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Sprung ins Leben

Über den Autor

Julian Jacobi wurde 1988 in Solingen geboren. Mit fünf kam er das erste Mal mit Kampfsport in Berührung, mit acht begann er Kung-Fu zu erlernen. 2006 trat er als vollwertiger Novize in den Shaolin-Orden in Kaiserslautern ein und erhielt ein Jahr später, bei seiner offiziellen Novizenordination, den buddhistischen Shaolin-Namen Shi Xiao Feng.

Julian Jacobi

mit Sylvia Gredig

Sprung ins Leben

Mein langer Weg nach Shaolin

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BASTEI ENTERTAINMENT

Vorwort

Es war einmal ein alter Mönch, der sich vor gut 1500 Jahren von Indien auf den Weg nach China machte, wo er im buddhistischen Kloster der Shaolin im Songshan-Gebirge in der Provinz Henan eine neue Heimat finden sollte. Gleich nach seiner Ankunft dort zog es den alten Mann jedoch hinauf auf einen nahegelegenen Berg, wo er vom fallenden Monsunregen durchnässt in einer Höhle Schutz suchte. Müde vom beschwerlichen Aufstieg ließ er sich mit dem Gesicht zur Wand im Inneren der Höhle nieder. Versunken, aber nicht schlafend, saß er im Lotossitz da und stand nur auf, um die schmerzenden Gliedmaßen kunstvoll zu schütteln, bis wieder Leben in sie kam. Dann kehrte er in seine Sitzposition zurück. Auf diese Art und Weise verbrachte der Mönch der Sage nach neun Jahre lang in der Damo-Höhle. Bodhidharma, so der Name des buddhistischen Mönchs, hatte in hohem Alter noch einen erstaunlich weiten Weg zurückgelegt, nicht nur an Kilometern und in damals noch mühsamer Art der Fortbewegung, mit dem Schiff und zu Fuß, sondern auch in seinem Geiste. Denn die Ankunft im Shaolin-Kloster war nur mehr der Ausgangspunkt für seine innere neunjährige Reise – eine wahrlich lange »Meditation«.

Es war einmal ein Teenager, der sich vor wenigen Jahren von Deutschland auf den weiten Weg nach China machte, wo er im Kloster der Shaolin, das für seine Kampfkunst »Kung-Fu« bekannt ist, eine neue Heimat suchte. So könnte auch meine Geschichte beginnen. Doch was ich zu erzählen habe, ist kein modernes Märchen, wenngleich sich mein Alltag in den letzten Jahren enorm verwandelt hat. Dabei hatte ich schon als Fünfjähriger nichts lieber als Kampfsport gemacht, mit acht Jahren wollte ich ein Meister im Kung-Fu werden und mit 17 dann, na klar, Shaolin-Mönch. Meine Suche nach Buddha wurde aber keine Reise der spirituellen Wunder, sondern ein harter und herausfordernder Weg, der mir viel, viel abverlangte.

Okay, ich konnte bequem nach China fliegen und wurde von einem Fahrer abgeholt und nach Dengfeng gefahren. Trotzdem ist die Suche nach Buddha heute nicht weniger mühselig als früher – wenngleich die Übungen zum Beruhigen und Sammeln des Geistes längst erfunden sind und man dafür nicht in eine kalte Höhle ziehen muss und es außerdem unübertreffliche Kung-Fu-Meister gibt, die ihr Wissen und Können an die nächste Generation weiterreichen: Jeder Shaolin-Schüler muss ganz von vorne anfangen – eine sehr gute körperliche Verfassung und ein unerschütterlicher Wille sind dabei Grundvoraussetzungen, um das harte Training durch- und das Ziel im Blick halten zu können.

Damals die begonnene Ausbildung als Graveur abgebrochen, die Freunde und die Familie zurückgelassen, um auf einem anderen Kontinent Shaolin-Mönch zu werden. Wie krass ist das denn?, hatten sich die Freunde gefragt. Bekannte meiner Eltern hielten diese für verantwortungslos, weil sie meine »exotischen« Pläne unterstützten. Für lebensfremd und ein bisschen verrückt hielten mich wohl die meisten. Und dann staunten selbst die ewigen Kritiker, als ich der »deutsche Shaolin« genannt wurde. Immer wieder werde ich gefragt, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass ich mit gerade mal 21 Jahren allein nach Asien aufbrach, ohne besondere Kenntnisse der chinesischen Sprache und der chinesischen Kultur – und vor allem ohne Rückflugticket.

Was hat mir die Zeit dort gegeben? Warum hielt ich so lange durch, obwohl mein Körper deutliche Signale gab, dass er bald streiken würde. Und am Ende kam ich nicht mal als Mönch zurück … Warum gab ich meinen Lebenstraum, Shaolin-Mönch zu werden, auf?

»Und was macht der Julian jetzt?«, fragen Bekannte und Freunde der Familie immer noch überrascht.

Na, ich mache immer noch Kung-Fu und suche Erleuchtung, auf ganz eigenen Pfaden, was sonst!

Nicht nur für diejenigen, denen diese Antwort nicht reicht, habe ich dieses Buch geschrieben. Es soll vor allem denen, die einem inneren Herzenswunsch folgen möchten, aber nicht den Mut finden, vielleicht auch ungewöhnliche Wege einzuschlagen, zeigen, dass man seinen Weg gehen muss, ungeachtet aller Unkenrufe, trotz aller Zweifel, einfach nur gehen – denn jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt.

