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Spurlos verschwunden

Raven Cross

Spurlos verschwunden

PROLOG

Der Angriff kam unerwartet. Die Studentin beugte sich über ihr Fahrradschloss, um es aufzuschließen und nach einer Verabredung ins Wohnheim zurückzuradeln. In dem Moment, in dem sie den Schlüssel drehte und das Schloss aufging, traf ein Faustschlag sie auf den Nacken. Der K.-o.-Schlag nahm der jungen Frau sofort das Bewusstsein. Sie sank in sich zusammen. Ihr Angreifer verklebte ihr den Mund mit Klebeband und schleppte sie zu einem Transporter, der mit laufendem Motor am Straßenrand wartete. Er warf sie auf die rückwärtige Ladefläche. Dann rannte er zurück, packte ihr Mountainbike und verstaute es hastig neben seinem ohnmächtigen Opfer. Er schlug die Tür zu, eilte zur Fahrerseite, sprang in den Wagen und raste in die einsame Nacht davon.

1. KAPITEL

Sierra Coles durchforstete die Bewerbungsunterlagen für das Wintersemester an der Savannah State University. Über fünfhundert junge Studenten hofften, für ein Jahr an der renommierten Universität im Herzen Georgias aufgenommen zu werden. Es gab jedoch nur dreißig Plätze, die an Austauschstudenten vergeben wurden. Sierra hatte die Aufgabe, eine Vorauswahl an Kandidaten zu treffen, die aufgrund ihres Lebenslaufs und ihrer sonstigen Aktivitäten am besten zu der Instituts-Philosophie „Licht und Wahrheit“ passten. Die endgültige Entscheidung lag zwar bei den Fachleitern und der Universitätsdekanin Helena Freeze. Aber Sierra fiel es dennoch schwer, nach einem von der Uni-Leitung vorgegebenen Raster zu bestimmen, wer weiterkam und wer nicht. Auf gewisse Weise spielte sie Gott. Sie erfüllte Hoffnungen und zerstörte Lebensträume.

Manchmal wich sie von den Vorgaben ab und wählte nach Sympathie und ihrem persönlichen Gerechtigkeitsempfinden aus. Dabei bewertete sie das private Engagement eines Bewerbers, der ehrenamtlich in einem Tierheim arbeitete, höher als schulische Leistungen wie eine Eins in Mathematik. Oder sie steckte die Mappe des Mädchens, das sich sein Studium mit Nebenjobs finanzierte, in die grüne Ablage – was bedeutete, das Mädchen war eine Runde weiter. Während die Hochglanzbewerbung einer reichen Tochter in der roten Ablage für Absagen landete.

Für Sierra waren das die kleinen Freuden ihrer Arbeit. Obwohl sie sich generell über ihren Job nicht beschweren konnte. Als eine von vier studentischen Organisatoren des Austauschprogramms lernte sie nette junge Menschen aus aller Welt kennen, veranstaltete Treffen und Partys für die Neulinge, betreute sie während des Uni-Alltags und kümmerte sich um diejenigen, die unter Heimweh oder Liebeskummer litten. Es war eine anspruchsvolle Tätigkeit, die ihr Spaß machte und es ihr ermöglichte, ihren Lebensunterhalt und die Studiengebühren für ihr Jurastudium zu bezahlen. Auch wenn der bürokratische Teil der Arbeit nervte, war das immer noch besser, als in einem Coffeeshop Caffè Latte aufzuschäumen.

„Sierra!“

Obwohl … Als sie die hysterische Stimme von Michelle Williams hörte, dachte Sierra für einen Moment, dass es vielleicht doch besser wäre, irgendwo Kaffee zu kochen, als sich mit der zickigen Vortänzerin der Cheerleader abgeben zu müssen.

„Michelle … Was für eine Überraschung!“, sagte Sierra betont freundlich, um Michelle den Wind aus den Segeln zu nehmen, und blickte von ihrer Arbeit auf. Michelle stand verschwitzt und in Trainingskleidung vor ihr. „Was führt dich zu mir?“

„Lena! Lena Olsen!“, rief Michelle. Offensichtlich reichte heute übertriebene Höflichkeit nicht aus, um die Cheerleaderin zu besänftigen. Allerdings war die schwedische Austauschstudentin Lena Olsen auch Michelles Lieblingsfeindin. Was nicht zuletzt damit zusammenhing, dass die skandinavische Schönheit Michelle den Rang als attraktivste Studentin der Savannah State abgelaufen hatte.

