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Spiegel des Bösen

Patricia Bow

Spiegel des Bösen

1. KAPITEL

Tori stand zwei Meter vom Klippenrand entfernt, beschattete sich die Augen und sah blinzelnd auf den blau funkelnden Pazifik hinaus. Das Donnern der Wellen kam von tief unten.

Sie trat einen Kieselstein in die Luft. „Wie konnte ich nur so blöd sein! Ich und meine Abkürzungen!“

Eine gute Nachricht gab es aber. Der weiße Quarzstein des Felsens war in diesem Teil von Nova Scotia fast einmalig. Nach diesem hellen Gestein war das Hotel Bright Point benannt worden. Es konnte also nicht mehr weit entfernt sein, vielleicht anderthalb bis höchstens drei Kilometer. Aber in welcher Richtung? Tori sah sich suchend um.

„Verlaufen?“, hörte sie da jemanden hinter sich fragen.

Tori schnappte nach Luft und wirbelte herum. Dicht hinter ihr stand eine Frau. „Oh … ja. Ich bin auf dem Weg nach Bright Point. Eigentlich hätte ich in der Stadt auf den Hotelbus warten sollen. Aber ich wollte lieber laufen.“

„Du wärst besser auf der Straße geblieben.“ Die Frau ging an ihr vorbei. Vollkommen entspannt blieb sie dicht am Abgrund stehen. Sie war groß, schlank und hatte die Hände lässig in die Jeanstaschen geschoben. Ihr schwarzes Haar flatterte im Wind.

„Ja, das ist mir inzwischen auch klar geworden. Aber die Straße macht einen großen Bogen Richtung Süden. Ich wollte eine Abkürzung nehmen.“

„Und warum möchtest du nach Bright Point?“

„Um mich für einen Job zu bewerben.“

„So jung und schon allein unterwegs.“ Sie hatte eine tiefe, einschmeichelnde Stimme. Tori fragte sich, ob sie eine Indianerin war. Mit diesem tiefschwarzen Haar, das in der Sonne bläulich schimmerte. Ihre Haut war makellos.

„Ach, so jung bin ich auch wieder nicht“, sagte sie betont lässig. „Außerdem habe ich meine Gründe, ich suche …“ Sie sprach nicht weiter. Fast hätte sie vor einer völlig Fremden ihre Familiengeschichte ausgeplaudert!

„Du bist also auf der Suche.“

Das klang so merkwürdig, aber die Bemerkung traf den Kern. „Ich wollte Sie nicht aufhalten“, erklärte Tori höflich. „Wenn Sie mir nur kurz sagen könnten, in welcher Richtung das Hotel liegt …“

„Das Hotel?“ Die Frau lachte und wirbelte so dicht am Abgrund auf dem Absatz herum, dass Tori erschrocken keuchte. Die Fremde zeigte direkt nach unten. „Geh da runter, dann Richtung Süden. Du bist zu weit nördlich gelaufen.“

„Komme ich denn da runter?“ Tori näherte sich vorsichtig dem Klippenrand und blickte hinunter. Schnell wich sie zurück. „Auf keinen Fall!“

Tief unter ihnen donnerten die Wellen gegen die Felsen. Selbst hier oben klang es noch bedrohlich laut. Tori hatte das Gefühl, der Felsen würde unter ihren Füßen durch die Kräfte der Wassermassen erbeben.

„Das ist keine Einbildung.“

Tori sah sie fragend an. Die Frau musterte sie intensiv. „Auf der Höhe des Meeresspiegels befinden sich Höhlen, einige davon sind sehr tief. Das Dröhnen ist die Wut der See, die im Kliff gefangen ist. Ihr Zorn erschüttert das Land. Sie waren schon immer Feinde, die beiden Elemente Wasser und Erde.“

Tori fragte sich, ob die Frau Dichterin war. Oder vielleicht ein bisschen verrückt.