I. So fand ich zu den Shaolin

Vignette

Der Junge braucht Bewegung!

»He, du Zwerg, weg da! Das ist unsere Schaukel!«

Aus dem Augenwinkel sah ich drei Jungen, ein bis zwei Köpfe größer, alle kräftiger als ich, alle mit einem Blick, der Angst machte. Der mir, einem Vierjährigen, Angst machte.

»He, runter da. Kapiert?«

Und Boff, landete ich auch schon im Sand.

Schmal, blond und im wahrsten Sinne des Wortes blauäugig wie ich war, wurde ich bald und für lange Zeit bevorzugtes Opfer der »Rustikalen«, wie meine Eltern und ich diese Jungen nannten, eben weil sie immer sehr rustikal auftraten. Schubsen, Hauen, Treten, das war ihr Metier, meins das Einstecken und das Weglaufen. Zum Glück war ich schnell und wendig.

Noch vor Beendigung des dritten Lebensjahres hatten die Eltern bei mir bereits eine große Begeisterung dafür feststellen können, auf den eigenen kurzen Beinen große Strecken zurücklegen zu wollen. Üblicherweise fanden an den Wochenenden deshalb ausgedehnte Spaziergänge statt – und zwar trotz aller Erfahrungen, die Mama und meine zehn Jahre ältere Schwester Nadine in den vorangegangenen Jahren bereits mit Papa und seiner Abenteuerlust gesammelt hatten.

Die ersten Kilometer des Ausflugs wurden meist gemütlich im Auto zurückgelegt, danach folgten zum Warmlaufen bequeme Schritte auf ausgetretenen Spazierwegen. Doch dann, ein Zurück würde keinen Sinn mehr machen, wandelte Papa den sonntäglichen Spaziergang in einen Querfeldeinlauf um. Hier den Berg rauf, dort einen Berg runter, so ging es über Wiesen, Schlammpfade und alles, was ein wahres Trapperherz glücklich macht. Die Abkürzung, die angeblich noch folgen sollte, die gab es nur, um die langsam ärgerlich werdende Mama wieder ruhigzustellen. Immerhin steuerten wir nach gut vier Stunden »Waldlauf« dann schließlich ein Lokal an, das Wunschziel der beiden nicht so bewegungsfreudigen Familienmitglieder. Aber so einfach ließ sich meine Mutter nicht beschwichtigen. So manches Paar ihrer Schuhe hatte bei diesen Ausflügen deutlich an Wert verloren.

Nadine und mir machten diese Familienausflüge der besonderen Art immer viel Spaß. Gerade auch, weil Papa von Mama ordentlich was zu hören bekam, das fanden wir Kinder lustig. »Der Junge braucht Bewegung, Esther«, versuchte Papa dann weiter zu beschwichtigen. Und tatsächlich, mir war ein großer Bewegungsdrang anscheinend in die Wiege gelegt.

Ich war schon zu beneiden, denn mit Mama, Papa und Nadine verfügte ich über ein hoch motiviertes und gut geschultes Animationsteam, was mir selbstverständlich nicht nur an den Wochenenden zur Verfügung stand. Nach dem Kindergarten ging es gleich weiter, auf den Bolzplatz zum Fußballspielen oder zum Radfahren. Überaus störend wirkte bei der ganzen Angelegenheit nur, dass die hauseigenen Animateure nebenher noch arbeiten mussten bzw. Nadine die Schule besuchte und für den Nachmittag Hausaufgaben aufbekam. In solchen Fällen hieß es für mich raus und mit anderen Kindern spielen. Und das gefiel mir bald sogar besser als die Unternehmungen mit den Großen, denn nur die Gleichaltrigen hatten das Spielen so richtig gut drauf wie ich selbst. Vor allem Tim, der Nachbarsjunge, der mein Freund wurde.

Es kamen aber eben auch bald »die Rustikalen« dazu. Spaß machte mir das Spielen draußen nun nicht mehr. Ich war eben kein Kämpfertyp!

Ich erzählte zu Hause jedes Mal von den Gemeinheiten, die sich diese Jungen wieder hatten einfallen lassen. Meinen Eltern wurde es zu bunt, und sie schlugen vor, dass ich meine Freude an der Bewegung besser in einem Sportverein ausleben könne. Aber in welchem? Spaß hatte ich an allem, was mich ins Schwitzen brachte. Fußball schied aus, weil Mama meinte, so toll wäre das nicht, bei Wind und Wetter auf einem Platz zu stehen, die ständige Fahrerei zu anderen Spielorten und so was.

Das Experiment der Freizeitgestaltung brachte mich kurz vor meinem fünften Geburtstag in eine Tanzschule, wo ein Rock-’n’-Roll-Kursus auf mich wartete. Schlecht war’s nicht, schon allein wegen der vielen hübschen Mädchen, die dort rumliefen, aber so richtig wurde es nicht mein Ding. Die Überlegungen gingen erneut hin und her, und dabei stellte sich heraus, dass Papa als Kind in einem Judoverein trainiert hatte, Mama ebenfalls und natürlich auch meine Schwester. Die Tradition meiner Familie fortsetzend wurde ich Mitglied in einem Judoverein.