„Was ist mit Lena? Was hat sie angestellt?“, fragte Sierra und fügte gedanklich hinzu: Mal wieder mehr Verehrer gehabt als du?

„Sie war nicht beim Training!“ Michelle stemmte die Fäuste in die Hüfte, stampfte mit dem Fuß auf und sah Sierra so vorwurfsvoll an, als hätte sie Lenas Fehlen zu verantworten.

„Ich begreife deine Aufregung nicht“, meinte Sierra gelassen. „Es kommt schon mal vor, dass man nicht zum Sport geht. So tragisch kann das nicht sein.“

„Und ob das tragisch ist!“, zischte Michelle. „Wir üben gerade den Basket Toss. Und Lena ist diejenige, die bei der akrobatischen Übung in die Luft geworfen wird. Leider können wir sie nicht ausführen, wenn die Hauptperson nicht da ist.“

„Dann übt ihr was anderes.“

„Nein! Der Basket Toss ist eines der wichtigsten Elemente unserer Darbietung. Mit ihm steht und fällt unser Auftritt – im wahrsten Sinn des Wortes. Wir müssen ihn üben, und zwar täglich! Das Footballspiel ist dieses Wochenende. Stell dir vor, Lena packt den Sprung nicht! Wir würden nicht nur unsere Heaven’s Warriors blamieren, sondern unsere Fans und die ganze Universität!“ Michelle hatte sich in dieses Szenario bereits komplett hineingesteigert und war den Tränen nah.

„Nun reg dich nicht auf.“ Sierra versuchte, die Cheerleaderin zu beschwichtigen. „Ist es das erste Mal, dass Lena fehlt?“

Michelle nickte.

„Gut, dann versäumt sie einmal das Training …“ Sierra unterband Michelles nächsten verbalen Ausbruch mit einer Handbewegung. „Ich schlage vor, ihr sucht einen Ersatz für sie, mit dem ihr den Basket Toss einübt. Dann seid ihr auf der sicheren Seite, falls Lena ein weiteres Mal nicht zum Training oder womöglich gar nicht erst zum Spiel erscheint.“

„Das würde sie nicht wagen!“, giftete Michelle und ballte die Fäuste. „Dein Vorschlag zeigt nur, dass du keine Ahnung vom Cheerleaden hast“, wetterte sie. „Einen Basket Toss lernt man nicht innerhalb von ein paar Tagen.“

„Michelle, lass deine Wut über Lenas Unzuverlässigkeit nicht an mir aus“, unterbrach Sierra sie energisch. „Ich habe dir einen Vorschlag gemacht. Er gefällt dir nicht. Okay. Aber jetzt störe mich nicht weiter. Ich habe zu tun. Weshalb bist du überhaupt mit dem Problem zu mir gekommen?“

Michelle starrte Sierra perplex an, als übersteige die Frage ihren intellektuellen Horizont. „Du bist die Verantwortliche für die Austauschstudenten.“

„Ich organisiere ihren Aufenthalt und sorge dafür, dass sie sich an der Uni zurechtfinden. Aber ich bin nicht ihr Babysitter.“ Sierra seufzte und wandte sich demonstrativ wieder ihrer Arbeit zu. Ein Zeichen, dass Michelle verschwinden sollte. Das tat sie jedoch nicht. Sie trat von einem Fuß auf den anderen und sah Sierra unverwandt an.

„Was ist denn noch?“, fragte Sierra nun deutlich ungehalten.

„Kannst du zu Lenas Zimmer gehen und nachschauen, ob sie da ist?“ Michelles Tonfall hatte sich von hysterisch zu einschmeichelnd gewandelt. Sie legte den Kopf schief und blickte Sierra mit ihren großen Kulleraugen bittend an.

Ich bin kein Retter-Typ, dachte Sierra verärgert. Sie hasste diese hilflose Mädchen-Masche. „Weißt du nicht, wo sie wohnt?“

„Doch. Natürlich. Aber wenn ich ihr jetzt begegne, kratze ich ihr garantiert die Augen aus“, entgegnete Michelle zickig und enttarnte damit ihr Girlie-Gehabe als Show. „Außerdem muss ich zurück zum Training. Ich bin ohnehin schon viel zu lange fort … Bitte, Sierra. Tu es.“

„Hast du Lena schon auf ihrem Handy angerufen?“

„Selbstverständlich“, erwiderte Michelle empört. „Ich bin doch keine Idiotin.“

Sierra warf ihr einen Blick zu, als wäre sie sich dessen nicht so sicher. „Aus deiner Antwort schließe ich, Lena ist nicht rangegangen.“

