Logo weiterlesen.de
Spiel mit dem Tod

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen

sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Erica Spindler

Spiel mit dem Tod

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Constanze Suhr

image

1. KAPITEL

Montag, 28. Februar 2005

1:30 Uhr

New Orleans, Louisiana

Stacy Killian öffnete die Augen, plötzlich hellwach. Wieder war das Knallen zu hören.

Pistolenschüsse.

Sie richtete sich auf, schwang die Beine über die Bettkante und nahm ihre Pistole aus der Schub lade des Nachttisches. Zehn Jahre Polizeidienst hatten sie darauf programmiert, blitzschnell auf dieses spezielle Geräusch zu reagieren.

Stacy ging zum Fenster und stellte sich hinter den Vorhang. Der Mond beleuchtete den Garten. Dürre Bäume, die Hundehütte, doch nirgends war Caesar, der Labrador-Welpe ihrer Nachbarin Cassie, zu sehen.

Kein Laut. Keine Bewegung.

Barfuß schlich sie mit erhobener Waffe ins angrenzende Arbeitszimmer. Stacy wandte sich schnell nach links, dann nach rechts, nahm jedes Detail wahr: die Stapel von Sachbüchern für das Referat, das sie über Shelleys „Mont Blanc“ vorbereitete, ihr aufgeklappter Laptop, die halb ausgetrunkene Flasche mit dem billigen Rotwein. Die Schatten. Die tiefe Dunkelheit. Die Stille.

Alles war wie immer. Das Geräusch, das sie geweckt hatte, war also nicht aus ihrer Wohnung gekommen.

Sie öffnete die Eingangstür, ging auf die Veranda hinaus und erschauerte in der kühlen, feuchten Nachtluft. Das morsche Holz knarrte unter ihren Füßen.

Die Nachbarn schienen zu schlafen. Aus einigen vereinzelten Fenstern fiel Licht, ein paar Terrassen waren beleuchtet. Plötzlich schepperte ganz in der Nähe ein umstürzender Müllcontainer. Kurz darauf Lachen. Wahrscheinlich Teenager, die sich in der städtischen Variante des Bullenreitens übten.

Sie runzelte die Stirn. War sie womöglich durch dieses Geräusch geweckt worden? Und hatte es im Halbschlaf und durch ihre etwas eingerosteten Instinkte falsch interpretiert?

Vor einem Jahr hätte sie diese Zweifel nie gehabt. Aber vor einem Jahr war sie noch Polizistin gewesen, Kriminalbeamtin beim Morddezernat in Dallas. Als sie noch nicht verraten worden war, eine Erfahrung, die ihr nicht nur das Selbstvertrauen geraubt, sondern sie auch gezwungen hatte, endlich gegen die Unzufriedenheit anzukämpfen.

Stacy streifte ihre verschmutzten Garten-Clogs über, die sie auf einem Regal neben der Tür aufbewahrte. Dann ging sie über die Veranda und stieg die Stufen hinunter in den Vorgarten.

Ihre Hände zitterten. Sie kämpfte gegen die Panik an, die Situation nicht richtig einschätzen zu können. Das war bereits passiert. Zweimal. Das erste Mal kurz nachdem sie eingezogen war. Durch Geräusche geweckt hatte sie alle Nachbarn in Hörweite aufgeschreckt.

Und beide Male, so wie heute, hatte sie nichts als eine ruhige, nächtliche Straße vorgefunden. Mit diesem falschen Alarm hatte sie sich bei ihren neuen Nachbarn nicht gerade beliebt gemacht. Die meisten von ihnen waren verständlicherweise sauer gewesen.

Cassie jedoch fand es als Einzige nicht schlimm. Die hatte Stacy gleich auf eine Tasse Kakao eingeladen.

Stacy sah zu Cassies Wohnung hinüber, zu dem Licht, das aus einem der hinteren Fenster fiel.

Sie starrte auf das beleuchtete Viereck, im Kopf das Knallen, das sie geweckt hatte. Die Schüsse waren so laut gewesen, dass sie von nebenan gekommen sein mussten.

Warum hatte sie das nicht sofort erkannt?

Von Angst gepackt rannte sie auf Cassies Verandatreppe zu, stürzte die Stufen hoch, stolperte und richtete sich gleich wie der auf, bemüht, sich zu beruhigen. Cassie schlief bestimmt tief und friedlich.

Stacy erreichte die Tür ihrer Freundin und klopfte an. Sie wartete, dann klopfte sie erneut. „Cassie!“ rief sie. „Ich bin’s, Stacy. Mach auf!“

Als keine Antwort kam, drehte sie am Türknauf.

Die Tür ließ sich öffnen.

Die Pistole mit beiden Händen umklammert, stieß sie die Tür mit dem Fuß auf und ging hinein. Absolute Stille empfing sie.

Sie rief noch einmal Cassies Namen. Und dann konnte sie sich nicht mehr länger einreden, dass ihre Fantasie ihr einen Streich gespielt hatte. Cassie lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Wohnzimmerboden. Ein großer, dunkler Fleck umgab sie. Blut. Eine Menge Blut.

Stacy begann zu zittern. Sie schluckte heftig, versuchte sich zu beherrschen. Neutral zu bleiben. Wie eine Polizistin zu denken.

Sie ging zu ihrer Freundin hinüber. Hockte sich neben sie und nahm eine professionelle Haltung ein. Distanzierte sich von dem, was geschehen war und davon, um wen es sich handelte.

Sie tastete nach Cassies Puls. Als sie nichts fand, betrachtete sie den Körper der Toten. Es sah aus, als wäre sie zweimal getroffen worden, einmal zwischen den Schulterblättern, einmal im Hinterkopf. Das lockige blonde Haar war blutverklebt. Cassie trug Jeans, Birkenstocksandalen und ein hellblaues T-Shirt, das Stacy gut kannte. Es war Cassies Lieblings-T-Shirt. Auf der Vorderseite stand „Träume. Liebe. Lebe.“.

Ihr stiegen die Tränen in die Augen. Heulen würde ihrer Freundin nichts nützen, aber beherrscht zu bleiben könnte helfen, den Mörder zu fassen.

Aus dem hinteren Teil der Wohnung kam ein Geräusch.

Beth.

Oder der Killer.

Stacy umschloss ihre Waffe fester, obwohl ihr die Hände zitterten. Mit klopfendem Herzen stand sie auf und schlich so leise wie möglich aus dem Wohnzimmer.

Sie entdeckte Beth vor der Tür zum zweiten Schlafzimmer. Cassies Mitbewohnerin lag auf dem Rücken, die Augen offen, blicklos. Sie trug einen pinkfarbenen Baumwollpyjama mit aufgedruckten Kätzchen.

Auch sie war erschossen worden. Zwei Kugeln in die Brust.

Stacy überprüfte schnell den Puls der anderen Frau, darauf bedacht, keine Spuren zu verwischen. So wie bei Cassie fand sie kein Lebenszeichen. Sie wandte sich in die Richtung, aus der die Laute gekommen waren.

Ein Winseln. Jemand kratzte an der Badezimmertür.

Caesar.

Leise rief sie den Namen des Hundes. Als er zur Antwort jaulte, öffnete sie vorsichtig die Tür. Der Labrador heulte dankbar auf, sie nahm ihn hoch und bemerkte, dass er auf den Badezimmerboden gemacht hatte. Wie lange war er eingeschlossen gewesen? Hatte Cassie das getan? Oder ihr Mörder? Und warum? Cassie sperrte den Hund nachts eigentlich in den Zwinger.

Mit dem Hund auf dem Arm durchsuchte Stacy das Apartment, um sicherzugehen, dass der Täter nicht mehr da war, obwohl sie das vom Gefühl her bereits wusste. Sie nahm an, dass er in den wenigen Minuten verschwunden war, die sie benötigt hatte, um von ihrem Bett zur Haustür zu kommen. Sie hatte keine Autotür oder einen startenden Motor gehört, was bedeuten konnte, dass er zu Fuß geflüchtet war – oder auch nicht.

Sie musste die Polizei rufen, wollte sich aber vorher selbst noch einmal umsehen, bevor sie das Feld überließ. Sie blickte auf die Uhr. Wenn sie bei der Polizei anrief und ein Streifenwagen zufällig in der Nähe war, konnte es sehr schnell gehen.