Das war etwas ganz Neues für mich, und es gefiel mir sofort. In meinem Judoanzug stapfte ich zum Training in die Halle und verbeugte mich als Erstes, so hatten es die anderen vorgemacht. Im Judo ist der respektvolle Umgang miteinander Pflicht. Ich lernte nun das richtige Fallen, das Werfen und, was soll ich sagen, ich lernte sogar das Kämpfen. Zweimal in der Woche gehörte Judo mit Liegestützen als Aufwärmübung zu meinem festen Programm, und gern zeigte ich den Eltern, wenn sie mich vom Training abholten, was ich in der Stunde alles gelernt hatte. Eine rundum gelungene Sache!

»Mit Judo kann man sich gut verteidigen«, sagten meine Eltern beschwörend, wenn wieder einmal ein Treffen mit Nachbarskindern anstand. Doch sobald die »Rustikalen« auftauchten, war alles dahin.

Ich sah zwar kräftiger aus, aber die »Rustikalen« blieben davon unbeeindruckt, weil ich es einfach nicht schaffte, mich zu wehren. Ich konnte ihnen immer noch nicht Paroli bieten, geschweige denn sie zurücktreten oder ihnen ebenfalls ins Gesicht schlagen. So blieb ich weiterhin ein »Opfer«, wenn auch ein gut trainiertes.

Mit der Einschulung verschlimmerte sich das alles noch, denn die Hoffnung, dort von den »Rustikalen« befreit zu sein, erfüllte sich nicht. Ganz im Gegenteil, auch an der Schule traf ich auf diese Spezies. Also gingen die Gemeinheiten weiter, und schon der Weg zur Schule oder von dort nach Hause war oftmals der reinste Horror. Unglaublich, wie die »Rustikalen« ein Näschen dafür hatten, mögliche Opfer aus der Vielzahl der Kinder herauszufinden. Und Papas weiser Ratschlag »Du bist stark, schlag einmal zurück, dann hast du Ruhe« war sicher gut gemeint, konnte ich aber nicht in die Tat umsetzen. Also spielten die »Rustikalen« weiter mit und überwiegend mit mir. Ich überstand die Zeit erstaunlicherweise ohne größere körperliche Blessuren.

Nach einem Sturz von einem drei Meter hohen Kletterturm in einer Schulpause – nein, nein, da hat mich kein »Rustikaler« geschubst, ein Klassenkamerad hatte mich unachtsam angerempelt, – erklärte der Arzt mir und meinen Eltern, dass es wohl meiner Sportlichkeit zu verdanken sei, dass ich lediglich den Arm gebrochen, aber nichts Schlimmeres hatte. In dieser Hinsicht schützte mich der Sport zumindest.

Mein sehnlicher Wunsch, mich von den Demütigungen der »Rustikalen« für immer zu befreien, hätte jedoch nicht größer sein können.

Die Liebe zum Kampfsport wächst

Kampfsport war eindeutig das Richtige für mich, aber das Judo-Training allein schien mein Selbstbewusstsein nicht zu stärken. Deshalb besuchte Papa mit mir andere Kampfsportschulen. Und wohl wieder aus einer Familientradition heraus waren es überwiegend Karatevereine, die wir besichtigten. Das, was ich dort zu sehen bekam, faszinierte mich vom ersten Augenblick an, und sehr schnell stand mein Entschluss fest, dass ich so etwas gern machen wollte.

Besichtigungstouren sind jedoch das eine, die Anmeldung in einer Kampfsportschule aber ist ein ganz anderes Thema. Nicht nur mein Interesse war ausschlaggebend für die Wahl der neuen Sportstätte, meine Eltern hatten inzwischen einen ganzen Kriterienkatalog zusammengestellt. Zunächst einmal sollten dort keine »Rustikalen« zu finden sein – wie auch immer man das herausfinden wollte. Außerdem spielten gute Erreichbarkeit und passende Trainingszeiten eine große Rolle; nicht zu vergessen die Berücksichtigung der schulischen Belange, die keinesfalls zu kurz kommen sollten. So begann schließlich eine aufwendige Suche nach der optimalen Kampfsportschule.

Lag es am vermeintlichen Bruch mit der Familientradition oder doch an der Tatsache, dass die eher unsportliche Mama fündig wurde, jedenfalls schaute Papa zunächst skeptisch, als Mama ihr Objekt vorstellte. Statt eines Karatevereins hatte sie eine Kung-Fu-Schule ausfindig gemacht. Nun, ob Karate oder Kung-Fu, das war für mich zunächst einmal nicht so wichtig, denn noch ähnelten sich diese verschiedenen Kampfkünste für mich sehr.

Und wenn ich im Judoverein bislang zweimal die Woche Abwechslung fand, so bestand nun die Möglichkeit, fünfmal in der Woche am Kung-Fu-Training teilzunehmen, was mich sofort begeisterte. Meine Eltern hatten nichts dagegen – sofern ich dadurch das Lernen nicht vernachlässigte, Hausaufgaben hätten klar Priorität.