„Das Handy war ausgeschaltet.“

„Na, gut.“ Sierra schob ihren Stuhl zurück und stand auf. „Dieses eine Mal tue ich dir den Gefallen. Da du mich sonst sowieso nicht in Ruhe lässt. Ich suche Lena, und sollte ich sie finden, rede ich ihr ins Gewissen, wie wichtig ihr Platz im Team ist. Und dass sie nicht einfach dem Training fernbleiben kann. Aber künftig regelt ihr eure Probleme unter euch. Kapiert?“

Michelle nickte übereifrig. „Danke! Du bist so nett!“

„Schon in Ordnung“, winkte Sierra ab. Sie wollte Michelle loswerden und den Besuch im Studentenwohnheim, in dem Lena untergebracht war, so schnell wie möglich hinter sich bringen. „Wenn du in einer halben Stunde nichts von mir hörst, habe ich Lena nicht gefunden.“ Sie schob Michelle vor sich hinaus aus dem Büro und schloss hinter sich die Tür ab.

„Ich habe Lena seit gestern Abend nicht mehr gesehen.“ Die Mitbewohnerin der Austauschstudentin deutete auf deren sorgfältig gemachtes Bett. „Vermutlich hat sie bei einem Verehrer übernachtet.“

„Weißt du, bei wem?“, fragte Sierra.

Das Mädchen zuckte mit den Schultern. „Da hätte ich aber viel zu tun, wenn ich Lenas Männerbekanntschaften verfolgen würde.“

„Was soll das heißen?“, hakte Sierra nach.

„Was meinst du denn?“ Das Mädchen sah Sierra mit einem spöttischen Blick an.

Sierra ging nicht auf die Provokation ein. Sie hatte keine Lust auf Gerüchte und Lästereien. Lenas Liebesleben war allein Lenas Angelegenheit.

„Wenn Lena auftaucht, richte ihr bitte aus, dass das Cheerleader-Team sauer auf sie ist und sie ihren sportlichen Verpflichtungen ebenso nachkommen soll wie ihren schulischen. Schließlich werden ihr als Stipendiatin unserer Universität viele Möglichkeiten geboten, nach denen sich andere die Finger lecken würden. Sie soll ihren Status nicht als selbstverständlich betrachten.“ Sierra mochte es nicht, ihre Stellung als Betreuerin der Austauschstudenten auszunutzen und autoritär aufzutreten. Aber sie wollte Lena ein bisschen Angst einflößen. Damit Michelle am nächsten Tag nicht wieder vor Sierras Schreibtisch stand und nervte.

„Ich richte es ihr aus“, sagte das Mädchen. „Fliegt Lena jetzt von der Uni?“

Sierra antwortete nicht, sondern verließ das Studentenzimmer und lief zurück ins Nachbargebäude zu ihrem Büro. Auf dem Weg dorthin dachte sie über Lena nach. Sie kannte die schöne Schwedin als fröhliches, selbstbewusstes und sympathisches Mädchen, das diesen Zickenkrieg nicht verdiente. Nicht nur, dass Ober-Tussi Michelle ihr übel gesonnen war. Offensichtlich wünschte sogar Lenas Mitbewohnerin ihr die sieben Plagen an den Hals. Ätzend! Vermutlich waren die beiden nur eifersüchtig darauf, dass Lena sehr attraktiv war.

Gut, dass Sierra mit Missgunst keine Probleme hatte. Sie war weder neidisch, noch wurde sie beneidet. Zumindest nicht um ihr Aussehen. Das bedeutete nicht, dass sie hässlich war. Ganz und gar nicht. Als guten Durchschnitt bezeichnete sie sich selbst. Sie hatte hellbraune Haare, braungrüne Augen und ein ebenmäßiges ovales Gesicht. Sie maß ein Meter siebzig und wog 50 Kilo. Aber sie stach nicht sonderlich aus der Masse hervor. Vielleicht auch, weil es ihr egal war. Der Schönheitswahn erschien ihr irre. Sie konnte mit Kalorienzählen und Schminktipps wenig anfangen. Sie las lieber ein gutes Buch oder guckte einen spannenden Krimi im Fernsehen. Freunde und Familie bezeichneten sie als burschikos. Doch hinter ihrem resoluten Auftreten verbarg sie ihre sensible romantische Ader.