Mit jedem Moment fühlte sich Tori unwohler. Sie machte einen weiteren Schritt weg vom Felsrand. „Na ja, also hier komme ich jedenfalls nicht runter!“

„Aber es gibt einen Weg. Du musst dich allerdings beeilen – die Flut kommt! Nicht weit von hier führt eine Eisentreppe nach unten.“ Die Fremde machte eine Kopfbewegung Richtung Süden. „Dort entlang.“

„Oh, super! Vielen Dank für Ihre Hilfe!“ Tori streckte ihr die Hand entgegen und ließ sie wieder sinken, als die Frau nur ausdruckslos darauf blickte.

„Also dann, tschüs.“ Tori wandte sich um, rückte den Rucksack zurecht und machte sich auf den Weg. Als sie sich noch einmal umdrehte, sah sie die Fremde nicht mehr.

Nachdem sie sich etwa zehn Minuten durch die Büsche geschlagen hatte, kam sie auf einen überwucherten Weg. Sie folgte dem Pfad, der zum Klippenrand führte, und stieß auf zwei Eisenpfähle, die in etwa einem Meter Abstand voneinander im Fels befestigt waren. An einem Pfosten hing eine Metallkette. An deren Ende baumelte ein zerbrochenes Holzschild. Was auch immer darauf gestanden hatte, es war durch die Witterung vollkommen verblasst.

Tori kniete sich zwischen die beiden Eisenpfosten und spähte hinunter. Da war sie. Eine verrostet wirkende Eisentreppe. Eigentlich war es keine Treppe, sondern eher eine Leiter, die vom Felsrand hinunterführte. Glücklicherweise lag das Ufer hier höher. Und die Wellen hatten die unteren Stufen der Leiter noch nicht erreicht. Aber die Flut stieg, und mit jedem Brecher kamen die Wassermassen näher.

Sie schnürte die Riemen des Rucksacks fester, drehte sich um und setzte behutsam den Fuß auf die erste Sprosse. Ein Stück tiefer fand sie zu beiden Seiten des Eisentritts ein Geländer, das in den glitzernden hellen Stein geschraubt war und an dem sie sich festhalten konnte.

Nachdem Tori ein wenig geklettert war, wagte sie einen Blick über die Schulter nach unten. Die Wellen reichten inzwischen schon bis auf zwei Meter an den Fels heran. Aber die Hälfte war geschafft.

Sie sollte sich beeilen! Schnell noch ein Schritt, dann noch einer und noch einer … dann brach eine Sprosse unter ihrem Gewicht zusammen! Mit klopfendem Herzen tastete Tori nach der nächsten Sprosse. Doch auch die gab nach. Tori rutschte ein Stück nach unten. Erst im letzten Moment bekam sie das Geländer wieder zu fassen. Die Einzelteile der Leiter landeten mit einem metallischen Klirren auf dem Felsboden.

Zitternd klammerte sie sich an das Geländer, einen Fuß auf der nächsten Sprosse, die zu halten schien. Den anderen Fuß wagte sie nicht aufzusetzen.

Als sie sich vom ersten Schreck erholt hatte, streckte sie vorsichtig den Fuß nach der nächsten unteren Sprosse aus. Sie hielt. Ganz langsam verlagerte Tori ihr Gewicht darauf.

Die Sprosse riss und krachte in die Tiefe. Entsetzt schrie Tori auf und hielt sich am Geländer fest.

Einen Augenblick versuchte sie sich zu sammeln. Sie wünschte, sie hätte eine Hand frei und könnte sich die Schweißperlen von der Stirn wischen. Okay. Weiter runter geht’s offensichtlich nicht. Also wieder zurück nach oben.

Tori begann zurückzuklettern, setzte vorsichtig einen Fuß nach dem anderen auf die Sprossen. Aber sie hatte keine zwei Stufen genommen, als sich plötzlich die linke Seite des Geländers lockerte. Die Schrauben, mit denen es befestigt gewesen war, waren aus dem Stein gerutscht.

Instinktiv ließ Tori die Stange los und klammerte sich an das rechte Geländer. Jetzt musste sie mit ansehen, wie sich auch dieses Eisenstück langsam aus der Halterung löste!

Wenn ich das nächste Stück Geländer erwische … Sie blickte nach oben, reckte sich so weit sie konnte …

Mit einem lauten metallischen Quietschen rutschte die Leiter unter ihr weg. Tori landete mit dem Fuß auf einem leicht herausragenden Felsstück, rutschte weiter hinunter und versuchte krampfhaft, irgendwo Halt zu finden.

Schließlich rutschte sie nicht weiter. Tori klemmte an der Steinwand, ein Fuß auf einem faustgroßen Felsvorsprung, der andere in der Luft. Es rauschte ihr in den Ohren. Schwarze Flecken tanzten vor ihren Augen.

Bitte, bitte, jetzt bloß nicht ohnmächtig werden!

Sie holte tief Luft. Nach ein paar Sekunden konnte sie wieder klar sehen. Sie blickte nach oben und sah nur glatten, steilen Fels. Nirgendwo etwas, an dem sie sich festhalten könnte.

Vorsichtig sah sie hinunter. Eine breite Wölbung im Stein, darunter nichts als Luft. Wenn sie am Felsen hinunterstieg, würde sie abrutschen. Wie weit war sie vom Boden entfernt? Keine Ahnung. Und das Krachen der Wellen wurde lauter und lauter.

Jetzt blieb ihr nur noch eins. Tori schrie um Hilfe.

2. KAPITEL

Jerome kniete zwei Stufen unter dem Absatz der breiten Vordertreppe und blickte durch das polierte Eichenholzgeländer in die Lobby hinunter. Von hier aus konnte er ein halbes Dutzend Spiegel zählen – oder auch glänzende Oberflächen, die wie Spiegel reflektierten.

Glänzendes Zeug, wo immer man hinsah. An der Wand des nächsten Treppenabsatzes über ihm hing ein ovaler Spiegel mit am Rand eingravierten Blattornamenten und Rosenblüten. Der verschnörkelte Schriftzug „Bright Point, Nova Scotias Riviera“ verdeckte fast die gesamte Innenfläche des Glases – leider nur fast.

Unter ihm wurde in dem Spiegel, der hinter dem Empfangstresen die ganze Wand einnahm, der größte Teil der Lobby widergespiegelt. Noch mehr Spiegel überall. Sie bedeckten die Tür zum Speisesaal und die Metallkonstruktion des Zwanzigerjahre-Fahrstuhls. In der Loungeecke, neben dem Kamin aus schwarzem polierten Granitstein, schmückten Glastüren die Vitrinen voller Fossilien und Muschelschalen. Auf der gegenüberliegenden Seite hing die Karte von Nova Scotia in einem Glasrahmen.

Jerome hatte zehn Minuten lang versucht, einen Weg von der Treppe zur Eingangstür zu finden, der an keinen Spiegeln vorbeiführte. Es war aussichtslos. Da konnte er nur eines tun: Er musste direkt durch die Lobby. Immer locker bleiben. Und hoffen, dass niemandem etwas auffiel.

Er richtete sich auf und schwang sich die Büchertasche über die Schulter. Dann atmete er tief durch, bevor er die restlichen Stufen nach unten nahm. Die letzten drei sprang er hinunter und verfiel dann in einen leichten Sprint. Die Frau hinter dem Empfangstresen lächelte ihm zu, als er vorbeirannte. Er grinste ihr zu und winkte. In dem großen Spiegel hinter ihr konnte er sie in ihrem blauen Blazer erkennen. Den größten Teil der Lobby ebenfalls.

Er sah fast alles, nur keinen Jerome.

Nachdem er durch die Eingangstür nach draußen gestürmt war, rannte er den grasbewachsenen Hügel zum Strand hinunter. Angie, die junge Koordinatorin des Hotels, erklärte den Handwerkern gerade, wo sie das Strandvolleyballnetz anbringen sollten. Angie war blond und gebräunt und für neunundzwanzig oder so ganz schön attraktiv.

Jerome hatte beschlossen, sich Angie anzuvertrauen. Irgendjemandem musste er es erzählen. Er wollte sich vergewissern, dass er nicht verrückt war.

Heute Morgen, an seinem zweiten Tag in Bright Point, hatte er, während er sich das Gesicht gewaschen hatte, in den Badezimmerspiegel geblickt und die geflieste Wand hinter sich gesehen – und einen Waschlappen, der mitten in der Luft schwebte. Nichts weiter. Er hatte den Lappen fallen lassen und sich überall gekniffen und abgeklopft. Ja, er war da, alles fühlte sich fest an.

Er war aus dem Bad gestürzt. Fünf Minuten später hatte er sich wieder hineingeschlichen und einen Blick in den Spiegel geworfen. Nichts hatte sich verändert. Immer noch kein Jerome zu sehen.

Da er ahnte, wie entsetzt seine Eltern reagieren würden, hatte er den Mund gehalten. Er hatte ihnen nur gesagt, er komme nicht zum Frühstück. In Wahrheit wollte er nicht im Speisesaal essen, wo überall Spiegel hingen.

Mit leerem Magen hatte er auf den Zubringerbus zur Stadt gewartet. In Mimi’s Diner hatte er ein paar getoastete Käsesandwiches gegessen und den Shuttle zurück genommen. Später hatte er dann gesagt, er wolle nicht zu Mittag essen, obwohl er kurz vorm Verhungern gewesen war. Seine Mutter hatte ihn besorgt angesehen.

So geht das nicht weiter. Früher oder später werden sie’s herausfinden.

Er rannte den Strand Richtung Norden hinunter und kickte dabei den weißen glitzernden Sand zur Seite. Die Büchertasche schlug ihm gegen den Rücken. Über ihm flogen Schwärme von kreischenden Seemöwen.

Das Joggen half. Auf die Art lockerte sich die Enge in seinem Brustkorb ein bisschen. Und das Hirn kam in Schwung. Er war zu erschüttert gewesen, um einen klaren Gedanken zu fassen. Jetzt dachte er nach. Es musste doch eine vernünftige Erklärung geben!

Wenn man nicht im Spiegel zu sehen war, was bedeutete das? Okay, er wusste, dass er lebte und nicht unsichtbar war. Die Leute sahen ihn und redeten mit ihm. Er war kein Geist.

Er sprang über einen Haufen getrocknetes Seegras und rannte weiter. Die Flut stieg an, zu seiner Rechten klatschten die Wellen ans Ufer.

Kein Geist also. Aber was dann? Vampire sah man nicht im Spiegel, oder? Doch irgendwie wollte er das ganze Zeug über Vampire nicht glauben. Was blieben noch für Möglichkeiten? Vielleicht ging von ihm eine lichtbrechende Strahlung aus, so wie bei dem Schutzmantel um Raumschiff Enterprise. Er sollte zu einem Arzt gehen. Aber selbst wenn es so wäre, warum passierte das? Und warum gerade ihm? Außerdem …

In diesem Moment hörte er einen Schrei. Jerome blieb so abrupt stehen, dass der Sand unter seinen Füßen in alle Richtungen spritzte. Da ertönte der Schrei wieder. Jemand rief um Hilfe. Es war nicht weit entfernt, aber über den Krach der Wassermassen, die gegen die Küste schlugen, kaum zu hören.

„Hilfe!“

Vielleicht ertrank jemand? Er hoffte, nicht. Er war nicht gerade der beste Schwimmer. Jerome rannte los.

„Was machst du denn da oben?“

Tori unterdrückte den nächsten Schrei. Sie sah nach unten. Da stand ein Junge und blickte zu ihr hoch. Etwa einen Meter hinter ihm klatschten die Wellen ans Ufer. Weiße Gischt schäumte dicht an seinen Füßen.

Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Bergsteigen?“

„Nein! Die Leiter ist weg!“

Er betrachtete die Felsen außerhalb ihres Sichtfelds. „Himmel noch mal!“

Tori versuchte, Ruhe zu bewahren. Ihr linker Fuß, den sie gegen den Felsvorsprung presste, war inzwischen eingeschlafen. In Armen und Fingern bahnten sich Krämpfe an. „Ich kann mich nicht mehr länger halten!“

Der Junge sah rechts und links den Strand entlang, als würde er auf eine Inspiration hoffen. „Ich hole Hilfe!“, rief er. Dann ließ er seine Tasche fallen und rannte wie der Blitz los.

Tori wartete. Die Krämpfe setzten ein. Ihr Hemd klebte vor Schweiß und Staub. Sie wagte nicht, sich zu kratzen. Kleine Fliegen umschwirrten sie und krabbelten ihr übers Gesicht. Doch sie traute sich nicht, sich zu rühren und sie abzuschütteln.

Oh bitte. Bitte.

Ihre Schultern und der Rücken schmerzten. Das linke Bein fing an, unkontrolliert zu zittern.

Ich werde runterfallen. Ich lande unten auf den Felsen – wie die rostigen Teile der Leiter.

Die Wellen kamen immer näher. Endlose Minuten vergingen. Es kam ihr vor wie Stunden. Später erfuhr sie, dass es zehn Minuten gedauert hatte, bis der Junge zurückgekommen war. Er schleppte eine schwere Aluminiumleiter auf den Schultern, den Kopf zwischen zwei Sprossen.

Tori zitterte am ganzen Körper. „Beeil dich!“

Unter ihr klapperte Metall; sie hörte es quietschen und rattern, bis sie das obere Ende der Leiter neben sich an die Felswand gelehnt sah.

„Okay!“, rief der Junge. „Alles fertig!“

Tori starrte staunend darauf. Eine Ausziehleiter, die perfekte Lösung! Wo er die nur aufgetrieben hatte? Die oberste Sprosse reichte bis kurz über ihren Kopf.

„Ich kann nicht zu dir hochklettern!“, brüllte der Junge gegen das Rauschen der Brandung an. „Ich muss die Leiter festhalten! Beeil dich, die Flut kommt!“

Die Flut. Okay. Tori löste vorsichtig eine Hand, streckte sie langsam aus und umklammerte die Außenschiene der Leiter mit schmerzenden Fingern. Mit dem frei hängenden Fuß tastete sie nach der nächstliegenden Sprosse. Ihr ganzer Körper schien aufzustöhnen, als sie schließlich das Gewicht von dem Felsvorsprung auf die Leiter verlagerte.

„Das macht du großartig!“, kam prompt die Aufmunterung von unten. „Beeil dich!“

Ihr linker Fuß war vollkommen gefühllos. Beim Runterklettern konnte sie nur den rechten Fuß belasten, sich auf das linke Knie stützen und sich dabei an die Seitenläufe klammern. So nahm sie mühsam Sprosse für Sprosse. Schließlich erreichte sie festen Boden. Ihr gaben die Knie nach, und sie sank auf den nassen, mit Seegras bedeckten Küstenfelsen.

„Auf, auf!“ Der Junge zerrte sie am Arm hoch.

Sie taumelte auf die Füße und blieb zitternd neben ihm stehen, während die Wellen immer höher schlugen. Inzwischen hatte der Junge die Leiter wieder eingeholt und mit der Büchertasche geschultert. „Los, lauf den Hügel hoch!“

Tori tat, wie ihr geheißen, obwohl sie das Gefühl hatte, jeden Moment zusammenzubrechen.

„Ja, das reicht!“, rief der Junge nach einer Weile zu Toris Erleichterung. „Hier sind wir über dem Wasserspiegel. Wir können uns erst mal ausruhen.“ Er stellte die Leiter auf dem sandigen Boden ab und hielt sie fest, während er seine Tasche abschüttelte.

„Hier“ war ein Stück eines sonnengewärmten Felsens, der aus dem weißen Sandstrand herausragte. Erschöpft setzte Tori sich und streckte die schmerzenden Beine aus.

Der Junge stand neben ihr und musterte sie neugierig. Er war groß und schlaksig, hatte hellbraunes Haar und intelligent blickende graue Augen.

„Ich hätte mir sonst was brechen können!“ Tori sprang auf und fiel ihm stürmisch um den Hals. „Danke, vielen Dank!“ Dann ließ sie ihn los und sank erneut auf den Felsen. „Ich heiße übrigens Tori.“ Als er sie nur verwundert ansah, fügte sie hinzu: „Tori mit i – Kurzform für Victoria. Tori Harper.“

„Ach so. Ich heiße Jerome. Äh, Pascal. Wohnst du in dem Hotel? Ich bin sicher, dass du nicht hier aus der Gegend bist, sonst wüsstest du, dass man die Leiter nicht benutzen soll. Die ist gefährlich. Deshalb wurden auch Warnschilder angebracht.“

„Da oben hing ein Schild, man kann aber nichts mehr darauf erkennen. Und außerdem hat mir jemand gesagt …“ Sie beschrieb ihre Begegnung mit der sonderbaren Frau auf der Klippe.

„Vielleicht war sie auch nicht von hier.“

„Das glaube ich nicht. Sie sah eher wie eine Mi’kmaq aus. Wahrscheinlich konnte sie nicht wissen …“ Tori überlegte, ob die Fremde vielleicht tatsächlich gewusst hatte, dass die Treppe einsturzgefährdet war. Sie tat den Gedanken ab. Warum hätte die Frau ein Interesse daran haben sollen, so etwas tun?

Jerome sah sie prüfend an. „Kannst du laufen?“

„Klar!“

Er schulterte die Leiter wieder, um den Marsch fortzusetzen. Tori bückte sich nach seiner Büchertasche, die noch im Sand lag. „Ich fürchte, die Tasche ist nass geworden.“

„Macht nichts.“

„Das war echt cool, mit dieser Leiter anzukommen. Wo hast du die denn aufgetrieben?“

„Du kannst von Glück reden, sie reparieren gerade einen Schornstein im Haupthaus. Die Leiter stand direkt davor.“ Er sah sie kurz von der Seite an. „Ich nehme an, du willst erst mal in dein Zimmer und dich waschen und so? Äh, ich dachte, vielleicht könnten wir später …“

„Waschen?“ Tori blieb ruckartig stehen und betastete ihr Gesicht. Es fühlte sich sandig an. Dann sah sie an sich hinunter. Ihre Jacke war mit Rostflecken übersät. An der Jeans klebte nasser Sand. „O nein!“, rief sie. „Ich kann mich unmöglich so bewerben!“

„Du willst dich für einen Job bewerben?“

„Ja. Ich habe um halb zwei einen Vorstellungstermin.“

Er warf einen Blick auf seine Uhr. „Dann solltest du dich beeilen. Du hast noch zehn Minuten.“

„Aber so kann ich doch niemandem unter die Augen treten!“ Sie zupfte an ihrem schmutzigen Jackett.

„Keine Panik! Ich zeig dir den Hintereingang. Es gibt eine öffentliche Toilette im Erdgeschoss. Hast du noch Kleidung zum Wechseln in deinem Rucksack?“

„Also, Miss …“ Die Geschäftsführerin, deren Namensschild am Revers sie als Mrs K. Andrews auswies, warf einen Blick auf Toris Unterlagen. „… Harper. Sie scheinen ja über einige sehr nützliche Fähigkeiten zu verfügen.“

Tori war außer Atem im Büro der Managerin eingetroffen. Mrs Andrews hatte ihr einen tadelnden Blick zugeworfen. „Fünf Minuten zu spät. Nicht gerade ein guter Einstieg!“

Tori war überrascht, dass sie überhaupt noch willens war, sich mit ihr zu unterhalten.

An der hinteren Wand saß ein riesiger bulliger Typ mit sonnengebleichtem Haar, der sie schweigend von seinem Stuhl aus beobachtete. Jetzt meldete er sich zu Wort. „Du kannst also einen fahrbaren Rasenmäher bedienen. Wo willst du das denn gelernt haben?“, fragte er unfreundlich.

Tori holte tief Luft, um das Herzklopfen zu bekämpfen. „Mein … Also, mein Onkel Harvey, Harvey Karges … Er hat eine Firma für Landschaftsgestaltung. Da helfe ich immer aus. Er hat mir alles beigebracht. Wie man Büsche versetzt, Bäume beschneidet und so was alles.“

„Karges? In Yarmouth? Ich habe von ihm gehört.“ Er nickte anerkennend. „Macht gute Arbeit.“ Er beugte sich vor, die Arme auf die Oberschenkel gestützt, und musterte sie eingehend. „Zu dumm, dass du so ein winziges Ding bist. In diesem Job gibt es eine Menge harte Arbeit zu erledigen.“

Tori verließ der Mut. „Ich bin kräftiger, als ich aussehe!“

Der Mann lehnte sich wieder zurück und schüttelte den Kopf. Das muss wohl der Gärtner sein, dachte Tori. Der hat mich schon längst abgeschrieben.

„Also, Mark“, sagte die Managerin. „Eigentlich finde ich, dass sie sehr fit aussieht.“ Tori schöpfte wieder Hoffnung, die mit der nächsten Bemerkung allerdings sofort zunichtegemacht wurde. „Die Unpünktlichkeit stört mich mehr.“ Wieder ein strenger Blick. „Der Job als Gartenhilfe wurde ausgeschrieben, weil der Junge, den wir angestellt hatten, einfach verschwunden ist. Ohne sich abzumelden, kein Wort zu irgendjemandem. Ich kann garantieren, dass er hier in Bright Point nie wieder einen Job bekommen wird!“

Und das klingt, als wären meine Chancen hier auch gleich null, dachte Tori niedergeschlagen.

„Wenn man in einem Hotel arbeitet, sind Zuverlässigkeit, Höflichkeit und Pünktlichkeit sehr wichtig, egal was passiert.“

„Natürlich!“ Tory fragte sich, warum die beiden sich überhaupt noch mit ihr beschäftigten. Der Job war ja wohl für sie gelaufen. „Normalerweise bin ich auch nicht unpünktlich. Der Bus von Yarmouth in die Stadt geht ziemlich früh, und ich wollte nicht so lange auf den Shuttle vom Hotel warten. Deshalb habe ich beschlossen zu laufen. Ich bin dann von der Straße runter und querfeldein marschiert, um eine Abkürzung zu nehmen. Es hat länger gedauert als erwartet, drei Stunden!“

Der Gärtner beugte sich erneut vor. „Du hast den Weg in drei Stunden geschafft?“, fragte er erstaunt.

„Die Strecke war heftig“, verteidigte Tori sich.

„Das ist eine der rauesten Gegenden hier in der Region! Ich bin beeindruckt.“ Aber er sah immer noch skeptisch aus. „Für jemanden, der so eine Tour in drei Stunden zurückgelegt hat, siehst du immer noch ziemlich adrett aus.“

Sie blickte auf ihre saubere weiße Bluse und ihre beste Jeans, es war die mit den gold umfassten Hosentaschen. Der denkt, ich lüge. Sie zog den Reißverschluss ihres Rucksacks auf und zerrte das erste Stück vor, das ihr in die Finger kam: ihr Jackett. Sie hielt es am Kragen hoch. Schwarze Erdkrumen, Roststaub und nasse Blätter rieselten auf den Teppich.

„Ich habe mich schnell gewaschen und umgezogen, bevor ich hergekommen bin.“ Sie stopfte die Jacke zurück in den Rucksack. „Deshalb habe ich mich verspätet.“

„Also …“, begann die Geschäftsführerin, Mark lachte schallend.

Tori stand auf und warf sich den Rucksack über die Schulter. „Dann werde ich Sie mal nicht länger aufhalten.“

Mark hörte auf zu lachen. „Wo willst du denn hin?“

„Nach Hause.“

„Nein, bleib hier. Ich möchte dich anheuern.“

„Sie meinen … Sie meinen …“

„Genau. Du bist eingestellt. Gehen wir.“ Er stand auf, und nun sah Tori, wie groß er tatsächlich war.

„Mark, Moment mal!“

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