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Spenser und die schmutzigen Affären

Dieses Mal hat es Spenser mit einem sehr heiklen Fall zu tun. Seine Freundin Susan Silvermann bittet ihn um einen Gefallen. Spenser soll Brad Sterling aus der Klemme helfen. Der hat eine undurchsichtige Klage wegen sexueller Belästigung am Hals. Für den erfahrenen Privatdetektiv eigentlich eine Routinesache. Aber der Fall ist verworrener als es zunächst den Anschein hat. Spenser findet heraus, dass Sterling kurz vor dem Bankrott steht. Als dann noch zwielichtige Gestalten auf den Plan treten und jemand einen brutalen Mordanschlag auf den coolen Ermittler verübt, nimmt er die Sache persönlich. Zumal Brad Sterling Susans Exmann ist. Dann findet Spenser eine Leiche in Sterlings Büro …

Robert B. Parker wurde 1932 geboren. Nach seinem M.A. in amerikanischer Literatur promovierte er 1971 über die „Schwarze Serie“ in der amerikanischen Kriminalliteratur. Seit seinem Debüt „Spenser und das gestohlene Manuskript“ im Jahr 1973 sind fast 40 Spenser-Krimis erschienen. 1976 wurde Parkers Roman „Auf eigene Rechnung“ von der Vereinigung amerikanischer Krimi-Autoren mit dem „Edgar Allan Poe Award“ als bester Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet. Robert B. Parker verstarb 2010.

Infos zum Autor unter www.robertbparker.de

Robert B. Parker

Spenser und die schmutzigen Affären

Ein Auftrag für Spenser

Übersetzt von Robert Brack

PENDRAGON

„Gebt nur fein acht“, rät die holde Maid,

„dass Ihr nicht plötzlich im Unglück seid.“

Die Märchenkönigin

1

Wir waren im Four Seasons Hotel, in der Bristol Lounge. Bob Winter spielte „Green Dolphin Street“ auf dem Flügel. Ich trank Bier und Susan tat so gut wie gar nichts mit ihrem Glas Rotwein. Jenseits der Fenster, durch die man auf die Grünanlage an der Boylston Street hinaussehen konnte, war der Winter schon vorbei. Die Schwanenboote wurden gereinigt und wenn sie um diese Zeit noch wach gewesen wären, hätten wir ganz sicher das Schreien einer Turteltaube gehört.

„Du musst mir einen Gefallen tun“, sagte Susan zu mir.

Ihr schwarzes Haar glänzte und roch ganz leicht nach Lavendel. Ihre Augen waren unglaublich groß und strahlten Intelligenz, Eifer und noch etwas Anderes aus. Dieses Andere hatte etwas damit zu tun, alle Bedenken in den Wind zu schlagen, aber es ist mir nie gelungen, es genauer zu benennen. Alle hatten sie angesehen, als sie hereingekommen war. Sie sah aus wie eine bedeutende Persönlichkeit. Und das war sie ja auch.

„Du weißt, dass ich der Einzige hier im Raum bin, der den Text von ‚Green Dolphin Street‘ kennt“, sagte ich. „Und möchtest, dass ich ihn dir leise vorsinge.“

„Sei vorsichtig, sonst hol ich den Rausschmeißer“, sagte sie.

„Hier im Four Seasons ? Den müsste man bestechen, bevor er einen anfasst.“

„Es geht um meinen Ex-Ehemann“, sagte Susan.

„Diesen Blödmann?“

„Er ist kein Blödmann“, sagte Susan. „Wenn du ihn kennen würdest, würdest du ihn mögen.“

„Bring mich bloß nicht durcheinander“, sagte ich.

Winter spielte „Lost in Loveliness“. Die Kellnerin warf einen Blick auf mein leeres Bierglas. Ich nickte. Susans Glas war immer noch voll.

„Letzte Woche ist er bei mir aufgetaucht“, fuhr Susan fort. „Ganz überraschend. Ich hatte ihn Jahre nicht gesehen. Er ist in Schwierigkeiten. Er braucht Hilfe.“

„Die hat er wohl nötig.“

„Er braucht deine Hilfe.“

Mein zweites Bier wurde gebracht. Ich überlegte, ob ich mir einen doppelten Old Thompson’s genehmigen sollte, entschied aber, dass es männlicher war, diesen Moment nüchtern zu begehen. Ich nahm einen Schluck von meinem Bier.

„Okay“, sagte ich.

„Ich …“ Sie hielt inne und sah einen Moment lang aus dem Fenster. „Ich glaube, es ist mir peinlich, dich darum zu bitten.“

„Ich verstehe schon, dass es peinlich ist.“

„Aber ich werde dich trotzdem fragen.“

„Wen sonst?“

Sie nickte, griff nach ihrem Glas, sah es kurz an und stellte es wieder ab, ohne getrunken zu haben. „Brad wurde von einer Gruppe Frauen wegen sexueller Belästigung verklagt.“

Ich wartete. Susan sagte nichts mehr.

„Ist das alles?“, fragte ich.

„Ja.“

„Und was könnte ich da deiner Meinung nach tun?“

„Beweisen, dass sie falschliegen“, sagte sie.

„Vielleicht liegen sie ja richtig“, sagte ich.

„Brad steht kurz vor der Pleite. Sollte er wegen dieser Sache vor Gericht kommen … fehlt ihm das Geld, sich zu verteidigen.“

„Oder mich zu bezahlen“, ergänzte ich.

Susan nickte: „Oder dich zu bezahlen.“

„Klingt wirklich reizvoll“, sagte ich.

„Ich liebe ihn nicht“, sagte Susan. „Vielleicht habe ich ihn auch nie geliebt. Außerdem habe ich ihn Jahre nicht gesehen, aber …“

„… aber du hast ihm mal nahegestanden und möchtest nicht, dass er ruiniert wird.“

„Ja.“

„Und du weißt keinen anderen Rat und kennst niemanden, den du fragen könntest.“

„Ja.“

„Also übernehme ich den Fall.“

„Und das Honorar?“

„Wenn ich ihn da rausbekomme, vögelst du mich bis ich das Bewusstsein verliere.“

„Und wenn du ihn nicht rausbekommst?“

„Dann muss ich dich wohl besinnungslos vögeln.“

Dieses Andere, für das ich keine Bezeichnung wusste, flackerte in Susans Augen auf.

„Klingt doch fair.“

„Okay, ich übernehme den Fall“, sagte ich. „Erzähl mir was über ihn.“

„Er heißt Brad Sterling.“

„Sterling?“

Susan sah auf die Tischplatte. „Er hat seinen Namen geändert.“

„Von Silverman zu Sterling, wie hübsch.“

„Ziemlich unjüdisch“, stellte Susan fest.

„Wieso hast du seinen Namen behalten?“

„Nach der Scheidung kam es mir einfacher vor. Der Name stand auf meinem Führerschein, auf meiner Versicherungskarte, meinem Girokonto.“

„Hmhm.“

„Wahrscheinlich war es außerdem eine Möglichkeit, zu zeigen, dass ich mal verheiratet war, auch wenn es vorbei war.“

„Wie bei einem Spieler, der das Trikot nicht auszieht, obwohl er vom Platz gestellt wurde.“

„Mit dem Unterschied, dass ihn das Trikot immer noch warm hält.“

„Hättest du lieber wieder deinen … wie sagt man das heutzutage korrekt?“

„Geburtsnamen.“

„Danke. Hättest du lieber wieder deinen Geburtsnamen angenommen?“

„Ich denke schon, aber als ich wieder Kraft genug hatte, es zu tun, hatte ich es nicht mehr nötig.“

„Susan Hirsch“, stellte ich fest.

„Klingt seltsam, oder?“

„Ich muss dabei an Sex denken.“

„Mehr als bei Silverman?“

„Nein, dabei muss ich auch an Sex denken.“

„Wie wäre es mit Stoopnagel?“

„Ja“, sagte ich. „Dabei muss ich an Sex denken.“

„Ich glaube, ich kann ein gewisses Muster erkennen“, meinte Susan.

„Das liegt daran, dass du Psychologin bist“, sagte ich. „Erzähl mir was über Sterling.“

„Er ging in Tufts zur Schule. Er war in Harvard. Sein Zimmergenosse und meine Mitbewohnerin waren Cousin und Cousine. Also wurden wir verkuppelt.“

Susan hatte viele Qualitäten, viele davon waren außergewöhnlich, aber sie konnte sich nie kurz fassen. Bei ihr störte es mich jedoch nicht, denn ich hörte ihr so gern zu.

„Er war Stürmer im Football-Team von Harvard. Der einzige jüdische Stürmer in der Ivy League, pflegte er zu sagen. Ich glaube, es war ihm unangenehm, als Jude in Harvard zu studieren.“

Ich nahm Augenkontakt mit der Kellnerin auf. Sie nickte mir zu.