Mit acht Jahren betrat ich also zum ersten Mal in meinem Leben eine Kung-Fu-Schule. Und bereits beim Probetraining stellte ich fest, dass dieser Kampfsport von den Bewegungsabläufen her ein himmelweiter Unterschied zu dem war, was ich bislang gelernt hatte. Das Training machte mir noch mehr Spaß als die Judo-Übungen, was wohl an dem Miteinander lag: Eine solche Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft hatte ich noch nicht kennengelernt. Und dabei ging es hier trotz aller Nettigkeit um einiges strenger zu als im Judoverein: wiederholen, wiederholen und immer wieder wiederholen; höher, schneller, noch höher und noch schneller – und dann das Ganze wieder von vorne.

Aber gerade diese Anforderungen waren es, die mich anspornten: Alles geben, bis man am Ende des Trainings völlig geschafft von den Eltern abgeholt wird. Das fühlte sich verdammt gut an!

Mit wachsender Freude an dieser alten Kampfkunst begannen sich im Laufe der Zeit auch meine kindlichen Träume zu verändern. Während andere Jungen im Schlaf wohl als Piraten unterwegs waren oder als Cowboys durchs Land ritten, träumte ich schon bald davon, einmal ein Kung-Fu-Meister zu werden. Anschauliche Vorbilder gab es in asiatischen Kampfkunstfilmen genug, die ich bereits in ersten kleinen Dosen gemeinsam mit meinem Vater schauen durfte. Bruce Lee, wer sonst, wurde der Held meiner Kinder- und Jugendtage.

Schon bald war Kung-Fu die einzige Freizeitbeschäftigung, die mir wirklich Freude bereitete. Darum fiel es mir überhaupt nicht schwer, mich zum alltäglichen Training aufzuraffen. Familiäre Ausflugsprogramme an den Wochenenden gab es zwar weiterhin, doch selbst dann ließ mich das Thema Kung-Fu nicht los, ich konnte unermüdlich darüber reden. Zum Glück war meine Familie nie genervt davon – oder hat es mir netterweise nicht gezeigt.

Entgegen dem ursprünglich von den Eltern aufgestellten Kriterienplan lag die Kung-Fu-Schule doch so weit von unserem Zuhause entfernt, dass ich zum Training gebracht und abgeholt werden musste. Egal, ob Papa, Mama oder Nadine mich begleitete, oftmals blieb demjenigen gar nichts anderes übrig, als zum Zuschauen zu bleiben, und alle drei waren nie böse darüber oder langweilten sich gar dabei. Meine Freude an diesem Sport schien sich mehr und mehr auf sie zu übertragen, sodass sie manchmal zu zweit oder sogar zu dritt mitkamen. Mein Vater, dessen Beine und Arme inzwischen jedes Mal mitzuckten, wenn er mein Training verfolgte, meldete sich bald sogar selbst in einem Kurs an, was den Vorteil hatte, dass er seine gut gemeinten Tipps nun selbst ausprobieren konnte.

Tim, meinen ältesten Freund aus Kindertagen, versuchte ich unermüdlich davon zu überzeugen, dass Kung-Fu das einzig Wahre war. Und dann schaffte ich es endlich: Er wurde ebenfalls Mitglied in der Kung-Fu-Schule, und mit ihm an meiner Seite machte die ganze Sache wirklich nur noch Spaß.

Die Bereitschaft, mich beim Training selbst zu fordern und nicht gleich aufzugeben, wenn mal etwas nicht gelang, sondern immer weiter und weiter zu trainieren, zahlte sich aus: Für einen mittlerweile Zehnjährigen war meine körperliche Verfassung bestens. Die Tatsache allerdings, dass ich ausgerechnet an den Trainingseinheiten zur Kampftechnik überaus großen Gefallen fand, wunderte nicht nur mich. Im Gegensatz zu den Erfahrungen, die ich außerhalb der Trainingshalle gemacht hatte, gefiel es mir nun, mich mit Gleichaltrigen kampfsportlich zu messen, mit Geschick und Schnelligkeit den Angriffen der »Gegner« auszuweichen und sogar selbst gezielte Treffer zu landen. Doch außerhalb der Trainingshalle, wenn ich den »Rustikalen« über den Weg lief, dann konzentrierte ich mich automatisch wieder auf das Fortrennen und vergaß, dass mir das Kämpfen so viel Freude machen konnte. Sich sportlich zu messen oder sich mit anderen zu prügeln, das ist eben ein großer Unterschied.

Wie unglaublich stolz war ich, als der Großmeister der Kung-Fu-Schule nach der ersten Prüfung meinen überdurchschnittlichen Einsatz mit einem Vermerk auf der Urkunde belohnte. »Sehr gute Leistung« las ich mit pochendem Herzen. Und dann durfte ich endlich die »gelbe Schärpe« umlegen. Sie unterschied mich von den Anfängern, die stets nachrückten und wie ich bisher Weiß trugen. Mit dem Tragen der ersten farbigen Schärpe entbrannte mein Ehrgeiz, die folgenden höheren Stufen zu erreichen, deren Schärpen mir noch besser gefielen, sie waren orange, grün, blau … Ich hatte noch einiges zu lernen, und ich wollte unbedingt weiterkommen.

