Logo weiterlesen.de
Spuren, die bleiben

ÜBER DIE


AUTORIN

JANICE STEINBERG lebt in San Diego, sie ist Kunstkritikerin u.a. für die »Los Angeles Times« und lehrt an verschiedenen Universitäten. Sie hat mehrere Kriminalromane geschrieben. »Spuren, die bleiben« ist ihr literarisches Debüt und ihr erster Roman, der auf Deutsch erscheint. Er wird außerdem in Frankreich, Japan, Italien, Brasilien, Holland und Spanien publiziert werden.

JANICE STEINBERG

Spuren, die bleiben

Roman

Übersetzung aus dem amerikanischen
Englisch von Edith Beleites

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Jack,
meinen Bashert*

* (Bashert ist ein jiddisches Wort für »Schicksal«, »Seelenverwandter«,
Anmerkung der Übersetzerin)

Ich ging in den Laden zurück, wo eine kleine, dunkelhaarige Frau hinterm Tresen saß und in einem Gesetzbuch las … Sie hatte das klare, geradlinige Gesicht einer klugen Jüdin.

RAYMOND CHANDLER, Der große Schlaf

Wir erzählen uns Geschichten, um zu überleben.

JOAN DIDION, Das weiße Album

1. KAPITEL


ELAINE

WAS IST DAS, ELAINE? LYRIK?« ER SIEHT ZU MIR AUF – das Gesicht so jung, so wissbegierig. Dann blickt er wieder die Mappe an, die aufgeschlagen auf dem Esstisch liegt.

»Lassen Sie mich mal sehen«, sage ich, aber da fängt er schon an vorzulesen.

»›Die Feige trägt ihre Blüte tief im Herzen verborgen …‹«

»Josh!« Warnend strecke ich die Hand aus und werfe ihm einen Blick zu, den meine Kinder als ätzend bezeichnen, gleichzeitig erinnere ich mich, wie ich mit achtzehn in unserem Garten in Boyle Heights am Feigenbaum lehnte und diese Worte schrieb.

»Ist ja schon gut. Wenn Sie selbst lesen wollen …« Er gibt mir die Mappe, fügt aber gleich hinzu: »Das gehört ins Archiv.« Er trägt seinen Namen zu Recht. War es nicht Joshua, der die Mauern von Jericho zum Einstürzen brachte?

Als die Bibliothek der Universität von Südkalifornien anfragte, ob ich ihnen meine Unterlagen überlassen würde, kam es mir wie ein Gottesgeschenk vor. Zu dem Zeitpunkt hatte ich gerade beschlossen, in das Seniorenheim »Rancho Mañana« zu ziehen – oder, wie ich es nannte: die Ranch Ohne Morgen. Bis dahin hatte ich mich erfolgreich davor gedrückt, die Unmengen von Papier zu sichten, die sich in einem guten halben Jahrhundert in meinem Haus in Santa Monica angesammelt hatten. Die Universität bot sogar an, einen Studenten zu schicken, der mir beim Sortieren helfen sollte – genauer gesagt, einen Bibliothekswissenschaftler und Informatiker mit Schwerpunkt »Archivierung«. So schnell habe ich selten zu etwas Ja gesagt.

Gleichzeitig hatte ich meine Zweifel. Ich habe nichts dagegen, einem Fremden zu zeigen, was ich über die Jahre als Anwältin zu Papier gebracht habe, aber die Universität war nicht nur daran interessiert, sondern auch an Privatem und Familiärem. Ich hoffte, dass man mir eine nette Studentin schicken würde, die meine Entscheidungen widerspruchslos akzeptierte. Ihr Fachwissen würde das Sichten von Papierbergen zu einer chirurgisch sauberen Operation machen, es würde keine Peinlichkeiten geben, und nichts allzu Persönliches würde ans Tageslicht kommen. Ausgerechnet ich, die ich mein Leben lang gegen Geschlechterklischees gekämpft habe, malte mir eine willenlose junge Frau aus, die sich mir bereitwillig unterordnen würde. Jetzt muss ich dafür bezahlen. Die Studentin entpuppte sich als Student, der alles andere als willenlos ist. Josh betrachtet jeden Zettel, jede Notiz als potenziellen Schatz, und wenn er mit seiner Neugier alte Wunden aufreißt, ist er entzückt. Meine Abwehr schüchtert ihn nicht ein, ganz im Gegenteil.

Dabei kann er nichts dafür, dass mich Nostalgie überfiel, als wir einen Karton mit Zeichnungen meiner Kinder öffneten, oder Trauer, als wir den Briefwechsel mit Paul fanden, aus der Zeit, als er im Zweiten Weltkrieg kämpfte (letzten Monat war sein vierter Todestag). Und nun auch noch meine Teenager-Lyrik! Wenigstens versucht Josh mich nicht zu trösten, wenn mir ein Stück Vergangenheit plötzlich nahegeht. Eine deftige Auseinandersetzung ist mir lieber als Mitleid!

»Sind wir dann mit meinem Arbeitszimmer fertig?«, frage ich betont sachlich. So bin ich nämlich. Elaine Greenstein Resnick, eine unsentimentale Frau, keine schwärmerische Lyrikerin, die sich von Erinnerungen aus der Bahn werfen lässt.

»Da muss ich erst nachsehen«, sagt er und springt auf. Er ist schnell und effizient. Zum Glück. Schließlich will ich bald umziehen. Mein Haus steht bereits zum Verkauf, und schon Mitte Dezember ziehe ich um. Nur noch sechs Wochen.

Sowie ich allein im Zimmer bin, werfe ich einen Blick auf das erste Gedicht. »Die Feige trägt ihre Blüte tief im Herzen verborgen. Ganz anders als ich. Die Blüte meiner Liebe …« Herrgott, war ich wirklich einmal so jung, so verletzlich? Wo ist das junge Mädchen geblieben? Wenn ich dagegen an den idealistischen Leserbrief denke, den ich mit elf an eine Zeitung geschickt habe, erkenne ich darin bereits die kämpferische Anwältin. Damals war alles schon angelegt, und ich staune, was alles in dem stillen, nachdenklichen Mädchen steckte. Wie hat die Los Angeles Times es ausgedrückt? »Die gefragteste, progressivste Anwältin über Jahrzehnte hinweg – von der Hexenjagd der McCarthy-Ära über die Bürgerrechtsbewegung bis zum Kampf gegen den Vietnamkrieg und für die Gleichstellung der Frau.«

Doch die zartfühlende Lyrikerin, die ich auch war – was ist aus ihr geworden? Ich weiß noch genau, wann ich aufgehört habe, Gedichte zu schreiben: am 12. September 1939. Damals war ich achtzehn. Danach habe ich zwar weiter geschrieben, aber nichts mehr in dieser Art. Was ist aus meiner Sanftmut geworden? Habe ich sie abgelegt wie andere Verrücktheiten der Pubertät? Habe ich sie von mir abgespalten? Die längst vergessenen Gedichte von damals scheinen etwas in mir wachzurufen. Unsinn! Die Sentimentalität einer alten Frau! Ich schließe die Mappe und lege sie in den Korb mit Dokumenten, die ich noch einmal durchsehen will, bevor ich Josh das Okay zum Archivieren gebe. Die Gedichte werde ich ihm allerdings nicht überlassen. Vielmehr werde ich sie »verlegen«.

Irritiert von dem Fund blicke ich beunruhigt auf zwei Kaufhauskartons, mit denen Josh ins Esszimmer zurückkommt, obwohl die Kartons als solche keine Erinnerungen wecken.

»Wo haben Sie die denn gefunden?«, frage ich.

»Im Wandschrank, ganz hinten. Da sind noch mehr.«

»Vielleicht sind das Sachen von Ronnie.« Früher war mein Arbeitszimmer das Kinderzimmer meines Sohns. Ich rechne mit mottenzerfressener Kinderkleidung oder einer Comic-Sammlung.

»Nein. Alles Papiere.«

Josh stellt den oberen Karton – von Buffum’s – zwischen uns und hebt den Deckel ab. Im nächsten Moment erinnere ich mich daran, wie meine jüngeren Schwestern und ich nach dem Tod unserer Mutter ihre Wohnung ausräumten. Das war vor über dreißig Jahren – was für ein Albtraum. Sie hatte es geschafft, ihre kleine Wohnung in West Los Angeles genauso vollzustopfen wie unser Haus in Boyle Heights. Mamas Tod, zehn Jahre nach Papas Schlaganfall, war ein Schock. Für ihre sechsundsiebzig Jahre war sie noch erstaunlich fit, als sie auf ihrem täglichen Spaziergang von einem Betrunkenen überfahren wurde. Audrey, Harriet und ich steckten noch in der ersten Trauerphase, als wir bei der Wohnungsauflösung … vier? ein Dutzend? Kartons von Kaufhäusern fanden, die schon gar nicht mehr existierten. Alle waren voll mit Papieren und Gott weiß was. Keine von uns fühlte sich damals in der Lage, die Sachen genauer anzusehen.

Obwohl ich mich nicht daran erinnern kann, müssen wir diese Kartons dann wohl in meinen Wagen geladen haben, und irgendwie sind sie im Schrank meines Sohns gelandet.

»Hey, ist das Hebräisch?« Josh hält mir einen Brief vor die Nase, den er auseinandergefaltet hat. Mit der anderen Hand will er mir ein Paar weißer Handschuhe reichen. Wie oft habe ich ihm schon gesagt, dass ich das Recht habe, meine eigenen Sachen mit bloßen Fingern anzufassen? Aber das lässt er nicht gelten und bringt jedes Mal ein zweites Paar Handschuhe mit.

Ich überfliege die Briefe. »Das ist Jiddisch. Sie stammen wohl von der Familie meiner Mutter, aus Rumänien.«

»Sie können Jiddisch?«

Ich bin selbst überrascht, dass ich es noch kann.

»Was steht drin?«

»Familienangelegenheiten … Jemand hat geheiratet, jemand anders ein Kind bekommen.« Das waren die Nachrichten, die wir in den 1920er Jahren von unseren rumänischen Verwandten bekamen. In den Dreißigerjahren waren ihre Briefe dann verzweifelte Appelle, wenigstens die jüngeren Familienmitglieder raus zu holen. So kam mein Cousin Ivan zu uns nach Los Angeles, drei andere gingen zu Verwandten in Chicago, und zwei wanderten nach dem Krieg nach Palästina aus. Alle anderen sind umgekommen.

»Also, die bewahren wir auf jeden Fall auf.« Aus Joshs Augen blitzt unverhohlene Sammlerleidenschaft, als er noch mehr Briefe aus dem Karton holt, alle in Originalumschlägen. Er greift nach einer der Plastiktüten, in denen die Fundstücke in sein Archiv wandern.

»Moment, die will ich erst lesen!« Angesichts der knappen Zeit werde ich sie nur überfliegen können, aber es geht um meine Familie, meine Geschichte. Meine und Harriets. Wir sind die Einzigen der vier Greenstein-Mädels, die überlebt haben. Ich weiß nicht mehr, ob Harriet überhaupt Jiddisch gelernt hat, aber ich möchte diese Briefe zusammen mit ihr durchgehen. Sie soll die Dinge, die Mama so wichtig waren, wenigstens einmal selbst in der Hand halten, bevor daraus Quellenangaben irgendwelcher Dissertationen werden.

