Logo weiterlesen.de
Romantischer Frühling – Sprich nicht darüber

Image

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.


 

1. KAPITEL

Rosies Herz pochte wie eine Trommel, als sie die Kirche betrat. Der Hauptansturm auf die vorderen Sitzplätze hatte sich gelegt, Rosie glitt in eine der hinteren Bänke. Von da aus konnte sie die Trauerfeier aus sicherer Entfernung verfolgen.

Anton Estrada war in London eine bekannte Persönlichkeit gewesen. Dementsprechend war das dämmerige Kirchenschiff bis auf den letzten Platz besetzt.

Ein schwarzer, goldbestickter Trauerschleier bedeckte Rosies Kopf, doch eigentlich war es ihr Kummer, der sie einhüllte wie eine dunkle Wolke. Seit sie denken konnte, war sie auf sich gestellt, nur für ein paar kurze Monate war Anton in ihr Leben getreten. Und nun war er gegangen, dieser warmherzige, humorvolle Mann. Er hatte ihr gesagt, sie sei das Glück, auf das er all die Jahre gewartet hatte, die Freude seines Lebens. Tränen standen in ihren grünen Augen, als sie auf den großen, kostbar gefassten Smaragd an ihrer Hand hinabsah, bis er vor ihrem Blick verschwamm. Wer wird mich nun lieben? dachte sie unglücklich. Würde überhaupt noch einmal jemand sie so lieben wie Anton?

Wie durch ein Wattepolster drangen Stimmen gedämpft zu ihr. Dann wurde es still. Benommen sah Rosie auf und stellte fest, dass die Andacht vorüber und die Kirche fast leer war. Rosie hatte so gut wie nichts vom Gottesdienst mitbekommen. Verlegen stand sie auf und wollte schnell zum Ausgang. Dabei verfing sich ein Ende ihres Schleiers an der Banklehne. Ihr Kopf ruckte heftig zurück, sie stolperte.

Unweigerlich wäre sie hingefallen, doch da spürte sie den Griff einer starken männlichen Hand auf ihrem Unterarm.

“Ist Ihnen nicht gut?” Die Stimme klang tief und warm – und seltsam vertraut. Verwirrt schloss Rosie die Augen. “Sie sollten sich setzen.”

“Nein.” Entschlossen richtete sie sich auf und schüttelte die fremde Hand ab. Da der Schleier noch immer festhing, gab es einen kleinen Ruck, und ihr üppiges dunkelrotes Haar ergoss sich über ihre Schultern. Zwangsläufig sah Rosie dem Mann in die Augen - und erstarrte. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, ihre Haut wirkte wie weißer Marmor. Das Blut rauschte ihr in den Ohren.

Constantin Voulos starrte sie regungslos an. Offenbar war er ebenso verblüfft. Er sah tatsächlich umwerfend aus, noch besser als auf Antons Fotos, stellte Rosie unwillkürlich fest. Dieses dichte schwarze Haar, die vollen, sinnlichen Lippen. Und bei dem Blick in die dunklen, rätselhaften Augen wurde Rosie direkt ein bisschen schwindlig. Er hielt ihren Blick fest, das Gefühl war beängstigend und hypnotisch, als stünde sie am Rand einer Klippe und ließe sich einfach fallen … Die Luft blieb ihr weg, sie brachte kein Wort heraus. Die schiere Panik.

“Wer sind Sie?” Constantins Stimme war belegt. Er machte den Schleier los, trat nah an Rosie heran und reichte ihn ihr.

Rosie schluckte, mit zitternden Knien wich sie zurück. In ihr tobte ein Chaos von unbegreiflichen, unkontrollierbaren Gefühlen. Vor ihr stand Constantin Voulos, der Junge, den Anton und seine griechische Frau Thespina an Kindes statt großgezogen hatten. Aus dem Kind war ein Mann geworden.

“Ihr Schleier …”

Widerstrebend streckte Rosie die Hand aus. Das war ein Fehler. Constantin ergriff ihre schmalen, bebenden Finger.

“Bitte …”, flüsterte Rosie. Sie wollte die Hand zurückziehen. Sie war völlig verspannt, fluchtbereit.

“Christos!” stieß Constantin da überrascht aus. Er hatte den antiken Smaragdring an ihrem Finger bemerkt. “Woher haben Sie den Ring?”

Vor Verblüffung lockerte er seinen Griff. Rosie machte sich frei, rannte aus der Kirche und die Stufen vorm Portal hinunter. Der Winterwind wühlte ihre Locken auf und bauschte den langen, weit geschnittenen schwarzen Mantel, sodass er aussah wie mächtige Flügel. Rosie stürmte durch die Grüppchen von verweilenden Trauergästen auf die verkehrsreiche Straße. Das Bremsenquietschen und wütende Hupen nahm sie nicht wahr.

Zum letzten Mal ging Rosie durch die stillen Räume. Ohne Antons energiesprühende Gegenwart wirkte das hübsche kleine Haus wie eine leere Hülle. Rosie hatte alles entfernt, was an ihre Anwesenheit erinnern konnte. Gleich würde sie die Tür endgültig hinter sich schließen und in ihre Welt zurückkehren. Irgendwann in naher Zukunft wäre dieses Kapitel sowieso zu Ende gegangen, sagte sie sich.

Rosie liebte ihre Freiheit, nur Anton zuliebe hatte sie sich eingeschränkt. Er hatte diskutiert, argumentiert, gedrängt und schließlich gebeten, bis sie nachgab und bei ihm einzog. Sie war bereit, Kompromisse zu schließen, für ihn die Rolle zu spielen, die er sich wünschte. Doch sie wusste die ganze Zeit, dass sie eines Tages rebellieren würde.

“Ich bin ein unabhängiger Mensch”, hatte sie ihm einmal erklärt.

“Aber nicht aus freier Entscheidung”, widersprach Anton stur. “Die Verantwortung, die du als junges Mädchen tragen musstest, war nicht normal. Aber jetzt bin ich da, du kannst dich bei mir anlehnen.”

Rosie hatte gelacht und ihm widersprochen, allerdings nicht besonders vehement. Er konnte nicht begreifen, was für ein Leben sie geführt hatte, aus welchen Kreisen sie kam, sie verstand ihn ja auch nicht wirklich. Und die Wahrheit würde ihn nur erschrecken. Sie hatten eine Brücke geschlagen über die Kluft von Reichtum und Bildung. Vorsichtig näherten sie sich von beiden Seiten an, und das ging erstaunlich gut, denn von Anfang an hatten sie sich gegenseitig vollkommen respektiert.

Was für ein ungeheures Glück ich doch hatte, dachte Rosie. Vier Monate reinster Wonne – das war vielen Menschen nie im Leben vergönnt. Vier Monate, in denen sie bedingungslos, selbstlos, abgöttisch geliebt wurde. Diese Glückseligkeit hatte die schlimme Vergangenheit ausgelöscht.

Rosie unterdrückte die aufsteigenden Tränen und lächelte versonnen. Die schönen Erinnerungen konnte ihr niemand nehmen. Genauso wenig wie den Ring, der seit zweihundert Jahren der Familie Estrada gehörte, Antons einziges greifbares Vermächtnis für sie. Als er ihr den Ring an den Finger steckte, hatte er Tränen in den Augen gehabt und sich nicht dafür geschämt.

“Jetzt wird er wieder getragen, denn dazu wurde er geschaffen”, hatte er gesagt.

Rosie dachte an Constatins empörten Ausruf, als er den Ring erkannte. Sie lachte trocken auf. Ja, ich habe dieses Geschenk angenommen, Constantin Voulos, und du solltest froh darüber sein. Denn wenn ich geldgierig wäre, hätte ich mir viel, viel mehr nehmen können, dachte sie. Anton wollte ihr regelrecht die Welt zu Füßen legen. Sein Glück und sein Stolz auf sie hatten auf fast unverantwortliche Weise andere Bindungen in den Hintergrund gedrängt. Das war übrigens das einzige Thema, über das Rosie mit Anton je gestritten hatte.

Sie hatte Schuldgefühle empfunden und wollte dennoch ihren Überzeugungen treu bleiben. Nicht, dass sie sich wie eine Ausbeuterin vorkam – sie konnte es nur einfach nicht fassen, wie jemand so unermesslich reich sein konnte. Es war ihr eigenes Unbehagen diesem Luxus gegenüber, das sie so gut es ging für sich behielt, weil es Anton bekümmert hätte. Aber sie war eben auch nur ein Mensch mit Fehlern und Schwächen, anfällig für jammerndes Selbstmitleid und – ja, Neid.

Mit neun Jahren hatte Constantin Voulos seine Eltern durch einen Autounfall verloren. Anton und Thespina hatten den Jungen bei sich aufgenommen und erzogen, als wäre er ihr eigenes Kind. Anton war nie auf die Idee gekommen, dass die ständigen Lobpreisungen der Tugenden und Talente seines Ziehsohns Rosie auf die Nerven gehen könnten. Doch insgeheim beneidete sie Constantin um das unverdiente Glück, bei so wunderbaren Menschen aufgewachsen zu sein, und sie schämte sich dafür.

Die Stille im Haus wurde für Rosie immer unerträglicher. Der Hall ihrer Schritte machte sie ganz nervös. Sie hätte noch an Antons Todestag ausziehen sollen, aber das Ganze hatte sie so überwältigt, dass sie einfach nicht mehr vernünftig reagieren konnte. Vor sechs Wochen erst war er mit einem leichten Herzschlag in die Klinik gekommen. Rosie war sofort bei ihm und ließ sich nur widerstrebend wegschicken, als sie erfuhr, dass Thespina und Constantin bereits am Flughafen gelandet waren.

“Bleib bei mir – sollen die anderen doch zum Teufel gehen!” hatte Anton ungnädig gewettert. Dass die Krankenschwester Rosies Besuch abwimmeln wollte, hatte ihn total erbost.

“Das ist nicht dein Ernst”, sagte Rosie. “Das kannst du deiner Frau nicht antun.” Da sprach ihr besseres Ich. Ihre weniger edle Hälfte fand, dass sie mehr Recht hatte als sonst jemand, bei Anton zu sein, und doch musste sie sich erst den Zugang erkämpfen und sich dann heimlich davonschleichen.

“Du nennst sie nie beim Namen.” Anton seufzte tief.

Rosie wurde rot und wich seinem Blick aus. Sie bekam die widerstreitenden Gefühle nicht in den Griff, den Schmerz, das Schuldbewusstsein. Thespina war seit dreißig Jahren seine Frau, eine treue, liebevolle Gattin, und er hatte sie grausam betrogen. Die Tatsache, dass Thespina von dem Betrug nichts wusste und auch nichts erfahren sollte, machte es für Rosie nicht gerade leichter, mit der konkreten Existenz dieser Frau fertig zu werden.

Eine Woche lang stahl sich Rosie in die Klinik. Ihr angeborener Optimismus überwand bald die verzweifelte Sorge um Antons Befinden. Er war erst 55. Er hatte zu viel gearbeitet. Ach, wie oft hatten sie über eine ruhige, behagliche Zukunft gesprochen. Keiner von beiden hatte damit gerechnet, dass die Zukunft in ein paar Wochen zu Ende sein würde.

Anton hatte einen Genesungsurlaub gemacht, eine Kreuzfahrt zu den griechischen Inseln. Und an dem Tag, als er nach London zurückflog, kam der zweite Herzinfarkt.

“Innerhalb von Minuten war es vorbei”, hatte seine Sekretärin am Telefon geschluchzt. Wortlos legte Rosie auf. Selbstverständlich konnte sie nicht zum Begräbnis nach Griechenland fahren, stattdessen ging sie zur Trauerfeier. Und lief dabei ausgerechnet Constantin Voulos in die Arme.

Hätte sie doch besser aufgepasst! Die gestrige Begegnung mit ihm hatte Rosie total aufgewühlt. Sie hätte auch längst ihre Sachen packen und nach Haus fahren sollen. Aber sie wollte in aller Stille in diesem kleinen Haus von ihrem Vater Abschied nehmen, den sie so kurz gekannt hatte.

“Rosalie …?”

Ihr Puls setzte einen Moment aus, die Kehle wurde ihr trocken. Erschrocken fuhr sie herum.

Constantin Voulos stand auf dem Treppenabsatz vor ihrem ehemaligen Schlafzimmer. Er atmete schwer, sein kantiges, attraktives Gesicht wirkte wie eine harte, zornige Maske, als er auf Rosie zukam. “Das ist doch Ihr Name, nicht?”

“Was wollen Sie hier?” brachte sie heraus. Kalte Furcht stieg in ihr auf. “Wie sind Sie hereingekommen?”

“Sie niederträchtige kleine Hexe”, fuhr Constantin sie an. Mit seiner eindrucksvollen Körpergröße blockierte er die Tür, sodass Rosie nicht hinaus konnte. Er ließ sie keinen Moment aus den Augen, sein intensiver Blick schien sie direkt festzunageln.

Rosie riss sich zusammen und straffte die schmalen Schultern. Sie war blass geworden, aber sie gab nicht klein bei. “Ich weiß nicht, wer Sie sind und was Sie wollen …”

“Sie wissen genau, wer ich bin!” erwiderte Constantin ungerührt und kam drohend einen Schritt näher.

“Lassen Sie mich in Ruhe!” Fieberhaft überlegte Rosie, wie er sie gefunden haben konnte und wie viel er von ihr wusste.

“Ich wünschte, ich könnte. Nichts wünschte ich mir mehr”, stieß Constantin hervor. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt, seine ganze Haltung drückte Wut aus, sein Blick war wie eine Sturmwarnung.

Rosie wich zurück, bis sie mit den Beinen die Bettkante berührte. “Was wollen Sie von mir?”

“Ich würde Sie am liebsten vom Erdboden verschwinden lassen, aber das kann ich nicht – und das macht mich rasend. Wie konnten Sie Anton zu so einer Verrücktheit treiben?”

“Zu … was?” flüsterte Rosie verständnislos. Sie hatte solche Angst, dass sie nicht klar denken konnte.

“Wie haben Sie diesen grundehrlichen, aufrichtigen Menschen dazu gebracht, seine Würde und seine Familie zu verraten?” schnaubte Constantin.

“Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.”

“Sie wissen nicht, was Anton wenige Tage vor seinem Tod veranlasst hat?” fuhr Constantin sie an. Er warf einen Blick auf den Koffer auf dem Bett und hob verächtlich die Mundwinkel. “Soll ich Ihnen wiederholen, was er als Letztes sagte, als er in meinen Armen starb?”

Benommen schüttelte Rosie den Kopf. Die dunkelroten Locken fielen ihr in die Stirn. Sie hatte nicht geahnt, dass Constantin in Antons Sterbestunde bei ihm gewesen war. Seltsamerweise schmolz bei dem Gedanken der kalte Klumpen ein bisschen, den sie seit jenem schrecklichen Tag im Magen spürte. Die Sekretärin hatte voreilig angenommen, Anton sei allein gestorben. Constantin war bei ihm gewesen, und Rosie wusste, was das für ihren Vater bedeutet haben musste.

Constantin lachte laut und rau, es erschreckte Rosie. Im Blick seiner dunklen Augen lag unverhüllter Abscheu. “Er kämpfte um jedes Wort, und er sprach nur von Ihnen!”

“Oh …” Das klang so hilflos, wie Rosie sich fühlte. Sie erkannte Constantins Schmerz, aber sie wollte ihn nicht wahrhaben. Sie wollte überhaupt nichts mit Constantin Voulos zu tun haben.

“Ich musste ihm bei meiner Ehre schwören, Sie zu beschützen und seinen letzten Willen zu respektieren. Dabei wusste ich gar nichts von Ihrer Existenz! Ich begriff nicht, was er meinte – und von seinem letzten Willen erfuhr ich erst gestern.” Erneut überkam ihn die Wut, er bebte am ganzen Körper. “Er hatte ein neues Testament aufgesetzt. Wenn der Presserummel Thespina nicht so zusetzen würde, brächte ich Sie vor Gericht für Ihre Gier und Berechnung, bevor Sie eine einzige Drachme zu sehen bekämen!”

“Ein neues Testament?” Rosie biss die Zähne zusammen und zwang sich, die hässlichen Anspielungen zu überhören. Nur ihre Wangen wurden heiß vor Wut. Zumindest wusste sie jetzt, was Constantin Voulos hier wollte und warum er sich so aggressiv verhielt. Offenbar hatte Anton ihr in seiner Halsstarrigkeit etwas vermacht, obwohl sie das immer strikt abgelehnt hatte.

Constantin ließ sie nicht aus den Augen. “Vor einigen Monaten äußerte Thespina mir gegenüber den Verdacht, Anton könnte ein Verhältnis haben. Ich habe sie laut ausgelacht! Ich hielt ihr vor Augen, dass Anton nur wegen seines neuen Geschäftsprojekts so viel Zeit in London verbrachte. Wie naiv ich war. Ich unterschätzte den Reiz, den Jugend und Schönheit selbst auf diesen ehrbarsten aller Männer ausüben können. Anton war vernarrt in Sie … Er starb mit Ihrem Namen auf den Lippen.”

“Er hat mich geliebt”, sagte Rosie leise. Tränen brannten in ihren Augen, sie musste sich abwenden.

“Und ich würde mich eher umbringen lassen, als dass Thespina davon erfährt”, gab Constantin zurück.

Rosie begriff. Offensichtlich wusste Constantin Voulos keineswegs, wer sie war. Er dachte, sie sei Antons Geliebte, die er nach seinem Tod versorgt wissen wollte. Es war lächerlich, aber ihr war nicht zum Lachen. Sie presste die Lippen fest zusammen. Anton hatte die Wahrheit für sich behalten, um seiner Frau nicht weh zu tun. Er nahm den Fehltritt von vor achtzehn Jahren mit ins Grab. Und Rosie war es ihrem Vater schuldig, diesen Wunsch zu achten. Wem sollte eine Enthüllung auch nutzen?

Rosie war nicht auf eine Erbschaft angewiesen. Sie konnte auf eigenen Füßen stehen und wollte Antons Witwe nichts streitig machen. Mit dem Ring war es eine andere Sache. Er stellte das Symbol der Verbundenheit mit einer Familie dar, die ihr all die Jahre lang so sehr gefehlt hatte.

“Wie Sie sehen, reise ich ab.” Rosie hob stolz den Kopf und musterte den einschüchternden Mann mit unverhüllter Feindseligkeit. “Machen Sie sich keine Sorgen. Ich werde niemanden in Verlegenheit bringen.”

“Wenn es so einfach wäre, hätte ich mir diese unerfreuliche Begegnung erspart”, schoss Constantin zurück. “Ich hätte Sie einfach aus dem Haus geworfen.”

Rosie brachte ein spöttisches Lachen zustande. Allmählich erwachte ihr alter Kampfgeist. “Nein, wirklich?”

Misstrauisch sah Constantin zu dem offenen Koffer hinüber. “Vielleicht wollen Sie nur ein paar Tage verreisen. Ich glaube einfach nicht, dass Sie für immer verschwinden werden.”

Rosie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. “Sie sind wohl gar nicht von sich überzeugt, wie? Warum sollte ich meine Zeit damit verschwenden, Sie von irgend etwas überzeugen zu wollen?”

Constantins Gesicht wurde tiefrot, sie hatte ihn getroffen. “Ich werde mich nicht soweit herablassen, mit einer Hure herumzustreiten.”

Rosie besaß eine scharfe Zunge, mit der nicht leicht jemand mithalten konnte. Doch mit so einer Beleidigung hatte sie nicht gerechnet. Sie bebte vor Zorn. “Raus!” rief sie. “Verlassen Sie sofort das Haus, sie widerliches Ekel!”

“Erst, wenn Sie mir eine Frage beantwortet haben”, gab Constantin ungerührt zurück. “Sind Sie schwanger?”

Rosie erstarrte.

Constantin blickte anzüglich auf ihre weit geschnittene Bluse. “Falls Sie schwanger sind – und nur dann – könnte ich Antons Verhalten verstehen”, sagte er schroff. Aber auf Rosie wirkte er eher verunsichert.

Die möglichen Konsequenzen machten ihm sichtlich zu schaffen. Seine gebräunte Haut wurde regelrecht grau. Aber wie Constantin Voulos erst schlucken würde, wenn Rosie ihm ihre wahre Beziehung zu Anton enthüllte. Die Vorstellung verschaffte ihr eine boshafte Befriedigung.

Antons Kind – ehelich oder nicht – hätte selbstverständlich gewisse Ansprüche auf sein Vermögen. Wenn Rosie Constantin aufklärte, könnte sie dieselben Rechte geltend machen. Sie war Antons Tochter, sein einziges Kind, der letzte Spross der Familie Estrada. Wie konnte Constatin es wagen, sie als berechnende Erbschleicherin hinzustellen!

“Sie antworten nicht.” Constantin schien irgendwie nervös, nicht mehr ganz so selbstsicher. “Selbst wenn ich richtig liege mit meiner Vermutung, ändert das nichts an meiner Meinung von Ihnen. Aber ich müsste mich wohl für meine heftigen Worte entschuldigen.”

Rosie hätte am liebsten laut gelacht, so absurd kam ihr die Situation vor. Woher diese plötzliche Kehrtwendung? Hatte Constantin wirklich Angst, sie könnte ihre Macht als Mutter von Antons Kind einsetzen, um seine Träume von einem reichen Erbe zu zerstören?

“Ich versichere Ihnen”, setzte Constantin tonlos hinzu, “sollte es an dem sein, werde ich Ihren Anspruch mit jedem verfügbaren Test überprüfen lassen.”

Das Ganze war wie eine Komödie, bei der sich jemand in völlig irrationalen Ängsten und Vermutungen verstrickt. Vor lauter Schreck vergaß Constantin sogar, was er zuvor selbst eingewendet hatte.

“Wäre das für Thespina nicht ein ziemlicher Schock?” bemerkte Rosie mit trügerischer Sanftheit.

Constantin sog die Luft durch die Zähne, seine Augen sprühten Gift und Galle. “Ihre Bosheit ist unübertroffen.”

Rosie bereute ihre Worte sofort, das klang wirklich gemein. Zwar hatte sie einen Augenblick lang das Bedürfnis gehabt, sich an Thespina und Constantin zu rächen – aber wofür eigentlich? Verlegen schloss sie den Koffer und hob ihn vom Bett. “Ich bin nicht schwanger, Sie können ganz beruhigt sein. Und jetzt verschwinden Sie. Von meiner Seite haben Sie und Thespina nichts zu fürchten.”

Von unten drang der Klang der Türglocke in das angespannte Schweigen im Raum.

“Das wird mein Taxi sein.” Erleichtert ging Rosie an Constantin vorbei. Ihre Knie fühlten sich weich an, aber das plötzliche Gefühl von Überlegenheit gab ihr Kraft. Anton hatte seinen Ziehsohn falsch beurteilt. Constantin war keineswegs der unfehlbare, edle Mensch, als den er ihn immer hingestellt hatte.

In seiner Gutgläubigkeit hatte Anton gemeint, Constantin würde eine leibliche Tochter aus einer früheren Beziehung mit offenen Armen aufnehmen. Rosie hatte es jedes Mal bezweifelt, wenn ihr Vater versicherte, Constantin wäre überglücklich, unversehens eine kleine Schwester zu bekommen. Immerhin war Anton so taktvoll, sie nie als Bruder und Schwester zu bezeichnen.

Aber er erging sich mit Begeisterung in Reden über Familiensinn und -zusammenhalt, Familienehre, familiäre Verpflichtungen. Er hätte nie begriffen, dass Rosie sich eher die Hand abhacken würde, als sich irgendjemandem zu verpflichten. Außerdem war sie von Natur aus illusionslos.

Constantin hatte auf die Vorstellung, Anton könnte ein Kind haben, genauso reagiert, wie Rosie erwartet hatte: schockiert, bestürzt, entsetzt. Er sah seine finanziellen Interessen gefährdet. Über solche Geldgier, ja, einem Menschen wie Constantin Voulos fühlte sie sich total überlegen. Sie hob das Kinn.

“Lassen Sie die Tür zu!” befahl Constantin plötzlich.

Rosie fuhr herum. Er stand mitten auf der Treppe, sein Blick war geradezu wild.

“Wieso ..?”

“Still!” flüsterte er mit einer herrischen Handbewegung.

Rosie dachte nicht daran zu gehorchen. Sie ging zur Haustür und machte sie auf. Zu ihrer Verwunderung stand da nicht der Taxifahrer.

Eine kleine, schlanke Frau in schwarzem Kostüm starrte sie aus großen, traurigen Augen an. Ihre olivfarbene Haut wurde zusehends blass. Unsicher trat die Frau einen Schritt zurück und runzelte die Stirn. Constantins hohe Gestalt erschien hinter Rosie.

Der Frau ihres Vaters persönlich gegenüberzustehen, war ein Schock für Rosie. Doch sie bemühte sich, ihr Erschrecken zu verbergen. Sie spürte eine schwere Hand auf der Schulter wie eine eiserne Fessel. Constantin sagte etwas in sanftem Griechisch, aber Rosie empfand die harte Anspannung in seinem großen, starken Körper, als er geradezu aufdringlich nah neben sie trat.

Unvermittelt streckte die Frau ihre Hand aus und ergriff Rosies Finger. Sie betrachtete eingehend den Smaragd, dessen grüne Tiefen im Sonnenlicht schimmerten. “Der Verlobungsring der Estrada”, flüsterte sie. Dann sah sie auf. “Natürlich … Anton gab dir den Ring für sie! Constantin, wie konnte ich nur so dumm sein. Ich hätte es mir denken können. Aber warum hast du mir nichts davon gesagt?”

Constantin atmete scharf ein, Rosie spürte seine Unruhe. “Es schien mir nicht der richtige Moment, eine Verlobung zu verkünden …”

“So können nur Männer denken. Als würde mich die Nachricht von deiner Heirat nicht jederzeit glücklich machen.” Thespina lächelt selig, ihre Unsicherheit war verschwunden, sie strahlte Rosie an. “Wie lange sind Sie denn schon mit meinem Sohn verlobt?”

“Verlobt?” wiederholte Rosie und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Unterlippe.

“Erst seit kurzem”, warf Constantin ein.

“Aber das hättest du mir sagen sollen”, schalt Thespina sanft. “Glaubst du wirklich, dein Glück hätte mir Kummer bereitet? Wenn du wüsstest, was für unsinnige Befürchtungen ich hatte, als ich zu diesem Haus kam …”

Ein Taxi bog geräuschvoll in die Auffahrt. “Das ist für mich”, murmelte Rosie erleichtert.

“Sie gehen? Aber wir haben uns noch gar nicht richtig kennen gelernt”, protestierte Thespina sichtlich enttäuscht.

“Rosalie muss ihr Flugzeug erwischen, sie ist schon spät dran”, erklärte Constantin geistesgegenwärtig. Er nahm Rosies Koffer und trug ihn zum Taxi.

“Rosalie … Das ist ein sehr … ein sehr hübscher Name”, bemerkte Thespina. Herzlich fügte sie hinzu: “Verzeihen Sie, dass ich so hereingeplatzt bin, aber wir sehen uns sicher bald wieder.”

“Es tut mir Leid, dass ich weg muss”, erwiderte Rosie steif. Sie mied Thespinas Blick.

Constantin hielt bereits die Taxitür auf. Rosie hatte den Eindruck, er hätte sie am liebsten zum Teufel gewünscht. Doch bevor sie einstieg, umschlang er sie heftig und senkte den Kopf. Seine Augen wirkten wie harte Diamanten. “Wir haben einiges zu besprechen. Wann kommen Sie zurück?”

“Nie.”

“Die Habgier wird Sie zurückbringen”, stieß er gepresst hervor. Er musste leise sprechen, damit Thespina nichts hörte. “Jetzt muss ich mich leider von Ihnen verabschieden wie ein Verliebter.”

“Nur zu, wenn Sie mein Knie an einer wirklich schmerzhaften Stelle haben wollen”, meinte Rosie mit einem süßen Lächeln.

“Verd …” Constantin umklammerte hart ihren Ellenbogen. Mit grimmiger Entschlossenheit beugte er sich herunter und drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Augenbraue.

Rosie machte sich steif, aber bei der Berührung schauderte sie, wich zurück und kletterte hastig in den Wagen. Das Taxi fuhr an, und Rosie fühlte sich nicht einmal in der Lage, nach hinten zu sehen oder zu winken, um die Komödie vollkommen zu machen. Ihr Puls raste, ihr war regelrecht übel.

Sie faltete die Hände im Schoß. Sie spürte den Ring und ärgerte sich über sich selbst. Hatte sie diese Situation nicht herausgefordert? Sie hätte das Haus auf der Stelle verlassen müssen, als sie von Antons Tod erfuhr. Und sie hätte den Smaragd nicht so ostentativ tragen dürfen.

Ihr Magen zog sich zusammen. Sie sah Thespinas Gesicht vor sich, so traurig, so ängstlich. Antons Witwe hatte irgendwie die Adresse erfahren und sich aufgemacht, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Wie Constantin wusste sie nur eine Erklärung für Antons zweiten Wohnsitz in London – dass ihr Mann ein Verhältnis hatte.

Rosie fühlte sich erbärmlich. Hätte Constantin nicht so aalglatt reagiert, was wäre passiert? Hätte er nicht behauptet, der Estrada-Ring sei sein Verlobungsgeschenk, was hätte Thespina gedacht?

Wie Antons Witwe aufgeatmet hatte, als sie erfuhr, das Haus und das junge rothaarige Mädchen gingen auf Constantins Rechnung, nicht auf die ihres Mannes. Und Thespinas aufrichtiges Freundschaftsangebot – einfach schrecklich. Rosie hatte sich nie verstellt, aber in diesem Fall ging es um eine arglose Ehefrau, die keinem etwas getan hatte und bereits genug Kummer im Leben gehabt hatte.

Thespina hatte Anton nicht das Kind schenken können, das sich beide so sehr wünschten. Mehrere Fehlgeburten hatten alle Hoffnungen zunichte gemacht. Nur einmal konnte Thespina ein Kind austragen – es war eine Totgeburt, ein letzter grausamer Schlag für das Paar.

Danach fiel Thespina in tiefe Depressionen, Anton musste allein mit seinem Kummer fertig werden. Die einstmals glückliche Ehe kriselte. In dieser Zeit wurde Anton untreu, mit Rosies Mutter Beth …

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Sprich nicht darüber" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen