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Spritzenmäßig

Über die Autorin

Anna Tarneke hat siebzehn Jahre Schichtdienst in der Notaufnahme eines großen deutschen Krankenhauses, ja, man kann sagen, überlebt! Dabei hat sie eine große Liebe gefunden, sie wieder verloren, dreißig Kilo zugenommen und vor allem einen unermesslichen Schatz an Einsichten in das Wesen des Menschlichen gewonnen. Und sie liebt die Menschen. Immer noch.

Anna Tarneke

Spritzenmässig

Kurioses, Krasses und Komisches aus der Notaufnahme

Aufgezeichnet von Christine Meyer

Ich widme dieses Buch meiner Schwester Ute und meiner Mutter Marianne, die immer ein offenes Ohr für mich und meine Vorfälle hatten.

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. »Was macht die Flex in seinem Enddarm?!« – Von Sexunfällen und bemerkenswerten Liebes-spielen

2. »Trink doch ene mit!« – Berauscht in der Notaufnahme

3. Bloß keine Berührungsängste! – Hygiene – die große Unbekannte

4. Der ahnungslose Patient – Undefinierbare Schmerzen und ihre vermeintlichen Ursachen

5. Frohes Neues … – Mit Böllern und Brandwunden ins neue Jahr!

6. Die liebe Familie – Albtraum Angehörige

7. »Es tat ihm mehr weh als mir« – Häusliche Gewalt und ihre Ausreden

8. Karneval, die schlimmste Zeit des Jahres – Hochkonjunktur in der Notaufnahme

9. Tod – Nicht jeder schafft es

Danksagung

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Vorwort

Ich kann mich noch genau an meinen ersten Arbeitstag als Krankenschwester in der Notaufnahme erinnern. Ich war blutjung und fest entschlossen, die Welt ein Stückchen besser zu machen, indem ich ihre Bewohner von Krankheit und Schmerzen befreite – oder die Pein zumindest etwas linderte.

Ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, als ich den ersten Gipsverband meines Lebens anlegen sollte, wie nervös, als ich ihn um das gebrochene Bein wickelte und wie stolz mich schließlich das fertig gegipste Werk machte.

Damals hatte ich noch keine Ahnung, was ich in den nächsten Jahren alles erleben sollte und dass Beinbrüche nur einen winzigen Teil meiner Arbeit ausmachen sollten. Ich hatte keinen blassen Schimmer davon, was der menschliche Körper alles aushalten kann und auf welche Ideen manche Leute kommen, die ihren Körper offensichtlich für unzerstörbar halten. Hätte man mir als junge Schwesternschülerin erzählt, was ich sehen und erleben würde, hätte ich laut losgelacht und nichts davon geglaubt.

Alltag gibt es in meinem Beruf nicht wirklich, bei uns ist jeder Tag anders. Als Krankenschwester in der Notaufnahme eines großen Klinikums arbeiten zu dürfen, ist daher Geschenk und Herausforderung zugleich.

Es ist ein Geschenk, die vielen Facetten des menschlichen Lebens und Leidens kennenzulernen, ohne persönlich davon betroffen zu sein. Und es ist eine Herausforderung, unter größtem Stress dazu beizutragen, Menschenleben zu retten, während sich gleichzeitig jemand mit einer verstopften Nase in der Notaufnahme meldet und theatralisch darüber klagt, nicht vernünftig atmen zu können.

Seit 17 Jahren arbeite ich nun auf dieser Station, und ich kann Ihnen versprechen: Mir ist nichts Menschliches mehr fremd. Wenn ich sage nichts, dann meine ich auch nichts.

Ich habe mit Staunen und Entsetzen erlebt, was sich manche Leute in der Hoffnung auf einen neuen Kick in ihre Körperöffnungen stopfen. Darunter waren Dinge, von denen ich früher nicht mal ansatzweise geglaubt hätte, dass sie dort tatsächlich reinpassen. Geht aber. Mit gewissen Kollateralschäden.

Sexunfälle jeder Art zählen sicherlich zu den skurrilsten Begebenheiten in der Notaufnahme. Besonders selten kommen sie zwar deshalb noch lange nicht vor, aber natürlich machen sie nicht den Schwerpunkt meiner Arbeit aus.

Ich habe verprügelte Frauen erlebt, die felsenfest davon überzeugt waren, dass die Schläge ihren Ehemännern mehr wehtaten als ihnen selbst. Und Ehemänner, die sich gegen ihre prügelnden Weiber nicht wehrten, weil man eine Frau schließlich nicht schlägt.

Zu uns kommen Menschen mit Herzinfarkten und (oral und rektal vorgenommenen) Alkoholvergiftungen, Verstopfungen und Verbrühungen, Unfall- und Gewaltopfer – einfach jeder, der große Angst um seine oder die Gesundheit eines anderen hat.

Mit Emergency Room oder anderen Krankenhausserien hat meine Arbeit wenig zu tun. George Clooney und Professor Brinkmann stehen jedenfalls nie knöcheltief in Blut und Exkrementen.