»Ja, natürlich.« Josh steckt die Briefe in die Plastiktüte, etikettiert sie und reicht sie mir. »Bitte stecken Sie sie wieder in die Tüte, wenn Sie sie gelesen haben.«

Außer Briefen enthält der Karton Notizen, Rezepte und Zeitungsausschnitte, die aus irgendeinem Grund aufgehoben worden sind. »Da scheint jemand die Sammelwut gehabt zu haben.« Josh kann sein Glück kaum fassen, aber selbst er wirft viel von dem, was wir finden, in die Kiste für Altpapier.

Wir machen uns über den zweiten Karton her; er stammt von der May Company und entpuppt sich als Schatztruhe, die Mama für ihre Töchter angelegt hat. Ich entdecke Schulzeugnisse, Klassenarbeiten, Buntstiftzeichnungen. Meine Zulassung zum Studium an der Universität, zusammen mit der Zusage für ein Vollstipendium. Und da! Meine Artikel für die Unizeitung, alle fein säuberlich in großen braunen Umschlägen gesammelt, dazu die Leserbriefe, die ich zusammen mit Danny geschrieben habe – glühende Plädoyers für die Rettung europäischer Juden. Ja, klar, sage ich zu Josh, natürlich werde ich ihm die Artikel und Briefe geben, sobald ich sie gelesen und Harriet gezeigt habe.

Ich krame weiter in dem Karton und finde einen Stapel A5-Papier, das von einem Gummiband zusammengehalten wird. Als ich ihn herausnehme, zerbröselt das Gummiband, und herausfallen … o Gott! … Programmhefte von Barbaras Auftritten als Tänzerin. Ein Dutzend oder mehr, mit kunstvoll gestalteten Titelblättern auf dickem, hochwertigem Papier.

Ich schlage eins auf, sitze plötzlich in einem abgedunkelten Saal und sehe meine Schwester tanzen. Ich bewundere sie nicht nur, sondern spüre jede ihrer Bewegungen am eigenen Leib, obwohl ich nie so ausdrucksstark und hingebungsvoll tanzen konnte wie sie. Wenn Scheinwerfer auf sie gerichtet waren, wurde sie lebendig, während mir Privatheit lieber war.

»Elaine«, sagt Josh, und ich merke, dass ich mich plötzlich in einem anderen Jahrhundert befinde. »Waren Sie Tänzerin?«

»Nein, meine Schwester Barbara«, sage ich mit tränenerstickter Stimme.

»Ballett?«

»Moderner Tanz«, krächze ich.

»Hat sie es zu was gebracht, Karriere gemacht?«

»Sie hat das Gleiche getan wie die meisten Frauen meiner Generation: heiraten, Kinder kriegen.« Lügen gehen mir leichter über die Lippen. Trotzdem sehe ich mich plötzlich am Ufer des Los Angeles River stehen. Es stürmt, das aufgewühlte Wasser steigt unaufhörlich, jeden Moment kann der Fluss über die Ufer treten. Unsinn, beruhige ich mich.

Josh fragt, ob er die Programmhefte dem Tanzarchiv der Universität übergeben darf. Nur zu, sage ich. Was soll ich damit anfangen?

Gleich darauf lanciert der Karton den nächsten Angriff auf meinen inneren Frieden: Philips Visitenkarte.

Josh stößt einen leisen Pfiff aus. »Wow! Was hatte Ihre Mutter mit einem Privatdetektiv zu tun?«

Ich murmle, dass ich während des Studiums bei Philip gearbeitet habe. Das fordert Josh zu weiteren Fragen heraus, und er erwähnt einen Namen, den ich noch nie gehört habe. Er steht auf der Rückseite der Visitenkarte. Ich behaupte, plötzlich furchtbare Kopfschmerzen zu haben, bitte Josh zu gehen und schiebe ihn förmlich zur Haustür hinaus. Dann gebe ich den Kampf auf und lasse meinen Tränen freien Lauf.

Am liebsten würde ich alles kurz und klein schlagen oder wenigstens die nächstbeste Vase zerschmettern. Stattdessen ergebe ich mich und lasse die Gefühle zu, die die Erinnerung an Barbara in mir weckt: Trauer, Wut, Reue und Liebe.

2. KAPITEL


UNSER ZEYDE, DER PILOT

AM 28. MÄRZ 1921 UM 23:52 UHR BAHNTE SICH BARBARA den Weg aus Mamas Leib ins grelle Kreißsaallicht des White Memorial Hospitals in der Boyle Avenue, Los Angeles. Nur siebzehn Minuten später – aber am nächsten Tag – folgte ich ihr. Hat sie sich vorgedrängt? Habe ich mich aus Angst vor der Welt zurückgehalten? Doch Barbara war immer schneller als ich. Eine halbe Stunde vor mir konnte sie Fahrrad fahren, und alle waren so damit beschäftigt, sie zu beglückwünschen, dass keiner mitbekam, wie ich aufs Rad kletterte und zur Straßenecke eierte. Alle Welt nannte uns Barbara und Elaine, kein Mensch sagte Elaine und Barbara. Und obwohl ich Danny zuerst kennenlernte, war Barbara seine erste große Liebe.

Wir waren keine eineiigen Zwillinge, aber dass wir Schwestern waren, sah man auf den ersten Blick. Wir hatten dichtes, lockiges Haar (ihre Locken waren weicher, dafür hatten meine einen rötlichen Schimmer, auf den ich sehr stolz war), braune Augen mit goldenen Pünktchen und große Nasen, die aber wenigstens gerade waren. Als Teenager war ich nach einem Wachstumsschub plötzlich einseinundsechzig, was für meine Familie ungewöhnlich groß war; Barbara war drei Zentimeter kleiner. Am meisten unterschieden sich unsere Gesichter. Barbara hatte die Apfelbäckchen von Mama geerbt, während ich ein schmales Gesicht und Papas tiefliegende Augen hatte. Mit elf bekam ich eine Brille, und spätestens seitdem galt ich – nicht zu Unrecht – als die Ernste von uns beiden. Werden wir mit der Zeit wie unsere Gesichter, oder spiegeln unsere Gesichter von Anfang an unseren Charakter wider? Beide hatten wir eine angenehme, mittlere Stimmlage und sprachen »so klar und deutlich, ihr solltet zum Radio gehen!«. Papa schämte sich für den Akzent seiner Eltern und seiner Frau und feilte ständig an unserer Aussprache, indem er uns Gedichte aufsagen ließ. Ich musste mir Eselsbrücken bauen, um mir die Texte merken zu können, aber Barbara konnte sie binnen kürzester Zeit auswendig herunterschnurren. Sie sang auch sehr schön, und als sie älter wurde, bekam ihre Stimme einen wunderbar kehlig-rauchigen Klang, während ich kaum die richtigen Töne traf.

Aber wir hatten das gleiche Lächeln, und auf Fotos sieht man die Lücke zwischen unseren Vorderzähnen, die wir von Papa geerbt haben. Hätte es damals schon Videos gegeben, würde man auch sehen, dass Barbara schneller lächelte als ich. Ihre hervorstechende Eigenschaft war nun einmal Schnelligkeit, in jeder Hinsicht. Sie war spontan, lebhaft und warmherzig und hatte immer eine Idee, was wir als Nächstes spielen oder welchen Unsinn wir anstellen könnten. Deswegen war sie die geborene Anführerin für die Kinder aus der Nachbarschaft. Aber sie war auch ungeduldig, impulsiv und rücksichtslos und urteilte schnell über andere. Sie war launisch, manchmal grausam, und wie eine Schauspielerin konnte sie blitzschnell die Rollen wechseln. Wen sie heute bewunderte, konnte sie schon morgen … nein, nicht hassen, sondern komplett vergessen haben.

Wenn sie in Hochform war, hinterließ sie eine Schneise der Verwüstung. Das wurde mir zum ersten Mal klar, als sie 1929 den großen Börsencrash verursachte. Ich war schon alt genug – immerhin achteinhalb –, um zu wissen, dass unsere internen Familienstreitigkeiten nicht gleich globale Katastrophen auslösten, aber der Schwarze Dienstag war für mich immer der Tag, an dem weltweit die Hölle losbrach, weil Barbara unseren Zeyde bloßgestellt hatte.

Dov Greenstein, Papas Vater, wohnte bei uns, in dem Haus, das er mit seiner Familie bezogen hatte, als Papa siebzehn war. Er stammte aber nicht aus Los Angeles, sondern von der anderen Seite des Atlantiks. Bevor er das Meer überquerte, musste er einen Fluss überqueren – eine lächerliche Entfernung verglichen mit den zwei Wochen, die er auf dem stürmischen Atlantik verbrachte. Die Überfahrt muss schrecklich gewesen sein; seit seiner Ankunft in Amerika weigerte er sich, je wieder ein Schiff zu betreten, nicht mal ein Ruderboot im Hollenbeck Park. Trotzdem war die Flussquerung der schwierigere Teil seiner Reise, denn in diesem Moment ließ er alles hinter sich, was er kannte, und jeden, den er kannte. Damals war er siebzehn. Der Kigel, den ihm seine Mutter zum Abschied gebacken hatte, wärmte ihm den Bauch, und der Schal, den sie ihm um den Hals gelegt hatte, war von ihren Tränen durchnässt.

Dovs Fluss war kein Feld-, Wald- und Wiesenbach, sondern der mächtige Dnister, der in den Karpaten entspringt, an seinem ukrainischen Dorf vorbeifließt und schließlich ins Schwarze Meer mündet. Außerdem musste Dov in einer kalten Märznacht durch diesen Fluss schwimmen. Wegen der einsetzenden Schneeschmelze in den Karpaten war das Wasser eiskalt und die Strömung reißend. Aber er musste diese Gefahr auf sich nehmen, weil die Hunde keine Witterung aufnehmen sollten. Die Hunde und ihre Herren, die mit Schlagstöcken und Gewehren bewaffnet waren.

Wenn unser Zeyde davon erzählte, machte er an dieser Stelle immer eine Pause. So atemlos, als hätten die Hunde es auf uns abgesehen, fragten Barbara und ich: »Warum waren sie denn hinter dir her?«

»Ah«, sagte er dann und trank einen Schluck von seinem Tee, den er mit einem Schuss Whisky angereichert hatte. »Weil ich ein großes Verbrechen begangen hatte.«

Wann immer ich diese Geschichte hörte, sah ich die gleichen Bilder vor mir: Dov, der sich in Hausschuhen auf ein Pferd schwingt, die Beute aus einem Bankraub in den Taschen, genau wie die Banditen in Wildwestfilmen.

Doch dann sagte unser Zeyde: »Ich hatte mich verliebt.«

Das Mädchen hieß Agneta und war eine Bauerntochter, die an Markttagen ins Dorf kam. Je öfter unser Zeyde davon erzählte, desto mehr hatte ich das Gefühl, dabei gewesen zu sein und mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie sein Schicksal besiegelt wurde. An den Markttagen war Dovs Dorf bunt, laut und voller Leben. Die Bauern handelten mit allem, was ihre Höfe boten, während die jüdischen Dorfbewohner Tee, Salz und Lampenöl verkauften und Handwerker ihre Dienste anboten, wie Dovs Vater Berel, der Blechschmied.

