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Spiel mit dem Feuer

1. KAPITEL

„Du hast so ein Glück!“, rief Maria, während sie den Boxsack festhielt.

Einzelne rote Haarsträhnen hatten sich aus Lydias Frisur gelöst und wirbelten ihr um den Kopf, als sie einen gezielten Schlag ausführte.

„Komm, noch einmal mit mehr Kraft!“, feuerte Maria sie an.

„Nein, ich glaube, mir reicht es“, winkte Lydia atemlos ab und nahm die Fäuste herunter. „Außerdem finde ich die Aussicht deprimierend, die nächsten paar Tage hier festzusitzen. In den letzten Wochen hatte ich kein einziges Mal frei.“

Obwohl sie den Fitnessraum für sich hatten, sprach Lydia leise, damit niemand sie belauschen konnte. Sie zog die Boxhandschuhe aus und drehte den Wasserhahn auf, sodass das Geräusch des fließenden Wassers ihre Stimme übertönte.

„Ich weiß gar nicht, was du hast! Alessandro Santini zu beschützen ist doch ein absoluter Traumjob.“ Maria verdrehte die Augen. „Ich darf nur seiner persönlichen Assistentin helfen. Ach, warum kann ich nicht einmal das große Los ziehen? Einen reichen und wahnsinnig attraktiven Mann wie Santini zu bewachen ist doch fast wie Urlaub.“

Vielsagend sah Lydia ihre Kollegin an und spielte mit einer ihrer tizianroten Locken. „Du müsstest nur italienisch sprechen, dann könnten wir tauschen.“

„Ich würde mir sofort die Haare färben, wenn ich dafür das Schlafzimmer mit Alessandro Santini teilen dürfte.“ Maria lachte leise. „Ich kann noch immer nicht glauben, dass ausgerechnet du seine Freundin spielen sollst.“

Bei jedem anderen hätte es gehässig geklungen, doch Lydia konnte es Maria nicht übel nehmen – vor allem, weil sie recht hatte. Lydia verstand selbst nicht, weshalb sie die Rolle der Geliebten von Alessandro Santini übernehmen sollte.

Santini hatte ein Faible für zierliche Frauen mit perfektem Styling und zurückhaltendem Auftreten. Dass sie mit ihrer Größe, der schlanken durchtrainierten Figur und den unbändigen Locken diesem Bild überhaupt nicht entsprach, wusste Lydia nur zu gut. Am liebsten trug sie Jeans und T-Shirts, und als Polizistin musste sie sich selbstbewusst geben. Sie drückte sich zwar nicht so unverblümt aus wie einige ihrer Kollegen, sagte aber immer ihre Meinung.

„Warum runzelst du denn die Stirn?“, fragte Maria. „Wir sind hier in einem der besten Hotels von ganz Melbourne und können es uns gut gehen lassen …“

Lydia warf ihr einen warnenden Blick zu. Daraufhin drehte ihre Freundin sich um und beobachtete durch die Glastür einen Mann, der gerade zum Swimmingpool ging. „Lust auf Sauna?“, wechselte Maria sogleich das Thema.

Eigentlich wollte Lydia ablehnen. Doch die Sauna war der einzige Ort im ganzen Hotelkomplex, in dem sich die Polizisten des Einsatzkommandos ungestört über ihren Auftrag unterhalten konnten. Deshalb lenkte sie ein.

In weiße Badetücher gehüllt, setzten sie sich kurze Zeit später auf eine Holzbank.

„Wie ist Angelina denn so?“, fragte Lydia.

„Sehr effizient – und äußerst gesprächig. Ist es nicht unglaublich, dass Santinis Team vorausreist, um sicherzustellen, dass alles nach seinen Wünschen verläuft?“

„Wir können von Glück reden, dass sie das tun. Angelinas Aufmerksamkeit haben wir zu verdanken, dass wir überhaupt von der Gefahr erfahren haben, in der er sich befindet“, erwiderte Lydia.

„Sicher, aber ein Blumenstrauß, der vor Santinis Ankunft ins Hotel geschickt wurde“, gab Maria zu bedenken, „könnte genauso gut von einer alten Freundin sein.“

„Das bezweifele ich“, widersprach Lydia. „Immerhin ist Santini schon zweimal in lebensgefährliche Situationen geraten. Beide Male bekam er im Vorfeld von einem Unbekannten Blumen. Meiner Meinung nach ist das kein Zufall. Und dann sind da noch die Drohanrufe. Stell dir nur die negativen Schlagzeilen vor, wenn ihm etwas passiert.“

„Kann schon sein.“ Maria zuckte die Schultern. „Es kommt mir nur etwas übertrieben vor, verdeckte Ermittler als Personenschützer einzusetzen. Sogar Inspektor Bates ist im Einsatz und muss sich als Barkeeper ausgeben.“

„Santini will hier viel Geld investieren. Natürlich setzt die Polizei alles daran, ihn zu schützen.“

Maria machte einen aromatischen Aufguss. Im Gegensatz zu Lydia ließ sie das Thema Arbeit nur zu gern fallen. „Ist es nicht wunderbar hier? Nach diesem Einsatz werden wir uns wie neugeboren fühlen. Merkst du schon, wie sich deine Haut erholt?“

„Vor allem merke ich, wie mein Haar sich lockt“, erwiderte Lydia trocken. Unvermittelt bekam sie einen Kloß im Hals. Wenn man ihr nur nicht ansehen würde, wie niedergeschlagen sie sich fühlte. Für einen Moment barg Lydia ihr Gesicht im Handtuch und atmete tief durch. „Ein paar freie Tage hätten mir wirklich gutgetan. Ich muss ein paar Dinge erledigen.“

Die traurige Stimme ihrer sonst so selbstsicheren und fröhlichen Kollegin ließ Maria aufhorchen. „Was ist los?“, fragte sie sanft. „Geht es um Graham?“

Lydia sah auf und nickte langsam. „Wir haben uns getrennt.“

Bestürzt schlug Maria sich die Hand vor den Mund. „Aber ihr beide habt so glücklich gewirkt.“

„Das waren wir auch. Zumindest solange ich nicht von der Arbeit geredet habe.“ Lydia schüttelte nachdenklich den Kopf. „Aber in einem Job wie unserem bleibt nur wenig Raum für Freizeit. Dabei dachte ich, Graham wäre anders. Als Polizist müsste er doch verstehen, dass ich ihn am Ende eines langen Arbeitstages nicht in einem sexy Abendkleid erwarte.“

„Er hat dich doch angebetet“, wandte Maria ein, „so, wie du bist.“

„Ja, das glaubte ich auch. Aber in den letzten Wochen war er so seltsam. Während ich mit dieser Drogenrazzia beschäftigt war, hat er mich aus den lächerlichsten Gründen angerufen …“

„Er hat sich Sorgen gemacht. Und mir ging es genauso. Der Einsatz war wirklich riskant, Lydia.“

„Aber du hast mich nicht jede Stunde angerufen“, stellte Lydia klar. „Und als wir neulich zu seiner Mutter zum Abendessen eingeladen waren, hat er mich gebeten, mich ein bisschen zurechtzumachen.“

„Wie bitte?“

„Es ist ja nicht so, dass ich in Jeans oder im Trainingsanzug gehen wollte. Eigentlich hatte ich vor, ein schwarzes Kostüm anzuziehen. Außerdem betonte er, dass wir bei seiner Mutter bitte nicht über die Arbeit reden …“

„Lydia, unser Job ist gefährlich. Wir sehen schlimme Dinge – es ist für jeden Mann schwierig, damit zurechtzukommen. Mein Vater und meine Brüder hassen meinen Beruf –und sie haben keine Ahnung, was es bedeutet, Polizistin zu sein.“ Maria drückte mitfühlend die Hand der Freundin. „Hat er Schluss gemacht oder du?“

„Ich“, sagte Lydia und erklärte nach kurzem Zögern leise: „Weißt du, vielleicht werde ich befördert.“

Maria sah sie im ersten Moment überrascht an und strahlte dann über das ganze Gesicht. „Eine Beförderung zu Inspektor Lydia Holmes!“

