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Spionin in schwarzer Spitze

1. KAPITEL

Das durfte doch wohl nicht wahr sein!

Jack Sinclair stand auf dem Bürgersteig nahe dem Gebäude der Kincaid Group und beobachtete fassungslos, wie seine Geliebte Nikki Thomas äußerst vertraut Elizabeth Kincaid umarmte, um anschließend im Firmengebäude zu verschwinden. Das kam einem Hochverrat gleich!

Jetzt wurde ihm so einiges klar. Sie musste für die Kincaid Group arbeiten, eine andere Erklärung gab es nicht. Trotzdem konnte er es kaum fassen. Drei wunderbare Monate lang waren sie zusammen gewesen, eine Zeit des Glücks. Immer wieder hatte er gedacht, dass daraus etwas Festes, Endgültiges werden könnte, und nun stellte sich heraus, dass sie ihn nur benutzt hatte. Dass sie in Wirklichkeit für den Feind arbeitete. Er atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Schließlich war er bekannt dafür, dass er stets die Nerven behielt. Obwohl es ihm in diesem Augenblick schwerfiel.

Aber halt, ermahnte er sich, vielleicht gibt es für diese Umarmung doch noch eine andere Erklärung. Nikki hat mich auf der Read-and-Write-Junggesellenauktion ersteigert. Die findet im Haus von Lily Kincaid statt, und ein Großteil der High Society von Charleston ist dabei. Da könnte sie Elizabeth kennengelernt haben. Oder vielleicht gehören sie auch beide irgendeinem Frauenclub an und kennen sich daher. Auch möglich, dass Elizabeth mit Nikkis Mutter befreundet ist. Sie gehören ja alle zu Charlestons besseren Kreisen und haben sich bestimmt mal auf irgendeinem Event kennengelernt.

Ja, vielleicht ließ es sich so einfach erklären.

Es gab sogar noch eine andere Möglichkeit. Jack hatte Nikki, die von Beruf Wirtschaftsdetektivin war, einen Auftrag erteilt. Sie sollte herausfinden, wer Anteile an der Kincaid Group besaß – vor allem, wem die entscheidenden zehn Prozent gehörten, die weder von ihm noch den Kincaids kontrolliert wurden. Vielleicht war sie hier, um dieser Sache nachzugehen. Alles völlig harmlos.

Das würde sich leicht herausfinden lassen. Er zog sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer der Firmen-Zentrale. Sofort meldete sich eine weibliche Stimme: „Kincaid Group. Mit wem darf ich Sie verbinden?“

„Mit Nikki Thomas bitte.“

Die Frau zögerte. „Nikki …? Nikki Thomas?“

„Ja, Ihre Wirtschaftsdetektivin. Sie hat mir gesagt, ich könne sie über diese Nummer erreichen.“

„Ach so, ja, selbstverständlich. Einen Moment bitte.“

Leise vor sich hin fluchend legte er auf. Das war ihm Beweis genug. Nikki arbeitete also für die Kincaid Group! Sicher, er hatte von Anfang an gewusst, dass sie Wirtschaftsdetektivin war, aber weil sie ihn immer wieder auf ihre Verschwiegenheitspflicht hingewiesen hatte, hatte er es versäumt, ihr wichtige Fragen zu stellen. Doch jetzt würde sie sie ihm beantworten müssen! Und jede einzelne!

Wutentbrannt beschloss er, in das Firmen-Gebäude zu gehen. Er musste mit Nikki reden, und es würde keine angenehme Unterhaltung werden. Er musste mit der Frau reden, die wie keine andere in sein Innerstes vorgedrungen war, der es gelungen war, seine mühsam über Jahre aufrechterhaltene Fassade von Kühle und Unnahbarkeit zu durchbrechen.

Er musste mit ihr reden, und dann würde sie es bitter bereuen, dass sie ihn hereingelegt hatte.

Jack verschwendete keine Zeit mehr. Mit großen Schritten steuerte er auf das vierstöckige Gebäude zu. In den vergangenen Monaten war er mehrfach im Firmen-Komplex gewesen, um mit den Söhnen und Töchtern seines Vaters zu sprechen – mit den „Ehelichen“, wie er sie insgeheim nannte. Sie hingegen nannten ihn, den „unehelichen Sohn“, unter sich wahrscheinlich den „Bastard“. Er hatte es ihnen in letzter Zeit nicht leicht gemacht.