Und sie werden auch nicht lauthals beschimpft, wenn sie einen zugedröhnten Junkie aus seinem lebensgefährlichen Trip zurück in die Realität holen. Das haben Junkies nämlich nicht so gerne, schließlich mussten sie eine Menge Kohle für ihren Trip berappen. Tja, Pech gehabt. Wer bei uns landet, dem wird beim Überleben geholfen. Ob er will oder nicht.

Eine Notaufnahme ist wie ein kleiner Schmelztiegel. In einer Millionenstadt wie Köln erst recht. Köln ist bekannt für sein besonders buntes Miteinander.

So wird die nette Omi mit dem Oberschenkelhalsbruch nur durch einen Vorhang von dem randalierenden Säufer getrennt, der neben dem schwulen Paar mit der im Rektum versenkten Salatgurke ausnüchtern darf, welches wiederum neben der Nonne mit Kreuzbandriss gesundet.

Sicherlich haben Sie schon mal davon gehört, dass im Krankenhaus nicht unbedingt ein Überangebot an Personal vorhanden ist. Somit gehört es auch zu meinen Aufgaben, die unfreiwillig zusammengewürfelte Patiententruppe zu beaufsichtigen und hin und wieder voneinander fernzuhalten. Ich kann Ihnen sagen: Flöhe hüten ist leichter. Was passiert, wenn zwei rivalisierende Banden nach einer Schießerei ihre verletzten Mitglieder zu uns bringen – das können Sie hier lesen.

Trotz Personalmangels bin ich natürlich nicht die einzige Schwester, die in der Notaufnahme arbeitet, sondern ich bin eingebettet in das beste Team der Welt. Manchmal kommen mir meine Kollegen wie eine Ersatzfamilie vor, und wie in einer richtigen Großfamilie gibt es auch unter ihnen viele, mit denen ich mich fantastisch verstehe und einige, die ich weniger gut leiden kann.

Einige meiner Kollegen werden Sie in diesem Buch häufiger antreffen, dazu gehören unser Urologe Dr. Uwe M., der schon wegen seines trockenen Humors zu meinen Lieblingsärzten zählt, und unser Chirurg Dr. Claas H., der zumindest rein optisch auch Fernseharzt hätte werden können. Ehrlich, der sieht wirklich gut aus. Und Dr. Alma A. darf ich natürlich nicht vergessen, unsere äußerst kompetente, aber auch recht hemdsärmelige Internistin, die wirklich nichts erschüttern kann.

Meine liebe Kollegin Schwester Susi und mein Lieblingsrettungssanitäter Frank werden uns ebenfalls häufiger begegnen.

Diese fünf zählen zu den Kollegen, mit denen ich am meisten zu tun habe – auch wenn es natürlich noch jede Menge andere Schwestern, Pfleger und Ärzte bei uns gibt.

Ich lade Sie ein, einen realistischen und dennoch unglaublich amüsanten Blick in die Welt der Notaufnahme zu werfen. Bei der Lektüre dieses Buches werden Sie den ganz normalen Wahnsinn kennenlernen, der mit der weich gespülten Fernsehwelt der Krankenhausserien kaum etwas gemeinsam hat.

Alle Geschichten sind tatsächlich passiert. Die meisten haben einen ernst zu nehmenden Hintergrund, einige sind echt verrückt, viele sind einfach beides. Denn häufig ist es im Leben einfach so: Zuerst war es Spaß, dann wurde es Ernst, und dann landen sie bei mir.

Alle Personen, Orte und Einsatzabläufe wurden so stark verfremdet, dass sich keiner der betroffenen Patienten wiedererkennen wird. Wenn Sie also denken: Oje, der Typ mit dem Weineinlauf, das bin doch ich – entspannen Sie sich. Sie sind es nicht, und Sie glauben gar nicht, wie viele von solchen Leuten ich jedes Jahr zu Gesicht bekomme.

Aus Gründen des Datenschutzes nenne ich weder den Namen meines Arbeitgebers noch den von Kollegen und Ärzten.

Alle Übereinstimmungen mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig. Ich bin mir sicher, dass sich vergleichbare Geschichten in allen Notaufnahmen unserer Großstädte so oder so ähnlich abspielen.

In den letzten 17 Jahren habe ich vieles erlebt, Dramatisches und Trauriges ebenso wie Irrwitziges und schlichtweg Komisches. Wahre Slapsticks wechselten sich ab mit unfassbaren Abstrusitäten, und ich verspreche Ihnen eins: Langweilig wird es Ihnen, liebe Leser, nie.

Tauchen Sie jetzt also ein in die wunderbare Welt der Notaufnahme. Erfahren Sie mehr über eine Station, auf der Sie hoffentlich niemals landen werden. Und wenn doch, dann denken Sie daran, was andere vor Ihnen schon erlebt haben, vielleicht liegen Sie dann ja mit einem Lächeln im Gesicht auf Ihrer Trage.