Soweit sie es beurteilen konnte, war Cassie zuerst getötet worden, dann Beth. Beth hatte wahrscheinlich die beiden Schüsse gehört und war aus dem Bett gesprungen, um zu sehen, was passiert war. Wahrscheinlich hatte sie die Geräusche nicht gleich als Schüsse identifiziert. Und selbst wenn, wäre sie herausgekommen, um sich zu überzeugen.

Das erklärte das unberührte Telefon auf dem Nachttisch. Stacy ging da rauf zu und nahm den Hörer ab, nachdem sie einen Zipfel ihrer Pyjamajacke darüber gelegt hatte. An ihrem Ohr ertönte das Freizeichen.

Stacy ging alle Möglichkeiten durch. Die Wohnung sah nicht so aus, als wären Diebe eingedrungen. Die Tür war nicht aufgebrochen worden. Cassie hatte den Killer selbst hereingebeten. Er – oder sie – war ein Freund oder Bekannter gewesen. Jemand, den sie erwartet hatte. Oder zumindest kannte. Vielleicht hatte der Mörder sie dazu veranlasst, den Hund einzusperren?

Sie hob sich die Fragen für später auf und wählte 911. „Zweifacher Mord“, sagte sie. „City Park Avenue 1174.“ Und dann setzte sie sich auf den Boden, Caesar fest an sich gedrückt, und weinte.

2. KAPITEL

Montag, 28. Februar 2005

1:50 Uhr

Detective Spencer Malone parkte seinen kirschroten, liebevoll gepflegten 1977er Chevy Camaro vor dem Doppelhaus in der City Park Avenue. Sein älterer Bruder John hatte den Wagen vor einigen Jahren gekauft. Er war sein ganzer Stolz gewesen, bis er geheiratet und Kinder bekommen hatte, die andauernd von Kinderkrippen und Geburtstagspartys hin und zurück transportiert werden mussten.

Nun war der Wagen Spencers ganzer Stolz.

Spencer beobachtete das Gebäude durch die Windschutzscheibe. Die Polizeibeamten hatten den Tatort bereits abgesperrt. Gelbes Signalband zog sich über die leicht durchhängende vordere Veranda. Einer der Beamten stand direkt davor und registrierte die Ankommenden und den Zeitpunkt, wann sie das Haus betraten.

Spencer kniff die Augen zusammen, als er den Kollegen erkannte, ein Neuling im dritten Jahr und einer von denen, die ihn am stärksten belastet hatten.

Connelly. Dieses Arschloch.

Spencer atmete tief durch, um sein leicht aufbrausendes Temperament zu zügeln, durch das er bereits in zu viele Schlägereien verwickelt worden war. Das war es, was seinem beruflichen Aufstieg im Weg stand, was es allen leicht gemacht hatte, sich den Anschuldigungen anzuschließen, was ihn fast seine Polizeilaufbahn gekostet hätte.

Er versuchte sich zu konzentrieren. Der Fall hier war seiner. Er leitete die Untersuchung. Das würde er nicht in den Sand setzen. Spencer stieg in dem Moment aus, als Detective Tony Sciame vor dem Haus hielt. Bei der Polizei von New Orleans hatten die Beamten keine festen Partner, mit denen sie arbeiteten. Wenn ein Fall hereinkam, übernahm ihn derjenige, der gerade als Nächster an der Reihe war. Dieser Beamte wählte dann einen Kollegen als Assistenten, und die Kriterien für die Wahl waren Verfügbarkeit, Erfahrung und Freundschaft.

Die meisten suchten sich jemanden, der ihnen sympathisch war, mit denen sie eine Art symbiotischer „Partnerschaft“ bildeten. Aus mehreren Gründen funktionierten er und Tony gut zusammen, ergänzten sich in ihren Stärken und Schwächen.

Wobei Spencer eine ganze Menge mehr Schwächen hatte als Tony.

Als Veteran mit fünfunddreißig Jahren Polizeidienst, davon fünfundzwanzig bei der Mordkommission, war Tony ein alter Hase. Glücklich verheiratet seit zweiunddreißig Jahren – für jedes Jahr ein Pfund Übergewicht – mit vier Kindern, einer Hypothek und einem Schmuddelhund namens Frodo.

„Hallo Hübscher“, begrüßte ihn Tony.

„Hallo Spaghettimann.“

Spencer machte sich gern über Tonys Vorliebe für Pasta lustig; sein Partner revanchierte sich dafür, indem er ihn Hübscher, Junior oder Schnellschuss nannte. Auch wenn Spencer, mit seinen einunddreißig schon neun Jahre bei der Polizei, weder ein Neuling noch ein grüner Junge war, so zählte er bei der Mordkommission doch zu den Anfängern. Den Rang eines Detectives besaß er auch noch nicht sehr lange, was ihn im Kreis der Polizeidienststelle von New Orleans, der NOPD, zur Zielscheibe des Spotts machte.

Tony lachte und tätschelte sich den Bauch. „Du bist ja nur neidisch.“

„Wenn du meinst.“ Spencer deutete auf den Polizeitransporter. „Der Spurendienst ist vor uns angekommen.“

„Blöde Streber.“ Tony blinzelte in den sternenlosen Himmel. „Ich werde zu alt für diesen Scheiß. Der Anruf kam gerade, als Betty und ich unsere Jüngste zusammenstauchten, weil sie zu spät nach Hause gekommen ist.“

„Arme Carly.“

„Von wegen. Dieses Mädchen ist eine echte Plage. Vier Kinder, und das letzte ein Satansbraten. Siehst du das hier?“ Er zeigte auf seine Halbglatze. „Dazu haben alle beigetragen, aber Carly … Wart’s nur ab, du wirst schon sehen.“

Spencer lachte. „Ich bin mit sechs Geschwistern aufgewachsen. Mir brauchst du nicht zu erzählen, wie die Kinder sind. Deshalb hab ich keine.“

„Übrigens, wie heißt sie?“

„Wer?“

„Dein Date von heute Abend.“

Um genau zu sein war er mit seinen Brüdern Percy und Patrick unterwegs gewesen. Sie hatten sich ein paar Biere und einen Burger in Shannon’s Tavern genehmigt. Seine größte Leistung war gewesen, die Achterkugel in das Eckloch zu versenken und damit Patrick, den Billardhelden der Familie, zu schlagen.

Aber das interessierte Tony nicht. „Ich rede nicht über meine Eroberungen, Partner.“

Sie kamen bei Connelly an. Spencer fing seinen Blick auf, und schon lief bei ihm wieder der ganze Film ab … Damals hatte er im fünften Bezirk gearbeitet und war für die Kasse mit dem Geld für Informanten verantwortlich gewesen. Fünfzehnhundert Dollar waren heutzutage nicht so viel. Aber genug, um zur Schnecke gemacht zu werden, wenn sie fehlten. Deswegen war er vom Dienst suspendiert und dann vor Gericht gestellt worden. Die Anklage wurde fallen gelassen, sein Name reingewaschen. Es stellte sich heraus, dass Lieutenant Moran, sein direkter Vorgesetzter, ihm die Geschichte hatte anhängen wollen. Hätte seine Familie nicht fest an seine Unschuld geglaubt, wäre der Mistkerl womöglich damit durchgekommen. Wenn Spencer für schuldig erklärt worden wäre, dann hätte man ihn nicht nur aus dem Polizeidienst entlassen, sondern ihn sogar ins Gefängnis gesteckt.

So oder so hatte es ihn anderthalb Jahre seines Lebens gekostet.

Wenn er daran dachte, wurde er immer noch fuchs teufelswild. Die Erinnerung daran, wie viele seiner Kumpel aus dem fünften Bezirk sich gegen ihn gestellt hatten – wie diese Schlange Connelly – machte ihn wütend. Bis zu diesem Zeitpunkt war die NOPD für ihn wie eine große Familie gewesen, seine Kollegen hatte er als seine Brüder und Schwestern betrachtet. Und bis zu diesem Zeitpunkt war ihm das Leben wie eine einzige riesige Party erschienen. Let the good times roll, nach alter New Orleans-Manier.