Berel steckte voller Unternehmergeist und hatte sich eine Schleifmaschine angeschafft, um sich als Sensen-, Scheren- und Messerschleifer etwas dazuzuverdienen. Tatsächlich war es dann eine Schere, die zu Dovs Entfremdung führte – ein starkes Wort, denn es beinhaltete nicht nur, dass er anderen fremd wurde, sondern dass ihm alles Gewohnte abhandenkam, alles, was er zu sehen, zu hören und zu riechen gewohnt war. Gerüche, die ihm fortan in die Nase stiegen, stammten nicht mehr von der Erde und den Pflanzen, die er kannte, nicht mehr von Kochdünsten, Müll oder Parfüms, die er identifizieren konnte. Es waren nicht mehr die Gerüche, die – selbst wenn sie bisweilen unangenehm waren – doch immerhin Heimat bedeuteten. Hätte unser Zeyde gewusst, was er alles verlieren würde, hätte er trotzdem das Gleiche getan, als Agneta in Berels Werkstatt kam, um ihre Schere schleifen zu lassen, weil sie feinen Wollstoff gekauft hatte, um sich ein schönes Kleid zu nähen?

Es dämmerte schon, und Dov war allein in der Werkstatt. Er trat auf das Fußpedal, das die Schleifmaschine in Schwung brachte, und drückte Agnetas Schere an den Schleifstein. Zuerst war er ganz auf die Arbeit konzentriert und sah nicht, was für ein hübsches Mädchen seine Kundin war.

»Ich habe gern an der Schleifmaschine gearbeitet«, sagte unser Zeyde. »Es war das Einzige, was ich gut konnte. Mein Vater sagte immer, nie hätte er gedacht, dass ein Schlemihl wie ich so gut mit Blech umgehen kann.«

Er fuhr mit den Fingern über die Scherblätter, um zu prüfen, ob sie scharf genug waren, dann schliff und polierte er sie mit einem sauberen Tuch nach, bis sie im fahlen Licht des späten Januarnachmittags glänzten. »Perfekt, siehst du?«, sagte er, zerschnitt ein Blatt Papier und zeigte Agneta die geraden Schnittkanten. Da sie kurzsichtig war, beugte sie sich vor, um besser sehen zu können. Dabei kam sie Dov so nah, dass er die grobe Seife und den getrockneten Rosmarin riechen konnte, den sie büschelweise auf dem Markt verkauft hatte. Vor allem aber roch sie nach sechzehnjährigem Mädchen.

»Zeig’s mir lieber daran.« Sie holte ein Päckchen aus ihrem Korb und wickelte das braune Papier ab, bis eine Ecke von dem gerade gekauften Stoff zu sehen war, dessen leuchtendes Blau ihren Augen glich. Dov wunderte sich, wie weich der Stoff war, und setzte die Schere an. »Nein, Dummkopf! Doch nicht so viel!« Agneta riss ihm den Wollstoff weg und berührte dabei seine Hand. Ihre blauen Augen blitzten auf.

Dov fasste Mut, gab ihr die Schere und berührte ihre Hand etwas länger als nötig, vielleicht zwei Sekunden. »Dann mach’s doch selber!«

Agneta wickelte den Stoff wieder ins Papier und tastete nach dem Zopf, der ihr bis zur Taille über den Rücken fiel. Dann wedelte sie mit dem blonden, nach Rosmarin duftenden Haar vor seinem Gesicht, schnitt eine Strähne vom Zopfende ab und hielt sie Dov wortlos hin.

»Versteht ihr, Mädels?« Fragend sah unser Zeyde Barbara und mich an. »Agneta war eine Goi, eine Christin. Sie dachte, mit mir könnte sie alles machen, weil ich ein Niemand war, ein Jude.«

Dov Grinschtayn hielt nichts von solchen Unterscheidungen. Er wollte sie abschaffen. Genau wie die anderen, die zu den sozialistischen Versammlungen kamen, die er heimlich besuchte. Er war ein kräftiger, gutaussehender Bursche, der lieber durch den Wald wanderte und im Fluss umherschwamm, als den ganzen Tag in der Studierstube des Rabbis zu hocken. Auf einem Foto, das später in New York von ihm gemacht wurde, sieht man sein kräftiges Kinn, seine breiten Schultern und sein dichtes schwarzes Haar. Obwohl das Foto ein wenig unscharf ist, fällt sein entschlossener Blick auf. Vermutlich hat er Agneta einen solchen Blick zugeworfen.

»Hier!«, sagte sie, als er dastand, ohne nach der Locke zu greifen. »Nimm schon!«

»Warum sollte ich?«

»Damit du an mich denkst.« Selbstbewusst warf Agneta den Kopf in den Nacken, aber die Finger, die die Locke hielten, begannen zu schwitzen.

»Und warum sollte ich an dich denken?«

Jetzt rächte sich ihre Forschheit. Ihr Lächeln gefror, und sie biss sich auf die Lippen, wie ein Kind, das versucht, die Tränen zurückzuhalten. In diesem Moment sah Dov wie durch ein Vergrößerungsglas alles, was an ihm gut und schlecht war.

»Oy, es tat mir leid, dass ich sie beschämt hatte. Aber ihr seid in Amerika aufgewachsen und wisst nicht, wie es war, wenn die Christenjungen uns verprügelten – vor den Augen der Erwachsenen, die nichts dagegen unternahmen. Manchmal rotteten sich die Christen regelrecht gegen uns Juden zusammen. Das nannte man Pogrome. Wir hatten ständig Angst.«

Den Christen so ausgeliefert zu sein hatte unseren Zeyde dazu verführt, seine Macht über das Christenmädchen zu genießen … bis sich ihre Augen mit Tränen füllten. Das ging ihm zu Herzen. Er streckte die Hand aus, und Agneta legte die Locke hinein. Er riss eine Ecke von dem braunen Papier ab, verpackte die Locke und steckte sie in die Tasche.

Dann sprachen sie nur noch über Geschäftliches.

»Ist die Schere scharf genug?«

»Ja, ist gut so.«

»Soll ich sie einpacken?«

Doch jedes Wort war pure Poesie.

»Agneta, was machst du so lange?«, rief ein Mann von der Tür her. Dov hörte, dass er betrunken war. Vor allem aber hörte er ihren Namen.

»Ich komme schon, Vater«, rief sie zurück.

»Warte! Nimm …« Dov wusste nicht, was er ihr auf die Schnelle schenken sollte. »Hier!« Er holte seinen Bleistift aus der Tasche, fast neu und kaum angekaut.

»Oh.« Sie sah den Bleistift an, als wüsste sie nicht, was sie damit machen sollte. Konnte sie überhaupt schreiben, dieses Mädchen, für das unser Zeyde ins Exil getrieben wurde? Sie warf den Stift in ihren Korb und eilte aus der Werkstatt.

Zwei Wochen später kam sie mit einem Topf zurück, der repariert werden musste, aber es gab viel zu tun, und unter den kritischen Blicken von Berel musste Dov sich auf die Arbeit konzentrieren. Vor lauter Aufregung verbrannte er sich die Finger am Lötzinn, aber da ihm das öfter passierte, schöpfte sein Vater keinen Verdacht.

Am nächsten Markttag hatte er mehr Glück. Er musste der Molkerei einige Eimer liefern, und auf dem Weg dahin schlenderte er an den Marktständen vorbei, entdeckte Agneta und fing ihren Blick ein. Sie verließ ihren Stand und folgte ihm. In einem nahen Buchenhain waren sie endlich allein.

»Habt ihr euch geküsst?«, fragte Barbara oder ich. Schließlich waren wir schon mal im Kino gewesen und wussten, was Verliebte taten, auch wenn wir derlei von Mama und Papa nicht kannten.

»Was ihr gleich wieder denkt! Aber ja. Ich habe sie geküsst. Einmal.« Sie wagten nicht, lange zu bleiben und womöglich entdeckt zu werden. Aber sie nutzte die Zeit, um ihm zu sagen, woran er ihren Hof erkennen konnte, wann sie herauskam, um die Hühner zu füttern, und dass sie ein Versteck im Wald hinter dem Haus hatte, das niemand außer ihr kannte.

Nach diesem ersten Treffen fing Dov an, Metall- und Drahtreste zu sammeln, wenn Töpfe geschmiedet oder Löcher in Siebe gestanzt wurden. Er steckte alles in die Tasche, in der er auch Agnetas Locke aufbewahrte. Als er genug Material beisammen hatte, begann er, so eifrig zu schmieden wie nie zuvor. Sein Vater hatte recht: Er war nicht sehr talentiert. Aber schon kurz nachdem er Agneta geküsst hatte, war er mit der Arbeit fertig. Am nächsten Schabbes, als er den Nachmittag frei hatte, ging er drei Mal an ihrem Haus vorbei, immer hundert Meter über die Hofgrenze hinaus, dann kehrte er mit klopfendem Herzen um, hoffte, dass keiner von Agnetas vier Brüdern ihn gesehen hatte, und ging noch einmal am Haus vorbei. Endlich kam Agneta mit einem Eimer Hühnerfutter heraus. Sie eilte in den Hühnerstall und gleich darauf in den Wald hinterm Haus. Sie blieb auf ihrer Seite des Zauns, Dov hielt auf der anderen mit ihr Schritt. Sobald sie vom Haus aus nicht mehr zu sehen waren, kletterte Dov über den Zaun und überreichte ihr sein Geschenk – eine Blechmenagerie.

»Oy!« Agneta klatschte in die Hände. »Oy!« Sie bewunderte den Hahn mit dem gezackten Kamm, das ringelschwänzige Lamm und das Pferdchen. Am besten aber gefiel ihr eine eher misslungene Kreatur – ein Löwe, den Dov nach einer Zeichnung in einer Zeitschrift angefertigt hatte. Die Mähne bestand aus dreißig zusammengeschweißten Drahtstückchen und schien aus lauter einzelnen Härchen zu bestehen. An diesem Tag küsste er Agneta mehr als einmal, und zwei Wochen darauf trafen sie sich wieder in dem Wäldchen.

Einige Dutzend Küsse waren alles, was sie hatten (oder unser Zeyde wollte nicht zugeben, dass es mehr war), bevor der Löwe sie verriet. Agneta hatte das stachelmähnige Tier so gern, dass sie es ihren besten Freundinnen zeigte. Bald bekamen ihre Brüder davon Wind, und ihnen war sofort klar, dass die Blechmenagerie nur von dem jüdischen Blechschmied stammen konnte. Von dem alten, krummen Berel? Lächerlich! Aber arbeitete Berels Sohn nicht als Lehrling in der Werkstatt mit? Sie löcherten Agneta mit Fragen. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie ihre Tränen auf den Blechlöwen tropften und sie sich weigerte, das Tier herzugeben. Dann waren sie hinter Dov her.

Die Familie unseres Zeyde wurde so spät gewarnt, dass ihm kaum Zeit blieb, ein kleines Bündel zu schnüren, und seine Mutter schaffte es gerade noch, ein Täschchen mit drei Goldmünzen ins Innenfutter seines Mantels zu nähen. Er glaubte, ein Vermögen zu besitzen, bis die erste Goldmünze draufging, als er jemanden bestechen musste, um die österreichisch-ungarische Grenze passieren zu können. Als Nächstes musste er das Zugticket nach Rotterdam bezahlen, und für die Überfahrt nach Amerika blieb so wenig übrig, dass er auf dem Dampfschiff Kohlen schaufeln musste. Nach zwei Wochen Plackerei und Seekrankheit in der Höllenhitze des Maschinenraums betrat er Castle Garden, die Insel an der Spitze Manhattans, wo damals die Einwanderer landeten, mit so weichen Knien, dass er sich zweierlei schwor: Nie wieder würde er ein Schiff betreten, und nie wieder würde er als Blechschmied arbeiten.

