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Spirit Animals, Band 2: Die Jagd beginnt

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DER GALLENTRANK

Im nächtlichen Wald waren Tiere unterwegs und aus dem Dunkel ertönte ein ständiges Knacken, Knurren und Flattern.

Ein Mann und ein Junge starrten im schwachen Schein einer Laterne auf ein kleines Fläschchen. Das Fläschchen selbst war nichts Besonderes, sein Inhalt dafür umso mehr. Es enthielt einen starken Trank, der eine Bindung zwischen Mensch und Seelentier erzwingen konnte.

„Wird es wehtun?“, fragte der Junge. Sein Name war Devin Trunswick und er trug vornehme Kleidung. Er hatte Angst, doch nicht einmal die Angst konnte den grausamen Zug um seinen Mund verbergen. Als Sohn eines Grafen hätte er nie zugegeben, dass er sich vor der Dunkelheit fürchtete. Auch wenn es allen Grund dazu gab.

Der Mann, der Zerif hieß, nahm die bestickte Kapuze seines blauen Mantels ab, damit der Junge seine Augen sehen konnte. „Spielt das eine Rolle?“ Er hielt das Fläschchen hoch. „Davon zu trinken ist ein Privileg, kleiner Herr. Du wirst berühmt werden.“

Das hörte Devin gern. Denn im Moment war er das Gegenteil von berühmt. Alle seine Vorfahren waren ausnahmslos Gezeichnete gewesen – Menschen, die sich mit Seelentieren verbunden hatten. Jedes Jahr gab es eine Feier, bei der alle elfjährigen Kinder den von Grünmänteln dargebotenen Nektar des Ninani tranken und auf die Erscheinung eines Seelentiers hofften. Doch als Devin an der Reihe gewesen war, hatte er versagt: Ihm wollte einfach kein Seelentier erscheinen. Die generationenalte Tradition seiner Familie war unterbrochen. Und als ob das noch nicht schlimm genug gewesen wäre, hatte sein Diener, ein armer Hirtenjunge, einen Wolf gerufen. Und zwar keinen gewöhnlichen Wolf, sondern Briggan, der zu den Großen Tieren gehörte. Diese Demütigung saß tief.

Aber damit war jetzt Schluss. Jetzt würde ihm gleich ein noch viel stärkeres Tier erscheinen. Sein ganzes Leben lang hatte er sich darauf vorbereitet – es war sein Geburtsrecht. Seine Bestimmung würde sich nun doch noch erfüllen, es hatte nur ein wenig länger gedauert.

„Warum heißt das Zeug Gallentrank?“, fragte er, den Blick auf das Fläschchen gerichtet. „Das klingt gar nicht gut.“

„Soll ein Witz sein“, erwiderte Zerif kurz angebunden.

„Was soll daran witzig sein?“

„Du hast doch den Nektar gekostet?“

Devin nickte und zog eine Grimasse. Was ziemlich unpassend war, denn der Nektar hatte köstlich geschmeckt.

„Wenn du das hier getrunken hast, verstehst du garantiert, was ich meine.“ Zerif rümpfte die Nase. Aus dem Wald ertönte ein Knurren und der Junge blickte hastig über die Schulter. Neben ihm seilte sich gerade eine Spinne mit metallisch glänzendem Rücken an einem Faden ab. Ängstlich trat er einen Schritt zur Seite.

„Das Tier, das ich rufe, muss mir gehorchen, richtig?“, fragte er. „Es tut, was ich sage?“

„Der Gallentrank stiftet eine andere Art der Bindung als der Nektar“, erklärte Zerif. „Der Nektar schmeckt vielleicht besser, aber der Gallentrank bringt mehr Nutzen. Wir können den Vorgang der Bindung viel besser steuern. Du brauchst zum Beispiel keine Angst zu haben, dass du irrtümlich mit der Spinne verbunden wirst, der du gerade so besorgt ausgewichen bist.“

Devin ärgerte sich, dass Zerif sein Zurückzucken bemerkt hatte. „Ich habe keine Angst“, sagte er gereizt.

Aber sein Blick wanderte immer wieder zu dem mit einem Tuch bedeckten Käfig. Unter dem Tuch wartete das Tier, mit dem er sich verbinden würde. Er versuchte, von der Größe des Käfigs auf die Art des Tiers zu schließen. Der Käfig reichte ihm bis zur Brust. Immer wieder war unter dem Tuch ein kratzendes Geräusch zu hören.

Mit diesem Tier würde er den Rest seines Lebens verbringen. Mit seiner Hilfe würde er über alle anderen Menschen triumphieren.

Zerif reichte ihm das Fläschchen und lächelte breit wie ein Schakal. „Ein kleiner Schluck reicht.“

Der Junge rieb die schweißnassen Hände an seinem Hemd ab. Es war so weit. Niemand würde ihm je wieder Vorwürfe machen. Niemand würde an ihm zweifeln. Jetzt war er nicht mehr der erste Versager in der Familiengeschichte der Grafen von Trunswick, sondern ihr größter Held.

Er roch am Hals des Fläschchens. Die Flüssigkeit stank erbärmlich nach verbrannten Haaren. Devin musste sofort an den köstlichen Geschmack des Nektars denken: wie Honig auf Butter. Ein unvergesslicher Geschmack, doch trotzdem war alles schiefgegangen.

Entschlossen hob er das Fläschchen an die Lippen und stürzte das gallenbittere Getränk hinunter. Fast hätte er es gleich wieder ausgespuckt, denn es schmeckte nach Verwesung und Tod. Doch durch seinen Ekel hindurch spürte er, wie etwas in ihm erwachte – etwas Großes, Starkes und Dunkles. In seinem Körper schien kaum genug Raum dafür zu sein. Angst verspürte er keine. Stattdessen wusste er, dass in Zukunft andere Angst vor ihm haben würden.

Immer noch lächelnd, zog Zerif das Tuch von dem Käfig.

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GREENHAVEN

„Ich bin gleich so weit, Uraza“, sagte Abeke und schob ein geflochtenes Armband über ihr schmales braunes Handgelenk. Ihre Worte galten der Leopardin, die an der Türseite des Zimmers auf- und abging. Weil das Zimmer zu klein für sie war, musste sie jedes Mal schon nach wenigen Schritten umkehren. Sie knurrte gereizt.

Abeke verstand ihre Unzufriedenheit. Innerhalb weniger Wochen war auch ihre eigene Welt drastisch geschrumpft. Aus ihrer Heimat, den weiten Savannen Nilos, war sie mit Uraza zuerst in ein Ausbildungslager gereist und dann hierher zu dieser Inselfestung. Greenhaven war das Hauptquartier der Grünmäntel, der Hüter Erdas’. Die steinerne Burg thronte zwar majestätisch über einem Wasserfall, aber Abeke wie auch Uraza fanden den Wald der Umgebung sehr viel verlockender.

Durch das Fenster war das entfernte Läuten einer Turmglocke zu hören. Drei Schläge riefen sie zum Training.

Uraza lief schneller und knurrte lauter.

„Bin schon fertig!“ Abeke befestigte das Armband, damit es nicht über die Hand rutschen konnte. Die einzelnen Stränge sahen aus wie Draht, waren in Wirklichkeit aber die gekochten Schwanzhaare eines Elefanten. Vier Knoten symbolisierten Sonne, Feuer, Wasser und Wind. Abekes immer pefekte Schwester hatte es ihr bei der Abreise geschenkt. Es brachte angeblich Glück.

Aber Abeke hatte ihre Zweifel, ob sie wirklich Glück gehabt hatte. Zwar hatte sie ein sagenhaftes Großes Tier aus den Legenden gerufen, aber gleich danach war sie von Anhängern des Großen Schlingers abgeholt worden, der sich die ganze bekannte Welt unterwerfen wollte. Das war ziemliches Pech gewesen.

Abeke hatte jedoch noch rechtzeitig gemerkt, dass sie den Falschen auf den Leim gegangen war, und die Grünmäntel hatten sie bereitwillig in ihre Reihen aufgenommen. Darüber hätte sie sich eigentlich freuen müssen, denn der Orden hätte sie zurückweisen können. Aber im Moment fühlte sie sich einsam. Seit Beginn ihres großen Abenteuers hatte sie nur einen einzigen Freund gefunden – Shane – und der stand nach wie vor auf der gegnerischen Seite, der Seite der Eroberer. Dafür hatte sie nun zwar drei neue Gefährten, doch die wollten ihr noch nicht so recht trauen, weil sie eine Zeit lang dem Einfluss des Schlingers ausgesetzt gewesen war und nun genauso gut eine Spionin hätte sein können. So musste sie ganz allein lernen, sich in der riesigen Burg der Grünmäntel zurechtzufinden.

Sie öffnete die Tür ihrer Kammer und hängte sich den grünen Mantel um, das sichtbare Zeichen ihres Gelübdes, Erdas zu verteidigen. Sie trat in den schummrigen Gang, der von Geräuschen erfüllt war. Irgendwo oben kreischte ein übermütiger Affe, dann war die tiefe Stimme eines Mannes zu hören. Ein Esel wieherte, Hufgetrappel und laute Schritte drangen von draußen herein, ein bananengelber Vogel flog über Abekes Kopf hinweg. Sie duckte sich.

Uraza dagegen sprang beim Anblick des Vogels mit einem begeisterten, aber sehr drohend klingenden Knurren hoch. Der Vogel kreischte, aber kurz bevor Uraza ihn mit den Pfoten zu fassen bekam, packte Abeke ihr Seelentier am Schwanz.

Jaulend landete die Raubkatze auf dem Boden. Sie fuhr herum und bleckte instinktiv die Zähne.

Abeke stockte der Atem. Da merkte Uraza erst, dass es Abeke war, die ihren Schwanz festhielt. Sie schloss das Maul und blickte Abeke tief gekränkt an. Der Vogel machte sich davon.

„Entschuldige, dass ich dich festgehalten habe“, sagte Abeke. „Aber das war ein Seelentier!“

Ein Großes Tier musste eigentlich wissen, dass man Seelentiere anderer Menschen nicht fressen durfte. Aber Uraza war manchmal leider mehr Tier als groß.

„Komm her zu mir“, sagte Abeke und hielt Uraza auffordernd ihren Arm hin. Wie alle Seelentiere konnte auch Uraza sich in eine Art Ruhezustand versetzen. Dann erschien sie nur als Tattoo auf Abekes Arm. Der Vorteil war, dass sie in diesem Zustand keinen Unsinn machen konnte.

Doch das Tier musterte Abekes Arm nur kurz, wandte sich ab und stolzierte den Gang entlang.

Abeke hatte keine Lust auf einen Streit, sie kamen sowieso schon zu spät zum gemeinsamen Training der Gefährten. Stumm eilte sie Uraza hinterher. Sie begegnete mehreren Grünmänteln, die ihr freundlich zuwinkten. Aber Abeke schienen die Männer noch so fremd, dass sie ihren Gruß nicht erwiderte. Ähnlich fremd waren ihr noch immer die anderen drei Neuankömmlinge auf der Burg, Rollan, Meilin und Conor. Wie Abeke war es auch ihnen auf wundersame Weise gelungen, eins der vier Gefallenen Tiere herbeizurufen.

Uraza sprang eine Wendeltreppe hinunter und machte dabei ein seltsam trillerndes Geräusch. Abeke folgte ihr. Unten angekommen, zögerten beide. Vor ihnen zweigten zwei vollkommen identische Gänge ab, beide weiß getüncht und mit Holzdecke. Welcher von beiden führte nun zum Trainingsraum?

„Uraza?“, fragte Abeke. Urazas violette Augen wanderten vom Boden zur Decke und ihr langer Schwanz schlug zuckend hin und her.

Abeke hatte plötzlich das Gefühl, dass die Leopardin gar nicht überlegte, in welche Richtung sie gehen sollten. Sie sah eher aus wie ein Jäger, der gleich …

Da stieß sich Uraza auch schon mit ihren geschmeidigen Gliedern vom Boden ab und flog wie ein schwarz-goldener Blitz durch die Luft. Zugleich ließ sie ein Knurren hören, das Abeke durch Mark und Bein ging. Was für ein großartiges Tier!, dachte sie. Dann sah sie, wen Uraza im Visier hatte. Ihr armes Opfer kauerte angststarr in einer Wandnische: ein kleines, eichhörnchenähnliches Geschöpf mit rosafarbenen Füßen, einem dunklen Streifen auf dem Rücken und großen Augen. Ein Gleitbeutler, erkannte Abeke sofort. Für die Leopardin der reinste Leckerbissen.

„Uraza!“ Abeke versuchte erneut, die Leopardin am Schwanz zu packen, um sie zurückzuhalten, griff aber knapp daneben. Der Gleitbeutler setzte zum Sprung zur gegenüberliegenden Wand an. Im Gleiten streckte er seine zarten Gliedmaßen nach allen Seiten aus. Die Beine waren durch eine Membran miteinander verbunden, deshalb sah sein Rumpf aus wie ein behaartes Segel.

Uraza machte einen Satz, doch ihr Opfer wich blitzschnell aus. Die beiden rasten weiter. Der Gleitbeutler sprang auf einen Tisch, Uraza stieß das Möbel um. Daraufhin kletterte der Gejagte einen Wandteppich hinauf, der Olvan zeigte, den Anführer der Grünmäntel. Uraza riss mit ihrer Pranke den Teppich von der Wand. Abeke rannte ihrer Leopardin nach. Sie bekam zwar tatsächlich Urazas Hinterlauf zu fassen, doch das Raubtier riss sich sofort wieder los. Nur ein schwarz-goldenes Haarbüschel blieb in Abekes Hand zurück.

Die Jagd ging weiter. Zu dritt rannten sie den Gang entlang und durch einen kleinen Speisesaal, den Abeke noch nicht kannte. Überall saßen Grünmäntel beim Frühstück. Der Gleitbeutler und Uraza sprangen über den langen Tisch, Abeke sauste an der Seite entlang. Teller flogen durch die Luft, ein Mann bekam seinen Haferbrei ins Gesicht, ein anderer schützte die Augen mit der Hand vor einer Ladung durch die Luft fliegender Früchte. Empört blickten die Grünmäntel von ihrer Mahlzeit auf.

Abeke spürte ihre Blicke auf sich. Am liebsten hätte sie gerufen: Uraza ist schuld, nicht ich! Aber sie wusste, was die anderen auf diese Ausrede erwidern würden:

Du bist für dein Seelentier zuständig.

Hast du es etwa nicht im Griff?

Du bist verantwortlich!

Es ist deine Schuld.

Vielleicht gehörst du doch nicht zu uns.

Sie hatte keine Zeit, sich zu entschuldigen oder aufzuräumen. Keuchend rannte sie den Tieren durch die Burg hinterher, bis sie einen breiten Flur mit einer großen Bogentür am anderen Ende erreichten. Der Gleitbeutler gab in seiner Panik herzzerreißende Jammerlaute von sich, die an das Quietschen eines Schaukelstuhls erinnerten.

Japsend holte Abeke Luft. In ihrer Heimat Nilo konnte sie stundenlang Tiere verfolgen, ohne außer Atem zu geraten. Jetzt hatte sie Seitenstechen. Was machte dieser fremde Ort nur mit ihr? Nahm er ihr die Kraft?

„Uraza! Wir sind doch hier, um andere zu retten, nicht um sie zu fressen … Also spar dir deinen Appetit bitte für später auf!“

Uraza hielt für einen kurzen Augenblick inne. Der Gleitbeutler nutzte sofort seine Chance und brachte sich durch einen Sprung zu einem Kronleuchter hinauf in Sicherheit. Abeke war darüber mindestens so erleichtert wie das arme Tier.

Uraza drehte unter dem Kronleuchter ihre Kreise, aber die Jagd war vorbei. Dafür haben wir uns jetzt hoffnungslos verirrt, dachte Abeke niedergeschlagen.

Aber das war nicht das Schlimmste. Viel schlimmer war die Verspätung. Die Lehrer hatten zwar meist Nachsicht, aber die anderen Kinder würden glauben, dass es ihr mit der gemeinsamen Mission nicht ernst war. Sie hatten längst mit der Ausbildung begonnen, als Abeke noch in den Fängen des Schlingers gewesen war. Und wahrscheinlich unterstellten die anderen ihr auch jetzt schon wieder alles Mögliche. Dass sie in der Burg herumspionierte. Dass sie Zerif, der sie nach der Nektarzeremonie abgeholt hatte, heimlich Botschaften schickte. Oder dass sie Uraza erlaubte, die Seelentiere anderer Menschen zu fressen.

Obwohl Abeke es also sehr eilig hatte, wurde sie von der Bogentür magisch angezogen. Sie konnte eigentlich nur in einen geschlossenen Raum führen, doch Abeke war, als gelange man dadurch zugleich auf geheimnisvolle Weise nach draußen.

Hinter der Tür herrschte schummriges Licht. Der Raum war mit Musikinstrumenten und Kunstgegenständen vollgestellt. Mehrere Spiegel hingen an der Wand. Trommeln waren zu einem Stapel aufgetürmt, so hoch wie Abeke. Daneben standen ein kleines, klavierähnliches Instrument und eine offene Kiste mit verschiedenen Flöten. Von der Wand lächelte das Porträt eines Mädchens auf sie herab, ein anderes Gemälde zeigte einen Mann, der eine Reihe Abeke unbekannter Tiere über eine Wiese führte. Es roch nach Staub, Holz und Leder und zu Abekes Freude und Erstaunen auch nach der Welt draußen.

Abeke erschrak, als sie den Mann entdeckte. Er hatte ihr sein Profil zugewandt. Sein Seelentier befand sich vermutlich im Ruhezustand, aber mit Sicherheit hätte Abeke es nicht sagen können. Denn der Mann war so stark tätowiert, dass keins der einzelnen Motive besonders herausstach. Mit Ausnahme seines Gesichts war jeder Zentimeter sichtbarer Haut mit Tätowierungen bedeckt, mit Labyrinthformen, Kreisen, Sternen, Monden, Knoten und stilisierten Tieren. Abeke starrte ihn unverwandt an. Ob mit Absicht oder nicht, der Mann wusste die Identität seines Seelentiers geschickt zu verbergen.

Seine Züge wirkten sehr jung, aber seine Haare waren grau, fast weiß. Ihr lautloses Eintreten schien er nicht bemerkt zu haben, denn er hielt weiterhin den Blick gesenkt und murmelte leise vor sich hin. Abeke konnte seine Worte nicht verstehen, doch mit einem Mal hatte sie das Gefühl, als störte sie eine Art geheimer Andacht. Und der seltsame, dunkle Raum machte ihr sogar ein wenig Angst.

Rückwärts ging sie aus dem Zimmer. Sie hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als diesen unheimlichen Fremden nach dem Weg zu fragen.

Im Flur saß Uraza brav und schuldbewusst, den Schwanz um den Körper gerollt. Wortlos streckte Abeke den Arm aus. Sie verspürte ein kurzes Brennen und schon hatte sich Uraza in ein Tattoo auf ihrer Haut verwandelt.

In Nilo war Abeke bekannt für ihre Spurenlesekünste. Wäre doch gelacht, wenn sie in dieser Burg den Trainingsraum nicht finden würde! Ein zweites Mal würde sie sich nicht verirren.

Der Trainingsraum war der zweitgrößte Saal der Burg von Greenhaven. Er war hell und einladend und hatte eine hohe, spitz zulaufende Decke für die Seelentiere, die fliegen konnten. Ein Teil des Raums diente als Lager für Speere, Streitkolben, Schleudern und alle möglichen anderen Waffen. In die Wände waren Buntglasfenster eingelassen, von denen jedes eines der Großen Tiere zeigte.

Abeke trat ein und spürte sofort das allgemeine Misstrauen. Rollan, der ein wenig schmuddelige Waisenjunge mit dem Falkenweibchen Essix, runzelte die Stirn. Meilin, die neben ihrer Pandabärin Jhi stand, machte eine undurchdringliche Miene. Nur der blonde Conor, begleitet von seinem Wolf Briggan, begrüßte sie mit der Andeutung eines Lächelns.

Tarik, der für die Ausbildung der Neuankömmlinge zuständige Grünmantel drehte sich zu ihr um. Sein wettergegerbtes, hageres Gesicht war fast so braun wie das von Abeke. „Hast du die Glocke denn nicht gehört?“, fragte er Abeke.

Es hatte keinen Sinn, Uraza die Schuld zu geben. Sie wusste schon, was Tarik darauf geantwortet hätte: Du musst lernen, mit Uraza in noch viel schwierigeren Situationen zurechtzukommen. „Tut mir leid“, sagte sie deshalb. „Ich habe mich verirrt.“ Eilig befahl sie Uraza, wieder ihre körperliche Gestalt anzunehmen.

„Verirrt?“ Meilin rollte die Augen. Dann wandte sie sich an Tarik. „Können wir jetzt endlich anfangen? In jeder Minute, die wir hier untätig herumstehen, fällt in Zhong eine Stadt an die Eroberer.“

„Das wären dann aber ganz schön viele“, kommentierte Rollan trocken. „Seit dem Frühstück sind schon fast zwanzig Minuten vergangen! Also …“

„Das ist nicht witzig, Rollan“, unterbrach ihn Tarik. „Meilin hat Recht, die Zeit drängt. Heute werdet ihr den Nahkampf üben. Eure Gegner sind erfahrene Grünmäntel.“

Meilin lächelte erfreut. Der Nahkampf war eine ihrer besonderen Stärken.

„Ich wähle als Waffe den Streitkolben“, rief Rollan. „Und einen Schlagring.“

„Nicht so schnell“, bremste ihn Tarik. Noch während er sprach, betraten vier weitere Grünmäntel den Saal. Sie zeigten den Kindern ihre Tiertattoos: Ihre Seelentiere waren Lama, Flughund, Maki und Puma.

„Ihr werdet eure Waffen nicht immer zur Hand haben“, fuhr Tarik fort. „Die meisten Angriffe kommen überraschend – wenn ihr gerade schlaft oder esst. Deshalb werdet ihr heute improvisieren.“

Er schob die Stellwand zur Seite. An der Wand dahinter hingen Bratpfannen, Besen, Teller, Kissen und andere Alltagsgegenstände.

„Ihr werdet stattdessen diese Sachen hier benutzen.“

„Das habe ich in meinem früheren Leben täglich getan“, witzelte Rollan.

„Aber das ist doch albern!“, empörte sich Meilin. „Ein Straßenjunge kann mit so was vielleicht kämpfen, aber ich komme mit bloßen Händen besser zurecht.“

Abeke wechselte einen Blick mit Conor, der ebenfalls schwieg, und sie traten beide an die Wand, um einen Gegenstand auszuwählen.

„Greift einfach nach dem erstbesten“, riet Tarik. „Und wenn ich pfeife, nehmt ihr einen anderen.“

Abeke holte sich einen Besen, Conor eine Gabel.

Rollan nahm ein Taschentuch von der Wand und hielt es Meilin hin. „Bitte sehr. Damit du dir nicht deine gepflegten Hände kaputt machst.“

Meilin lächelte zuckersüß und nahm eine Pfanne vom Haken. „Und die ist für dich. Mit der kommt man auch zurecht, wenn man nicht der Hellste ist.“

Rollan verbeugte sich spöttisch.

„Macht euch fertig!“, befahl Tarik.

Jeder nahm nun seinen Platz gegenüber seinem Trainingspartner ein. Abeke war einem Mann mittleren Alters mit einem Maki-Tattoo zugeordnet. Er blickte sie zwar freundlich an, doch das Schwert in seiner Hand machte einen sehr viel weniger freundlichen Eindruck.

„Ich bin Errol“, sagte er und legte die Hand auf seine Brust.

„Und ich Abeke.“

Er lächelte. „Ich weiß.“

Tarik erteilte weitere Anweisungen. „An das ältere Team: Lasst eure Seelentiere im Ruhezustand. An das jüngere Team: Ihr dürft alle Mittel verwenden, die euch zur Verfügung stehen. Ziel ist es, den Gegner zu entwaffnen. Und wenn euch das gelungen ist, haltet ihn am Boden fest.“

„Wie lange?“, fragte Meilin. „Wann haben wir gewonnen?“

„Es geht hier nicht ums Gewinnen oder Verlieren“, erwiderte Tarik. „Wir haben keine Zeit für Spielchen. Ihr sollt mir nur zeigen, dass ihr einen Gegner unschädlich machen könnt. Dann brauche ich mir weniger Sorgen zu machen, wenn ich euch da draußen einer gefährlichen Situation aussetze. Sind alle bereit? Drei, zwei …“

Er hielt die Finger an die Lippen und ließ einen durchdringenden Pfiff ertönen. Der Übungskampf begann.

Abeke warf ihren Besen wie einen Speer, denn Speerwerfen hatte sie in Nilo gelernt. Doch der Besen prallte von Errols Brust ab, ohne ihn im Geringsten aus dem Gleichgewicht zu bringen. Grinsend hob er ihn auf.

„Du hast noch einen Versuch“, sagte er und hielt ihr den Stiel hin. Neben sich hörte Abeke Eisen scheppern und Rollan wortreich fluchen. „Aber denk dran, dass der Stiel keine Spitze hat. Wenn du ihn in einem echten Kampf auf mich werfen würdest, hättest du keine Waffe mehr, um dich gegen mein Schwert zu wehren.“

Abeke Wangen glühten. „Nein, natürlich nicht.“

„Aber du hast gut geworfen“, lobte der Mann. „Ein Tipp: Verwende den Besen zu deiner Verteidigung und dein Seelentier als Waffe. Und wenn du eine richtige Waffe hast, mach es umgekehrt.“

„Danke“, sagte Abeke. Doch sein freundliches Lächeln machte sie misstrauisch. „Du brauchst mich nicht zu schonen.“

„Damit würde ich dir auch keinen Gefallen tun“, sagte Errol. „Du sollst schließlich vorbereitet sein, wenn du diese Burg verlässt. Du brauchst mich aber umgekehrt auch nicht zu schonen.“

Abeke blickte verstohlen zu den anderen hinüber. Meilin saß auf den Schultern ihres Gegners, das Tuch fest um seine Augen geschlungen. Wenn Meilin ihren Gegner mit einem Taschentuch überwältigt, dachte Abeke, müsste mir ein Besen allemal reichen!

Als Errol sie diesmal mit dem Schwert angriff, wehrte sie seine Hiebe mit dem Besenstiel ab. Doch Errol schlug immer heftiger zu und das Holz begann zu splittern.

„Entschuldigung!“, sagte Abeke.

Er hielt verwirrt inne. „Wofür?“

„Dafür!“ Mit schlechtem Gewissen drückte sie ihm die Borsten ins Gesicht. Errol musste niesen und schlug mit der Hand nach der Wolke aus Staub und Tierhaaren, die seinen Kopf einhüllte. Blind ließ er sein Schwert kreisen.

Selbst schuld, dachte Abeke. Er hat doch gesagt, ich soll ihn nicht schonen.

„Uraza!“, rief sie. „Jetzt!“

Die Leopardin setzte genau in dem Moment zum Sprung an, in dem Errols Schwert den Besenstiel in zwei Teile spaltete. Sie prallte gegen Errols Brust und Errol stürzte ächzend nach hinten. Zwar konnte er den Sturz mit den Händen abfangen, aber sein Schwert fiel klappernd zu Boden.

Uraza leckte sich seelenruhig die Pfote.

Errol sah vom Boden aus zu Abeke hoch und hob den Daumen.

Abeke lächelte. Seine Anerkennung tat ihr gut.

Tarik pfiff.

„Neue Waffe!“, rief er. „Diesmal müsst ihr als Team kämpfen. Los, schnappt euch was, schnell.“

Abeke nahm sich rasch eine schwere, hölzerne Rührschüssel. Conor wählte einen Löffel, Meilin und Rollan stritten sich um eine Vase. Zuletzt hielt Meilin die Vase in der Hand und Rollan die getrockneten Blumen, die in der Vase gesteckt hatten.

„Moment …“, sagte Rollan.

Tarik ließ wieder seinen schrillen Pfiff ertönen. „Angriff, los!“

Diesmal griffen die Grünmäntel zu viert an und die Kinder verteidigten sich. Die Rührschüssel tat Abeke gute Dienste als Schild. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Conor und Briggan gemeinsam vor- und zurücksprangen.

Sehr geschickt, dachte Abeke. Conor nimmt das Training ernst. Er wäre immer zur Verteidigung bereit, wenn ihn draußen jemand mit einem Angriff überraschen würde.

Da änderten die älteren Grünmäntel plötzlich ihre Taktik und griffen alle zur selben Zeit an. Abeke musste sich plötzlich gegen zwei Schwerter, einen Speer und eine Axt wehren – und das war nicht einmal mit Urazas Hilfe zu schaffen.

Uraza schlüpfte, eng an den Boden gepresst, zwischen die Beine eines Grünmantels und schlug mit der Tatze zu. Die Krallen hatte sie eingezogen, denn auch sie wusste, dass dies eine Übung war. Der Grünmantel mit dem Lama-Tattoo verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Den Grünmantel mit dem Flughund-Tattoo schlug Abeke mit ihrer Schüssel zurück. Uraza sprang auf seine Schultern, sodass er unter ihrem Gewicht auf die Knie fiel.

Der Erfolg war allerdings nur von kurzer Dauer. Während Uraza noch beschäftigt war, griffen die anderen beiden Grünmäntel Abeke an. Errol schlug ihr mit seinem Schwert die Schüssel aus den Händen, der andere Grünmantel versetzte ihr mit der Breitseite seiner Übungsaxt einen solchen Schlag, dass sie keine Luft mehr bekam, stürzte, über den Boden schlitterte und sich dabei die Handteller aufschürfte.

Tarik pfiff laut und energisch.

„Was war das denn?“, schimpfte er. „Wir veranstalten hier keinen Schaukampf! Wo wart ihr drei? Warum habt ihr Abeke nicht geholfen?“

Conor senkte beschämt den Blick. Rollan tat so, als ginge ihn das alles nichts an und Meilin starrte hochnäsig ins Leere. Keiner sagte etwas, aber Abeke verstand auch so.

Sie trauen mir nicht, dachte sie und Tränen traten ihr in die Augen. Auf einmal war ihr alles zu viel. Zu der angespannten Atmosphäre der vergangenen Tage kamen die schmerzenden Hände und die Demütigung ihrer Niederlage. Aber sie wollte nicht vor den anderen weinen, vor allem nicht vor Meilin. Die weinte bestimmt nie.

„Ich bin wirklich enttäuscht“, sagte Tarik. „Zu einer guten Strategie gehört, dass man alle vorhandenen Mittel und alle Verbündeten nutzt. Abeke ist eine von euch, ihr hättet sie beschützen müssen.“

Conor hielt Abeke seine Hand hin. Zögernd ließ sie sich von ihm beim Aufstehen helfen.

„Es tut mir leid“, sagte er.

Unbehagliches Schweigen folgte, dann näherten sich vom anderen Ende des Saals Schritte. Es war Olvan, der Anführer der Grünmäntel. Wie immer war er eine majestätische Erscheinung, auch wenn sein Seelentier, ein Elch, unsichtbar blieb.

Er ließ den Blick über das Schlachtfeld aus Scherben, zersplittertem Holz und vertrockneten Blütenblättern wandern und strich sich über den Bart. „Ich störe nur ungern, aber es ist wichtig.“

„Bitte“, sagte Tarik mit einem letzten Blick auf die drei Gescholtenen. Er bedeutete den vier Grünmänteln mit einem Nicken, sich zu entfernen. Errol winkte Abeke zum Abschied noch einmal zu. Diese kleine Freundlichkeit hätte sie beinahe gleich wieder zum Weinen gebracht.

„Soeben haben wir die Nachricht erhalten, dass sich ein Großes Tier im Norden Euras aufhält“, sagte Olvan. „Es ist der Eber Rumfuss. Die vier Kinder und die Gefallenen müssen sofort aufbrechen und ihn suchen. Und du, Tarik, sollst sie wieder anführen.“

Tarik runzelte die Stirn. „Ich kenne mich im Norden nicht sehr gut aus.“

„Finn wird euch begleiten“, sagte Olvan. „Er stammt von dort und kann euch den Weg weisen.“

„Finn?“, wiederholte Tarik ungläubig. Olvan hob irritiert die buschigen Augenbrauen.

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