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Spiel mit dem Feuer

1. KAPITEL

Glücklicherweise hatte sich Samias Befürchtung, ein Beamter der Ausländerbehörde sei ihr auf den Fersen, als unbegründet herausgestellt: Der Fremde aus dem Auto war niemand anders als Alexander Saalfeld gewesen, der seinen Bruder zum Geburtstag hatte überraschen wollen! Trotzdem fürchtete Samia sich weiterhin vor Barbara von Heidenberg und deren Bösartigkeit.

Und auch Alexander warnte Werner eindringlich vor dieser Frau.

„Bist du sicher, dass du nicht noch mal auf sie reinfällst?“, fragte er Werner unvermittelt.

„Keine Sorge“, erwiderte Werner genervt. „Mit Barbara bin ich fertig. Endgültig.“

„Das will ich hoffen“, sagte Alexander. „Ich brauche dich wohl nicht daran zu erinnern, wie gefährlich diese Frau ist.“

„Sie hat doch gar nichts mehr in der Hand!“, ereiferte sich Werner. „Sie hat alles verloren, was ihr wichtig war: mich und Miriams Geld. Jetzt bleibt ihr nur noch der Rückzug.“ Alexander betrachtete ihn forschend. „Sie ist wie ein zahnloser Hai“, fuhr der Senior fort. „Ab und zu ragt eine Flosse aus dem Wasser. Aber beißen kann sie nicht mehr.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher“, wandte Alexander ein.

„Sag bloß, Charlotte hat dir auch diese Räuberpistole erzählt?“

Alexander nickte.

„Barbara kann man ja viel vorwerfen. Doch dass sie eine Mörderin ist?“ Werner schüttelte den Kopf.

„Ich glaube Mutter. Und ich kann nur hoffen, dass du nicht am eigenen Leib erfahren musst, dass sie recht hat.“

Und noch eine Angelegenheit lag Werner schwer im Magen: Was den Bau der Zufahrtsstraße zum Golfplatz des Hotels anging, sah es schlecht aus. Hildegard Sonnbichler schien es gelungen zu sein, die Mehrheit im Gemeinderat hinter sich zu versammeln. Es stand zu erwarten, dass die Entscheidung in ihrem Sinne ausfallen würde.

„Ich würde alles geben, um die verdammte Straße zu bekommen“, sagte Werner am Telefon zu Bürgermeister Schwarzenbeck.

Dabei bemerkte er nicht, dass Nora Dammann ihn belauschte. Sie hatte ihre Ambitionen auf den Posten des Geschäftsführers noch immer nicht aufgegeben. Schließlich hatte Felix Tarrasch den Job abgelehnt – warum auch immer. Und nun machte sie sich ihre Gedanken …

Robert wollte derweil von Alexander wissen, was er von Viktoria hielt.

Er hatte ihm seine neue Freundin auf der Überraschungsparty voller Stolz vorgestellt.

„Sehr nett“, fand Alexander. „Sehr clever. Sehr süß. Und trotzdem bin ich ein bisschen verwirrt.“ Fragend sah Robert ihn an. „Na ja, als ich weggefahren bin, warst du noch mit Miriam zusammen. Und jetzt springt ihr beide hier mit neuen Partnern herum, als wäre nie was gewesen. Dabei war das mit dir und Miriam doch die große Liebe!“

„Sie war für mich ein wahr gewordener Traum“, gab Robert leise zu. „Und ich möchte am liebsten weggucken, wenn ich sie in Felix’ Armen sehe. Aber mit uns beiden … das ging eben nicht. Es hat nicht gepasst.“ Er seufzte. „Und Viktoria ist wundervoll. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie glücklich ich mit ihr bin.“

Alexander schien davon jedoch nicht überzeugt zu sein.

Kurz darauf stieß Alexander im Gewächshaus auf Miriam.

„Ich habe dir noch gar nicht persönlich zur Hochzeit gratuliert“, sagte er und umarmte sie kurz. „Alles Liebe.“

„Danke“, entgegnete sie und wirkte nicht besonders glücklich dabei.

„Hey, was ist denn los?“, wollte er wissen.

Zögerlich betrachtete Miriam Alexander. Sie hatte tatsächlich etwas auf dem Herzen, aber sollte sie sich Alexander anvertrauen? Sie holte tief Luft. „Warst du dir bei Laura eigentlich immer sicher, dass sie die Richtige ist?“, platzte sie unvermittelt heraus.

„Daran habe ich nicht einen Moment gezweifelt“, antwortete er lächelnd.