Sierra schloss die Tür zu ihrem Büro auf und setzte sich an den Schreibtisch. Sie schlug eine neue Bewerbungsmappe auf. Die Studentin trug ein Cheerleader-Kostüm, erinnerte in Statur und Ausstrahlung an Michelle und nannte als Hobbys Cheerleaden und Flirten.

Sierra klappte die Mappe sofort wieder zu und legte sie in die rote Ablage. „Pech gehabt!“, murmelte sie vor sich hin. „Mädchen wie dich haben wir an dieser Uni schon genug.“

Zwei Tage später ging Sierra mit Freunden zum Footballspiel der Heaven’s Warriors. Bei Hotdogs und Cola fachsimpelte sie mit ihren Kommilitonen über die Chancen der Warriors, das gegnerische Team, die Blue Bulldogs, zu besiegen. Die Bulldogs galten als harter Brocken und hatten bisher alle Feinde in Grund und Boden gerannt. Doch das Team der Warriors setzte auf seine Geheimwaffe: Quarterback Benjamin Boone. Er war im letzten Semester von einer Universität im Osten an die Savannah State gekommen, und seit er der Spielmacher der Warriors war, hatte das Team jedes Match gewonnen.

Die Stimmung auf den Rängen des Stadiums war entsprechend gut und die Erwartungen hoch. Aus den Lautsprecherboxen hämmerten harte Hip-Hop-Beats. Michelle und ihre Cheerleader peitschten das Publikum mit wilder Akrobatik auf, damit die Football-Fans der Savannah State ihre Mannschaft beim Einlauf gebührend empfingen.

Sierra biss in ihren Hotdog mit einer Extra-Portion Röstzwiebeln und verfolgte die halsbrecherischen Sprünge der Cheerleader. Sie wartete auf den Basket Toss und Lenas Einsatz. Von ihrem Platz auf einem der hinteren Ränge konnte sie die Gesichter der Tänzer nicht erkennen. Sie wandte sich der riesigen Leinwand zu, auf der das Spiel parallel übertragen wurde.

Michelles stark geschminktes Püppchen-Gesicht erschien überdimensional groß auf dem Bildschirm. Dann zoomte die Kamera zurück auf die Cheerleader.

Sierra suchte in der Gruppe nach der hübschen Schwedin, entdeckte sie aber nicht. Die Cheerleader nahmen die Position für den Basket Toss ein. Kurz darauf sauste ein Mädchen hoch in die Luft und grätschte graziös die Beine. Lenas Aufgabe. Nur dass die Akrobatin nicht Lena war, sondern eine attraktive Dunkelhaarige.

Sierra spülte den Bissen Hotdog mit einem Schluck Cola herunter und starrte auf die Leinwand. Hatte Lena den Rest der Woche das Training ausfallen lassen und war von Michelle aus der Gruppe gekickt worden? Oder hatte schon ihr einmaliges Fehlen gereicht, um von ihrer größten Neiderin verabschiedet zu werden?

Michelle war eine Bitch – außer Frage. Aber der Erfolg ihres Teams war ihr wichtiger als alles andere, sogar als ihre persönlichen Abneigungen. Außerdem hatte sie in Sierras Büro ablehnend darauf reagiert, Lena durch eine andere zu ersetzen. Folglich musste die Schwedin das Training geschwänzt haben.

So funktionierte das nicht! Sierra war sauer auf Lena. Bisher hatte sie auf der Seite der Schwedin gestanden und Michelles künstliche Aufregung für überzogen gehalten. Aber nun wechselte Sierra die Fronten. Sie hasste es, die Rolle der Gouvernante spielen zu müssen – wie es Michelle von ihr verlangt hatte. Doch wenn Sierra ihren Schützlingen Ratschläge gab oder sie um etwas bat, erwartete sie, dass sie ihre Wünsche ernst nahmen – und nicht wie Lena ignorierten.

Vielleicht aber hatte Lenas Mitbewohnerin ihr gar nichts von Sierras Besuch erzählt. Dennoch … Sierra beschloss, nach dem Spiel mit Michelle zu reden oder direkt zu Lena ins Wohnheim zu gehen. Sie wühlte in ihrer Jacke nach ihrem Handy. In dem Adressbuch war Lenas Rufnummer gespeichert. Aber Sierra hatte ihr Telefon zu Hause vergessen.

In dem Augenblick liefen die Heaven’s Warriors, angeführt von Benjamin Boone, aufs Spielfeld. Der aufbrandende Applaus glich einer Massenhysterie, so laut schrien und johlten die Fans. Sierra ließ sich von der allgemeinen Begeisterung mitreißen und verschob jeden Gedanken an Lena auf später.