Den ersten Schwur brach er sofort, aber nur dieses eine Mal und ganz kurz, weil er mit der Fähre zum Festland übersetzen musste. Den zweiten hielt er fünfundvierzig Jahre lang, und zwar exakt bis Montag, den 28. Oktober 1929. Als er ihn brach, kollidierte unsere Familiengeschichte mit der Geschichte der Welt.

»Ich bin kein Blechschmied, sondern Erfinder«, sagte unser Zeyde mit Nachdruck, als Barbara und ich um eine Blechmenagerie bettelten.

Unser Vater hatte ein anderes Wort für ihn. »Er ist ein Luftmensch«, pflegte er zu Mama zu sagen – auf Jiddisch, der Sprache unserer Familiengeheimnisse. Wir kannten die Wörter »Luft« und »Mensch« und dachten, unser Zeyde sei Pilot gewesen. Vielleicht in einer geheimen Mission, über die man bis heute – Jahre nach dem Großen Krieg – nicht sprechen durfte. Er hatte ja auch sonst schon so einiges in Amerika getan – Hosen und Hosenträger genäht, Knoblauch verkauft, Zigarren gedreht und sogar eine Zigarrenfabrik besessen. Als die Familie nach Los Angeles gezogen war, weil unsere Großmutter, die vor unserer Geburt gestorben war, an Schwindsucht litt, hatte unser Zeyde den amerikanischen Westen mit aufgebaut: Von den Eiern seiner Hühnerfarm lebte damals halb Los Angeles, und er war am großen Bauboom beteiligt, weil er Möbel an- und verkaufte. »Geld kann man immer und überall verdienen«, pflegte er zu sagen. Jetzt verkaufte er Bücher, aber wann immer wir seine Buchhandlung sehen wollten, so wie die von Onkel Leo am Hollywood Boulevard, schüttelten alle den Kopf und benahmen sich seltsam. Mit anderen Worten: Wenn unser Zeyde schon so viele Berufe gehabt hatte, einige davon geheimnisumwittert, warum sollte er dann nicht auch Pilot gewesen sein?

Als Tante Pearl, Papas jüngste Schwester, uns die Wahrheit sagte, beschwor Barbara die Katastrophe herauf.

Wir himmelten Tante Pearl an, eine modern gekleidete junge Frau mit braunem Bob, gewagt kurzen Röcken, die kaum ihre plumpen Knie bedeckten, und lustigen Augen. Sie nähte fast all unsere Kleidung, und an jenem Montag im Oktober 1929 waren Barbara und ich nach der Schule zu ihr gegangen, weil sie unsere marineblauen Röcke für den Winter fertignähen wollte. Ich stand auf einer Kiste, und sie steckte den Rocksaum ab, als im Radio etwas von Charles Lindbergh gesagt wurde.

»Kennt unser Zeyde diesen Mr. Lindbergh?«, fragte ich.

»Charles Lindbergh, den Piloten?«

Ich nickte.

»Was hat euer Zeyde euch erzählt?« Pearl lachte, schien aber nicht amüsiert zu sein. Sie und unser Zeyde sprachen schon seit zwei Jahren nicht mehr miteinander. Damals hatte es einen unerhörten Skandal gegeben, den Barbara und ich mitbekamen, obwohl die Erwachsenen nur im Flüsterton darüber sprachen. Pearls Mann, unser Onkel Gabriel Davidoff, hatte sie wegen einer anderen Frau verlassen, einer Goi! Doch was dann folgte, war ein noch größerer Skandal. Pearl war nämlich noch so jung, dass es als unschicklich galt, wenn sie allein lebte, obwohl sie bereits verheiratet gewesen war. Aber sie zog nicht zu ihren Eltern zurück, sondern blieb in der Wohnung, in der sie mit Gabe gelebt hatte, und begann für andere Leute zu nähen. Grund genug für unseren Zeyde, den Kontakt mit ihr abzubrechen.

»Wieso? Gar nichts«, sagte ich und entschuldigte mich für die Frage. Man hatte uns eingeschärft, Pearl gegenüber unseren Zeyde nicht zu erwähnen. Umgekehrt mussten wir ihm gegenüber so tun, als hätten wir den neuen Rock, die neue Jacke in irgendeinem Laden gekauft.

Barbara, deren blauer Rock schon gesäumt war, plapperte los: »Ist unser Zeyde etwa kein Luftmensch?«

Dieses Mal war Pearls Lachen echt. Sie lachte so sehr, dass sie die Stecknadeln fallen ließ und sich setzen musste. »Ein Luftmensch! Ein Luftmensch!«

»Papa sagt das immer«, sagte ich, als sie sich einigermaßen beruhigt hatte.

»Das glaube ich gern.« Pearl, die höchst agil war, obwohl sie »gut im Futter stand«, sprang wieder auf. »Barbara, Schätzchen, sammle die Stecknadeln für mich ein. Und du hältst still, Elaine! Noch ein paar Nadeln, dann sind wir fertig.«

Sie wartete, bis sie meinen Saum abgesteckt und ich meinen alten Rock wieder angezogen hatte (er hatte das gleiche Marineblau, weil Mama diese Farbe für kleine Mädchen schicklich fand, außerdem sah man auf dem dunklen Stoff keinen Schmutz). Dann schickte sie uns in ihr winziges Wohnzimmer und sagte, wir sollten uns hinsetzen. Sie und Barbara nahmen das Zweiersofa, ich den Sessel.

Pearl steckte sich eine Zigarette an – eine ihrer skandalösen Angewohnheiten. »Ihr Süßen wisst nicht, was Luftmensch bedeutet, was?«

»Nicht Pilot?«, fragte ich.

»Jemand, der ein Flugzeug lenkt?«, sagte Pearl. »Das habt ihr euch clever zusammengereimt, aber ein Luftmensch fliegt nicht, Mädels. Ein Luftmensch ist jemand, von dem man nicht so genau weiß, wie er sein Geld verdient. Er scheint von Luft und Liebe zu leben. Zwar hat er ständig große Pläne, aber die funktionieren nie. Ein Luftmensch …« Sie betrachtete die verglühte Asche ihrer Zigarette, die immer länger wurde, und ihre Stimme bekam einen bitteren Klang. Der Ton meiner sonst so fröhlichen Tante bedrückte mich genauso sehr wie das, was sie sagte. »Er leiht sich Geld von Verwandten, um eine Zigarrenfabrik aufzubauen, die alle reich machen soll, und dann – wer hätte das gedacht? – verduftet der Mann, der ihm eine Riesenmenge Tabak zum halben Preis besorgen wollte, mit dem Geld. Oder er gibt damit an, dass er all seine Kinder auf die Universität schicken wird, sogar seine Töchter, oder dass er der Eierkönig von Los Angeles ist. Der Eierkönig! Dabei wurde er höchstens mit faulen Eiern beworfen … Ach, Mädels! Ich wollte nicht …«

Ich weiß nicht, wie es Barbara ging, aber ich musste weinen, und Pearl wurde plötzlich klar, dass sie nicht mit gleichaltrigen Freundinnen über gebrochene Versprechen und die Luftschlösser gewisser Männer sprach.

»Wenn Männer wie der Zeyde nach Amerika kommen, versuchen sie alles Mögliche. Sie haben es nicht leicht. Egal, was sie im alten Europa über dieses Land gehört haben … Ihr braucht bloß aus dem Fenster zu schauen. Seht ihr irgendwo Straßen, die mit Gold gepflastert sind?«

»Papa hat uns die Hühnerfarm gezeigt«, sagte Barbara trotzig. Mit der Unerschütterlichkeit einer Achtjährigen ignorierte sie die Träume der Einwanderer und konzentrierte sich auf harte Fakten und die Frage, ob man uns angelogen hatte. »Onkel Leo ist mit uns ins San Fernando Valley gefahren, und Papa hat uns gezeigt, wo die Hühnerfarm war.«

»Aber ja, Süße, wir hatten eine Hühnerfarm. Ich sag ja nicht, dass euer Zeyde …«

»Warum haben wir die nicht mehr?«, fragte ich. Plötzlich wurden mir die Ungereimtheiten in den Erzählungen unseres Zeyde bewusst. Wenn seine Geschäfte so erfolgreich waren, wie er immer behauptete, warum hatte er sie dann aufgegeben – eins nach dem anderen? Und wenn man immer und überall Geld verdienen konnte, warum waren wir dann nicht reich? Warum mussten wir, wenn wir ein Auto brauchten, immer Onkel Leo bitten, den Buchhändler, der Papas andere Schwester, Sonya, geheiratet hatte? Warum schimpfte Mama andauernd darüber, dass sich Papa für Mr. Fine von Fine & Sohn – Gediegenes Schuhwerk kaputtschuftete, statt ein eigenes Geschäft zu eröffnen, so wie Onkel Leo?

»Eine Farm mit Dutzenden von Hühnern ist etwas anderes als ein Hühnerstall hinterm Haus«, sagte Pearl. »Uns fehlte das nötige Wissen, oder vielleicht hatten wir einfach nur Pech. Jedenfalls wurden unsere Hühner krank und starben.«

»Und die Buchhandlung?«, fragte Barbara.

»Welche Buchhandlung?«

»Wo unser Zeyde heute arbeitet.«

»Gewolt! Was haben sie euch bloß für Unsinn erzählt!«

Pearl versuchte uns die Wahrheit schonend beizubringen, aber sie überschätzte unsere Reife und unsere Fähigkeit, den verletzten Stolz zu erfassen, der hinter den Lügenmärchen steckte. Vor allem Barbara fühlte sich verraten und verkauft, als sie hörte, wie unser Zeyde wirklich seinen Lebensunterhalt verdiente.

»Ich gehe da jetzt hin«, sagte sie, als wir Pearl verlassen hatten.

»Das geht nicht«, protestierte ich. »Das dürfen wir nicht.« Trotzdem folgte ich ihr zur Brooklyn Avenue.

Sie rannte beinahe. Die Straße war voll von Frauen mit Einkaufstüten und Zeitungsjungen, die die neuesten Schlagzeilen herausschrien – irgendwelche Probleme an der Börse.

»Wollen wir uns nicht Buttermilch kaufen?« Ich griff nach Barbaras Hand. Pearl hatte uns ein paar Pennys gegeben, und wir konnten uns im Milchladen einen dieser Pappbecher voll köstlicher Buttermilch leisten.

Barbara blieb kurz stehen und sah mich grimmig an. »Ich gehe da jetzt hin. Was du machst, ist mir egal.«

Vielleicht klingt es jetzt so, als wollte ich meinen Anteil der Schuld herunterspielen. Tatsächlich bestand meine Schuld darin, dass ich ein schüchternes, fast ängstliches Kind war. Die Leute mögen beherzte Kinder, die sich in Abenteuer stürzen und freche Antworten geben. Aber was ist mit dem Mädchen, das dasitzt und zuschaut, wie die anderen die Rutsche hinabsausen, und schon bei der Vorstellung, da oben zu stehen und sich ins Ungewisse zu stürzen, weiche Knie bekommt? Im Laufe der Zeit habe ich mein Manko wettgemacht und Mut bewiesen, aber damals war ich der Schatten meiner draufgängerischen Schwester.

Barbara stieß eine unscheinbare Tür neben einem Bekleidungsgeschäft auf. Wir Kinder wussten ganz genau, wohin die Erwachsenen gingen, wenn sie Verbotenes taten. Wir wussten auch, wo es den illegalen Schnaps zu kaufen gab, den Mr. Zakarin in der Badewanne braute. Wir rannten eine enge dunkle Treppe hinauf. Vor einer offenen Tür blieb Barbara stehen. Da ich hinter ihr stand, konnte ich nicht in das Zimmer hineinsehen, aber ich roch die billige Zigarre und hörte eine Stimme, die aus dem Radio zu kommen schien.

»Kann ich dir helfen, Schätzchen?« Der Mann, der das fragte, kam näher. Trotz seiner freundlichen Worte trat Barbara einen Schritt zurück, als er seinen dicken, breiten Körper in den Türrahmen schob.

»Ist Dov Greenstein da?«, fragte sie.

Der Mann schien erleichtert zu sein. »Ach, ihr sucht Dov? Dann seid ihr hier falsch. Aber ich kann ihm Bescheid geben, dass ihr ihn braucht, okay? Jetzt geht wieder nach Haus!«

»Aber wo ist er denn?«, fragte Barbara.

»Ich sagte, dass ihr nach Haus gehen sollt.«

Der Mann schien folgsamere Kinder als Barbara gewohnt zu sein. Sie sagte, wir würden alle anderen Adressen wie diese in der Brooklyn Avenue abklappern, also könne er uns ruhig gleich sagen, wo unser Zeyde sei. Ich flüchtete mich ins Radiohören. Die Baritonstimme aus dem Lautsprecher sagte: »Im Fünften siegt Excelsior mit sechs zu eins. Ein Sechs-zu-eins-Sieg für Excelsior. Der Favorit, Patrician, ist Zweiter, und Irish Eyes, der vielgepriesene Irish Eyes, Dritter.«

Tatsächlich brachte Barbara den Mann dazu, uns zu verraten, wo unser Zeyde arbeitete, und wir rannten los, die Straße hinunter und wieder eine enge steile Treppe hinauf, derselben Radiostimme entgegen. Dieses Mal blieben wir nicht im Treppenhaus stehen, sondern stürmten in das niedrige Zimmer, das nach einer Mischung aus Zigarrenrauch und Klassenzimmer roch. Letzteres lag an einer großen Wandtafel, an der ein bärtiger Mann mit Kreide so sauber und leserlich schrieb, dass meine Lehrerin ihm eine Eins gegeben hätte. Excelsior, las ich, und Irish Eyes. Es war, als sähe ich plötzlich alles in Zeitlupe und überdeutlich: das Radio auf dem Aktenschrank, den Garderobenständer mit Hüten und Mänteln, den Mann mit schweren Lidern an dem mit Zetteln übersäten Schreibtisch. Ich wusste, dass es sich bei den Zetteln um die Wettscheine handelte, die von dem Zeitungsjungen vorm Eisladen verkauft wurden. Schräg zu dem übervollen Schreibtisch stand ein zweiter. Es sah aus, als hätte jemand ihn gerade hereingebracht und noch nicht an die richtige Stelle geschoben.

Ein dritter Schreibtisch stand in exakt rechtem Winkel zur Wand, und die Papiere darauf waren so ordentlich gestapelt wie zu Hause bei unserem Zeyde.

Er bemerkte uns nicht. Bleistiftkauend blickte er genauso konzentriert auf ein Blatt Papier, wie er sonst mit uns Gin Rommé spielte. Ich dachte, Barbara würde etwas sagen, aber sie schien ihr Pulver verschossen zu haben.

Ich war es, die das Schweigen brach. »Zeyde!«

Er sprang so erschrocken auf, dass sein Stuhl umfiel. »Mädels! Zu Hause alles in Ordnung? Ist jemand krank?«

Nun fand auch Barbara ihre Stimme wieder. »Warum hast du gesagt, du arbeitest in einer Buchhandlung?«

»Ist jemand krank?«, wiederholte er, obwohl ihm längst klar war, dass wir nicht wegen eines familiären Notfalls hergekommen waren, sondern das hier der Notfall war. »Wer hat euch geschickt? Das hier ist kein Ort für Kinder.«

»Du hast gesagt, du arbeitest in einer Buchhandlung, aber das hier ist ein Buchmacherbüro!«, sagte Barbara empört.

»Oy, ihr dachtet …« Er lachte. Jeder Einwanderer, der überleben will, lernt sich schnell anzupassen und – falls nötig – die Strategie zu ändern. Das tat unser Zeyde, als er um den Schreibtisch herum auf uns zukam. »Ihr denkt doch nicht etwa, dass ich hier arbeite? Das wäre ja noch schöner, nicht wahr, Mr. Melansky?«

»Selten so gelacht«, sagte der Mann mit den schweren Lidern und lachte gekünstelt auf. »Ein guter Witz!«

»Ich schaue gelegentlich vorbei, wenn ich nicht viel zu tun habe, und gehe meinem Freund, Mr. Melansky, zur Hand.«

»So ist es«, bestätigte Mr. Melansky.

»Aber …« Barbara kam ins Stocken. Obwohl sie nicht auf das Manöver unseres Zeyde hereinfiel, reagierte sie so wie immer, wenn man uns bei etwas Verbotenem ertappt hatte. Er ließ ihr mit seiner Geschichte ja kaum eine Wahl.

»Barbara, Elaine, sagt Guten Tag zu Mr. Melansky!«, sagte er. »Und Mr. Freitag«, fügte er hinzu und machte eine Kopfbewegung in Richtung des Mannes, der unermüdlich an der Tafel schrieb. Er konnte nicht aufhören, weil er die Rennergebnisse notierte, die im Radio durchgegeben wurden.

»Guten Tag«, sagten wir. Man hatte uns eingebleut: Seid immer höflich zu Erwachsenen. Macht bloß kein Theater!

»Geht und kauft euch ein paar Süßigkeiten.« Unser Zeyde griff in die Jackentasche und holte einen Packen zusammengerollter Geldscheine heraus, von denen er uns einen hinhielt. Es waren Ein-Dollar-Scheine. Ich hatte oft gesehen, wie er am Küchentisch solche Geldbündel zusammenrollte, nach dem Frühstück, wenn er sich aufmachte, den amerikanischen Westen aufzubauen. Trotzdem war eine Dollarnote für uns ein Vermögen.

Ich schaute auf seinen ordentlichen Schreibtisch. Die kleine Schreibtischlampe kannte ich aus unserem Wohnzimmer, und meine Knie wurden so weich wie damals, als ich die letzten Stufen der Rutsche erklommen hatte und auf die in der Sonne glitzernde Bahn hinabschaute, steil und tief wie die Niagarafälle, sodass mir ganz schwindelig wurde. Andererseits empfand ich so etwas wie Genugtuung über die Eindeutigkeit der physischen Beweise, die sein Dementi widerlegten. Wenn ich später an diesen Moment zurückdachte, kam es mir vor, als hätte ich in diesem Moment zum ersten Mal wie eine Anwältin gedacht.

»Das stimmt doch alles nicht, Zeyde«, murmelte ich eher traurig als verärgert.

»Was denn?« Er beugte sich vor und stützte die Hände auf die Schenkel, um mir in die Augen sehen zu können (er war damals zweiundsechzig, aber agil und erstaunlich gelenkig). Sein Blick war schwer zu deuten. War es eine Warnung? Flehte er mich an aufzuhören? Oder wollte er vielleicht sogar, dass ich sein doppeltes Spiel beendete?

Was immer sein Anliegen war – ich konnte nicht zurück. Ich stand auf der obersten Stufe der Rutsche, und das Kind hinter mir drückte schon gegen meine Waden. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich auf die Kante zu setzen und loszulassen.

»Du arbeitest nicht in einer Buchhandlung«, sagte ich. »Du arbeitest hier.«

»Meinst du nicht, dass dein Zeyde etwas mehr Respekt verdient?«, polterte Mr. Melansky, aber unser Zeyde hob die Hand.

»Ich bringe euch jetzt nach Hause«, sagte er. Ohne ein Wort zu den anderen Männern setzte er seinen grauen Homburg auf und führte uns zur Tür. Seine Hand auf meiner Schulter zitterte, aber als wir unten auf der Straße waren, klang er fast amüsiert, als er fragte: »Seit wann wissen denn schon achtjährige Mädels, was für ein Geschäft ein Mr. Melansky betreibt?«

»Das weiß doch jedes Kind«, sagte ich. »Stimmt’s, Barbara?« Meine Schwester war merkwürdig still.

»Clevere kleine Biester. Eure Mama, euer Papa und ich, wir dachten … Buchmacher und Buchhändler … das klingt doch ähnlich, oder? Wir wollten euch den Unterschied erst erklären, wenn ihr älter seid. Aber ihr seid ja so clever! Wollt ihr ein Eis von Currie’s?«

»Ja, bitte.« Ich nahm das Friedensangebot an. Eis war noch besser als Buttermilch.

»Trotzdem hättet ihr nicht herkommen sollen«, sagte er. »Am besten sagt ihr eurer Mama und eurem Papa nichts davon.«

»Und die Hühnerfarm?«, fragte Barbara.

»Unten im Tal?«, sagte er ausweichend.

»Ich nehme Schokolade«, sagte ich und zupfte an seinem Ärmel. »Barbara mag am liebsten Erdbeere.«

Im selben Moment sagte sie: »Du hast doch immer gesagt, du hättest halb Los Angeles mit Eiern versorgt, oder?«

»Mit wem habt ihr gesprochen? Mit einer eurer Tanten?«

»Die Hühner sind gestorben!«, stieß Barbara empört hervor.

»Nun schrei doch nicht so, meine Süße!« Verstohlen sah unser Zeyde zu den Frauen hinüber, die vor Rosen’s bei den Fischfässern standen.

»Und die Zigarrenfabrik?«, hakte Barbara nach.

Der Zeyde zog uns in die Toreinfahrt zwischen Rosen’s und dem nächsten Laden. »Barbara, was habe ich gesagt?«

»Alles Lügen!«, sagte sie wütend. »Du hast uns Lügen erzählt.«

Auf seiner Stirn stand der Schweiß, und er lehnte sich an die Hauswand.

»Hör auf, Barbara!«, bat ich.

»Nein, ist schon gut.« Er seufzte und wischte sich mit dem Taschentuch übers Gesicht. »Wir sind in Amerika. Hier kann jeder sagen, was er will. Und wer angeklagt wird, hat das Recht, sich zu verteidigen. Soll ich euch zeigen, wo die Hühnerfarm lag? Soll ich euren Onkel bitten, uns hinzufahren?«

»Aber es stimmt nicht, dass du halb Los Angeles mit Eiern versorgt hast«, insistierte Barbara.

»Als Harry noch lebte, lief das Geschäft gut.«

Immer wenn Harry erwähnt wurde, der älteste Sohn unseres Zeyde, der im Großen Krieg gestorben war, legte sich ein Schatten über uns. Aber dieses Mal war es anders.

»Agnetas Locke«, sagte Barbara. »Wo ist sie?«

»Was?«

»Die Locke, die sie dir gegeben hat. Ich will sie sehen.«

»Meinst du, ich hätte ein paar Haare aufbewahrt, die mir jemand gegeben hat, als ich siebzehn war?«

»Wie soll ich dann wissen, ob überhaupt irgendetwas wahr ist?«

»Du schimpfst deinen Zeyde einen Lügner?«

Das hätte selbst Barbara nicht gewagt; sie hatte nur gesagt, dass er Lügen erzählte. Für uns war das ein großer Unterschied. Das Wort »Lügner« war so monströs, dass es Barbara den Wind aus den Segeln nahm. Jedenfalls für einen Moment.

»Was für Blechtiere hast du für sie gemacht?«, fragte sie dann.

»Weißt du das denn nicht mehr?« Wieder wischte sich unser Zeyde mit dem Taschentuch übers Gesicht.

Hahn, Lamm, Pferd, Löwe. Habe ich es gesagt oder nur gedacht?

»Mach uns auch welche!«, sagte Barbara.

»Ich habe euch doch gesagt, dass ich gleich, als ich amerikanischen Boden betrat, geschworen habe, nie wieder mit Blech zu arbeiten.«

»Aber Dosen mit Gemüse und Suppe aufmachen … das kannst du!«

Unser Zeyde wurde ganz blass und sagte: »Geht heim!«

Einen Moment lang stand Barbara so fassungslos da wie unser Zeyde, dann drehte sie sich um und rannte los.

»Zeyde!«, schrie ich.

»Geh nach Haus!«

Ich tat so, als gehorchte ich, versteckte mich aber zwischen den Fisch- und Gurkenfässern vor Rosen’s. Als der Zeyde mit großen, schnellen Schritten die Straße hinunterging, folgte ich ihm. Ich dachte, ich müsste wiedergutmachen, was Barbara angerichtet hatte, oder dürfte mich wenigstens nicht feige aus dem Staub machen, wenn ich schon nicht wusste, wie ich das Ganze ungeschehen machen sollte. Er ging in Elster’s Eisenwarenladen, und ich drückte mich ein paar Häuser weiter in einen Eingang. Zehn Minuten darauf kam er mit einer braunen Papiertüte heraus und ging direkt nach Haus.

Ich wartete ein wenig, bevor ich ihm folgte. Zuhause hörte ich ihn dann in der Küche mit Mama sprechen, leider zu leise, um etwas zu verstehen. Dann wurde es still. Kurz danach lugte ich in die Küche. Mama fragte, wie es in der Schule war. Der Zeyde war verschwunden, wahrscheinlich in sein Zimmer, das an die Küche grenzte. Ich setzte mich an den Tisch und las in dem Buch, das ich mir zuletzt aus der Bücherei geholt hatte, Die Schatzinsel. Ich wollte Wache halten. Aber seine Tür blieb zu.

Auch zum Abendessen kam er nicht aus seinem Zimmer. Auf dem Heimweg habe er sich bei Canter’s ein Corned Beef-Sandwich gekauft, hatte er zu Mama gesagt. Statt Barbara und mich zurechtzuweisen, weil wir auf unseren Tellern herumstocherten, sprachen Mama und Papa über die Börse. Auch sie hatten fast ihre gesamten Ersparnisse dort angelegt, so gering diese auch waren.

Als Barbara und ich schlafen gingen, sprachen wir kaum miteinander. Ich weiß nicht, wie es ihr ging, aber mir saß immer noch der Schreck in den Gliedern, und mir war ganz elend zumute, weil wir den einzigen Menschen gekränkt hatten, der mich bedingungslos liebte. Auf eine Liebkosung von Mama konnte schon im nächsten Moment eine Ohrfeige folgen, und Papa war sehr streng. Aber mein Zeyde freute sich über alles, was ich tat und sagte.

Mitten in der Nacht wachte ich auf und hatte Angst. In der Dunkelheit schlich ich in den Flur und tastete mich an der Wand entlang durchs Wohnzimmer in die Küche. Unter der Tür unseres Zeyde war ein Lichtstreifen zu sehen, und ich hörte ihn in seinem Zimmer hantieren. Ein paar Minuten lang drückte ich mich vor seiner Tür herum, scheute mich aber, ihn zu stören.

Am Morgen fand Papa ihn schlafend auf seinem Stuhl, den Kopf auf seinen kleinen Tisch gelegt. Auf dem Tisch lagen Werkzeug, Lötzinn, zerschnittene Blechdosen und drei nicht besonders kunstvolle, aber erkennbare Blechtiere: ein Hahn, ein Lamm und ein Pferd.

Der Zeyde wachte auf, als Papa ins Zimmer kam, stand auf und begann, seine Sachen in einen Kartoffelsack zu packen. Er zöge jetzt zu Tante Sonya und Onkel Leo, verkündete er. Sonya lag ihm ständig in den Ohren, er solle doch zu ihnen ziehen, weil ihr Haus viel schöner sei und er mehr Platz hätte, aber unser Zeyde meinte, Sonya nörgle so viel herum, dass ihm eines Tages die Ohren abfallen würden. Papa fragte immer wieder, was ihm bei uns denn nicht passte, aber er antwortete nur: »Ein Mann verdient Respekt.«

Als Barbara und ich in die Küche kamen, um zu frühstücken, war er schon weg. Papa zeigte uns die Blechmenagerie und fragte, was los sei. »Nichts«, sagten wir beide wie aus einem Mund.

Barbara wartete ab, bis Papa die Küche verlassen hatte. Dann fragte sie Mama: »Kann ich das Pferd haben?«

Mama sah sie skeptisch an, sagte dann aber: »Na gut. Und welches möchtest du haben, Elaine?«

»Den Hahn.« Lieber hätte ich den Löwen gehabt, aber ausgerechnet den hatte unser Zeyde nicht gemacht. Vielleicht ist er eingeschlafen, bevor er dazu kam, aber ich vermute, dass der Löwe für Agneta reserviert war.

Vor lauter Angst, alles könnte herauskommen, wartete ich auf dem Schulweg bis zur ersten Straßenecke, bevor ich auf Barbara losging.

»Jetzt siehst du, was du angerichtet hast!« Ich war über das Ganze so entsetzt, dass ich ihr die Schuld zuschieben wollte.

Sie warf den Kopf in den Nacken. »Was ich angerichtet habe?«

»Du hast behauptet, das mit Agneta sei alles gelogen.«

»Und du hast nicht gesagt, dass du ihm glaubst. Überhaupt hast du kaum was gesagt.«

Solche feinen Unterschiede spielten für meinen Vater keine Rolle, nachdem Pearl ihm alles erzählt hatte. Es kam höchst selten vor, dass er uns schlug, aber an dem Abend verpasste er Barbara und mir eine gehörige Tracht Prügel, und wir weinten. Danach blieb er so lange hinter uns stehen, bis wir unserem Zeyde Entschuldigungsbriefe geschrieben hatten. In meinem kam jedes Wort aus tiefstem Herzen. Obwohl ich wegen unserer Untat und den Prügeln unglücklich war, empfand ich es als ungeheuer erleichternd, dass wenigstens die Sache mit Agneta stimmte. Ich glaube, Barbara ging es genauso, denn das Blechpferdchen bedeutete ihr sehr viel. Sie stellte es auf ihre Seite unserer gemeinsamen Kommode und wurde fuchsteufelswild, wenn sie das Gefühl hatte, jemand hätte es auch nur um einen Millimeter verrückt.

Unsere Briefe, Tante Sonyas Nörgelei und ihre dürftigen Kochkünste bewogen den Zeyde, zwei Wochen später zu uns zurückzukommen. Aber da war bereits alles anders geworden.

Am Tag nachdem Barbara ihn gezwungen hatte, seinen Schwur bezüglich der Blechschmiederei zu brechen, stürzte praktisch die ganze Welt ein. Es war der Schwarze Dienstag, an dem die Börse crashte. Wall Street-Banker sprangen aus dem Fenster, und im ganzen Land verloren die Menschen ihre Ersparnisse, auch wir. Aus meiner kindlichen Perspektive war es meine Schwester, die dieses Desaster heraufbeschworen hatte. Mich erschreckte nicht nur, was geschehen war, sondern auch, dass Barbara über Kräfte verfügte, die etwas so Furchtbares bewirken konnten.

3. KAPITEL


BOYLE HEIGHTS

BOYLE HEIGHTS LIEGT AM OSTUFER DES LOS ANGELES River, aber das bedeutet nichts mehr, seit das Flussbett von einem Ingenieurskorps der Armee begradigt und betoniert wurde – ein Projekt, das während meiner Highschoolzeit begonnen und um 1960 beendet wurde. Meine Enkelin hat einmal nach Sinn und Zweck des Betongrabens gefragt, als wir ihn auf einer Brücke überquerten, und ihr älterer Bruder antwortete: »Da werden Verfolgungsjagden gefilmt.«

Früher war der Fluss sehr wichtig. Papa sagte sogar, dass er Los Angeles beherrscht hat.

»Wo wohnt ihr, Mädels? Wie heißt eure Stadt?«, begann er oft unsere Geschichtsstunden.

»El Pueblo de la Reina de los Angeles«, lernten wir zu antworten.

»Welche Sprache ist das, und was bedeutet es?«

»Es ist Spanisch und bedeutet ›Das Dorf der Engelskönigin‹.«

»Und warum liegt das Stadtzentrum über dreißig Kilometer von der Küste entfernt?«

»Wegen des Flusses?«

»Genau.«

Papas Unterweisungen fanden nur unregelmäßig statt. Meist war Fine & Sohn – Gediegenes Schuhwerk bis neun Uhr abends geöffnet, und Papa musste bis zum Schluss dableiben. »Mr. Julius Fine isst abends immer mit seiner Familie«, schimpfte Mama, wenn sie unsere Teller um sechs auf den Tisch stellte und Papas in den Ofen schob. (Der Sohn im Firmennamen arbeitete noch gar nicht mit. Er war kaum älter als Barbara und ich.) Aber wenn Papa abends nicht arbeiten musste, erteilte er uns nach dem Essen eine halbe Stunde Lektionen in Geschichte, Gedichtaufsagen oder Mathematik – je nachdem, wozu er gerade Lust hatte.

Unser Zeyde erzählte seine Geschichten, um nicht zu vergessen, wer er war und woher er kam. Papa dagegen lehrte uns, amerikanische Mädels zu werden. Aber auch in seinem Unterricht blitzte ab und an sein jüngeres Selbst auf – das des besten Rhetorikschülers der zehnten Klasse, seines letzten Schuljahres. Kurz darauf zog sein älterer Bruder Harry in den Krieg, und Papa musste seinen Platz auf der Hühnerfarm einnehmen. Wenn Papa vom Fluss erzählte, klang es fast wie Gesang. Es handelte sich nämlich um die Rede, die er damals im Rhetorikwettbewerb gehalten hatte. Obwohl sie viele Worte enthielt, die ich nicht kannte, wagte ich nicht, ihn zu unterbrechen.