Viel Spaß und alles Gute –

Ihre Krankenschwester Anna

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»Was macht die Flex in seinem Enddarm?!« – Von Sexunfällen und bemerkenswerten Liebesspielen

Sexunfälle passieren aus den unterschiedlichsten Gründen. Einige passieren im Eifer des Gefechts und sind schlicht einer übergroßen Leidenschaft geschuldet. Dazu zählt etwa der Klassiker unter den Sexunfällen: das Einreißen der Schwellkörper im Penis, umgangssprachlich Penisbruch genannt. Das kann schneller gehen, als man denkt, und es ist nicht einmal eine exorbitant außergewöhnliche Stellung oder Ähnliches vonnöten. Es kann sozusagen jeden treffen (der einen Penis hat). Ein kurzes Umknicken im erigierten Zustand, schon kann das Genital blau anlaufen – eine überaus schmerzhafte Angelegenheit, wie mir alle meine Patienten versicherten, und sie muss häufig operiert werden.

Selbst unser Urologe Dr. Uwe M. hat immer sehr viel Mitleid mit den Betroffenen. Und das will etwas heißen. Denn Dr. M. ist ein Mann, den so schnell nichts beeindrucken kann. Diese Eigenschaft teilt er mit vielen Urologen, was angesichts ihrer Aufgabengebiete vielleicht nicht weiter verwunderlich ist. Wer ärztlich gesehen erster Ansprechpartner für den Bereich unterhalb der männlichen Gürtellinie ist, erlebt automatisch eine Menge Dinge, die bei einem Laien staunendes Kopfschütteln oder hysterische Lachanfälle auslösen würden.

Hinzu kommen die Hemmungen vieler Patienten, ihre Probleme wahrheitsgemäß zu beschreiben, sodass man als Arzt manchmal eine blühende Fantasie haben muss, um aus den blumigen Umschreibungen die tatsächlichen Beschwerden herausfiltern zu können. Ohne eine gesunde Portion Humor würde man als Urologe ein schwierigeres Dasein führen.

Wobei das eigentlich für alle anderen Ärzte auch gilt. Humor ist ein erprobtes Mittel der Realitätsbewältigung im Krankenhaus, und in jeder Fachrichtung fällt er etwas anders aus. So witzig und ironisch die einen, so taff und handfest sind die anderen. Wie zum Beispiel unser Chirurg Dr. Claas H., dessen Humor eine Spur derber ausfällt, als man bei diesem schönen Mann vielleicht erwarten würde …

Aber zurück zum gesundheitsgefährdenden Sex.

Die mit Abstand meisten Sexunfälle gehen auf ein besonders großes Maß an Experimentierfreudigkeit zurück. Einige Dinge passieren dabei ganz banal aus mangelndem physikalischen Sachverstand (wussten Sie, dass sich eine offene Wasserflasche unter bestimmten Bedingungen festsaugen kann? Stichwort Unterdruck? Wo diese Bedingungen herrschen, können Sie sich vielleicht grob vorstellen).

Andere Dinge passieren, weil sich manche einen Lustgewinn erhoffen, der sich rein praktisch nicht erreichen lässt durch ihr gewagtes Abenteuer. Wunsch und Wirklichkeit passen häufig einfach nicht zusammen. Sie glauben gar nicht, was sich einige Leute so in ihre Körperöffnungen stecken, weil sie denken, dass es Spaß machen könnte. Das Gegenteil ist oft der Fall.

Alle diese Patienten haben aber eines gemein: Sie sind zutiefst beschämt, wenn sie zu uns in die Notaufnahme kommen und kramen die merkwürdigsten Erklärungen hervor (»Ich hab mich aus Versehen auf den Deo-Roller gesetzt …«).

Ich kann Ihnen versichern, dass solche Ausreden überflüssig sind. Falls Sie jemals in die Notaufnahme eines Krankenhauses müssen, weil bei Ihrem Liebesspiel irgendetwas schiefgelaufen ist, dann seien Sie sich über eines im Klaren: Alle Mitarbeiter sämtlicher Notaufnahmen dieser Erde haben schon zig Sexunfälle behandelt – die meisten dürften weitaus schlimmer gewesen sein als Ihrer. So wie der von Boris R. …

Als man Boris R. in die Notaufnahme getragen hatte, war sein Blutverlust bereits beträchtlich. Zwischen seinen Beinen hatte er ein großes geblümtes Badetuch, das von Blut getränkt war und aus dem es immer wieder tropfte.

Eine Hose trug er nicht.

Seine Gesichtsfarbe hatte sich der weißen Trage nahtlos angeglichen. Er presste die Lippen aufeinander und kniff die Augen zusammen, als wollte er einen Schrei unterdrücken. Mehr als ein leises Wimmern war nicht von ihm zu hören.

Und das war erstaunlich.

Denn als ich ihm vorsichtig das Handtuch aus dem Schritt entfernte und die Ursache der schweren Blutung in Augenschein nehmen wollte, hätte ich beinahe selbst laut losgeschrien – wie war es möglich, dass der Patient nicht in hysterische Schreikrämpfe verfiel?

Es war, als hätte man sein Hinterteil mehrfach durch einen Fleischwolf gedreht, und ich muss zugeben, dass ich auf den Anblick einer solchen Schlachtplatte nicht gefasst war.

Für die Behandlung einer derart schweren Verletzung kann es extrem wichtig sein, den Unfallhergang genau in Erfahrung zu bringen. Die Frage »Wie ist das passiert?« zählt daher zu den am häufigsten gestellten Fragen in der Notaufnahme, und in diesem Fall hier war sie mehr als angebracht.

In all den 17 Jahren, die ich auf dieser Station gearbeitet hatte, habe ich mich stets bemüht, so nüchtern und sachlich wie nur möglich zu klingen, egal, wie irrwitzig oder abstoßend die Verletzungen waren, die da vor mir auf dem Tisch lagen. Aber im Fall von Boris R. wollte es mir einfach nicht gelingen, mein Entsetzen zu verbergen:

»Um Gottes willen, wie ist denn das passiert??!«, entfuhr es mir erschrocken.

»Ich bin ausgerutscht und mit dem Hintern auf die Kante des Bürgersteigs gefallen«, stöhnte Boris R. – und natürlich wussten wir beide, dass das so nicht stimmen konnte.

Ich hatte schon viele Notlügen gehört und brachte für einige durchaus Verständnis auf. Jeder Mensch macht schließlich Fehler, aber deshalb muss lange nicht jeder von diesen Fehlern auch erfahren. Besonders nicht von den geheimen Leidenschaften und abseitigen Interessen, die mitunter gar peinliche Auswirkungen haben. Deshalb gab es unter den Rettungssanitätern sogar eine Art Code, der in besonders heiklen Fällen und in Anwesenheit von Angehörigen angewandt wurde. »Herzinfarkt im Lidl Hornstraße« hieß es zum Beispiel, wenn jemand im Pascha, Europas größtem Puff direkt gegenüber besagtem Discounter, einen Herzinfarkt erlitten hatte. Das war allemal besser, als einer alten Dame zu erklären, dass ihr 78-jähriger Göttergatte zwischen den gigantischen Silikonbrüsten einer osteuropäischen 20-Jährigen sein Leben ausgehaucht hatte.

Doch im Fall von Boris R. war jede Notlüge fehl am Platz. Der Mann spielte mit seinem Leben, wenn er uns nicht so schnell wie möglich sagte, was dieses Massaker zwischen seinen Pobacken ausgelöst hatte.

Geschlagene zwanzig Minuten beharrte er auf seiner Version.

»Wir werden Ihnen einen künstlichen Darmausgang legen müssen«, sagte unser Chirurg Dr. Claas H. zu ihm. »Um die Infektionsgefahr so gering wie möglich zu halten, ist es absolut wichtig für uns zu wissen, wie das hier passiert ist!«

»Ich sag doch, ich bin ausgerutscht …«

Dr. H. warf mir einen Blick zu und verdrehte die Augen. Die Zeit drängte, der Mann drohte aufgrund des hohen Blutverlustes zu kollabieren, was ich ihm auch mehrfach deutlich sagte.

»Es ist lebensnotwendig, dass Sie uns sagen, wodurch diese Verletzung entstanden ist«, versuchte ich wieder, so nüchtern wie möglich, von mir zu geben. »Wir müssen wissen, ob der Gegenstand zum Beispiel aus Holz war, sich also eventuell noch Holzsplitter in der Wunde befinden oder ähnliche Fremdstoffe. Wenn wir nicht wissen, wie und womit das passiert ist, können Sie sich eine lebensgefährliche Infektion zuziehen. Wenn Sie überleben wollen, und wenn Sie vor allen Dingen einigermaßen gesund weiterleben wollen, dann müssen Sie mir jetzt die Wahrheit sagen.«

Boris R. zögerte einige endlose Minuten, bis er sich schließlich mit flehender Stimme an mich wandte.

»Meine Frau darf davon nichts erfahren …«

Angesichts seiner gravierenden Verletzungen war ich erstaunt, dass er keine anderen Sorgen hatte.

»Das muss sie auch nicht.«

»Sie hat gesagt, wenn ich so etwas noch mal mache, dann verlässt sie mich …«

Ich fragte mich, wie man eine Sache mit derart blutigem Ausgang mehr als einmal machen und vor allem mehr als einmal überleben konnte. Aber ich nickte nur verständnisvoll:

»Ihre Frau wird es nicht erfahren.«

»Versprochen?«

»Versprochen.«

Ich warf Dr. H. einen auffordernden Blick zu.

»Natürlich! Ärztliche Schweigepflicht! Ich sage niemandem was!«, sagte Dr. H. und fügte noch ein »Versprochen« hinzu.

Und dann kam die Geschichte mit der Flex.

Boris R. war ein passionierter Heimwerker. Seine handwerkliche Begabung war eher durchschnittlich, aber er hatte Spaß an der Arbeit. Und besonders an den Arbeitsgeräten.

Als Nächstes war der Partykeller an der Reihe. Die Decke brauchte eine neue Holzvertäfelung, und natürlich wollte Boris R. alles selbst machen. Auch eine Theke wollte er bauen, mit Metall verkleidet, alles ganz edel und schick, für die zahlreichen Abende, an denen hier Doppelkopf gespielt werden sollte.

Im Baumarkt deckte er sich mit den nötigen Materialien und Werkzeugen ein, beziehungsweise mit den Dingen, von denen er glaubte, dass er sie brauchen würde.

Wozu auch immer.

Eine kleine Flex-Maschine, ein sogenannter Geradschleifer, hatte es ihm besonders angetan. Vielleicht hatte er sich noch im Baumarkt vorgestellt, wie er damit die kleinsten Winkel seiner neu gestalteten Theke bearbeiten würde, vielleicht hatte er aber auch dort bereits daran gedacht, wie es wäre, sich das Teil rektal einzuführen.

»Aber warum???«, war das Einzige, was mir in diesem Moment dazu einfiel, und Boris R. erklärte mir, dass er sich vorgestellt hatte, wie die rotierenden Schleifblätter seinen Anus stimulierten. Er hatte geglaubt, das könne ein schönes Gefühl sein und hatte die Kraft des 420-Watt-Geräts dabei eindeutig unterschätzt. Denn dummerweise drang der Schleifer innerhalb von Sekunden so tief ins Körperinnere, dass er nicht nur den kompletten Schließmuskel zerstörte, sondern auch acht Zentimeter des Enddarms für immer und ewig vernichtete, bevor Boris R. unter Schock den Stecker ziehen konnte.

»Meine Frau darf davon nichts erfahren …«, wiederholte er noch einmal stöhnend, und ich konnte verstehen, warum er das nicht wollte.

Das Leben von Boris R. wurde gerettet. Von nun an würde er mit einem künstlichen Darmausgang durchs Leben gehen müssen.

Ob seine Ehe das ganze Drama überlebt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Bevor Boris R. in den OP geschoben wurde, fragte er mich noch, ob ich die Ausrede mit der Bordsteinkante wenigstens einigermaßen glaubhaft fand, ob seine Frau das wohl so schlucken würde, oder ob er noch ein paar Glasscherben in seine Geschichte einbauen sollte.

Als ich den Kopf schüttelte und ratlos mit den Achseln zuckte, murmelte er noch, seine Frau würde ihm den A*** aufreißen, wenn sie die Wahrheit erfuhr. Dann schlummerte er unter der Narkose weg, und ich dachte nur, dass das ja nicht mehr nötig war.

***

Anders verhielt es sich mit Romina G. Sie war nicht Opfer ihrer Experimentierfreudigkeit, sondern ihrer Lebensumstände geworden. Und obwohl mich die Härte ihres Alltags wirklich berührte, hinterließ mich ihr Pragmatismus etwas fassungslos.

Die achte Etage unseres Krankenhauses stand eine ganze Weile leer. Eigentlich sollte sie renoviert werden, aber wie so häufig fehlte das Geld an allen Ecken und Enden. So zog sich der Umbau endlos in die Länge und störte einige Patienten.

Romina G. zählte nicht dazu.

In einer eisigen Dezembernacht war sie mit dem Bus bis zum Krankenhaus gefahren und stand nun in hautengen, glänzenden Leggings und pinken Stöckelschuhen vor der Notaufnahme. Trotz des schrillen Make-ups konnte ich sehen, dass ihre Lippen vor Kälte blau waren, was angesichts ihrer durchsichtigen Bluse kein Wunder war. Die junge Frau tat mir auf Anhieb leid, ihren Beruf machte sie sicher nicht aus Liebe.

Durch ihre hautengen Leggings konnte man sofort die nässende Wunde sehen, die sich Romina G. in ihrem Metier zugezogen hatte. Eiter und blutiges Wundwasser drangen durch den synthetischen Stoff und ließen auf eine heftige Infektion in der Leistengegend schließen.

»Das wurde immer schlimmer«, erklärte mir Frau G. auf meine Nachfragen. »Irgendein Freier hat mir das angeschleppt. Zuerst war es nur ’n bisschen entzündet, aber mit jedem Kunden hat sich das vergrößert. Heut Nacht hab ich es dann nicht mehr ausgehalten.«

Ich nickte verständnisvoll. Als ich ihr vorsichtig aus ihren Leggings half, war ich bestürzt. Wie konnte sie mit so einer Wunde weiter anschaffen gehen? Unter was für einem Druck musste die arme Frau stehen?

Eine offene, handtellergroße Infektion breitete sich in ihrer unteren Leistengegend aus. Sie war fast komplett mit Eiter bedeckt und musste extrem schmerzhaft sein.

»Wenn du drauf bist, merkste die Schmerzen nicht so«, meinte Romina G. achselzuckend.

Einen echten Junkie kann so eine Infektion wohl nicht aus den Schuhen hauen.

»Ich werde Ihre Wunde jetzt reinigen und desinfizieren. Dann bekommen Sie eine Antibiotika-Infusion und bleiben die Nacht hier.«

»Die ganze Nacht?«, fragte Romina G. entsetzt.

»Und vielleicht noch ein paar Nächte mehr«, gab ich zur Antwort. »Mit solchen Infektionen ist nicht zu spaßen. Bis das Antibiotikum anschlägt, müssen Sie hierbleiben.«

Romina G. maulte ein wenig. Nachdem ich ihre Wunden versorgt hatte, ließ sie sich aber mit einer Antibiotika-Infusion aufs Zimmer bringen.

Fünf Stunden später, es war inzwischen circa vier Uhr morgens, rief mich meine besorgte Kollegin Schwester Susi an. Romina G. war spurlos aus ihrem Zimmer verschwunden, und Susi wollte wissen, ob sie wieder bei mir war.

»Nein«, antwortete ich. »Sie ist hier nicht mehr aufgetaucht. Vielleicht ist sie doch gegangen?«

»Aber ihre Sachen sind noch hier«, sagte Susi. »Und ihre Infusion muss sie eigentlich auch noch tragen, jedenfalls ist die hier nicht zu sehen. Sieht nicht so aus, als hätte sie das Krankenhaus verlassen. Meinst du …?«

»… sie setzt sich gerade irgendwo einen Schuss?«, beendete ich ihren Satz.

Bei drogenabhängigen Patienten bestand grundsätzlich die Gefahr, dass sie Stoff ins Krankenhaus schmuggelten, den sie sich dann auf irgendeiner Besuchertoilette spritzten. Das galt es selbstverständlich zu verhindern. Zum einen musste die Gesundheit des Patienten geschützt werden, zum anderen war es für den Ruf eines Krankenhauses nicht gerade förderlich, wenn Heroinjunkies zugedröhnt unter den Waschbecken lagen.

Auch wenn Romina G. auf mich nicht den Eindruck einer echten Dauerkonsumentin machte, musste diese Möglichkeit ausgeschlossen werden.

Also ließ ich mich unter Seufzern breitschlagen, auf die Suche nach meiner Patientin zu gehen. Unser damaliger Nachtwächter Horst wollte mich unterstützen, allerdings stellte sich schnell heraus, dass er nicht wirklich eine Hilfe war. Im Gegenteil, der Mann schien eindeutig den falschen Beruf gewählt zu haben.

Wir begannen unsere Suche im Treppenhaus, das eine stattliche Größe hatte und viele Winkel, Treppenabsätze und andere gute Verstecke bot. Horst nahm sich die oberen vier Etagen vor, ich die unteren.

Als ich mich bis zur dritten Etage hochgearbeitet hatte, kam mir Horst aufgeregt entgegen.

»Im achten Stock ist etwas!«, flüsterte er nervös.

»Warum flüsterst du so?«, fragte ich mit normaler Stimme.

»Pscht! Da oben ist jemand! Ich hab es genau gehört!«

Ich staunte über die fast ängstliche Aufgeregtheit, die Horst an den Tag legte.

»Na, dann wird das wohl Romina G. sein. Warum hast du sie nicht geholt?«

Horst sah mich an, als hätte ich ihm gerade vorgeschlagen, seine Mutter zu töten.

»Ich?!«, rief er und vergaß zu flüstern.

Ich verdrehte die Augen. »Mein Gott, sie ist eine drogenabhängige Prostituierte und nicht der verdammte Charles Manson. Sie ist harmlos, glaub mir.«

Aber Horst schüttelte energisch den Kopf.

»Nee, nee, DIE ist nicht harmlos, garantiert nicht. Ich weiß nicht, was die da oben macht, aber es hört sich so an, als würde die ’ne Teufelsaustreibung durchführen oder so. Normal ist das jedenfalls nicht, so viel ist sicher!«

Natürlich nicht, dachte ich verständnislos. Was war schon normal daran, sich im Krankenhaus Drogen zu spritzen.

Ich konnte ja nicht ahnen, was sich wirklich im achten Stock abspielte, und so ging ich energisch an Horst vorbei und beschloss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Im Abstand von zwei Metern folgte mir der Nachwächter, ganz alleine wollte er mich dann doch nicht lassen.

Ich muss zugeben, die Atmosphäre in der leer stehenden Etage war wirklich etwas unheimlich. Die Lichter funktionierten nicht, es war stockdunkel dort oben. Nur der Mond brachte ein bisschen Helligkeit in den Flur, aber wie man sich denken kann, wurde die Stimmung dadurch nicht unbedingt weniger gruselig. Es hätte mich nicht einmal mehr überrascht, wenn plötzlich das Heulen von Wölfen erklungen wäre. Was natürlich nicht der Fall war.

Als ich die kaputte Tür zur ehemaligen Station öffnete, begriff ich, was Horst mit Teufelsaustreibung meinte. Undefinierbare Laute drangen aus dem hinteren Teil hervor. Es klang wie ein Jaulen oder Schnaufen, ein Stöhnen oder Schreien, und es kam definitiv nicht nur von einer Person.

Was ging da vor?

»Die wird doch nicht …«, ich konnte den Satz nicht einmal zu Ende sprechen, so wenig konnte ich mir das Szenario vorstellen.

Aber meine Theorie wurde bestätigt. In unserem ehemaligen Schwesternzimmer.

Romina G. wollte keine Nacht auf ihre Einkünfte verzichten. Kurzerhand bestellte sie sich ihren Freier also ins Krankenhaus und bearbeitete ihn nun auf der kaputten Liege eines stillgelegten Krankenhaustrakts. Die Antibiotika-Infusion hatte sie immer noch im Arm.

»Ich hab voll aufgepasst!«, sagte Romina G., als sie von dem dickbäuchigen Mittfünfziger abstieg. »Wenn ich oben bin, kommt der kaum an meine Wunde ran, ehrlich, das ist kein Problem.«

»Doch, das ist ein Problem«, sagte ich und merkte, wie meine Stimme streng und tadelnd wurde. »Abgesehen von Ihrer hochinfektiösen Wunde wird hier so was nämlich nicht einfach gemacht, klar? Das ist ein Krankenhaus und kein Bordell!«

Romina G. schaute genervt, und der dicke Mann murmelte etwas von »Verständnis haben«, während er sich schnell die Hose hochzog.

»Nee, ich hab da nicht das geringste Verständnis«, schimpfte ich nun auch mit ihm. »Ich kann nur hoffen, dass Sie sich nicht angesteckt haben, und jetzt verschwinden Sie!«

Der Mann nickte nur und wollte schnell den Raum verlassen, aber Romina G. hielt ihn zurück.

»Was ist mit meinen dreißig Euro?«

»Aber ich war noch nicht fertig!«

»Dann gib mir wenigstens zwanzig!«

Seufzend steckte der Dicke ihr einen Schein zu und verschwand.

Während ich Romina G.s Verband kontrollierte und mich davon überzeugte, dass ihre Infusion noch richtig saß, fuhr ich mit meiner Standpauke fort.

»Sie sollten für eine Weile keinen Geschlechtsverkehr ausüben, okay? Das ist wirklich zu gefährlich. So eine Infektion muss ausheilen, das kann sonst eine Blutvergiftung geben, daran können Sie sterben! Sie müssen das für eine Weile lassen, verstanden?«

»Ja, alles klar, kein Problem«, sagte Romina G.

»Brauchen Sie Hilfe? Ich kann Ihnen den Kontakt zur Drogenhilfe …«

»Nein, nein. Alles easy.«

Als ich mit ihr das alte Schwesternzimmer verlassen wollte, stieß sie beinahe mit Horst zusammen. Aufreizend sah sie ihn an.

»Hey, hallo Schätzchen, na, wie wäre es …«

Mein Blick muss vernichtend gewesen sein, jedenfalls beendete Romina G. ihren Satz nicht, sondern fuhr unschuldig fort.

»Ich weiß, ich weiß, kein GV«, sagte sie. »Aber blasen ist doch kein Problem, oder?«

***

Sie werden vermutlich schon vor der Geschichte mit Romina G. geahnt haben, dass die Realität im Krankenhaus nicht besonders viel mit der Romantik einer Krankenhaus-TV-Serie zu tun hat. Aber bevor ich die nächste Episode aus der harten Wirklichkeit zum Besten gebe, möchte ich noch kurz zurück zur lieben Schwester Susi kommen und Ihnen beweisen, dass es sie manchmal eben doch gibt, die Krankenhausromantik.

Es war halb fünf in der Früh als Michael M. mit dem Taxi in die Notaufnahme fuhr. In dieser Nacht war nicht viel los, und meine Kollegin Susi kümmerte sich um den Mann. An seinem Unterarm prangte eine circa 15 Zentimeter lange Brandwunde. Zum Teil waren Brandblasen zu sehen, zum Teil auch nur das rohe Fleisch.

»Oje, das sieht ja nicht gut aus«, sagte Schwester Susi und lächelte Michael M. an.

Der 32-Jährige große, blonde Mann erwiderte ihr Lächeln.

»Tut auch höllisch weh«, sagte er und ließ meine Kollegin dabei nicht aus den Augen.

Susi strich sich über ihre langen schwarzen Haare, die sie zu einem Zopf zusammengebunden hatte.

»Wie ist das passiert?«, fragte sie und lächelte erneut.

Ich beobachtete das Ganze aus sicherer Entfernung und konnte mir ein Grinsen kaum verkneifen. Die flirteten doch! Das konnte ein Blinder auf hundert Metern Entfernung erkennen!

»Ach, ’ne ganz dumme Sache«, sagte Michael M. »Ich bin Konditor. Und als ich meine Kuchen in den Ofen schieben wollte, bin ich mit dem Unterarm an das heiße Blech gekommen. Total doof.«

»Kann doch jedem mal passieren.«

»Mir eigentlich nicht. Das war echt ungeschickt.«

»Ach was.«

Und wieder wurde gelächelt.

Schwester Susi desinfizierte seine Wunde, und nachdem der Doktor noch einen Blick darauf geworfen hatte, verband sie Michael M.s Arm.

»Tut es noch sehr weh?«

»Nein, ist schon viel besser.«

»Schön.«

Lächeln.

Susi ließ sich beim Verbinden ordentlich Zeit, aber irgendwann ist nun mal jeder Verband fertig.

»So. Jetzt können Sie nach Hause.«

Enttäuscht sah er sie an. »Ist nicht Ihr Ernst.«

»Doch, wirklich. Alles in Ordnung. Es sah schlimmer aus, als es war. Den Verband sollten Sie in zwei Tagen beim Hausarzt wechseln lassen.«

»Kann ich das nicht bei Ihnen machen?«

»Ich mache nur Nachtschichten.«

»Ich muss eh mitten in der Nacht aufstehen«, sagte Michael M. lächelnd.

Susi lächelte zurück, schüttelte aber den Kopf.

»Das gehört leider nicht zu den Aufgaben einer Notaufnahme. Tut mir leid.«

»Schade.«

»Ja.«

Michael M. bedankte sich für ihre aufopferungsvolle Hilfe und ging schließlich schweren Herzens nach Hause. Er war kaum durch die Tür, da stand ich neben Susi.

»Was war das denn, hm?«, fragte ich neugierig.

»Wieso? Was denn?«, sagte Susi auffallend gleichgültig.

»Das war ein Eins-a-Flirt!«

»Quatsch!«

Susi wurde knallrot.

»Oh doch!«

»Ach, Blödsinn.«

Als wir am nächsten Abend zur Nachtschicht kamen, stand ein großes Tablett mit Kuchen in unserem Aufenthaltsraum. Nicht etwa Butterkuchen oder so etwas Einfaches, sondern viele kleine Petit Fours, die nicht nur köstlich aussahen, sondern auch so schmeckten. Sie waren sorgfältig um eine rote Rose drapiert, an der wiederum eine Karte hing.

»Wo kommt denn der Kuchen her?«, fragte ich.

»Den hat heute Nachmittag jemand für Susi abgegeben«, sagte ein Pfleger grinsend.

Sofort wurde meine Kollegin wieder knallrot.

»Würde mich gerne für die Erste Hilfe revanchieren«, las Susi vor. »Und dazu eine Telefonnummer.«

Sie kicherte verlegen.

Ich weiß nicht, ob es an unseren Sprüchen über den verliebten Zuckerbäcker lag oder einfach an Susi selbst, jedenfalls zierte sie sich wie eine Prinzessin auf der Erbse und rief Michael M. nicht an.

»Das ist doch alles Unsinn, der macht das bestimmt andauernd. In ein paar Tagen hat der mich garantiert schon wieder vergessen«, glaubte sie.

Was für ein Irrtum.

Zwei Tage später stand erneut ein Kuchentablett in unserem Aufenthaltsraum. Diesmal mit herzförmigen Petit Fours und der charmanten Drohung, wenn Susi ihn nicht anrufe, werde er die Kuchentabletts mitten in der Nacht persönlich im Krankenhaus abholen.

Susi rief trotzdem nicht an.

Und der verliebte Konditor lieferte weiterhin die köstlichsten Kuchen, die wir alle unter großen »Ahs« und »Ohs« auffutterten. Der ganze Spaß zog sich drei Wochen hin – in denen ich zwei Kilo zunahm, denn so viel Kuchen isst ja sonst kein Mensch während der Arbeit –, bis Susi ihn schließlich endlich anrief.

Zwei Stunden telefonierten die beiden und trafen sich noch am selben Tag auf einen Kaffee.

Das Ganze liegt jetzt sieben Jahre zurück, und die zwei sind noch immer glücklich verheiratet. Mit ihren beiden Kindern leben sie in einem hübschen Häuschen direkt neben der Konditorei, und bis heute bringt Susi ab und an köstlichen Kuchen zu ihrer Nachtschicht mit.

***

Meine Kollegin Susi sollte nicht die Einzige sein, die während der Nachtschicht ihr großes Glück fand. Bei Schwester Iris begann die Romantik allerdings wesentlich dramatischer.

Ein betrunkener Patient, der im Vollrausch gestürzt war und sich eine Platzwunde am Kopf zugezogen hatte, wollte sich partout nicht helfen lassen.

»Hau ab, du S***«, sagte er zu Iris, als sie seine Wunde reinigen wollte.

Iris, eine große und sportliche Frau mit feuerrotem Lockenkopf, überhörte die Bemerkung lässig.

»Ihre Platzwunde muss geklammert werden«, sagte sie freundlich. »Dafür muss ich sie aber erst sauber machen.«

»VER*** DICH

Aggressiv stieß sie der Mann zur Seite. Iris jedoch ist hart im Nehmen und lässt sich so schnell nicht aus der Fassung bringen.

»Jetzt mal ganz ruhig«, sagte sie sachte. »Je eher ich Ihre Wunde versorgen kann, desto schneller können Sie wieder nach Hause.«

Einen Moment lang saß der Mann ganz still auf der Behandlungsliege. Iris näherte sich ihm mit Tupfer und Desinfektionsmittel, aber als sie gerade anfangen wollte, ihm das Blut von der Stirn zu wischen, flippte der Mann völlig aus.

»Ich habe gesagt, du sollst dich VER***!«, brüllte er und stieß sie so grob von sich weg, dass Iris zu Boden stürzte. Dann sprang er schreiend von der Liege und begann, das Behandlungszimmer zu verwüsten. Er schmiss alles um, was nicht niet- und nagelfest war und gab dabei die übelsten Hasstiraden von ...

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