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Spirit Animals, Band 1: Der Feind erwacht

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BRIGGAN

Hätte Conor die Wahl gehabt, er hätte wohl kaum den wichtigsten Geburtstag seines Lebens damit verbracht, Devin Trunswick beim Anziehen zu helfen. Freiwillig hätte er Devin Trunswick bei gar nichts geholfen.

Aber Devin war der älteste Sohn Erics, des Grafen von Trunswick, und Conor war der dritte Sohn des Schäfers Fenray. Fenray hatte Schulden beim Grafen, deshalb half Conor als Devins Diener, die Schulden abzuarbeiten. So war es vor über einem Jahr vereinbart worden und so sollte es noch mindestens zwei Jahre weitergehen.

Conor musste für die lästigen Haken auf dem Rückenteil von Devins Mantel die richtigen Ösen finden, sonst saß der Mantel schief und warf Falten. Und das bekam Conor dann monatelang zu hören. Der dünne Stoff war zwar schön anzusehen, aber unpraktisch. „Bist du da hinten endlich fertig?“, fragte Devin ungeduldig.

„Verzeih, wenn ich dich aufhalte, Herr“, antwortete Conor. „Der Mantel hat achtundvierzig Haken. Ich schließe gerade den vierzigsten.“

„Das kann ja noch Tage dauern. Erleb ich das noch? Gib’s zu, diese Zahl hast du dir doch nur ausgedacht.“

Conor unterdrückte eine scharfe Erwiderung. Er hatte schon als Kind ständig Schafe gezählt und kannte sich mit Zahlen wahrscheinlich besser aus als Devin. Aber sich mit einem adligen Herrn anzulegen, brachte nur Ärger. Manchmal schien es so, als wollte Devin ihn bewusst herausfordern. „Nein, ich habe sie gezählt.“

Die Tür flog auf und Devins jüngerer Bruder Dawson stürmte ins Zimmer. „Bist du immer noch nicht mit dem Anziehen fertig, Devin?“

„Gib nicht mir die Schuld“, protestierte Devin. „Conor schläft beim Arbeiten ein.“

Conor begrüßte Dawson nur mit einem kurzen Blick. Je schneller er mit den Verschlüssen fertig war, desto früher konnte er sich selbst bereitmachen.

„Wie soll das denn gehen?“, rief Dawson und kicherte. „Das würde mich wirklich mal interessieren, Bruderherz.“

Conor unterdrückte ein Grinsen. Dawson redete fast ununterbrochen. Er nervte einen oft, konnte aber auch sehr witzig sein. „Ich bin wach.“

„Bist du immer noch nicht fertig?“, schimpfte Devin. „Wie viele jetzt noch?“

Conor hätte am liebsten zwanzig gesagt. „Fünf.“

„Glaubst du wirklich, du kannst ein Seelentier herbeirufen, Devin?“, fragte Dawson.

„Ich wüsste keinen Grund, warum nicht“, antwortete Devin. „Großvater hat einen Mungo gerufen, Vater einen Luchs.“

An diesem Tag fand in Trunswick die Nektarzeremonie statt. In weniger als einer Stunde sollten die Kinder des Ortes, die in diesem Monat elf wurden, ein Seelentier rufen. Conor wusste, dass Bindungen an Tiere in manchen Familien besonders häufig vorkamen. Aber eine Garantie, dass einem ein Tier erschien, gab es nicht, egal welchen Familiennamen man trug. Heute sollten nur drei Kinder den Nektar trinken. Da war die Wahrscheinlichkeit, dass eines von ihnen Erfolg hatte, eher gering … Prahlerei im Vorfeld war also wenig ratsam.

„Was für ein Tier bekommst du wohl?“, wollte Dawson wissen.

„Das weiß ich genauso wenig wie du“, erwiderte Devin. „Was glaubst du?“

„Ein Backenhörnchen“, prophezeite Dawson.

Devin stürzte sich auf seinen Bruder, der kichernd wegrannte. Er war nicht so festlich gekleidet wie sein älterer Bruder und konnte sich deshalb freier bewegen. Devin hatte ihn trotzdem schnell eingeholt, warf ihn zu Boden und hielt ihn dort fest.

„Wahrscheinlich eher einen Bären“, sagte Devin und drückte dem Bruder den Ellbogen auf die Brust. „Oder eine Wildkatze wie Vater. Die soll dann zuerst dich fressen.“

Conor zwang sich zur Geduld. Als Diener durfte er sich hier nicht einmischen.

„Vielleicht bekommst du gar keins“, sagte Dawson frech.

„Dann bin ich später immer noch Graf von Trunswick und somit dein Herr.“

„Nicht, wenn Vater länger lebt als du.“

„Pass auf, was du da sagst, Kleiner.“

„Gott sei Dank bin ich nicht du.“

Devin drückte Dawsons Nase zusammen, bis Dawson schrie, dann stand er auf und strich seine Hose glatt. „Wenigstens tut mir nicht die Nase weh.“

„Conor trinkt den Nektar auch!“, rief Dawson. „Vielleicht ruft er ein Seelentier.“

Conor wäre am liebsten im Erdboden versunken. Natürlich machte er sich Hoffnungen. Er konnte gar nicht anders. Zwar hatte es in seiner Familie seit einem zwielichtigen Urgroßonkel keiner mehr zu einem Seelentier gebracht, trotzdem war grundsätzlich alles möglich.

„Natürlich.“ Devin kicherte. „Und die Tochter des Schmieds wahrscheinlich auch.“

„Man weiß nie.“ Dawson setzte sich auf und rieb sich die Nase. „Was für ein Tier hättest du denn gern, Conor?“

Conor blickte zu Boden. Aber auf die Frage eines Adligen musste er antworten. „Ich kam immer gut mit Hunden zurecht. Ich glaube, ein Schäferhund wäre mir das Liebste.“

„Wie originell!“ Devin lachte. „Der Schäfer träumt von einem Schäferhund.“

„Ein Hund wäre toll“, sagte Dawson.

„Aber gewöhnlich“, erwiderte Devin. „Wie viele Hunde hast du denn, Conor?“

„Du meinst meine Eltern? Zehn, als ich sie zuletzt gezählt habe.“

„Wie lange hast du deine Eltern nicht mehr gesehen?“, fragte Dawson.

Conor versuchte ganz ruhig zu klingen. „Über ein halbes Jahr.“

„Kommen sie heute auch?“

„Sie werden es versuchen. Hängt davon ab, ob sie zu Hause wegkönnen.“ Er tat gleichgültig für den Fall, dass sie es nicht schafften.

„Na, da kannst du ja gespannt sein.“ Devin klang verächtlich. „Wie viele Haken noch?“

„Drei.“

Devin drehte sich um. „Dann Beeilung. Wir sind spät dran.“

Auf dem Platz hatte sich eine eindrucksvolle Menschenmenge versammelt. Schließlich rief nicht jeden Tag der Sohn eines Grafen ein Seelentier. Gemeine und Adlige waren gekommen – Alte, Junge und alles dazwischen. Musiker spielten, Soldaten marschierten auf und ab und ein Straßenhändler verkaufte kandierte Früchte. Für den Grafen und seine Familie hatte man eine kleine Tribüne errichtet. Wie an einem Feiertag, dachte Conor. Einem Feiertag für alle, außer ihm. Die Luft war kühl und klar, und in der Ferne hinter den blauen Dächern und Kaminen von Trunswick ragten die grünen Berge auf, durch die Conor jetzt am liebsten gestreift wäre.

Er hatte schon einige Nektarzeremonien besucht, aber noch nie erlebt, dass jemand tatsächlich ein Seelentier gerufen hätte. Obwohl das auf diesem Platz zu seinen Lebzeiten schon einige Male vorgekommen war. Die Zeremonien, die er erlebt hatte, waren eher schlicht verlaufen und es waren nur wenige Besucher gekommen. Sie hatten auch nicht so viele Tiere mitgebracht.

Dem allgemeinen Glauben zufolge erhöhte das Mitbringen von Tieren die Chance einer erfolgreichen Anrufung. Wenn das stimmte, hatte Devin vielleicht Glück. Auf dem Platz waren nicht nur jede Menge Haustiere zu sehen, sondern auch Volieren voller Vögel mit exotischem Gefieder, ein Pferch mit Rehen und Elchen, verschiedene Wildkatzen in Käfigen, drei Dachse in einem Gehege und ein mit einem Halseisen an einen Pfosten geketteter Schwarzbär. Sogar ein Tier, das Conor nur aus Erzählungen kannte, war da – ein großes Kamel mit zwei behaarten Höckern.

Er ging zur Mitte des Platzes. Die vielen Zuschauer machten ihn verlegen, und er wusste nicht, was er mit seinen Händen tun sollte. Die Arme verschränken oder sie lieber an den Seiten herunterhängen lassen? Er ließ den Blick über die einschüchternde Menge wandern. Gott sei Dank waren die meisten Blicke auf Devin gerichtet.

Plötzlich sah er seine Mutter, die ihm zuwinkte. Neben ihr standen seine älteren Brüder und sein Vater. Sogar Soldier hatten sie mitgebracht, seinen Lieblingshund.