Nach einem spektakulären Spiel und dem haushohen Sieg der Heaven’s Warriors über die Blue Bulldogs verabschiedete Sierra sich von ihren Freunden und folgte den eingeschworenen Fans der lokalen Mannschaft zu den Umkleideräumen des Teams. Im Gegensatz zu den anderen wollte sie kein Autogramm von einem der Spieler. Sie suchte Michelle. Sie wusste, dass die Cheerleaderin nach jedem Spiel mit den Warriors abhing und feierte. Vor allem, seit Benjamin Boone mit von der Partie war.

Es dauerte, bis Sierra zu den Umkleidekabinen und Michelle vordrang. Immerhin kannte sie den Türsteher, der den Zugang zu den Mannschaftsräumen kontrollierte. Er studierte dasselbe Fach wie Sierra und erkannte sie offenbar, denn er gestattete ihr mit einem Kopfnicken einzutreten.

Michelle saß neben Boone im Vorraum auf einem Sofa und hörte mit einem anhimmelnden Lächeln seinen Ausführungen bezüglich des spielentscheidenden Touchdowns zu. Als sie Sierra sah, verging ihr das Grinsen. Vermutlich befürchtete sie, eine zweite Frau schmälere ihre Chancen bei dem sexy Quarterback. Wie ein Hund, der sein Revier verteidigte, blaffte sie Sierra an: „Was willst du denn hier?“

„Mit dir sprechen“, entgegnete Sierra gelassen. „Ich mach’s kurz. Wieso ist Lena heute nicht aufgetreten?“

„Frag bloß nicht! Ich bin total sauer auf die blöde Kuh!“, erwiderte Michelle, und wahrhaftig zeigten sich sofort rote Hitzeflecken vor Aufregung auf ihren Wangen. „Dieses schwedische Smörebrod kann sich gehackt legen!“, giftete sie. „Sie ist in der ganzen Woche nicht mehr zum Training erschienen. Zum Glück haben wir eine brillante Ersatztänzerin für sie gefunden, die Lenas Übungen binnen weniger Stunden drauf hatte. Sonst hätte es heute eine Katastrophe gegeben.“

„Wieso hast du mir nicht gesagt, dass sie nicht mehr aufgetaucht ist?“, fragte Sierra vorwurfsvoll. Erst nervte Michelle sie wegen der Schwedin, um sich dann überhaupt nicht mehr um deren Fehlen zu scheren.

„Wieso? Nun, als ich vor zwei Tagen in dein Büro kam, hielt sich deine Begeisterung, mir zu helfen, ziemlich in Grenzen. Ich habe dann meine eigenen Entscheidungen getroffen. Hast du damit ein Problem?“ Michelle blickte Sierra herausfordernd an.

„Ganz und gar nicht“, versuchte Sierra die kampfeslustige Cheerleaderin zu bremsen. „Wann hast du Lena das letzte Mal gesehen?“

„Mittwoch.“

„Beim Training?“

„Ja. Aber auch noch mal später, gegen Abend. Sie war mit einem Typen im Studentencafé. Wieso willst du das wissen? Machst du dir Sorgen um die kleine Schlamp… Ähm, ich gehe besser nicht ins Detail.“ Michelle schaute kurz zu Benjamin.

Er schwieg und starrte auf den Boden, hatte aber bei der Erwähnung, dass Lena mit einem Mann im Café gewesen war, für einen Moment verärgert das Gesicht verzogen.

Seine Reaktion konnte Zufall sein. Sierra musterte ihn aufmerksam. Benjamin hob den Kopf und erwiderte ihren Blick gleichgültig. Vielleicht bildete sie sich nur ein, dass ihm Lenas Männerbekanntschaft etwas ausmachte. Es ging sie auch nichts an. Aber etwas anderes ging sie an: wo sich Lena aufhielt.

Zu ihrer Aufgabe als Betreuerin der Austauschstudenten gehörte auch, dafür zu sorgen, dass diese an den Kursen der Uni teilnahmen. Dazu zählten zwar nicht die sportlichen Aktivitäten wie Cheerleaden oder sonstige Hobbys. Aber langsam machte sich Sierra Sorgen um Lena. Außerdem war ihr sehr wohl aufgefallen, dass Michelle die Schwedin „kleine Schlampe“ genannt hatte. Da das Thema Lena und die Männer immer wieder aufkam, fragte Sierra sich, ob mehr dahintersteckte als Rivalität.

Nicht, dass Sierra den wilden Wechsel von Männerbekanntschaften einem Mädchen zum Nachteil anlastete. Ihr Ding war das zwar nicht, aber jede musste selbst wissen, was sie tat.

Allerdings beschlich Sierra inzwischen das ungute Gefühl, dass Lena etwas zugestoßen sein könnte. Sollte sie wirklich regen Männerkontakt pflegen, war das nicht ungefährlich. Schließlich waren nicht alle Jungs nett.

„Kanntest du den Typen, mit dem Lena im Café saß?“, hakte Sierra nach.

„Wird das ein Verhör?“, fragte Michelle übellaunig. „Nein. Ich kannte ihn nicht. Aber ich habe auch nicht genau hingesehen. Reicht das?“

„Erst mal ja. Danke. Schönen Tag noch.“ Sierra drehte sich auf dem Absatz um und verließ die Mannschaftsräume. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie noch, dass Michelle dem bleichen Boone etwas zuflüsterte.

Sierra eilte aus dem Keller des Stadiums, in dem sich die Umkleidekabinen des Footballteams befanden, hinauf an die frische Luft, durchquerte die offene Vorhalle mit den Kassen und rannte über den Campus zu dem Gebäude, in dem sie wohnte. Darin waren vor allem junge Frauen untergebracht, die derselben Studentinnenverbindung angehörten wie Sierra.

In ihrem Zimmer durchwühlte sie ihre Jacken nach ihrem Handy. Als sie es fand, wählte sie Lenas Nummer. Ihr Mobiltelefon war ausgeschaltet.

Sierra dachte kurz nach und machte sich dann auf den Weg zur Royce Hall, in der ihr Büro lag. In ihrem Arbeitszimmer schaltete sie den Computer an. Über das Verwaltungsprogramm der Universität hatte sie Einsicht in die Kurse, die die Austauschstudenten besuchten. Am Ende jeder Woche übertrugen die Lehrer ihre Anwesenheitslisten in den jeweiligen Kursplan. Anhand der Liste konnten die Mitarbeiter des Austauschprogramms überprüfen, ob die Stipendiaten fleißig büffelten oder lieber den „American Way of Life“ genossen.

Lena Olsens Anwesenheitsliste war einwandfrei – bis auf diese Woche. Seit Donnerstag hatte sie an keinem ihrer Kurse mehr teilgenommen. Und seitdem fehlte sie auch beim Cheerleader-Training.

„Verdammt!“ Sierra fuhr den Computer herunter, verließ das Büro und die Royce Hall und lief zu Lenas Studentenwohnheim. Dort klopfte sie an deren Zimmertür und hatte Glück. Lenas Mitbewohnerin öffnete, wenn auch mies gelaunt.

„Was ist? Ich muss für eine Prüfung lernen“, begrüßte sie Sierra ungehalten.

„Ist Lena da?“

„Nein.“

„Hast du ihr meine Nachricht ausgerichtet, dass das Cheerleader-Team wütend auf sie ist und sie ihre sportlichen und schulischen Verpflichtungen ernst nehmen soll und so weiter, und so weiter?“

„Nein, hab ich nicht.“

„Wieso nicht?“, brauste Sierra auf.

„Reg dich ab! Ich habe Lena seither nicht angetroffen.“

„Was heißt das?“ Sierras graue Zellen arbeiteten. „Als ich das letzte Mal hier war, hast du gesagt, du hättest Lena am Vorabend gesehen. Also am Mittwoch.“

„Richtig“, antwortete das Mädchen genervt.

„Wo hast du sie gesehen? Was hat sie gemacht?“

„Sie kam aus dem Bad. Geschminkt und gestylt. Sie hatte eine Verabredung“, leierte die Mitbewohnerin die Fakten herunter.

„Mit wem und wo?“

„Keine Ahnung. Im Übrigen habe ich dir schon letztes Mal gesagt, dass ich keinen Überblick über ihre Männer habe und auch nicht weiß, ob sie einen Freund hat, und wenn, wer der Freund ist. War es das?“ Sie wollte die Tür schließen.

„Nein.“ Sierra stellte den Fuß zwischen Tür und Türrahmen. „Kann ich einen Blick auf Lenas Sachen werfen?“

„Bitte.“ Die Studentin riss mit einem Seufzer die Tür auf, ging zurück an ihren Schreibtisch und fing demonstrativ an, irgendetwas in ihren Computer zu tippen. „Aber wenn nachher was fehlt und Lena sauer ist, verpetze ich dich.“

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