„Bei Robert war ich mir auch sicher.“

Bestürzt sah er sie an. „Und bei Felix bist du es nicht?“

„Doch. Eigentlich schon“, erwiderte sie halbherzig. „Aber manchmal frage ich mich, ob ich bei Robert nicht zu früh die Flinte ins Korn geworfen habe.“

„Das klingt, als würdest du die Hochzeit mit Felix bereuen“, bemerkte er. Sie schwieg. „Liebst du ihn denn nicht?“

„Doch. Er ist ein wunderbarer Mensch.“

Alexander nickte. „Und du kannst dich hundertprozentig auf ihn verlassen“, ergänzte er.

„Ja, schon.“ Ihre Miene verriet deutlich, was sie darüber dachte.

„Aber das reicht dir nicht“, vermutete er richtig.

„Unsere Ehe ist so … alltäglich“, gestand sie leise. „Ich habe das Gefühl, irgendwas fehlt. Im Augenblick geht es bei uns ständig nur um das Geld. Um Gütertrennung. Das macht mich ganz krank.“

„Das kann ich verstehen“, entgegnete er.

„Was mir fehlt, ist die Leidenschaft.“

Er wusste nur zu genau, wovon sie sprach. Das alles hatte er selbst auch erlebt. Bevor Laura und er endlich miteinander glücklich werden konnten.

Yordan Zerwenkow, der „Rosenbaron“, dachte indes nicht daran, seinen Traum von dem umstrittenen Waldgrundstück aufzugeben.

An diesem Nachmittag brachte er Hildegard im Bürgerbüro einen großzügigen Scheck vorbei, auf dem der Empfänger noch nicht eingetragen war.

„Sie können jeden Namen eintragen“, sagte er. „Für einen wohltätigen Zweck … wie Sie wollen.“

„Warum stiften Sie das Geld nicht gleich einer sozialen Einrichtung?“, gab Hildegard spitz zurück.

„Weil Sie besser beurteilen können, wer es am nötigsten braucht.“ Damit ging er.

Hildegard starrte überfordert auf den Scheck. Was sollte sie nun damit machen? Schließlich legte sie ihn in die Schublade ihres Schreibtisches und schloss diese sorgfältig ab.

Zu Hause erzählte sie Alfons und Nora empört von Zerwenkows Bestechungsversuch.

„Und was hast du jetzt mit dem Scheck gemacht?“, wollte ihre Nichte wissen.

„Erst mal in meinem Schreibtisch eingeschlossen“, gab Hildegard zur Antwort.

In Nora begann es zu arbeiten.

Und kurz darauf hatte sie einen Entschluss gefasst. Heimlich stahl sie sich aus dem Haus.

„Ich habe etwas, das Sie unbedingt sehen sollten.“

Überrascht blickte Werner Saalfeld Nora an. Er hatte nicht damit gerechnet, Nora Dammann zu so später Stunde im Hotel noch anzutreffen.

Sie zeigte ihm den Scheck. „Den hat Herr Zerwenkow heute meiner Tante gegeben.“

„Der Rosenbaron?“, wunderte sich Werner. „So viel Geld? Aber warum denn?“

„Er will, dass meine Tante im Gemeinderat zu Ihren Gunsten stimmt – und damit r den Bau der Straße.“ Verständnislos hob Werner die Augenbrauen. „Er will auf dem umstrittenen Waldgrundstück Bauland erwerben.“

„Und warum erzählen Sie mir das alles?“

„Herr Zerwenkow hat meiner Tante Geld angeboten, damit sie ein gutes Wort für ihn einlegt, wenn der Straßenbau durch ist.“ Nora betonte jede Silbe.

Ratlos betrachtete er den Scheck. Plötzlich fiel ihm auf, dass der Empfänger noch gar nicht eingetragen war. Und da begriff er endlich, was sie von ihm wollte.

„Wollen Sie damit andeuten … dass Sie dafür sorgen, dass das Geld doch noch auf dem Konto Ihrer Tante landet?“

„Könnte sein“, gab sie nervös zurück.

Er pfiff durch die Zähne. „Wenn das bekannt würde, wäre Frau Sonnbichlers politischer Ruf ruiniert!“

„Und die Abstimmung würde sicher nicht so verlaufen, wie meine Tante es sich wünscht“, ergänzte sie.

„Sie wären tatsächlich dazu bereit, ihr in den Rücken zu fallen?“ Werner war sichtlich fassungslos.

„Ich denke vor allem an die Interessen des ‚Fürstenhofs‘“, bemerkte Nora knapp.

„Und im Gegenzug wollen Sie, dass ich Sie zur Geschäftsführerin mache?“

Sie holte tief Luft. „Sie können mich sofort feuern. Oder ich helfe Ihnen, und Sie befördern mich. Es ist Ihre Entscheidung.“

Mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete Werner sie.

Sosehr sie sich auch zusammenriss – Tanja ertrug es nicht, in Mikes Haus zu wohnen.

Nach der Fehlgeburt und der Trennung von Mike hatte sie kurze Zeit bei den Sonnbichlers gewohnt. Doch nachdem sie sich immer öfter mit Nora stritt, hatte sie die Konsequenzen gezogen, ihre Sachen gepackt und war in Mikes Haus zurückgekehrt.

Aber es funktionierte einfach nicht.

Als Xaver ihren Kummer bemerkte, schlug er ihr kurzerhand vor, zu ihm in die Dachkammer zu ziehen. Felix hatte seine Sachen schon wieder zusammengepackt und wohnte mittlerweile ganz bei Miriam. Und eine Wohngemeinschaft von Page und Zimmermädchen könnte doch ganz lustig werden.

Eigentlich freute sich Tanja über sein Angebot. Doch sie fürchtete, dass Xaver sich womöglich erneut in sie verlieben würde, auch wenn sein Herz im Augenblick für Samia schlug. Schließlich kannte sie die sprunghaften Gefühle ihres Freundes nur allzu gut. Xaver versicherte ihr jedoch hoch und heilig, dass das niemals passieren würde.

Und so verabschiedete Tanja sich ein allerletztes Mal von dem Haus, in dem sie mit Mike so glücklich gewesen war, und schleppte ihre Sachen in die Dachkammer.

Nach der Diplomprüfung, die Miriam vor einigen Tagen erfolgreich bestanden hatte, schlug ihr Professor ihr vor, sich auf eine Assistentenstelle an der Universität zu bewerben.

Die Aussicht auf diese Stelle brachte Miriam ganz durcheinander – immerhin ging es um ihre Zukunft.

„Eine akademische Laufbahn … das wäre schon toll“, sagte sie zu Felix.

Und auch er fand, dass sie in der Wissenschaft sicher gut aufgehoben wäre.

Robert, den Miriam ebenfalls um Rat fragte, sah das allerdings ganz anders. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du an einer Uni versauerst“, erklärte er. „Das passt doch gar nicht zu dir! Du bist der … sinnliche Typ. Dein Platz ist zwischen Blumen und Kräutern!“

„Aber da sehe ich keine Perspektiven für mich“, wandte sie unglücklich ein.

„Überleg doch mal“, forderte Robert sie auf. „Was wäre denn dein Traumberuf? Was wolltest du als Kind immer werden?“

„Als kleines Kind habe ich oft versucht, Barbaras Parfüm zu verbessern“, erzählte sie mit einem versonnenen Lächeln. „Ich wollte die Duftnote optimieren.“

„Wieso machst du dann nicht so etwas?“, schlug er vor.

„Als Parfümeur arbeiten?“

Er nickte. „Du hast doch alle Möglichkeiten! Und ich finde, Träume muss man leben.“

Nachdenklich sah sie ihn an.

Felix war sauer, als er hörte, dass Miriam sich mit Robert besprochen hatte.

„Darf ich nicht mal irgendjemanden um seine Meinung fragen?“, verteidigte sie sich.

„Robert ist nicht irgendjemand, das weißt du genau!“, rief er.

„Bist du jetzt etwa eifersüchtig auf ihn?“

„Na, was denkst du denn?“, erwiderte er aufgewühlt. „Wäre es dir etwa lieber, ich wäre nicht eifersüchtig?“

Sie kam nicht dazu zu antworten. Denn Felix zog sie plötzlich voller Leidenschaft in seine Arme und bedeckte sie mit Küssen …

Später schmiegten sie sich zärtlich aneinander.

„Warum haben wir so viel gestritten in letzter Zeit?“, fragte Felix leise. „Wo wir doch einfach nur hier liegen und glücklich sein sollten?“

„Wenn es das ganze Drumherum nicht gäbe“, seufzte sie.

„Ich liebe dich“, erklärte er ernst. „Das ist wichtiger für mich als alles andere. Wichtiger als mein Job, dein Geld, der Ehevertrag, meine Eifersucht …“

„… die wirklich unbegründet ist“, ergänzte sie lächelnd.

„Wir müssen immer ehrlich zueinander sein“, fand er.

„Keine Lügen, keine Geheimnisse mehr“, erklärte sie und küsste ihn.

Werner verabschiedete sich von Alexander, denn der musste zurück nach Brüssel. Er wollte Laura dort nicht so lange allein lassen.

Der Senior übergab ihm auch die unterschriebenen Scheidungspapiere.

Vielleicht würden Charlotte und er irgendwann wieder normal miteinander reden können, hoffte er. Aber im Augenblick war eine Scheidung wohl tatsächlich das Beste.

Und während Werner Alexanders Taxi nachdenklich hinterhersah, traf zur selben Zeit Hildegard Sonnbichler, die an diesem Morgen bereits im Bürgerbüro saß, beinahe der Schlag. Denn die Morgenzeitung, die Alfons ihr gerade aufgeregt gebracht hatte, titelte:

Kommunalpolitikerin unter Korruptionsverdacht!

Und ein großes Foto von Hildegard prangte unter dieser Schlagzeile.

„Korrupt? Ich?“, rief sie fassungslos. „Das darf nicht wahr sein!“

„Da steht, dass der Scheck von diesem Zerwenkow auf dein Privatkonto eingezahlt wurde“, sagte Alfons nicht weniger erschrocken.

„Aber das muss ein Irrtum sein!“, erwiderte sie. „Ich habe den Scheck doch gar nicht eingereicht!“

„‚Schmiergeldzahlungen an Hildegard Sonnbichler‘“, las Alfons laut vor. „‚Kurz vor der Abstimmung über den Straßenbau deuten alle Hinweise darauf hin, dass die Kommunalpolitikerin bestochen wurde.‘“

„Alle Hinweise deuten darauf hin?“, wiederholte sie empört. „Welche denn? Die haben doch nichts!“ Hektisch suchte sie in der Schublade nach dem Scheck, der ihre Unschuld bewies. Doch zu ihrem grenzenlosen Entsetzen musste sie feststellen, dass er verschwunden war. Und dass auf ihrem Privatkonto die Einzahlung vorgenommen worden war. Hilflos blickte Hildegard Alfons an.

„Irgendjemand hat ihn gestohlen“, erklärte er erschüttert. „Auf dein Konto eingezahlt und eine Kopie der Presse zugespielt.“

Aber wer machte denn so was?

Nora überkam das schlechte Gewissen, als sie die Verzweiflung ihrer Tante bemerkte.

Hildegards Parteigenossen hatten ihr nahegelegt, zur Abstimmung über den Straßenbau besser gar nicht zu erscheinen – keiner schien ihren Unschuldsbeteuerungen Glauben zu schenken.

Aber wenn sie nicht an der Sitzung teilnahm, würde das wie ein Schuldeingeständnis wirken, überlegte Hildegard. Es würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als zu beweisen, dass sie sich nicht hatte bestechen lassen.

Auch Alfons dachte fieberhaft darüber nach, wer hinter dieser Sauerei stecken konnte.

„Wem nützt der Straßenbau am meisten?“, fragte er.

„Werner Saalfeld natürlich“, antwortete seine Frau wie aus der Pistole geschossen.

Nur Nora wollte das nicht einsehen und versuchte, Hildegard davon abzubringen, den Senior zur Rede zu stellen. Natürlich vergeblich.

Barbara ging unterdessen grinsend auf Werner Saalfeld zu.

„Glückwunsch“, sagte sie. „Zu diesem köstlichen Artikel über die dunklen Machenschaften deiner umtriebigen Köchin. Nach diesem Coup ist der Bau der Straße so gut wie beschlossen.“

„Damit habe ich nichts zu tun“, wehrte Werner ab.

„Du musst es mir nicht verraten“, entgegnete sie von oben herab. „Dieser ganze Provinzzirkus interessiert mich ohnehin nicht mehr.“

„Hast du schon einen Käufer für diese bulgarischen Rosenfelder gefunden?“, fragte er mit ehrlichem Interesse.

„Ja, sieht gut aus. Und wenn der Deal klappt, bin ich hier endlich weg.“

Die Vorstellung, dass nun auch sie den „Fürstenhof“ verlassen würde, berührte Werner mehr, als ihm lieb war. „Alle gehen“, seufzte er unvermittelt.

Barbara hob die Augenbrauen. „Wirst du etwa sentimental?“, spottete sie.

„Keine Sorge.“ Er riss sich zusammen. „Viel Erfolg bei deinem Geschäft!“ Damit ging er, und Barbara blickte ihm mit einem feinen Lächeln auf den Lippen hinterher.

Tatsächlich liefen die Verhandlungen über den Verkauf der Rosenfelder gut.

Barbara von Heidenberg wollte nur noch ein bisschen abwarten, um den Preis weiter in die Höhe treiben zu können.

Doch Zerwenkow mahnte sie zur Eile. „Ich würde gerne möglichst schnell abschließen“, erklärte er. „Ich bin nun mal ein Freund schneller Entscheidungen.“

Barbara lächelte ihm zu und nickte – insgeheim jedoch beschloss sie, ihrer eigenen Taktik zu folgen …

In der Küche des „Fürstenhofs“ war Robert inzwischen dabei, eine neue Sauce zu kreieren.

Irgendetwas an dem Geschmack stimmte noch nicht, doch er kam einfach nicht darauf, was fehlte.

Viktoria, die er gebeten hatte, zu kosten, konnte ihm auch nicht weiterhelfen.

Erst Miriam öffnete ihm die Augen, nachdem sie einen Löffel probiert hatte.

„Es fehlt nichts“, erklärte sie und lächelte. „Es ist etwas zu viel drin, nicht zu wenig. Der Salbei übertönt den Kerbel.“

Robert schlug sich nun mit der flachen Hand vor die Stirn. „Da hätte ich ja wirklich selbst drauf kommen müssen“, stöhnte er. Ihr feiner Geschmackssinn verblüffte ihn jedes Mal von Neuem.

Und jetzt hatte sie noch eine Überraschung für ihn.

„Ich werde mich übrigens nicht auf die Stelle an der Uni bewerben“, erklärte sie. „Weil ich tatsächlich gern ein Parfüm kreieren würde.“ Unsicher wartete sie auf eine Reaktion. „Findest du das vermessen?“

Ein strahlendes Lächeln erschien auf Roberts Gesicht, als er energisch den Kopf schüttelte. „Wieso bist du nicht schon viel früher auf diese Idee gekommen?“, wunderte er sich. „Es liegt so nahe: du, die Blumen, deine feine Nase, dein Gespür, deine Kenntnisse über Botanik, deine Sinnlichkeit …“

„Jetzt werde ich aber rot“, unterbrach sie ihn.

„Jedes Wort war ernst gemeint“, beteuerte er.

„Ich habe Angst, dass ich mich überschätze“, räumte sie ein. „Am Ende ist das alles nur eine Schnapsidee …“

„Es ist vor allem eine Herausforderung“, hielt er dagegen. „Vermutlich die größte in deinem bisherigen Leben. Aber ich glaube an dich.“

Dankbar lächelte sie ihn an.

Nachdem Miriam Robert alles über ihre Pläne erzählt hatte, machte sie gleich bei Werner Saalfeld weiter. Und auch der Senior unterstützte sie begeistert in dem Vorhaben, als Parfümeurin zu arbeiten.

2. KAPITEL

Hildegard war der Abstimmung über den Straßenbau tatsächlich ferngeblieben.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich kurz darauf die Nachricht, dass die Zufahrtsstraße zum Golfplatz nun doch gebaut werden würde.

Jetzt kannte die Portiersfrau kein Halten mehr.

Sie haben sich den Scheck besorgt und ihn auf mein Konto eingezahlt!“, beschuldigte sie Werner Saalfeld, in dessen Büro sie ohne anzuklopfen gestürmt war.

„Unsinn“, behauptete Werner. „Ich habe mit der Sache nichts zu tun.“

Sie glaubte ihm keine Sekunde. „Charlotte Saalfeld hat das einzig Richtige getan, als sie Sie verlassen hat“, platzte sie wütend heraus.

Das war zu viel. Stumm wies Werner ihr die Tür.

Aber Hildegard war noch nicht fertig. „Sie sollten mal über sich und Ihre Zukunft nachdenken“, zischte sie außer sich vor Zorn. „Macht ist nämlich nicht alles im Leben. Und was man austeilt, bekommt man eines Tages auch zurück.“ Damit rauschte sie hocherhobenen Hauptes aus dem Büro.

Nach diesen Worten fühlte sich der Senior unbehaglich.

Dennoch musste er sein Versprechen gegenüber Nora Dammann einhalten – die Straße wurde gebaut, also wurde sie zur neuen Geschäftsführerin des „Fürstenhofs“ befördert.

Als Tanja davon erfuhr, reagierte sie entsetzt. Seit sie bei den Sonnbichlers unter einem Dach gewohnt hatten, kam sie mit Nora überhaupt nicht mehr zurecht. Und jetzt konnte sie sich sicher auf eine Menge Schikanen gefasst machen, fürchtete das Zimmermädchen …

Barbara hatte sich derweil mit kühlen Worten von Miriam verabschiedet.

Der Geschäftsabschluss über die bulgarischen Rosenfelder stand kurz bevor, und mit ihrer Provision gedachte sie, sich woanders niederzulassen.

Miriam wurde leichter ums Herz, wenn sie sich vorstellte, Barbara in Zukunft nicht mehr sehen zu müssen.

Aber beide Frauen hatten ihre Rechnung ohne Werner Saalfeld gemacht!

Dem Senior ging es nicht mehr aus dem Kopf, dass seine ehemalige Geliebte das Hotel verlassen wollte. Er konnte einfach nicht ohne eine Frau an seiner Seite sein. Und nun, nachdem Charlotte ihn endgültig verlassen hatte …

Miriams Plan, als Parfümeurin arbeiten zu wollen, hatte ihn auf eine Idee gebracht.

Kurzerhand fühlte er bei ihr vor, ob sie vielleicht Interesse an dem Erwerb von Rosenfeldern hätte.

Sie hatte.

Werner bestellte Zerwenkow in sein Büro und unterbreitete ihm ein Angebot.

Und der Bulgare akzeptierte.

Am Tag darauf wartete Barbara in der Hotellobby vergeblich auf ihren Geschäftspartner Zerwenkow.

„Darf ich dich auf einen Drink einladen?“, fragte Werner, der sie amüsiert beobachtet hatte. „Du wirst ihn brauchen.“

„Nein danke“, zischte Barbara und gab ihm ein unmissverständliches Zeichen, zu verschwinden.

Werner ignorierte das jedoch. „Zerwenkow unterschreibt gerade die Verträge“, sagte er lächelnd.

„Quatsch!“, erwiderte sie gereizt. „Er kennt den Käufer gar nicht persönlich. Der Kontakt lief nur über mich.“

„Ich habe ihm einen neuen Kontakt gemacht“, erklärte er, als sei das das Selbstverständlichste von der Welt.

Sie erstarrte. „Du hast was?

„Ich fürchte, aus deiner Provision wird nichts.“ Der Triumph stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Wie es aussieht, wirst du uns noch eine Weile erhalten bleiben. Herr Zerwenkow wird dir jedenfalls keinen Cent zahlen.“ Sprachlos sah sie ihn an. „Ein Makler erhält seine Provision nämlich nur dann, wenn er das Geschäft zum Abschluss gebracht hat. Und da dies nicht der Fall ist …“

Du hast hinter meinem Rücken mit Zerwenkow verhandelt?“ Sie rang nach Luft.

„Ich habe ihm lediglich einen Tipp gegeben“, behauptete Werner unschuldig. „Kann ich ahnen, dass er gleich Nägel mit Köpfen macht? Das sind nun mal die Gesetze der freien Wirtschaft …“

„Damit kommst du nicht durch! Das schwöre ich dir!“ Zornig funkelte sie ihn an. „Die Provision gehört mir. Nie im Leben verkauft Zerwenkow über dich.“

„Ich bin gespannt, wie du das anstellen willst.“ Demonstrativ blickte Werner zur Uhr. „Ich habe dir doch gesagt, dass er in diesem Moment die Verträge unterschreibt. Beziehungsweise unterschrieben hat.“

Sie musterte ihn plötzlich aufmerksam. „Du willst mit dem Deal doch nur eins erreichen: dass ich hierbleibe.“

Damit hatte sie zwar den Nagel auf den Kopf getroffen, doch der Senior ließ sich nichts anmerken. „Wenn du das so interpretieren möchtest …“, sagte er nur. „Aber wer hat mir denn ständig seine bevorstehende Abreise nach Bulgarien unter die Nase gerieben?“ Sie reagierte nicht. „Mach dir nichts vor, Barbara“, fuhr er fort. „Du wolltest, dass ich dein kleines Balkan-Abenteuer verhindere. Und nichts anderes habe ich getan. Zerreiß also dein Ticket nach Sofia …“

„Einen Teufel werde ich …“, fauchte sie.

„… oder lass es auf Miriams Namen umbuchen. Sie wird sich ihre neuen Besitztümer bestimmt gerne anschauen wollen.“

Barbara von Heidenberg starrte Werner fassungslos an. „Du … du meinst …“, stammelte sie.

„Genau“, erwiderte er strahlend. „Miriam ist die Käuferin.“

„So weit kommt es noch!“ Schäumend vor Wut rauschte sie davon.

Viktoria hielt wenig von Miriams Idee, Rosenfelder in Bulgarien zu kaufen. Aber da Miriam fest entschlossen war, blieb ihr nichts anderes übrig, als den Deal perfekt zu machen. Zerwenkow wirkte sehr zufrieden, als die Verträge unterschrieben waren. Und Miriam strahlte – jetzt konnte es mit der Parfümherstellung losgehen!

„Ich will ja nichts sagen, aber meinst du nicht, dass du gerade das Pferd von hinten aufzäumst?“, gab Viktoria skeptisch zu bedenken. „Kauf doch erst mal eine Beteiligung an einem Kosmetikkonzern. Dann kannst du später immer noch deine Duftlinie lancieren.“

„Darum geht es doch gar nicht!“, beharrte ihre Freundin. „Ich will keine Aktien horten – ich will meinen Traum verwirklichen. Arbeiten, kreativ sein. Was Eigenes machen.“

„Mit zig Millionen Rosen in Bulgarien?“

„Ja, genau!“ Miriam war sich ihrer Sache ganz sicher.

In dem Moment klopfte es an der Tür.

Als Miriam öffnete, stand sie ihrer wutschäumenden Stiefmutter gegenüber.

„Ich dachte, du bist schon abgereist“, wunderte sie sich.

„Wäre ich auch gerne“, giftete Barbara. „Aber das hast du ja nun verhindert.“

Miriam verstand die Welt nicht mehr.

„Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?“, tobte Barbara weiter. „Du kannst doch nicht einfach mit meinem Klienten Verträge machen! Mit Yordan Zerwenkow!“

„Das verstehe ich jetzt nicht ganz“, erwiderte ihre Stieftochter verwirrt.

Ich war mit dem Verkauf seiner Rosenfelder beauftragt!“

Nun begriff Miriam endlich, was los war. Trotzdem fühlte sie sich unschuldig.

„Das habe ich nicht gewusst“, entgegnete sie nur. „Und die Felder habe ich gekauft, weil ich sie haben wollte.“

„Als wenn du etwas damit anfangen könntest“, höhnte Barbara.

„Das kann ich sehr wohl. Ich brauche sie nämlich für meine Arbeit.“

Und das war Miriams letztes Wort in dieser Angelegenheit.

Schließlich war sie schon viel zu oft auf Barbara reingefallen. Die Rosenfelder gehörten ihr – und diesmal würde sie hart bleiben. Es fühlte sich sogar richtig gut an, wenn man nicht ständig versuchte, es allen recht zu machen. Das hier war ihr eigenes Leben! Und da würde sie sich nicht mehr reinreden lassen. Von niemandem! Selbst Viktoria würde noch merken, dass das mit dem Parfüm eine gute Idee war. Warum traute ihre Freundin ihr eigentlich nicht zu, dass sie selbst etwas auf die Beine stellen konnte? Robert hatte da ganz anders reagiert. Er war sofort begeistert gewesen und hatte ihr Mut gemacht …

„Warum erfahre ich erst jetzt davon?“, fragte Felix, nachdem er gehört hatte, dass Miriam innerhalb kürzester Zeit zur Besitzerin von bulgarischen Rosenfeldern geworden war.

„Ich wollte es dir nicht zwischen Tür und Angel im Restaurant erzählen“, rechtfertigte sie sich. „Dafür ist es mir einfach zu wichtig.“

Er musste die neuen Informationen erst einmal verdauen, hielt es dann aber für eine gute Sache, wenn Miriam sich etwas suchte, das ihr Spaß machte.

Doch genau das hatte Miriam auf gar keinen Fall hören wollen.

„Klar“, erwiderte sie gekränkt. „Ich bin eine stinkreiche, gelangweilte Erbin, die eine Beschäftigungstherapie braucht.“

„Das habe ich doch gar nicht gesagt!“, wehrte er sich.

„Aber gedacht.“

Die Stimmung zwischen ihnen war auf einmal frostig geworden.

„Ich will mir einfach etwas Eigenes aufbauen“, beharrte sie. „In das ich Kreativität reinstecken kann. Und Leidenschaft …“

„Und Geld“, ergänzte er trocken.

„Ja, auch Geld“, bestätigte sie genervt. „Ich dachte, du verstehst das. Du machst dich doch auch selbstständig mit dem ‚Colosseum‘.“

„Natürlich verstehe ich das“, widersprach er und versuchte, seiner Stimme einen freundlicheren Klang zu verleihen. Doch es gelang ihm nicht ganz. Miriam fühlte sich von ihm vollkommen unverstanden.

Und vielleicht lag sie damit nicht ganz falsch – denn Felix war im Augenblick mit anderen Dingen beschäftigt …

Der Banktermin, bei dem über seinen Kredit entschieden würde, stand kurz bevor. Er war nervös, aber eigentlich konnte er sich nicht vorstellen, dass man ihm das Darlehen über sechzigtausend Euro nicht gewähren würde.

Aber seine Hoffnungen wurden jäh zerschlagen.

Seine Bank hielt ihn nicht für kreditwürdig, gestand er seiner Schwester, nachdem er mit hängendem Kopf ins Hotel zurückgekehrt war. Das mit dem „Colosseum“ konnte er nun definitiv vergessen.

Miriam experimentierte derweil mit verschiedenen Düften herum.

Robert hatte sie mit dem passenden Geschenk überrascht: Er hatte in München ein Kästchen mit der Grundausstattung aufgetrieben, die eine Parfümeurin für ihre Arbeit brauchte. Gerührt hatte sie sich bedankt.

Die Atmosphäre zwischen den beiden wurde immer inniger.

Nun traute Miriam sich kaum, Felix zu erzählen, woher sie all die Aromen, den Glaskolben und die Pipette hatte.

Doch schließlich fasste sie sich ein Herz und sprach mit ihm darüber – und er reagierte so gereizt, wie sie erwartet hatte. Miriam seufzte leise.

