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Spiel um Macht und Liebe

Penny Jordan

Spiel um Macht und Liebe

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Johannes Heitmann

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

„So so. Mein kleiner schlauer Bruder hat also geschafft, was unserem verstorbenen Vater nicht gelungen ist. Du hast die Amerikaner dazu gebracht, uns die Kontrolle über die Herstellung unserer Medikamente zu überlassen. Und wie hast du das bewerkstelligt? Mit denselben Mitteln, mit denen du unseren Vater dazu gebracht hast, sein Testament zu deinen Gunsten zu ändern?“

Neben dem verächtlichen Spott hörte Leo aus Wilhelms Stimme auch die Verbitterung des älteren Bruders heraus.

Es hatte für Leo keinen Sinn, Wilhelm daran zu erinnern, dass er selbst mindestens genauso verblüfft gewesen war, als er erfuhr, dass ihr Vater ihm allein die gesamte Kontrolle über den Arzneikonzern der Hesslers übertragen hatte. Alle hatten damit gerechnet, dass Wilhelm der Alleinerbe würde.

Leo lockerte den Griff, mit dem er den Telefonhörer festhielt. Er war früh am Morgen aus New York in Hamburg angekommen und direkt vom Flugplatz zu den Büros von „Hessler-Chemie“ gefahren, um dem Vorstand einen kurzen Bericht zu geben. Dieses Treffen war von Leos Assistent organisiert worden.

Zwar war Wilhelm bei dem Treffen nicht erschienen, doch offenbar hatte ihm jemand von den Neuigkeiten berichtet.

Leo wusste, dass es sein gutes Recht war, auf seine Ergebnisse aus New York stolz zu sein. Mit demselben Recht konnte er sich über Wilhelms Verhalten ärgern. Bevor er vom Büro nach Hause gefahren war, hatte er seinem Assistenten gesagt, dass er nicht gestört zu werden wünsche, egal von wem.

Folglich kam ihm Wilhelms Anruf ungelegen.

„Vater kann nicht bei Verstand gewesen sein, als er dieses Testament aufgesetzt hat“, regte Wilhelm sich jetzt auf. „Ich war derjenige, der nach seinem Willen die Leitung übernehmen sollte. Das hat er immer gesagt. Ich kam doch bei ihm an erster Stelle.“

Leo biss die Zähne zusammen und ließ Wilhelm seine Bosheiten ungehindert ausstoßen.

An erster Stelle. Wie oft hatte er während seiner Jugend diese Worte von seinem Bruder gehört? fragte Leo sich, als Wilhelm endlich aufgelegt hatte. Wie oft hatte er schmerzlich unter der Kritik und Ablehnung seines Vaters gelitten, bis er schließlich erkannt hatte, dass er seiner eigenen Sicht des Lebens nachgehen musste? Es gab andere Welten und Werte als die, die sein Vater stets verfolgte.

Erschöpft blickte er auf das Telefon. Wilhelm und er waren nie gut miteinander ausgekommen. Es hatte immer Rivalität und Ablehnung zwischen ihnen gegeben. Und manchmal war es Leo sogar so vorgekommen, als habe ihr Vater diese Rivalität noch absichtlich gefördert. Wilhelm war über alle Maßen besitzergreifend. Vielleicht lag das daran, dass er das älteste Kind gewesen und davon ausgegangen war, immer das einzige zu bleiben.

Immerhin lagen vierzehn Jahre zwischen ihnen, und so war Wilhelm den Großteil seiner Kindheit ein Einzelkind gewesen. Und während er aufwuchs, hatte Leo nie daran gezweifelt, wer von ihnen beiden Vaters Liebling war.

Schwächling hatte sein Vater ihn einmal als Junge genannt, obwohl Leo heute mit seinen einsfünfundachtzig schwerlich als schwach bezeichnet werden konnte. Der Ton seiner bernsteinfarbenen Augen passte zu dem Goldbraun seines dichten Haars. Eine seiner Geliebten hatte ihn einmal mit einem Löwen verglichen. Sie hatte gesagt, er strahle dieselbe goldene Geschmeidigkeit aus, aber, hatte sie lachend hinzugefügt, nicht das raubtierhafte Verlangen zu jagen und zu töten.

Körperlich schlägt bei mir die mütterliche Seite durch, stellte Leo fest. Und er hoffte inständig, dass das auch für seine seelische und geistige Seite galt. Er wollte nichts von den Veranlagungen seines Vaters erben. Aber galt das auch für das materielle Erbe?

Unbehaglich ging er zum Fenster und blickte auf den Fluss. Das Bürogebäude lag in einer ruhigen, wohlhabenden Gegend von Hamburg, und das eher kleine Haus wurde von den hohen Nachbargebäuden förmlich zerdrückt. Es war ein altes Haus mit quietschenden Dielen und seltsam verwinkelten Räumen.

Wilhelm hatte versucht, das Testament ihres Vaters anzufechten, mit der Begründung, dass er es nur in dieser Form aufgesetzt haben konnte, wenn er entweder geistig umnachtet oder von Leo unter Druck gesetzt worden war.

Die Firmenanwälte hatten Wilhelm gewarnt, dass er den Fall vor Gericht nur verlieren konnte, zumal ihr Vater bis zu jenem tödlichen Herzinfarkt im Vollbesitz seiner geistigen Gesundheit und der Macht über den Hesslerkonzern gewesen war.

Natürlich kam noch erschwerend hinzu, dass Leo ihn gefunden hatte, als er auf dem Boden in seinem Arbeitszimmer zusammengebrochen lag, aber noch lebte, wenn auch nur noch schwach. Niemand hatte von seiner Herzschwäche gewusst, die hatte er immer geheim gehalten. Leo hatte sofort einen Notarzt gerufen, doch ein paar Sekunden, nachdem er den Hörer wieder aufgelegt hatte, hatte sein Vater einen zweiten und diesmal tödlichen Anfall bekommen.

In diesen paar Sekunden hatte sein Vater mit ihm gesprochen.

„Mein Sohn …“, hatte er mühsam herausgebracht. „Mein Sohn.“

Doch es hatte keine Liebe aus seiner Stimme geklungen, sondern nur dieselbe wütende bittere Ablehnung, die Leo seit seiner Kindheit so gut kannte.

Auf dem Boden neben seinem Vater hatte eine kleine Urkundenkiste mit Vorhängeschloss gelegen. Der Wandsafe war geöffnet gewesen, und der Arzt hatte vermutet, dass die Anstrengung, den Kasten aus dem Safe zu holen, den ersten Anfall ausgelöst haben könnte.

Leo war sich da nicht so sicher. Der Kasten war nicht schwer.

Er drehte sich jetzt unvermittelt um. Die Kiste stand immer noch auf seinem Schreibtisch, wo er sie vor sechs Wochen abgestellt hatte. Schon längst hatte er sie öffnen wollen, war bislang jedoch nie dazu gekommen.

Aber jetzt habe ich die Zeit, rief er sich in Erinnerung.

Beim Blick auf den Kasten wurde ihm klar, dass dies hier eigentlich Wilhelms Aufgabe hätte sein sollen.

Genau, wie der Konzern eigentlich an Wilhelm hätte vererbt werden sollen. Auch die väterliche Liebe war schließlich immer auf Wilhelm beschränkt worden. Oder wenigstens die väterliche Zuneigung. Leo zweifelte daran, dass sein Vater jemals einen Menschen geliebt hatte. Er war einfach kein Gefühlsmensch gewesen. Wieso hatte er ihm jetzt die Leitung des Konzerns übertragen, wenn er jahrelang Wilhelm auf diese Rolle vorbereitet hatte? Die neue Fassung seines Testaments war erst kurz nach dem Tod ihrer Mutter angefertigt worden.

Erschöpft erkannte Leo, dass es keinen Zweck hatte, sich immer wieder dieselben Fragen zu stellen, wenn er keine Antworten darauf wusste.

Stirnrunzelnd betrachtete er die Urkundenkiste. Jetzt, wo er für kurze Zeit die Anspannung vergaß, unter der er durch seine Verantwortung für den Konzern stand, wurde ihm bewusst, wie schäbig dieser Kasten aussah und wie merkwürdig es war, dass er beim Tod seines Vaters neben ihm gelegen hatte.

Neugier und noch ein anderes Gefühl wurden in ihm wach.

Er ging zum Schreibtisch und berührte zögernd die Kiste.

Den Schlüssel hatte er in der Hand seines Vaters gefunden. Als er ihn jetzt aus einer Schublade holte, sah er ihn nachdenklich an. Genau wie die Kiste war er abgenutzt und alt. So etwas passte einfach nicht zu seinem Vater.

Immer noch nachdenklich griff er nach der Kiste und zögerte dann erneut. Es fiel ihm schwer, sie zu berühren und zu öffnen.

Verbittert rief er sich in Erinnerung, dass er jetzt die Gefühle zeigte, die sein Vater an ihm verachtet hatte: Empfindsamkeit, ausschweifende Fantasie und Angst. Angst wovor? Sicher nicht vor seinem Vater. Diese Angst hatte er in dem Augenblick abgelegt, als ihm klar wurde, dass er, egal, was er tat, niemals die Anerkennung und Liebe seines Vaters gewinnen würde.

Es nützt nichts, die Vergangenheit noch einmal zu durchleben, beschloss er. Schließlich war er mit achtunddreißig Jahren kein Kind mehr.

Er steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Kiste.

Der einzige Inhalt war ein Umschlag. Leo hob ihn heraus und verspannte sich leicht, als er das alte, abgenutzte und sich unangenehm anfühlende Papier in der Hand hielt.

Aus dem unverklebten Umschlag holte er alles heraus und breitete es auf dem Schreibtisch aus.

Ein Notizbuch und einige in Englisch geschriebene Zeitungsausschnitte. Als er das Notizbuch aufhob, sah er verwirrt auf die oberste Schlagzeile. Sie gehörte zu einem Artikel, der über die Arbeit von britischen Sanitätssoldaten in einem deutschen Krankenhaus berichtete. Ein Blick auf das Datum der Zeitung verriet Leo, dass der Bericht kurz nach Kriegsende erschienen war.

Ein Foto zeigte einen hageren ausgezehrten Mann in einem Bett, der einem über ihn gebeugten Mann die Arme flehend entgegenstreckte.

Beim Anblick der ausgemergelten Gestalt verkrampfte sich unweigerlich Leos Magen. Offenbar war er ein Opfer aus einem der Konzentrationslager. Der Mann im Nachbarbett hatte nach Aussage des Artikels weniger Glück gehabt und war tot.

Der Bericht fuhr fort, dass der Mann noch kurz vor seinem Tod dem Gefreiten Carey die Namen einiger Deutscher verraten hatte, die dafür verantwortlich waren, dass die Lagerinsassen für medizinische Experimente als Versuchskaninchen missbraucht worden waren. Aufgrund dieses Hinweises war es den Besatzungstruppen dann gelungen, eine Reihe dieser Männer festzunehmen.

Mit versteinerter Miene wandte Leo den Blick ab und zwang sich dann weiterzulesen. Mit zitternden Fingern hob er das kleine Bündel von Ausschnitten hoch und überflog rasch die übrigen Artikel.

Sie waren alle in Englisch geschrieben und bezogen sich auf eine kleine britische Arzneifirma namens „Carey Chemicals“. Unbewusst fiel Leo auf, dass der Name mit dem des Gefreiten aus dem ersten Artikel übereinstimmte.

Die Berichte beschrieben den kometenhaften Aufstieg von Carey Chemicals kurz nach dem Krieg, als sie das Patent für ein Herzmittel bekamen, mit dem bei der Behandlung von Herzkranken neue Wege eingeschlagen werden konnten. Außerdem wurde auch der spätere Abstieg der Firma beschrieben.

Carey Chemicals. Diese ganzen Ausschnitte. Was hatten sie mit seinem Vater zu tun? Wieso hatte er sie gesammelt und aufbewahrt?

Zögernd griff Leo nach dem Notizbuch. Sein Vater hatte Hessler-Chemie nach dem Krieg gegründet. Die Siegermächte waren damals bemüht, im Nachkriegsdeutschland wieder Ordnung zu schaffen. Und weil Leos Vater weder im Krieg noch bei den anderen Abscheulichkeiten eine Rolle gespielt hatte, zumal er kurz nach Kriegsbeginn in die neutrale Schweiz gegangen war, wurde ihm erlaubt, wieder nach Deutschland zurückzukehren und seine Firma zu gründen. Diese Firma stellte eine neue Arznei, ein Beruhigungsmittel her, mit deren Hilfe vielen Kriegsopfern die Nachwirkungen der Schrecken erleichtert werden konnten.

Tief in Gedanken öffnete Leo das Notizbuch. Er hatte, gemäß dem Wunsch seines Vaters, Chemie studiert. Immerhin war auch er ein von Hessler, selbst wenn er nicht so aussah und sich nicht dementsprechend benahm, wie ihm sein Vater immer wieder boshaft eingeredet hatte. Und deshalb musste auch er seinen Teil zum weiteren Erfolg der Firma beitragen.

Als er jetzt auf die ausgebleichten, handgeschriebenen chemischen Formeln und Gleichungen sah, erkannte Leo sofort, was er in Händen hielt.

Dies waren die Originalrezepte zur Herstellung der Arznei, mit der Hessler-Chemie gegründet worden war.

Leo betrachtete sie eingehend. Es gab eine Reihe von Geschichten darüber, wie sein Vater in den Besitz dieser Formeln gekommen war. Offiziell hatte sein Vater sie von einem sterbenden Mann bekommen, mit dem er sich als Übersetzer im Auftrag der Siegermächte unterhalten hatte.

Von Zeit zu Zeit kamen weniger schöne Versionen der Geschichte auf, aber der Hesslerkonzern war mittlerweile bereits zu mächtig geworden, als dass die Firma oder ihr Gründer noch ernsthaft angegriffen werden konnten.

Als Jugendlicher hatte Leo Gerüchte gehört, sein Vater habe heimlich von der Schweiz aus als Spion für die SS gearbeitet und sei quer durch Deutschland und andere Länder gereist. Dadurch sei er an die Ergebnisse der Forschungslabore in den Todeslagern gekommen.

Dummerweise hatte Leo es gewagt, seinem Vater das zu erzählen. Sein Vater hatte nichts dazu gesagt und die Geschichte weder abgestritten noch bestätigt. Doch am nächsten Tag hatte Leo seine Mutter im Bett vorgefunden. Sie hatte so schlimme Schläge bekommen, dass Leo auch gegen ihr ausdrückliches Flehen einen Arzt hatte kommen lassen.

Seitdem hatte er seinem Vater gegenüber die Gerüchte nicht mehr erwähnt.

Er blätterte in dem Notizbuch weiter und erstarrte.

Hier standen weitere Formeln und Randnotizen samt der Unterschrift eines Arztes. Leo war sicher, dass dieser Arzt wegen seines Mitwirkens an den Scheußlichkeiten in einem der Lager verurteilt worden war.

Nach einem raschen Überfliegen las er die Formeln langsam und gründlich durch, und ihm wurde kalt bei der Erkenntnis, was er da vor sich hatte.

Die folgenden Seiten listeten die genauen Untersuchungen auf und schlugen eine Formel für ein Herzmedikament vor. Ein Medikament wie das, was die britische Firma Carey Chemicals herstellte.

Wie ein Kartenspieler breitete Leo vor sich die verschiedenen Zeitungsartikel aus und legte bedrückt das Notizbuch darüber.

War sein Vater gestorben, als er versuchte, den Kasten aus dem Safe zu holen, oder hatte er erst nach dem ersten Anfall versucht, dranzukommen, weil er wusste, was der Kasten enthielt? Hatte er den verräterischen Inhalt vernichten wollen? Leo sah auf die Zeitungsartikel und die Berichte über den Gefreiten Carey. Bestand ein Zusammenhang zwischen dem Aufstieg dieses jungen Mannes im Bereich der Arzneiherstellung nach dem Krieg und den Notizen von Leos Vater? Wieso hatte sein Vater das alles überhaupt aufbewahrt? Wollte er sich damit gegen Erpressungsversuche von Carey absichern, weil Carey die Wahrheit über seine SS-Vergangenheit wusste? Hatte Leos Vater Carey mit der zweiten Formel bezahlt?

Aber Carey war bereits ein paar Jahre vor Leos Vater gestorben, auch die Todesanzeige befand sich unter den Ausschnitten. Wieso hatte sein Vater nicht damals den Inhalt vernichtet, wenn sie tatsächlich so verräterisch waren, wie Leo vermutete?

Hatte Carey sein Wissen vielleicht vor seinem Tod an jemand anderen weitergegeben? Es hieß, sein Schwiegersohn führe das Unternehmen jetzt weiter. Hatte er ihm mehr als nur die Arzneifirma hinterlassen?

Möglicherweise irrte Leo sich. Das konnte auch alles nur Zufall sein. Doch bei diesem Gedanken lehnte sich alles in ihm voller Ablehnung auf.

Ich weiß es, dachte er. Tief drinnen weiß ich, dass vor mir der Beweis dafür liegt, wer mein Vater in Wirklichkeit war. In diesem Moment bin ich näher daran, meinen Vater kennenzulernen, als jemals zuvor zu seinen Lebzeiten.

Jetzt war es auch kein Wunder mehr, dass zwischen ihnen immer eine solche Feindseligkeit geherrscht hatte. Mit einmal verstand Leo auch seine Ablehnung dieser dunklen Ausstrahlung, die seinen Vater immer umgeben hatte.

Als Kind hatte er sich vor dieser Dunkelheit gefürchtet, und als Erwachsener war er dankbar dafür, dass er diese Ausstrahlung nicht geerbt hatte, auch wenn sein Vater ihn wegen dieses Mangels immer verachtet hatte.

Dennoch hatte sein Vater ihm die Kontrolle über den Konzern übergeben.

„Mein Sohn … Mein Sohn.“

Das waren seine letzten Worte gewesen, und aus ihnen hatte nichts als Hass und Verbitterung geklungen.

Konnte etwa Absicht darin gelegen haben, dass er Leo diese schrecklichen Unterlagen finden ließ? War es eine letzte Grausamkeit, eine letzte Erinnerung daran, wessen Blut in seinen Adern floss?

Nein, woher hätte er wissen können, dass es Leo sein würde, der ihn fand? Bestimmt hatte er versucht, diese Beweise zu vernichten, da war Leo sich sicher.

Die Beweise …

Er blickte wieder auf die Papiere auf seinem Schreibtisch. Seltsam, wenn man bedachte, dass mit ihnen die ganze Macht des Hesslerkonzerns gebrochen werden konnte, dass sie das Lebenswerk seines Vaters zerstören konnten.

Stimmte das? Waren sein Vater, der als Dolmetscher arbeitete, und Carey, der Sanitätssoldat, in einem Netz aus Mord, Diebstahl, Erpressung und vielleicht noch Schlimmerem miteinander verbunden?

Der Mann, der vor seinem Tod dem Gefreiten Carey noch Namen anvertraut hatte. Hatte er auch den Namen von Leos Vater als Spion der SS genannt? Hatte Carey die Zusammenhänge erkannt und Leos Vater gedroht, ihn bloßzustellen? Hatte sein Vater Carey mit der zweiten Formel ausgezahlt?

Diese Verbindungen waren fraglich und vielleicht nicht zu beweisen, aber dennoch konnte durch diese Unterlagen der Hesslerkonzern gefährdet werden. Und sie erfüllten Leo mit solchem Abscheu, schmerzvoller Wut und Schuldbewusstsein, das er unweigerlich erkannte, dass er wenigstens den Versuch unternehmen musste, die Wahrheit herauszufinden.

Wenn die Dinge anders gelegen hätten und Wilhelm ein anderer Mensch gewesen wäre, hätte Leo diese Last mit ihm teilen können.

Plötzlich kam ihm ein anderer Gedanke. Hatte seine Mutter die Wahrheit gewusst? War sie deshalb bei seinem Vater geblieben, obwohl der sie körperlich und gefühlsmäßig ausnutzte? Hatte sie zu viel Angst gehabt, um ihn zu verlassen? Hatte sie die Wahrheit nie erzählt aus Angst um ihre Söhne? Aus Angst um Leo?

Denn Wilhelm hatte ihr nie so nahe wie Leo gestanden. Wie auch sein Vater hatte Wilhelm die Mutter mit Verachtung und Grausamkeit behandelt.

Langsam hob Leo die Ausschnitte auf. Er sah zum Kaminfeuer und dann auf die Artikel in seiner Hand.

Entschlossen legte er sie wieder zusammen mit dem Notizbuch zurück in den Umschlag. Vielleicht sollte er sie vernichten, doch er wusste, dass er es nicht fertigbrachte. Zumindest nicht, solange er nicht die Wahrheit wusste. Oder das, was davon noch übrig geblieben war. Und er musste das herausbekommen, ohne den Namen Hessler ins Gerede zu bringen. Nicht um seines eigenen Rufs oder dem seines Vaters willen, sondern mit Rücksicht auf alle, die für die Firma arbeiteten und deren Unterhalt von der Firma abhing.

Nein, mit diesem Problem musste er ganz allein fertigwerden. Still, unauffällig und geheim. Beim letzten Gedanken verzog er unwillig das Gesicht. Das erinnerte ihn zu sehr an seinen Vater.

Geheim.

Das Ganze ließ bei Leo einen ätzenden, schalen Nachgeschmack zurück und bedrückte ihn zutiefst.

2. KAPITEL

„Ich muss gestehen, dass mich Ihr Verhalten ein wenig überrascht, Saul.“ Die Stimme und das dazugehörige Lächeln wirkten warmherzig und fast familiär.

Doch Saul wusste, dass dieser Eindruck täuschte. Er erwiderte nichts und wartete ab.

„Natürlich ist mir bewusst, dass Dan Harper ein Freund von Ihnen ist“, stellte Sir Alex Davidson ruhig fest, und als Saul immer noch schwieg, fügte er weniger gelassen und sehr leise hinzu: „Schließlich haben Sie doch einmal mit seiner Frau geschlafen, oder nicht?“

Das hatte Saul nicht, aber er ging nicht darauf ein. Er kannte seinen Chef gut genug, um zu wissen, wie sehr Sir Alex es genoss, eine wunde Stelle gefunden zu haben.

„Allerdings geht es hier ums Geschäft, und es lag in Ihrer Verantwortung, dafür zu sorgen, dass die Übernahme von ‚Harper and Sons‘ ruhig und unauffällig vollzogen wird. Stattdessen haben Sie Harper gewarnt, dass wir ihn aufkaufen wollen, um anschließend das gesamte Vermögen aus der Firma zu ziehen, die Belegschaft zu entlassen und das Unternehmen zu schließen.“

Jetzt antwortete Saul und sagte ruhig: „Das ist eine etwas dramatische Beschreibung dessen, was geschehen ist.“

Sein Blick war kühl. Er sah fast furchteinflößend aus, obwohl er fünfundzwanzig Jahre jünger als sein Chef und nur ein Angestellter in Sir Alex’ Firma war. Sir Alex hatte ihn gefördert, um ihn eines Tages zu seinem Nachfolger zu machen.

„Aber Sie haben Harper gewarnt, dass etwas in der Luft liegt.“

„Ich habe ihn vor gar nichts gewarnt“, erwiderte Saul knapp. „Ich habe ihm lediglich erzählt, was möglicherweise geschehen könnte, wenn er verkauft.“

„Wortklauberei“, beschuldigte Sir Alex ihn. Er lächelte jetzt nicht mehr, und seine Stimme klang alles andere als freundlich.

„Absolute Zuverlässigkeit ist eine Selbstverständlichkeit, die ich von meinen Angestellten verlange, Saul, und ganz besonders von Ihnen. Ihnen vertraue ich von allen am meisten, und dafür werden Sie auch hervorragend bezahlt.“

Verächtlich stieß Saul die Luft aus, doch es lag auch Verachtung sich selbst gegenüber darin.

Sir Alex, der immer noch sprach, hatte diese Regung nicht bemerkt.

„Wie gesagt, ich bin sehr enttäuscht. Allerdings steht jetzt etwas Wichtigeres auf der Tagesordnung. Ich möchte, dass Sie nach Cheshire fahren. Dort gibt es eine Gesellschaft mit Namen Carey Chemicals. Ich will sie haben.“

„Carey Chemicals?“

„Genau.“ Sir Alex nahm ein paar Unterlagen von seinem Schreibtisch. „Ein kleines ‚Ein-Mann‘-Unternehmen. Das war es jedenfalls. Der verantwortliche Leiter ist kürzlich gestorben, und die Firma steckt in Schwierigkeiten. Ihre Finanzlage wird immer schwieriger, und bald schon wird das Unternehmen untergehen. Wir werden eine Rettungsmaßnahme durchführen.“

„Wirklich? Weswegen?“, fragte Saul spöttisch nach.

Sir Alex sah ihn kurz an und sagte dann beißend: „Bevor ich Ihnen das erzähle, wüsste ich gern, ob ein enger Freund oder eine Geliebte von Ihnen dort arbeitet.“

Saul blickte ihn nur schweigend und durchdringend an, und aus irgendeinem Grund wurde Sir Alex dadurch verunsichert.

„In Ordnung“, stellte er fest, obwohl Saul kein Wort gesagt hatte. „Carey Chemicals ist eine Arzneifirma, obwohl sie in den letzten zehn, zwanzig Jahren nichts produziert hat, was wirklich Gewinn abwarf. Die Witwe, die das Geschäft geerbt hat, wird bestimmt verkaufen wollen.“

„Und Sie wollen kaufen.“

„Zu einem ansprechenden Preis.“

„Wieso?“, fragte Saul nach.

„Weil mir ein kleiner Vogel zugetragen hat, dass die Regierung vorhat, den britischen Arzneifirmen großzügige, wirklich sehr großzügige Anreize zu bieten, wenn sie auf dem Arzneimittelmarkt Forschungen betreiben. Als Gegenleistung verpflichten die Hersteller sich, falls ein marktfähiges Medikament entwickelt wird, das öffentliche Gesundheitswesen zu einem geringeren als dem Marktpreis zu beliefern.“

„Und damit nehmen sie dem Unternehmen einen möglichen Gewinn aus dem neuen Produkt wieder weg“, fügte Saul spöttisch hinzu.

„Tja, es bliebe immer noch der Gewinn aus den Exporten“, stellte Sir Alex richtig. „Aber im Grunde haben Sie recht.“

„Weshalb also sind Sie interessiert?“, hakte Saul nach.

„Weil die Regierung ihr Geld nicht zurückverlangen kann, wenn trotz Forschung kein Medikament entwickelt wird, das auf dem Markt Bestand haben könnte.“

„Ah, jetzt fange ich an zu verstehen“, sagte Saul. „Sie kaufen das Unternehmen, gründen etwas, das nach außen hin wie eine richtige Forschungsabteilung aussieht, und bekommen eine großzügige Unterstützung von der Regierung. Aber wie wir wissen, kann ein guter Buchhalter große, wenn nicht riesige Summen verlieren, wenn er sie von einer Gesellschaft auf eine andere überträgt. Wenn schließlich die Forschung kein Ergebnis bringt, dann …“

Sir Alex lächelte ihn an.

„Es erleichtert mich zu sehen, dass Ihr kürzlicher Anfall von Gewissen und Freundschaft Ihren Verstand nicht vollständig vergiftet hat, Saul. Es gibt noch ein, zwei andere Unternehmen, die eine nähere Untersuchung wert wären, aber keines ist so perfekt für unseren Zweck wie Carey. Das Unternehmen ist so hilflos wie ein Lamm, und ohne unsere Unterstützung könnte es leicht den bösen Wölfen zum Opfer fallen.“

„Und Sie möchten, dass ich herausfinde, wie hilflos dieses Lamm ist, und wie günstig wir es erwerben können.“

„Ja. Sie sollen unser Wolf im Schafspelz sein. Für diese Rolle sind Sie bestens geeignet.“

Ein Wolf? überlegte Saul bitter. Sah Sir Alex in ihm wirklich das Raubtier, das die Angst und blinde Panik genoss, die es bei anderen auslöste?

Während er mit dem Aufzug in die Eingangshalle hinunterfuhr, fiel ihm eine Zeile aus einem Gedicht von Byron ein: Die Assyrer fielen über sie her wie ein Wolf über die Herde.

Die Worte und auch die Bilder, die sie in ihm erweckten, beunruhigten Saul. Er hatte in letzter Zeit viel zu oft unter solchen Störungen gelitten. Diese Anfälle von schlechtem Gewissen waren für ihn absolut ungewöhnlich.

Oder war es eher Widerwillen? Der Gedanke kam ihm nur kurz, und er verdrängte ihn rasch wieder. Er hatte Arbeit zu erledigen.

Die Empfangsdame sah ihn an, als er an ihrem Schreibtisch vorüberging. Innerlich stöhnte sie auf. Er war einer der erotischsten Männer, die ihr je begegnet waren. Alle weiblichen Angestellten der Davidson Corporation fanden das, und dennoch zeigte er nie Interesse an einer von ihnen. Ihn umgab eine strenge und kühle Art, die ihn nur noch anziehender machte.

Er war sicher ein guter Liebhaber, das konnte man an der Art erkennen, wie er sich bewegte. Die Empfangsdame fragte sich, ob seine Körperhaare genauso dunkel und dicht wie die auf seinem Kopf waren.

Seine Augen besaßen einen außergewöhnlich blassen Blauton, und sein Gesicht wirkte so kräftig und kantig wie sein Körper. Er strahlte einen Hunger, eine Energie aus. Es war fast wie eine Wut, die bei Frauen einen Hauch von sexueller Erregung auslöste.

Saul ging aus dem Gebäude hinaus in den sonnigen Frühsommertag. Cheshire. Dort lebte seine Schwester Christie.

Vielleicht war es an der Zeit, sie zu besuchen.

Er würde sie heute Abend anrufen. Auch Karen musste er anrufen. Es war mehr als fünf Wochen her, dass er seine Kinder das letzte Mal gesehen hatte. Seinen letzten geplanten Besuch hatte er wieder absagen müssen. Unwillkürlich runzelte er die Stirn und verspannte sich. Es war zweifelhaft, ob seiner Tochter oder seinem Sohn etwas daran lag, ihn zu sehen. Aber Saul lag sehr viel daran. Sie waren immerhin seine Kinder. Er konnte sich noch gut an seinen Vater erinnern, und wie nahe sie sich gestanden hatten.

Viel zu nahe, hatte Christie ihm einmal gesagt. Er hatte ihr vorgeworfen, eifersüchtig zu sein, und sie hatte ihn nur ausgelacht. Sie hatten eine aufreibende Beziehung zueinander gehabt. Einerseits ähnelten sie sich in vieler Hinsicht, aber auf der anderen Seite hatten sie sehr unterschiedliche Ansichten vom Leben.

Wieder kam es ihm vor, als leide er unter einer seltsamen Krankheit, die sein ganzes Leben durcheinanderbrachte und ihn verwirrte. Dabei hatte er in seinem Leben die Ziele immer so klar und deutlich vor sich gesehen. Und er hatte sie schließlich auch erreicht. Er hatte Erfolg und das Versprechen an seinen Vater erfüllt. Wieso also fühlte er sich so leer und ängstlich, als habe er etwas versäumt? Weshalb zögerte er, nach dem Preis der Arbeit zu greifen, der jetzt so nahe lag?

In ein paar Jahren würde Sir Alex sich zurückziehen, und Saul würde seinen Platz übernehmen. Darauf hatte er hingearbeitet, das hatte er seinem Vater versprochen.

Aber war es auch das, was er selbst wollte? Er unterdrückte einen Fluch. Wieso um alles in der Welt bekam er ausgerechnet jetzt einen Anfall von Sinnkrise in seinem Leben?

Saul ging die Straße entlang, mischte sich unter Leute, ohne ein Teil der Menge zu werden oder in der Menge unterzugehen. Zu dieser Sorte Mensch gehörte er nicht. Seine Umwelt, seine Partner und Kollegen beneideten ihn, das wusste er. Und wieso auch nicht? Er wurde in der Presse gelobt, sein Sachverstand und seine Einfalle wurden bewundert. In den Jahren, die er jetzt für Sir Alex arbeitete, hatte er die Gesellschaft an die Spitze der Konkurrenz geführt.

Während Sir Alex der Unternehmer vom alten Stil war, fast eine Art Pirat, war Saul der Vermittler, der Mann, der durch sein Verhandlungsgeschick aus Sir Alex’ Firma das gemacht hatte, was sie heute war.

Durch Saul war das Wachstum des Unternehmens geplant und kontrolliert worden. Als das Land wirtschaftlich einen Abschwung erlebte, war Saul darauf vorbereitet gewesen. Er hatte nach vorn gesehen, und welche Richtung er auch einschlug, die anderen folgten ihm.

Er war ein Pionier, der bewundert und beneidet wurde. Und jetzt warf er buchstäblich alles weg, brach seine eigenen Grundsätze, die er von seinem Vater übernommen hatte.

Den Grund, aus dem heraus er Dan Harper gewarnt hatte, dass Sir Alex ihn aufkaufen wolle, konnte er sich selbst nicht erklären. Sie waren Freunde, das stimmte, doch nicht sehr enge. Saul ließ es nicht zu, dass irgendjemand nahe an ihn herankam. Nicht mehr.

Weder Männer noch Frauen. Seit dem Scheitern seiner Ehe hatte es Frauen gegeben. Unauffällige kontrollierte Affären, die keinem wehtaten. Und keinesfalls hatte er eine Beziehung mit Dans Frau gehabt, egal, was Sir Alex gesagt hatte.

Im Moment gab es niemanden, aber er hatte die Fähigkeit, Sex aus seinem Leben zu streichen, wenn es ihm notwendig erschien. Er hatte sich nie von seinem Trieb mitreißen, geschweige denn, überwältigen lassen.

Manchmal, wenn er sah, wie ein Konkurrent gierig das Essen herunterschlang, für das Saul bezahlte, und die Vorteile auskostete, die die Verbindung mit Saul ihm einbrachte, dann verspürte Saul eine Art Abscheu über diese Gier, diese übermäßige Verschwendung, wenn so viele andere zu wenig hatten.

Das ist das schottische Blut in mir, sagte er sich. All die Jahre der religiösen Entsagung und des strengen moralischen Lebens.

Sir Alex testete ihn, das wusste Saul. Manchmal war es lächerlich einfach, seinen Chef zu durchschauen, selbst wenn Sir Alex sich wie ein Meister der Verstellung vorkam.

Normalerweise hätte er niemals Saul mit so einer alltäglichen Aufgabe betraut. Dafür gab es Agenten, die angestellt wurden, damit der Name der Firma nicht bekannt wurde, solange der Kauf noch nicht ausgehandelt war.

Sein Magen verkrampfte sich. Er war jetzt vierzig und körperlich gesünder als viele Männer mit fünfundzwanzig. Kein graues Haar wuchs auf seinem Kopf, und dennoch kam er sich manchmal unglaublich alt vor. Geschieden, irgendwie vom wirklichen Leben getrennt, ganz allein und vom Rest der Menschheit entfremdet.

Es gab andere Zeiten, da wurde er wütend, als habe man ihn um irgendetwas betrogen, obwohl er nicht hätte sagen können, was ihm fehlte.

Aus welchem Grund hatte er Dan vor der Übernahme gewarnt? Wieso war es ihm so verabscheuungswürdig vorgekommen, diese kleine altmodische Gesellschaft zu zerstören, die sich seit fünf Generationen im Familienbesitz befand? Schließlich hatte er dasselbe auch vorher schon ohne Gewissensbisse getan. Warum also gerade jetzt, wo Sir Alex ihm praktisch versprochen hatte, dass er sich bald zurückziehen und Saul zu seinem Nachfolger erklären würde?

Er konnte den Boden noch wiedergewinnen, den er verloren hatte. Das hatte er aus Sir Alex’ Rede herausgehört.

Weswegen bloß hatte er diesen unbändigen Drang verspürt, sich umzudrehen und nichts mehr mit Sir Alex und seiner eigenen Zukunft zu tun zu haben?

Tief in ihm steckte eine rasende Wut, das erkannte er jetzt, und damit verbunden war die Angst, dass diese Wut stärker als seine Selbstbeherrschung war. Auf seine Beherrschung war Saul stolz. Sie war immer seine stärkste Waffe gewesen, doch jetzt drohte sie ihn zu verlassen.

Cheshire. Was für ein seltsames Spiel spielte Sir Alex, indem er ihn dorthin schickte? Er liebte es, die Leute zu dirigieren und nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. Saul hatte sich nie so behandeln lassen. Auch wenn er für Sir Alex arbeitete, so hatte er immer deutlich gemacht, dass er sich nicht unterordnen würde. Sir Alex war ein Mensch, der nur die Leute respektieren konnte, die sich ihm nicht fügten.

Was genau hatte er bloß vor? Wollte er diese Arzneifirma nur zum geringstmöglichen Preis aufkaufen und schickte deshalb Saul nach Cheshire, oder gab es da noch andere Gründe?

Saul fragte sich, ob er wie einer seiner Vorgänger bei seiner Rückkehr nach London jemand anderen auf seinem Platz vorfinden würde. Und wenn ja, würde es ihm etwas ausmachen? War ihm überhaupt noch etwas wichtig? Meine Kinder bedeuten mir etwas, stellte er fest. Es machte ihm etwas aus, dass sie ihn ablehnten, dass ihnen mehr an materiellen Dingen lag. War er selbst auch einmal so gewesen? Josey war fünfzehn und Thomas fast dreizehn. Sie waren sehr unterschiedlich im Charakter, genau wie er und Christie damals. Vor beinahe zehn Jahren hatten Karen und er sich getrennt, und seine Kinder kamen ihm wie Fremde vor. Er hatte in diesen zehn Jahren sehr viel gearbeitet. War er zu beschäftigt gewesen, um sich um seine Kinder zu kümmern?

Der Gedanke tat ihm weh und ließ ihn nicht los. Erst seit kurzer Zeit stellte er sich Fragen, viel zu viele Fragen, die er nicht beantworten konnte. Und weswegen? Weil er eines Morgens aufgewacht war und ihm beim Gedanken an sich und sein Leben übel geworden war. Wieso fühlte er sich so? Er hatte immer seine eigenen Entscheidungen getroffen, war seine eigenen Wege gegangen.

Aus der Erinnerung hörte er Christies Stimme, die vor Aufregung heiser klang. Ihr junges Gesicht war damals rot vor Zorn und Verachtung gewesen. „Du tust nichts für dich selbst, Saul. Oder? Du handelst nur, um es Daddy recht zu machen. Und deshalb bist du auch sein Liebling.“

Er hatte über sie gelacht und war auf ihren Ausbruch nicht eingegangen. Er war ein Junge, und deshalb war es nur natürlich, dass er seinem Vater näherstand und sein Liebling war. So hatte er damals gedacht.

Christie. Schon damals war sie voller Leidenschaft und Freiheitsdrang gewesen. Seit jeher war sie bemüht gewesen, ihr Leben nur ganz allein zu bestimmen.

Und sie hatte sich seitdem nicht geändert.

Das bedeutete nicht, dass die Geschwister sich oft sahen. Er hatte sie ein paarmal besucht, seit sie nach Cheshire gezogen war. Diese Besuche waren immer katastrophal verlaufen, wenn seine

Kinder sich nach langem Zögern bereitgefunden hatten, mit ihm mitzukommen.

Christie hatte als viel beschäftigte praktische Ärztin nicht viel Zeit, um sich mit ihnen zu beschäftigen, und Josey hatte ganz offen ihre Verachtung über das unordentliche Zuhause ihrer Tante gezeigt. Sie regte sich darüber auf, dass die Mahlzeiten hin und wieder in der Küche stattfanden, dass Christie fast nie geschminkt war und im Gegensatz zu Joseys Mutter niemals Designerkleidung trug.

Das Einzige, was Josey an Christie gefiel, war die Tatsache, dass sie eine alleinerziehende Mutter war. Es hatte Saul überrascht, wie sehr ihn das verletzte. Du hast viel wichtigere Dinge, über die du nachdenken musst, als das Verhältnis zu deiner Tochter, sagte ihm eine innere Stimme, doch eine andere fragte ihn, was wichtiger als die eigenen Kinder sein konnte. Kaum wurde ihm die Bedeutung der eigenen Gedanken klar, da blieb er reglos mitten auf der Straße stehen, ohne auf die befremdlichen Blicke der Passanten zu achten.

Aber worüber soll ich denn nachdenken? fragte er sich ungeduldig und runzelte unwirsch die Stirn. Der Widerspruch zwischen dem, was er meinte, fühlen zu müssen, und dem, was er tatsächlich fühlte, machte ihm zu schaffen. Das passte überhaupt nicht zu ihm.

„Du darfst dich nicht ablenken lassen, wenn du Erfolg haben willst, Saul.“ Das hatte sein Vater ihm immer gesagt. Dabei war sein Gesicht stets von der Enttäuschung vom eigenen Leben überschattet gewesen. Er selbst hatte seine Ziele im Leben nicht erreichen können.

Das Schicksal hatte es mit Sauls Vater nicht gut gemeint. Aber zu ihm war es gut gewesen, dafür hatte er gesorgt. Jedenfalls war er davon bis vor kurzer Zeit noch überzeugt gewesen.

3. KAPITEL

„Davina, ich weiß, dass du beschäftigt bist, aber hättest du vielleicht eine halbe Stunde Zeit, bevor du nach Hause gehst?“

Davina zwang sich zu lächeln. „Natürlich, Giles. Passt es dir um fünf Uhr?“

Sobald er die Bürotür hinter sich geschlossen hatte, verschwand das Lächeln von ihrem Gesicht. Sie konnte ihm keine Schuld geben. Die Firma stand am Rand des Bankrotts, und Davina wusste, dass Giles nur noch blieb, weil er zu höflich und zu warmherzig war, um sie völlig im Stich zu lassen.

Und auch, weil er sie liebte?

Sie riss sich zusammen und weigerte sich, diesem Gedanken nachzugehen.

Schon immer hatte sie Giles gemocht, aber erst seit Gregorys Tod hatte sie gemerkt, dass er möglicherweise mehr für sie empfand. Es verstörte sie, dass sie vielleicht unbeabsichtigt diese Gefühle genutzt hatte, als sie Giles bat, in der Firma zu bleiben und ihr durch die schwere Zeit nach Gregorys Tod zu helfen.

Das hatte sie nicht gewollt. Im Grunde war reine Panik der Grund gewesen, die Panik nach der Entdeckung, dass die Firma ihres Vaters kein erfolgreiches Unternehmen war, wie sie dummerweise geglaubt hatte, sondern kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stand. Das hatte sie in vieler Hinsicht stärker schockiert als Gregorys Tod.

Giles hatte sie getröstet und gesagt, sie müsse sich keine Vorwürfe machen, weil sie die Situation der Firma nicht früher erkannt habe. Es stimmte, Gregory und vorher auch schon ihr Vater hatten es nie zugelassen, dass sie irgendetwas mit der Firma zu tun hatte.

Doch jetzt blieb ihr keine andere Wahl. Carey Chemicals war der größte Arbeitgeber in der Umgebung. Wenn das Unternehmen schließen und die Arbeiter entlassen würde, würden viele Menschen der Gegend unter Armut zu leiden haben. Das konnte Davina nicht geschehen lassen.

Vorsichtig hatte Giles ihr erklärt, dass ihr möglicherweise nichts anderes übrig blieb. Widerwillig hatte er zugegeben, dass er auch Gregory schon ein paarmal gewarnt hatte, dass sie Vorsorge für die Zeit treffen müssten, wenn das wichtigste Patent der Firma auslief.

Gregory hatte sich geweigert zuzuhören. Er war von seinen eigenen Zielen besessen gewesen, und die hatten nichts mit der für die Entwicklung neuer Medikamente notwendigen Zeit und Sorgfalt zu tun.

Das Spekulieren auf dem Geldmarkt war nach Gregorys Geschmack gewesen. Und auf diesem Weg hatte er Millionen Pfund an Firmenkapital verloren.

Jedes Mal wenn Davina daran dachte, wurde ihr übel. Blind und ohne Widerspruch hatte sie jede seiner Lügen hingenommen. Sie hätte viel eindringlicher nachfragen und darauf bestehen sollen, mehr über die Firma zu erfahren.

Viele Dinge hätte ich tun sollen, gestand sie sich erschöpft ein. Unter anderem hätte ich meine Ehe früher beenden sollen.

Dabei war es seit Jahren keine richtige Ehe mehr gewesen. Genau genommen seit … Ihre Gedanken schreckten vor der Erinnerung zurück.

Sie hatte mit zwanzig geheiratet. Jetzt war sie siebenunddreißig. Und weshalb hatte sie siebzehn Jahre diese leere, gefühlskalte Ehe fortgeführt?

Aus Liebe? Sie verzog abfällig den Mund. Eher aus Pflichtgefühl oder Notwendigkeit. Oder aus Feigheit. Ja, das ganz bestimmt, mehr noch aus Angst. Nicht Angst vor dem Alleinsein, das hätte sie fast erleichtert, sondern aus Angst vor dem Unbekannten. Sie hatte befürchtet, dass sich herausstellen könnte, dass die Abfälligkeit, mit der ihr Vater und Gregory sie eingeschätzt hatten, berechtigt gewesen war. Deshalb hatte sie in dieser Ehe ausgeharrt, die alles, was zu einer richtigen Ehe gehörte, verspottete. Davina hatte sich vor dem Leben in dieser toten, kalten Beziehung versteckt.

Jetzt war Gregory jedoch tot. Er war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, in dem sein Körper in dem Wrack seines luxuriösen Sportwagens eingekeilt worden war. Eine Frau hatte mit ihm im Auto gesessen.

Diese Frau war Davina unbekannt, doch sie vermutete, dass ihr Ehemann diese Frau sehr gut gekannt hatte.

Er war ihr schon immer untreu gewesen, und sie hatte seine Affären nicht beachtet, genau wie so viele andere Dinge in ihrem Leben. Sie hatte sich gesagt, dass es ihr besser ging als den meisten, und dass sie mit ihrer Enttäuschung über eine unglückliche Ehe nicht allein auf der Welt sei.

Außerdem war ihr ständig bewusst gewesen, dass ihr Vater niemals mit einer Scheidung von Gregory einverstanden gewesen wäre.

Und Gregory hätte auch niemals in eine Scheidung eingewilligt. Wie konnte er auch, wenn die Firma im Grunde ihr gehörte? Zumindest auf dem Papier. Ihr Vater hatte dafür gesorgt, dass Gregory die alleinige Kontrolle über die Tagesgeschäfte besaß, doch die Aktien hatte er Davina überschrieben und sichergestellt, dass Gregory sie niemals verkaufen konnte.

Davinas Vater hatte Carey’s viel bedeutet. Er hatte die Firma mit seinem Vater kurz nach Kriegsende gegründet. Davina hatte ihren Großvater nie kennengelernt, weil er noch vor ihrer Geburt gestorben war, aber sie wünschte sich oft, sie hätte ihn gekannt.

Das meiste über ihn wusste sie von ihrer Mutter. Er hatte sich mit seinen selbst gebrauten Tinkturen und Arzneien einen Ruf in der Gegend erworben. Zunächst dienten sie nur der Heilung von Vieh, aber später waren auch Medikamente für Menschen dazugekommen.

Er hatte sich sein ganzes Leben lang für diese Dinge interessiert und schließlich das Herzmittel entdeckt, mit dem das Unternehmen alle Konkurrenten ausstach. Kurz nach dem Durchbruch der Firma war er gestorben.

Davinas eigener Vater hatte bei Kriegsbeginn Medizin studiert, sich sofort freiwillig gemeldet und sein Studium nie beendet.

Als Mädchen hatte Davina davon geträumt, in die Fußstapfen ihres Großvaters zu treten, aber ihr Vater hatte ihr diese Träume rasch genommen. Mädchen werden keine Chemiker, hatte er ihr verächtlich erklärt. Sie heirateten und bekamen Kinder. Am besten Söhne. Davina konnte sich noch an seinen Blick erinnern, mit dem er ihre Mutter angesehen hatte. Aus der Ehe ihrer Eltern war kein Sohn, sondern nur eine Tochter entsprungen. Davina.

Und aus ihrer eigenen Ehe … Sie runzelte die Stirn. Giles würde bald zurückkommen, und sie wusste noch nicht, was sie ihm sagen solle. Lucy, seine Frau, war eine ihrer besten Freundinnen.

Jedenfalls war sie das einmal gewesen. In letzter Zeit benahm Lucy sich ihr gegenüber merkwürdig, und Giles hatte unabsichtlich angedeutet, dass er zum Teil auch Lucys wegen die Firma verlassen wollte.

Davina konnte ihm das nicht verübeln. Wenn der Mann von der Bank sich nicht irrte, würde Carey’s sowieso nicht viel länger bestehen können. Wenn sie nicht einen Käufer fand, der in der Lage war, die Firma zu übernehmen und genug Geld hineinzustecken, um das Unternehmen zu retten.

Nicht um ihrer selbst willen wollte sie das Unternehmen am Leben erhalten, und schon gar nicht ihrem verstorbenen Vater zuliebe.

Bei Carey’s waren fast zweihundert Leute angestellt, die alle aus der Umgebung stammten, und in einer solchen spärlich besiedelten Gegend stellte das einen Großteil der arbeitenden Bevölkerung dar.

Mehr als die Hälfte der Belegschaft waren Frauen, und es hatte Davina bestürzt, wie wenig sie für ihre Arbeit bekamen.

Das sei wirtschaftlich unumgänglich, hatte Giles ihr erklärt. Er hatte ihr nicht in die Augen sehen können, als er hinzugefügt hatte, dass Gregory nur deswegen diese niedrigen Löhne zahlen konnte, weil sie der einzige größere Arbeitgeber in der Umgebung seien.

Bei der Erinnerung an ihre Wut verkrampfte Davinas Magen sich. Wie schuldig hatte sie sich bei dieser Erklärung gefühlt! Kein Wunder, dass so viele Frauen sie mit versteinerten, abweisenden Mienen ansahen, wenn sie durch das Dorf fuhr. Diese Frauen hätten sicher nicht geglaubt, dass Davina von Gregory genauso knapp gehalten wurde, doch das stimmte.

Es hatte sie schockiert, wie viel Geld Gregory auf seinen Privatkonten besaß, doch selbst diese große Summe reichte bei Weitem nicht aus, um Carey’s zu retten.

Wie sie seit seinem Tod erfahren hatte, hatte Gregory das Unternehmen als alleiniger Herrscher geführt, dessen Anordnungen unantastbar waren. Kein Gewerkschaftsvertreter hatte ihn dazu bewegen können, die Löhne zu erhöhen oder die Arbeitsbedingungen auf mehr als das absolut Notwendige zu verbessern.

Ungläubig hatte Davina die Waschräume besichtigt und die unsaubere Kantine, die auch als Pausenraum diente.

Giles hatte sie nach Gregorys Tod durch das Unternehmen geführt, doch nicht einmal sein Mitgefühl und sein Verständnis hatten ihren Schock, ihre Verzweiflung und ihr Schuldgefühl lindern können.

Und sie konnte nichts tun, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Es kam kaum genug Geld herein, um die Löhne zu bezahlen.

Giles hatte ihr gesagt, dass er selbst mit den Finanzen der Firma nichts zu tun hatte. Er war der Personalleiter des Unternehmens, doch selbst er hatte die finanzielle Gefahr kommen sehen, in die das Unternehmen hineinglitt.

Gregory hatte sich geweigert, auf ihn zu hören, genau wie er auf keinen Ratschlag von anderen gehört hatte. So viel hatte Davina herausgehört.

Sie hatte keine Ahnung, was sie tun konnte, um den Bankrott der Firma zu verhindern. Finden Sie einen Käufer, hatte sie auf der Bank zu hören bekommen. Oder einen finanziellen Bürgen. Aber wie und woher? Ihr Kopf tat weh von der ständigen Anspannung und Sorge, die sie empfand, seit sie die Verantwortung übernommen hatte.

Erst letzte Woche hatte Giles ihr gesagt, wie sehr er ihre ruhige Stärke bewundere, doch innerlich fühlte sie sich weder ruhig noch stark. Allerdings besaß sie Übung darin, ihre Gefühle zu verbergen. Schon sehr bald in ihrer Ehe hatte sie gemerkt, wie viel Freude Gregory daran hatte, ihr wehzutun. Da hatte sie natürlich erkannt, was für ein Fehler diese Ehe gewesen war. Sie hatte sich selbst, oder vielmehr ihrer Naivität die Schuld am Scheitern ihrer Ehe gegeben.

Mit elf Jahren war sie als schüchterner Teenager auf ein sehr kleines Mädcheninternat geschickt worden und dann unvermittelt mit vierzehn Jahren wieder nach Hause geholt worden, als ihre Mutter an einem Hirntumor starb.

Zuerst war sie aufgeregt gewesen, weil ihr Vater sie bei sich zu Hause haben wollte. Ihre Mutter hatte ihr immer nähergestanden als ihr Vater. Es hatte in ihrer Familie nie eine große Körperlichkeit gegeben, doch in ihrem Kummer über den Tod ihrer Mutter war sie zu ihrem Vater hinaufgegangen, um von ihm im Arm gehalten zu werden.

Er war sofort einen Schritt zurückgetreten und hatte sie von sich gewiesen, wobei sie das Missfallen deutlich in seinem Gesicht hatte lesen können. Verwirrt und verletzt zog Davina sich in ihre eigene Welt zurück.

Das laute Durcheinander in der Dorfschule verunsicherte sie. Die Mitschüler machten sich über ihre Aussprache lustig, und die Jungen zogen sie schmerzhaft an den langen Zöpfen. Sogar die Mädchen schlossen sich gegen sie zusammen und ärgerten sie. Sie war eine Außenseiterin, anders und ausgestoßen, und sie war sich dessen sehr bewusst.

Bald entdeckte sie auch, dass ihr Vater sie nicht aus Liebe nach Hause geholt hatte oder weil er Mitleid mit ihr hatte. Jemand musste die Rolle ihrer Mutter als Hausfrau übernehmen. Und während die anderen Mädchen ihre Jugendjahre damit verbrachten, sich für Make-up und Jungen zu interessieren, bügelte Davina die Hemden ihres Vaters, kochte ihm das Essen, hielt das Haus sauber und erledigte in der freien Zeit, die ihr blieb, so gut es ging ihre Schulaufgaben.

Natürlich litt ihre schulische Leistung darunter. Davina war zu stolz, um ihren Lehrern zu erklären, weswegen sie ständig so müde war und sich nur schlecht konzentrieren konnte. Und wenn ihr Vater ihre Zeugnisse las, wurde er nur noch ärgerlicher auf sie.

Wie ihr Großvater hatte sie die Welt der Naturmedizin und der Heiltropfen erkunden wollen. Doch diese Träume erstarben, weil ihr Vater sie nur mit kühler Herablassung behandelte und ihre Lehrer über ihre geringen schulischen Leistungen irritiert waren.

„Natürlich wissen wir, dass du niemals arbeiten musst, Davina“, hatte eine Lehrerin eines Nachmittags vor der ganzen Klasse säuerlich gemeint. Alle hatten sich zu ihr umgedreht, während sie vor Scham rot angelaufen war. „Und das ist auch gut so, nicht wahr? Denn du würdest sicher keine Stelle finden.“

Einer der Jungen machte eine grobe Bemerkung, über die andere lachten, und obwohl die Lehrerin sie gehört haben musste, wies sie ihn nicht zurecht.

Mit einigen der Mädchen hätte sie Freundschaft schließen können, weil sie wie sie selbst eher schüchtern waren. Doch weil sie erst später in diese Schule gekommen war, hatten sich die Grüppchen bereits geformt. Davina fehlte das Selbstbewusstsein, in eine der Cliquen einzudringen.

Jeder in der Schule sah auch anders aus als sie. Die Mädchen trugen Jeans oder sehr kurze Röcke, obwohl die eigentlich an der Schule untersagt waren. Sie ließen ihr Haar lang über die Schultern fallen, und einige von ihnen riskierten einen dunklen Lidstrich und blassrosa Lippenstift.

Bewundernd und neidisch beobachtete Davina diese Mädchen. Ihr Vater hielt nichts von Make-up. Einmal hatte sie sich einen Lippenstift gekauft, und er hatte ihr lediglich befohlen, ins Bad zu gehen und sich das Gesicht sauber zu waschen.

Mit fünfzehn wusste sie, dass sie noch wie ein kleines Mädchen aussah, während ihre Mitschülerinnen sich bereits zu jungen Frauen entwickelten.

Mit sechzehn ging sie von der Schule ab. Es habe keinen Sinn, dass sie noch länger dort ihre Zeit vertrödele, sagte ihr Vater, als er ihre schlechten Zensuren betrachtete.

Stattdessen bezahlte er ihr Kurse an einer privaten Schule für Sekretärinnen in Chester, damit sie Maschinenschreiben lernte, um zu Hause bei Bedarf Arbeit für ihren Vater zu erledigen.

Und dann geschah kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag eine Art kleines Wunder. Eines Morgens, als sie gerade wie in jedem zweiten Monat das Silber im Esszimmer putzte, kam ein Besucher.

Davina hörte die Klingel und lief schnell an die Tür, während sie sich die Hände an der Schürze abwischte. Sie trug einen Faltenrock, der ihrer Mutter gehört hatte und für sie zu groß und zu lang war. Der Schulpullover war ihr dagegen zu eng und zu klein.

Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, ihren Vater um neue Kleidung zu bitten. Er gab ihr wöchentlich Haushaltsgeld, doch sie musste ihm jeden Freitagabend anhand aller Quittungen und Kassenbons nachrechnen, wofür sie das Geld ausgegeben hatte.

Als sie die Tür öffnete, blinzelte Davina das Mädchen, das vor ihr stand, überrascht an. Es war groß, sehr schlank und ein paar Jahre älter als Davina. Die junge Frau trug einen äußerst kurzen Rock, und um ihr langes glattes Haar wäre sie von jeder von Davinas Mitschülerinnen beneidet worden. Zusätzlich zu dem dunklen Lidstrich hatte sie sich noch falsche Wimpern angeklebt.

Ihre Lippen waren in einem kühlen Pinkton geschminkt, und als Davina sie anstarrte, lächelte sie und sagte freundlich: „Hallo, du musst Davina sein. Dein Dad hat mich vorbeigeschickt, um dir noch mehr Briefe zum Tippen zu bringen. Ich arbeite für ihn, solange die ‚Stöhnende Martha‘ sich noch von ihrer Operation erholt. Ehrlich wahr, wenn ich daran denke, was sie mir alles an Regeln und Tipps gegeben hat, bevor sie ging …“

Sie verdrehte gequält die Augen. Fast ehrfürchtig stellte Davina fest, dass die junge Frau ein Kaugummi kaute. Der Gedanke, dass dieses Mädchen jetzt anstelle der fünfzigjährigen Martha Hillary als Sekretärin für ihren Vater arbeitete, war fast zu viel für Davina.

„Ich sterbe vor Durst. Du hast nicht zufällig eine Cola, oder?“

Während Davina sich noch entschuldigte, dass sie nur Tee und Kaffee im Haus hatte, trat die junge Frau bereits ein.

Einen Moment verzog sie das auffällig geschminkte Gesicht und schob das lange dichte Haar zurück. „Na gut, macht nichts. Dann nehme ich eben einen Kaffee.“

„Was machst du hier denn den ganzen Tag lang so eingesperrt?“, fragte sie und folgte Davina in die Küche. „Das würde mich verrückt machen. Deshalb arbeite ich auch aushilfsweise als Sekretärin. Wenn ich ein bisschen Geld beisammenhabe, fahre ich immer nach London. Da geht die Post richtig ab.“

Dies war der Anfang einer kurzen und völlig unerwarteten Freundschaft.

Davina wusste nicht, weshalb Mandy sich mit ihr anfreundete. Später vermutete sie, dass Mandy unter ihrer auffälligen Aufmachung ein mitfühlendes und beschützendes Herz hatte. Denn abgesehen davon fiel ihr absolut kein Grund ein, aus dem heraus Mandy sie unter ihre Fittiche hätte nehmen sollen.

Schließlich folgte sie Mandys Anweisung, weil sie genauso viel Angst hatte, Mandy zu verärgern wie ihren Vater, und bat ihren Vater um ein persönliches Taschengeld, obwohl Mandy ihr gesagt hatte, sie solle es verlangen.

Als er zustimmte, glaubte Davina, dass sie ihn entweder in einem Augenblick von persönlicher Schwäche erwischt hatte, oder dass er von ihrem Wunsch so schockiert war, dass er ihr nachgab, ohne nachzudenken.

Die Summe, die sie als Taschengeld bekam, ließ Mandy nur verächtlich die Luft ausstoßen.

„Kleingeld!“, sagte sie verächtlich. „Du hättest mindestens das Doppelte verlangen sollen. Allein die Briefe, die du tippst, würden ihn Hunderte kosten, wenn er sie in ein Schreibbüro gäbe.“

Ein paarmal in der Woche schlich Mandy sich aus der Firma und kam mit ihrem knallroten Mini angerast. Dann unterhielt und verunsicherte sie Davina mit Geschichten aus ihrem aufregenden und verworrenen Liebesleben.

Ständig drängte sie Davina, mit ihr abends auszugehen, aber sie lehnte immer ab. Einerseits beneidete sie Mandy oft um ihre Erfahrung und ihr Selbstbewusstsein. Doch auf der anderen Seite fühlte sie sich von Mandys genauen Beschreibungen ihres Intimlebens manchmal abgestoßen. Sie las sehr viel und war eine Träumerin, die sich den Mann, in den sie sich eines Tages verlieben und von dem sie geliebt werden würde, sehr romantisch ausmalte. Diese Vorstellungen hatten nichts mit Mandys Schilderungen ihrer Freunde und deren sexuellen Forderungen zu tun.

Dann, nachdem sie sich ungefähr sechs Wochen kannten, verkündete Mandy, sie würde Cheshire verlassen und nach London ziehen.

Davina war traurig darüber und vermisste sie. Mandy hatte Farbe und Wärme in ihr Leben gebracht und war ihre erste enge Freundin gewesen. Ohne sie kam ihr das Leben dumpf und eintönig vor.

Ihr Vater machte keinen Hehl daraus, dass er über Mandys Weggang froh war. Er hatte Davinas Freundschaft zu dieser Frau nie gern gesehen und beschwerte sich nur darüber, dass Mandy gegangen war, noch bevor seine eigentliche Sekretärin wieder zur Arbeit kam.

Es war Sommer, und die Gartenarbeit, die nötig war, um die Beete und den Rasen so tadellos in Ordnung zu halten, wie ihr Vater es verlangte, hatten Davinas Haut gebräunt und ihre Muskeln gestärkt. Sie war nicht sehr groß und hatte einen zierlichen Körper. Ihr blassblondes Haar trug sie schulterlang. Davina hasste ihr Haar. Es war weder glatt noch richtig lockig und trotz der Wirbel so fein und seidig, dass es ihr ständig ins Gesicht fiel. Durch die Sonne war es etwas ausgebleicht und hatte jetzt leuchtende Strähnen, durch die ihr zartes Gesicht mit den ernsten grauen Augen noch betont wurde.

Davina hatte sich nie als hübsch empfunden. Hübsche Mädchen sahen wie Mandy oder die Models in den Zeitschriften aus. Doch an einem Samstagvormittag, als sie den Vorgarten jätete und Shorts sowie ein selbst genähtes Baumwolltop trug, hielt der Zeitungsjunge auf seinem Fahrrad an, sah sie bewundernd an und rief grinsend: „Klasse Beine, Kleines!“

Er war siebzehn und benahm sich wie die Helden aus den Fernsehserien. Davina wurde tiefrot und versteckte hastig ihre Beine.

Doch obwohl ihr die Bemerkung peinlich gewesen war, fühlte sie sich in gewisser Weise auch geschmeichelt.

Von da an lag sie manchmal nachts wach und sehnte sich, von ihren Gefühlen verwirrt, nach jemandem, mit dem sie reden und den sie lieben konnte.

Sie hatte angefangen, mit der Pastorentochter Tennis zu spielen, weil diese während der Universitätsferien nach Hause gekommen war. Sie spielten ein paarmal pro Woche miteinander.

Vicky Lane hatte einen Mitstudenten als Freund, und die beiden wollten nach dem Studium ein Jahr mit dem Rucksack umherziehen. Als Davina ihr bei der Schilderung ihrer Pläne zuhörte, beneidete sie Vicky. Im Vergleich zu anderen kam ihr ihr Leben so beschränkt, öde und langweilig vor. Doch was sollte sie tun? Sie konnte ihren Vater nicht verlassen. Wie sollte er zurechtkommen? Und außerdem, wovon sollte sie leben? Sie hatte keine Ausbildung, und abgesehen vom Maschinenschreiben und etwas Buchhaltung konnte sie nichts.

Ihren Vater hatte sie davon zu überzeugen versucht, dass sie bei Carey’s arbeiten konnte, aber er hatte sich nur aufgeregt. Wer sollte den Haushalt führen? hatte er wissen wollen. „Du wirst immer selbstsüchtiger und verdorbener“, hatte er hinzugefügt, und sie hatte das Thema schuldbewusst fallen lassen.

Das Dorf war klein, und es gab nur wenige Leute in Davinas Alter. Die meisten jungen Leute waren weggezogen, und die dagebliebenen arbeiteten entweder für Carey’s oder auf dem Land ihrer Eltern.

Es gab im Dorfleben eine gewisse Rangordnung, in die Davina und ihr Vater nicht richtig hineinpassten.

Seit vielen Generationen gab es die Farmerfamilien, die ihren Stand nicht nur aufgrund ihres Reichtums, sondern auch wegen der Tradition ihres Namens hatten.

Davina und ihr Vater standen außerhalb dieser Rangordnung. Ältere Leute im Dorf konnten sich noch an den Großvater erinnern und äußerten sich abfällig über ihren Vater, indem sie darauf hinwiesen, dass der Großvater noch ein einfacher Apotheker, einer von ihnen, gewesen sei.

Nun war Davinas Vater der reichste Mann der Gegend, und sowohl sein Reichtum als auch ihre eigene Scheu grenzten Davina von anderen ab.

Das Haus stand außerhalb des Dorfes, ein Gebäude aus der frühen viktorianischen Zeit mit großem Grundstück, das ihr Vater gekauft hatte, als er ihre Mutter nach dem Krieg heiratete. Damals waren solche Häuser noch billig gewesen. Wenn Davinas Vater langjährige Mitarbeiter der Firma zum Essen nach Hause mitbrachte, wollte er, dass sie von dem großzügigen Haus beeindruckt waren. Und das waren sie auch.

Er hatte einen Sinn für gute Geschäfte. Die alten schweren Möbel und das kostbare Silber stammten alle von Versteigerungen. Und da Davina und nicht er die geschnitzten Möbel und das reich verzierte Silber sauber halten musste, hatte er keine Ahnung, wie viel Arbeit es kostete, das Haus und den ganzen Besitz so tadellos in Ordnung zu halten, wie er es verlangte.

Davina wusste, dass er sie nicht liebte. Er hatte einen Sohn haben wollen, und in gewisser Weise hatte sie sich immer die Schuld daran gegeben, dass sie nicht dieser Sohn war. Fast hatte sie auch ein schlechtes Gewissen, weil ihre Mutter gestorben war. So als hätte ihre Mutter die Verachtung des Vaters damit bestätigt, der Frauen als das schwache und zweitklassige Geschlecht ansah. Manchmal kam es ihr vor, als müsse sie beweisen, dass ihr Geschlecht ein Recht zu leben hatte. Doch das waren nur unterbewusste Gefühle und Stimmungen.

Sie war in jenen Jahren tatsächlich sehr einsam gewesen, und dann hatte sie Gregory getroffen. Er war groß und gut aussehend und hatte mit seinem Charme das Ideal von Mann verkörpert, von dem sie so lange geträumt hatte.

Ein kurzes Klopfen an der Bürotür riss sie jetzt aus ihren Gedanken. Sie benutzte nicht Gregorys ausladendes und luxuriöses Büro. Das brachte sie irgendwie nicht fertig. Der Gegensatz zum übrigen Gebäude hatte sie nicht nur schockiert, ihr war regelrecht schlecht geworden.

Zu Zeiten ihres Vaters schon waren die Gebäude sehr karg gewesen, aber sie waren tadellos gehalten und regelmäßig gestrichen worden. Gregory hatte sie davon abgebracht, in die Firma zu kommen. Und so war sie in keiner Weise auf den Schock vorbereitet gewesen, als sie entdeckte, unter welchen Arbeitsbedingungen die Angestellten dort arbeiten mussten.

Und sie war daran genauso schuldig wie Gregory. Sie hatte es sich leicht gemacht, sich dem Willen von Gregory gefügt, um nicht mit ihm streiten zu müssen.

Sie fühlte sich verantwortlich, auch wenn Giles sie zu beruhigen versuchte und ihr sagte, dass sie sich keine Schuld geben dürfe.

Giles! Sicher stand er jetzt draußen vor dem Büro, das aus einem kleinen fensterlosen Rechteck am Ende des Firmengeländes bestand. Es war nur mit einem Tisch, einem Stuhl und einem Telefon möbliert. Mehr brauchte Davina nicht. In einem Unternehmen am Rand des Ruins war kein Platz für ein teuer eingerichtetes Büro, für Faxgeräte und Computer, die sowieso wegen des Mangels an Aufträgen nicht benötigt wurden. Unwissend hatte sie sich beim ersten Besuch in der Firma bei Giles nach dem Faxgerät in Gregorys Büro erkundigt. Giles hatte nur verlegen zur Seite gesehen und erklärt, dass Gregory es für seine Geldmarktgeschäfte benötigt hatte.

Da hatte sie zum ersten Mal von der Spielleidenschaft ihres Mannes auf den Geldmärkten der Welt erfahren.

Sie rief Giles, er möge hereinkommen, und lächelte ihm herzlich entgegen, als er eintrat. Obwohl er über einsachtzig war, wirkte er kleiner, weil er immer leicht gebückt ging. Sein dichtes dunkelblondes Haar fiel ihm in die Stirn, und er schob es ständig zurück. Noch mit vierzig hatte er trotz seiner ernsthaften, ruhigen Art etwas Jungenhaftes an sich. Giles besaß eine harmlose Freundlichkeit, die Davina sehr anziehend fand.

Sie war nicht sicher, wann sie zum ersten Mal bemerkt hatte, dass Giles sich zu ihr hingezogen fühlte. Bei der Weihnachtsfeier im letzten Jahr hatte er mit ihr getanzt, und als sie später in der Küche Gläser in den Geschirrspüler räumte, war er ihr gefolgt, um ihr zu helfen. Er hatte sie geküsst, bevor er und Lucy gingen. Es war nur eine kurze Umarmung gewesen, doch sie hatte das Verlangen darin gespürt, auch wenn sie sich später selbst eingeredet hatte, dass sie sich das alles nur eingebildet haben musste.

Sie hatte Giles gemocht, und natürlich hatte sein Interesse ihr geschmeichelt, aber sie war mit Gregory und Giles mit Lucy verheiratet gewesen.

Doch jetzt war Gregory tot.

„Giles, komm her und setz dich.“ Sie klopfte auf den freien Stuhl und lächelte Giles an.

Er wirkte erschöpft, und Davina fühlte sich dafür verantwortlich. Als Personalleiter war er nicht darauf vorbereitet, die ganze Firma zu leiten, aber außer ihm gab es niemand anderen. Gregory hatte es immer abgelehnt, die Kontrolle über das Unternehmen mit irgendjemandem zu teilen, und jetzt wusste Davina auch den Grund dafür. Niemand hatte wissen sollen, wie groß die Verluste der Firma waren.

Der Verkaufsleiter, der Leiter des Rechnungswesens und der leitende Chemiker waren direkt Gregory unterstellt gewesen und hatten keinerlei eigene Entscheidungsgewalt besessen. Der Chemiker hatte bereits gekündigt und Davina verbittert erklärt, dass es für ihn keinen Grund gäbe, noch länger zu bleiben. Die Firma lebe in der Vergangenheit, hatte er gesagt, und Gregory habe der Forschungsabteilung so wenig Geld zugebilligt, dass die Arbeit eigentlich nur ein schlechter Witz sei.

Im Groben hatte der Verkaufsleiter dasselbe gesagt, und der Leiter des Rechnungswesens wurde im Grunde nicht besser als ein einfacher Buchhalter behandelt, der sich um kaum mehr als die Lohnauszahlungen und die täglichen Ausgaben zu kümmern hatte.

Der Einzige, an den Davina sich hatte wenden können, war Giles gewesen, der wenigstens ein bisschen wusste, wie das Unternehmen funktionierte.

Obwohl sie ständig dazulernte, gefielen ihr die neuen Erkenntnisse nicht. Die Arbeitsbedingungen ihrer Arbeiter beschämten sie so sehr wie die niedrigen Löhne.

„Du siehst müde aus, Giles“, sagte sie mitfühlend.

„Davina, es tut mir leid … ich lasse dich wirklich ungern im Stich, aber ich werde meine Kündigung einreichen.“

Er hatte sich die Rede schon den ganzen Tag über zurechtgelegt und sich vor diesem Moment gefürchtet, doch in der vergangenen Nacht hatte Lucy ihn unter Druck gesetzt. „Kündige bei Carey’s, oder ich verlasse dich“, hatte sie ihm gesagt. Oft ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf, und früher hatte ihn ihr Temperament fasziniert und belustigt. Sie war so anders als er, so lebhaft und direkt, aber nach und nach hatte er ihre Sprunghaftigkeit als Last empfunden. Er sehnte sich mehr und mehr danach, zu jemandem nach Hause zu kommen, der ruhig und entspannt war, der ihm lieber zuhören wollte, als die eigenen Probleme auf ihn abzuladen. Im Grunde so jemanden wie Davina.

