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Spirit Animals, Band 3: Das Böse erhebt sich

Für alle pelzigen, gefiederten, geschuppten
und mit Flossen besetzten Freunde,
die mein Leben bereichern.
GN.

Für Skipper und Jumpy, die Frösche,
die uns besucht haben, für ihre Besitzerin Amelia
und für Amelias Zwillingsbruder Orlando.
SW.

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DAS GROSSE BAMBUSLABYRINTH

Bambusstämme ragten über Meilin auf, verdeckten die Sonne und warfen tiefe Schatten auf die beiden sich kreuzenden, schmalen Wege des Großen Bambuslabyrinths. Meilin blieb stehen und starrte sie böse an. Schon wieder musste sie sich entscheiden. Sie wollte nicht einmal vor sich selbst zugeben, dass sie irgendwo vor ein paar Kilometern falsch gegangen war und sich inzwischen hoffnungslos verirrt hatte.

Als sie damals überlegt hatte, wie sie am besten nach Zhong gelangen würde, war sie so froh gewesen, dass ihr das Labyrinth eingefallen war. Dort, wo die Mauer nicht verlief, hatte man den Bambuswald eigens zur Verteidigung angelegt. Nur ausgewählte Kuriere und hohe Beamte kannten die geheimen Wege, die durch den viele Kilometer breiten Wald aus fünfzehn Meter hohem Bambus führten. Meilins Vater, General Teng, war natürlich eingeweiht und er hatte Meilin schon vor Jahren erklärt, wie man vom nördlichen Eingang her nach Zhong gelangte.

„Zuerst zehnmal links abbiegen“, sagte Meilin leise vor sich hin. „Dann zehnmal rechts, dann links, rechts, viermal links und dreimal rechts.“

Sie hatte diese Anweisungen genau befolgt und war trotzdem nicht auf der anderen Seite des Labyrinths herausgekommen. Schlimmer noch, sie hatte darauf vertraut, dass sie den Weg an einem Tag schaffen würde. Dafür hätten die lederne Trinkflasche, die sie am Eingang an einem Bach gefüllt hatte, und die beiden Reiskuchen auch vollkommen ausgereicht.

Doch jetzt war bereits der Vormittag des dritten Tages angebrochen. Die Wasserflasche war leer, an die Reiskuchen konnte sie sich kaum noch erinnern. Und davor war sie schon per Schiff und Karawane eine Woche durch Eura unterwegs gewesen, versteckt in staubigen Kisten und rattenverseuchten Frachträumen. Zu Hunger und Durst kam die Enttäuschung über ihr Versagen. Nur die vage Hoffnung, dass ihr Vater noch lebte und sie ihn finden würde, hielt sie auf den Beinen.

Wütend schlug sie mit ihrem Kampfstab gegen einen Bambusstamm. Sie schlug so heftig zu, dass der zehn Zentimeter dicke Stamm abknickte. Jedoch hinterließ er in dem dichten Wald nicht einmal eine Lücke. Hier gab es nur endlos hohen Bambus, den schmalen Weg und irgendwo hoch über ihr die Sonne.

Zum ersten Mal dachte sie daran, dass sie womöglich nicht lebend aus dem Labyrinth herauskommen würde. Sie, die Tochter von General Teng, in einem Bambuswald verdurstet! Eine unerträgliche Vorstellung!

Ein Jucken an ihrem Unterarm lenkte sie ab. Sie schob den Ärmel hoch und betrachtete nachdenklich das Tattoo der schlafenden Pandabärin. Sie hatte ihr Seelentier Jhi für den Weg durch das Große Bambuslabyrinth in den Ruhezustand versetzt, aus Furcht, es könnte zu langsam gehen. Jetzt hatte sie andere Sorgen.

„Dann komm eben raus!“, befahl sie. „Komm raus und mache dich nützlich. Vielleicht kannst du ja für mich eine Schneise durch den Bambus fressen!“

Ein Blitz zuckte auf und im nächsten Moment spürte sie etwas Pelziges an ihrer Seite. Jhi stand neben ihr. Die Pandabärin drückte sie gegen einige besonders dicht zusammenstehende Bambusstämme, die unter ihrem Gewicht erzitterten.

„He, pass doch auf!“, protestierte Meilin. Sie spürte, wie etwas ihr Gesicht berührte. In der Annahme, es handle sich um ein Insekt, wischte sie es weg, doch im nächsten Augenblick streifte etwas ihre Hand. Sie blickte nach oben und sah, dass von der Spitze des Bambus zarte weiße Blüten wie kleine, warme Schneeflocken zu ihr herunterfielen.

Bambusblüten.

Das hatte sie noch nie gesehen. Sie wusste, dass Bambus nur alle fünfzig, sechzig oder auch hundert Jahre blühte. Anschließend gingen die Pflanzen ein.

Meilin starrte zu den Wipfeln hinauf. Alle Stängel blühten. In ein oder zwei Wochen würden sie vertrocknen, Risse bekommen und umstürzen. Bis dahin würden Blüten den Waldboden bedecken und als seltenes Festessen scharenweise Ratten und andere Tiere anlocken.

„Das Labyrinth stirbt“, flüsterte sie.

Damit verlor ein weiterer Teil von Zhong seinen letzten Schutz. Die Eroberer waren durch die Mauer in ihr armes Land eingefallen. Bald gab es auch das Labyrinth nicht mehr. Vielleicht hatte der große Schlinger die Blüte ja irgendwie verursacht.

Jhi setzte sich schwerfällig und wollte Meilin mit ihrer Tatze neben sich auf den Boden ziehen.

„Ich kann jetzt nicht ausruhen!“, protestierte Meilin. „Ich muss überlegen, wie wir hier rauskommen!“

Sie schob die Tatze weg und folgte dem Weg ein paar Schritte nach links. Dann blieb sie zögernd stehen, drehte um und ging einige Schritte nach rechts. Jhi machte ein schnüffelndes Geräusch.

„Lachst du etwa?“, rief Meilin empört. „Unsere Lage ist ernst! Ich habe mich verirrt und habe nichts mehr zu essen und zu trinken. Womöglich sterbe ich hier!“

Jhi klopfte auf den Boden neben sich, eine sehr menschliche Geste, die Meilin an ihren Vater erinnerte. Das hatte er immer gemacht, wenn sie sich neben ihn setzen und einen Ratschlag anhören sollte. Was hätte sie nicht darum gegeben, ihn jetzt um Rat fragen zu können.

„Lass das, ich habe keine Zeit zum Sitzen!“, schimpfte sie.

Im Grunde war es egal, in welche Richtung sie ging. Sie hatte die Orientierung vollkommen verloren. Jetzt zählte vor allem rasches Handeln. Sie musste aus dem Labyrinth herauskommen, bevor sie verhungerte und verdurstete.

Sie rannte los, überzeugt, dass sich das Dickicht gleich lichten würde. Dass sich eine Wiese auftun und Zhong offen vor ihr liegen würde.

Jhi machte wieder ein Geräusch, aber Meilin ignorierte es. Ihr Seelentier nützte ihr wieder einmal überhaupt nichts. Hätte sie doch Essix dabeigehabt! Ein Falke konnte fliegen und den Weg von oben finden.

„Man könnte meinen, dass ein Panda in einem Bambuswald irgendwie nützlich wäre“, murmelte Meilin. Sie lief noch einmal fünfzig Meter und stand vor der nächsten Kreuzung. Wieder konnte sie nach links, nach rechts oder geradeaus gehen. Die Wege sahen alle gleich aus: schmal und gerade und gesäumt von hohen Bambusstämmen.

Meilin blieb stehen und blickte zurück. Jhi war ihr gemächlich gefolgt. Gerade hob sie eine Tatze und zog mühelos einen Bambusstängel zu sich herunter, bis er brach. Der Stängel landete auf dem Weg hinter Meilin und bedeckte den Boden mit Blüten. Jhi beugte sich darüber und begann zu fressen. Mit ihren Tatzen stopfte sie sich große Mengen von Zweigen, Blättern und Blüten ins Maul.

Meilin spürte ihren Hunger immer schmerzhafter. Wenn sie nicht so ausgedörrt gewesen wäre, wäre ihr das Wasser im Mund zusammengelaufen. Am zweiten Tag hatte sie etwas Bambus gekostet, davon aber Magenkrämpfe bekommen und sich anschließend noch hungriger gefühlt. Der Bambus war zu trocken und sie sah nirgends frische Schösslinge, die leichter zu verdauen gewesen wären.

„Man muss hier doch irgendwie rauskommen“, flüsterte sie und blickte ratlos zwischen den Wegen hin und her. Sie glichen einander wirklich wie ein Ei dem anderen. Das letzte Mal war sie nach rechts gegangen, also würde sie diesmal nach links gehen. Links, dann bei der nächsten Kreuzung wieder rechts und so weiter. Im Zickzack, das war am besten. Dann musste sie irgendwann den Ausgang finden.

„Komm“, sagte sie zu Jhi.

Diesmal rannte sie nicht, dazu fehlte ihr die Kraft. Aber sie ging schnell, ohne auf ihren knurrenden Magen, den trockenen Hals und die schwüle Hitze zu achten.

„Ich finde hier schon heraus“, flüsterte sie. „Ich werde Zhong erreichen und gegen den Schlinger und unsere Feinde kämpfen.“

Doch ein leises Stimmchen in ihrem Kopf erhob dagegen den immer gleichen entmutigenden Einwand.

Ich werde sterben. Ich habe mich verirrt und werde sterben.

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EIN MEERESBOTE

Conor kauerte am Bug der Telluns Stolz, des schnellsten Schiffs in der Flotte der Grünmäntel. Jedes Mal, wenn das Schiff frontal gegen einen Brecher krachte, wurde er von der Gischt durchnässt, aber wenigstens war er mit seinem Elend allein. Die Nässe war eine geringe Strafe für das, was er getan hatte. Er hatte den Eisernen Eber, den Talisman von Rumfuss, dem Feind übergeben … Conor war zwar immer noch davon überzeugt, keine andere Wahl gehabt zu haben – schließlich hatte er doch seine Familie retten müssen! Trotzdem schämte er sich furchtbar und war verzweifelt.

Zum wiederholten Mal fragte er sich, ob nicht alles ein großer Irrtum war. Er war doch eigentlich zum Hirten geboren! Nie im Leben war er ein Grünmantel und schon gar nicht der Partner eines Großen Tiers. Er war nicht zum Helden bestimmt, aber Erdas brauchte Helden, die die Talismane von den Großen Tieren einsammelten und den großen Schlinger besiegten.

Conor spürte die sanfte Berührung spitzer Zähne im Nacken. Er kannte diese Zähne, sie gehörten Briggan. Briggan packte ihn am Kragen und wollte ihn wie einen verirrten Welpen aus seinem Versteck ziehen.

„Ich komme ja schon“, sagte Conor mit einem Seufzer.

Der Wolf ließ ihn los und machte ein paar Schritte rückwärts.

„Was ist denn?“

Briggan drehte sich um und lief mit trommelnden Pfoten zu der Leiter, die vom Vordeck zum Hauptdeck hinunterführte. An ihrem oberen Ende angelangt, blickte er zurück und starrte Conor mit seinen durchdringenden blauen Augen an.

Conor sah an ihm vorbei. Gleich hinter dem Großmast standen Tarik, Rollan und Abeke in einem Halbkreis, der zwei deutlich sichtbare Lücken hatte. Oder wenigstens sah Conor sie deutlich. An einer hätte er stehen sollen,weshalb Briggan ihn jetzt holte. An der zweiten fehlte Meilin. Meilin, die nie allein nach Zhong aufgebrochen wäre, wenn Conor nicht gegenüber dem Grafen von Trunswick nachgegeben und alles verdorben hätte …

Einen Moment lang betrachtete er seine Gefährten. Tarik, ihr Lehrer und Anführer, war ein erfahrener älterer Grünmantel und in ganz Erdas berühmt. Neben ihm stand Rollan, der Junge aus der Großstadt mit dem flotten Mundwerk. Er grinste und schien nicht darauf zu achten, was Tarik sagte, ganz im Gegensatz zu Abeke. Abeke war ernst und gewissenhaft und machte gern alles richtig. Doch als Conor den Talisman weggegeben hatte, war sie ihm gegenüber verständnisvoller gewesen als die anderen. Vielleicht deshalb, weil sie als Jägerin in sich ruhte und mit Menschen genauso geduldig umging wie mit Tieren.

„Conor, komm doch zu uns!“, rief Tarik. „Wir wollen wieder mithilfe von Arax’ Talisman den Mast hochklettern. Du kannst es als Erster versuchen.“

„Ich dachte, diesmal wäre Abeke als Erste dran“, sagte Rollan und warf Conor einen Blick zu. Er gab sich keine sonderliche Mühe, seine Verachtung zu verbergen, und Conor zuckte zusammen. Früher hatte er Rollan für einen Freund gehalten, aber jetzt nicht mehr. Nicht seit Meilins Verschwinden.

„Es stimmt, Abeke ist dran“, sagte er und ging zu der Gruppe. „Sie kann sowieso besser springen als ich.“

„Deshalb üben wir ja“, erklärte Tarik freundlich. „Für die Suche nach dem nächsten Talisman müsst ihr in Form sein.“

„Nach welchem Talisman denn?“, fragte Abeke. „Wir wissen ja noch gar nicht, wo wir suchen sollen.“

„Und selbst wenn wir es wüssten“, fiel Rollan ein, „würde Conor ihn wahrscheinlich sowieso gleich wieder den Eroberern schenken!“

„Genug jetzt!“, rief Tarik streng. „Wenn wir wieder in Greenhaven sind, erfahren wir sicher mehr. Lenori hat bestimmt ein Großes Tier ausfindig gemacht.“

„Es tut mir wirklich schrecklich leid“, sagte Conor. Er konnte es nicht ertragen, wie Rollan seinem Blick auswich. „Das weißt du doch … aber meine Eltern und Geschwister …“

„Ihr immer mit euren Familien“, brummte Rollan. „Da bin ich ja geradezu froh, dass meine sich frühzeitig abgesetzt hat.“

„Die Menschen, die wir lieben, machen uns stark“, sagte Abeke, „aber zugleich auch schwach. Wenn ihr Leben in Gefahr ist, ist es schwer, sich richtig zu entscheiden.“

Rollan sah sie überrascht an. „Du findest also, Conor hat alles richtig gemacht?“

„Ich sage nur, dass solche Dinge eine Rolle spielen.“ Abekes böser Blick galt beiden. „Solange die Eroberer nicht besiegt sind, sind alle in Gefahr. Alle Familien, auch meine.“

Conor biss sich auf die Lippen. Diesen Vorwurf hatte er verdient. Er streckte die Hand aus, um Briggan den Nacken zu kraulen. Sein struppiges Fell zu spüren, beruhigte ihn immer. Doch seine Finger fassten ins Leere. Briggan stand nicht mehr neben ihm. Das lag vielleicht nur daran, dass eine besonders große Welle das Schiff erfasst und den Wolf ins Taumeln gebracht hatte. Aber Conor hatte das Gefühl, als ginge sogar sein Seelentier auf Distanz zu ihm.

„Abeke hat Recht“, sagte Tarik. Er klang wie immer ruhig, sprach aber mit großem Nachdruck. „Deshalb ist es ja so wichtig, dass wir uns gut vorbereiten. Hier ist der Talisman. Mal sehen, wie schnell ihr zum Mastkorb raufkommt.“

„Darf Uraza mir helfen?“, fragte Abeke. Ihr Leopard befand sich im Ruhezustand und war nur als Tattoo auf ihrem Unterarm zu sehen. Uraza mochte das Meer nicht.

Tarik schüttelte den Kopf. „Diesmal nicht. Probiert, wie weit ihr nur mithilfe des Talismans springen könnt.“

Abeke nickte. Conor blickte ein wenig besorgt nach oben. Der Mastkorb war eine kleine Plattform und befand sich fast an der Spitze des vierundzwanzig Meter hohen Masts. Man erreichte ihn mithilfe der Webleinen, schmalen, netzähnlichen Leitern aus Seilen, die vom Deck zur Mastspitze hinaufführten. Doch Tariks Übung bestand darin, vom Deck zur ersten Rah hinaufzuspringen. Die Rundhölzer, die quer zur Fahrtrichtung am Mast befestigt waren, wurden Rahen genannt. Die erste Rah hing neun Meter über dem Deck. Erschwert wurde der Sprung durch das heftige Schlingern des Schiffs.

Wenn Abeke die Rah verfehlt, landet sie hoffentlich im Meer, dachte Conor. Es war besser, ins Wasser zu fallen, als auf dem Deck zerschmettert zu werden – außer man landete auf einem der Steinrückenwale, die das Schiff zogen.

„Konzentriere dich“, sagte Tarik. „Konzentriere dich darauf, die Kraft des Talismans für dich zu nutzen. Ziele ganz genau auf die Stelle der Rah, die du erreichen willst, und strecke die Hände rechtzeitig aus, damit du dich dort festhalten kannst.“

Abeke lockerte Schultern und Waden. Uraza konnte extrem gut springen und im Sprung sogar noch die Richtung ändern. Doch wie würde Abeke ohne Urazas Stärke zurechtkommen?

„Los!“, rief Tarik. Das Schiff tauchte gerade in ein Wellental ein.

Abeke sprang. Der Granitwidder, der Talisman von Arax, zog sie mit erstaunlicher Kraft und atemberaubender Geschwindigkeit in die Höhe. In einer kerzengeraden Linie flog sie ihrem Ziel entgegen wie ein perfekt abgeschossener Pfeil – doch dann merkte Conor, dass sie zu schnell flog und zu hoch gesprungen war. Sie würde an allen Seilen und Rahen vorbei- und sogar noch über die Mastspitze hinausfliegen, und dann auf der anderen Seite hinunterfallen!

Unter Conors entsetztem Blick zog Abeke verzweifelt die Knie an und machte einen Salto, um langsamer zu werden. Dann, als sie über die Mastspitze flog, streckte sie die Hände aus und packte ein dünnes Seil – die Fahnenleine, mit der die Grünmäntel, die Hüter Erdas’, ihre Fahne hissten. Einen Augenblick lang fürchtete Conor, die Leine könnte reißen und Abeke würde in den sicheren Tod hinabstürzen.

Doch die Leine hielt. Abeke flog um den Mast herum und knallte mit den Schienbeinen gegen die oberste Rah. Die Leine rutschte ihr durch die Hände, doch dann konnte sie sich wieder festhalten und schwang in die andere Richtung. Diesmal schlug ihr die Rah fast gegen den Kopf. Abeke wich ihr aus, indem sie einen zwar wenig eleganten, dafür aber zweckmäßigen Salto machte und sich mit den Füßen abstieß. Endlich wurde sie langsamer und konnte sich zum Mastkorb hinunterlassen. Von dort blickte sie zum Deck hinunter und winkte. Conor winkte erleichtert zurück.

„Der Talisman hat eine ganz schöne Kraft“, sagte Rollan.

Tarik nickte anerkennend. „Er verstärkt Abekes natürliche Begabung.“

„Klingt einleuchtend“, sagte Rollan. „Aber ein Wolf nützt einem da oben wahrscheinlich nichts.“ Er sah Conor an.

Conor versuchte herauszufinden, ob das als Scherz gemeint gewesen war, doch Rollan blickte schon wieder nach oben. Essix, die auf einem Tau gesessen hatte, war plötzlich mit einem lang gezogenen Schrei aufgeflogen.

„Hat sie etwas gesehen?“, fragte Conor.

Rollan zeigte nach Backbord, über das blaue Meer mit den weißen Schaumkronen hin zum gekrümmten Horizont. „Ich glaube, einen Vogel. Dort.“

Tarik hielt sich die Hand über die Augen und blickte in die Richtung. „Ich sehe nichts.“

„Doch, ein kleiner, tief fliegender schwarz-weißer Vogel“, fuhr Rollan fort. „Es sieht aus, als hüpfte er über die Wellen. Er kommt geradewegs auf uns zu. Essix hat doch nicht etwa Hunger? Ich habe sie heute Morgen gefüttert!“

„Das ist ein Sturmvogel“, sagte Tarik. „Ein Botenvogel, wie die Tauben aus Eura. Vermutlich von Olvan oder Lenori.“

Auf dem Deck hinter ihnen ertönte ein dumpfer Schlag und sie fuhren herum. Abeke kniete auf den Planken und stützte sich mit der Hand ab.

„Ich bin hinuntergeklettert und dann von der untersten Rah gesprungen!“, erklärte sie aufgeregt. „Ich wusste genau, dass das geht. Der Talisman hat meinen Sturz verlangsamt, ich bin wie eine Feder durch die Luft geschwebt. Wer will als Nächster?“

„Ich glaube, wir machen eine Pause“, sagte Tarik. „Wir bekommen eine Nachricht.“

„Ich kenne ein Lied über Sturmvögel“, sagte Rollan zögernd. „Bringen sie nicht schlechtes Wetter oder Unglück?“

Conor, der angestrengt über das Meer starrte, konnte endlich einen kleinen Vogel erkennen, der vom Wasser aufstieg. Er schien sich förmlich von den Wellen abzustoßen. Er landete auf der Reling und flog zu Tariks Hand weiter. Essix kam herunter und landete auf Rollans Schulter. Ihre durchdringenden bernsteingelben Augen begegneten dem aufgeregt hin und her wandernden Blick des Sturmvogels.

Tarik band vorsichtig eine kleine Bronzekapsel vom Bein des Vogels los, dann hielt er ihn hoch. Der Vogel flog mit einem schnatternden Laut auf und entfernte sich über das Meer.

„Da soll eine Nachricht drin sein?“, fragte Conor. „Die Kapsel ist doch viel zu klein.“

Doch Tarik nickte und öffnete die Kapsel mit einer Drehbewegung. Sie enthielt ein zusammengerolltes Stück Papier, das so groß war wie der Nagel seines kleinen Fingers. Er nahm es heraus und rollte es auseinander. Es war überraschend lang.

„Zwiebelschalenpapier“, erklärte er.

„Gibt es etwas Neues von Meilin?“, fragte Conor. Hoffentlich war ihr nichts zugestoßen. Sie waren jetzt seit einer Woche mit dem Schiff unterwegs, um sich in der Seefahrt zu üben und auf andere Gedanken zu kommen, aber vergeblich. Wenn es wenigstens eine gute Nachricht war, etwa, dass Meilin in Zhong eingetroffen und dort bei den Grünmänteln untergekommen war oder dass sie sich schon wieder auf dem Rückweg befand …

„In gewisser Weise ja“, antwortete Tarik. „Die Nachricht stammt von Olvan. ‚Von Meilin nichts Neues. Aber Aufenthaltsort von Dinesh bekannt. Neuer Befehl: Fahrt nach Kho Kensit, dort Treffen mit Boten im Gasthof zum hellen Mond vor dem östlichen Stadttor von Xin Kao Dai. Vorsicht, Gegner hat Stadt besetzt. Viel Glück!‘“

„Wo liegt das denn?“, fragte Rollan. „Ich dachte, wir würden nach Greenhaven zurückkehren oder wenigstens an einen Ort fahren, an dem es warm ist.“

„Kho Kensit ist eine Gegend am Rand von Zhong“, erklärte Tarik und runzelte die Stirn. Lumeo, sein Seelentier, ahmte ihn nach, bis sein kleines Ottergesicht ganz zerknautscht aussah. „Xin Kao Dai ist der nächstgelegene Hafen.“

„Aber wir können nicht einfach dort hinfahren“, wandte Conor ein. „Wenn die Eroberer das Land besetzt haben, brauchen wir dazu eine Armee!“

„Xin Kao Dai ist eine lebhafte Hafenstadt mit Reisenden aus ganz Erdas“, erwiderte Tarik. „Wenn wir uns verkleiden und uns nachts in einem Beiboot an Land bringen lassen …“

„Mit Verkleiden kenne ich mich aus“, rief Rollan. „In der Kajüte des Ersten Offiziers steht eine Kiste mit Kleidern. Dort finden wir bestimmt Mäntel, die nicht grün sind, und andere geeignete Sachen. He, wir könnten uns doch als Musikanten verkleiden! Die werden nie angehalten und durchsucht.“

„Aber wir haben keine Instrumente“, gab Tarik zu bedenken. „Und können auch keine spielen.“

„Wie wär’s mit Schattentheater?“, schlug Conor vor. „In Trunswick hat mal eine Truppe gastiert. Wir bräuchten nur ein großes Leintuch – wir könnten ein Segel nehmen –, müssten ein paar Figuren ausschneiden und eine große Laterne beschaffen. Die Truppe, die ich gesehen habe, hat eine Vorstellung über verschiedene Arten von Schafen gegeben. Ihr wisst schon, das Amayanische Schwarzbauchschaf, das Euranische Langhaarschaf …“

„Schattentheater mit Schafen!“, rief Rollan, als hätte er noch nie etwas so Dämliches gehört.

„Wir haben einen Tag Zeit zum Überlegen, wenn die Wale mit voller Kraft schwimmen“, sagte Tarik. „Ich informiere den Kapitän gleich über den Kurswechsel und frage ihn, ob er eine Idee hat.“

Abeke hatte unterdessen die Nachricht noch einmal gelesen.

„Dinesh ist doch der Elefant, stimmt’s?“, fragte sie und zeigte auf den kleinen Brief. „Also der Elefant, das Große Tier.“

Tarik nickte. „Und der Besitzer des Schieferelefanten, eines weiteren Talismans, den wir brauchen.“

Abeke sah Conor an.

„Und den wir diesmal behalten, wenn wir ihn haben, ja?“, meinte Rollan.

Conor nickte unglücklich.

„Natürlich“, sagte Tarik. „Aber jetzt sollten wir mit dem Training weitermachen, solange das Meer noch vergleichsweise ruhig ist. Wer will als Nächster?“

„Spring du“, sagte Conor hastig zu Rollan. „Mir … mir ist gerade ein wenig übel. Ich muss mich hinlegen.“

Er wandte sich ab und wäre fast über Briggan gefallen. Auf die Reling gestützt ging er zum hinteren Niedergang und stieg zu den Kajüten hinunter. Der Wolf folgte ihm geduldig.

Conor war nicht wirklich seekrank, er schämte sich nur. Wie konnte er trainieren, solange Rollan ihm so offensichtlich misstraute? Tarik und Abeke waren bemüht, ihn zu verstehen, das spürte er, aber nicht Rollan. Jedes Mal, wenn er etwas sagte, wies Rollan ihn gleich zurecht. Wie sollte er zusammen mit den anderen den Talisman eines Großen Tiers suchen, wenn Rollan ihm bei jeder Gelegenheit unter die Nase rieb, was für einen schrecklichen Fehler er mit dem Eisernen Eber gemacht hatte?

Zudem mussten sie heimlich in ein besetztes Land eindringen und sich mit einer Handvoll Gefährten gegen eine ganze Armee von Eroberern behaupten. Conor war kein Feigling, aber er wollte sich nicht ausmalen, was passieren würde, wenn sie dem Feind in die Hände fielen. Er hatte nicht nur um sich selbst Angst, sondern auch um Briggan und die anderen. Egal was sie von ihm hielten – er betrachtete sie inzwischen als seine Freunde. Bei der Aufgabe, die vor ihnen lag, mussten alle ihr Bestes geben. Und keiner durfte sich einen Fehler erlauben.

„Ich werde tun, was man von mir verlangt“, flüsterte er Briggan zu, als er auf dem schmalen Bett in seiner Koje saß. Er drückte den Wolf an sich. „Und ich zeige denen, dass ich das Zeug zu einem echten Grünmantel habe!“

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XIN KAO DAI

„Xin Kao Dai ist eine schöne Stadt“, hatte der Kapitän der Telluns Stolz gesagt. „Außerdem gibt es dort um diese Jahreszeit oft Frühnebel. In der Nähe der südlichen Landspitze liegt eine kleine Insel, dort werden wir nach Mitternacht ankern. Dann rudern wir euch zur Insel und von dort könnt ihr bei Niedrigwasser zum Festland waten. Geht zwischen den Fischreusen hindurch, dann gelangt ihr von selbst in das Fischerviertel.“

Zwei Tage später musste Rollan an die Worte des Kapitäns denken. Es war früher Morgen und er stand bis zur Hüfte im Wasser. Er wünschte, sie hätten einen Weg an Land gefunden, bei dem man nicht so schrecklich nass wurde. Wenigstens war das Meer warm.

Mit dem Nebel hatte Captain Darish Recht gehabt. Er hüllte Rollan grau und undurchdringlich ein und verschluckte die ersten, noch zögerlichen Sonnenstrahlen. Im Gegensatz zu dem Nebel, den Rollan von zu Hause kannte, war dieser Dunst warm, noch wärmer als das Meerwasser. Das hatte zwar den Vorteil, dass er nicht fror, dennoch fühlte Rollan sich unbehaglich. Die Feuchtigkeit sammelte sich zu Tropfen, die ihm den Nacken hinunter und in die Ohren liefen. Weitere Tropfen landeten in seinen Augen und er musste ständig zwinkern und den Kopf schütteln, um sie wieder loszuwerden.

„Echt ein toller Plan“, brummte er und watete schneller durch das Wasser, um mit Tarik mitzuhalten. Conor folgte hinter ihm, den Abschluss bildete Abeke. Sie hatten sich Bündel mit großen Schattenspielfiguren auf den Rücken geschnallt, deren Körperteile und Gliedmaßen über ihre Köpfe und seitlich hinausragten. In Tariks Bündel steckte außerdem noch eine große Sturmlaterne.

Abeke hatte die Idee gehabt, die Geschichte der Gefallenen zu erzählen. Sie hatte solche Stücke schon in Nilo gesehen, einmal mit der Schlange Gerathon. Die Schlange hatte aus dreißig Teilen bestanden. Sie konnte sich krümmen, über den Boden gleiten, das Maul aufsperren und alles verschlingen, was ihr in die Quere kam. Der letzte Teil von Abekes Schilderung hatte Tarik ganz und gar nicht behagt.

Das bei Weitem schwerste einzelne Gepäckstück war die Leinwand. Conor hatte sich freiwillig bereit erklärt, sie zu tragen, vielleicht in der Hoffnung, dadurch bei den anderen etwas gutmachen zu können. Da Rollan selbst keine Angehörigen hatte, konnte er nicht nachvollziehen, warum Conor den Eroberern den Talisman ausgehändigt hatte. Genauso wenig begriff er, weshalb Meilin sie verlassen hatte, um jemandem zu helfen, der vielleicht schon längst tot war. Das alles leuchtete ihm nicht ein. Er selbst war in erster Linie damit beschäftigt, den Kopf über Wasser zu halten, im übertragenen und in diesem Augenblick auch im wortwörtlichen Sinn.

„Wie weit ist es noch bis zum Festland?“, fragte er Tarik. Er sprach leise, damit seine Stimme nicht über das Wasser tönte. Der Nebel war so dick, dass er nur ein paar Schritte voraussehen konnte. Sie waren alle angespannt. Schließlich standen sie im Begriff, Zhong zu betreten, wo ein einziger Fehler sie zu Gefangenen der Eroberer machen würde.

Auch Meilin war irgendwo hier in Zhong. Rollan überlegte stirnrunzelnd, wo sie sein mochte und wann er sie wiedersehen würde. Dann schüttelte er den Kopf. Er wollte nicht an Meilin denken. Dafür war jetzt keine Zeit. Außerdem war sie freiwillig weggelaufen und hatte ihn – sie alle – verlassen.

„Alles in Ordnung?“, fragte Conor.

„Ich habe Wasser im Ohr“, brummte Rollan.

„Wir sind gleich da“, erklärte Tarik. „Ich sehe schon die Reusen.“

„Sind die gefährlich?“ Rollan hatte noch nie eine gesehen.

„Nur für Fische.“

„Ganz bestimmt? Klingt ja fast zu einfach …“

Plötzlich versank er mit dem rechten Fuß in einem Loch auf dem Meeresboden. Mit einem Mal kam die Wasseroberfläche seinem Hals viel näher, als ihm lieb war. Wild ruderte er mit den Armen, um zu verhindern, dass er mit dem Gesicht voraus ins Wasser fiel. Von hinten packten ihn starke Hände und richteten ihn auf. Conor.

„Alles in Ordnung?“, hörte er Abeke sagen.

Er machte sich von Conor los.

„Könnt ihr vielleicht aufhören, mich das ständig zu fragen? Mir fehlt nichts.“

Das stimmte auch. Er stand wieder mit beiden Beinen auf dem Meeresboden und hatte sich nichts getan. Nur wütend war er. Natürlich hätte er sich eigentlich bei Conor bedanken müssen, aber ihr Verhältnis war so ungeklärt und kompliziert. Er wollte nur noch raus aus der Nässe, er wollte an Land, wo er vor Dingen, die ihm wehtaten, weglaufen konnte, statt so quälend langsam durchs Wasser zu waten.

Wenigstens dachte er nicht mehr an Meilin.

„Wir müssen uns beeilen“, mahnte Tarik. „Wenn sich dieser Nebel lichtet, sollten wir an Land sein und die Hütten der Fischer schon hinter uns gelassen haben.“

Er schlug ein deutlich schnelleres Tempo an, und Rollan musste sich anstrengen, um nicht abgehängt zu werden. Aber die Furcht vor unsichtbaren Löchern und vor den Reusen machte ihn eher noch langsamer.

„Denkt daran, die Ärmel am Handgelenk festzubinden, damit niemand eure Tattoos sieht“, sagte Tarik. „Ruft eure Seelentiere nur, wenn es um Leben und Tod geht. Das gilt natürlich nicht für dich, Rollan. Raubvögel sind hier weit verbreitet. Zwar glaube ich nicht, dass Schattenspieler normalerweise welche haben, aber wenn Essix oben bleibt …“

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