Erfahrungen und erste Erkenntnisse

Bereits vier Jahre lang trainierte ich in der Kung-Fu-Schule und hatte zu jeder weiteren Prüfung stets ein Extralob des Meisters erhalten, was mich immer noch mehr anspornte. Und jeden Trainingstag lernte ich irgendetwas dazu, umso wichtiger waren natürlich die steten Wiederholungen des zuvor Erlernten, um die zahlreichen Bewegungsabläufe nicht zu vergessen und zu optimieren, schneller zu werden, kraftvoller und geübter. Dann, mit zwölf Jahren, durfte ich als einer der Sportler unserer Schule zum ersten Mal an einer Meisterschaft teilnehmen. Im Vorfeld dazu musste ich entscheiden, in welcher der mannigfachen Kung-Fu-Formen ich mich messen wollte – zum Beispiel einer Form im Tiefstand mit gebeugten Knien oder einem Bewegungsablauf, bei dem besonders die Hände eingesetzt werden, oder einer Partnerform oder einer mit einer kurzen oder einer langen Waffe … Die Vielfalt zeichnet Kung-Fu aus und macht es so interessant. Aber in welcher Form würde ich möglichst gut abschneiden können. Ich wählte den Semikontakt-Kampf, bei dem vor allem das Reaktionsvermögen, die Schnelligkeit bei Angriff und Abwehr, trainiert wird. Nachteil hierbei war, dass eine entsprechende Schutzbekleidung getragen werden musste, die ebenso hinderlich wie nützlich sein konnte. Am meisten machte mir jedes Mal der Helm zu schaffen, mit diesem Ding auf dem Kopf fühlte ich mich wie eingesperrt – dem jeweiligen Gegner würde es immerhin nicht anders ergehen.

Aus vielen verschiedenen Städten kamen die Teilnehmer zu der Meisterschaft im Ruhrgebiet angereist. Ich, selbstverständlich in Begleitung der kompletten Familie, war erst spät an der Reihe, aber ich hätte mir um keinen Preis auch nur eine Minute der vielen Darbietungen entgehen lassen. Und ich lernte viele Kampfsportler aus anderen Vereinen kennen – ebenfalls alles sehr freundliche Menschen –, und wir tauschten uns über den jeweiligen Stand unserer Ausbildung und unsere bisherigen Erfahrungen aus. Mit Zuschauen und Gesprächen kam mir das Warten auf meinen Einsatz gar nicht so lange vor.

»Guck mal, der Mattenrichter muss aber Tomaten auf den Augen haben«, witzelte mein Vater einmal neben mir. Dabei hatte er recht, das Urteil des schmalen deutschen Entscheidungsträgers konnte man nicht immer nachvollziehen, aus unserem Blickwinkel hatte sich das Dargebotene oft ganz anders dargestellt. Doch außer uns schien sich niemand zu wundern.

Als ich schließlich aufgerufen wurde, fühlte ich mich gut. Ich hatte mich am Mattenrand ein wenig aufwärmen können, alles stimmte so weit. Doch was dann folgte, bescherte mir die schmerzhafteste Erfahrung, die ich in meinem jungen Leben je machen musste. Ich bezog dermaßen Prügel von meinem Kampfgegner – einer dieser vielen freundlichen Menschen –, wie ich sie selbst von den »Rustikalen« nie abbekommen hatte. Noch mehr als das Einsteckenmüssen von Schlägen ärgerte mich aber, dass ich vor aller Augen und ohne, dass sich jemand beschwerte – meine laut schimpfende Schwester Nadine mal ausgenommen –, ungerecht behandelt wurde. Papa war, wie er mir hinterher sagte, in Schockstarre verfallen, Mama hatte die Halle sogar verlassen, weil sie nicht zusehen konnte.

Trotz der Härte des Gegners hatte ich aus dem ersten Kampf noch als klarer Sieger hervorgehen können. Beim zweiten Kampf traf ich auf einen Schüler des ausrichtenden Vereins. Unentwegt ermahnte mich der Mattenrichter jetzt wegen angeblich zu harter Schläge und Tritte. Dabei schlug mein Gegner nicht weniger heftig zurück, zumal noch auf die Stellen, die laut Regelwerk nicht getroffen werden dürfen. Er wurde jedoch kein einziges Mal zur Ordnung gerufen. Besonders gemein traf mich ein Tritt, nahe des Unterleibs, bei dem mir für einen Moment der Atem wegblieb. Jetzt war es auch meinem Meister zu viel, und er reklamierte die Sache beim Mattenrichter, woraufhin ich eine »neue Chance« erhielt.

Unmittelbar nach dem gerade geführten Kampf durfte ich gegen einen neuen Gegner des ausrichtenden Vereins antreten. Und der war um einiges größer, schwerer und älter als ich, was der Mattenrichter jedoch nicht zu bemerken schien.

Als hätte mein Gegner den Auftrag bekommen, schon wegen des Reklamierens richtig zuzulangen, bezog ich abermals ordentlich Prügel. Keinerlei Ermahnung wegen übertriebener Härte folgte. Auch wenn es Sinn gemacht hätte, ich brach den Kampf nicht vorzeitig ab, sondern gab weiterhin mein Bestes. Aber die Chancen, wenn eine Maus gegen einen Elefanten antritt, stehen einfach schlecht. Somit war bereits zu Kampfbeginn abzusehen, dass ich den Fight klar verlieren würde. Die Tränen, die ich nicht zurückhalten konnte, liefen mir nicht wegen der Schmerzen über das Gesicht, sondern aus Wut über die ungerechte Behandlung.

Bei den noch folgenden Wettkämpfen, die ich als Zuschauer erlebte, sah ich ebenfalls Ungereimtheiten. Als schließlich der Vollkontaktkampf der Erwachsenen anstand, da wurde mir klar, dass nur diese Form des Kampfes einem die Möglichkeit bot, selbst eine klare Entscheidung herbeizuführen, da bei so einem Kampf die Mattenrichter weitaus weniger Einfluss nehmen können. Leider durfte ich beim Vollkontaktkampf noch nicht mitmachen.

Der Kämpfer, der mich so ordentlich verprügelt hatte, trat ein zweites Mal bei den jungen Erwachsenen an, und es stellte sich heraus, dass er fünf oder sechs Jahre älter als ich war.

Mein Vater und ich vermuteten, dass die Pokale für die Preisverleihung am Ende der Veranstaltung sehr wertvoll sein mussten. Der ausrichtende Verein hatte anscheinend ein großes Interesse daran, viele davon in den eigenen Reihen zu halten. Ich fragte mich, wie man sich als Kämpfer über einen manipulierten Sieg überhaupt freuen konnte.

Obwohl meine Eltern annahmen, dass nach dem Erlebten für mich wohl Schluss mit Kung-Fu sein würde, trainierte ich fleißig weiter, und die Erinnerung an die Schmerzen und die Wut verblasste. Bei der Teilnahme an neuen Wettbewerben sammelte ich zum Glück auch neue Erfahrungen und schnitt deutlich besser ab. Dennoch behielt ich mein frühes Urteil im Kopf, dass nur ein Knock-out im Vollkontakt vor zweifelhaften Entscheidungen der Mattenrichter schützt.

In dieser Zeit begann ich freiwillig dickere Bücher zu verschlingen, wenn es denn Bücher über meinen Sport oder Bruce Lee waren. Im Gegensatz zu meiner Schwester war ich vorher nicht als Leseratte aufgefallen, lediglich längere Texte für die Schule las ich gezwungenermaßen. Ich ging inzwischen auf die Realschule, wo ich meist mit Daniel in den Pausen abhing, der kein Bruce-Lee-Fan war, aber sportlich interessiert, immerhin. Ich versuchte es bei Daniel erst gar nicht, ihn zum aktiven Kampfsport zu überreden, inzwischen hatte ich verstanden, dass nicht alle so einen sportlichen Ehrgeiz entwickeln wie ich. Mein Freund Tim, der auf eine andere weiterführende Schule gewechselt hatte, gab das Training in der Kung-Fu-Schule schließlich auf, weshalb wir uns kaum mehr sahen. Denn meine Freizeit verbrachte ich nun mal am liebsten beim Training.

Ein Buch über die Kampfkunst der Shaolin-Mönche mit eindrucksvollem Bildteil zeigte mir auf, was die Männer mittels mentaler Kräfte vollbringen konnten. Das war für mich noch schwer zu verstehen, aber vielleicht faszinierte mich das Ganze gerade deshalb umso mehr.

Fasziniert studierte ich die Beschreibung eines Shaolin-Meisters. Ich hatte in meiner bisherigen Kampfsportlaufbahn schon einige Kung-Fu-Meister erlebt, und es gab große Unterscheide zwischen ihnen. Aber selbst die Besseren reichten nicht an solch einen Shaolin heran. Das mussten die wahren Meister sein, und so einer wollte ich werden.

Im Kung-Fu der Shaolin gab es auch kein Prüfungssystem mit Gürteln, also kein Stufensystem, wie ich es kannte. Man lernte, trainierte, um sich laufend zu verbessern, nicht um eine Schärpe höheren Grades zu erlangen. Bei den Meistern, die ich kannte, war gar nicht auszumachen, wer den Titel für seine außerordentlichen Fähigkeiten und wer ihn ehrenhalber bekommen hatte, deshalb beschloss ich kurzerhand, an keiner Prüfung mehr teilzunehmen und auf weitere farbige Schärpen, extra Lob, womöglich höhere Ränge oder gar Titel zu verzichten. Denn, wie soll mein großes Vorbild Bruce Lee einst so schön gesagt haben: »Gürtel sind dazu da, damit die Hose nicht rutscht.«

Dass ich keine Prüfungen mehr ablegen mochte, bedeutete aber nicht, dass ich mich schonen wollte. Im Gegenteil! Mein selbst erklärtes Ziel: meine Fertigkeiten verbessern. Und das konnte ich nur durch mehr Trainingseinheiten. Und so nutzte ich ab jetzt auch außerhalb der Kung-Fu-Schule jede Möglichkeit, mich sportlich zu fordern. So oft wie möglich joggen, vor der Schule und am Abend Übungen zu Hause, ich legte mir einen anspruchsvollen Plan zurecht, an den ich mich eisern hielt. Doch selbst nach Wochen blieb das Gefühl, auf der Stelle zu treten, erhalten. Wirkliche Fortschritte konnte ich nicht ausmachen. Allein zu trainieren und ohne Lehrer, der einen verbessert, ist schwierig. Ich überlegte mir, dass ich mich neben dem Kung-Fu an meiner Schule noch mit anderen Kampfsportarten befassen konnte, um so eventuelle Lücken schließen zu können.

Gedacht, getan! Neben meinem »normalen« Kung-Fu-Training meldete ich mich noch für Wing-Chung an, trainierte Karate und buchte einen Kurs im Thaiboxen. Und nebenbei schloss ich meine Schulausbildung ab und suchte mir einen Ausbildungsplatz.

Ich wollte gern mit meinen Händen arbeiten. In der achten Klasse hatte ich ein Praktikum bei einem Schreiner gemacht, und die Richtung stimmte, aber ich wünschte mir eher einen Beruf, der etwas künstlerischer war. Durch einen Lehrer erfuhr ich, dass eine Firma die Ausbildung zum Graveur anbot. Ich informierte mich darüber und fand es spannend: Gegenstände aus Metall, Kunststoff oder Glas mit Schrift, Ornamenten oder Bildern zu versehen, das gefiel mir, einer Münze ein Gesicht geben, kunstfertig Glas oder Schmuck zu gravieren … Ich bewarb mich und wurde genommen.

Jeden Tag trainierte ich nach der Arbeit zuerst Kung-Fu und dann noch eine der anderen Kampfsportarten. Trotzdem kam ich an Wochentagen nicht über vier Stunden Training hinaus, nur an den Wochenenden schaffte ich schon mal mehr. Freizeit kannte ich kaum noch, selbst die Familienausflüge fanden nun meist ohne mich statt.

Aber brachten mich dieses Ausprobieren und Üben der verschiedenen Kampfsportarten meinem Ziel, meine Fertigkeiten zu verbessern, näher? Nicht in dem Maße, dass ich zufrieden war. Leider. Ich lernte zwar viel Neues und beschäftigte mich immer häufiger auch mit der Theorie hinter der Praxis, was sehr aufschlussreich war, aber so groß kamen mir die Unterschiede dann doch nicht vor: Mal wurde das Training vom Aufbau her ein wenig anders dargestellt, mal rückten andere Techniken und Bewegungsabläufe in den Vordergrund. Natürlich waren die jeweiligen Lehrer immer überzeugt, dass ihre Kampfsportart die beste und effektivste sei. Ich hörte mir ihre Ausführungen dazu an, aber ich ließ mich davon nicht beeindrucken, ich wollte selbst sehen, was ich von der jeweiligen Kampftechnik umsetzen und für mich verwenden konnte.

Die meisten bekannten Kampfkünste kommen aus Asien und sind stark vom Buddhismus beeinflusst. Aber über den Buddhismus erfuhr ich in den Schulen nichts – lediglich die buddhistischen Gepflogenheiten wie das Aneinanderlegen der Hände vor der Brust und das Verbeugen fanden als feste Bestandteile in den Trainingsabläufen statt. Ich begann immer häufiger Fragen zu stellen, etwa, ob man ohne eine buddhistische Lebensweise im Kung-Fu überhaupt weiterkommen kann. Was macht das buddhistische in der jeweiligen Kampfkunst denn aus? Was muss ich tun, um mentale Stärke zu gewinnen? Die meisten Lehrer begrüßten meine Neugierde, gaben mir aber nur unbefriedigende Antworten. »Du musst an deine inneren Kräfte glauben, Julian«, sagte mir ein älterer Kung-Fu-Lehrer lächelnd, damit war das Thema für ihn erledigt. »Du bist auf gutem Wege, aber du musst noch üben, üben, üben«, sagte ein Karate-Lehrer.

Unsicher überlegte ich, ob ich die Antworten nur nicht richtig verstand oder ob sie wirklich so dürftig waren, wie sie mir vorkamen.

In meinem Buch über die Shaolin las ich immer wieder über den Zusammenhang von buddhistischem Glauben und der Kampfkunst, und ich stellte mir vor, dass ein Training und Gespräche mit solch einem Shaolin-Mönch mir endlich den richtigen Weg zeigen könnten. Aber wie sollte das funktionieren? Ich war mitten in der Berufsausbildung und nicht mal volljährig, sprach kein Wort Chinesisch, und meine ansonsten toleranten Eltern, was meine Leidenschaft für die Kampfkünste anging, würden mich mit Sicherheit nicht alleine nach China reisen lassen. Nicht in absehbarer Zeit. Damit musste ich mich abfinden.

Doch in mir kamen immer mehr Zweifel auf. Durch das gesteigerte und vielfältigere Trainingsprogramm wurde ich zwar körperlich immer fitter, aber einen Zusammenhang von mentaler und körperlicher Stärke verspürte ich nicht wirklich. Das Gefühl, mich selbst nur als durchschnittlich bewerten zu können, machte mich mehr und mehr unzufrieden, und dadurch beurteilte ich andere wohl auch ungerechter. Mit diesem Wissen über mich wuchs mein Ärger, und ich wusste bald nicht mehr, was mit mir los war. Sogar meine Berufsausbildung, die mir zu Beginn so viel Freude gemacht hatte, konnte mir nichts mehr geben. Wie sehr hatte ich mich doch darauf gefreut, mit meinen Händen etwas zu erschaffen, zu zeichnen, Schmuck zu bearbeiten und den Kupferstich zu erlernen.

Wenn ich nun daran dachte, dass ich diesen Beruf bis ins Alter ausüben würde, ausüben musste, dann kam mir mein Leben mit 16 Jahren schon ganz schön verplant vor. Wenn ich mir ausmalte, wie abwechslungsreich ein Leben doch sein könnte, dann wurde nach meiner Meinung beim bisherigen Verlauf für erschreckend wenig Lebensinhalt vergleichsweise viel Lebenszeit gewährt.

Diese Gedanken deprimierten mich, nur wenn ich zum Training ging und mich selbst bis zum Äußersten forderte, fühlte ich mich wieder lebendig und kraftvoll. Sobald aber wieder Ruhe einkehrte, kam die Unzufriedenheit zurück. Ich hatte so viele Fragen in meinem Kopf, doch wo fand ich die Antworten dazu?

Happy Birthday, Julian

Es gab wohl keinen Tag, an dem etwas wichtiger sein konnte als mein Trainingsprogramm. Jedenfalls kam ich auch an diesem Freitag im Dezember nach der Arbeit nicht gleich oder wenigstens früher nach Hause als sonst, obwohl dort sicher fröhliche Leute und ein Kuchen mit Kerzen auf mich warteten. Hey, heute war ich 17 geworden und hätte einen guten Grund, das Training ausfallen zu lassen. Stattdessen eilte ich in Vorfreude zur Kung-Fu-Schule, zum Highlight meines Tages, das dachte ich zumindest. Erst am Abend kam ich nach Hause, wo sich meine Eltern fast schon in alter Tradition ihre Freunde zum Feiern eingeladen hatten. Alles nette Menschen, aber ich fand das zu trubelig. Also schnell mal ins Wohnzimmer, mehrfach Hände schütteln und Glückwünsche entgegennehmen. Meine Eltern strahlten um die Wette, irgendwie kam mir trotzdem noch nichts verdächtig vor. Auch als sie mir einen schlichten Umschlag überreichten und ich schon befürchtete, das breite Grinsen würde ihnen im Gesicht stehen bleiben, blieb ich locker. Was sollte heute schon anders sein als an anderen Geburtstagen, meine Familie feierte, ich würde Geschenke bekommen, später würde ich noch mit ein paar Freunden ausgehen. Ich hielt den Umschlag in meiner Hand hoch und sagte: »Danke. Mach ich später auf.«

Was sollte in dem Kuvert sein, außer einer Karte und etwas Barem vielleicht?

»Magst du deinen Geburtstagskuchen probieren?«, fragte Mama.

»Nee. Lieber gleich von der Pizza.«

»Dann trink wenigstens einen Tee, den hab ich gerade frisch aufgebrüht.«

Auf dem Weg in mein Zimmer nahm ich einen ersten vorsichtigen Schluck, stellte die Teeschale dann auf den niedrigen kleinen Tisch mit den Sitzkissen darum und legte eine CD ein.

Als ich kurz danach den Inhalt des Kuverts in Händen hielt, war ich baff.

Es steckten zwei Gutscheine darin, die mich sprachlos machten. Gut, dass ich jetzt nicht inmitten der feiernden Meute im Wohnzimmer saß. Gutschein Nummer eins würde mir ein zweiwöchiges Full-Time-Training im Shaolin-Tempel Berlin verschaffen. WAHNSINN! Und ich hatte nicht einmal gewusst, dass es in Berlin einen Shaolin-Tempel gab. Shaolin bedeutete für mich China. Punkt. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, Ordenshäuser in Deutschland zu suchen. Aber meine Eltern, die machten so etwas ausfindig. Der zweite Gutschein war für einen zweiwöchigen Hotelaufenthalt in Berlin. Noch mal WAHNSINN! Ich, zwei Wochen allein in Berlin und als Gast im Shaolin-Tempel, um mit den buddhistischen Kung-Fu-Meistern zu trainieren. Damit erfüllten mir meine Eltern meinen absoluten Wunschtraum. Klar hatten sie mir schon häufig etwas geschenkt, das in Bezug zu meinem Sport stand, und auch mein heißgeliebtes Mofa kam pünktlich zum Geburtstag vorgefahren. Aber das hier übertraf wirklich alles!

Als ich die Zimmertür öffnete, um mich bedanken zu gehen, warteten Mama, Papa und natürlich Nadine bereits gespannt in der Nähe. Die drei freuten sich wie immer so sehr mit mir, dass man hätte denken können, sie wollten selbst gern zu den Shaolin-Mönchen reisen.

Meinen Freunden, die ich später noch in einem Lokal zum Anstoßen traf, erzählte ich nichts von den Berlinplänen. Mir schien das alles noch viel zu wenig durchdacht. Und außerdem hatte sich kurz nach der ersten Euphorie noch ein anderes Gefühl eingestellt. Unbehagen. Unbehagen, wenn ich daran dachte, was ich alles über Shaolin-Kung-Fu gelesen hatte, wie hart, ja schon unmenschlich das Training sein sollte: Wollte ich mich wirklich auf so etwas einlassen? Schließlich bestand durchaus die Möglichkeit, dass ich mich bis auf die Knochen blamierte. Absolut sicher, dass ich die Gutscheine auch einlösen würde, war ich mir nicht mehr.

Ballermann-Party oder Klosterzeit?

Ursprünglich hatte ich für die anstehenden Berufsschulferien einen Urlaub mit Freunden am Mittelmeer vorgesehen. Einfach mal Sonne, Strand und Meer genießen, natürlich Party machen. Aber es sind eben die einzigen zwei Wochen am Stück, die ich für den Aufenthalt im Berliner Shaolin-Tempel habe.

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