»Der Fluss war eine wahre reina, die Königin von El Pueblo de la Reina de los Angeles«, sagte Papa. »Sie nährte die Weinberge und Obstplantagen der Siedler durch Bewässerungsgräben, die sogenannten zanjas, die der Zanja Madre, dem ›Muttergraben‹, entsprangen. Der Fluss schuf Wälder aus Ahornbäumen, Eichen und Pappeln und ließ wilde Rosen blühen. Er nährte Turteltauben und Wachteln. Könnt ihr euch das vorstellen, Mädels? Genau hier, in Boyle Heights. Aber der Fluss ist auch eine launische Königin. In der Trockenzeit ist er kaum ein Rinnsal, aber in der Regenzeit überflutete er ganze Landstriche. Auch heute noch. Wenn es geregnet hat, dürft ihr nicht an den Fluss gehen, selbst wenn es hier an dem Tag nicht mehr regnet. Ihr wisst ja, was Micky Altschul passiert ist!«

Wir waren noch Babys, als es passierte, aber jedes Kind in Boyle Heights kannte die Geschichte von Micky Altschul, der am Tag nach einem Sturm ein Papierschiffchen auf dem Fluss schwimmen lassen wollte. Über der Stadt war der Himmel blau, aber in den Bergen, wo der Fluss entspringt, regnete es noch heftig. Die Wassermassen wälzten sich flussabwärts und rissen Micky mit. Seine Leiche wurde später auf halbem Weg nach San Pedro an Land gespült.

Früher, sagte Papa, teilte der Fluss Los Angeles in zwei ganz unterschiedliche Städte. Am Westufer prosperierte eine weiße Stadt, während im Osten die Armen lebten, Mexikaner und Indianer. Die Teilung kannte keine Ausnahme; bis in die 1850er Jahre wohnte kein einziger Weißer östlich des Flusses. Erst danach kaufte ein irischer Einwanderer einen Weinberg und das angrenzende Hügelland auf der Ostseite, baute sich ein Haus und lebte fortan unter all den Mexikanern und Indianern.

»Wie hieß dieser Ire?«, fragte Papa uns ab.

»Andrew Boyle.«

Wir erfuhren, dass Andrew Boyle erst vierzehn war, als er 1832 mit seinen sieben Brüdern und Schwestern nach Amerika segelte. Die mutterlosen Kinder waren auf der Suche nach ihrem Vater, der Irland nach dem Tod seiner Frau verlassen hatte, um in die Neue Welt zu ziehen. Seither galt er als verschollen.

»Aber wie konnte er verschwinden?«, fragte ich. »Ist ihm etwas Schlimmes passiert?«

»Das tut nichts zur Sache. Der Punkt ist, dass Andrew Boyle nach Amerika kam. Er und seine Familie …«

»Warum hat der Vater keine Briefe geschrieben?«

»Vielleicht war er in der Wildnis, in Alaska oder so, wo es noch keine Poststationen gab.« Papa zog die Stirn kraus, und ich wusste, ich sollte keine weiteren Fragen stellen, aber die Vorstellung, dass ein Vater verschwinden konnte, weckte in mir die Angst, selbst verlassen zu werden. Oder war es eine Vorahnung?

»Ist er von Indianern getötet worden?«, fragte ich. »Oder von einem Bären gefressen?«

»Es reicht, Elaine! Und Barbara, hör bitte zu!«

Zwei Jahre lang suchten die Boyle-Kinder die Ostküste nach ihrem Vater ab, dann zogen sie nach Texas, sagte Papa. (Ich musste mir auf die Lippen beißen, um nicht zu fragen, ob sie etwas hinterlassen hatten, damit ihr Vater sie finden konnte, und dachte dabei an eine Spur aus Brotkrumen wie in Hänsel und Gretel.) Andrew ging zur Armee und kämpfte im texanischen Unabhängigkeitskrieg, was ihn beinahe das Leben kostete. Seine Kompanie stand auf verlorenem Posten und musste sich ergeben, aber der Befehlshaber der Mexikaner versprach, die Männer am Leben zu lassen. Das war jedoch gelogen. Als die Amerikaner die Waffen streckten, ließ der General alle erschießen. Alle außer einen – Andrew Boyle. Der General hatte nämlich einmal in derselben Stadt gelebt wie die Boyles und war dort gut behandelt worden. Damals hatte er den Boyles versprochen, Andrew zu helfen, falls er dazu je Gelegenheit haben sollte; dieses Versprechen hielt er nun ein und ließ Andrew laufen.

»Versteht ihr, Mädels?«, sagte Papa. »Andrew Boyle hat überlebt, weil seine Familie die Mexikaner anständig behandelt hat. Später hat er dann selbst unter Mexikanern und Indianern gelebt. Erinnert ihr euch an sein Haus in der Boyle Avenue, das ich euch gezeigt habe? Deshalb wohnen heute so viele Menschen unterschiedlicher Herkunft in Boyle Heights, die gut miteinander auskommen.«

Die wahre Geschichte erfuhr ich erst, als ich älter wurde. Sie war nicht annähernd so schön wie Papas. Andrew mag ja ein leuchtendes Beispiel für Toleranz und Völkerverständigung gewesen sein, aber nach seinem Tod verschenkte sein Schwiegersohn Grundstücke aus Familienbesitz an »erwünschte« Personen. Zuerst lief alles nach Plan, und die Freunde des Schwiegersohns erbauten die prachtvollen Villen am Hollenbeck Park (benannt nach einem dieser Freunde). Aber immer noch lag Boyle Heights auf der falschen Seite des Flusses. Nach und nach zogen lauter »Unerwünschte« her und bauten sich kleine Häuser aus Holz und Kalkgips – genau wie wir und all die Mexikaner, Japaner, Russen, Armenier und Schwarzen. Aber eine so ambivalente Geschichte hätte Papa uns niemals erzählt. Und ob es nun an Andrew Boyles Menschenfreundlichkeit lag oder einfach nur ein glücklicher Zufall war – Tatsache ist, dass das planlos zusammengewürfelte Völkergemisch von Boyle Heights zu einer überraschend harmonischen Gemeinschaft wurde. In meiner Jugend waren hier an die fünfzig ethnische Gruppen zu Hause, ohne in diesem Schmelztiegel zu einer homogenen Masse zu werden. Vielmehr lebten die größeren Bevölkerungsgruppen – Mexikaner, Japaner und vor allem die Juden, die über die Hälfte der Einwohner ausmachten – in eigenen Gemeinden.

Das Judenviertel entstand im Umkreis der Kreuzung Brooklyn Avenue/Soto Street. Die Brooklyn Avenue heißt Cesar Chavez Avenue, seit Boyle Heights von Südamerikanern dominiert wird, aber in den 1920er und 30er Jahren konnte man von der Kreuzung Brooklyn/Soto in jede beliebige Richtung spazieren, ohne etwas anderes als koschere Bäckereien und Delikatessenläden zu sehen und den würzigen Duft aus Gurken- und Heringsfässern zu riechen, die vor den Läden jüdischer Händler standen. Bei Canter’s kehrten die Müllmänner morgens um sechs zu Frühstück und einem Schluck Whisky ein, und am Vorabend des Passahfests hatte dort der Weinende Mann seinen Stammplatz; er saß vor Canter’s auf dem Bordstein und rieb Meerrettich, bis ihm die Augen tränten. Und dann war da der berühmt-berüchtigte Geflügelladen, wo Juden aus ganz Los Angeles donnerstags die koscheren Hühner für das Essen am Freitag kauften. Man zeigte auf ein lebendes, gackerndes Huhn, das dann ins Hinterzimmer gebracht, an den Füßen aufgehängt und von einem koscheren Schlachter geschächtet wurde, der ihm den Hals aufschlitzte. Früher oder später bekamen alle Kinder mit, was in diesem Hinterzimmer vor sich ging, worauf sie sich dann wochenlang weigerten, Hühnchen zu essen; manche blieben jahrelang Vegetarier.

Die Ladenschilder waren auf Englisch und Jiddisch beschriftet, es gab jiddische Arbeitervereine und Gemeindezentren, und vor dem vegetarischen Café hielten die Sozialisten ihre flammenden Reden auf Jiddisch. Es gab viele Synagogen in Boyle Heights; wir wohnten in der Breed Street, ganz in der Nähe der majestätischen Breed Street Shul, in die wir an hohen Feiertagen gingen. Sonst gingen wir nicht in die Synagoge, und einige unserer Nachbarn taten es nicht einmal dann. Wir waren moderne Amerikaner, was wollten wir mit den abergläubischen Ritualen der Alten Welt? Wir mussten Gott nicht mehr um Erlösung von einem elenden Leben anflehen. Welches Elend hätte das sein sollen? In Amerika durften Juden ja sogar Land besitzen und sich Häuser bauen, so wie Tante Sonya und Onkel Leo in der Wabash Avenue.

Als die Straße 1926 gebaut wurde, gehörten sie zu den Ersten, die dort einzogen. Die Rohbauten rochen wunderbar nach frischem Holz, überall wurde gehämmert und gesägt, und die Bauarbeiter – Zimmermänner, Klempner, Stuckateure – brüllten einander Befehle zu. Die hellen Fassaden waren eine Augenweide. So modern, so stolz.

Sonya und Leo zogen im März ein, kurz bevor Barbara und ich fünf wurden. In diesem Frühjahr besuchten wir sie fast jeden Tag mit Mama, die mit unserem neuen Geschwisterchen schwanger war. Manchmal lud Sonya Mama ein, um ihr etwas Neues vorzuführen. Meist zog es Mama aber aus freien Stücken in das neue Haus, das sechs Blocks von unserem entfernt lag (das weder neu noch unser Eigentum war, sondern gemietet und reparaturbedürftig), als triebe sie der Neid auf ihre so viel wohlhabendere Schwägerin an.

»Ich möchte spazieren gehen, Mädels! Beeilung!«, rief sie, und dann zogen wir schnell unsere Pullover über. Manchmal konnten wir sie überreden, mit uns in den Hollenbeck Park zu gehen, wo wir stundenlang bis in den Himmel schaukelten. Manchmal gingen wir auch zu Tante Pearl, die gern mit uns spielte. Mit Pearl konnte Mama lachen, während Sonya ihr gehörig auf die Nerven ging.

Meist führten unsere Spaziergänge allerdings zu Sonya. Sie war damals vierundzwanzig, aber kein Mensch hätte gedacht, dass sie nur ein Jahr älter war als Pearl. Sie erstickte in Konventionen und bildete sich viel ein auf ihr neues Haus, ihren zweijährigen Sohn Stan und ihren Mann Leo. Leo war ein rundlicher, grauhaariger Mann, der ständig über Verdauungsprobleme klagte. Eigentlich war Sonya die hübschere von Papas Schwestern, eine gutaussehende Frau, die das braune Haar elegant hochsteckte, wegen ihrer plumpen Figur aber schon mit Anfang zwanzig wie eine Matrone wirkte. (Später war sie folgerichtig die Vorsitzende etlicher Damenzirkel.) Pearl dagegen sah immer aus, als sei sie gerade aus einer überhitzten Küche gekommen, das Haar zerzaust, die Haut glänzend.

Wenn wir das neue Haus betraten, sagte Sonya statt einer Begrüßung zu Barbara und mir, wir sollten ja nichts schmutzig machen. Dann erst wandte sie sich Mama zu.

»Siehst du den Kronleuchter, Charlotte? Er ist gestern geliefert worden«, sagte sie ganz aufgekratzt. »Natürlich siehst du ihn. Er ist ja nicht zu übersehen. Zweiunddreißig Anhänger aus tschechischem Kristall! Zwei Männer mussten mit anfassen, als er hereingebracht und aufgehängt wurde!«

»Sehr schön. Und so elegant«, sagte Mama zu allen Neuanschaffungen und konnte es sich nicht verkneifen, nach dem Preis zu fragen.

»Wir haben einen Rabatt bekommen, weil Leo jemanden kennt, der dort arbeitet«, sagte Sonya dann immer, bevor sie den Preis nannte. Außer mit ihren Neuerwerbungen prahlte sie mit dem Zimmer, das sie für den Zeyde einrichtete, weil er natürlich viel lieber in einem geräumigen Haus wohnen würde als in dem kleinen Zimmer neben unserer Küche.

Mama wurde Charlotte genannt, obwohl sie eigentlich Zipporah hieß, was Hebräisch ist und »Vogel« bedeutet. Tatsächlich schimpfte sie auf dem Heimweg von Tante Sonya immer wie ein Rohrspatz vor sich hin. »Alles Schund«, murmelte sie. »So viel Geld und kein Geschmack! Und wenn sie glaubt, euer Zeyde würde meine Kochkünste gegen ihre eintauschen …«

Mama hatte sich angewöhnt, Selbstgespräche zu führen. Es muss um die Zeit gewesen sein, als Papa verkündete: »Im Bauch eurer Mama wächst jetzt ein Brüderchen oder Schwesterchen.«

Normalerweise war Papa stets ruhig und gelassen. In diesem Winter und Frühjahr jedoch ging er, statt uns nach dem Essen zu unterrichten, oft mit uns spazieren, damit »eure Mama ein bisschen Ruhe hat«. Aber ich hatte das Gefühl, dass er mit uns rausging, weil er vor Aufregung kaum noch stillsitzen konnte. Wenn wir im Dunkeln loszogen, pfiff er fröhlich vor sich hin, mitten auf der Straße! Und wenn er jemanden sah, den er kannte, rief er laut: »Hallo!« Dann stellte er uns vor. »Meine Töchter«, sagte er stolz und fügte gleich hinzu: »Und das nächste Kind ist schon unterwegs.« Samstagnachmittags verschaffte er Mama ein bisschen Ruhe, indem er mit uns ins Kino ging, ins Joy oder National Theater. Barbara mochte das Joy, weil dort Western gezeigt wurden. Mir war das National lieber, denn bevor wir hineingingen, kaufte Papa uns im Laden nebenan eine Tüte Sonnenblumenkerne. Ich aß sie, während der Film lief, biss die Schalen auf und spuckte sie auf den Fußboden; das kam mir schrecklich unerzogen vor, aber niemand schimpfte. Im National machten es nämlich alle so, und am Ende der Vorführung war der Boden mit Schalen übersät – weshalb das Kino im Volksmund »der Mülleimer« hieß.

Im Frühling legten Papa und unser Zeyde (der über Mamas Schwangerschaft so glücklich war, dass er immer nur lächelte und Papa anerkennend auf die Schulter klopfte) im Hinterhof neben dem Feigenbaum ein Gemüsebeet an. Wir halfen ihnen, die jungen Pflanzen zu wässern und Unkraut zu jäten. Ich hatte gar nicht gewusst, dass Papa zeichnen konnte, aber jetzt saß er manchmal am Küchentisch und schien Schönschrift zu üben. Dann stellte sich heraus, dass er ein wunderschönes Alphabet für Barbara und mich entwarf. Er schrieb unsere Namen mit Buchstaben voller Schnörkel und Blumen. Einmal sah ich ihn ein Schaufenster mit diesen verschnörkelten Buchstaben zeichnen, auf der Scheibe stand: Greenstein & Sohn. Damals konnte ich zwar noch nicht lesen, aber ich erkannte unseren Namen, und das & Sohn kannte ich von Fine & Sohn – Gediegenes Schuhwerk.

War ich eifersüchtig, als mir klar wurde, dass Papa sich einen Sohn wünschte? Erwachte bereits die Frauenrechtlerin in mir? Ich weiß nur, dass auch ich mir einen Bruder wünschte. Eine Schwester hatte ich ja schon. Und da ich noch nichts über die menschliche Fortpflanzung wusste, nahm ich an, dass in Mamas Bauch das Kind heranwuchs, das wir uns alle wünschten – ein Junge.

Während Papa immer fröhlicher und geselliger wurde, zog Mama sich immer mehr zurück. Sie ließ das Essen anbrennen, knöpfte unsere Blusen falsch oder vergaß unser Mittagessen. Schlimmer als von ihr übersehen zu werden war aber, von ihr bemerkt zu werden. Sie war schon immer reizbar gewesen, aber wenn wir jetzt im Bad herumtrödelten oder zu laut sprachen, knuffte oder schlug sie uns.

Ich sage »wir« und »uns«, wie Barbara und ich es damals taten, aber natürlich waren wir nicht ein und dieselbe Person. Auch Mama behandelte uns nicht gleich. Wenn sie schlechte Laune hatte und ihr Blick zufällig auf mich fiel, bestrafte sie mich aus reiner Willkür. Als ich in diesem Frühjahr einmal in der Küche an ihr vorbeiging, packte sie mich plötzlich an der Schulter und schüttelte mich, als wollte sie gar nicht wieder aufhören. Als sich der Sturm legte, der sie erfasst zu haben schien, strich sie mir sanft über das entsetzte Gesicht und sagte: »Du hast ausgesehen, als müsstest du mal ordentlich durchgeschüttelt werden.«

Verstimmungen zwischen Mama und Barbara hingegen führten immer gleich zum Krieg. Zum Beispiel an dem Tag, als Sonya uns ihr neues Telefon vorführte, das erste, das ich jemals in einer Privatwohnung gesehen hatte.

»Hier, Lotte, ruf irgendjemanden an!« Sonya hob den Hörer vom Apparat an der Wand.

»Nein, danke«, sagte Mama, aber Sonya drückte ihr den Hörer in die Hand.

»Du musst ihn dir ans Ohr halten«, sagte Sonya.

»Ich weiß, wie man telefoniert! Aber wen soll ich denn anrufen? Den Bürgermeister? Oder den …« Der Gedanke, ein Telefonat zu führen, war so absurd, dass Mama niemand einfiel, den sie anrufen könnte.

»Ruf doch bei Canter’s an. Ich kann dir die Nummer geben, hier. Du kannst ein Pfund Corned Beef ordern, dann schicken sie den Laufburschen, und der bringt es dir ins Haus. Das macht einem das Leben doch gleich viel leichter, wenn man sich, wie ich, den lieben langen Tag um Stan kümmern muss.«

»Du würdest ein Pfund Corned Beef kaufen, ohne denen auf die Finger zu schauen, ob sie auch frisches nehmen und erst den Fettrand abschneiden?« Mit erhobenem Kinn gab Mama den Hörer zurück.

»Du glaubst doch nicht im Ernst, dass sie es wagen würden, einem Telefonkunden nicht das beste Fleisch zu liefern! Da wir schon davon reden, bestelle ich gleich mal welches.« Sonya machte eine große Show aus dem Anruf und instruierte den Verkäufer von Canter’s, nur das zarteste und magerste Fleisch zu nehmen.

Auf dem Heimweg schimpfte Mama noch wütender vor sich hin als sonst. »Was die sich einbildet! Als wäre sie die Königin von Saba! Dabei ist Leo schon zweiundvierzig und platzt aus allen Nähten. Ganz zu schweigen von seinen Puddingfingern und seiner ordinären Lache … wie ein heiserer Esel! Na, wenigstens versteht er was vom Geschäft. Und ich dummes Ding hielt mich für zu schade für Slotkin!«

Barbara und ich hatten gelernt, so zu tun, als hörten wir sie nicht. Wir redeten miteinander oder jagten die Ziegen, die in der Nähe von Sonyas neuem Haus auf der ungeteerten Straße grasten. Oder wir wuselten um Mama herum und drehten uns im Kreis, bis uns schwindelig wurde. Aber wenn sie so etwas sagte wie »Neun Kinder, wie meine Mutter, und ich bringe mich um!«, sahen Barbara und ich uns erschrocken an.

Wir wussten, dass wir uns nichts anmerken lassen durften, wenn Mama Selbstgespräche führte, und hielten uns daran. Deswegen war ich vollkommen schockiert, als Barbara jetzt fragte: »Wer ist Slotkin?«

Mama schien einen Moment zu brauchen, um aus ihrer eigenen Welt aufzutauchen. Dann musterte sie Barbara mit einem mörderischen Blick. »Wer spricht denn mit dir

Noch war es nicht zu spät, noch hätte Barbara klein beigeben können. Stattdessen wiederholte sie: »Wer ist Slotkin?«

»Kind, wovon redest du eigentlich?«

»Du hast es gesagt: Slotkin. Und dass Onkel Leo wie ein Esel lacht. Iiih-aaah, iiih-aaah!« Barbara hüpfte ein paar Schritte voraus.

Mama, im siebten Monat schwanger und angeblich kaum noch in der Lage, sich zu bewegen, schnellte vor und packte Barbara am Ellenbogen. Ohne den Griff zu lockern, zerrte sie sie die restlichen zwei Blocks nach Hause, und Barbara brüllte die ganze Zeit: »Iiih-aaah, iiih-aaah!«

Ich trottete hinterher und versuchte, Barbara telepathisch zum Nachgeben zu zwingen. Noch nie hatte ich sie so störrisch erlebt – und Mama noch nie so wütend.

Mama schob Barbara ins Haus.

»Iiih-aaah!«

Mama gab ihr eine Ohrfeige. Dann riss sie die Tür des Wandschranks auf und stieß Barbara hinein. Er war voller Mäntel und Jacken, und einen Moment lang sah es so aus, als sei darin gar kein Platz für Barbara. Aber Mama schlug die Tür zu, griff nach dem Schlüssel, der neben dem Schrank an einem Nagel hing, und schloss sie ein.

»Nein!« Barbara hämmerte mit den Fäusten an die Tür.

»Ich will dich nicht mehr sehen!«, schrie Mama.

»Lass mich raus!«

»Elaine!«, schrie Mama, und ich erschrak. Ich hatte nichts getan, aber das würde mir nichts nützen, wenn sie ihren Zorn auf mich richtete. Sie sagte jedoch nur: »Wir gehen.«

Es war so anstrengend, nicht zu weinen, dass ich zitterte. Ich folgte Mama in die Küche. Sie schenkte uns beiden ein Glas Wasser ein, dann ging sie in den Hinterhof und ließ sich umständlich auf einen der abgenutzten Holzstühle sinken, die Papa auf der Straße gefunden und unter den Feigenbaum gestellt hatte.

Obstbäume – Feigen, Aprikosen, Pfirsiche, Mispeln und Granatäpfel – wuchsen in vielen Gärten von Boyle Heights. Unsere Feige trug große, süße Früchte mit einer dunkellila Schale. Für mich war es Zeydes Baum, denn er sagte immer, wegen des Baums habe er sich für dieses Haus ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Spuren, die bleiben" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen