlag vor dem Sprunghindernis im Dreck zu landen. Der Aufprall war so heftig, dass Penny ihn selbst auf diese Entfernung hin zu hören meinte. Der Reiter rollte herum und setzte sich auf. Das Pony galoppierte ein kurzes Stück weiter, bevor es wie ein Drache schnaubend stehen blieb. Eine drahtige Gestalt in einer Barbour-Jacke kam herbeigerannt und packte die Zügel auf eine Weise, die keinen Widerspruch duldete. Das Pony scheute und stampfte mit den Hufen, doch weiter reichte sein Aufbegehren nicht.

»Charlie!«, brüllte die drahtige Gestalt mit hoher Stimme. »Sitz nicht einfach da herum! Los, steig wieder auf!«

»Tut mir leid, Andrew«, sagte Penny, als sie bei ihm am Zaun angekommen war. »Ich musste den Anhänger bei Eli Smith abholen. Er hatte mir versprochen, den Schaden zu reparieren, den Solo bei seinem Ausbruchsversuch angerichtet hat.«

»Und – hat er?«

»Oh ja. Eli kann beinahe alles reparieren, wenn er nur will. Es ist ein Glück, dass er mir seine Hilfe angeboten hat, sonst hätte es mich ein Vermögen gekostet. Eli wollte nicht einen einzigen Penny. Ich hoffe, Charlie ist nichts passiert.«

»Ich denke nicht«, sagte Andrew mit leidenschaftslosem Blick hin zu dem abgeworfenen Reiter. »Sie sind unglaublich elastisch, diese Kinder.«

»Mit Glück und Übung. Charlie hat jede Menge Übung im Herunterfallen.«

»Los, Charlie, keine Müdigkeit vorschützen!«

Die kleine Gestalt am Fuß des Sprunghindernisses rappelte sich auf die Beine und trottete mutlos in Richtung des Ponys.

»Ein Mädchen!«, rief Andrew überrascht. »Ist es denn die Möglichkeit?«

»Ja. Das merkst du erst jetzt?«

»Sie sehen doch alle gleich aus in diesen Sachen, oder etwa nicht? Jetzt kann ich erkennen, dass sie lange Haare hat. Sie muss sie unter den Reithelm geschoben haben, und beim Sturz haben sie sich gelöst. Warum wird sie Charlie gerufen?«

»Ihr richtiger Name lautet Charlotte. Ich glaube, ihre Mutter wollte eigentlich einen Jungen. Das ist übrigens die Mutter. Selina Foscott beim Herumkommandieren ihrer Tochter.«

»Dachte ich mir schon, dass sie aussieht wie Selina. Sie ist eine richtige Xanthippe. Sie macht mir keinen mütterlichen Eindruck, eher den eines Ausbilders beim Militär. Charlotte, wie? Charlotte Foscott. Keine glückliche Kombination von Namen und Vornamen.«

»Eine erstklassige Nervensäge, die gute Selina. Komm, gehen wir ins Büro.«

Auf dem Weg zu den Containern sagte Andrew: »Lindsey ist vor zwanzig Minuten mit einem Schüler ausgeritten. Ein dürrer Kerl mit spitzen Knien.«

»Mr. Pritchard. Er nimmt Reitstunden, um seinen persönlichen Horizont zu erweitern. Das sind seine eigenen Worte. Wenn du mich fragst, er sollte besser Stunden im Aquarellmalen nehmen. Aber er ist ein eifriger Schüler, und er bezahlt seine Stunden pünktlich.«

Sie hatten ihr »Büro« erreicht, das in Wirklichkeit nur eine weitere Box am Ende der Reihe war. Ein Blick verriet, dass sie zugleich als Sattelkammer diente. Eine Reihe von Sätteln auf einer langen Stange. Darunter das Zaumzeug. Um zu zeigen, dass hier auch das Büro war, gab es einen kleinen Tisch (großspurig als »Schreibtisch« bezeichnet) sowie zwei alte Holzstühle. An der den Sätteln gegenüberliegenden Wand standen Regale, in denen neben verschiedenen Pappschachteln und einigen verbeulten Dosen auch zwei Reithelme lagen. Weil die Stallbox keine Fenster besaß, musste zumindest die obere Türhälfte, ob Regen oder Sonne, weit offen stehen, um Licht hereinzulassen, wenn das Büro benutzt wurde. Der Ausblick in den Hof vermittelte die Illusion von Platz, doch in Wirklichkeit war es schrecklich beengt. Nebenan war Solo in seiner Box zu hören. Er schnaufte und stampfte und stieß gelegentlich gegen die Wand.

Andrew warf einen Blick auf das Ganze und seufzte.

»Keine Sorge, Andy. Ich bewahre hier keine wichtigen oder vertraulichen Unterlagen auf. Keine Rechnungen, keine Belege für die Steuer. Das ist alles daheim. Hier sind nur der Terminkalender für die Reitstunden und irgendwelche Kinkerlitzchen.«

Während sie sprach, nahm sie ihr Mobiltelefon hervor und legte es ordentlich neben den eselsohrigen Terminkalender auf den Schreibtisch. Auf einem Notizzettel stand flüchtig gekritzelt zu lesen: »Mick Mackenzie war da und hat etwas abgegeben«.

»Etwas« war ein weißer Umschlag.

»Seine Rechnung«, sagte Penny. »Ich muss den Umschlag nicht aufreißen, um zu wissen, was es ist. Schon wieder eine Rechnung. Mick ist sehr gut, aber er kann sich keine Kundschaft leisten, die ihre Tierarztrechnungen nicht bezahlt.«

»Ist es denn eine große Rechnung?«, fragte Andy mit besorgtem Blick.

»Für mich ist jede Rechnung eine große Rechnung! Selbstverständlich bezahlen die Pferdehalter ihre Tierarztrechnungen selbst, aber meine eigenen beiden Tiere hatten in letzter Zeit ein paar Probleme.« Sie sah Andrew von der Seite an. »Das ist der eigentliche Grund, warum du hergekommen bist, richtig? Meine heikle finanzielle Situation. Macht es dir etwas aus, Teewasser aufzusetzen? Du bist näher dran.«

»Teewasser aufsetzen« beinhaltete das Anzünden eines Propangasbrenners.

»Das ist nicht sicher hier drin, das weißt du – all das Holz und die Tiere gleich nebenan.« Er deutete auf die Gasflasche. »Sie ist für draußen gedacht.«

»Lindsey oder ich machen sie ja nur an, wenn wir einen Tee trinken oder Besuch haben wie dich. Sie fliegt bestimmt nicht von alleine in die Luft«, verteidigte sich Penny zaghaft.

»Aber sie würde in die Luft fliegen, wenn es ein Feuer gäbe und dieses Büro in Flammen aufginge. Nimm die Flasche wenigstens abends mit nach Hause.«

»Ich wünschte, du würdest nicht dauernd den Teufel an die Wand malen, Andy. Ich habe genug Probleme mit dem drohenden Bankrott. Und ich kann unmöglich überallhin eine Gasflasche mitschleppen.«

»So schlimm ist es auch wieder nicht«, sagte er. »Wenigstens noch nicht. Aber du musst deine Einnahmen erhöhen, Penny. Ganz im Ernst, es ist höchste Zeit.«

»Ich habe keine freien Stellplätze mehr! Ich kann keine Pferde mehr aufnehmen. Ich könnte dieses Büro aufgeben, es in einen Stall zurückverwandeln, aber dann hätte ich keinen Platz mehr, um mit den Kunden zu reden, wenn sie kommen und Dinge besprechen wollen, und Lindsey und ich hätten keinen Platz mehr, um all den Kram aufzubewahren. Wie die Dinge stehen, muss ich vielleicht bald ein neues Reitpony kaufen, für die Anfänger – wenn ich ein geeignetes finde, das ich auch bezahlen kann. Solo wird immer launischer, je älter er wird. Er hat noch nie gegen den Anhänger getreten, aber beim letzten Mal ist er völlig durchgedreht. Der Tierarzt meint, er wäre auf einem Auge stark sehbehindert, und falls er Recht hat, ist das das Ende von Solos nützlicher Karriere für die Anfänger-Reitstunden. Er wäre eine Gefahr für jeden Anfänger. Nein, für jeden. Der Gedanke macht mir Angst. Ich könnte ihn nicht weggeben, aber selbst hier, in seinem eigenen Stall, könnte er jederzeit scheuen und unerwartet auskeilen. Er wäre kaum noch zu führen, und meine Versicherung würde den Schaden nicht decken, wenn es einen Unfall gäbe. Wahrscheinlich tut sie es jetzt schon nicht mehr, nachdem Mick Mackenzie mich auf diesen Sachverhalt aufmerksam gemacht hat.«

Penny machte eine resignierende Geste. »Sehen wir den Tatsachen ins Auge. Das arme Tier ist nutzlos. Ein Klotz am Bein.« Sie streckte die Hand nach dem ungeöffneten weißen Umschlag aus. »Wahrscheinlich steht es hier drin, schwarz auf weiß, neben der Rechnung. Eine abschließende Diagnose für Solo.«

»Dann heißt es also eine Kugel in den Kopf?«

»Ich hasse den Gedanken. Er könnte für eine Weile sein Gnadenbrot auf der Koppel haben, aber letzten Endes … ein blindes Pferd ist ein blindes Pferd. Und bis es so weit ist, kostet er mich Geld und bringt mir keines ein.« Penny wickelte eine braune Locke um ihren Zeigefinger und blickte ganz elend drein.

»Die Reitstunden werfen doch einen Gewinn ab, oder nicht? Kannst du diesen Geschäftszweig nicht ausbauen? Auch ohne Solo?«

»Ohne den armen Solo – nein. Abgesehen davon bin ich mit Lindsey ganz allein. Wir müssen den Laden schmeißen. Wenn eine von uns mit einem Schüler ausreitet, bleibt die andere allein mit dem ganzen Rest. Keine von uns kann Urlaub machen, keinen richtigen jedenfalls. Lindsey hatte an Ostern vierzehn Tage, weil ihr Mann darauf bestanden hatte, und ich bin beinahe zusammengebrochen allein auf dem Hof, das kannst du mir glauben.«

»Ich bin vorbeigekommen und habe dir geholfen«, sagte er beleidigt.

»Oh, bitte entschuldige. So hatte ich das nicht gemeint. Ich weiß, dass du geholfen hast, und ich bin dir auch sehr dankbar dafür. Ich bin dir wirklich sehr dankbar für alles, Andrew, auch dafür, dass du die Buchführung für ein so geringes Entgelt machst und dass du immer wieder freiwillig herkommst, um Pferdemist zu schaufeln und Zäune zu reparieren und all den anderen Kram. Du bist der beste Freund, den man sich denken kann.«

Er bedachte sie mit einem vielsagenden Blick.

»Nicht, Andy. Du bist verheiratet, schon vergessen?«

»Nicht, dass ich etwas davon bemerken würde. Karen ist seit einer Woche in Portugal und fährt den Douro runter. Sie kommt erst übernächste Woche wieder, und dann bleibt sie nur ein paar Tage, bevor sie erneut fährt. Diesmal nach Mitteleuropa, glaube ich.«

»Sie arbeitet hart, Andrew. Es macht bestimmt keinen Spaß, Reisegruppen zusammenzuhalten und durch die Weltgeschichte zu führen.«

»Ich weiß, dass sie hart arbeitet. Verdammt hart. Aber ich weiß auch, dass ihr die Arbeit Freude macht. Ich würde nicht von ihr verlangen, sie aufzugeben. Das wäre selbstsüchtig und außerdem sinnlos. Trotzdem, sie weiß genauso gut wie ich, dass unsere Ehe mehr oder weniger gescheitert ist. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis einer von uns genug hat und geht. Ich warte darauf, dass sie es tut. Sie wartet darauf, dass ich es tue.«

»Ich bin keine Briefkastentante, Andrew«, sagte Penny entschieden. »Abgesehen davon, selbst wenn du frei wärst, würden wir beide kein erfolgreiches Paar abgeben. Ich mag vielleicht nicht das Kindermädchen für ältere, wohlsituierte Kreuzfahrer auf den europäischen Flüssen sein, aber ich verbringe mehr oder weniger meine gesamte Zeit hier.«

»Meine liebe alte Mama hat früher Taschenbuchromane gelesen, in denen die Leute aus Liebe geheiratet haben«, erwiderte Andrew wehmütig.

»Ich glaube nicht an Taschenbuchromanzen – genauso wenig wie du.«

Er schnitt eine Grimasse und verdrehte die Augen. »Was für eine grausame Welt …«

»Jepp. Ganz genau.«

Ein Schatten fiel von der Tür her in den Raum, und beide blickten auf.

»Es regnet schon wieder«, wurden sie von Selina Foscott informiert. »Wir haben Sultan untergestellt, und Charlie nimmt den Sattel ab. Oh, da kommt sie schon.« Charlie erschien mit dem schweren Sattel auf dem Rücken in der Tür. Die Zügel schleiften hinter ihr im Schlamm. »Genau, wirf ihn hier rein«, wurde sie von ihrer Mutter instruiert. »Okay?«

Die letzte Frage war an Penny gerichtet, doch bevor sie antworten konnte, dass es ganz und gar nicht okay war, hatte Selina sich bereits aus dem Staub gemacht. »Tut mir leid, wir müssen uns beeilen. Los, nicht so langsam, Charlie. Spring in den Wagen. Vielleicht bis morgen, es sei denn, es regnet Bindfäden. Falls ja, bis irgendwann am nächsten Wochenende.«

Weg war sie. »Siehst du, was ich meine?«, zischte Penny. »Schieb Sultan unters Dach, sattle ihn ab und schmeiß alles in die Sattelkammer … kein Wort davon, dass das Tier abgerieben oder der Dreck von seinen Beinen abgewaschen oder die Hufe ausgekratzt werden müssen. Nichts dergleichen. Und auch kein ordentliches Wegräumen von diesem Ding da.« Sie deutete auf den in der Ecke liegenden Ledersattel. »Das müssen wieder Lindsey oder ich machen.«

»Wahrscheinlich denkt sie, dass sie dafür ihre Reitstallgebühren bezahlt, unter anderem.«

»Dann denkt sie falsch. Dafür sind die Reitstallgebühren nämlich nicht! Sie bezahlt dafür, dass das Tier hier einen Stall hat, dass es gefüttert und der Stall regelmäßig ausgemistet und dass es meinetwegen auch noch gestriegelt wird, einverstanden. Wir bewegen Sultan, wenn Charlie es während des Schuljahrs nicht schafft, vorbeizukommen, weil sie zu viel lernen muss. All das ist normale Pflege und arbeitsintensiv, ganz zu schweigen von der Zeit, die es kostet. Aber wenn die beiden an einem verregneten, trüben Tag wie heute zum Stall kommen und das Tier durch das Feld reiten, bis es völlig verdreckt und verschwitzt ist, und mir dann alles vor die Füße werfen und nach Hause fahren – das ist ganz bestimmt nicht enthalten! Was ist der Unterschied zwischen dem hier …«, sie zeigte wütend auf den Sattel zu ihren Füßen, »… und schmutziger Wäsche, die man im Badezimmer einfach auf den Boden wirft, während man darauf wartet, dass jemand anders sie aufhebt und wäscht? Abgesehen davon, wenn man ein Tier hat, dann gehört es einfach mit dazu, sich auch darum zu kümmern. Ich bin nicht ihre verdammte Angestellte!«

»Sag es ihr.«

»Man kann Selena nichts sagen.«

»Du könntest ihr sagen, dass sie ihr Pony und ihre bemitleidenswerte Tochter nehmen und woanders hingehen soll.«

Penny seufzte. »Sie ist fest entschlossen, eine Springreiterin aus Charlie zu machen. Nicht, dass Charlie oder Sultan auch nur das geringste Talent hätten. Und das bedeutet eine Abfolge von Tieren für Charlie, die alle hier im Stall stehen, und das auf Jahre hinaus.«

»Dann erhöhe die Gebühren.«

»Das wage ich nicht. Ich nehme schon so viel wie nur irgend möglich. Vielleicht ist es dir nicht aufgefallen, aber das hier ist nicht gerade ein Luxus-Etablissement.«

»Ich liebe dich.«

»Siehst du, was ich meine? Ich kann nicht noch mehr Komplikationen gebrauchen, Andy! Nein, du liebst mich nicht. Du bewunderst mich vielleicht, weil ich hier trotz aller Schwierigkeiten ausharre, aber im Grunde genommen sollte ich zum Arzt gehen und mich untersuchen lassen, ob ich noch ganz richtig im Kopf bin. Der einzige andere Grund, aus dem ich weitermache – abgesehen von deiner Unterstützung und Lindseys aufopferungsvoller Hilfe –, ist, dass Eli Smith nicht viel Pacht verlangt für die Koppel und nichts dagegen hat, wenn ich gelegentlich meine Pferde auf dem benachbarten Stück Weide grasen lasse, obwohl ich dafür rein technisch betrachtet keine Pacht entrichte. Nicht, dass er es für irgendetwas anderes nutzen würde.«

Andrew runzelte die Stirn. »Ein eigenartiger alter Knochen, dieser Eli. Und verdammt empfindlich obendrein.«

»Ja, das ist er, und verlässlich obendrein. Auch wenn er vielleicht eines Tages ein Angebot für sein Land erhält, das er nicht ablehnen kann. Und dann war es das. Ich könnte mir nicht leisten mitzubieten.«

Das Wasser im Kessel kochte, und der kleine Raum füllte sich mit Dampf. Andrew goss den Tee auf und reichte Penny einen angeschlagenen Becher.

»Da hast du es«, sagte sie, als sie den Becher entgegennahm. »Wo wir gerade von Eli reden … mir ist da was Merkwürdiges passiert.« Sie verstummte.

»Etwas Merkwürdiges? Was ist denn merkwürdig außer Eli selbst?«

Penny nippte an ihrem Tee, murmelte ein leises »Autsch!« und stellte den Becher auf der Tierarztrechnung von Mackenzie ab. »Ich bin auf dem Weg hierher an seinem Hof vorbeigekommen. Du weißt schon, das verlassene Gehöft den Hügel hinauf. Eli lagert all seine Waren dort oben.«

»So nennt er diesen … diesen Schrott? Waren?«

»So nennt er ihn.«

»Ich nenne es Müll. Warum wohnt er nicht selbst dort oben? In seinem Haus?«

»Weil es in diesem Haus spukt. Frag hier aus der Gegend, wen du willst. Die Alten, meine ich. Das Haus war der Schauplatz eines grauenvollen Verbrechens.« Sie zögerte.

»Oh, richtig, stimmt. Ich habe davon gehört. Eli nutzt es zu seinem Vorteil aus, der verschlagene alte Mistkerl. Ein Gerücht von einem spukenden Gespenst ist eine ziemlich sichere Methode, lästige Schnüffler fernzuhalten.«

»Ich weiß nicht, ob Eli die Geschichte erfunden hat – oder warum er sie hätte erfinden sollen, falls sie von ihm stammt –, aber er weigert sich beharrlich, da draußen zu wohnen. Deswegen denken die Leute, irgendetwas muss doch nicht stimmen. Ich sage nicht, dass Eli an spektrale Erscheinungen glaubt, die mitten in der Nacht durch die Zimmer schweben. Trotzdem. Es ist wohl eine Erinnerung an einen Punkt in seinem Leben, den er lieber vergessen will. Vielleicht ist der Spuk in seinem Kopf und nicht im Haus, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Und vielleicht ist das der Grund, aus dem manche Leute Gespenster sehen und andere nicht«, sinnierte Andrew. »Die Geister kommen aus unserem Innern, nicht von draußen.«

Eine verlegene Pause entstand. »Hör mal«, sagte Penny schließlich. »Möchtest du nun wissen, was das Merkwürdige war, oder nicht? Ich bin also an Elis Hof vorbeigefahren, und ein kleines Stück weiter gibt es eine Einfahrt zu einem Feld. Und was steht dort? Ein todschicker silbergrauer Mercedes. Er gehört niemandem hier aus der Gegend, absolut sicher.«

»Der Fahrer ist wohl in die Büsche gesprungen, um einem natürlichen Bedürfnis nachzukommen.«

»Oh nein, ganz und gar nicht. Das ist ja das wirklich Merkwürdige. Er war im Wagen. Er hat versucht sich zu verstecken, quer über den Vordersitzen. Aber ich habe ihn deutlich gesehen.«

»Aha. Ein Geheimnis. Ich komme auf dem Rückweg an der Stelle vorbei und kann ja nachsehen, ob der Wagen noch da steht.«

»Das bezweifle ich.«

»Wenn er hier lang gekommen wäre, hätten wir ihn bemerkt.«

»Nein, hätten wir nicht. Wir haben beide über dem Zaun gehangen und Sultan und Charlie zugesehen. Wo wir gerade davon reden – ich gehe besser und kümmere mich um den armen Sultan.«

»Hast du eine Telefonnummer von Eli?«, fragte Andrew nachdenklich.

»Ich hab seine Handynummer, ja. Warum?«

»Ich rufe ihn an und schlage vor, dass er seinen Hof kontrolliert. Ich meine, soweit wir wissen, lagert er dort nur Müll und Plunder. Aber er ist ein verschrobener alter Kauz. Vielleicht hat er ja etwas Wertvolles dort versteckt, und die Spukgeschichte soll Neugierige vom Nachsehen abhalten. Und wenn sich ein Fremder in der Gegend herumgetrieben hat, noch dazu ein Fremder, der versucht hat, sich vor dir zu verstecken, dann sollte Eli das vielleicht erfahren.«

Penny griff ins Regal und nahm eine schmuddelige Kladde heraus. »Hier hast du meine Liste mit Telefonnummern. Elis Nummer steht auch da drin. Danke noch mal fürs Vorbeikommen, Andy, und fürs Teekochen. Aber ich muss mich jetzt wirklich um Sultan kümmern.«

Er blätterte in ihrem Adressbuch, als sie ging.

Kapitel 3

»Warum machen wir uns überhaupt Gedanken wegen der Reifenspuren?«, fragte Sergeant Phil Morton sarkastisch. »Warum fahren wir nicht einfach kreuz und quer über den ganzen Hof und vernichten sie?«

Er lenkte den Wagen am Ende einer langen Reihe von Fahrzeugen an den Straßenrand. Vor ihnen hatten andere Wagen den Asphalt verlassen und parkten auf der weichen Bankette vor der Einfahrt zum Gehöft. Phil Morton hatte mit klarem, analytischem Verstand den Fehler bemerkt, den er nun kritisierte. Andere Reifenspuren, sofern vorhanden, waren durch dieses nachlässige Vorgehen wahrscheinlich vernichtet worden. Sie stiegen aus, und Morton schlug den Kragen hoch. Die Wettervorhersage hatte – schon wieder – Regen angekündigt, und tatsächlich hatte Nieselregen eingesetzt. Ein lausiger Sommer ging unmerklich in einen genauso trostlosen Herbst über.

»Dave Nugent hatte die richtige Eingebung, sich mit seinen Golfschlägern und einer Flasche Sonnenmilch an die Algarve zu verziehen«, murmelte Morton, indem er sich einer neuen Quelle der Trübsal zuwandte.

»Dr. Palmer ist schon da«, bemerkte Jess, als sie an einem vertrauten Toyota vorbeikamen.

Phil schnaubte geringschätzig. »Jede Wette, er ist hocherfreut!«

»Keiner von uns ist erfreut, Phil. Hören Sie endlich auf damit.«

Morton war ein unverbesserlicher Nörgler. Jess Campbell hatte sich daran gewöhnt in der kurzen Zeit, die er mit ihr zusammenarbeitete, und normalerweise störte es sie nicht allzu sehr. Doch es war Freitagnachmittag, und sie war müde. Sie hatte sich auf das Wochenende gefreut.

Sie kamen auf der Höhe der beiden Fahrzeuge an, die kurz vor der Einfahrt zum Hof auf der weichen Bankette parkten. Einer der Wagen war, wie Jess bestürzt feststellte, ein Streifenwagen der Polizei. Der zweite war ein heruntergekommener Laster, vollgeladen mit weggeworfenen Haushaltsgeräten, verbeulten Herden, zerkratzten Waschmaschinen und etwas, das aussah wie eine hochwertige Gastronomie-Kaffeemaschine. Als sie an der Fahrerkabine vorbeikamen, öffnete sich die Tür, und eine untersetzte Gestalt in einem schäbigen Pullover und schmuddeligen Jeans kletterte heraus, um sich vor ihnen aufzubauen.

»Wer sind Sie?«, grollte der Mann.

»Inspector Campbell«, antwortete Jess. Sie deutete auf Phil. »Das hier ist Sergeant Morton. Und wer sind Sie?«

Phil zückte verbindlich seinen Dienstausweis und hielt ihn dem Mann unter die Nase.

Kleine dunkle Augen studierten ihn gründlich, bevor sie sich wieder Jess zuwandten und sie auf die gleiche gründliche Weise inspizierten. Schließlich kam die Antwort in Form eines heiseren Rumpelns. »Ich bin Eli Smith, und das hier …«, er winkte mit einer sonnengebräunten Hand, »… das hier ist rein zufällig mein Hof. Mein Land, wenn Sie verstehen.«

»Sie sind der Gentleman, der die Leiche gefunden und Meldung erstattet hat?«

»Ja«, sagte Smith und schürzte die Lippen. »Also eine Frau, wie?«

»Wenn meine Informationen zutreffen, dann ist die Leiche weiblich, ja«, entgegnete Jess, indem sie ihn absichtlich falsch verstand.

Ein kurzes, anerkennendes Aufblitzen in den dunklen Augen verriet Jess, dass Eli Smith kein Dummkopf war. Auch wenn er sich gerne so zu geben schien.

»Das ist sie, jawohl, soweit ich es sehen konnte. Ich hab mich nicht länger bei ihr aufgehalten, wissen Sie? Ich hab sofort die Bullen angerufen … Es ist schließlich Ihre Angelegenheit«, fügte er erhaben hinzu. »Nicht meine. Meine ist Schrott.«

»Das sehe ich«, entgegnete Jess mit einem Blick auf die Sammlung oben auf der Ladefläche. »Woher haben Sie das alles?«

»Es ist völlig legal!«, sagte Smith sofort. »Ich habe für alles Quittungen!«

»Dann betreiben Sie hier also keine Landwirtschaft, Mr. Smith?«, fragte Morton müde.

Ein verächtliches Aufblitzen in den dunklen Augen. »Nein, ich betreibe keine Landwirtschaft. Es gibt kein Geld mehr zu verdienen in der Landwirtschaft. Ich behalte mein Land, bis es so weit ist.«

»Wie weit?«

»Ah«, sagte Mr. Smith und legte einen schwieligen Finger an die Seite der Nase. »So weit eben.«

Jess stieß einen Seufzer aus. »Verraten Sie uns doch, wie Sie die Leiche gefunden haben, Mr. Smith.«

Smiths Auftreten änderte sich. Unter der gebräunten Haut stieg Röte in seine Gesichtszüge. »Auf meinem Grund und Boden! Das ist Hausfriedensbruch!«

»Wenn Sie keine Landwirtschaft betreiben, wozu benutzen Sie die Farm dann?«

»Ich lagere meine Waren hier!«, entgegnete Mr. Smith würdevoll. »Nach was sieht das denn aus?«

»Wenn Sie es sagen. Und Sie wohnen hier, obwohl Sie keine Landwirtschaft betreiben?«

Dies brachte ihr einen weiteren empörten Blick ein. »Nein. Ich wohne nicht hier, und Sie würden sicher keine so dumme Frage stellen, wenn Sie mal einen Blick auf das Haus geworfen hätten. Es ist von oben bis unten vernagelt, und das Dach ist in einem richtig schlechten Zustand. Niemand kann ernsthaft erwarten«, und bei diesen Worten verzog Smith das Gesicht zu einer erbarmungswürdigen Grimasse, »niemand kann ernsthaft von mir erwarten, dass ich die ganzen nötigen Reparaturen bezahle!«

»Und warum verkaufen Sie die Farm dann nicht?«, fragte Morton, der nur ungern im Regen herumstand und ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat.

»Hab ich Ihnen doch schon gesagt. Ich warte ab. Bis es so weit ist.«

»Meschugge«, murmelte Morton leise zu sich selbst.

Jess Campbell war unterdessen ein paar Schritte weitergegangen, um einen besseren Blick auf den Hof zu haben und abzuschätzen, was ein Passant von der Straße aus sehen konnte und was nicht. Sie zog den Reißverschluss ihrer regendichten Jacke bis zum Hals zu, schob die Hände in die Taschen und wünschte sich, sie könnte die Kapuze hochschlagen wegen des permanenten Regens. Schon bald waren ihre kurz geschnittenen kastanienbraunen Haare durchnässt und klebten an ihrem Kopf. Doch es hatte etwas Würdeloses, eine eng sitzende Kapuze über dem Kopf zu tragen. Es verlieh ihr das Aussehen eines Gaffers, der aus reiner Neugier herbeigekommen war. Mehr noch, die Leute hier vor Ort mussten sehen, wer sie war. Wie ein König, der auf dem Schlachtfeld das Helmvisier hochklappte, damit die Truppen sehen konnten, wer sie führte.

Nun mach aber halblang!, sagte sie sich. Du bist nicht Heinrich der Fünfte, du bist eine überarbeitete Kriminalbeamtin, und es ist Freitag, Herrgott noch mal. Warum mussten Dinge wie das hier immer entweder am Wochenende oder an einem gesetzlichen Feiertag passieren?

Es ist dein Beruf, und du hast ihn dir selbst ausgewählt, antwortete eine weitere leise Stimme in ihrem Kopf. Man gab sein normales Leben auf, wenn man zur Polizei ging. Jess hatte den Verdacht, dass die Stimme ihrer Mutter gehörte. Weder ihre Mutter noch ihr Vater hatten ihren Wunsch verstanden, zur Polizei zu gehen. Sie hatten ihn zögernd akzeptiert, doch ihre Mutter nannte es beharrlich und unverblümt eine »Verschwendung«. Verschwendung von was?, hatte Jess sie unklugerweise einmal gefragt. »Des Lebens, das du hättest haben können!«, war ihre unfreundliche Antwort gewesen. Jess hatte nie wieder gefragt.

Ihr Vater, der den größten Teil seines Arbeitslebens in einer Militäruniform gesteckt hatte, hatte mehr Verständnis und Respekt für den Entschluss der Tochter aufgebracht, auch wenn er sich ebenfalls gewünscht hätte, sie würde eine andere Karriere wählen. »Ich kann nicht sagen, dass ich mich freue«, hatte er geantwortet, als sie ihn über ihre Entscheidung informiert hatte. »Es ist nicht das, was ich mir für dich vorgestellt hätte. Aber wenn es dein Wunsch ist, dann sei es so. Es ist ein interessanter Beruf. Aber er ist auch hart, wie du feststellen wirst.«

Sie fragte sich, ob er gehofft hatte, sie würde diesen Beruf als zu hart empfinden und nach einer Weile den Schwanz einziehen. Sie hatte es nicht getan, und er hatte nie wieder eine Bemerkung in diese Richtung fallen lassen.

Weiter hinten beim Laster führte Morton die Befragung des Zeugen fort. Jess konnte die beiden Männer aus den Augenwinkeln sehen. Ihre Körpersprache verriet Bände. Morton wurde immer gereizter. Und was den Zeugen anging, diesen Eli Smith … Er klang aufsässig, stand mit eingezogenem Kopf stiernackig vor Sergeant Morton und funkelte ihn wütend an. Er war die Herausforderung in Person, doch das war nichts als Tarnung. Er wollte etwas verbergen. Für einen kurzen Moment fragte sie sich, ob es etwa Angst war.

»So, Mr. Smith, Sie sind also heute hergekommen, um diese Ladung auf der Pritsche in Ihrem Hof zu deponieren. Das haben Sie uns jedenfalls erzählt, als Sie uns alarmiert haben«, dröhnte Morton viel zu laut.

»Dann wissen Sie ja die Antwort! Wie oft muss ich das denn noch erzählen?«

»Reiner Zufall also? Sie kommen nicht regelmäßig hierher?«

»Hin und wieder …«, wich Smith aus.

»Und der einzige Grund, aus dem Sie heute hierhergekommen sind, war die Ladung auf Ihrem Laster? Wurden Sie von jemandem erwartet?«

»Von wem denn? Hier ist niemand.«

»Aber Sie sind nicht in den Hof eingebogen. Sie haben hier draußen geparkt, am Straßenrand. Sie hätten alles vom Laster durch das Tor auf den Hof tragen müssen.« Morton deutete auf den vollbeladenen Laster mit dem Sammelsurium weggeworfener Haushaltsgeräte. »Das alles wollten Sie tragen, ganz allein? Ein ganz schönes Stück Arbeit, will mir scheinen. Warum sind Sie nicht in den Hof gefahren? Sie hätten das Zeug nur noch von der Pritsche schieben müssen und fertig. Ergibt das nicht viel mehr Sinn, Sir?«

Phil Morton hatte etwas von einem Terrier. Er ließ nicht mehr locker, wenn er sich in eine Frage verbissen hatte, bis er eine seiner Meinung nach zufriedenstellende Antwort erhalten hatte. Er war von stämmiger Statur und hatte gerade eben die erforderliche Mindestgröße für den Polizeidienst, und das war ihm auch bewusst. Jess mochte ihn und respektierte seine Fähigkeiten, doch er war nicht der unkomplizierteste Kollege. Stierhatz, dachte sie unvermittelt. Das war es, an was sie sich erinnert fühlte beim Anblick der beiden Männer. Ein Bild aus einem Geschichtsbuch, das einen lange verschwundenen grausamen Sport zeigte. Der große, kraftvolle Bulle und die kleinen entschlossenen Hunde, die unablässig nach ihm schnappten. Es funktionierte häufig bei weniger intelligenten, hilflosen Zeugen. Doch Jess war nicht sicher, ob Morton damit bei Eli Smith zum Ziel kam.

»Ich dachte, ich sehe mich erst mal um«, sagte Eli ausweichend.

»Tun Sie das immer? Sich erst einmal umsehen?«, fragte Morton.

»Nicht unbedingt. Aber in letzter Zeit, na ja, es treiben sich alle möglichen Leute herum. Man kann nie wissen.«

»Jemand Bestimmtes?«

»Nein, nein, ganz allgemein«, wand sich Eli. Er fühlte sich jetzt definitiv unbehaglich, doch dann riss er sich zusammen. »Und es ist ja wohl gut, dass ich es getan habe, oder nicht? Weil nämlich eine tote Frau in meinem Kuhstall liegt!« Er schnitt eine Grimasse. »Damit hab ich nichts zu tun. Ich hab nicht darum gebeten, sie zu finden. Sie hat kein Recht, hier zu liegen, und ich hoffe doch, dass Sie sie mitnehmen, wenn Sie gehen. Sie lassen sie doch wohl nicht hier liegen?«

»Es war sicher ein Schock für Sie, Mr. Smith«, rief Jess, indem sie sich den beiden Männern zuwandte und Smith ein mitfühlendes Lächeln schenkte, das dazu dienen sollte, nervöse Zeugen zu beschwichtigen. Und der alte Knabe war unübersehbar nervös. Warum? Er verschwieg etwas. Vielleicht sogar eine ganze Menge. »Wenn Sie nach Hause kommen, gönnen Sie sich erst mal eine große heiße Tasse Tee«, schlug sie vor.

Morton starrte sie verblüfft an. Auf seiner Miene spiegelte sich Missbilligung.

»Schock?« Elis wacher Blick sprang von Morton zu ihr. »Oh. Schock. Ja, sicher. Ganz genau. Ich habe genug Scherereien hinter mir. Ich brauche keine mehr, und erst recht nicht hier! Sie hat nichts zu suchen auf meinem Hof, überhaupt nichts! Irgendjemand hat sie hergeschafft, absichtlich hier liegen lassen, wenn Sie mich fragen! Irgendein Mistkerl hat sie absichtlich hierher geschafft, damit ich sie finde. Es ist nicht recht! Es ist einfach nicht recht!«

Er regte sich zusehends auf. Jess beschloss, ihn fürs Erste vom Haken zu lassen. Sie gab Morton ein diesbezügliches Zeichen. »Ich danke Ihnen für den Augenblick, Mr. Smith«, sagte sie. »Ich gehe jetzt und sehe mir die Sache einmal an. Wenn Sie vielleicht so freundlich wären, Sergeant Morton Ihre Personalien zu geben und eine Aussage zu machen?«

Smith beäugte Morton misstrauisch. »Muss ich etwas unterschreiben?«

»Ganz zum Schluss, Sir. Wenn sie ausgedruckt ist. Sie können bei uns vorbeikommen und unterschreiben, oder wir kommen zu Ihnen, ganz wie Sie wollen«, sagte Morton.

»Oh«, sagte Smith unsicher.

»Irgendein Problem, Sir?«

Eli schnaufte. »Ich bin kein großer Schreiber. Ist’s okay, wenn ich einfach mein Zeichen mache?«

Weiß gekleidete Gestalten bahnten sich ihren Weg durch ein Meer aus Schlamm und Dreck, das einst ein Farmhof gewesen war. Mehrere von ihnen waren in dem zum Hof hin offenen Kuhstall am anderen Ende zu sehen. Ein uniformierter Beamter bewachte das blau-weiße Absperrband, das zwischen den beiden torlosen Torpfosten gespannt worden war. Als Jess sich in übergestreifter Schutzkleidung näherte, hob der Constable die dünne Plastikbarriere, sodass sie sich darunter hindurchducken konnte.

»Wie heißen Sie?«, fragte Jess den Beamten.

»Constable Wickham, Ma’am.«

»Wissen Sie, wer die Anzeige entgegengenommen hat?«

»Jemand hat auf der Wache angerufen, Ma’am. Ich war mit Jeff Murray im Streifenwagen in der Nähe, und wir wurden über Funk informiert. Wir sind hergekommen und fanden diesen alten Burschen da …«

Wickham deutete auf Eli Smith, der wild gestikulierend mit Morton redete. Morton, das Notizbuch in der einen Hand, gestikulierte mit der anderen fleißig mit und folgte tapfer ihrem Vorbild in seinen Bemühungen, den Zeugen zu beruhigen, ohne viel Erfolg. Es sah aus, als würde er nach Fliegen schlagen.

Smith lamentierte wahrscheinlich wieder, dass es sein Grundstück und sein Gehöft wäre. Das war anscheinend das Einzige, was den alten Knaben schockierte. Nicht der Fund einer Leiche, der Anblick des Todes, sondern, dass sie hier lag, in seinem Kuhstall. Ausgerechnet. Das hatte ihn erschreckt. Das machte ihm Angst.

»Und Sie beide, Sie und Murray, sind in diese Scheune oder diesen Kuhstall oder was auch immer gegangen, um nachzusehen?«

»Nun ja … ja, Ma’am. Ich meine, wir haben ihm nicht so richtig geglaubt, wissen Sie? Wir dachten, dass er vielleicht am selbstgemachten Apfelwein war.«

»Ist er mitgekommen?«

Wickham schüttelte den Kopf. »Er wollte nicht. Er war nicht dazu zu bewegen. Er sagte, er hätte sie einmal gesehen und keine Lust auf ein zweites Mal. Wir dachten, dass Sie sicherlich nicht zu viele Fußspuren in der Umgebung wollten, falls tatsächlich eine Leiche dort wäre, deswegen sind Murray und ich alleine reingegangen.«

Der Constable trat von einem Bein aufs andere. Einen Augenblick lang sah er aus, als müsste er sich übergeben. »Es ist grauenvoll«, sagte er.

»Ihr erstes Mal?« Der Constable war noch sehr jung. Jess nahm an, dass er noch nie ein Mordopfer gesehen hatte. Es gab immer ein erstes Mal, und es gab nichts, was einen auf den Anblick der Gewalt und Grausamkeit vorbereiten konnte, zu der Menschen imstande waren.

»Ja, Ma’am.« Er blickte beschämt drein. Er gab es nur ungern zu, insbesondere gegenüber einer Frau. Sie tat ihm den Gefallen und verzichtete darauf, mitfühlend dreinzublicken. Abgesehen davon hatte sie mit ihm und seinem Partner noch ein Hühnchen zu rupfen.

»Beim nächsten Mal, wenn Sie zu einem mutmaßlichen Opfer eines Gewaltverbrechens gerufen werden, parken Sie den Wagen nicht direkt auf der weichen Bankette, sondern auf der Straße. Jetzt haben wir Ihre Reifenspuren neben all den anderen.«

Der junge Beamte sah sie zerknirscht an. »Jawohl, Ma’am. Verzeihung, Ma’am … Aber ich habe die Farbe entdeckt!«, fügte er dann hastig hinzu. »Ich hab sie den Jungs von der Spurensicherung gezeigt.«

»Farbe?«, fragte sie schneidend.

Statt einer Antwort deutete der Constable auf den näheren der beiden Torpfosten. Auf dem Rost glänzte ein kleiner metallisch silberner Fleck. Jess bückte sich, um einen genaueren Blick darauf zu werfen. Der Fleck war ganz frisch und stammte von einem Wagen, keine Frage. Entweder war jemand sehr unvorsichtig und sorglos gewesen oder in großer Eile. Sie hätte wetten können, dass es Eile war. Eile herzukommen, oder Eile zu verschwinden? Eins stand fest – die Farbe war nicht von Eli Smiths Laster. Es würde Aufgabe der Spurensuche sein herauszufinden, von welchem Wagen sie stammte.

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