Alle waren sie da! Beim Anblick seiner Familie ließ die Beklemmung ein wenig nach und das Heimweh erwachte – nach den Wiesen, über die er gewandert war, den Bächen, in denen er geschwommen war, und den Schluchten, die er erkundet hatte. Rechtschaffene Arbeit hatte er verrichtet, meist im Freien – Holz gehackt, Schafe geschoren und Hunde gefüttert. Das Haus seiner Eltern war klein, aber behaglich, ganz anders als das zugige Riesenschloss des Grafen. Conor hob kurz die Hand und winkte seiner Mutter zurück.

Der künftige Graf von Trunswick schritt vor ihm zu der Bank in der Mitte des Platzes. Dort wartete bereits Abby, die Tochter des Schmieds. Bewegungslos und von dem Menschenauflauf sichtlich eingeschüchtert saß sie da. Sie trug für jedermann sichtbar ihre besten Kleider, Kleider, die freilich viel armseliger waren als das einfachste Kleid von Devins Mutter oder Schwester. Conor wusste, dass auch er neben Devin unscheinbar aussah.

Vor der Bank standen zwei Grünmäntel. Isilla, die Frau mit dem blassen Gesicht, kannte er bereits. Sie hatte die grauen Haare mit einem glitzernden Netz zusammengebunden und der Goldzeisig Frida saß auf ihrer Schulter. Meist führte Isilla die Nektarzeremonie durch. Sie hatte auch seinen beiden Brüdern den Nektar gegeben.

Den anderen Grünmantel kannte er nicht. Er war groß und hager und hatte breite Schultern und ein Gesicht, das so wettergegerbt war wie sein Mantel. Seine Haut war dunkler als die der anderen Anwesenden, als stammte er aus dem nordöstlichen Nilo oder dem Südwesten von Zhong – mitten in Eura bot er einen ungewöhnlichen Anblick. Sein Seelentier war nicht zu sehen, aber unter einem Ärmel lugte ein Tattoo hervor. Ein Schauer überlief Conor. Denn das Tattoo bedeutete, dass das Seelentier des Fremden sich zurzeit auf seinem Arm im Ruhezustand befand.

Abby stand auf und machte einen Knicks vor Devin. Devin setzte sich auf die Bank und winkte Conor zu sich. Auch Conor und Abby nahmen Platz.

Isilla gebot der Menge mit erhobenen Händen Schweigen. Der Fremde trat einen Schritt zurück, sodass sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand. Conor hätte gern gewusst, weshalb er gekommen war. Wahrscheinlich hatte seine Anwesenheit wie der restliche Aufwand mit Devins hoher Stellung zu tun.

„Hört mich an, ihr braven Bürger von Trunswick!“, rief Isilla mit durchdringender Stimme. „Wir sind heute im Angesicht von Mensch und Tier hier versammelt, um den heiligsten Ritus Erdas’ zu vollziehen. Wenn Mensch und Tier sich verbinden, wächst ihnen daraus ein Vielfaches an Kraft zu. Vielleicht gelingt es einem der drei Kandidaten, diese Verbindung einzugehen – Lord Devin Trunswick, Abby, Tochter des Grall, oder Conor, Sohn des Fenray. Wir alle hier werden bezeugen, was nun geschieht.“

In dem lauten Beifall nach der Nennung Devins gingen die Namen der anderen beiden Kandidaten unter. Doch Conor achtete darauf, sich nichts anmerken zu lassen. Wenn er ganz still dasaß und Ruhe bewahrte, ging die Zeremonie am schnellsten vorbei. Devin durfte ehrenhalber zuerst vom Nektar trinken. Wer als Erster trank, so hieß es, habe die besten Aussichten auf Erfolg.

Isilla bückte sich nach einer mit verschlungenen Mustern verzierten Lederflasche, die mit einem Stöpsel verschlossen war. Sie hob die Flasche über den Kopf, damit alle sie sehen konnten. Dann zog sie den Stöpsel heraus. „Devin Trunswick, komm her.“

Unter dem Klatschen und Pfeifen der Menge trat Devin vor. Isilla legte den Finger an die Lippen und der Lärm erstarb. Devin kniete sich vor sie. In einer so demütigen Haltung hatte Conor ihn noch nie gesehen, denn in Eura knieten Adlige nur vor ranghöheren Adligen. Die Grünmäntel jedoch beugten das Knie vor niemandem.

„Empfange den Nektar des Ninani.“

Conors Herz begann unwillkürlich zu klopfen, als die Flasche sich zu Devins Lippen neigte. Vielleicht würde er jetzt zum ersten Mal erleben, wie aus dem Nichts ein Seelentier erschien! Devin schluckte und Isilla trat zurück. Tiefes Schweigen legte sich über den Platz. Devin hatte die Augen geschlossen und das Gesicht dem Himmel zugewandt. Der erste Augenblick verging. Jemand hustete. Nichts geschah. Verwirrt öffnete Devin die Augen und blickte sich um.

Soviel Conor gehört hatte, kam das Seelentier entweder gleich nachdem der Kandidat von dem Nektar gekostet hatte oder überhaupt nicht. Devin stand auf und drehte sich suchend einmal um sich selbst. Doch von einer Erscheinung war nichts zu sehen. Die Zuschauer begannen zu murmeln.

Isilla zögerte und wandte sich der Tribüne zu. Conor folgte ihrem Blick. Der Graf saß grimmig auf seinem Thron, sein Luchs lag ihm zu Füßen. Obwohl ihm ein Seelentier erschienen war, hatte er beschlossen, den grünen Mantel nicht zu tragen.

Isilla sah den fremden Grünmantel an und der Mann nickte kaum merklich. „Danke, Devin“, rief sie. „Abby, Tochter des Grall, tritt vor!“

Devin kehrte gereizt an seinen Platz zurück. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos, aber seine Haltung verriet tiefe Demütigung. Verstohlen blickte er zu seinem Vater hinüber und dann zu Boden. Als er die Augen wieder hob, war sein Blick eisig und die Scham hatte sich in Wut verwandelt. Conor wandte sich ab. Am besten ging er Devin jetzt eine Weile aus dem Weg.

Abby trank, doch wie Conor erwartet hatte, geschah nichts. Sie kehrte zur Bank zurück.

„Conor, Sohn des Fenray, tritt vor!“

Ein nervöser Schauer überlief Conor, als er seinen Namen hörte. Wenn schon Devin versagt hatte, wie sollte dann ausgerechnet er eine Chance haben? Aber alles war möglich. Noch nie hatte er so sehr im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit gestanden. Er ging nach vorn, den Blick starr auf Isilla gerichtet, um die anderen Anwesenden auszublenden, doch das wollte ihm nicht recht gelingen.

Wenigstens würde er gleich wissen, wie der Nektar schmeckte. Sein ältester Bruder Wallace hatte ihn mit sauer gewordener Ziegenmilch verglichen, aber Wallace machte gern Scherze. Sein anderer Bruder, Garrin, hatte an Apfelmost denken müssen. Conor leckte sich die Lippen. Egal wie der Nektar schmeckte: Sobald er davon trank, war seine Kindheit offiziell beendet.

Er kniete sich vor Isilla. Sie musterte ihn mit einem rätselhaften Lächeln. Hatte sie die anderen Kandidaten auch so eindringlich angesehen?

„Empfange den Nektar des Ninani.“

Conor hielt den Mund an die Flasche. Der Nektar war dick wie Sirup und würzig süß wie in Honig eingelegtes Obst. Er zerging sofort auf der Zunge. Conor schluckte. Noch nie hatte er so etwas Wohlschmeckendes gekostet.

Isilla zog die Flasche zurück, denn niemand bekam mehr als einen Schluck. Conor stand auf, um zur Bank zurückzukehren. In seiner Brust breitete sich ein Brennen und Kribbeln aus.

Auf einmal wurden die versammelten Tiere unruhig. Die Vögel kreischten, die Wildkatzen fauchten, der Bär brüllte und die Elche trompeteten. Das Kamel schnaubte und scharrte mit den Hufen.

Die Erde begann zu beben und der Himmel verdunkelte sich, als hätte sich jäh eine Wolke vor die Sonne geschoben. Ein greller Lichtstrahl erhellte das Dunkel in Bodennähe; Conor war der Erscheinung ganz nahe, sogar näher noch als jenem Blitz, der einmal direkt vor ihm in den Baum auf der Kuppe des Hügels eingeschlagen hatte.

Die Zuschauer erschraken und wurden unruhig. Von dem grellen Licht geblendet, machte Conor die Augen ein paarmal auf und zu, bis er wieder sehen konnte. Das Kribbeln breitete sich von seiner Brust in Arme und Beine aus. Trotz der unheimlichen Situation durchströmte ihn eine unerklärliche Freude.

Und dann sah er den Wolf.

Er hatte wie jeder Schafhirte der Gegend seine Erfahrungen mit Wölfen. Schon oft hatten Wolfsrudel Schafe in seiner Obhut gestohlen. Wölfe hatten auch drei seiner Lieblingshunde getötet. Weil so viel Vieh von Wölfen gerissen worden war, hatte Conors Vater sich beim Grafen verschuldet. Und niemals würde Conor jene Nacht vor zwei Jahren vergessen, in der er und seine Brüder gegen die Raubtiere gekämpft hatten. Ein ganzes Rudel hatte dreist versucht, Schafe aus dem Pferch auf der Hochweide zu holen.

Nun stand, hocherhobenen Hauptes, der größte Wolf vor ihm, den er je gesehen hatte – gut genährt, langbeinig und mit einem prächtigen, grauweißen Fell. Conor betrachtete die großen Pfoten, die scharfen Krallen, die spitzen Zähne und die auffallend kobaltblauen Augen.

Blaue Augen? In der Geschichte Erdas’ hatte nur ein Wolf so tiefblaue Augen.

Conor blickte zu der euranischen Fahne hinüber, die an der Tribüne des Grafen hing. Sie zeigte auf leuchtend blauem Grund Briggan den Wolf, das Schutztier Euras. Unverwandt ruhte sein Blick auf dem Betrachter.

Der Wolf trottete auf Conor zu und blieb vor ihm stehen. Dann setzte er sich wie ein gehorsamer Hund auf die Hinterläufe. So war sein Kopf auf Conors Hüfthöhe. Nur mit Mühe widerstand Conor dem Drang zurückzuweichen. Unter anderen Umständen wäre er vor diesem Tier weggerannt oder hätte es angebrüllt. Er hätte Steine geworfen oder sich mit einem dicken Knüppel gewehrt. Er spürte ein Vibrieren, fast schon ein Zittern am ganzen Körper. Und einige Hundert Menschen sahen ihm zu. Dieser Wolf war aus dem Nichts aufgetaucht!

Zutraulich blickte der Wolf zu ihm auf. Trotz seiner Größe und Wildheit wirkte er vollkommen beherrscht. Dass das Raubtier ihm mit einem solchen Respekt begegnete, erfüllte Conor mit heiliger Scheu. Aus den blauen Augen sprach eine Klugheit, die mehr war, als die eines Tieres. Dabei schien der Wolf auf etwas zu warten.

Zitternd streckte Conor die Hand aus und der Wolf leckte mit seiner warmen, rosafarbenen Zunge darüber. Die Berührung traf Conor wie ein Schlag und das Kribbeln in seiner Brust erlosch.

Einen Augenblick lang fühlte Conor einen Mut, eine Klarsicht und eine geistige Wachheit wie noch nie zuvor. Mit gesteigerten Sinnen roch er den Wolf. Er wusste instinktiv, dass es sich um ein Männchen handelte und dass es ihn als ebenbürtig betrachtete.

Doch erst als er in Devin Trunswicks wutverzerrtes Gesicht blickte, wurde Conor klar, was geschehen war. Er hatte ein Seelentier herbeigerufen!

Und zwar nicht irgendein Tier, sondern einen Wolf. Das war eigentlich unmöglich. Denn der Wolf Briggan war eines der Großen Tiere, und Seelentiere gehörten nie derselben Art an wie ein Großes Tier, das wusste jeder. Ein Wunder war geschehen: Ein ausgewachsener Wolf rieb die Schnauze an Conors Hand. Ein Wolf mit tiefblauen Augen.

Die Menge schwieg verwirrt, der Graf hatte sich aufmerksam vorgebeugt. Devin schäumte, Dawson hatte das Gesicht zu einem erstaunten Grinsen verzogen.

Der Fremde im grünen Mantel trat zu Conor und nahm seine Hand. „Ich bin Tarik“, sagte er mit einer tiefen Stimme. „Ich komme von weit her und habe dich gesucht. Bleibe bei mir und ich beschütze dich. Du brauchst das Gelübde erst abzulegen, wenn du bereit bist, aber du musst mich anhören. Denn vieles hängt von dir ab.“

Conor nickte benommen, noch ganz überwältigt von dem, was gerade passiert war.

Tarik hob Conors Hand hoch. „Bürger von Trunswick“, rief er weithin vernehmbar, „die Kunde von dem, was heute hier geschehen ist, wird sich in ganz Erdas verbreiten! In der Stunde unserer Not ist Briggan zurückgekehrt!“

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URAZA

Geduckt und mit langsamen, gleichmäßigen Bewegungen schob Abeke sich durch das hohe Gras. Sie gab genau acht, wohin sie trat, so wie ihr Vater es sie gelehrt hatte, und machte kein Geräusch. Mit plötzlichen Bewegungen oder Lärm hätte sie ihr Opfer in die Flucht geschlagen. Und wenn die Antilope die Flucht ergriff, hatte sie keine Zeit mehr, sich an ein anderes Tier anzuschleichen.

Das Tier senkte den Kopf und knabberte am Gras. Es war noch jung, aber Abeke wusste, dass es trotzdem viel schneller rennen konnte als sie selbst. Wenn ihr die Antilope entkam, musste sie mit leeren Händen nach Hause zurückkehren.

Sie blieb stehen und legte einen Pfeil auf die Sehne ihres Bogens. Als sie den Bogen spannte, knarrte er. Die Antilope hob ruckartig den Kopf, doch da flog der Pfeil schon durch die Luft, bohrte sich in ihre Brust und traf Herz und Lunge. Das Tier taumelte und brach zusammen.

Für die Bewohner von Abekes Dorf war diese Beute wichtig. Aufgrund der Dürre gab es weniger zu essen als sonst, und da ein Ende der Trockenheit nicht abzusehen war, zählte jeder Bissen. Abeke kniete sich neben das verendete Tier. „Verzeih mir, dass ich dir das Leben genommen habe“, sagte sie leise. „Aber unser Dorf braucht dein Fleisch. Ich habe mich ganz nahe herangeschlichen und auf dein Herz gezielt, damit du nicht leiden musstest. Bitte verzeih mir.“

Abeke blickte zum wolkenlosen Himmel auf. Dem Stand der Sonne nach war der Tag bereits weiter fortgeschritten, als sie gedacht hatte. Wie lange hatte sie ihre Beute verfolgt? Zum Glück war die Antilope so klein, dass Abeke sie tragen konnte. Sie warf sich den Kadaver über die Schulter und machte sich auf den Heimweg.

Die Sonne brannte auf die ausgedörrte braune Ebene nieder. Die Büsche waren vertrocknet und brüchig, die Sträucher verwelkt. In der Ferne flimmerten ein paar einsame Affenbrotbäume mit dicken Stämmen und ausladenden Ästen in der Hitze.

Abeke hielt Augen und Ohren offen. Menschen gehörten nicht zur bevorzugten Beute der großen Raubkatzen, aber das konnte sich in Zeiten der Nahrungsknappheit schnell ändern. Und Katzen waren nicht die einzige Gefahr in der Savanne von Nilo. Jeder, der den Palisadenzaun des Dorfes hinter sich ließ, musste sich wappnen.

Mit jedem Schritt lastete die Antilope schwerer auf Abekes Schultern. Aber sie war groß und stark für ihr Alter. Außerdem freute sie sich schon so sehr darauf, ihrem Vater die Beute zu zeigen, dass sie die sengende Sonne vergaß.

In ihrem Dorf jagten normalerweise die Männer. Frauen wagten sich selten nach draußen. Umso mehr würden alle über die Antilope staunen! Sie hätte ihren elften Namenstag nicht besser feiern können.

Ihre Schwester Soama mochte schöner sein und besser tanzen, singen und weben und ganz allgemein geschickter mit den Händen sein. Dafür hatte sie noch nie ein Tier getötet.

Vor einem Jahr, an ihrem elften Namenstag, hatte Soama dem Dorf einen Perlenteppich geschenkt. Er zeigte Reiher, die über einen Teich fliegen. Viele hatten gesagt, sie hätten noch nie eine so schöne Arbeit von einer jungen Künstlerin gesehen. Doch einen Teppich kann man nicht essen, Perlen stillen keinen Durst und nur ein echter Reiher füllt den Magen.

Abeke musste lächeln. Noch nie hatte ein Kind an seinem Namenstag dem Dorf ein selbst erlegtes Tier geschenkt. Diese Gabe hatte einen richtigen Nutzen.

Um nicht vorzeitig von den Spähern entdeckt zu werden, schlich sich Abeke genauso ins Dorf zurück, wie sie es verlassen hatte – durch ein Loch im Zaun, das der Schlucht zugewandt war. Deshalb musste sie ein Stück klettern, was nicht gerade einfach war mit dem Gewicht der toten Antilope auf den Schultern. Aber sie schaffte es.

Die Zeit drängte. Ohne auf die Blicke der Nachbarn zu achten, eilte Abeke zum Haus ihrer Familie. Wie die meisten Behausungen des Dorfes war es rund, hatte Mauern aus Stein und ein spitz zulaufendes Strohdach. Soama erwartete sie bereits. In ihrem orangefarbenen Gewand und dem perlenbesetzten Kopftuch sah sie wunderschön aus. Abeke war selbst sehr hübsch, aber dem Vergleich mit ihrer Schwester hielt sie nicht stand. Und sie hatte auch keine Lust, sich hübsch zu machen: Sie bevorzugte praktische Kleidung und Zöpfe, die man nach hinten binden konnte.

„Abeke!“, rief Soama. „Wo warst du? Weiß Vater, dass du wieder da bist?“

„Ich war jagen“, erklärte Abeke stolz. Die Antilope hing noch über ihren Schultern. „Ganz allein.“

„Du bist allein nach draußen gegangen?“

„Wo sollte ich sonst eine Antilope herkriegen?“

Soama schlug die Hand vor die Augen. „Warum machst du immer so verrückte Sachen? Vater hat sich irrsinnige Sorgen gemacht, weil du verschwunden warst. Und jetzt kommst du zu spät zu deinem Bindungsritual!“

„Das schaff ich schon noch“, versicherte Abeke. „Ich beeile mich. Schließlich brauche ich mich nicht wer weiß wie herzurichten. Die anderen werden sich wohl kaum beschweren, wenn sie erst sehen, was ich mitgebracht habe.“

Hinter Abeke ging die Tür auf und sie drehte sich um. Ihr Vater, ein hochgewachsener, schlanker, muskulöser Mann mit kahl rasiertem Schädel trat ein und funkelte sie zornig an. „Abeke! Chinwe hat gesagt, du seist zurückgekehrt. Ich wollte gerade einen Suchtrupp losschicken.“

„Ich brauchte doch noch eine schöne Gabe zu meinem Namenstag“, erklärte Abeke. „Deshalb habe ich diese Antilope erlegt.“

Ihr Vater schloss schwer atmend die Augen. „Abeke“, sagte er mit mühsamer Beherrschung, „heute ist ein wichtiger Tag. Du kommst zu spät und bist mit Staub und Blut besudelt. Dein Verschwinden hat das ganze Dorf in Aufregung versetzt. Begreifst du denn nicht, was du angerichtet hast?“

Abeke fiel in sich zusammen, ihr Stolz löste sich auf und ihre Freude erlosch. Ihr fiel keine passende Antwort ein und Tränen traten ihr in die Augen. „Aber … mir ist doch nichts passiert. Du weißt, dass ich eine gute Jägerin bin. Es sollte eine Überraschung sein.“

Ihr Vater schüttelte den Kopf. „Du hast selbstsüchtig und töricht gehandelt. Die Antilope ist kein angemessenes Geschenk für die Gemeinschaft. Sie zeigt doch nur, dass du nicht weißt, was sich gehört. Was sagt sie über dich? Über uns? Was lehrt sie die anderen Kinder? Du wirst als Geschenk den Krug überreichen, den du getöpfert hast.“

„Aber der Krug ist hässlich!“, erwiderte Abeke unglücklich. „Ein Affe könnte einen schöneren machen. Ich habe kein Talent zum Töpfern.“

„Weil du dich nicht anstrengst“, erklärte ihr Vater. „Eine Antilope zu erlegen, zeugt von Geschick, aber auch von mangelndem Urteilsvermögen. Über deine Strafe unterhalten wir uns später. Mach dich bereit. Ich sage den anderen, dass dein Bindungsritual doch noch stattfindet. Soama soll dir helfen. Nimm dir ein Beispiel an ihr, dann machst du uns keine Schande.“

Abeke war untröstlich. „Ja, Vater.“

Er verließ das Haus und Abeke nahm die Antilope von den Schultern und legte sie auf den Boden. Jetzt merkte sie auch, dass sie voller Schmutz und Blut war. Wie betäubt starrte sie auf ihre schöne Beute. Die Antilope war zu einem Symbol ihrer Schande geworden.

Abeke konnte kaum die Tränen zurückhalten. Dabei hatte heute doch ihr Tag sein sollen! Ausnahmsweise einmal. Sonst drehte sich immer alles um Soama: darüber, wie klug, wie schön, wie begabt sie sei. Heute sollte Abeke den Nektar des Ninani trinken. Würde ihr ein Seelentier erscheinen? Wahrscheinlich nicht. Doch in jedem Fall war sie ab heute eine Frau, ein vollwertiges Mitglied der Dorfgemeinschaft. Und zur Feier dieses Ereignisses hatte sie ein ganz besonderes Geschenk beisteuern wollen.

Wenn doch ihre Mutter noch gelebt hätte. Sie hatte Abeke am besten von allen verstanden. Aber sie war kränklich gewesen und früh gestorben.

Abeke ergab sich ihren Tränen und begann zu schluchzen.

„Dafür ist jetzt keine Zeit“, mahnte Soama. „Du bist spät dran und siehst schon schlimm genug aus.“

Mit zusammengebissenen Zähnen unterdrückte Abeke ihre Verzweiflung. Ihre Schwester sollte sie nicht weinen sehen. „Was soll ich tun?“

Soama trat zu ihr und wischte ihr die Tränen aus dem Gesicht. „Vielleicht solltest du doch weinen. Wir haben nicht genug Wasser zum Waschen.“

„Jetzt bin ich mit Weinen fertig.“

„Dann versuchen wir es so.“

Willenlos wie eine Puppe ergab Abeke sich in ihr Schicksal. Sie beklagte sich weder über die kratzige Bürste noch über den nur wenig feuchten Lappen und machte auch keinerlei abfällige Bemerkung über die Kleider und den Schmuck, den sie anlegen musste. Sie überließ alles Soama und tat so, als wäre die Antilope nicht da.

Als sie aus dem Haus trat, wartete das ganze Dorf auf sie und bildete eine Gasse, durch die sie hindurchlaufen sollte. Abeke hatte sich so sehr auf diesen Augenblick gefreut, denn oft schon hatte sie selbst für andere Teilnehmer der Zeremonie Spalier gestanden.

Ihr Vater wie auch die meisten anderen Männer musterten sie streng. Einige Frauen blickten tadelnd, andere mitleidig. Einige ihrer Freundinnen kicherten.

Abeke schritt zwischen den Bewohnern des Dorfes hindurch und spürte bei jedem Schritt, wie sehr sie die anderen enttäuscht hatte. Am liebsten wäre sie weggerannt und hätte sich von einem Löwen auffressen lassen.

Doch sie marschierte erhobenen Hauptes weiter, den missglückten Krug in der Hand. Der Wind war stärker geworden und wirbelte Staub auf. Eine Wolke verdunkelte die Sonne. Abekes Gesicht zeigte keine Regung.

So schritt sie immer weiter, während sich die Menge hinter ihr schloss und eine wachsende Schar sich anschickte, ihr zu folgen. Am Ende der Gasse sah Abeke Chinwe stehen. Chinwe hatte sich den grünen Umhang, den sie nur bei diesem Ritual trug, nachlässig über die Schulter geworfen. Ihre dürren Beine waren nackt und an einem Bein war das Tattoo ihres Gnus zu sehen.

Als Abeke näher kam, stimmte Chinwe einen Sprechgesang an. Die Dorfbewohner wiederholten die Verse in der alten Stammessprache. Abeke verstand wie auch die anderen nur wenige Worte, aber so war es Brauch.

Abeke kniete sich vor Chinwe hin. Sie spürte den grobkörnigen Sand an ihren nackten Knien. Immer noch singend, tauchte Chinwe eine kleine Schale in ein größeres Gefäß. Ihr Blick verriet weder Ärger noch Tadel. Sie wirkte genauso wie immer bei einer solchen Zeremonie – ruhig, fast ein wenig gelangweilt.

Abeke nahm die Schale von Chinwe entgegen. Sie enthielt nur eine kleine Menge klarer, zäher Flüssigkeit. Abeke trank. Der Nektar schmeckte wie jene kalte Suppe, die ihre Mutter früher aus zerstoßenen Nüssen zubereitet hatte. Süßer zwar, aber ansonsten verblüffend ähnlich. Die Erinnerung an ihre Mutter trieb Abeke erneut Tränen in die Augen.

Sie gab die Schale zurück und blickte fragend zu Chinwe auf. War das wirklich echter Nektar gewesen? Oder hatte Chinwe ihn bloß durch eine Suppe aus Wurzeln und Nüssen ersetzt? Chinwe nahm die Schale zurück, ohne ihren Sprechgesang zu unterbrechen.

Abeke fühlte sich benommen und schwindlig, dabei aber innerlich aufgewühlt. War das bei allen so, die vom Nektar getrunken hatten? Sie nahm ihre Umgebung überdeutlich wahr, roch den Regen in der Luft und hörte die einzelnen Stimmen des Sprechgesangs so klar, dass sie sogar sagen konnte, wer unter den Zuschauern falsch sang. Auch ihren Vater und ihre Schwester hörte sie heraus.

Der Himmel verdunkelte sich und es donnerte. Der Gesang brach ab und alle blickten nach oben. Abeke hatte nur einmal erlebt, wie ein Seelentier erschienen war. Hano hatte es gerufen, der Großneffe des alten Regentänzers. Abeke war damals sechs Jahre alt gewesen, aber sie erinnerte sich nicht, Donner gehört zu haben. Hinter Hano war ein sanftes Licht erschienen, aus dem ein Ameisenbär getrottet war.

Doch jetzt warf eine gleißende Lichtsäule, heller als jedes Signalfeuer, lange Schatten auf das Dorf. Einige Dorfbewohner schrien erschrocken auf. Das Licht erlosch und an seiner Stelle war eine Leopardin erschienen.

Von Kopf bis Fuß von einem merkwürdigen Summen erfüllt, starrte Abeke sie staunend an. Sie war groß und schlank, fast so groß wie ein Löwe, mit einem makellos glänzenden Fell. Draußen in der Wildnis wäre es Abeke nie im ...

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