Er betrat das Bürohaus und baute sich vor der Empfangsdame auf. Als die Frau ihn sah, griff sie sofort zum Telefonhörer. Entschlossen legte er einfach den Finger auf die Gabel und beendete so die Verbindung. Sicher hatte die Frau die Anweisung, sofort einen der Kincaids zu benachrichtigen, sobald er auftauchte. Wäre er anstelle der Kincaids gewesen, dann hätte er es genauso gemacht.

„Wissen Sie, wer ich bin?“, fragte er mit gefährlich leiser Stimme.

Sie nickte wortlos.

„Sehr gut. Dann wissen Sie ja auch, dass mir ein nicht gerade kleiner Teil dieser Firma gehört.“ Mit einem Kopfnicken wies er sie an, den Telefonhörer wieder auf die Gabel zu legen. „Ich muss sofort mit Nikki Thomas sprechen. Wo finde ich sie?“

Die Frau spürte genau, wie aufgebracht er war. Besorgt fragte sie nach: „Und in welcher Angelegenheit bitte?“

„Das geht Sie rein gar nichts an. Wo ist ihr Büro? Hören Sie, ich frage nur einmal. Wenn Sie mir die Zusammenarbeit verweigern, haben Sie die längste Zeit hier gearbeitet.“

Verängstigt schaute die Empfangsdame ihn an. Einen Augenblick lang dachte Jack, dass sie ihm aus Loyalität zu Nikki die Antwort verweigern würde. Doch dann knickte sie ein. „Zweiter Stock, Zimmer 210“, sagte sie zerknirscht.

„Sie werden sie nicht benachrichtigen, dass ich komme. Ist das klar?“

„Ja, Sir.“

Einen Moment lang überlegte Jack, ob er den Fahrstuhl oder die Treppe nehmen sollte. Lieber die Treppe. Da lief er weniger Gefahr, einem Kincaid zu begegnen. Wer wusste schon, was sonst passieren würde? So, wie seine Stimmung jetzt war, würde er sich vielleicht sogar zu Gewalttätigkeiten hinreißen lassen.

Schnell hatte er Nikkis Büro gefunden. Die Tür war offen, und Nikki stand vor dem großen Fenster, das einen überwältigenden Blick auf den Hafen bot. Doch dafür schien sie im Moment keine Augen zu haben. Ihr Kopf war gesenkt, und alle Last der Welt schien auf ihren Schultern zu ruhen. Er kannte sie jetzt schon einige Monate, aber noch nie hatte er sie so erschöpft und niedergeschlagen gesehen.

Sie hatte ihr Haar hochgesteckt, dadurch sah man ihren Nacken, der bleich war und schutzlos wirkte. Die Sonnenstrahlen, die durch das Fenster fielen, verloren sich in ihrem tiefschwarzen Haar. Sie trug ein königsblaues Kostüm, das einerseits zu einer Geschäftsfrau passte, andererseits aber ihre verlockenden Formen nicht verbarg. Er hatte selbst gesehen, wie sie das Kostüm heute Morgen angezogen hatte, wusste auch, welche Dessous sie darunter anhatte. Und er konnte sich noch genau daran erinnern, wie er heute Morgen in Versuchung gewesen war, ihr diese Dessous wieder auszuziehen und Nikki zurück zu sich ins Bett zu holen.

Blitzschnell unterdrückte er das in ihm aufkeimende Begehren, mit einer Entschlossenheit, für die er im Geschäftsleben bekannt war. Für die ihn seine Konkurrenten fürchteten, aber auch respektierten.

Nikki hatte ihn verraten, betrogen, und das würde er ihr wohl nie verzeihen können. Jetzt würde er herausfinden, wie weit dieser Betrug ging. Und was der Grund dafür war. Er trat ein und schloss die Tür, drehte sogar den von innen steckenden Schlüssel um, damit sie ungestört waren.

Nikki zuckte zusammen und fuhr herum. Ihr Gesichtsausdruck bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen. Insgeheim hatte er immer noch gehofft, es gäbe eine vernünftige, eine harmlose Erklärung dafür, dass sie bei der Kincaid Group war. Doch jetzt, da er ihren schuldbewussten Blick sah, hatte er keinen Zweifel mehr, und das Gefühl eines riesigen Verlustes überfiel ihn.

„Jack …“

„Ich glaube, du hast mir etwas verheimlicht, Nikki. Wichtige Informationen, die du mir eigentlich schon vor Monaten hättest geben müssen.“ Er wagte es nicht, näher zu treten. Nicht bevor er seine Gefühle wieder unter Kontrolle hatte. „Möchtest du dein Versäumnis jetzt vielleicht wiedergutmachen?“

„Ich … ich kann alles erklären.“

Trotz seiner Anspannung musste er lachen. „Wie oft das wohl schon eine Frau zu einem Mann gesagt hat? Allerdings liegt da meistens ein anderer Mann in ihrem Bett, wenn diese Worte fallen.“

„Umgekehrt passiert es sicher mindestens genauso oft“, gab Nikki zurück. „Der Mann sagt es, wenn seine Frau unerwartet nach Hause kommt und ihn beim Seitensprung erwischt.“ Bedauernd senkte sie den Kopf und kam zum Thema zurück. „Es tut mir leid, Jack. Unter den gegebenen Umständen hört es sich natürlich lächerlich an, wenn ich sage, dass ich alles erklären kann.“

Er lehnte sich gegen die geschlossene Tür und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe mich damals schon gleich gefragt, warum du bei der Read-and-Write-Junggesellenversteigerung freiwillig so viel für mich zahlen wolltest. Du hast gesagt, du hast auf mich geboten, weil sonst keiner etwas bieten wollte. Aber inzwischen glaube ich, dass ein ausgeklügelter Plan dahintersteckte. Ein Plan der Kincaids. So konntest du mir nahe sein, ohne dass ich misstrauisch wurde – und mich ausspionieren. Wirklich gar nicht so dumm.“

Verärgert hielt sie eine Hand in die Höhe. „Halt, halt, jetzt mal langsam. Wenn du wirklich glaubst, dass ich im Auftrag der Kincaids auf dich geboten habe …“

„Du hast tausend Dollar geboten, während sonst niemand überhaupt ein Interesse hatte.“ Kalte Wut stieg in ihm hoch, und es fiel ihm schwer, sich zusammenzureißen. „Es war ein abgekartetes Spiel, von Anfang an.“

Heftig schüttelte sie den Kopf. Wenn er nur daran dachte, dass er dieses wunderschöne Gesicht vor ein paar Stunden noch geküsst hatte …! Wie lange es wohl dauern würde, bis die Erinnerungen verblassten und er seinen Seelenfrieden wiederfinden würde?

„Nein, es war kein Spiel, und ich wollte dich auch nicht reinlegen.“

Sie machte einen Schritt auf ihn zu, einen einzigen Schritt, aber als sie seinen Gesichtsausdruck sah, trat sie wieder zurück. Schmerz und Bedauern lagen in ihrem Blick.

Ja, diese Frau war wirklich schön, das konnte er nicht leugnen. Die Schönheit hatte sie eindeutig von ihrer Mutter geerbt, von der vornehmen, hochwohlgeborenen Seite ihres Stammbaums. Er hätte von Anfang an wissen müssen, dass er jemandem, der aus Charlestons High Society stammte, nicht trauen durfte. Diese Erfahrung hatte doch auch schon seine Mutter machen müssen, als sie die Geliebte von Reginald Kincaid wurde.

Angela Sinclair war nicht standesgemäß gewesen. Oh, fürs Bett war sie gut genug gewesen, aber nicht für eine Heirat. Und der Sohn, der aus dieser Verbindung hervorgegangen war, war folgerichtig auch nicht gut genug gewesen. Jack verzog angewidert den Mund. Verleugnet, verheimlicht – ja, so war es geblieben, bis sein Vater das Zeitliche gesegnet hatte. Anschließend mussten andere den Scherbenhaufen zusammenkehren, den der Mann hinterlassen hatte.

Sein ganzes Leben lang hatte Jack sich die vornehmen, luxuriösen Südstaaten-Herrenhäuser nur von außen ansehen können. Die High Society war eine geschlossene Gesellschaft, für ihn war da kein Platz gewesen. Für diese Gesellschaft war er, der unehelich Geborene, ein Außenseiter, ein Ausgestoßener. Der Mann, der ihn gezeugt hatte und verheimlichte, stand hingegen in hohen Ehren. Und er gab all seine Liebe seinen ehelichen Kindern, die er mit Elizabeth Kincaid hatte. Die heimliche Geliebte Angela und sein unehelicher Sohn, sein Erstgeborener, waren sein dunkles Geheimnis gewesen, ein schmutziger Fleck auf seiner blütenweißen Weste, der verborgen bleiben musste.

Diese schwere Hypothek trug Jack auf seinen Schultern, und das war ja noch nicht alles. Gerade eben war er wieder tief enttäuscht worden. Die einzige Frau, zu der er ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte und von der er sich sogar hatte vorstellen können, sie zu heiraten – sogar einen Ring hatte er bereits gekauft –, diese Frau arbeitete doch tatsächlich für die Kincaids! Daraus konnte er nur schließen, dass sie ihn von Anfang an belogen, ihm etwas vorgemacht hatte. Dabei hatten sie doch so gut harmoniert, in jeder Hinsicht, auch im Bett.

Beschwörend hielt Nikki eine Hand hoch. „Bitte, Jack, du musst mir glauben. Als ich auf der Junggesellenauktion für dich geboten habe, hatte ich keine Ahnung, wer du bist. Ich konnte einfach nicht verstehen, dass niemand auf dich bieten wollte. Ich meine, es war doch für einen guten Zweck, für die Wohltätigkeit. Das war doch ein Jammer.“

„Und das soll ich dir wirklich glauben? Dass die Kincaids dich nicht auf mich angesetzt haben?“ Bedauernd schüttelte er den Kopf. „Tut mir leid, meine Liebe. Ich weiß jetzt definitiv, dass du für sie arbeitest. Und du hast es mir verschwiegen. Wie soll ich dir da überhaupt noch etwas glauben?“

„Ehrlich, ich habe es erst erfahren, nachdem wir uns am Tag der Auktion zum ersten Mal geküsst haben“, beharrte sie. „Lily hat uns überrascht, erinnerst du dich? Nachdem du gegangen warst, hat sie mir gesagt, wer du bist.“

Oh, an diesen ersten Kuss konnte er sich nur zu gut erinnern. Leidenschaft und Begehren hatten sie beide überwältigt, hatten sie alles um sich herum vergessen lassen. So etwas hatte er vorher noch nie erlebt. Derart die Beherrschung zu verlieren passte so gar nicht zu ihm; er war stolz darauf, sich stets unter Kontrolle zu haben. Aber an diesem Abend hatte ihn die Selbstbeherrschung verlassen. Er hatte diese Frau besitzen wollen, hatte ihr, wie sollte er es ausdrücken, auf eine archaische, primitive Weise seinen Stempel aufdrücken wollen. Er hatte gewollt, dass sie ihm gehörte.

Dieser Rausch, dieser Wahn – hatten das auch einst seine Eltern füreinander empfunden? Hatten sie sich deshalb über die Regeln der feinen Gesellschaft hinweggesetzt? Er konnte es nicht ausschließen, scheute aber vor jedem Gedanken zurück, der seinen Vater in einem besseren Licht darstellen konnte. Die Welt war einfacher, wenn man sie in Schwarz und Weiß einteilte.

Was Nikki anging – natürlich hatte er an diesem ersten Abend nicht mit ihr geschlafen. Allerdings bei der nächsten Gelegenheit. Als sie das gemeinsame Abendessen einlöste, das sie bei der Auktion ersteigert hatte.

Nachdenklich sah er Nikki an. „Selbst wenn ich dir glauben sollte – die Kincaids waren alle dabei, als du auf mich geboten hast. Sie wussten, dass du ein Date mit mir ersteigert hast. Du willst mir doch nicht erzählen, dass sie dieses Wissen nicht ausgenutzt haben? Du bist doch immerhin Wirtschaftsdetektivin in ihren Diensten.“

„Ja, richtig, das bin ich. Ja, Matt und RJ Kincaid wussten von unserem gemeinsamen Abendessen. Und, ja, Matt hat mich gebeten …“

Bevor sie den Satz beenden konnte, bewegte sich plötzlich die Klinke ihrer Bürotür auf und ab. Wer auch immer draußen stand, musste feststellen, dass die Tür verschlossen war, und hämmerte nun mit Gewalt dagegen. Verärgert runzelte Jack die Stirn. Die Frau am Empfang muss jemanden informiert haben, schoss es ihm durch den Kopf. Offenbar wirke ich nicht so einschüchternd, wie ich gedacht habe. Andererseits habe ich ihr ja nur verboten, Nikki Bescheid zu geben. Von den Kincaids habe ich nichts gesagt.