„Es ist noch nicht sicher“, bremste Lydia die Begeisterung der Freundin. „Aber Graham kam dahinter, und plötzlich fanden unsere Streitereien kein Ende mehr.“

„Ist er eifersüchtig?“

Lydia lachte freudlos auf. „Angeblich macht er sich nur Sorgen um mich. Er könne sich nicht vorstellen, eine Polizistin zu heiraten. Er …“

„Einen Moment. Es geht hier also um eine Beförderung und eine Verlobung.“

„Eine Beförderung oder eine Verlobung“, korrigierte Lydia. „Beides zusammen ist offenbar nicht möglich.“ Ihr Beruf wirkte zwar auf viele Männer anziehend, meist blieb es aber nur bei kurzen Affären. Wenn es ums Heiraten ging, wollten die meisten keine Frau, die ihr Leben täglich aufs Spiel setzte. Sogar Graham war der Ansicht.

„Oh, Lydia“, sagte Maria und sah sie anteilnehmend an. „Es tut mir so leid für dich. Hoffentlich bekommst du wenigstens die Beförderung. Sonst wäre es ja alles um…“

„Eigentlich spielt das keine Rolle“, erwiderte Lydia bestimmt. „Zwischen Graham und mir hat es nicht geklappt. Wenn er mich nicht so akzeptieren kann, wie ich bin, soll es eben nicht sein.“ Sie wollte nicht länger Trübsal blasen.

„Immerhin kannst du dich stilvoll trösten“, sagte Maria, um sie aufzuheitern. „Du lässt dich im Schönheitssalon verwöhnen und darfst dich auch noch um Alessandro Santini kümmern. Und wer weiß, was sich ergibt …“

„Daran ist Alessandro Santini sicher nicht interessiert“, sagte Lydia und lächelte erleichtert. Sie war froh, dass sie sich ihrer Freundin anvertraut hatte. „Wenn du wüsstest, was ich gestern über ihn gelesen habe! Er war wohl schon immer ein Lebemann, aber im letzten Jahr hatte er auffallend häufig eine neue Partnerin. Seine Exfreundinnen zählen zu den schönsten Frauen der Welt: Schauspielerinnen, europäischer Adel, Spielerfrauen …“

„Irgendjemand dabei, den ich kenne?“

„Bestimmt“, sagte Lydia. „Es ging jedenfalls immer tränenreich zu Ende – zumindest für die Damen.“

„Ist er wirklich so schlimm?“

„Schlimmer. Und ich soll ihn beschützen.“ Lydia hob scherzhaft den Zeigefinger. „Ich hoffe, er benimmt sich.“

„Wenn nicht, übernehme ich das gerne für dich – ich werde schon mit ihm fertig.“

„Ehrlich gesagt, du wärst sicher geeigneter als ich.“

„Soll das vielleicht ein Kompliment sein“, fragte Maria in gespielter Entrüstung. „Nur weil ich einmal mit Botox …“

„Ich will damit sagen, dass du zum Flirten geboren bist!“, meinte Lydia lachend. „Du bist so wunderbar, dass sich niemand wundern würde, wenn Alessandro Santini sich für dich interessiert. Ich werde dagegen an seiner Seite völlig fehl am Platz wirken.“

„Ganz im Gegenteil“, widersprach Maria. „Du siehst fantastisch aus und wirst eine wunderbare Zeit haben. Wie soll ich das sagen? Angelina ist weit über sechzig und nicht gerade schlank. Man sollte meinen, ein so gut aussehender Mann wie Alessandro sucht sich eine attraktive Assistentin. Aber wahrscheinlich wird er so nicht von seinen Geschäften abgelenkt …“

„Du bist unmöglich“, lachte Lydia. „Denk dran, wir sind zum Arbeiten hier.“

„Ich weiß. Mir wird es jetzt langsam zu heiß.“ Maria stand auf. „Damit wir unsere Aufgabe überzeugend meistern, sollten wir nachher den Schönheitssalon aufsuchen. Ich muss wie eine schicke italienische Geschäftsfrau wirken. Und du, Lydia Holmes … Wenn sie dich von einer Polizistin in eine unglaublich reiche Juwelenhändlerin verwandeln, wirst du dich wie in einer dieser Shows im Fernsehen fühlen.“

„Eine unglaublich reiche und elegant gekleidete Juwelenhändlerin“, korrigierte Lydia trocken.

„Graham wird sich jedenfalls zu Tode ärgern, wenn er sieht, was für eine Schönheit in dir steckt.“

„Wie bitte?“, fragte Lydia irritiert, doch Maria ging nicht darauf ein.

Sie sah auf ihre Uhr und verzog das Gesicht. „Ich gehe besser auf mein Zimmer – und du solltest dich auf den Weg zum Flughafen machen. Santinis Flugzeug landet bald.“

„Graham und John holen ihn am Zoll ab, um ihn über das mögliche Sicherheitsrisiko zu informieren und zum Hotel zu eskortieren.“

„Und wann triffst du ihn dann?“

„Im Restaurant. Unser erstes Treffen muss zufällig wirken. Geplant ist, dass ich versehentlich einen Drink über ihn verschütte. Den Verantwortlichen fällt offenbar nichts Originelleres ein. Ich werde auschecken, doch weil Santini mich gleich so umwerfend findet, nimmt er mich sofort mit auf seine Suite …“ Lydia unterdrückte ein Lächeln. „Offenbar macht er so etwas öfter. Ich werde mir wie ein Dummkopf vorkommen.“

„Aber wie ein ausgesprochen attraktiver. Ich bin schon ganz neugierig. Aber jetzt muss ich duschen und gehe dann in die Lobby. Kommst du mit?“

„Nein, ich schwimme noch eine Runde und versuche, mich etwas zu entspannen.“

„Alles in Ordnung?“

„Mir geht’s gut.“ Sie lächelte bestätigend und sah der Freundin nach, bis sie gegangen war.

Erst als Lydia allein war, rieb sie sich missmutig die Stirn und versuchte, sich innerlich für die Aufgabe der nächsten Tage zu wappnen. Lydia musste eine wichtige Person schützen – ihre eigenen Probleme mussten vorerst warten.

Schließlich wurde es auch ihr zu heiß, und sie verließ die Sauna. Das eiskalte Wasser im Abkühlbecken wirkte nicht verlockend. Deshalb wollte Lydia sich im etwas wärmeren Swimmingpool abkühlen.

Sie duschte sich kurz und zog in einer Umkleidekabine ihren dunkelblauen Badeanzug an, den sie normalerweise bei ihrem täglichen Schwimmtraining trug. Wenn ich als Alessandro Santinis Geliebte glaubwürdig wirken will, sollte ich mir in der Hotelboutique noch einen knappen Bikini kaufen, überlegte sie. Sorgfältig verstaute sie ihre Kleidung wieder im Schließfach und ging zum Pool, der nun menschenleer war. Lydia war froh, noch ein paar ruhige Momente für sich zu haben.

Alessandro Santini war ein reicher Bankier und Teilhaber einer großen Hotelkette. In den detaillierten Unterlagen über ihn stand, dass er vermutlich das Luxushotel kaufen würde, in dem Lydia mit ihm wohnen sollte. Außerdem plante er in Darwin eine brandneue Hotelanlage. Das brächte nicht nur mehr Touristen in das Northern Territory, sondern auch viele Jobs für die Ansässigen.

Jedem war daran gelegen, dass Santinis Besuch in Melbourne ohne Zwischenfälle verlief. Deshalb hatten die Behörden sofort reagiert, als die Bedrohung bekannt wurde. Santinis Besuch in Australien ließ sich nicht mehr umplanen, sodass man sofort eine Gruppe zusammengestellt hatte, die für seine Sicherheit sorgen sollte. Obwohl der Einsatz Lydia beruflich reizte, war ihr nicht wohl dabei, Santinis Geliebte spielen zu müssen. Kein Stylist und kein Starfriseur könnten dafür sorgen können, dass sie einer seiner Begleiterinnen ähnelte. Lydia konnte sich förmlich ausmalen, wie Santini sie bei ihrem ersten Treffen mit kritischem Blick mustern würde.

Das Schwimmen tat ihr gut. Sich eine halbe Stunde lang nur auf den Atem und die Bewegungen zu konzentrieren, war genau das, was Lydia jetzt brauchte. Anmutig tauchte sie in das warme tiefblaue Wasser ein und spürte, wie die Anspannung aus ihrem Körper wich. Sie schwamm erst wieder an die Oberfläche, als sie Atem schöpfen musste.

Es tut gut, allein zu sein. Alessandro sah auf seine schwere Armbanduhr, als der Lift von der Präsidentensuite ins Erdgeschoss glitt. Hätte ich die ursprünglich geplante Maschine genommen, wäre jetzt erst Landeanflug, dachte Alessandro. Zum Glück hatte ein Passagier seine Buchung storniert, sodass Alessandro früher anreisen konnte. Dadurch konnte er einige Stunden in einem Hotelbett ausschlafen, bevor er sich seinem vollen Terminplan stellte.

Während er nach dem Einchecken am Flughafen in der luxuriösen Lounge gewartet hatte, zog er sein Handy reflexartig aus der Tasche, um seine persönliche Assistentin über die Ankunftszeit zu informieren. Beinahe trotzig hatte Alessandro es dann aber abgeschaltet. Lieber wollte er endlich ein paar Stunden für sich haben, ohne jemandem Rechenschaft abzulegen.

Der Aufzug hielt. Alessandro Santini drückte höflich auf den Knopf, um die dunkelhaarige Frau im weißen Bademantel hereinzulassen. Dem geröteten Gesicht nach zu schließen, kam sie aus dem Fitnessraum. Als sie Alessandro bemerkte, musterte sie ihn eindringlich. Er war neugierige Blicke gewöhnt, seine Größe und die markanten südländischen Gesichtszüge wirkten auf viele Frauen anziehend. Seit sein Foto in den Zeitschriften regelmäßig abgedruckt war, wurde er sogar von vielen Männern erkannt.

Dass die Dame eine Polizistin im verdeckten Einsatz war, konnte er nicht wissen. Maria fiel aus allen Wolken, weil Santini bereits im Lande war. Panik stieg in ihr auf. Gerade zog Lydia im Pool ahnungslos ihre Runden – und das Badetuch über Santinis Schulter deutete darauf hin, dass er genau dorthin wollte.

Alessandro nickte kurz, verließ die Aufzugskabine und folgte den Hinweisschildern zum Fitnessbereich. Obwohl er sich in Australien und damit sprichwörtlich am anderen Ende der Welt befand, unterschied sich das Luxushotel nicht von anderen Nobelunterkünften in Rom, London oder Paris. Sosehr sich Hotels um ein eigenes Profil bemühten, letzten Endes waren sie doch alle gleich.

Immerhin habe ich den Pool für mich, dachte er – nur um im nächsten Moment festzustellen, dass er sich irrte. Auf das große Becken hatte er zunächst gar nicht geachtet, nur die glatte Wasseroberfläche, der Chlorgeruch und die Stille in dem Raum waren Alessandro aufgefallen. Plötzlich zog ein langer dunkler Schatten unter Wasser seinen Blick auf sich, dann durchbrach ein schlanker Arm in einem perfekten Schwimmzug die Wasseroberfläche.

Eigentlich wollte Alessandro Handtuch und Bademantel auf einer Bank ablegen. Er zögerte, völlig gebannt von der Gestalt im Wasser. Sie glitt mühelos durch das Becken, das tizianfarbene Haar umfloss wie eine Flamme ihren Rücken. In perfektem Rhythmus schwamm sie auf den Beckenrand zu und vollführte eine Wende, bevor sie wieder für eine beeindruckend lange Zeit unter der Wasseroberfläche verschwand.

Unwillkürlich fühlte Alessandro sich von der gertenschlanken Frau angezogen. Die Leichtigkeit und die natürliche Geschmeidigkeit, mit der sie sich bewegte, faszinierten ihn. Etwas Besonderes prägte diesen Augenblick.

Im Gegensatz zu den meisten Frühschwimmern, die Alessandro in Hotelpools traf, schien diese Frau den Sport nicht zu betreiben, um Muskeln aufzubauen oder ihre Ausdauer zu verbessern. Sie gönnte sich einfach nur einen Moment der Ruhe, in dem sie ihre Umgebung gar nicht wahrnahm. Alessandro wollte nicht stören und die Schwimmerin aus dem Takt bringen.

Seine Reaktion irritierte ihn. Als wäre er wie ein Voyeur über einen Zaun geklettert, um die Dame des Hauses beim Bad in ihrem Swimmingpool zu beobachten. Aber ich befinde mich schließlich im hoteleigenen Badebereich, der jedem Gast zugänglich ist, erinnerte sich Alessandro. Entschlossen zog er den Bademantel aus.

Als die Frau das andere Ende des Beckens erreichte, glitt Alessandro langsam ins Wasser.

Sie spürte seine Gegenwart.

Lydia wusste sofort, dass ein Mann in ihrer Nähe war. Die Wellen, die sie leicht hin und her schaukelten, bestätigten den Verdacht. Sofort spannte sie sich an. Ihre zuvor mühelosen Schwimmzüge kosteten Kraft, und ihr Atem ging unregelmäßig. Am Beckenrand angekommen, hielt Lydia sich fest und drehte sich um.

Vom anderen Ende des Pools kam ein Mann auf sie zugeschwommen. Plötzlich kam Lydia das Becken kleiner vor. Jeder Schwimmzug seiner kräftigen, muskulösen Arme brachte den Fremden unaufhaltsam näher. Sie wollte sich bewegen, doch sie konnte nicht. Abwartend hielt sie sich am Rand fest, den er mit viel zu hoher Geschwindigkeit erreichte.

Scusi.“ Er streifte ihr Bein. Im Gegensatz zu Lydia konnte er hier im seichteren Wasser stehen. Er schüttelte sein tropfnasses schwarzes Haar und sah sie an. „Ich dachte, das Becken wäre größer.“

Lydia verstand sofort, was er meinte. War man so wie er das Schwimmen und den eigenen Rhythmus gewöhnt, verschätzte man sich leicht. „Sie werden sich schnell daran gewöhnen“, erwiderte sie ruhig.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte er mit tiefer Stimme.

Lydia war fast etwas enttäuscht, es klang spontaner und offener, wenn er italienisch sprach. Noch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, erkannte sie plötzlich bestürzt, wer da vor ihr stand: der Mann, dem sie erst in ein paar Stunden in einem arrangierten Treffen scheinbar zufällig begegnen sollte!

Ihre Gedanken rasten, besorgt sah sie sich um. Eigentlich müssten jeden Moment Graham und John in der Tür auftauchen. Vielleicht würde Alessandro Santini sich auch gleich vorstellen und erklären, dass sich der Plan geändert hätte. Vermutlich fand der geplante Erstkontakt genau jetzt statt!

Natürlich, dachte Lydia, deshalb habe ich seine Gegenwart sofort gespürt. Und deshalb kam er direkt auf mich zu und sah mir so tief in die Augen – weil er weiß, wer ich bin.

Santini wollte sich offenbar nicht vorstellen. Er nickte ihr nur kurz zu, bevor er sich vom Beckenrand abstieß. Lydia blieb mit klopfendem Herzen zurück. Noch immer ging ihr Atem unregelmäßig, allerdings nicht vor Anstrengung, sondern wegen Santini. Lydia fühlte sich, als hätte seine leichte Berührung eine brennende Spur auf ihrem Schenkel hinterlassen. Auf ihren Armen kribbelte die Haut, Lydia konnte sich genau erinnern, wie seine muskulösen Beine zart die ihren gestreift hatten. Innerlich völlig aufgewühlt, versuchte sie, die Lage zu überschauen. Was soll ich nur tun? Weiß er, wer ich bin? Ob es ihn irritiert, dass ich gar nicht auf seinen Annäherungsversuch reagiere?

Lydia atmete tief durch. Ihr Körper war müde von der Anstrengung. Trotzdem musste sie Santini eine neue Gelegenheit geben, sie anzusprechen. Sie warf einen schnellen Blick zu den Sicherheitskameras – womöglich wurden sie ja beobachtet. Auch wenn sie im Moment mit Alessandro allein im Pool war, musste das Treffen zufällig wirken. Die größte Gefahr für Santinis Leben bestand darin, dass niemand den Feind kannte. Keiner konnte einschätzen, wann oder wie der Unbekannte angreifen würde.

Eigentlich hätte es ihr nicht schwerfallen dürfen, noch ein paar Bahnen zu schwimmen, doch Lydia fand ihren Rhythmus nicht mehr. Offenbar lag es am Schock, Alessandro so unerwartet zu treffen. Müde zog sie sich durchs Wasser. Ihre Gedanken kreisten unablässig um eine Tatsache. Lydia konnte sich auf nichts anderes konzentrieren …

Seine bloße Gegenwart erregte sie.

Noch bevor sie ihn erkannte, hatte sie sich zu dem Mann, der in das Wasser getaucht war, hingezogen gefühlt. Dieser Gedanke ließ Panik in ihr aufsteigen. Plötzlich erschien es Lydia unmöglich, ihre Rolle zu spielen.

„Sie schwimmen häufig, nicht wahr?“

Er wartete am anderen Ende des Beckens auf sie. Seine Stimme war tief und rau, er sprach mit starkem Akzent. Mit pochendem Herzen nickte Lydia.

„Fast jeden Tag“, erwiderte sie atemlos. „Allerdings habe ich es heute Morgen wohl etwas übertrieben. Ich habe vorher schon etwas Sport getrieben und war dann in der Sauna …“

Sie deutete zum Fitnessraum, doch Alessandro sah gar nicht hin. Stattdessen verweilte sein Blick auf ihrem schlanken Arm. Lydia spürte es, als zöge er mit dem Finger eine Linie von ihrer Hand bis zur empfindlichen Haut am Schlüsselbein. Ihr wurde warm.

Alessandro nahm jedes Detail ihrer durchtrainierten Figur auf, ihre leicht definierten Muskeln und die blassen Sommersprossen auf den Armen. Langsam glitt sein brennender Blick über ihren schlanken Hals, Alessandro erkannte das zarte Pochen an ihrer Halsbeuge. Jede winzige Bewegung schien ihm plötzlich von Bedeutung. Als er ihr schließlich tief in die Augen sah, traf es ihn wie ein Schock: Die Luft zwischen ihnen schien zu knistern, unwiderstehlich fühlte er sich zu dieser Fremden hingezogen. Das Gefühl beherrschte ihn wie ein Rausch, stark und überwältigend.

Lydias Anspannung wuchs. Aber ihr blieb keine Zeit mehr, sich über das Wie und Warum klar zu werden. Sie durfte sich nicht von seinem fesselnden Blick ablenken lassen, sondern musste handeln – als Ermittlerin. Falls sich der Plan geändert hatte, musste sie sich an die neuen Gegebenheiten anpassen.

„Mein Name ist Lydia“, brachte sie mühsam lächelnd hervor. „Und Sie sind …?“

Er reagierte nicht. Ein leicht überhebliches Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Noch immer betrachtete er sie eindringlich aus dunklen Augen. Offenbar wollte er nicht auf ihren Versuch eingehen, das Treffen einzuleiten. Vermutlich hielt er es für überflüssig, sich einander vorzustellen, wenn sie die Identität des anderen ohnehin kannten. Trotzdem, mögliche Beobachter mussten den Eindruck einer zufälligen Begegnung gewinnen. Das werde ich Santini noch einmal ausführlich erklären, nahm Lydia sich vor, wenn wir allein sind.

Allein.

Gespannte Erwartung stieg in ihr auf, und Lydia errötete unwillkürlich, als ihr erotische Fantasien durch den Kopf gingen. Sie verstand nun, weshalb Alessandro so viele starke, schöne Frauen erlegen waren. Die raue Sinnlichkeit des Mannes musste jede überwältigen. Seine schiere Präsenz machte jeden vernünftigen Gedanken unmöglich. Die Kraft, die von ihm ausging, überstrahlte alles – und in diesem Moment konzentrierte er sich einzig und allein auf Lydia.

Sie versuchte, sich dagegen zu wehren. Mühsam rang sie um Beherrschung.

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