Lieutenant Moran aber hatte ihm das Leben zur Hölle gemacht. Die Partys machten jetzt keinen Spaß mehr. Spencer wurde wie der in der Dienststelle eingesetzt und so gar befördert. Nun war er in der ISD. Investigate Support Division. Hauptermittlungsabteilung. Sein Traumjob. Cop zu sein war seine Berufung. Nie wäre er auf den Gedanken gekommen, etwas anderes zu machen. Wie auch? Die Polizeiarbeit steckte ihm im Blut. Sein Vater, sein Onkel und seine Tante, sie alle waren Cops. Mehrere Cousins und Cousinen ebenfalls, und bis auf zwei auch seine Geschwister.

„Hallo, Connelly“, sagte Spencer gepresst. „Hier bin ich, zurück von den Toten. Überrascht?“

Der junge Polizist sah auf. „Ich habe keine Ahnung, was Sie meinen, Detective.“

„Na klar.“ Er beugte sich vor. „Haben Sie ein Problem damit, mit mir zu arbeiten?“

Der Beamte wich einen Schritt zurück. „Kein Problem. Nein, Sir.“

„Gut. Ich werde nämlich hier bleiben.“

„Ja, Sir.“

„Was haben wir hier?“

„Zweifacher Mord.“ Die Stimme dieses Grünschnabels zitterte leicht. „Beide Opfer sind weiblich. UNO-Studentinnen.“ Er blickte auf seine Notizen. „Cassie Finch und Beth Wagner. Die Nachbarin hat es gemeldet. Heißt Stacy Killian.“

Spencer sah in die Richtung, in die er deutete. Eine junge Frau, die einen schlafenden Welpen an sich drückte, stand auf der Veranda. Groß, blond und, so weit er sehen konnte, attraktiv. „Was hat sie zu berichten?“

„Dachte, sie hätte Schüsse gehört, und ging rüber, um nachzusehen.“

„Na, das war ja sehr schlau von ihr.“ Spencer schüttelte den Kopf. „Zivilisten.“

Sie gingen zur Veranda hinüber. Tony warf ihm einen Seitenblick zu. Er hatte immer hinter Spencer gestanden und an seine Unschuld geglaubt. Doch so manch einer kaufte Spencer immer noch nicht ab, dass er unschuldig war, trotz Morans Geständnis und Selbstmord. Diese fragenden Blicke, das Tuscheln hinter seinem Rücken machten Spencer wütend.

„Das legt sich auch wieder“, murmelte Tony, als hätte er seine Gedanken gelesen. „Das Gedächtnis von Polizisten ist nicht besonders gut. Wahrscheinlich Bleivergiftung.“

„Meinst du?“ Spencer grinste ihn an, während sie die Stufen hochstiegen. „Ich hätte eher auf die Auswirkungen von zu viel blauer Textilfarbe getippt.“

Sie überquerten die Veranda. Er spürte den Blick der Nachbarin auf sich, aber er sah nicht auf. Später war noch Zeit für ihren Kummer und ihre Fragen. Jetzt nicht. Sie betraten das Haus. Die Spurensicherung war schon am Werk. Spencer ließ den Blick über die Szenerie schweifen. Typische Studentenwohnung, wie er fand. Billige Flohmarktmöbel, überfüllte Aschenbecher und jede Menge Dosen Diätcola, die überall herumlagen. Unübersehbar eine Frauenwohnung. Wenn ein Typ hier gewohnt hätte, wären es Miller-Lite-Dosen gewesen. Oder vielleicht Abita Bier, die Marke aus dem südlichen Louisiana.

Das erste Opfer lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Fußboden, ein Teil des Hinterkopfs war weggeschossen. Spencer blickte zu einem jungen Detective hinüber, den er aus dem sechsten Bezirk kannte. Er erinnerte sich nicht mehr an seinen Namen.

Tony tat dies aber. „Bernie, warst du derjenige, der uns hierher gerufen hat?“

„Tut mir Leid. Das ist kein gewöhnlicher Fall, dachte, je eher Sie sich damit beschäftigen, desto besser.“

Der junge Beamte wirkte nervös. Er war neu in der DIU, hatte wahrscheinlich bisher nur mit Schießereien von Jugendbanden zu tun gehabt.

„Mein Partner, Spencer Malone.“

Etwas flackerte in seinem Blick auf. Spencer nahm an, dass der Polizist bereits von ihm gehört hatte. „Bernie St. Claude.“

Sie schüttelten sich die Hände. Ray Hollister, der Leichenbeschauer, sah auf. „Wie ich sehe, ist die Truppe versammelt.“

„Die Mitternachtsritter“, sagte Tony. „Wir Glücklichen. Hast du schon mit Malone gearbeitet, Ray?“

„Nicht mit diesem Malone. Willkommen im nächtlichen Mordclub.“

„Freue mich, hier zu sein.“

Die Bemerkung ließ ein paar Beamte vom Spurendienst aufstöhnen.

Tony grinste Spencer an. „Das Beängstigende ist, dass er es ernst meint. Halte deine Begeisterung ein bisschen im Zaum, Streber. Die Leute reden sonst.“

„Du mich auch“, erwiderte Spencer lächelnd und wandte sich dann wieder dem Doc zu. „Was haben Sie rausgefunden?“

„Sieht bisher ziemlich einfach aus. Zwei Einschüsse. Die erste Kugel hat sie nicht getötet, die zweite aber dafür umso sicherer.“

„Aber warum hat man sie erschossen?“ fragte sich Spencer laut.

„Das ist Ihr Job, Junge, nicht meiner.“

„Vergewaltigung?“ wollte Tony wissen.

„Ich glaube nicht, aber ganz sicher kann man erst nach der Autopsie sein.“

Tony nickte. „Wir sehen uns mal das andere Opfer an.“

„Viel Spaß.“

Spencer rührte sich nicht von der Stelle. Er starrte auf das fächerförmig an die Wand gesprühte Blut neben dem Opfer. „Der Täter hat im Sitzen geschossen“, sagte er zu seinem Kollegen.

„Woher weißt du das?“

„Sieh’s dir an.“ Spencer ging um die Tote herum zur Wand hinüber. „Blutspritzer nach oben, dann seitlich.“

„Ich werd verrückt.“

Hollister schaltete sich ein. „Die Wunden bestätigen diese Theorie.“

Spencer blickte sich um. Sein Blick blieb an einem Schreibtischstuhl hängen. „Von dort wurde geschossen“, sagte er und ging zum Stuhl. Da er keine Spuren verwischen wollte, hockte er sich daneben. Er stellte sich den Tathergang vor: Der Täter saß auf dem Stuhl, das Opfer drehte ihm den Rücken zu. Peng. Peng.

Was hatten sie gemacht? Warum hatten sie sterben müssen?

Er sah sich wieder um, blickte auf den staubigen Schreibtisch. In dem Staub war ein quadratischer Umriss zu sehen, von der Größe eines Laptops. „Schau mal, Tony. Ich schätze, hier stand mal ein Computer.“ An der Wand befanden sich sowohl eine Steckdose wie auch eine Telefonbuchse.

Tony nickte. „Könnte sein. Dort könnten aber auch Bücher gelegen haben, oder Zeitungen.“

„Vielleicht. Was es auch war, jetzt ist es verschwunden. Und, wie es aussieht, erst vor kurzem.“ Spencer zog sich Latexhandschuhe über und winkte den Fotografen heran, damit er ein Foto des Schreibtischs machen konnte.

„Hier muss gründlich nach Spuren gesucht werden.“

Tony nickte. „Schon aufgetragen.“

Die beiden gingen weiter. Sie fanden das zweite Opfer. Die Frau war zweimal in die Brust geschossen worden, sie lag auf dem Rücken auf der Schwelle zum Schlafzimmer. Ihr Pyjama war mit Blut getränkt, eine rote Lache hatte sich um sie gebildet.

Spencer ging zu ihr hinüber. „Sie lag im Bett, hat die Schüsse gehört und ist aufgestanden, um nachzusehen, was los ist.“

Tony riss sich vom Anblick der Toten los. Ein merkwürdiger Ausdruck lag auf seinem Gesicht. „Carly hat den gleichen Pyjama. Den trägt sie ständig.“

Ein bedeutungsloser Zufall, aber einer, der zu sehr ans Privatleben erinnerte. „Schnappen wir uns diesen Mistkerl.“

Spencer nickte und untersuchte den Leichnam weiter.

„Es handelt sich nicht um Diebstahl“, sagte Tony. „Und war auch keine Vergewaltigung. Keine Hinweise auf gewaltsames Eindringen in die Wohnung.“

Spencer runzelte die Stirn. „Was dann?“

„Vielleicht kann uns Ms. Killian weiterhelfen.“

„Du oder ich?“

Tony grinste. „Du bist doch derjenige, der ein Händchen für die Ladys hat. Auf geht’s.“

3. KAPITEL

Montag, 28. Februar 2005

2:20 Uhr

Zitternd rückte sich Stacy den kleinen Hund auf dem Arm zurecht. Ich hätte ihn in seine Kiste packen sollen, dachte sie. Ihr taten die Arme weh. Womöglich würde der Welpe jeden Moment munter werden und mit ihr spielen wollen.

Aber sie hatte ihn einfach nicht loslassen können. Konnte es immer noch nicht.

Stacy rieb ihre Wange an dem weichen, seidigen Kopf des Tieres. Nachdem sie die Polizei gerufen hatte, war sie in ihre Wohnung zurückgegangen, hatte die Glock verstaut und sich einen Mantel geholt. Sie besaß einen Waffenschein für die Pistole, wusste aber aus Erfahrung, dass eine bewaffnete Zivilistin, die dort auftauchte, wo ein Mord passiert war, im schlimmsten Fall zur Verdächtigten wurde, im besten die Dinge komplizierte.

Sie war vorher noch nie auf dieser Seite des Geschehens gewesen, obwohl es im letzten Jahr fast schon einmal soweit gewesen wäre. Ihre Schwester Jane war nur knapp einem Mord entkommen. Da hatte Stacy beschlossen, dass es genug war. Die Zeit mit der Plakette. Alles, was damit zusammenhing. Das Blut. Die Grausamkeit. Der Tod.

Stacy war klar geworden, dass sie sich nach einem normalen Leben sehnte, nach einer richtigen Beziehung. Irgendwann wollte sie eine eigene Familie haben. Und das war, solange sie in diesem Job arbeitete, unmöglich.

Und hier war sie wieder. Der Tod hatte sie verfolgt.

Plötzlich stieg Wut in ihr auf. Wo zum Teufel waren die Kriminalbeamten? Warum bewegten die sich so langsam? Bei dem Tempo war der Killer längst in Mississippi, bevor die beiden überhaupt den Tatort begutachtet hatten.

„Stacy Killian?“

Sie drehte sich um. Der jüngere der beiden Beamten stand vor ihr. Er wedelte mit seiner Plakette. „Detective Malone. Sie haben das hier gemeldet?“

„Ja.“

„Geht es Ihnen gut? Wollen Sie sich lieber hinsetzen?“

„Nein, ist schon in Ordnung.“

Er zeigte auf Caesar. „Niedlicher Hund. Labrador?“

Sie nickte. „Aber er ist nicht … er gehörte … Cassie.“ Es ärgerte sie, dass ihre Stimme zitterte. „Hören Sie, können wir einfach zur Sache kommen?“

Er hob die Augenbrauen, als wäre er über ihre brüske Art erstaunt. Wahrscheinlich hielt er sie für kaltherzig. Er konnte nicht ahnen, wie weit er mit dieser Einschätzung daneben lag – sie war so erschüttert, dass sie kaum mehr Luft bekam.

Er zog seinen Notizblock vor, einen kleinen Spiralblock, der genauso aussah wie der, den sie immer benutzt hatte. „Berichten Sie mir doch einfach, was genau passiert ist.“

„Ich habe geschlafen. Dann glaubte ich Schüsse zu hören und ging raus, um nach meinen Freundinnen zu sehen.“

Etwas flackerte in seinem Blick auf und war sofort wieder verschwunden. „Sie wohnen hier?“ Er zeigte auf das Nachbarhaus.

„Ja.“

„Allein?“

„Ich weiß nicht, warum das wichtig sein sollte, aber ja, ich lebe allein.“

„Seit wann?“

„Ich bin in der ersten Januarwoche eingezogen.“

„Und davor?“

„In Dallas. Ich bin nach New Orleans gekommen, um an der Uni zu studieren.“

„Wie gut kannten Sie die Opfer?“

Opfer. Sie zuckte bei der Bezeichnung zusammen. „Cassie und ich waren gute Freundinnen. Beth hingegen ist gerade erst seit einer Woche hier. Cassies erste Mitbewohnerin hat die Uni verlassen und ist wieder nach Hause zu ihren Eltern gefahren, bevor dann Beth einzog.“

„Sie bezeichnen sich als gute Freundinnen? Aber Sie kennen sich doch erst seit zwei Monaten?“

„Sicher ist das nicht so viel Zeit. Aber wir haben uns einfach … auf Anhieb verstanden.“

Er sah nicht überzeugt aus. „Sie sagen, Sie sind von Pistolenschüssen aufgewacht und rausgegangen, um nach Ihren Freundinnen zu sehen? Warum waren Sie sich so sicher? Hätten es nicht auch Feuerwerkskörper sein können? Oder eine Fehlzündung bei einem Auto?“

„Ich wusste, dass es sich um Schüsse handelt, Detective.“ Sie sah kurz zur Seite. „Ich war zehn Jahre lang Polizistin. In Dallas.“

Wieder zog er die Augenbrauen hoch. „Was ist dann passiert?“

Sie berichtete, wie sie zur Vordertür hinaus, um das Haus herum gegangen war und dann Licht bei Cassie gesehen hatte. „Indiesem Augenblick war mir klar, dass die Schüsse … von nebenan gekommen waren.“

Der andere Beamte erschien hinter ihm an der Tür. Detective Malone sah ihren Blick und drehte sich um. Sie nutzte den Moment, um die beiden genauer zu betrachten. Der ältere Cop hatte sich mit dem jungen Heißblut zusammengetan, ein Duo, wie es in zahlreichen Hollywoodfilmen dargestellt wurde. Nach ihrer Erfahrung war diese Zusammenarbeit in den Filmen immer viel effektiver als im wirklichen Leben. Zu oft war der ältere ein ausgebrannter, angepasster Typ, der jüngere ein Aufschneider.

Der Mann kam näher. „Detective Sciame“, stellte er sich ihr vor.

Beim Klang der Stimme öffnete Caesar die Augen und wedelte mit dem Schwanz. Sie setzte den Welpen ab und streckte die Hand aus. „Stacy Killian.“

„Ms. Killian war Polizistin.“

Detective Sciame blickte sie an, mit warmen braunen Augen. Freundlich und intelligent. Vielleicht ist er ja ausgebrannt, dachte sie, hat aber den Durchblick.

„Ach so?“ Er schüttelte ihr die Hand.

„Detective im ersten Dienstgrad. Mordkommission, Polizeirevier Dallas. Nennen Sie mich Stacy.“

„Ich bin Tony. Was machen Sie hier in unserer schönen Stadt?“

„Einen Abschluss an der Uni. Englische Literatur.“

Er nickte verständnisvoll. „Hatten genug von dem Job, was? Hab ja auch daran gedacht aufzuhören, des Öfteren. Aber jetzt stehe ich kurz vor der Pension, da hat es keinen Sinn mehr zu wechseln.“

„Warum die Uni?“ fragte Malone.

„Warum nicht?“

Er runzelte die Stirn. „Englische Literatur ist Welten entfernt vom Polizeidienst.“

„Eben.“

Tony deutete auf die Wohnung hinter ihm. „Haben Sie sich alles genau angesehen?“

„Ja.“

„Was denken Sie?“

„Cassie ist zuerst getötet worden. Beth ist aufgestanden, um nachzusehen, was los ist. Diebstahl ist auszuschließen. Vergewaltigung auch, obwohl das der Pathologe erst noch bestätigen muss. Ich denke, der Killer war entweder ein Freund oder ein Bekannter von Cassie. Sie hat ihn reingelassen und Caesar ein gesperrt.“

„Sie waren eine Freundin.“

„Stimmt. Aber ich habe sie nicht umgebracht.“

„Das sagen Sie. Der Erste am Tatort …“

„Ist immer verdächtig. Normales Verfahren, ich weiß.“

Tony nickte. „Haben Sie eine Waffe, Stacy?“

Sie war nicht überrascht, dass der Mann sie da nach fragte. Eigentlich war sie sogar dankbar. Das ließ sie hoffen, dass sie doch was von ihrem Job verstanden.