Die Schläge gegen die Tür wurden heftiger, energischer.

„Schätze mal, das sind deine Lebensretter.“ Er wies mit dem Kopf zur Tür. „Die Frau am Empfang konnte anscheinend ihre Klappe nicht halten. Offenbar ist ihre Loyalität zu dir größer als ihre Angst vor mir.“

Empört sah Nikki ihn an. „Du hast Dee doch nicht etwa bedroht …?“

„Natürlich habe ich sie bedroht. So bin ich, das weißt du doch. Ich handele impulsiv, ich bedrohe Menschen. Und am Schluss gewinne ich.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, du bist nicht so brutal und rücksichtslos, wie du dich darstellst, Jack. Wenn du so wärst, hätte ich mich doch niemals …“

Wieder donnerte es gegen die Tür, ausgerechnet jetzt! Dabei hätte er zu gern gehört, wie sie den Satz beendete.

„Sinclair, wir wissen, dass Sie da drin sind.“ Jack erkannte die Stimme seines Halbbruders RJ. Sie war seiner eigenen Stimme sehr ähnlich, was ihn ärgerte, obwohl er selbst nicht recht wusste warum. „Machen Sie sofort die Tür auf, oder wir rufen die Polizei!“

Jack hob eine Augenbraue. „Na? Soll ich sie reinlassen?“

Nikki seufzte. „Ist wohl das Beste, wenn du nicht festgenommen werden willst.“

„Wofür denn festgenommen? Immerhin gehören mir fünfundvierzig Prozent der Kincaid Group.“

„Jack, bitte.“

Er zuckte mit den Schultern und schloss die Tür auf. Sofort stürmten RJ und Matt Kincaid ins Büro. Während Matt sich schützend vor Nikki stellte, baute RJ sich vor Jack auf.

„Ist alles in Ordnung mit dir, Nikki?“, fragte RJ, während er Jack nicht aus den Augen ließ.

Die beiden Halbbrüder Jack und RJ sahen sich wirklich sehr ähnlich. Beide waren über eins achtzig groß und insgesamt stabiler gebaut als der eher schmale Matt. Beide hatten auch viel vom guten Aussehen ihres Vaters geerbt, einschließlich der dunkelbraunen Haare und der Augenfarbe, auch wenn der Blauton ein anderer war. Und so ungern Jack es sich auch eingestand – beide waren sie äußerst gewiefte Geschäftsleute. Diese Eigenschaft konnte Jack seinem Halbbruder nicht absprechen. Aber das würde seinen Triumph umso größer machen, wenn er endlich die Kontrolle über die Firma hatte.

Sein Halbbruder Matt hatte dunkleres Haar als RJ und Jack – und grüne Augen, die er ganz offensichtlich von seiner Mutter geerbt hatte. Auch spürte Jack, dass Matt, der jüngere der beiden Brüder, über einen ausgeprägten Beschützerinstinkt verfügte. Das mochte teilweise auch daran liegen, dass sein Sohn vor Kurzem sehr krank gewesen war. Und so fühlte er sich auch jetzt berufen, Nikki zu schützen.

„Nikki?“, fragte RJ noch einmal. „Alles in Ordnung mit dir?“

„Ja, alles in Ordnung. Jack und ich hatten nur eine … Auseinandersetzung.“ Sie trat hinter Matts Rücken hervor. „Vielleicht kannst du helfen.“

„Aber sicher. Verschwinden Sie, Sinclair, sonst …“

Jack lachte auf. „Darauf können Sie lange warten.“

„So habe ich das mit der Hilfe nicht gemeint“, mischte Nikki sich ein. „Du sollst Jack nur erzählen, was ich in deinem Auftrag tun sollte – was unsere Nachforschungen über ihn angeht.“

Matt zuckte zusammen. „Machst du Witze?“

„Nein, ich meine das ganz ernst“, antwortete Nikki. „Matt, sag Jack bitte, wann du mich gebeten hast, ihn und sein Unternehmen auszuforschen. Bitte.“

Matt zögerte und dachte nach. Doch Jack konnte an seinem Gesichtsausdruck ablesen, dass es ihm nicht darum ging, eine passende Lüge zu erfinden, sondern darum, sich exakt an den Zeitpunkt zu erinnern. „Du hast gerade mit ihm telefoniert, um den Termin für das Abendessen mit ihm festzulegen, das du ersteigert hattest“, sagte Matt schließlich. „Nachdem du aufgelegt hattest, habe ich dich gefragt, ob du Sinclairs Pläne auskundschaften könntest, was die Kincaid Group angeht. Weil ihm ja nun ein Anteil von fünfundvierzig Prozent am Unternehmen gehört, war es uns natürlich wichtig zu wissen, was er vorhat.“

„Und das war ja noch nicht alles“, erwiderte Nikki. Als sie Matts besorgten Gesichtsausdruck sah, musste sie lächeln. „Es ist schon in Ordnung, Matt. Sag es einfach.“

Verärgert blickte er in Jacks Richtung. „Ich habe dich darum gebeten … Ich wollte, dass du ein Gefühl für den Mann entwickelst. Also ein Gespür, meine ich. Ob er jemand ist, von dem man sich vorstellen könnte, dass er die Firma leitet.“

„Nikki hat also in Ihrem Auftrag mich und Carolina Shipping ausspioniert“, stellte Jack nüchtern fest. Prüfend musterte er Nikki. Tränen traten ihr in die Augen, aber er riss sich zusammen, um sich davon nicht beeindrucken zu lassen. „Bis heute Abend will ich alle Dossiers, alle Akten, die über mich angefertigt wurden, auf meinen Schreibtisch haben.“

„Sie können doch nicht …“, warf RJ ein.

„Das kann ich sehr wohl“, unterbrach ihn Jack. „Ich besitze einen bedeutenden Anteil dieses Unternehmens und habe das Recht, diese Informationen einzusehen. Wenn die Papiere nicht bis um fünf auf meinem Schreibtisch liegen, beauftrage ich meinen Anwalt, einen Gerichtsbeschluss zu erwirken. So oder so werden Sie mir die Unterlagen aushändigen müssen. Und dann sehe ich, wann Sie Nikki mit was beauftragt haben.“

„Sie sind unser Konkurrent, Sinclair“, gab Matt verärgert zurück. „Was hätten wir denn Ihrer Meinung nach tun sollen? Einfach nur dasitzen und tatenlos abwarten, wie Sie uns unserer Lebensgrundlage berauben? Es ist doch wohl offensichtlich, dass Sie mit Ihren fünfundvierzig Prozent Anteil unsere Firma übernehmen wollen. Sie werden versuchen, die Kincaid Group in Ihr Unternehmen Carolina Shipping einzugliedern.“ Schützend legte Matt eine Hand auf Nikkis Schulter, was in Jack heftige Eifersuchtsgefühle auslöste. „Und damit Sie’s wissen, ich habe Nikki gesagt, wenn ich mich irre und Sie ein ehrlicher Typ sind, dann ist alles in Ordnung. Aber das sind Sie nicht, Sinclair, oder?“

„Wenn es ums Geschäft geht, bin ich das.“

„Quatsch“, warf RJ ein. „Sie haben von Anfang an gegen uns gearbeitet. Den polizeilichen Mordverdacht gegen unsere Mutter haben Sie dazu genutzt, uns Neukunden abspenstig zu machen.“

„Das stimmt allerdings“, gab Jack achselzuckend zu. „Aber was soll’s? Das war weder illegal noch ehrenrührig. Im Geschäftsleben wird eben mit harten Bandagen gekämpft.“

RJ verzog den Mund, und Jack musste unwillkürlich daran denken, wie sehr dieses Gesicht dem ähnelte, das er jeden Morgen im Spiegel betrachtete. „Ich werde nicht zulassen, dass Sie das Lebenswerk unseres Vaters zerstören.“

„Das liegt mir fern“, versicherte Jack mit aufreizender Freundlichkeit. Es bereitete ihm einen Heidenspaß, sich mit den Brüdern anzulegen, die ihr Leben lang gegenüber ihm bevorzugt worden waren. Viel zu lange hatte er sich diesen Augenblick herbeigesehnt. Und es sollte sogar noch besser kommen – dann nämlich, wenn er in die Fußstapfen seines Vaters trat und Präsident und Geschäftsführer der Kincaid Group wurde. „Die Kincaid Group ist ein sehr erfolgreiches Unternehmen, das mir zu einem nicht unbeträchtlichen Teil gehört. Das will ich mir doch nicht kaputtmachen.“

RJ zögerte einen Moment und tauschte mit seinem Bruder Blicke aus. „Dürfte ich dann fragen, was Ihre Pläne hinsichtlich der Gesellschafterversammlung Ende des Monats sind?“

„Ich werde selbstverständlich teilnehmen.“

Oh ja, die Situation machte Jack wirklich Spaß. Wenn nur Nikki ihn nicht so flehentlich angesehen hätte, als ob sie um Verständnis für ihre Handlungsweise bat. Sollte sie bloß nicht so tun, als ob es ihr leidtat. Er hätte eben niemals jemandem trauen dürfen, der in der High Society von Charleston verkehrte.

„Auf der Gesellschafterversammlung wird der neue Präsident und Geschäftsführer gewählt“, erklärte RJ. „Für wen wollen Sie stimmen?“

„Ich könnte Sie ja auf die Folter spannen, aber was soll’s“, erwiderte Jack. Er ging einen Schritt auf RJ zu und war kein bisschen erstaunt, als dieser nicht zurückwich. Er und sein Halbbruder waren sich auch vom Wesen her sehr ähnlich. Vieles hatten sie von ihrem gemeinsamen Vater geerbt. „Ich plane, die Kincaid Group zu übernehmen.“

Matt fluchte vor sich hin. „Hab ich’s doch gewusst.“

Jack lächelte. „Und meine weitergehenden Pläne sind genau wie von Ihnen vermutet. Meine Firma soll Ihre übernehmen. Schlucken, wie ein großer Fisch einen kleinen schluckt.“ Er blickte erst RJ an, dann Matt. „Willkommen bei Carolina Shipping, meine Herren. Aber richten Sie es sich bitte nicht zu bequem ein. Sie werden nicht lange bleiben.“

Mit diesen Worten wandte er sich um und verließ das Büro. Gern hätte er sich noch einmal umgedreht, aber er unterließ es aus zwei Gründen. Einerseits hätte es seinen effektvollen Abgang zerstört, andererseits hatte er Angst davor, Nikkis entsetzten Blick zu sehen.

Es war genau sechzehn Uhr fünfundfünfzig, als Nikki Thomas auf den Parkplatz von Carolina Shipping fuhr. Sofort fiel ihr Blick auf Jacks roten Aston Martin. Jack war also im Büro.

Sie trat durch die Glastüren des Haupteingangs ein und sah sich neugierig um. Sie war noch nie hier gewesen und hatte Jack auch nie gebeten, ihr die Firma zu zeigen – aus Angst, er könnte sich dann im Gegenzug auch nach ihrer Arbeit erkundigen, und das hatte sie natürlich auf keinen Fall gewollt.

Das Foyer war elegant eingerichtet und strahlte einen gemütlichen Südstaatencharme aus. Geschmack hatte er, das musste man ihm lassen – sie kannte ja auch schon sein Ferienhaus am Strand und auch sein riesiges Herrenhaus in Greenville.

Die Dame am Empfang begrüßte sie lächelnd. „Miss Thomas?“

Nikki sah sie überrascht an. „Äh … ja. Das bin ich.“

„Jack hat gesagt, dass Sie kommen würden. Er hat sogar mit mir gewettet, dass Sie kurz vor Büroschluss erscheinen würden.“ Sie lachte. „Nach all den Jahren, die ich schon für ihn arbeite, sollte ich eigentlich gelernt haben, lieber nicht mit ihm zu wetten. Er gewinnt ja doch immer.“

„Ja, das ist mir auch schon aufgefallen“, gab Nikki zurück.

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