„Aber jetzt sag doch mal“, versuchte sie abzulenken. „Wie ist es bei der Bank gelaufen?“

Felix schluckte. „Bestens!“, log er nach einem kurzen Zögern.

Glücklich fiel sie ihm um den Hals. „Ich wusste es!“, jubelte sie. „Und ich freue mich so für dich.“

Sein gequältes Lächeln bemerkte sie nicht.

Hildegard kämpfte unterdessen weiterhin um ihren guten Ruf.

Sie musste herausfinden, wer den Scheck gestohlen und in ihrem Namen bei der Bank eingezahlt hatte. Dafür benötigte sie Schriftproben. Ein Graphologe sollte sie mit der gefälschten Unterschrift unter dem Scheck vergleichen, von dem die Bank ihr mittlerweile eine Kopie zugeschickt hatte. Doch selbst als es ihr gelungen war, den beiden „Hauptverdächtigen“ Werner Saalfeld und Barbara von Heidenberg eine Schriftprobe zu entlocken, konnte der Experte keine Übereinstimmung mit der Unterschrift auf dem Scheck feststellen.

Hildegard wusste nicht mehr ein noch aus. Ihre Parteigenossen hatten ihr mittlerweile den Rücktritt nahegelegt, auf der Straße wurde sie von Bekannten geschnitten, und selbst Johann hatte verlauten lassen, dass er nicht felsenfest von ihrer Unschuld überzeugt wäre. Nachdem Alfons das gehört hatte, hatte er einen Wutanfall bekommen und Gruber die Freundschaft gekündigt.

Langsam wuchs sich das Ganze zu einer Katastrophe aus …

Was Alfons seiner Frau nicht gesagt hatte, war, dass er noch jemanden im Verdacht hatte, den Scheck gestohlen zu haben. Nora. Seine Nichte. Ihm hatte es nie gefallen, mit welchem Ehrgeiz sie sich um eine schnelle Karriere im Hotel bemüht hatte. Und die Bewunderung, die sie offensichtlich für den Senior empfand, behagte ihm auch nicht. Ob sie ein so falsches Spiel trieb, nur um nach oben zu kommen? Immerhin war sie jetzt zur Geschäftsführerin befördert worden.

Und Nora quälte ihr schlechtes Gewissen jeden Tag mehr.

„Ich habe meine Tante noch nie so traurig gesehen“, gab sie dem Senior gegenüber zu.

„Das heißt also, sie hat keinen Schuldigen?“, wollte er wissen.

„Nein. Sie ahnt nicht, dass ich es war.“

„Das sind doch gute Neuigkeiten“, fand er.

Doch Nora schüttelte unglücklich den Kopf. „Sie sollten sie mal sehen“, sagte sie leise. „Hildegard ist mit den Nerven am Ende. Und ich bin schuld daran.“

„Darüber hätten Sie früher nachdenken sollen“, entgegnete er ungerührt. „Es war Ihre Idee. Und Sie haben dafür bekommen, was Sie wollten. Also!“

„Ja, ich weiß“, seufzte sie kleinlaut.

„Jede Karriere hat ihren Preis“, stellte er fest. „Und dieser Preis zahlt sich leichter, wenn man die Gefühle aus dem Spiel lässt.“

Nora hatte von dem Versuch ihrer Tante, den Schuldigen anhand einer Schriftprobe zu überführen, erfahren.

Als Xaver sie nun bat, einen Lieferschein abzuzeichnen, zögerte sie. Sie wusste, dass ihr Onkel sie ganz genau beobachtete. Doch es nützte nichts – als Geschäftsführerin konnte sie sich schließlich nicht weigern, die Unterschrift zu leisten.

Alfons, der ihr merkwürdiges Verhalten mitbekommen hatte, ließ sich von Xaver den Lieferschein zeigen und zählte eins und eins zusammen.

Du steckst hinter der Sache mit dem vermaledeiten Scheck“, stellte er fest, und die Kälte in seiner Stimme ließ Nora erschaudern. „Du hast Hildegards Unterschrift gefälscht und den Scheck auf ihr Konto eingezahlt.“

„Das ist doch absurd“, erwiderte sie erschrocken. „Warum sollte ich so was tun?“

„Das will ich von dir wissen“, verlangte ihr Onkel streng. „Also: Warst du es?“

„Nein!“

„Ich bin gespannt, was der Graphologe sagen wird“, erklärte er ruhig. „Ich werde deine Unterschrift mit der auf dem Scheck vergleichen lassen.“

Sie schwieg. Angst stieg in ihr hoch.

Alfons gab ihr eine letzte Chance, von selbst die Wahrheit zu bekennen. „Noch mal: Warst du es?“ Nora presste die Lippen aufeinander.

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