„Eine Glock 40.“

„Waffenschein?“

„Selbstverständlich. Wollen Sie beides sehen?“

Als er nickte, nahm sie den Hund wieder auf den Arm und ging in ihre Wohnung. Sie folgten ihr. Kein anständiger Detective würde zulassen, dass ein Verdächtiger in seine Wohnung verschwindet, um eine Waffe zu holen. Oder etwas anderes, was auch immer. In neun von zehn Fällen würde der besagte Verdächtigte durch die Hintertür verschwinden. Oder an der Vordertür mit gezückter Waffe wieder auftauchen.

Nachdem sie Caesar in ihr Schlafzimmer gebracht hatte, holte sie die Pistole und den Waffenschein. Die beiden Detectives stellten fest, dass mit der Glock in letzter Zeit nicht geschossen worden war. Tony gab sie ihr zurück.

„Hatte Cassie einen Freund?“

„Nein.“

„Irgendwelche Feinde?“

„Nicht dass ich wüsste.“

„War sie in der Kneipenszene unterwegs?“

Stacy schüttelte den Kopf. „RPGs und Uni. Das ist alles.“

Malone runzelte die Stirn. „RPGs?“

„Roll-Playing Games, Rollenspiele. Am liebsten Dungeons & Dragons und Vampire, aber sie spielte auch andere Sachen.“

„Verzeihen Sie meine Unwissenheit“, sagte Tony, „aber reden Sie von Brettspielen? Oder Videos?“

„Weder noch. Jedes Spiel besteht aus Charakteren und einem Szenarium, das vom Game-Master, dem Spielmeister, bestimmt wird. Die Spieler schlüpfen dabei in die verschiedenen Rollen.“

Tony kratzte sich am Kopf. „Ein richtiges Theaterspiel?“

„Nicht direkt.“ Sie lächelte. „Ich habe dabei auch nie mitgemacht, aber so wie Cassie es erklärte, lässt man dabei seine Fantasie spielen. Jeder, der teilnimmt, hat eine Rolle, er folgt einem ungeschriebenen Manuskript, ohne Kostüme, Spezialeffekte oder ein Bühnenbild. Die Spiele können real in der Gruppe gespielt werden oder online.“

„Warum haben Sie das nie gemacht?“ wollte Malone wissen.

Stacy zögerte. „Cassie hat mich mal dazu eingeladen, ihr Gruppentreffen zu besuchen, aber das Spiel, das sie mir beschrieb, klang nicht sehr ansprechend. Gefahr bei jeder Wendung, man muss sich immer wieder durchschlagen. Ich hatte kein Verlangen danach, so was zu spielen, das hatte ich im richtigen Leben gehabt.“

„Kennen Sie einige ihrer Mitspieler?“

„Nicht direkt.“

Detective Malone zog eine Augenbraue hoch. „Nicht direkt. Was heißt das?“

„Sie hat mir einige vorgestellt. Ich sehe sie manchmal auf dem Unigelände. Ab und zu treffen sie sich im Café Noir zum Spielen.“

„Café Noir?“ fragte Tony.

„Ein Coffee-Shop in der Esplanade. Cassie war oft dort. Wir beide. Haben da gelernt.“

„Wann haben Sie Ms. Finch zum letzten Mal gesehen?“

„Freitagabend … in der Uni …“

Plötzlich stellten sich ihr die Nackenhaare auf. Es kam alles wieder hoch, ihr letztes Treffen. Cassie war ziemlich aufgeregtgewesen, sie hatte jemanden kennen gelernt, der ein Spiel namens White Rabbit spielte. Diese Person hatte ihr versprochen, sie mit jemandem zusammen zu bringen, der offenbar der Erfinder des Ganzen war, man nannte ihn Supreme White Rabbit. Sie wollte ein Treffen mit ihm arrangieren.

„Ms. Killian? Ist Ihnen etwas eingefallen?“

Sie berichtete den beiden Detectives da von, doch sie schienen nicht sonderlich beeindruckt.

„Supreme White Rabbit?“ fragte Tony. „Was ist denn das nun wieder?“

„Wie ich schon sagte, kenne ich mich da auch nicht so genau aus. Aber so wie ich es verstanden habe, gibt es bei den Rollenspielen einen Spielmeister. Bei Dungeons & Dragons ist es der Dungeon-Master, der das Spiel überwacht.“

„Und in diesem neuen Szenarium ist es jemand, der White Rabbit genannt wird“, folgerte Tony.

„Genau.“ Stacy bemühte sich weiterzureden. „Es gefiel mir nicht, dass sie sich einfach so mit diesem Typ treffen wollte, ohne ein wenig auf der Hut zu sein. Cassie war so vertrauensselig. Viel zu vertrauensselig. Ich habe sie daran erinnert, dass es ein Fremder ist, und sie gedrängt, sich an einem öffentlichen Ort mit ihm zu treffen, auf keinen Fall zu Hause.“

„Und wie hat sie auf Ihre Warnung reagiert?“

„Sie hat gelacht“, erwiderte Stacy. „Hat mir geraten, lockerer zu werden.“

„Das Treffen hat also stattgefunden?“

„Das weiß ich nicht.“

„Hat sie einen Namen genannt?“

„Nein. Aber ich habe auch nicht gefragt.“

„Die Person, die ihr versprochen hat, sie vorzustellen, wo hat sie die getroffen?“

„Hat sie nicht gesagt, und auch das habe ich sie nicht gefragt.“ Stacy hörte selbst, wie frustriert sie klang. „Ich dachte, es wäre ein Mann, aber sicher bin ich da nicht.“

„Noch irgendwas?“

„Ich hab da so ein Gefühl.“

„Weibliche Intuition?“ fragte Malone.

Sie kniff gereizt die Augen zusammen. „Der Instinkt einer erfahrenen Polizistin.“

Der ältere Beamte verzog amüsiert die Lippen.

„Was ist mit ihrer Mitbewohnerin?“ erkundigte sich Tony. „Hat Beth auch diese Spiele gespielt?“

„Nein.“

„Hatte Ihre Freundin einen Computer?“ wollte Malone wissen.

Sie sah ihn an. „Einen Laptop. Warum?“

Er antwortete nicht darauf. „Hat sie diese Spiele auf ihrem Computer gespielt?“

„Manchmal, denke ich. Meist spielte sie direkt in der Gruppe.“

„Aber sie können auch online gespielt werden.“

„Ja.“ Sie blickte von einem zum anderen. „Warum?“

„Danke, Ms. Killian. Sie waren uns eine große Hilfe.“

„Warten Sie.“ Sie hielt den älteren Detective am Arm zurück. „Ihr Computer ist verschwunden, oder?“

„Tut mir Leid, Stacy“, murmelte Tony und sah sie bedauernd an. „Wir können nicht mehr sagen.“

Sie hätte das Gleiche getan, aber trotz dem war sie sauer. „Ich würde Ihnen raten, dieses White-Rabbit-Spiel unter die Lupe zu nehmen. Fragen Sie, wer es spielt. Was zu dem Spiel gehört.“

„Das werden wir, Ms. Killian.“ Malone klappte sein Notizbuch zu. „Danke für Ihre Hilfe.“

Sie setzte an, noch etwas zu sagen, wollte sie bitten, sie auf dem Laufenden zu halten, entschied sich dann aber anders. Weil sie wusste, dass sie das sowieso nicht tun würden. Sie hatte kein Recht, über den Fortgang der Ermittlungen unterrichtet zu werden. Sie war Zivilistin. Nicht einmal eine Familienangehörige der Opfer. Sie waren ihr nichts weiter schuldig als Höflichkeit.

Das erste Mal, seit sie den Polizeidienst quittiert hatte, wurde ihr wirklich klar, was es bedeutete. Wer sie jetzt war.

Eine Zivilistin. Jemand, der nicht zum „blauen Kreis“ gehörte.

Allein.

Stacy Killian war keine Polizistin mehr.

4. KAPITEL

Montag, 28. Februar 2005

9:20 Uhr

Spencer und Tony betraten das Polizeihauptquartier, meldeten sich an und nahmen den Fahrstuhl zur ISD.

„Hallo Dora“, begrüßte Spencer die Rezeptionistin. Obwohl sie als Zivilistin von der Stadt angestellt war, trug sie Uniform. Die Nähte des blauen Stoffes wurden von ihrer beachtlichen Oberweite stark gedehnt, darunter konnte man etwas aus pinkfarbener Spitze entdecken. „Irgendwelche Nachrichten für mich?“

Sie betrachtete ihn abschätzend und reichte ihm die gelben Notizzettel.

Er ignorierte den Blick. „Ist Captain O’Shay da?“

„Ja, ist schon bereit und wartet auf Sie, mein Hübscher.“

Er hob eine Augenbraue hoch, sie kicherte. „Ihr weißen Jungs versteht aber auch keinen Spaß.“

„Von Stil verstehen sie auch nichts“, bemerkte Rupert, ein anderer Detective, der sich gerade an ihnen vorbeischlängelte.

„Da hast du Recht“, stimmte ihm Dora zu. „Rupert kennt sich da aus.“

Spencer musterte seinen Kollegen mit dem eleganten italienischen Anzug, der farbenfrohen Krawatte und dem blütenweißen Hemd. Dann blickte er an sich selbst hinunter: Jeans, T-Shirt und Wolljackett. „Und?“

Sie stöhnte. „Sie arbeiten jetzt bei der ISD, an der Spitze, mein Lieber. Dementsprechend sollten Sie sich auch anziehen.“

„Okay, Kumpel. Fertig?“

Spencer drehte sich um und grinste Tony an. „Noch nicht, bin mitten in einer gratis Modeberatung.“

Tony erwiderte sein Grinsen. „Ist wohl eher ein Vortrag.“

„Für Sie ist das sowieso nichts.“ Dora wedelte mit dem Finger in Richtung des älteren Kollegen. „Bei Ihnen ist Hopfen und Malz verloren. Eine Katastrophe.“

„Was, ich?“ Er breitete die Arme aus. Sein Bauch wölbte sich über den Bund seiner Hose, die schon so abgenutzt war, dass der Stoff durchscheinend glänzte.

Die Rezeptionistin schnaubte abfällig, während sie Tony seine Nachrichten reichte. An Spencer gewandt sagte sie: „Kommen Sie jederzeit vorbei, um sich von Miss Dora beraten zu lassen, mein Lieber. Ich werde Sie schon hinkriegen.“

„Danke, ich werd’s mir merken.“

„Tun Sie das, Süßer“, rief sie ihm nach. „Frauen mögen Männer mit Stil.“

„Da hat sie Recht, Süßer“, zog ihn Tony auf. „Kannst du mir ruhig glauben.“

Spencer lachte. „Wo her willst du das wissen? Weil die Frauen in Scharen vor dir weglaufen?“

„Genau.“ Sie bogen um die Ecke zu der offen stehenden Tür, die in das Büro von Captain O’Shay führte.

Spencer klopfte gegen den Türrahmen. „Captain O’Shay? Können wir dich kurz sprechen?“

Captain Patti O’Shay blickte auf und winkte sie herein. „Guten Morgen. Es gab schon viel zu tun, wie ich gehört habe.“

„Wir haben einen Zweifachen“, berichtete Tony und setzte sich auf einen der Stühle ihr gegenüber.

Patti O’Shay, eine energische, sachliche Frau, war eine von drei weiblichen Hauptkommissaren bei der NOPD. Sie war scharfsinnig, geradeheraus, aber fair. Sie hatte doppelt so hart schuften müssen wie ein Mann, um an diesen Posten zu kommen. Sie war im letzten Jahr zur ISD befördert worden, und die Kollegen gingen davon aus, dass sie es eines Tages bis ganz nach oben schaffen würde.

Außerdem war sie zufällig die Schwester von Spencers Mutter.

Es fiel ihm nicht leicht, diese Vorgesetzte mit der Frau in Einklang zu bringen, die ihn früher als Kind „Boo“ genannt hatte. Mit der Frau, die ihm heimlich Kekse zugesteckt hatte, wenn seine Mutter gerade nicht hinsah. Sie war seine Patentante, was bei den Katholiken eine besondere Verbindung darstellte. Eine, die sie sehr ernst nahm.

Und doch hatte sie vom ersten Tag an klargestellt, wer hier der Boss war. Punkt.

Sie sah ihn mit diesem Mir-entgeht-nichts-Blick an. „War es richtig, uns einzuschalten?“

Er richtete sich auf und räusperte sich. „Auf jeden Fall, Captain. Das ist kein Bagatellfall.“

Sie sah zu Tony hinüber. „Detective Sciame?“

„Da stimme ich voll zu. Besser jetzt ermitteln, bevor die Spuren verwischt sind.“

Spencer übernahm. „Beide Opfer sind erschossen worden.“

„Namen?“

„Cassie Finch und Beth Wagner. Studentinnen an der hiesigen Universität.“

„Wagner ist vor einer Woche erst bei Cassie Finch eingezogen“, fuhr Tony fort. „Armes Mädchen, das ist doch echt mal verdammtes Scheißpech.“

Die Frau schien seine Ausdrucksweise nicht zu bemerken, aber Spencer zuckte leicht zusammen. „Diebstahl scheint nicht das Motiv gewesen zu sein“, berichtete er weiter, „obwohl Ms. Finchs Laptop verschwunden ist. Vergewaltigung war es auch nicht.“

„Was dann?“

Tony streckte die Beine aus. „Die Kristallkugel hat heute Morgen noch nicht funktioniert, Captain.“

„Sehr witzig. Wie sieht es dann mit einer Theorie aus? Oder ist das nach nur zwei Doughnuts zu viel verlangt?“

Spencer schaltete sich wieder ein. „Sieht aus, als wäre Finch zuerst getötet worden. Wir gehen davon aus, dass sie ihren Mörder gekannt und hereingelassen hat. Wagner ist wahrscheinlich erschossen worden, weil sie am Tatort war. Ist natürlich bisher alles Spekulation.“

„Irgendwelche Spuren?“

„Ein paar. Wir werden der Uni einen Besuch abstatten, die Plätze aufsuchen, an denen sich die beiden aufgehalten haben. Mit ihren Freundinnen reden, den Professoren, ihren Freunden, wenn sie welche hatten.“

„Gut. Noch was?“

„Wir haben die Nachbarschaft überprüft“, fuhr Spencer fort. „Von der Frau abgesehen, die die Polizei gerufen hat, hat niemand irgendwas gehört.“

„Ihre Geschichte ist glaubwürdig?“

„Scheint in Ordnung zu sein. Sie war Polizistin. Bei der Mordkommission in Dallas.“

Sie runzelte die Stirn. „Tatsächlich?“

„Ich werde sie durch den Computer jagen. Die Dienststelle in Dallas anrufen.“

„Tu das.“

„Hat der Coroner die Verwandten benachrichtigt?“

„Schon geschehen.“

Sie griff nach dem Telefonhörer, um zu signalisieren, dass das Gespräch beendet war. „Ich kann es gar nicht leiden, wenn in meinem Bezirk Doppelmorde passieren. Schon gar nicht, wenn sie nicht aufgeklärt sind. Verstanden?“

Sie nickten, standen auf und gingen zur Tür. Bevor Spencer draußen war, rief sie ihn zurück. „Detective Malone?“

Er drehte sich um.

„Halte dein Temperament im Zaum.“

Er grinste. „Alles unter Kontrolle, Tante Patti. Das Ehrenwort eines frommen Ministranten.“

Beim Rausgehen hörte er sie lachen. Wahrscheinlich, weil sie sich daran erinnerte, wie er als Ministrant versagt hatte.

5. KAPITEL

Montag, 28. Februar 2005

10:30 Uhr

Spencer betrat das Café Noir. Der Duft von Kaffee und frisch gebackenem Kuchen ließ ihn schwindeln. Es war lange her, dass er gefrühstückt hatte – ein Wurstbrötchen, als gerade die Sonne am Horizont aufging.

Er verstand dieses ganze Theater um die Coffee-Shops nicht. Drei Scheine für eine Tasse Kaffee mit ausländisch klingendem Namen? Und was sollte das mit diesem L, XL und XXL? Wieso konnte man nicht einfach klein, mittel und groß sagen? Oder wenn es sein musste auch extra groß? Wen wollten die hier zum Narren halten?

Er hatte mal den Fehler begangen, einen „Americano“ zu ordern. Dachte, es handelte sich dabei um eine gute, alte Tasse ordentlichen amerikanischen Kaffees. Ein Fehler, wie sich herausstellte.

Es handelte sich um einen Schuss Espresso mit Wasser. Schmeckte wie aufgekochte Pisse.

Er beschloss, sein Geld zu sparen und später im Hauptquartier eine Tasse Kaffee zu trinken. Als er sich umsah, stellte er fest, dass dieser Laden, soweit er sich mit Coffee-Shops auskannte, ziemlich typisch war. Dunkle, erdige Farben, bequeme Sitzecken, hier und dort ein paar überdimensionale Sessel mit Tischen, wo man sich unterhalten oder lernen konnte. Es gab sogar einen großen alten Kamin.

Wofür der auch immer gut sein soll, dachte Spencer. Immerhin waren sie in New Orleans, wo es heiß und feucht war, neun Monate im Jahr rund um die Uhr. Er ging zur Theke hinüber und fragte das Mädchen an der Kasse nach dem Besitzer oder Geschäftsführer. Die Kassiererin, die aussah, als würde sie noch aufs College gehen, lächelte und deutete auf eine große blonde Frau, die das Büffet auffüllte. „Die Besitzerin Billie Bellini.“

Er bedankte sich bei ihr und ging zu der Frau. „Billie Bellini?“

Sie drehte sich um, eine beeindruckende Schönheit. Zweifellos gehörte sie zu den Frauen, die es sich leisten konnten, in Bezug auf Männer äußerst wählerisch zu sein. Zu der Sorte von Frau, von der man nicht vermutete, dass sie einen Coffee-Shop führte.

Er wäre ein Lügner oder ein Eunuch gewesen, hätte er behauptet, vollkommen immun gegen sie zu sein, aber sie war nicht wirklich sein Typ. Zu verdammt anspruchsvoll für einen einfachen Kerl wie ihn.

Ein kleines Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. „Ja?“

„Detective Spencer Malone. NOPD“, sagte er, während er seine Plakette vorzeigte.

Sie zog ihre perfekt geschwungenen Augenbrauen in die Höhe. „Detective? Was kann ich für Sie tun?“

„Kennen Sie eine Frau namens Cassie Finch?“

„Ja, sie gehört zu unseren Stammgästen.“

„Was genau heißt das?“

„Dass sie sehr viel Zeit hier verbringt. Jeder kennt sie.“ Sie zog die Stirn kraus. „Warum?“

Er reagierte nicht auf ihre Frage. „Und Beth Wagner auch?“

„Cassies Mitbewohnerin? Nicht direkt. Sie war einmal hier. Cassie hat sie mir vorgestellt.“

„Und Stacy Killian?“

„Auch ein Stammgast. Sie sind befreundet. Aber ich nehme an, das wissen Sie bereits.“

Spencer senkte den Blick. An dem Ringfinger ihrer linken Hand steckte ein ziemlich großer Klunker. Das überraschte ihn nicht.

„Wann haben Sie Ms. Finch das letzte Mal gesehen?“

Sie wirkte plötzlich besorgt. „Was soll das bedeuten? Ist etwas mit Cassie?“

„Cassie Finch ist tot, Ms. Bellini. Sie wurde ermordet.“

Sie schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund. „Das kann nicht sein.“

„Tut mir Leid.“

„Verzeihung, ich …“ Sie tastete hinter sich nach einem Stuhl und ließ sich dann darauf sinken. Einen Moment lang saß sie bewegungslos da, atmete tief ein und aus und schien um Fassung zu ringen.

Als sie schließlich zu ihm aufsah, waren keine Tränen in ihren Augen. „Sie war gestern Nachmittag hier.“

„Wie lange?“

„Ungefähr zwei Stunden. Zwischen drei und fünf.“

„War sie allein?“

„Ja.“

„Hat sie mit jemandem gesprochen?“

Die Frau verschränkte die Finger. „Ja. Mit den üblichen Verdächtigen.“

„Wie bitte?“

„Verzeihung.“ Sie räusperte sich. „Mit den anderen Stammgästen. Es waren die Leute hier, die sonst auch immer kommen.“

„War Stacy Killian gestern hier?“

„Nein. Ist Stacy … ist mit ihr alles in Ordnung?“

„Soweit ich weiß, geht es ihr gut.“ Er schwieg einen Moment. „Es würde uns enorm helfen, wenn Sie die Namen der Leute auflisten könnten, mit denen Cassie verkehrte.“

„Natürlich.“

„Hatte sie irgendwelche Feinde?“

„Nein. Das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Irgendwelche Auseinandersetzungen?“

„Nein.“ Ihre Stimme zitterte. „Ich kann das alles gar nicht glauben.“

„Ich habe gehört, sie beschäftigte sich mit Rollenspielen.“ Er wartete. Als sie nicht widersprach, fuhr er fort. „Hat sie immer ihren Laptop mitgebracht?“

„Ja.“

„Sie haben sie nie ohne den Computer gesehen?“

„Nein.“

„Ich würde gern mit Ihren Angestellten sprechen, Ms. Bellini.“

„Natürlich. Nick und Josie kommen um zwei und um fünf. Das da ist Paula. Soll ich sie herrufen?“ Er nickte, zog eine Visitenkarte aus der Jackentasche und reichte sie ihr. „Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich bitte an.“

Es stellte sich heraus, dass Paula noch weniger sagen konnte als ihre Chefin, aber Spencer übergab ihr ebenfalls eine Karte. Er verließ das Café und trat in den kühlen, hellen Morgen hinaus. Die Meteorologin von Kanal 6 hatte vorhergesagt, dass die Quecksilbersäule heute über 21 Grad steigen würde, und nach der Temperatur zu urteilen, die bereits herrschte, würde sie wohl Recht behalten.

Er lockerte seine Krawatte und lief zu seinem Wagen, der am Straßenrand parkte.

„Detective Malone, warten Sie!“

Er drehte sich um. Stacy Killian schlug ihre Autotür zu und eilte ihm entgegen. „Hallo, Ms. Killian.“

Sie zeigte auf den Coffee-Shop. „Haben Sie da al les erfahren, was Sie wissen wollten?“

„Fürs Erste. Was kann ich für Sie tun?“

„Haben Sie im Internet schon nach dem White Rabbit gesucht?“

„Noch nicht.“

„Darf ich fragen, warum das so lange dauert?“

Er blickte auf seine Uhr, dann sah er sie wieder an. „So wie ich das sehe, läuft diese Untersuchung erst seit acht Stunden.“

„Und die Wahrscheinlichkeit, dass der Fall gelöst wird, verringert sich mit jeder Stunde, die vergeht.“

„Warum haben Sie die Polizei in Dallas verlassen, Ms. Killian?“

„Wie bitte?“

Er bemerkte, wie sie sich versteifte. „Das war eine ganz einfache Frage. Warum sind Sie gegangen?“

„Ich brauchte eine Veränderung.“

„Das war der einzige Grund?“

„Ich wüsste nicht, was das mit dem allen zu tun hätte, Detective.“

Er kniff die Augen zusammen. „Ich hab mich nur gewundert, weil Sie ziemlich scharf drauf zu sein scheinen, meinen Job zu übernehmen.“

Sie errötete. „Cassie war meine Freundin. Ich will nicht, dass der Killer einfach davonkommt.“

„Das will ich auch nicht. Halten Sie sich da raus, und lassen Sie mich meine Arbeit machen.“

Er wollte an ihr vorbeigehen, aber sie hielt ihn am Arm fest. „White Rabbit ist die beste Spur, die Sie haben.“

„Das sagen Sie. Ich bin nicht davon überzeugt.“

„Cassie hat jemanden getroffen, der ihr versprach, sie ins Spiel einzuführen. Sie haben vorgehabt, sich zu treffen.“

„Könnte Zufall sein. Man trifft ständig irgendwelche Leute, Ms. Killian. Sie kommen und gehen, Fremde, die einem täglich über den Weg laufen, die Sachen abliefern, die mit einem reden, wenn man an der Kasse Schlange steht, die etwas aufheben, das einem runtergefallen ist. Aber sie töten nicht.“

„Meistens nicht“, korrigierte sie ihn. „Ihr Computer ist verschwunden, oder nicht? Warum, meinen Sie, ist er weg?“

„Ihr Mörder hat ihn als Trophäe mitgenommen. Oder ihm ist eingefallen, dass er einen benötigt. Oder er ist zur Reparatur.“

„Einige der Spiele werden online durchgeführt. Vielleicht gehört White Rabbit dazu?“

Er schüttelte ihre Hand ab. „Sie übertreiben es, Ms. Killian. Und das wissen Sie.“

„Ich war zehn Jahre bei der Kriminalpolizei …“

„Aber jetzt nicht mehr“, unterbrach er sie. „Sie sind jetzt Zivilistin. Kommen Sie mir nicht in die Quere. Mischen Sie sich nicht in meine Untersuchung ein. Das nächste Mal werde ich Sie nicht mehr so freundlich darum bitten.“

6. KAPITEL

Montag, 28. Februar 2005

11:10 Uhr

Vor Wut schäumend betrat Stacy das Café Noir. Idiotischer, arroganter Aufschneider! Ihrer Erfahrung nach gab es drei Kategorien von schlechten Polizisten. Ganz oben auf der Liste stand der unehrliche Cop. Dann kam der Angepasste. Und dann kam der Aufschneider. Dem ging es nur um sein Image, gelegentlich brachte er durch seine Protzerei sogar die eigenen Kollegen in Gefahr. Er setzte Fälle in den Sand, weil er einzig und allein daran interessiert war, ein gutes Bild abzugeben.

Und sich weigerte, einem Verdacht nachzugehen, den jemand anders geäußert hatte.

Sicher, mehr war es nicht. Nur ein Verdacht. Basierend auf einem Zufall und gutem Gespür.

So viele Jahre hatte sie ihren Instinkten vertraut. Sie würde es nicht zulassen, dass irgendein großspuriger Pistolenheld, der noch grün hinter den Ohren war, diesen Fall versaute. Sie würde sich nicht zurücklehnen und nichts tun, während Cassies Killer frei herumlief.

Stacy atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen, ihre Gedanken von der letzten Begegnung loszureißen und sich auf die nächste zu konzentrieren.

Billie. Sie war sicher völlig am Boden zerstört.

Ihre Freundin stand am Tresen. Mit ihren eins achtzig, den blonden Haaren und dem wunderschönen Gesicht zog sie überall, wo sie auftauchte, die Blicke auf sich. Zudem war sie außerordentlich intelligent und hatte einen ausgesprochen trockenen Humor.

Billie blickte hoch. Sie hatte geweint. Mit ausgestreckten Armen ging Stacy auf sie zu. „Ich bin auch ziemlich fertig.“

Billie ballte die Hände. „Ein Polizist war hier. Ich kann es nicht glauben.“

„Mir geht es genauso.“

„Er hat nach dir gefragt, Stacy. Warum …“

„Ich habe sie gefunden. Und Beth. Und es bei der Polizei gemeldet.“

„Oh, Stacy, wie schrecklich.“

„Erzähl mir, was er gesagt hat.“

Billie winkte ihre Angestellte herüber. „Paula, ich bin jetzt in meinem Büro. Ruf mich, wenn du mich brauchst.“

Die junge Frau sah von einer zur anderen, sie war blass und hatte ebenfalls Tränen in den Augen. Es war nicht zu übersehen, dass Malone sie auch befragt hatte. „Geh nur“, sagte sie mit belegter Stimme. „Keine Sorge, ich hab alles im Griff.“

Billie führte Stacy durch den Vorratsraum in ihr Büro. „Wie geht es dir?“

„Einfach großartig.“ Stacy hörte, wie verärgert sie klang. Am liebsten hätte sie ihre Wut an irgendjemand ausgelassen. Cassie war einer der liebenswürdigsten Menschen gewesen, die sie je kennen gelernt hatte. Sie sah Billie an. „Ich hätte sie retten können.“

„Was? Du konntest doch nicht …“

„Ich war schließlich direkt nebenan. Ich habe eine Waffe, immerhin bin ich mal Polizistin gewesen. Warum habe ich das nicht kommen sehen?“

„Weil du keine Hellseherin bist“, erwiderte Billie leise.

Billie hatte Recht, aber sich Vorwürfe zu machen war einfacher, als sich so hilflos zu fühlen. „Sie hat mir von diesem White Rabbit erzählt. Ich hatte dabei ein komisches Gefühl und sie gebeten, vorsichtig zu sein.“

„Setz dich. Erzähl mir, was vorgefallen ist. Von Anfang an.“

Stacy erzählte alles, und als sie fertig war, sah sie, dass Billie sich nur mit Mühe beherrschten konnte.

„Das ist einfach zu widerlich. Das ist … wer macht denn nur so was? Warum? Cassie ist … “

War.

Vergangenheit.

„Hast du schon mal von dem Spiel gehört, vom White Rabbit?“ fragte sie Billie.

Billie schüttelte den Kopf.

„Ganz sicher nicht?“

„Ganz sicher.“

„Cassie war wirklich begeistert. Sie erzählte von jemandem, der sie und einen erfahrenen Spieler der Gruppe zusammenbringen wollte.“

„Wann?“

„Keine Ahnung. Ich hatte es eilig, ins Seminar zu kommen, und dachte, wir würden uns sowieso später …“ Sie verstummte.

Sehen. Sie hatte gedacht, sie würden sich später sehen.

„Und du meinst, sie hat diese Person getroffen und das könnte was mit ihrem Tod zu tun haben?“

„Das ist möglich. Cassie war so vertrauensselig. Es sähe ihr ähnlich, einen völlig Fremden zu sich mitzunehmen.“

Billie nickte. „Die ganze Geschichte mit dem White Rabbit könnte ein Trick gewesen sein. Diese Person, wer immer das auch ist, wusste womöglich, dass Cassie solche Spiele liebt, und hat das Angebot als Köder benutzt, um in ihr Haus zu kommen.“

„Aber warum?“ Stacy stand auf und begann im Büro hin und her zu gehen. „Offenbar ist Cassie zuerst getötet worden. Und Beth einfach nur, weil sie auch da war. Ich hatte nicht den Eindruck, als wären sie ausgeraubt oder vergewaltigt worden.“

Sie blieb stehen und blickte sich zu Billie um. „Die Polizisten wollten wissen, ob sie einen Computer hatte.“

„Das wurde ich auch gefragt.“

„Was noch?“

„Mit wem Cassie unterwegs war. Ob sie irgendwelche Feinde hatte. Auseinandersetzungen mit irgendjemandem.“

Die üblichen Fragen.

„Hat er nach White Rabbit gefragt?“

„Nein.“

Stacy presste sich die Handballen gegen die Au gen. Ihr Kopf tat höllisch weh. „Ich glaube, sie haben sich nach dem Computer erkundigt, weil sie keinen gefunden haben.“

„Sie hat ihn überall hin mitgenommen. Ich hab sie mal gefragt, ob sie da mit auch ins Bett geht.“ Wieder füllten sich Billies Augen mit Tränen. „Sie hat gelacht und gemeint, ja, das würde sie tun.“

„Genau. Was bedeutet, der Mörder hat ihn mitgenommen. Die Frage stellt sich, warum?“

„Weil er nicht wollte, dass die Polizei etwas darin findet?“ mut maßte Billie. „Irgendwas, das Hinweise auf ihn liefert. Oder auf sie.“

„Das ist meine Theorie. Was mich wieder zu der Person zurückführt, mit der sie sich treffen wollte.“

„Was wirst du machen?“

„Mich umhören. Mit Cassies Spielkollegen reden. Nachforschen, ob sie irgendwas über dieses White-Rabbit-Spiel wissen. Rausfinden, ob es online oder real in Gruppen gespielt wird. Vielleicht hat sie den anderen von dieser Person erzählt.“

„Ich werde mich auch erkundigen. Eine Menge Leute aus den Spielgruppen kommen hierher, irgendjemand muss doch was wissen.“

Stacy griff nach der Hand ihrer Freundin. „Sei vorsichtig, Billie. Wenn du irgendwie ein komisches Gefühl hast, ruf sofort mich oder Detective Malone an. Wir versuchen jemanden zu entlarven, der mindestens zwei Menschen getötet hat. Glaub mir, derjenige würde nicht zögern, noch einmal zuzuschlagen, um sich selbst zu schützen.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Spiel mit dem Tod" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen