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Spitalkost und Taralli

Zufrieden sein ist große Kunst

Zufrieden scheinen großer Dunst

Zufrieden werden großes Glück

Zufrieden bleiben Meisterstück

Volksweisheit.

1

Zwei Tage regnet es schon fast ohne Unterbrechung und heute Morgen, als Gerald die schweren Gardinen in seinem Zimmer zur Seite schiebt, ist noch keine Wetterbesserung in Sicht. Dunkle Wolken hängen tief über der Stadt. Der Regen klatscht gegen das Fenster und in langen Bahnen läuft das Wasser über die Scheiben runter.

Gerald brummt noch der Kopf. Viel zu spät hat er sich gestern niedergelegt. Die Einladung zur Geburtstagsparty seines Freundes Peter konnte er einfach nicht abschlagen. Peter ist ein Jahr älter als Gerald. Im Kreise einiger Freunde feierte er gestern seinen achtzehnten Geburtstag.

Der heutige Tag ist für Gerald auch kein unbedeutender. Der erste Schultag im Gymnasium steht bevor. Eine neue Schule in einem weiter entfernten Stadtteil, neue Lehrer – und neue, ihm unbekannte Mitschüler. Gerald schaut durch das Fenster in die verregnete Umgebung. Das Ungewisse, das auf ihn zukommt, gibt ihm zu denken. Aber er ist nicht ganz alleine. Sonja, seine langjährige Freundin, hat den Übertritt in die höhere Schule ebenfalls geschafft. Lange war es ungewiss, ob Sonja die Aufnahmeprüfung bestehen kann. Mathe und Physik sind ihre schwachen Fächer. Vielleicht war Geralds Hilfeleistung bei den Aufgaben in der Oberstufe letztlich nicht ganz unbeteiligt am Bestehen der Aufnahmeprüfung. Sei es, wie es wolle. Beide können fortan weiterhin zusammen zur Schule gehen.

Die Mutter sitzt am Tisch, als sich Gerald neben ihr niederlässt. Er hält den Stundenplan in der Hand und noch bevor er ein Stück vom gestrigen Brotlaib abschneidet, liest er laut: «Mathematik … Biologie … Geschichte …, es geht gleich in der ersten Stunde mit Mathe los.»

«Da wird Sonja sicher nicht begeistert sein.»

«Sie macht sich schon Sorgen deswegen. Ihre Mutter will sie in einen Nachhilfeunterricht schicken!», seufzt Gerald.

«In der Oberstufe hast du ihr doch regelmäßig bei den Aufgaben geholfen. War das nicht genügend?»

«In einem Gespräch zeigte sich die Mutter dankbar für meine Hilfe. Sie befürchtet, dass es nicht genügt. Sie will noch abwarten.»

«War Sonjas Note im Schlusszeugnis der Oberstufe ungenügend?»

«Nein, sie hatte eine Vier. Und jetzt spricht ihre Mutter von einer Nachhilfe – das ist ärgerlich! Mathe und Physik sind nun einmal Sonjas Schwäche! Diese Tatsache kann sie nicht wegzaubern. Warum will sie viel Geld für einen Nachhilfeunterricht ausgeben, wenn es doch so auch geht?»

«Mütter sind halt so – sie wollen nur das Beste für ihr Kind!»

«Das ist aber nicht, was Sonja will! Wenn ihre Mutter auf einem Nachhilfeunterricht durch eine fremde Person besteht, dann werde ich …» Gerald wird durch das Klingeln der Hausglocke unterbrochen.

«Das ist Sonja – sie ist heute früh.»

Er stürzt noch eine zweite Tasse Kakao herunter, dann verabschiedet er sich von der Mutter, die ihm einen guten Start wünscht.

Gut in ihre Pelerine eingehüllt, ist Sonja kaum noch erkenntlich. Mit einem kurzen «Hallo» begrüßen sie sich. Gerald schiebt die Kapuze, die Sonjas Gesicht teilweise verdeckt, ein wenig zur Seite und fragt: «Wie fühlst du dich?»

Unter der Kapuze hervorguckend antwortet Sonja mit leiser Stimme: «Ich habe ein bisschen Angst.»

«Angst? Wovor?»

«Vor dem Ungewissen. Alles ist neu und ich kenne dort niemanden.»

«Ich gehe auch mit gemischten Gefühlen in die neue Schule. Mich kennst du ja schon. Wir müssen darauf achten, dass wir nebeneinandersitzen können.»

Sonja nickt.

Gerald holt noch sein Fahrrad vom Keller herauf, dann sind sie abfahrbereit. Die Schule befindet sich in leicht erhöhter Lage. Um sie zu erreichen, müssen Gerald und Sonja die Stadt durchqueren. Auf der Fahrt wäre Gerald noch bald gestürzt. Bei einer Linksabbiegung gerät sein Regenschutz in die Speichen des Vorderrades.

«Irgendwie ist mein Regenschutz nicht für das Fahrrad geeignet!», ruft er zu Sonja, die vor ihm fährt. Sonja hat nichts mitbekommen. Sie fährt weiter.

Die letzten hundert Meter müssen Gerald und Sonja kräftig in die Pedale treten. Sonjas Herz beginnt zu pochen – aber nicht nur wegen des Anstieges – auch wegen ihrer Angstgefühle, die sich jetzt verstärken, wo sie die neue Schule vor Augen hat.

Die Versammlung der Schüler findet in der Aula statt. Nach einer kurzen Begrüßung erfahren sie, welchem Klassenlehrer sie zugeteilt sind. Wortlos gehen Gerald und Sonja die Treppe hoch – mit ihnen eine Anzahl Mitschüler. Alle streben einer weit offenstehenden Tür zu. Sonja, die vorausgeht, möchte sich einen guten Platz in der vordersten Reihe sichern. Gerald versucht, ihr auf den Fersen zu bleiben. Andere Jungen, die ebenfalls zum Eingang drängen, sind etwas schneller und schieben sich zwischen Sonja und Gerald. Sonja setzt sich an einen der Zweiertische vorn an der Seite des Raumes. Noch bevor sich Gerald neben sie setzen kann, nimmt ein etwas molliger, kurzgewachsener Junge neben Sonja Platz.