Sie war immer so ruhig und freundlich. Niemand konnte sich daran erinnern, dass sie jemals schlecht über ihren Mann geredet hatte, obwohl jeder wusste, dass er sie betrogen hatte. Mit wachsender Verzweiflung und voller Schuldgefühle kam er mehr und mehr zu der Überzeugung, dass er Davina liebe.

„Giles, es gibt keinen Grund, sich zu entschuldigen. Ich bin dir mehr als dankbar für das, was du getan hast. Ohne deine Unterstützung, deinen Halt …“ Davina winkte ab. „Ich weiß, was du denkst, was jeder hier denkt. Nichts kann Carey’s retten. Wir werden bankrottgehen.“

„Du kannst noch ungefähr ein halbes Jahr weitermachen, aber dann ist Schluss“, sagte Giles.

„Ich darf noch nicht aufgeben, Giles“, erwiderte Davina. „Ich muss doch an die vielen Familien denken, die darunter leiden werden, wenn Carey’s schließt.“

Giles schwieg. Sie hatte recht. Carey’s war der Größte, um ehrlich zu sein, der einzige größere Arbeitgeber der Gegend.

„Wenn du nur noch ein bisschen länger bleiben könntest“, bat Davina ihn. „Wir können immer noch einen Bürgen oder einen Käufer finden.“

Sie sah die Unentschlossenheit in seinem Blick. Obwohl sie ihr Verhalten hasste, blieb ihr dennoch keine andere Wahl. Ohne Giles musste die Firma schließen. Obwohl sie ihr Bestes tat, gab es noch so viel, das sie lernen musste. Wenn Giles ging, verloren sie noch den letzten Rest Kreditwürdigkeit, und höchstwahrscheinlich würde die Bank darauf bestehen, dass sie die Firma schloss.

„Ich weiß, dass ich dich nicht bitten sollte“, fuhr Davina fort. „Du musst an deine eigene und an Lucys Zukunft denken, aber Carey’s braucht dich so sehr, Giles.“ Sie holte tief Luft und blickte ihn direkt an. „Ich brauche dich so sehr“, sagte sie leise.

Sie bemerkte, wie er erst blass und dann rot wurde. Er bewegte sich, als wolle er aufstehen, dann lehnte er sich wieder zurück.

„Davina …“

„Nein, bitte sag jetzt nichts. Überdenk das Ganze und sprich mit Lucy darüber“, bat Davina ihn. „Philip Taylor von der Bank hat versprochen, dass er sein Möglichstes tut, um einen Käufer zu finden.“

Das fahle Licht betonte noch die Zerbrechlichkeit ihres Gesichts. Sie hat seit Gregorys Tod abgenommen, dachte Giles und fragte sich verbittert, wie es kam, dass so ein Mann eine solche Frau bekam, die so hingebungsvoll, geduldig, anmutig und liebevoll war, während er selbst …

Er schluckte rasch. So durfte er jetzt nicht über Lucy denken. Er liebte sie und war zu ihrer Hochzeit bis zum Wahnsinn in sie verliebt gewesen. Und auch sie hatte ihn geliebt und begehrt. Unmerklich zuckte er zusammen, als er merkte, in welche Richtung seine Gedanken steuerten. Unbehaglich setzte er sich zurecht, als sein Körper ihm deutlich bewies, wie einsam er und Davina waren und wie sehr er sie begehrte. Als er sie bei der letzten Weihnachtsfeier geküsst hatte, hatte sie sich in seinen Armen so leicht und klein angefühlt. Fast verzweifelt hatte er sich danach gesehnt, sie weiter im Arm zu halten und zu küssen.

„Bitte, Giles“, wiederholte sie jetzt heiser, und er wusste, dass er sie nicht abweisen konnte.

Oftmals sagte Lucy Dinge, die sie nicht so meinte. Dann ließ sie sich dazu hinreißen, Entscheidungen von ihm zu fordern, die sie innerhalb weniger Stunden wieder vergessen hatte. Im Grunde hatte es Giles überrascht, dass es sie überhaupt interessierte, was er tat. In letzter Zeit hatte er bei ihrem Blick manchmal den Eindruck, als hasse sie ihn, so viel Wut und Verbitterung lagen darin.

„Ich … ich werde darüber nachdenken“, versprach er Davina.

Dankbar lächelte sie ihn an.

Obwohl sie nach außen hin ruhig wirkte, verkrampfte sie sich vor Verzweiflung und Schuldgefühlen. Wie konnte sie Giles das antun und ihn und seine Gefühle ausnutzen? Aber was blieb ihr sonst übrig? Die Firma an sich bedeutete ihr nichts, und es machte sie nicht stolz, ein Unternehmen zu besitzen.

Aber sie besaß ein sehr ausgeprägtes und starkes Verantwortungsgefühl ihren Angestellten gegenüber, zumal sie über so viele Jahre blind gewesen war, was die Firma betraf.

Sie hätte sich gegen Gregory durchsetzen und die Fabrik besichtigen können. Darauf hätte sie bestehen müssen, aber wie immer hatte sie den einfachen Ausweg gewählt.

Na, jetzt gab es keinen einfachen Weg mehr, jedenfalls nicht für die Leute, deren Leben von der Arbeit für Carey Chemicals abhing.

Ihr selbst ging es gut. Sie hatte das Geld, das ihr Vater ihr hinterlassen hatte. In ihren Augen war es sehr viel Geld, doch Mr Taylor von der Bank hatte ihr, fast ein bisschen herablassend, erklärt, dass es für die Firma nur der Tropfen auf den heißen Stein sei.

Dann hatte er ihr das Ausmaß der Verschuldung der Firma erklärt. Als Sicherheit für diese Schulden dienten das Gelände und die Gebäude des Unternehmens, und Davina war bei der Summe blass geworden.

Gregory hatte das Geld vor ein paar Jahren geliehen. Den Kredit habe sein Vorgänger gewährt, erklärte Mr Taylor steif und fügte hinzu, dass heutzutage so ein Kredit niemals ausgehandelt würde.

Gregory hatte das Geld zusammen mit den Gewinnen aus der Firma für seine Geldmarktgeschäfte benutzt.

Weshalb hatte er das bloß getan? Schon immer hatte er das Risiko geliebt. Aus diesem Grund war er letztendlich auch ums Leben gekommen. Er war laut Polizeibericht für die Straßenverhältnisse viel zu schnell gefahren. Dabei gab es für die Raserei keinen Grund, er hatte keine Verabredung gehabt. Nein, für Gregory war es nur der Spaß an der Gefahr gewesen, der ihn und seine Begleiterin umgebracht hatte. Und genauso wurden durch ihn jetzt auch die Firma und die Arbeitsplätze der Mitarbeiter vernichtet.

Davina stand auf, und Giles folgte ihrem Beispiel.

Sie gingen zur Tür, und Giles hielt sie für Davina auf. Sie bedankte sich und achtete darauf, ihm nicht zu nahe zu kommen. Schuldbewusst bemerkte sie, dass seine Hand leicht zitterte.

„Grüß Lucy von mir“, sagte sie. „Ich habe sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.“

Es kam ihr heuchlerisch vor, Lucy zu erwähnen, als fühle sie nicht, was Giles für sie, Davina, empfand.

Sie verließen gemeinsam das Gebäude und gingen zu ihren Wagen. Giles wartete noch, bis Davina in ihr Auto eingestiegen war.

Vom Dorf aus konnte man Carey’s leicht zu Fuß erreichen, die Gebäude der Firma waren von der malerischen Landschaft umgeben. Das Gelände, auf dem ihr Großvater und Vater das Unternehmen gegründet hatten, hatte einst einem Kornhändler gehört. Die alte zweigeschossige Mühle existierte immer noch und stand jetzt wegen ihres Alters unter Denkmalschutz.

Sei ehrlich, Carey’s sieht nicht wie eine gewinnbringende Arzneimittelfirma aus, sagte Davina sich, während sie wegfuhr. Sie betrachtete die Gebäude, aus denen die Firma bestand, und verglich sie in Gedanken mit den Bauten der großen Konzerne, die den Medikamentenmarkt beherrschten.

So etwas wie Carey darf es eigentlich nicht geben, gestand sie sich ein. Nur wegen der Entdeckung des Herzmittels durch ihren Großvater existierte die Firma. Zu Hause besaß Davina seine alten Notizbücher mit den exakten Rezepten der Medikamente und Tränke, die er für Menschen und Tiere hergestellt hatte. In seiner Jugend hatte es noch kein öffentliches Gesundheitswesen gegeben, und nur sehr wenige Menschen hatten es sich leisten können, zu einem Arzt zu gehen. Stattdessen hatten sie Leute wie Davinas Großvater aufgesucht.

Sie fand es schade, dass ihr Vater nur so wenig aus seiner Kindheit und von seinen Eltern erzählt hatte. Lediglich Davinas Mutter hatte ihr von ihrem Großvater erzählt, den sie nur ein paar Jahre kennengelernt hatte, weil er kurz nach der Hochzeit von Davinas Eltern gestorben war.

In dem Raum, der als Sitzungssaal genutzt wurde, hing ein Bild von Davinas Vater, und sie hatte immer gefunden, es gehöre auch eines von ihrem Großvater dorthin.

Natürlich würde jetzt niemals etwas daraus werden. Sollte Davina einen Käufer finden, wäre der sicher nicht an Bildern des Firmengründers interessiert.

Sie fuhr nach Hause und machte sich Gedanken darum, ob Giles nun bei der Firma bleiben würde oder nicht. Gleichzeitig kämpfte sie gegen das schlechte Gewissen an, weil sie ihn beeinflusst hatte.

Und dann bekam sie noch mehr Gewissensbisse, weil sie sich überlegte, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie statt Gregory einen Mann wie Giles geheiratet hätte.

4. KAPITEL

Eigentlich war es ihr Vater gewesen, durch den Davina Gregory kennengelernt hatte.

Gregory hatte bei Carey’s als Handelsvertreter angefangen, und Davinas Vater hatte ihn zu einem der Abendessen eingeladen, die er hin und wieder für einige seiner Angestellten gab.

Bei der Ankunft der Gäste war Davina in der Küche beschäftigt gewesen. Ihr Vater war ein Perfektionist, und Davina fürchtete immer, es seinen Erwartungen nicht recht zu machen.

Sie hatte buchstäblich die ganze Woche damit verbracht, dieses Essen vorzubereiten. Dazu gehörte das Einkaufen, das Silberputzen, Saubermachen sowie das Waschen, Stärken und Bügeln der Tischdecke. Sie hatte als Tischschmuck Blumen aus dem Garten gepflückt. Ihr Vater hätte niemals Geld dafür verschwendet, Blumen zu kaufen.

Er wählte selbst die Menüfolge aus, die er für das Essen wünschte, und es waren niemals leichte Gerichte. Davinas Vater war ein anspruchsvoller Esser, der kleine Spezialitäten bevorzugte, aber bei solchen Gelegenheiten wollte er die Gäste mit aufwendigen Braten und Fleischgerichten beeindrucken.

In der Küche hatte eine mörderische Hitze geherrscht. Davina war von der Arbeit verschwitzt und erschöpft und flehte innerlich, dass sie die Zeit richtig eingeschätzt habe, damit das heiße Soufflé, das ihr Vater als ersten Gang ausgesucht hatte, nicht zusammenfiel, bevor alle Gäste Platz genommen hatten. Sie hörte, wie sich die Küchentür öffnete, und war erstaunt, statt ihres Vaters einen sehr gut aussehenden jungen Mann zu sehen.

Er lächelte sie an, und das warmherzige Lächeln zeigte seine weißen ebenmäßigen Zähne. Seine Haut war gebräunt, und sein braunes Haar glänzte. Er war groß und schlank, und das weiche Braun seiner Augen ließ Davinas innere Hitze nur noch mehr ansteigen.

„Hallo, ich bin Gregory James“, stellte er sich vor und streckte ihr die Hand entgegen.

Unwillkürlich reichte Davina ihm die Hand und hätte fast aufgestöhnt, als er ihre Finger umschloss und sie die Berührung wie eine Art elektrischen Schlag empfand.

Noch nie hatte jemand so stark auf sie gewirkt. In ihrer Unerfahrenheit errötete sie und zitterte am ganzen Körper, während sie von Gregory James’ Anziehungskraft überwältigt wurde.

„Tut mir leid, ich wollte Sie nicht stören“, sagte er sanft und ließ ihre Hand los.

Einen Moment war Davina vollkommen verwirrt. Irgendein Unterton in seiner Entschuldigung ließ sie aufhorchen, als stimme etwas daran nicht. Unterbewusst erahnte sie, dass er sie verspottete und dass er sich absichtlich doppeldeutig ausdrückte und sie innerlich wegen ihrer Reaktion auslachte. Doch diese Ahnung war so schwach, dass sie verschwand, noch bevor Davina sie richtig greifen konnte. Stattdessen stammelte sie ein paar unzusammenhängende Worte, während Gregory fortfuhr: „Ich habe mich Ihrem Vater angeboten, Ihnen in seinem Namen mitzuteilen, dass alle versammelt sind. Gibt es etwas, wobei ich Ihnen helfen kann?“

Helfen? Völlig verblüfft starrte Davina ihn an. Ihr Vater glaubte fest, dass der Haushalt reine Frauenarbeit war. Ein Mann, der seine Hilfe anbot, passte nicht in dieses Weltbild hinein.

„Vielen Dank, aber das ist wirklich nicht nötig“, setzte sie atemlos an, doch er unterbrach sie mit einem durchdringenden Blick, dem sie schließlich nicht mehr standhalten konnte.

Dabei sagte er langsam: „Oh, ja. Und zwar in vieler Hinsicht. Ich wollte Sie kennenlernen, Davina.“

Dieser wunderbare, gut aussehende Mann wollte sie kennenlernen? Sie schüttelte verwirrt den Kopf und fragte sich, ob sie das alles träumte. Aber sie war wach, den Mann gab es wirklich. Sie war so durcheinander, dass sie kaum noch atmen, geschweige denn sich bewegen konnte. Und Gregory, der sie unablässig beobachtete, gestattete sich ein inneres zufriedenes Lächeln. Gut. Offensichtlich war sie genauso naiv und leichtgläubig, wie er gehört hatte. Er hatte sie kennengelernt, und der Rest würde jetzt einfach sein.

Gregory war von seiner verwitweten Mutter aufgezogen worden, die während seines ersten Studienjahrs gestorben war. Er hatte seine Mitschüler und die anderen Studenten immer dafür gehasst, dass es ihnen so gut ging und ihm nicht. Seine Mutter war arm. Trotz seiner Klugheit und seines guten Aussehens hatte Gregory früh erfahren, dass man damit mangelnden Reichtum nicht ausgleichen konnte. Reichtum bedeutete Macht, und danach sehnte Gregory sich. Er lernte früh schweigend zu lächeln, wenn andere ihn aufzogen oder sich gegenseitig auf seine abgetragene Schuluniform und seine ärmliche Schulausstattung aufmerksam machten. Seine Zeit würde kommen, dafür wollte er sorgen.

Während seiner Studienzeit erkannte er, wie schwer es werden würde, diese Ziele zu erreichen. Die besten Stellen und das damit verbundene Geld und die Macht, nach denen er sich so sehnte, wurden niemals an Leute wie ihn vergeben. Sie gingen an andere junge Männer, die nur eine schlechtere Ausbildung und nicht so gute Abschlüsse vorweisen konnten, aber etwas Wichtigeres als Intelligenz besaßen. Sie stammten aus einflussreichen, angesehenen Familien.

Zufällig hatte er eine Unterhaltung von zwei Mitstudenten gehört und dadurch erkannt, welchen Weg er einschlagen musste. Die beiden hatten ihn nicht bemerkt und redeten über einen dritten Freund.

„Weißt du, seine Schwester heiratet im Juni. Das hat er mir letzte Woche erzählt. Sie kriegt ein Kind, und die Eltern rasen vor Wut. Anscheinend ist sie mit einem einfachen Arbeiter zusammen, der offenbar erkannt hat, wie er was erreichen kann. Jetzt hat die Familie keine andere Wahl. Sie müssen der Heirat zustimmen und die beiden unterstützen. Für ihn müssen sie einen angemessenen Posten finden. Auch wenn die Familie sich furchtbar aufregt, nach außen müssen sie gute Miene zum bösen Spiel machen.“

„So eine Gelegenheit müsste man haben“, entgegnete der andere Freund trocken. „Ein reiches Mädchen heiraten.“

Ein reiches Mädchen. Gregory spielte mit diesem Gedanken, und seine Vorstellungen wurden dabei immer genauer.

Das Problem lag nur darin, dass er keine reichen Mädchen kannte. Ansonsten kannte er viele Frauen, zumal er gut aussah und aus einer Umgebung kam, in der die Jugendlichen schon früh damit anfingen, erste sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Im Lauf der Jahre hatte er nicht nur die grundlegenden Kenntnisse gesammelt, sondern auch noch einige Tricks und Kniffe gelernt, die ihm den gewünschten Erfolg beim anderen Geschlecht verschafften.

Wenn er wollte, konnte er umwerfend charmant sein und sich nach außen hin gut benehmen. Dass diese Eigenschaften nur oberflächlich waren, erfuhren Gregorys Partnerinnen auf bittere Weise, wenn sie nicht schnell genug erkannten, dass er ihrer überdrüssig war.

Gregory besaß keine menschliche Wärme und Freundlichkeit. Seiner Meinung nach waren das Schwächen, die man sich nicht leisten durfte.

Eine reiche Frau. Gregory konnte warten. Die Türen zu den Häusern von Mitstudenten aus reichen Familien blieben fest verschlossen, und so nahm er einen Job an und später einen anderen. Schließlich trat er seine dritte Stelle bei Carey’s an.

Er hatte die Firma aus drei möglichen Arbeitgebern ausgewählt, als er vom Hörensagen beim Vorstellungstermin erfuhr, dass der Eigentümer als einziges Kind eine unverheiratete Tochter hatte.

Im Lauf der Jahre hatte Gregory gelernt, den Unterhaltungen anderer Leute zuzuhören. Auf diese Weise konnte man sehr interessante Dinge erfahren.

Jetzt arbeitete er seit sechs Monaten für Carey’s. So lange hatte er gebraucht, um den Eigentümer der Firma unauffällig und vorsichtig auf sich aufmerksam zu machen, ohne den Verdacht seiner Kollegen zu erwecken.

Er hatte die Einladung zum Abendessen nur aus dem einen Grund angenommen, um diese zierliche unerfahrene Frau mit dem geröteten Gesicht und dem unordentlichen Haar kennenzulernen. Über die Firma hatte er genug erfahren, um zu wissen, wie reich Davina eines Tages sein würde.

Körperlich war sie nicht sein Typ. Er bevorzugte Frauen mit endlos langen Beinen und dem Blick, der bewies, dass sie wussten, wie es im Leben lief.

Davina Carey war klein und schlank, ihr Körper wirkte eher mädchenhaft als sinnlich. In ihrem Blick lagen Unerfahrenheit und mangelndes Selbstbewusstsein. Und als sie Gregory ansah, sprach aus ihrem Blick auch Bewunderung.

Als er ihre unbeholfene Ablehnung seines Angebots akzeptierte, lächelte er innerlich. Schließlich hatte er nie vorgehabt, ihr zu helfen, sondern nur die Gelegenheit gesucht, sie kennenzulernen.

Auch wenn sie ihn körperlich als Frau nicht ansprach, als reiche Ehefrau eignete sie sich vorzüglich.

Davina kam sich beim Servieren wie in einem Rausch vor. In ihren seltsamen Tagträumen konnten die unmöglichsten Dinge mit einem Mal Wirklichkeit werden.

Sie wischte gerade die Essensreste vom Hauptgang von den Tellern, um das Geschirr anschließend in heißem Wasser einzuweichen. Danach wollte sie den Nachtisch servieren. Jetzt ist es so weit, dachte sie. Deshalb also habe ich nie jemanden kennengelernt. Das Schicksal hat schon Gregory für mich bestimmt. Es wusste, dass es ihn gibt, dass er lebt und atmet, auch wenn ich es bis heute nicht wusste.

Vollkommen reglos blickte sie in Gedanken versunken aus dem Küchenfenster und hing ihren Träumen nach. Dann riss sie sich plötzlich wieder aus diesen Fantasien heraus und sagte sich, dass sie wahrscheinlich viel zu viel in seine Blicke und Worte hineindeutete. Wie sehr sehnte sie sich jetzt nach einer Freundin, jemandem, mit dem sie über alles reden und von dem sie sich Ratschläge holen konnte! Einem Menschen, mit dem sie dieses Wunder, das sie erlebt hatte, teilen konnte.

Absichtlich wartete Gregory fast eine Woche, bevor er wieder mit Davina in Kontakt trat. Eine Woche war gerade lang genug für sie, um die Hoffnung aufzugeben, aber bei Weitem nicht lang genug, um ihn zu vergessen.

Vom Büro aus rief er sie an.

Davina war gerade vom Einkaufen zurückgekommen. Sie hob den Hörer ab und meldete sich mit der Anschlussnummer. Beim Klang von Gregorys Stimme blieb ihr Herz fast stehen vor Schock und Freude.

Wie oft hatte sie sich in den letzten sechs Tagen an den Moment gedacht, in dem er in die Küche gekommen war? An seine Worte und seine Blicke? Mit jedem Tag war sie weniger überzeugt davon, dass sie den Ausdruck in seinen Augen richtig gedeutet hatte.

Und jetzt, wo sie gerade die Hoffnung hatte aufgeben wollen, rief er an.

Genauso schnell, wie ihre Hoffnungen neu geweckt worden waren, wurden sie auch wieder zerstört. Förmlich sagte er: „Es tut mir leid, dass ich nicht eher angerufen habe. Ich war geschäftlich unterwegs. Ich wollte nur anrufen, um mich bei Ihnen für das ausgezeichnete Essen letzte Woche zu bedanken.“

Er will sich nur bedanken, stellte Davina traurig fest. Ein Höflichkeitsanruf, mehr nicht.

Am anderen Ende der Leitung schmunzelte Gregory. Er spürte ihre Enttäuschung fast körperlich.

Ein paar Sekunden wartete er und fügte dann beiläufig hinzu: „Im Theater in Manchester läuft im Moment ein sehr gutes Musical. Ich weiß nicht, ob Sie es kennen, aber ich habe zwei Karten geschenkt bekommen und mich gefragt, ob Sie Lust hätten, mit mir hinzugehen. Die Karten sind für morgen Abend. Tut mir leid, dass es so kurzfristig ist.“

Er wollte sie ausführen! Schlagartig stiegen ihre Hoffnungen wieder ins Unermessliche. Ihre Hand und auch ihre Stimme zitterten, als sie sich bedankte und die Einladung annahm. Sie beachtete nicht die warnende Stimme, die ihr sagte, dass sie erst ihren Vater um Erlaubnis bitten musste, da er am nächsten Abend seine Bridgerunde zu Gast hatte. Sicher erwartete er, dass Davina sie alle bewirtete.

Mit seinem Fortschritt zufrieden machte Gregory eine Zeit aus, zu der er Davina abholen würde.

Er wohnte nicht im Ort, sondern besaß eine kleine Wohnung in Manchester, weil er es vorzog, seine Arbeit und sein Privatleben zu trennen. Als Auto fuhr er einen Firmenwagen, und das Erste, was er in seiner ersten Stellung gelernt hatte, war, wie man sich seine privaten Fahrten zusätzlich zu den beruflichen vom Arbeitgeber mit bezahlen ließ.

Bei diesem Spiel durfte man nicht übertreiben, und Gregory kannte sich darin aus, ab welchem Punkt man seine Habgier aus Vorsicht einschränken musste. Darin gehörte er zu den Besten.

Er hatte gerade einen guten Tag und schlug in der Zeitung die Aktienkurse auf. Wenn es einen Trieb in ihm gab, den er nicht ganz kontrollieren konnte, dann war es nicht wie bei vielen seiner Altersgenossen Sex. Beim Sex genoss er den Spaß, den er dabei hatte, und das Gefühl, eine Frau zu beherrschen, die auch noch seine Künste und Erfahrung genoss. Nein, Gregorys Schwäche lag in der Spannung und Aufregung, die er bei riskanten Spielen empfand.

E

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