«Ich möchte meinen Freund neben mir», sagt Sonja im Flüsterton.

Der Junge schaut auf und zuckt mit den Achseln.

«Wer ist dein Freund?», fragt er laut, dass es alle hören können.

Alle blicken auf Sonja, deren Gesicht rot anläuft, und leise sagt sie:

«Er steht hinter dir.»

Sonja braucht sich nicht zu schämen. Im Gegenteil, sie ist ein hübsches Mädchen. Heute, für den ersten Schultag, hat sie sich besonders hübsch gekleidet. Das schönste Röckchen aus ihrem Kleiderschrank hat sie angezogen. Jenes mit den drei weißen Streifen und den dazu passenden Kniesocken. Ihre langen, über die Schulter reichenden Haare hat sie heute mit einer blauen Schleife zu einem Schwanz zusammengebunden. Gerald ist fasziniert von ihr. Er hat sich gewünscht, neben ihr sitzen zu können, jetzt ist dieser Junge im Begriff, ihm sein Vorhaben streitig zu machen.

Den Kopf drehend, schaut der Junge Gerald mit einem höhnischen Grinsen ins Gesicht.

Gerald versteht. Schweigend gibt er bei und setzt sich auf den freien Platz hinter Sonja. Wenigstens sitzen sie so hintereinander, auch wenn es nicht das ist, was sie wollten.

Der Lehrer begrüßt die Schüler und stellt sich vor. Dann beginnt er den Unterricht mit Mathe. Mit einem Blick auf das Aufgabenblatt, das er verteilt, stellt Gerald fest, dass er ähnliche Rechnungen schon in der Oberstufe gelöst hat. Hiermit sollte Sonja eigentlich keine Probleme haben, und tatsächlich ist sie, über das Aufgabenblatt gebeugt, auch schon fleißig am Schreiben.

Gerald beobachtet den Jungen neben Sonja, der jetzt seinen Stuhl etwas näher gegen sie schiebt. Sie arbeitet so konzentriert, dass sie nichts bemerkt. Mit aufgestelltem Arm den Kopf unterstützend, ist ihr Blick fest auf das Blatt gerichtet. Sie bemerkt nicht, dass der Junge neben ihr ebenfalls auf ihr Blatt sieht. Den Kopf drehend, sagt er ganz leise etwas zu Sonja, das Gerald nicht verstehen kann.

Im Klassenzimmer ist es ganz ruhig. Alle scheinen sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Nur der Junge neben Sonja scheint mit seinen Gedanken abwesend zu sein. Seinen Kopf hin und her bewegend, wandert sein Blick durch das Klassenzimmer.

Gerald ist mit seinen Gedanken auch nicht bei der Sache. Er hat erst eine Aufgabe gelöst und die Zeit ist vorgerückt. Dass der ziemlich ungepflegt aussehende Junge neben seiner Freundin sitzt, beschäftigt ihn. Mühsam rafft er sich schließlich zusammen und wendet seine Aufmerksamkeit den Rechenaufgaben zu. Er bemerkt nicht mehr, was am Tisch vor ihm passiert. Erst Sonjas Stimme lässt ihn aufblicken.

«Hör auf!», zischt Sonja gegen den Jungen neben ihr. Das kann nicht nur Gerald hören – das hören auch andere und der Lehrer, der sich jetzt erhebt und auf Sonja zugeht.

«Was ist hier los?», fragt er mit gedämpfter Stimme.

«Er stört mich!», antwortet Sonja etwas aufgeregt.

«Jeder arbeitet für sich», sagt der Lehrer bedeutungsvoll zum Jungen. «Schieb deinen Stuhl etwas weiter weg.»

Noch bevor die Schulklingel die Pause einläutet, hat Gerald alle Aufgaben gelöst. Mit Genugtuung stellt er fest, dass es auch Sonja geschafft hat, wie ihm ihr hochgestreckter Daumen in seine Richtung zu verstehen gibt.

Gleich zu Beginn der Pause geht sie zum Lehrer, der gerade mit der Anfertigung eines Sitzplanes beschäftigt ist. Mit seiner Hilfe kann eine für alle befriedigende Sitzordnung hergestellt werden. Sonjas Wunsch, neben ihrem Freund sitzen zu dürfen, geht in Erfüllung. Und das Mädchen, das die Mathestunde neben Gerald verbrachte, sitzt ihrem Wunsch entsprechend neben einem anderen Mädchen. Nur für den molligen Jungen geht die Rechnung nicht auf. Er muss jetzt neben einem Jungen sitzen.

«Wie lief es bei dir?», wendet sich Gerald an Sonja.

«Die letzte Aufgabe hat mir zu schaffen gemacht. Ich hoffe, dass ich das richtige Resultat abgegeben habe. Die Zeit war knapp. Und dann noch der Flegel neben mir. Ich glaube, er kommt von einem Bauernhof – er riecht nach Stall!»

Beide freuen sich über den zu guter Letzt doch noch gelungenen Schulanfang. Sonjas anfängliche Angst vor der neuen Schule ist gewichen und ihr Wunsch, neben ihrem langjährigen Freund sitzen zu dürfen, ging in Erfüllung.

2

Samstagnachmittag. Heute Morgen hat Sonja in Mathe wieder einmal gepatzt. Nachdem sie die ganze Woche gute Noten nach Hause brachte und von der Mutter gelobt wurde, löste sie heute von sechs Aufgaben nur eine richtig. Die trigonometrischen Funktionen haben Sonja aus dem Gleis geworfen. Obwohl Trigonometrie für Gerald auch etwas Neues ist, will er das Gelernte mit Sonja noch einmal besprechen. Er ist ehrgeizig und möchte auf gar keinen Fall, dass Sonja in den Nachhilfeunterricht geschickt wird. Das würde er gewissermaßen als sein Versagen empfinden.

Er ist gerade dabei, den Tisch abzuräumen, als die Türglocke ertönt. Sonja steht vor der Tür, als Gerald öffnet.

«Meine Mutter lässt mich heute Nachmittag nicht auf das Pfadfindertreffen gehen», beginnt sie ziemlich aufgebracht.

«Warum nicht? Was ist passiert?»

«Wegen Mathe heute Morgen. Meine schlechte Leistung macht ihr Bauchschmerzen. Die Schule ist wichtiger als die Pfadi, sagt sie. Als ob es in der Schule nur Mathe gäbe!»

«Komm doch rein.»

Sonja setzt sich auf Geralds Bett und fährt fort: «Ausgenommen in Mathe, habe ich in allen Fächern gute Noten. Jetzt macht meine Mutter ein Drama. Sie sieht schon meine Zukunftspläne dahinschwinden.» Stöhnend verdreht sie die Augen.

«Deine Zukunftspläne?»

«Wir haben auch schon darüber gesprochen. Ich möchte Tierärztin werden.»

«Ach so, ja, du hast das schon öfters erwähnt.»

«Mein Wunsch entstand damals, als ich eine von einem Auto angefahrene Katze wochenlang pflegte.»

«Und jetzt sieht deine Mutter dein Berufsziel schon in Gefahr?», fragt Gerald erstaunt.

Sonja nickt. Wieder seufzt sie. «Beim heutigen Orientierungslauf wäre ich so gerne dabei gewesen.»

«Komm! Wir gehen zu deiner Mutter und sprechen mit ihr.» Gerald fasst Sonjas Hand und zieht sie hoch. Zusammen rennen sie die Treppe runter zum Hauseingang nebenan, wo Sonja wohnt.

Wie immer empfängt ihre Mutter Gerald mit einem freundlichen Lächeln und einem beherzten Händedruck.

«Was habt ihr vor?», fragt sie, ihre Hausarbeit unterbrechend. Einen Moment wartet Gerald. Wie soll er es sagen, ohne dass es verletzend wirkt, überlegt er.

«Sonja ist unglücklich», beginnt er zögernd.

«Warum?»

«Weil sie heute am Orientierungslauf nicht teilnehmen darf.»

«Wenn Sonja in der Schule schlechte Leistung erbringt, darf sie auch nicht einem Vergnügen nachgehen. Das habe ich schon immer gesagt. Sie muss zuerst die Aufgaben von heute Morgen richtig lösen, dann darf sie gehen!»

«Die Zeit wird nicht reichen», mischt sich Sonja ein. «Wenn wir zu spät vor Ort eintreffen, verpassen wir den Orientierungslauf.»

«Beeilt euch – ihr werdet das schaffen», sagt die Mutter entschlossen.

Ohne noch etwas zu sagen, fasst Sonja Geralds Hand und zieht ihn wieder zu ihrem Zimmer. Sie setzen sich an den kleinen Schreibtisch, der kaum Platz bietet für zwei Personen, und machen sich an die Arbeit. Eine Aufgabe nach der anderen nehmen sie durch. Aber richtig konzentrieren kann sich Sonja nicht.

Gerald ist mit seinen Gedanken auch nur halbherzig bei den Matheaufgaben.

«Ich glaube, wir schaffen es nicht», sagt Sonja plötzlich. Sie wirft den Kugelschreiber auf den Tisch und greift sich mit beiden Händen an den Kopf: «Ich hasse diese Mathe!»

Beide schauen sich in die Augen. Ein Lächeln legt sich über Geralds Gesicht.

«Du amüsierst dich über mein Handicap?»

«Nein, über deine Reaktion! Nimm es gelassen! Mit deiner Schwäche in Mathe stehst du nicht alleine da. Man kann nicht überall gut sein. In anderen Fächern bist du stark … und mir überlegen.»

«Ja, aber …»

«Übrigens: Du bist ja gar nicht so schlecht! In den Klausuren hast du keine ungenügende Note geschrieben. Du bildest dir ein, schlechter zu sein, als du es bist.»

Nach einer Weile zuckt Sonja plötzlich zusammen, als hätte sie eine Wespe gestochen. Sie greift energisch nach dem Kugelschreiber und sagt: «Los – ich bin bereit für die erste Aufgabe. Diktiere mir, was ich schreiben soll. Es muss schnell gehen.»

«Ich diktiere schneller, als du schreiben kannst», antwortet Gerald etwas spöttisch und beginnt: «Cosinus von …»

Den Kopf auf den Unterarm stützend, schreibt Sonja Wort für Wort, was aus Geralds Mund ertönt. Nur ab und zu wirft sie einen Blick zu Gerald, als hätte sie etwas nicht verstanden. Sie stellt eine kurze Frage, dann schreibt sie, was Gerald sagt – ohne das Geschriebene zu begreifen. Plötzlich sagt sie: «Flichtst du mir Zöpfe?»

«Was, jetzt das auch noch?»

«Ja, ich kann trotzdem schreiben.»

Gerald stellt sich hinter Sonja. «Soll ich auf beiden Seiten einen Zopf flechten?»

«Ja, bitte!»

Im Zöpfe flechten hat Gerald schon eine gewisse Routine. Gekonnt flicht er die Zöpfe, während er Sonja weiter Zahlen diktiert.

«Wo hast du deine blauen Schleifen?»

Sonja zeigt zur Kommode und sagt: «In der obersten Schublade.»

So kommen sie schnell zum Ende.

«Können wir diese Rechenaufgaben nach dem Pfaditreffen noch einmal durchgehen?», fragt Sonja leise.

Gerald nickt ihr schweigend zu. Dann gehen sie beide zur Mutter, die noch immer in der Küche beschäftigt ist.

«Darf ich jetzt gehen?», fragt Sonja bedrückt.

Die Mutter wirft nur einen kurzen Blick auf das Blatt, das Sonja ihr vor den Kopf hält, und nickt. «Einverstanden. Geh jetzt mit Gerald zum Orientierungslauf.»

«Danke, Mama», sagt Sonja erfreut und drückt ihr einen Kuss auf die Wange.

Schnell rennt Sonja in ihr Zimmer und kramt das zur Pfadfinderuniform gehörende Foulard aus der Schublade. Dann rennen sie los. Auf dem Weg zum Versammlungsort wird nicht viel gesprochen. Teilstrecken müssen sie rennen. «Ein Glück, dass es nicht mehr regnet», sagt Sonja zu Gerald, als sie ziemlich erschöpft beim Forsthaus eintreffen. Der Gruppenführer ist gerade dabei, noch einige Anweisungen zu geben.

Gerald und Sonja kennen die Regeln bereits. Es ist nicht der erste Orientierungslauf, den sie jetzt im Begriff sind zu starten. Der Gruppenführer drückt jedem einen Plan in die Hand, dann schickt er jeweils zwei Gleichgeschlechtige auf den Parcours. Gerald muss nicht lange überlegen; er möchte mit seinem langjährigen Kollegen Peter die zehn Posten suchen. Da es in der Gruppe nur zwei Mädchen gibt, hat Sonja keine Wahl. Sie startet mit ihrer Kollegin als Erste. Für Gerald und Peter dauert es noch ein Weilchen; sie starten als zweitletzte Gruppe. Bei jedem Posten müssen sie mit dem dort vorhandenen Stempel die Postennummer auf ihren Plan, auf dem auch die Startzeit vermerkt ist, drücken.

Gerald, der diesen Wald kennt wie seine Hosentasche, rennt mit Peter fast die ganze Strecke. Beim vierten Posten finden sie keinen Stempel. Eine stattliche Tanne ist zwar deutlich als Posten markiert; jedoch fehlt der Stempel.

«Wir müssen den Boden absuchen, vielleicht ist er runtergefallen», meint Peter.

«Nein, die Stempel bei den anderen Posten sind ja mit einer Schnur am Baumstamm angenagelt», sagt Gerald überzeugt.

Trotzdem suchen sie den mit Moos bedeckten Boden ab und verlieren wertvolle Zeit. Vergebens; sie rennen weiter. Den fünften Posten finden die beiden nicht auf Anhieb. Dort, wo sich der Posten befinden müsste, irren sie planlos umher. Plötzlich treffen sie auf die zuletzt gestarteten Kollegen, die sie eingeholt haben. Zielstrebig gehen diese schnellen Schrittes in eine bestimmte Richtung.

«In etwa hier müsste sich der Posten befinden», sagt einer der Kollegen. Und tatsächlich findet er ihn auf einer kleinen Lichtung, hinter einem Holunderstrauch. Den Rest des Parcours begehen alle vier zusammenbleibend. Das nervt Gerald. Es entspricht nicht seinem Charakter, einfach den anderen nachzulaufen. Er möchte seine Fähigkeiten unter Beweis stellen. Und diesen Orientierungslauf in angemessener Zeit zu Ende zu führen, dafür hält er sich fähig. Bei der Ankunft am Ziel kommt ihm Sonja entgegen.

«Beim vierten Posten fehlte der Stempel», weiß sie kopfschüttelnd zu berichten.

«Er war also schon beim Einrichten des Parcours vergessen worden? Ein fataler Fehler», sagt Gerald. «Alle haben gesucht und Zeit verloren.»

Den fehlenden Stempel kann sich der Gruppenführer auch nicht erklären.

«Ich habe den Parcours nicht selber eingerichtet», erklärt er. «Auf alle Fälle werden diesmal nur neun Posten gerechnet. Wer gewonnen hat, werdet ihr an unserem nächsten Treffen erfahren.»

Zum Schluss des heutigen Treffens verteilt der Gruppenführer ein Merkblatt betreffend das jährlich stattfindende Pfadfinder-Zeltlager. In den Frühlingsferien soll es stattfinden.

«Eine ganze Woche im Zelt schlafen», sagt Sonja nachdenklich, als sie durch den Wald schreitend auf dem Weg nach Hause sind.

«Und essen, was nicht aus Mamas Kochtopf kommt. Es muss ein tolles Erlebnis sein, draußen in der Natur zu schlafen», meint Gerald.

3

Einmal im Jahr wird von der Pfadfinderorganisation ein Zeltlager durchgeführt, an dem zahlreiche Jugendliche teilnehmen. Für Sonja ist es das erste Mal, dass ihre Eltern sie ins Lager gehen lassen. Schon letztes Jahr wäre sie gerne dabei gewesen. Damals hat ihr Vater die Teilnahme verhindert.

«Warum durftest du letztes Jahr nicht ins Lager gehen?», fragt Gerald, als sie am Abend bei den Schulaufgaben sitzen.

«Mein Vater fand damals, ich sei nicht reif für ein solches Vorhaben. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sich seine Tochter eine ganze Woche mit zahlreichen Jungens in der freien Natur aufhält.»

«Pfadfinder sind doch keine Wilden. Sie sind die ganze Zeit unter Aufsicht und das einzige Mädchen bist du nicht», meint Gerald. «Bei mir war die Mutter dagegen. Die Vorstellung, ihren Sohn sechs Tage lang nicht unter Kontrolle zu haben, war ihr zu viel. Hast du dich dieses Jahr durchgesetzt?»

«Es scheint, dass meine Eltern jetzt mehr Vertrauen in die Lagerleitung haben. Für mich ist es etwas Ungewohntes, einmal nicht in meinem Bett zu schlafen – und nicht zu essen, was aus dem Kochtopf meiner Mutter kommt – und sie am Abend sorgenvoll sagen hören: Es ist Zeit zum Schlafen. Das muss spannend sein im Lager.»

Sonjas Augen leuchten. Energisch schiebt sie das Aufgabenblatt zur Seite, steckt den Bleistift in den Spitzer und dreht einige Male kräftig daran, so stark, dass die Spitze gleich wieder abbricht. Erst beim dritten Versuch gelingt es. Dann beginnt sie ein Zeltlager in ihr Physikheft zu skizzieren. Ihr Gesichtsausdruck lässt erahnen, dass sie sich auf das Leben in einem Zelt riesig freut. Noch nie hat sie sich die Schulferien so sehr herbeigewünscht.

«Das Zeltlager ist etwas Abenteuerliches und für mich eine Gelegenheit, dem Alltag zu entrinnen – und nicht ständig unter der elterlichen Kontrolle zu leben», meint Gerald nachdenklich.

«Bis zu den Schulferien darf ich jetzt keine schlechten Noten nach Hause bringen», sagt Sonja bedeutungsvoll. «Sonst ist meine Mutter imstande und lässt mich nicht ins Lager gehen.»

Schlagartig verändert sich Sonjas Gesichtsausdruck. Sie zieht die Augenbrauen zusammen und sieht aus, als würde sie im nächsten Moment zu weinen beginnen. Gerald hat Mitleid mit ihr. Er rückt seinen Stuhl näher gegen Sonja, legt seine Hand auf ihre Schulter und sagt mit tröstenden Worten:

«Es wird sich schon geben. Wenn du die Mutter mit guten Leistungen zufriedenstellen kannst, hast du nichts zu befürchten. Ich helfe dir so gut ich kann!»

Sonja schmeißt den Bleistift auf den Tisch, dass die Spitze wieder abbricht. «Ich hasse Physik! Immer höre ich dasselbe: Du musst an dein Berufsziel denken.»

Nach einer Weile meint Gerald: «Ich sehe keinen Anlass, dass du dein Berufsziel verfehlen solltest. Bisher hast du im Gymnasium und auch schon in der Oberstufe nie eine ungenügende Note geschrieben. Also …»

«Meine Mutter will, dass ich mich mehr mit Mathe und Physik befasse. Sie findet, was ich mache, sei zu wenig. Jetzt will sie noch meine Freizeit einschränken! Mit Heidi treffe ich mich nur ab und zu in der Berghütte am Wochenende.» Sonja greift sich mit beiden Händen an den Kopf. Mit erhöhter Stimme ruft sie aus: «Da gibt es doch kein Einschränken mehr! Am Ende streicht sie mir noch den Samstagnachmittag bei den Pfadfindern. Das würde mein Herz brechen. Heidi fragte mich neulich, ob wir uns nicht öfter treffen wollen. Leider wohnt sie nicht hier im Quartier.»

«Deine Freundin steht auch alle Tage im Laden ihrer Bäckerei und muss Kunden bedienen … Sie hat auch nicht viel Freizeit. Lässt dir dein Vater mehr Freiheit?»

«Er ist großzügig – nur selten mischt er sich ein. Durch seine anspruchsvolle Arbeit bei der Stadtverwaltung bedingt, überlässt er viele Entscheide der Mutter.»

«Wollen wir die letzte Aufgabe noch lösen? Die Zeit ist vorgerückt», fragt Gerald nachdenklich.

Widerwillig und mit finsterem Blick beugt sich Sonja über das Aufgabenblatt. Auch wenn sie sich für Physik nicht begeistern kann, kommt sie nicht umhin, alle Gehirnzellen für diese Materie zu mobilisieren. Sie versucht sich zu konzentrieren, aber heute, gerade in diesem Moment gelingt es ihr nicht. Immer wieder ist sie mit ihren Gedanken im Zeltlager.

«Hast du übrigens die Checkliste schon abgehäkelt?», fragt sie, indem sie das gelbe Blatt auf dem Schreibtisch ergreift und Gerald hinhält.

Falten bilden sich zwischen Geralds Augenbrauen. «Ich besitze keinen Schlafsack. Ein solcher wird von der Lagerleitung empfohlen. Als ich meine Eltern darauf aufmerksam machte, winkte meine Mutter sogleich ab. Viel zu teuer, meinte sie. Der Vater blies ins gleiche Horn. Ich habe im Militär Schlimmeres erlebt, als auf einem Zeltboden zu schlafen. Ich sagte ihm, er könne das Militär nicht mit einem Pfadfinderlager vergleichen. Darauf ging er jedoch nicht ein. Ein Schlafsack sei Luxus und den könnten wir uns in dieser Zeit nicht leisten.»

«Ich habe Probleme mit der Mutter und du mit dem Vater», seufzt Sonja sorgenvoll.

«Wie verbringst du die Wochenenden in der Berghütte?», möchte Gerald wissen.

«Natürlich im Schlafsack. Meine Eltern haben ihn angeschafft, weil im Winter die Temperatur in der Berghütte oft tief ist. Ein Schlafsack ist etwas Tolles – darin eingewickelt, schlafe ich wie ein Murmeltier. Ich zeige ihn dir sogleich … nur noch schnell die letzte Physikaufgabe.»

Mit Geralds Hilfe wird das Thema Physik für heute abgeschlossen. Sonja kritzelt nur noch schnell ein paar Zahlen in das Aufgabenheft, dann holt sie aus dem Wandschrank eine dicke, hellgraue Rolle.

«Das ist mein Schlafsack», sagt sie und breitet ihn auf dem Zimmerboden aus. «Schlüpf hinein!», fordert sie Gerald auf.

Ohne etwas zu sagen, zieht Gerald die Schuhe aus und legt sich auf den Boden. Nur noch herausfinden, wo man reinschlüpfen muss, dann kann sich Gerald gut vorstellen, wie es sich im Zeltlager schlafen lässt.

«Einfach toll! So was muss ich auch haben. Ich probiere noch einmal, meine Eltern von den Vorzügen zu überzeugen.»

«Sie werden sicher einsehen, dass du nicht auf dem harten Zeltboden schlafen kannst», meint Sonja.

«Mein Vater wird schwer zu überzeugen sein.»

4

Montagmorgen. Gerald ist um sechs Uhr wach. Er liegt rücklings auf dem Bett und starrt an die Decke. In seinen Gedanken stellt er sich vor, was ihn wohl im Zeltlager erwartet: Viele Zelte auf einer großen Wiese – am Abend bei Dunkelheit, Pfadfinder, welche um ein Lagerfeuer sitzen …

Die Mutter platzt ins Zimmer und unterbricht Geralds Träumerei: «Hast du immer noch Kopfschmerzen?», fragt sie einfühlsam.

«Die Kopfschmerzen ja, aber … », Gerald schluckt zweimal leer, macht ein komisches Gesicht und sagt, auf seinen Hals zeigend: «Ein bisschen Schluckweh.»

«Das gefällt mir nicht», sagt die Mutter mit sorgenvollem Gesicht.

Aus dem Küchenschrank holt sie eine kleine Schachtel, welcher sie einige schwarze Tabletten entnimmt.

«Hier, steck ab und zu eine Tablette in den Mund und lutsch sie. Mir haben sie geholfen. Die Schachtel kannst du mitnehmen!»

Gerald liest auf der Schachtel: Lakritz-Tabletten. Ohne etwas zu sagen, steckt er die Schachtel in seine Hosentasche. Eine Tasse Kakao und das Butterbrot, welches die Mutter zubereitet hat, scheinen das Schluckweh ein bisschen zu verdrängen. Mehrmals geht Gerald ungeduldig zum Fenster, um sich zu vergewissern, ob Sonja vor dem Haus auf ihn wartet.

Dann endlich ist es so weit. Mit einigem Gepäck beladen, begeben sich Gerald und Sonja zur Busstation, wo der Gruppenleiter sie empfängt. Sie sind nicht die Ersten. Mehrere Kollegen von Gerald sind schon Vorort. Gerald fällt auf, dass einer von ihnen – es ist Rico – nur einen halbgefüllten Rucksack am Rücken trägt.

«Ist das dein ganzes Gepäck?», fragt Gerald bei der Begrüßung.

«Ich brauch nicht mehr!», antwortet Rico trocken.

«Dann bin ich nicht der Einzige, der keinen Schlafsack besitzt.»

«Ganz unkompliziert, schlafe ich einfach auf einer Decke.»

Sonja, die nur zuhört, schüttelt den Kopf.

Als der gecharterte Autobus vorfährt, sind fast alle Pfader aus der Region eingetroffen. Gerald fasst Sonja an der Hand und zieht sie zum Eingang. Er will sicherstellen, dass sie nebeneinandersitzen.

Auf der Fahrt mag Gerald nicht viel reden. Das Schluckweh ist wieder da und er fühlt sich müde. Am liebsten möchte er ein wenig schlafen, aber er lässt sich nichts anmerken. Nach einer Weile sagt er leise zu Sonja: «Meine Mutter hat mir Lakritz-Tabletten mitgegeben. Die sollen die Halsschmerzen lindern … wo habe ich sie hingesteckt?»

Gerald greift in seine Hosentasche … er sucht überall, aber er findet sie nicht. «Das ist ärgerlich! Jetzt, da ich sie gebrauchen könnte, fehlen sie mir!»

«Hast du sie zu Hause zurückgelassen?», fragt Sonja.

«Ich kann mich erinnern, sie eingesteckt zu haben.»

«Sind die Schmerzen stärker geworden?»

Gerald verzieht sein Gesicht: «Manchmal sind sie schwächer – dann wieder stärker.»

«Hoffentlich wird das nicht noch schlimmer», sagt Sonja sorgenvoll.

«Es ist ein ungeschickter Moment. Im Zeltlager werden die Nächte kühler sein und ich muss auf dem Boden schlafen», brummt Gerald.

«War dein Entscheid, eine Woche im Zeltlager zu verbringen, etwas voreilig? »

«Ach was», entfährt es Gerald leicht gereizt. «Als der Entscheid fiel, war mein Hals noch in Ordnung.»

«In den letzten Tagen hast du nie von Halsschmerzen gesprochen!»

«Erst gestern Morgen sind sie aufgetreten!»

Den Kopf vornüber geneigt und mit geschlossenen Augen sitzt Gerald neben Sonja, die ihn aus den Augwinkeln beobachtet. Ab und zu macht er eine auffällige Schluckbewegung und verzieht dabei schmerzlich sein Gesicht. Sprechen mag er nicht mehr.

Die Fahrt in die Voralpen dauert länger als eine Stunde. Gerald ist froh, als der Bus sein Ziel am Thunersee, an dessen Gestaden sie die Zelte aufrichten wollen, erreicht. Er hat sich auf die Busfahrt, die er nur selten erlebt, gefreut; die heutige Fahrt hat er nicht genossen. Wortlos nimmt er beim Aussteigen Sonja die Schlafsackrolle ab.

«Bist du mir böse?», fragt er Sonja in die Augen blickend.

«Nein, ich … deine Gesundheit.», stammelt sie etwas bedrückt.

Optimistisch, wie er ist, meint Gerald: «Mach dir keine Sorgen. Es wird schon gehen.»

Eine mit Wildblumen übersäte Wiese trennt einen lichten Erlenwald vom Seeufer. Der lichte, mit viel Moos bewachsene Wald ist der ideale Ort für ein Zeltlager. Der Boden ist schön weich und das macht einen Schlafsack schon fast überflüssig.

Der größere Teil der anwesenden Pfader sind Junge. Die wenigen Mädchen sind in einem separaten Zelt, das sich unmittelbar neben demjenigen der Lagerleitung befindet, untergebracht. Beim Einrichten des Lagers fühlt sich Gerald nicht gut. Die Kopfschmerzen sind zurückgekommen und im Hals kratzt es bei jedem Schluck. Wenn das so weitergeht, kann Gerald die feine, auf dem Lagerfeuer zubereitete Suppe nicht genießen.

Als die Mädchen zum Holzsammeln gehen, schließt sich Gerald ihnen an – unaufgefordert. Er will sein Unwohlsein von den anderen verstecken; nur Sonja hat Kenntnis davon. «Ich glaube nicht, dass du Fieber hast», sagt sie und legt ihre Hand auf Geralds Stirn.

«Ist das die Diagnose einer zukünftigen Tierärztin?»

Sonja lacht: «Du bist noch aufgelegt zum Witzemachen; dann bist du nicht krank! Simulierst du am Ende noch?»

«Nein! Die Kopfschmerzen sind zeitweise da und das Schluckweh auch, sonst nichts.»

«Warum gehst du nicht zum Samariter? Er hat sicher etwas für die Kopfschmerzen.»

«Nein, ich will nicht zum Samariter gehen. Auf dem Anmeldeformular stand, man müsse gesund sein, um an diesem Lager teilnehmen zu können. Wenn ich mich jetzt schon krankmelde, schickt er mich gleich nach Hause. Es wird mir morgen sicher wieder bessergehen.»

«Möchtest du, dass ich es ihm sage?»

«Nein, nein, auf keinen Fall!», sagt Gerald leicht gereizt. «So was heilt nicht von einer Stunde auf die andere. Drück mir die Daumen, dass ich morgen ohne Halsschmerzen aufstehen kann.»

Im Wald herumirrend, finden die Pfader nur wenig Holz; viel zu wenig, um mehrere Tage ein Feuer entfachen zu können. Abhilfe schafft der Lagerleiter, der mit einigen Jungen einen kleinen, dürren Baum fällt. Beim Zersägen des armdicken Stammes in kurze Stücke muss sich auch Gerald beteiligen. Sonja und ihre Kolleginnen tragen das Holz zur Feuerstelle.

Gerald muss öfters eine Pause einlegen. Das Atmen fällt ihm nicht leicht. Er steht nur herum und guckt in das Blätterdach der Bäume, als ob es dort etwas Interessantes zu sehen gäbe. Dabei schluckt er leer und verzieht schmerzerfüllt das Gesicht. Dem ganz in der Nähe arbeitenden Lagerleiter fällt Geralds komisches Verhalten auf.

«Fehlt dir etwas?»

«Oh … beim Schlucken», sagt Gerald auf seinen Hals zeigend.

«Ist es schlimm?»

«Es geht.»

Gerald will nicht zugeben, dass er sich schwach fühlt; dass er sich am liebsten niederlegen möchte und dass er nur mit starken Schmerzen schlucken kann. Wenn es nur schon Zeit wäre zum Schlafen, denkt er. Dann kommen ihm die Tabletten wieder in den Sinn, die ihm die Mutter mitgegeben hat. Die würden bestimmt helfen, die Schmerzen zu lindern.

«Ich erinnere mich, die Lakritze zu Hause in die Hosentasche gesteckt zu haben», sagt er zu Sonja, als sie auf ihn zukommt.

«Frag doch den Samariter!», sagt Sonja etwas gereizt. «Du musst etwas tun!»

Das hörte auch der Leiter: «Den Samariter findest du im großen Zelt!», ruft er rüber.

Gerald schleicht kopfhängend davon. Er begibt sich in sein Zelt zu seinem Liegeplatz und beginnt den Rucksack zu durchwühlen. Irgendwo muss doch die Lakritze sein, sagt er halblaut zu sich.

In einer Seitentasche kommt zum Vorschein, was ihm die Mutter sorgenvoll mitgegeben hat: die Lakritze. Schnell schiebt er eine Tablette in den Mund – und hofft auf Besserung. Gerald überlegt, ob er nicht doch besser den Samariter aufsuchen sollte. Es kann ihm sonst niemand helfen. Die Mutter ist weit entfernt – und Sonja hat zu wenig Erfahrung; sie ist hilflos. Gerald setzt sich auf den Zeltboden. Einen Moment schließt er die Augen. Er denkt an Sonja und wie sie ziemlich hässig sagte: Frag doch den Samariter. Geht er seiner Freundin auf die Nerven? Jetzt, in diesem Moment, kommt sich Gerald ziemlich verlassen vor. Er denkt über sein langjähriges Verhältnis mit Sonja nach. Noch nie hat er seine Freundin umarmt und mit ihr Zärtlichkeiten ausgetauscht – und jetzt diese hässige Reaktion gegen ihn … fühlt Sonja nicht so wie er?

Draußen hört er Stimmen. Mit einem Ruck steht er auf den Beinen, verlässt das Zelt und geht den Samariter suchen. Im großen Zelt findet er niemand. Eine Weile sucht er noch erfolglos bei den anderen Gruppen, dann geht Gerald unverrichteter Dinge zu seinen Kameraden.

Sonja ist bei der Feuerstelle beschäftigt. Sie hat sich mit einer Kollegin für die Zubereitung der Mahlzeiten gemeldet.

«Möchtest du Kartoffeln schälen?», ruft Sonja Gerald zu, als sie ihn erblickt. Gerald ist nicht abgeneigt. Auf dem moosbewachsenen Boden sitzend, schält er Kartoffeln und schneidet Kohl in schmale Streifen.

Später beim Essen der nahrhaften Gemüsesuppe ist Gerald zurückhaltend. Nur einige Löffel davon kann er einnehmen. Das Schlucken ist zu stark mit Schmerzen verbunden.

Der Samariter ist auch zum Essen erschienen. Sonja, die neben Gerald sitzt und sieht, wie er bei jedem Schluck sein Gesicht verzieht, macht ihn darauf aufmerksam. Gerald wartet ab. Erst als er sieht, dass der Samariter sich erhebt und im Begriff ist, sich zu entfernen, geht er auf ihn zu und klagt ihm mit wenigen Worten sein Problem.

«Komm mit mir ins Samariterzelt», fordert er Gerald auf.

«Hast du schon lange Schluckweh?», fragt der Samariter, im Zelt angelangt.

«Äh … seit gestern. Ich habe dem keine große Bedeutung beigemessen.» Seine Stimme klingt wie berstendes Eis.

«Öffne den Mund und strecke die Zunge raus!»

Gerald befolgt die Anweisung des Samariters und öffnet den Mund soweit er kann.

«Der Gaumen ist ganz rot – eine Entzündung! Ich besitze leider keine Medikamente. Komm morgen früh noch einmal zu mir, dann entscheiden wir, was zu tun ist.»

Gerald ist es schrecklich peinlich. Mit gesenktem Kopf geht er zurück zu seinem Zelt, wo er sich wieder auf den Boden setzt. Die Knie angezogen, lässt er den Kopf vornüber hängen. Er weiß schon, was ihm morgen früh blüht. Er mag nichts unternehmen; es fehlt ihm der Antrieb – die nötige Energie. Eine ganze Weile hängt er seinen Gedanken nach, bis plötzlich Sonja am Zelteingang erscheint.

«Das Lagerfeuer brennt, wir müssen uns alle dort versammeln. Kommst du auch?»

Auf allen Vieren kriecht Gerald aus dem Zelt, blickt Sonja in die Augen und nickt nur. Dann nimmt er sie an der Hand und zieht sie in die Richtung des Lagerfeuers. Die Feuerstelle inmitten der Wiese ist gut eingerichtet. Sie wurde von der an diesem Ort zuständigen Gemeindebehörde errichtet und wird vielseitig genutzt.

Mit erhobener Stimme gibt der Lagerleiter Anweisung, wie man sich gruppenweise um das Feuer setzen soll. In zwei großen Kreisen um das Feuer sitzend hören sie vom Lagerleiter, was in den nächsten Tagen alles ablaufen wird.

Sonja versucht immer wieder, Gerald etwas aufzumuntern und ihn zum Sprechen zu bewegen. Es steckt einfach etwas in dem so gesprächigen Jungen, das ihn daran hindert. Nur ab und zu dreht er den Kopf; dann kreuzen sich ihre Blicke. Einen Moment starrt Gerald Sonja an, als käme sie von einem anderen Planeten. Sie streicht mit ihrer Hand über Geralds Stirn und meint: «In dir steckt ein Ofen; vielleicht hast du Fieber. Ist das Sprechen schmerzhaft?»

Gerald nickt. Die Lakritze hat ihm nicht sehr geholfen – er benötigt stärkere Medikamente. Die Halsschmerzen überfallen ihn nicht zum ersten Mal. Schon früher, als er noch zur Oberschule ging, hatte er einmal mit ihnen zu kämpfen. Damals sprach der Hausarzt von einer Angina, die ihn zwang, der Schule eine ganze Woche fernzubleiben. Ob dasselbe sich jetzt wiederholt?, fragt sich Gerald.

Inzwischen ist es dunkel geworden. Geralds Blick schweift über den See. Er zählt die zahlreichen Lichter am entfernten Ufer und hört nur noch mit einem Ohr, was der Leiter sagt. Erst als dieser das Programm für den nächsten Tag verkündet, wird Gerald wieder voll aufmerksam.

«Schon am zweiten Tag ein Orientierungslauf», sagt Sonja erfreut. Hoffentlich geht es dir morgen besser, dass du mitmachen kannst.»

«Ich weiß nicht …», sagt Gerald traurig.

Der Kreis um das Lagerfeuer beginnt sich aufzulösen. Alle folgen den Anweisungen des Leiters und suchen ihren Liegeplatz auf. Gerald ist froh, dass er sich hinlegen kann. Er fühlt sich müde und abgespannt. Sonja wünscht ihm eine gute Nacht. Sie bedauert es zutiefst, Gerald jetzt nicht behilflich sein zu können; etwas für ihn zu tun, jetzt, wo er Hilfe benötigt. Als sie voriges Jahr bei einer Bergwanderung einen Fehltritt machte und dabei den linken Fuß verstauchte, hat Gerald ihr beigestanden. Jedoch seine Halsentzündung kann sie nicht wegzaubern. In diesem Moment wird in ihr wieder der Wunsch wach, Ärztin zu werden.

Gerald wickelt sich gut in die mitgebrachte Wolldecke ein. Auf dem Zeltboden zu liegen, ist für ihn kein Problem. Der mit Moos bedeckte Waldboden ist weich und bietet eine angenehme Unterlage. Das kommt Rico zugute, der wie Gerald auch keinen Schlafsack besitzt. Die Wolldecke jedoch leistet ihm mit seinem entzündeten Halse guten Dienst, denn vom See her weht eine kühle Brise.

Die Nacht verbringt Gerald unruhig.

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