„Er war sehr beliebt, hatte viele Freunde. Kam gut voran, ohne sich allzu sehr anstrengen zu müssen. Ich mochte ihn gern. Wir heirateten eine Woche nach unserem Abschluss.“

„Große Hochzeit?“

„Ja“, sagte Susan. „Hab ich dir nie davon erzählt?“

„Nein.“

„Wolltest du es denn nie wissen?“

„Ich will alles wissen, was du mir erzählen möchtest.“

„Na ja, ich sah keinen Sinn darin, dir von den anderen Männern in meinem Leben zu erzählen.“

„Das bleibt dir überlassen. Ich muss es nicht wissen. Aber ich muss auch nicht so tun, als hätte es da niemanden gegeben.“

Sie schwieg eine Weile. Dabei drehte sie ihr Weinglas ganz langsam am Stiel und sah mich an, als würde sie über all das nachdenken.

„Ich bin immer davon ausgegangen, dass es dich verletzen könnte“, fuhr sie fort.

„Ich bin absolut glücklich mit dir. Und du bist das Ergebnis einer Entwicklung, zu der auch diese anderen Männer gehören.“

Sie schwieg wieder, sah mich an, drehte ihr Glas. Dann lächelte sie. „Es war eine Riesenhochzeit in der Memorial Church in Harvard. Gefeiert wurde im Ritz.“

„Brads Familie schwamm offenbar im Geld.“

„Nach der Feier nicht mehr. Brads Familie besaß eine Schrottverwertungsfirma in Chelsea. Als ich ihn kennenlernte, waren sie allerdings schon nach Wellesley umgezogen. Brad ging nach Harvard, seine Schwester nach Bryn Mawr.“

Die Kellnerin brachte mir ein weiteres Bier. Susan nippte an ihrem Wein, versuchte aufzuholen.

„Und dann?“, fragte ich.

„Nichts Besonderes. Sein Vater kaufte uns ein Häuschen in South Natick.“

„Ganz in der Nähe von Wellesley.“

„Ja. Brads Mutter war nur zehn Minuten auf der Route 16 entfernt.“

„Perfekt.“

„Brad bekam einen Job bei einer Werbeagentur in der Stadt.“

„Und du?“

„Ich blieb zu Hause, band mir hübsche Schürzen um und legte ein zweites Make-up auf, bevor er zum Abendessen heimkam.“

„Abendessen?“

Susan lächelte. „Ich weiß schon. Das klingt alles grässlich. Ich konnte nicht kochen. Ich wollte es auch nicht lernen. Ich hasse es, kochen zu müssen.“

„Sieh mal an“, sagte ich.

„Es war ein Vier-Zimmer-Häuschen mit einem unfertigen Dachboden. Von der Eingangshalle aus konnte ich alle vier Zimmer überblicken.“

„Das kannst du in deiner Wohnung jetzt auch.“

„Ja, aber da lebe ich allein.“

„Bis auf Pearl.“

„Pearl ist kein Mensch.“

„Versuch mal, ihr das klarzumachen.“

„Ich hasste dieses Haus. Ich hasste es, den ganzen Tag allein dort zu sein. Und wenn er zu Hause war, bekam ich klaustro-phobische Anfälle, weil ich die ganze Nacht mit ihm zusammen sein musste, in einem gemeinsamen Schlafzimmer, einem gemeinsamen Bad.“

„Es ist gut, wenn man Platz für sich hat.“

„Das geht mir immer noch so. Deshalb sind wir auch nicht zusammengezogen.“

„Ich finde unseren Lebensstil absolut in Ordnung“, sagte ich.

„Ich weiß, aber … Damals, als ich Brad heiratete, stand man schon kurz vor der Scheidung, wenn man nur in getrennten Betten schlief.“

„Du hast nicht gearbeitet?“

„Nein. Brad hätte es nicht ertragen, dass seine Frau arbeiten ging. Das hätte so ausgesehen, als könne er sie nicht ernähren.“

„Was war mit Kindern?“

„Oh Gott, ja. Er wollte unbedingt Kinder haben.“

„Und du nicht?“

„Damals nicht.“

„Warum?“

„Wusste ich nicht. Ich wusste nur, dass ich nicht wollte.“

„Weißt du es jetzt?“

„Ich habe mir ziemlich viele Gedanken darüber gemacht. Es lag wohl daran, dass ich spürte, dass es nicht die Art von Ehe war, in die man Kinder einbringt.“

„Es ist noch nicht lange her, da wolltest du unbedingt, dass wir ein Kind haben.“

„Es geht hier nicht um mich“, sagte Susan.

„Glaubst du, ich würde Brad vor diesen Feministinnen retten, wenn du mich nicht darum bitten würdest?“

„Ich verstehe schon, aber das ist eine Phase meines Lebens, über die ich nicht reden möchte.“

„Genau wie diese Phase unseres Lebens, als wir getrennt waren?“

Sie schwieg und starrte in ihr noch immer volles Weinglas.

„Wenn du eine Patientin hättest, die über bestimmte Phasen ihres Lebens nicht sprechen kann, was würdest du ihr sagen?“

Susan starrte weiter in ihr Weinglas. Ihre Schultern sahen angespannt aus. Sie antwortete nicht.

„Ich ziehe die Frage zurück“, sagte ich.

Sie sah nicht von ihrem Weinglas auf.

„Danke“, sagte sie mit belegter Stimme.

„Hast du Brads Adresse?“

Schweigend zog sie eine Visitenkarte aus der Handtasche und gab sie mir. Auf der Karte stand „Brad Sterling, Public Relations“. Hübsche Karte. Gutes Papier. Geprägte Schrift. Nicht eine von den Karten, die man vor einer Pleite noch drucken lässt. Es sei denn, man will nicht, dass alle mitbekommen, dass man kurz vor dem Konkurs steht. Susan saß schweigend da, während ich die Karte betrachtete. Ihre Schultern waren immer noch verspannt. Sie sah mich nicht an.

„Bist du sicher, dass ich diesen Fall übernehmen soll?“, fragte ich.

„Ganz sicher.“

Ich nickte. Diese Angelegenheit machte den Eindruck, als würde sie garantiert übel für mich enden.

„Ich fange gleich morgen früh damit an“, sagte ich.

2

Zwei Versicherungsgebäude überragen die Back Bay. Das Hancock Building sieht ganz nett aus, jedenfalls solange die Fenster nicht rausfallen. Das Prudential ist hässlich. Brad saß im Prudential. Im 33. Stock. Seine Empfangsdame sah aus wie ein J. Crew-Model, blond, mit jungenhaftem Kurzhaarschnitt und leicht eingefallenen Wangen.

„Haben Sie einen Termin?“, fragte sie.

Sie hielt es für unwahrscheinlich, aber fand es professionell, danach zu fragen. Das Wartezimmer war jedenfalls leer.

„Nein“, sagte ich. „Hab ich nicht.“

Sie sah mich zweifelnd an. Der zweifelnde Gesichtsausdruck stand ihr gut.

„Tja“, sagte sie. „Ich weiß nicht …“

Ich reichte ihr meine Karte. Eine von denen, wo nur Name und Adresse draufstanden und kein Hinweis auf meine Tätigkeit als Privatschnüffler.

„Sagen Sie ihm, dass seine Exfrau mich schickt.“

Jetzt sah sie leicht verlegen aus. Stand ihr ebenfalls gut. Ich vermutete, dass sie jeden Gesichtsausdruck vor dem Spiegel studiert und alle aussortiert hatte, die nicht reizend aussahen.

„Ich, äh, es gab mehrere …“, sagte sie.

„Susan“, sagte ich. „Susan Hirsch.“

Es war reine Bosheit, dass ich ihren Geburtsnamen benutzte. Die Empfangsdame lächelte dankbar, als hätte ich ihr etwas Wichtiges mitgeteilt. Ihre Hand zuckte, wollte schon zum Telefon greifen, aber dann tat sie es nicht. Stattdessen sagte sie: „Entschuldigen Sie mich bitte“, stand auf und ging ins Büro. Dort blieb sie etwa fünf Minuten und kam wieder heraus.

„Mr. Sterling hat Zeit für Sie gefunden.“

„Das ist nett.“

Sie wies mir den Weg in Sterlings Büro. Es war ein Eckzimmer mit Fenstern, die nach Westen und Norden gingen, so dass man den Charles River und den Fenway Park sehen konnte und darüber hinweg bis zum Horizont. Als ich eintrat, stand Sterling auf und lief um seinen Schreibtisch herum, um mich zu begrüßen. Er war groß und dünner, als man es von einem Stürmer erwarten würde. Gesunder Teint. Sehr gesunder Teint für Boston im März, was bedeutete, dass er kürzlich erst im Süden gewesen war oder wollte, dass man das von ihm glaubte. Seine etwas längeren Haare waren stahlgrau und passten gut zu seiner Gesichtsfarbe. Sein grauer Nadelstreifenanzug stand ihm gut. Er benutzte ein angenehmes Eau de Cologne.

„Spenser, Brad Sterling“, sagte er. „Freut mich, Sie kennenzulernen.“

Sein Händedruck war fest und ehrlich. Er sah mir direkt ins Gesicht, als er mir die Hand gab. Dann führte er mich zu einem der schwarzen Sessel vor seinem Schreibtisch. Der Sessel trug das Harvard-Wappen auf der Rückseite. Auf dem Aktenschrank lag ein Harvard-Footballhelm und an der Wand hing sein Universitätsdiplom.

„Nehmen Sie den Stuhl und setzen Sie sich“, sagte Sterling.

Das tat ich. Er ging wieder um seinen Schreibtisch herum, setzte sich in seinen Chefsessel und lehnte sich zurück.

„Patti erwähnte den Namen Susan Hirsch“, sagte er.

„Eigentlich benutzt sie immer noch ihren Ehenamen“, sagte ich.

„Wirklich. Ist ja ein Ding. Ich hab Susan seit Jahren nicht mehr gesehen.“

„Doch, haben Sie. Und zwar erst letzte Woche.“

Sterling lächelte. „Bis auf dieses eine Mal.“

„Sie haben ihr erzählt, dass Sie in Schwierigkeiten seien und sie um Hilfe gebeten.“

„Das hat sie Ihnen erzählt?“

„Hmhm.“

Er schüttelte den Kopf. „Susan hat schon immer gern übertrieben.“

„Ja“, sagte ich, „sie ist ein bisschen hysterisch. Nur weil ihr Exmann, den sie 20 Jahre lang nicht gesehen hat, sie um Hilfe bittet …“

„Nun, eigentlich hab ich sie um gar nichts gebeten.“

„Oh, dann hat Susan das wohl missverstanden. Sie dachte, Sie brauchen Hilfe. Deshalb hat sie mich hierhergeschickt.“

„In welcher Beziehung stehen Sie denn zu Susan?“

„Liebhaber“, sagte ich.

Sterling riss die Augen auf und schnaubte amüsiert. „Junge Junge, Sie sind ganz schön direkt, was?“

„Spart Zeit“, entgegnete ich.

Sterling hielt die Hände, als wolle er beten, die Fingerspitzen berührten sein Kinn. Er klopfte die Fingerkuppen mehrmals gegeneinander, während er mich musterte.

„Wieder was dazugelernt“, sagte er. „Dann sind Sie also der Privatdetektiv.“

„So ist es.“

„Hab schon von Ihnen gehört. Hat mich immer amüsiert, dass Susan mit einem … Schnüffler … zusammengekommen ist.“

„Kaum zu glauben. Wollen Sie mir jetzt was über Ihre Schwierigkeiten erzählen?“

„Damit Sie mir helfen können?“

„Ja.“

„Weil Susan Sie darum gebeten hat?“

„Ja.“

„Wie gefällt es Ihnen denn, dem Exmann Ihrer Freundin zu helfen?“

„Sie meinte, ich würde Sie mögen.“

Er grinste. Seine Zähne waren sehr weiß und gleichmäßig. „Natürlich werden Sie das. Jeder mag mich.“

„Susan erzählte mir, Sie seien wegen sexueller Belästigung verklagt worden.“

„Wollen Sie damit andeuten, dass es jemanden geben könnte, der mich nicht mag?“

„Erzählen Sie mir, was los ist.“

Er lächelte, zuckte mit den Schultern, lehnte sich noch weiter in seinem Sessel zurück und legte die Füße auf den Schreibtisch.

„Ich hab da so eine Sache im Kongresszentrum betreut. Große Wohltätigkeitsveranstaltung. Hab Sister Sass aus New York geholt und einen Haufen weiterer Promis. Grußbotschaft des Präsidenten. Gute Presse bekommen.“

„Was für eine Wohltätigkeit?“

„Eine Art Spendenball für die üblichen Bedürftigen, Sie wissen schon. Betreuung und Unterbringung von Waisen, Schutz für misshandelte Frauen, Aidsforschung, weitere schwer zu behandelnde Krankheiten, Obdachlosenhilfe, Macht-unsere-Straßesicherer, alles auf einen Schlag.“

„Und?“

„Und es war der absolute Hit. Ich hab gerade mal zwei Stunden Schlaf pro Tag bekommen während der Vorbereitungszeit, aber dann, als es losging, war es der totale Wahnsinn.“

„Ich meinte eigentlich die Sache mit der Belästigung.“

„Ach so, ja.“

Durch das westliche Fenster hindurch konnte ich die Umrisse einer Wolke erkennen, die sich über den Kenmore Square zum Fenway Park bewegte. In weniger als einem Monat würde die Baseballsaison beginnen. Es schien noch zu früh. Wie immer im März. Zu kalt für Ballspiele, der Boden war noch zu feucht, der Wind zu heftig. Aber der April kam immer wieder und dann wurde gespielt.

Ich sah Sterling an. Er saß hinter seinem Schreibtisch und blickte mich freundlich an.

„Und die Belästigung?“, wiederholte ich.

„Das war wirklich nichts“, sagte er. „Bei diesen Wohltätigkeitsveranstaltungen gibt es immer jede Menge freiwilliger Helfer. Meist sind es Frauen, die glauben, sie seien wichtig, weil ihre Ehemänner reich sind. Und eine Menge von ihnen sehen gut aus, in der Art, wie reiche Ehefrauen eben so aussehen. Perfekte Frisur, teures Parfüm, viel Seide. Also hab ich möglicherweise mit der einen oder anderen ein bisschen geflirtet und sie haben es falsch verstanden.“

„Wie lautet denn Ihre Definition für Flirten?“, fragte ich.

Ich war mir ziemlich sicher, dass ich gegen sexuelle Belästigung war. Allerdings hatte ich keine genaue Vorstellung, was das überhaupt sein sollte.

„Sie wissen schon, rumalbern, ihnen Komplimente über ihr Aussehen machen. Mein Gott, ich dachte, das schmeichelt ihnen. Ist doch bei den meisten Frauen so. Verdammt, wenn sie nicht verheiratet gewesen wären, würd ich sie glatt für einen Lesbenclub halten.“

„Was nun? War es ein ganzer Klub oder nur ein paar?“

„Vier Frauen teilen sich die Anklage“, sagte Sterling. „Die eine ist mit Francis Ronan verheiratet.“

„Dem Juraprofessor.“

„Genau dem. Da sehen Sie, wohin der Hase läuft.“

„Sie haben diese Frauen nicht angefasst?“

„Überhaupt nicht.“

„Haben Sie anzügliche Bemerkungen gemacht?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Haben die Frauen für Sie gearbeitet?“

„Nicht direkt. Sie waren Freiwillige. Natürlich war ich der Chef vom Ganzen, klar, und sie waren irgendwo weiter unten angesiedelt. Aber sie haben nicht für mich gearbeitet.“

„Können Sie die Strafe bezahlen, falls Sie den Prozess verlieren?“

„Das ist nicht der Punkt. Ich bin …“ Er grinste. „Ich bin unschuldig.“

„Aber Sie könnten zahlen.“

„Selbstverständlich.“

„Sie sind nicht in geschäftlichen Schwierigkeiten?“

„Wenn ich eine schöne Frau sehe, komme ich in Schwierigkeiten, aber nicht geschäftlich.“

Sterling deutete in sein Büro und auf die Aussicht: „Sieht das nach Schwierigkeiten aus?“

„Das beweist nur, dass es noch keine Zwangsräumung gegeben hat.“

Sterling lachte laut auf.

„Sie teilen ja ganz schön aus“, sagte er, als sein Heiterkeitsausbruch beendet war.

„Soll ich mir die Angelegenheit mal näher ansehen?“, fragte ich. „Rausfinden, ob ich es geradebiegen kann?“

„Ich wünschte, jemand würde Francis Ronan mal geradebiegen“, sagte er.

„Ja oder nein?“

„Wie teuer sind Sie denn?“

„Pro bono“, sagte ich.

„Verdammt, das ist natürlich ein guter Preis, schätze ich. Klar, warum nicht? Sie können ja mal rumschnüffeln.“

„Okay. Wer ist Ihr Anwalt?“

Er schüttelte den Kopf

„Sie haben keinen Anwalt?“

„Ich habe bis jetzt noch keinen“, erklärte er. „Ich dachte, ich warte mal ab, bis es einen offiziellen Gerichtstermin gibt. Warum soll ich jemanden dafür bezahlen, dass er einen Monat lang Papiere durchblättert?“

„Wenn ein guter Anwalt die Papiere durchblättert, müssen Sie vielleicht gar nicht mehr vor Gericht.“

„Oh“, sagte er, „ein guter Anwalt.“

Wieder lehnte er sich zurück, legte den Kopf in den Nacken und lachte wieder. Es war ein lautes Lachen, und es klang völlig authentisch.

„Ich brauche die Namen der Kläger“, sagte ich.

„Klar. Ich hab Patti gebeten, einen Ordner anzulegen. Lassen Sie sich von ihr eine Kopie geben.“

Ich stand auf. Er stand auf. Wir gaben uns die Hand. „Geben Sie Susan einen Kuss von mir“, sagte er.

„Nein“, sagte ich.

3

Hawk trank Champagner in einer Ecke der Bar des Casablanca am Harvard Square und hielt den Hocker neben sich für mich frei. Soweit ich das beurteilen konnte, hatte niemand gewagt, ihn für sich zu reklamieren.

„Ich hab uns jede Menge gebratene Austern bestellt“, sagte er. „Dachte mir, du könntest ein paar wertvolle Proteine gebrauchen.“

Jimmy, der Barkeeper, sah mich an und deutete auf den Bierhahn mit dem Foster’s-Symbol. Ich nickte.

„Schon mal hier gewesen?“, fragte Hawk.

„Komme öfter mit Susan her.“

Jimmy stellte das Bier hin.

„Irisch“, stellte Hawk fest.

„Er heißt James Santo Costagnozzi“, sagte ich.

„Ziemliches Pech“, meinte Hawk. „Wie ein Ire auszusehen, wenn man keiner ist.“

„Es sei denn, man will sich als einer ausgeben.“

„Niemand will sich als Ire ausgeben“, sagte Hawk.

„Ist das ein rassistisches Vorurteil?“

„Glaub schon.“

Die gebratenen Austern wurden serviert und wir aßen ein bisschen.

„Fühlst du dich jetzt gekräftigt?“, fragte Hawk.

„Sag einfach Kraftprotz zu mir.“

„Das wollte ich schon immer. Was ist mit dem Ex von Susan?“

„Ich hab ihn heute getroffen“, sagte ich.

„Hm“, sagte Hawk.

„Hm?“

„Hm.“

„Was zum Teufel soll ‚hm‘ bedeuten?“

„Das bedeutet, wie fandest du es denn, mit Susans Ex zu reden?“

„Scheint ein ziemlicher Trottel zu sein.“

„Hm.“

„Sein ursprünglicher Name war Silverman. Er hat ihn in Sterling umgeändert.“

„Reizend.“

Wir aßen noch ein paar Austern.

„Er strahlt diese typische Ostküsten-Wohlstandsdämlichkeit aus“, sagte ich.

„Silverman?“

„Sterling.“

„Also hat er versucht überzuwechseln.“

„Sieht so aus.“

„Und es geschafft“, stellte Hawk fest.

„Ja. Er zieht es voll durch. Trägt eine Fliege und alles.“

„Vielleicht findet er Fliegen einfach toll.“

„Wer findet Fliegen denn einfach toll?“, fragte ich.

„Du hast recht“, sagte Hawk. „Wie kommt er denn klar?“

„Mit was?“

„Mit dir.“

„Nicht besser als alle anderen.“

Hawk grinste. „Außer mir“, sagte er. „Wie stehst du zu ihm?“

„Irgendwas stimmt nicht. Susan hat mir erzählt, er sei kurz vor dem Konkurs. Er behauptet, es gehe ihm prima, und sein Büro sieht auch danach aus.“

„Also lügt jemand.“

„Richtig.“

„Und Susan kann es nicht sein.“

„Auch richtig.“

„Woher weiß sie, dass er Liquiditätsprobleme hat?“, fragte Hawk.

„Wahnsinn“, sagte ich. „Du redest schon selbst wie so ein Harvard-Typ.“

„Hab ich geübt, echt“, sagte Hawk. „Woher weiß sie es?“

„Ich vermute, er hat es ihr erzählt.“

„Also hat er entweder dich oder sie angelogen.“

„Jedenfalls gab es keinen Grund, ihr von seinen Schwierigkeiten zu erzählen, wenn sie nicht da wären.“

„Es sei denn, er versucht es auf die Mitleidstour.“

„Warum sollte er“, entgegnete ich. „Er ist schon zwei oder drei Ehefrauen weiter.“

„Warum hat er ihr dann von seinen Problemen erzählt?“

„Sie ist genau die richtige Adresse für Hilfesuchende.“

„Wann haben sie sich vorher das letzte Mal gesehen?“

Ich hob die Schultern. „Vor 20 Jahren vielleicht. Sie war schon geschieden, als ich sie kennenlernte.“

„Und plötzlich schüttet er ihr sein Herz aus?“

„Hm“, sagte ich.

„So isses“, sagte Hawk.

Wir schwiegen. Irgendjemand hatte an der Jukebox ein Stück von den Platters gewählt. Auf dem Fernsehschirm über der Bar lief ein Hockeyspiel ohne Ton. Der perfekte Kompromiss.

„Vielleicht hatte er schon von dir gehört“, meinte Hawk.

„Falls er mich sprechen wollte, hätte er auch einfach in mein Büro kommen können.“

„Und jetzt tust du es umsonst?“

Ich trank einen Schluck Bier. „Du klingst beinahe zynisch“, stellte ich fest.

„Muss wohl die Ghetto-Erfahrung sein.“ Hawk dehnte das Wort Ghetto genüsslich. „Echt, Alter, vielleicht schaff ich’s noch mal, drüber wegzukommen.“

„Also weiß er über mich Bescheid, braucht Hilfe und denkt sich, dass er die umsonst kriegen kann, wenn er Susan gegenüber den Pleitier mimt.“

„Hat ja funktioniert“, sagte Hawk.

„Wenn deine Theorie stimmt.“

„Klar. Und wie fühlst du dich dabei, für Susans Ex zu arbeiten?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Das ist doch längst Schnee von gestern.“

„Klar, der Schnee ist geschmolzen und du stehst in der Pfütze.“

„Das alles hat überhaupt nichts mit mir zu tun.“

„Stimmt. Aber ich kenne dich, sogar einiges von dir, was nicht mal Susan kennt. Die harte Seite. Die Seite, wegen der du fast so gut bist wie ich.“

„Besser“, sagte ich automatisch.

„Das ist jedenfalls kein Schnee von gestern.“

Ich trank mein Bier aus. Jimmy stellte mir ein neues Glas hin.

„Natürlich nicht“, sagte ich.

Hawk lächelte. „Hm.“

„Du hast recht“, sagte ich.

„Also wirst du ihm helfen?“

„Ich hab’s Susan versprochen.“

„Glaubst du, die Sache mit der sexuellen Belästigung wird ein Problem?“

„Würde mich wundern. Aber es ist ein guter Anfang.“

„Sollten wir nicht noch ein paar Austern bestellen?“

„Wir wären dumm, wenn wir es nicht täten“, stimmte ich zu.

4

Im März ist es noch kalt genug, um Feuer zu machen, also hatte ich eins in Susans Wohnung angezündet, bevor sie von ihrem letzten Termin nach Hause kam. Pearl, der Wunderhund, lag auf dem Teppich vor dem Kamin, und ich saß auf dem Sofa mit einer Flasche meines neuen Lieblingsbiers, dem Blue Moon Belgian White Ale, das Susan für mich auf Vorrat hatte. Es war nicht schwer zu finden gewesen. Die einzigen anderen Dinge im Kühlschrank waren ein Brokkoli-Röschen und zwei Dosen Cola light.

Susan trat ein. Sie trug ihr übliches professionelles Outfit – dunkles Kostüm, taillierte Bluse, dezentes Make-up, kaum Schmuck. In der Freizeit kleidete sie sich wesentlich fröhlicher. Aber sie strahlte so viel Energie aus, dass es egal war, ob sie gut angezogen war oder nicht.

Pearl sprang sofort auf, schnappte sich ein seidenes Kissen vom Sessel und trug es schwanzwedelnd zu ihr hin. Nachdem Susan sie begrüßt hatte, holte sie eine Flasche Merlot aus dem Küchenschrank, schenkte sich ein halbes Glas ein und kam damit zum Sofa. Sie ließ sich neben mich fallen, legte die Füße auf den Couchtisch, beugte sich zu mir und küsste mich sanft auf den Mund.

„Manche Tage sind länger als andere“, sagte sie.

Pearl beobachtete uns abwartend, immer noch mit dem Kissen im Maul, dann machte sie es sich vor dem Kamin bequem und legte den Kopf aufs Kissen.

„Verstehst du, warum sie immer mit dem Kissen herumschleicht?“, fragte Susan.

„Nein.“

„Ich auch nicht.“

„Warum war der Tag so lang?“

Susan seufzte und nippte an ihrem Wein. Es musste ein höllisch anstrengender Tag gewesen sein, sie nahm beinahe einen richtigen Schluck.

„Womit wir Therapeuten immer wieder konfrontiert werden, sind Leute, die glauben, wenn sie erst mal verstanden haben, warum sie sich in einer bestimmten Weise verhalten, seien sie schon kuriert.“

„Und du glaubst, das genügt nicht?“, fragte ich.

„Das Verhalten zu verändern wäre schon angebracht.“

„Wäre angebracht.“

Die Holzklötze im Kamin senkten sich. Die vorderen Holzblöcke schoben sich nach hinten und die Flammen wurden größer. Ich hatte ein tolles Kaminfeuer entfacht.

„Die Fähigkeit, etwas zu verstehen, beinhaltet nicht automatisch die Fähigkeit, das Verhalten zu ändern.“

„Das ist ein weiterer Schritt, den man gehen muss“, sagte ich.

„Stimmt.“

„Und das mögen manche nicht.“

„Stimmt wieder.“

„Und heute gab es gleich mehrere von dieser Sorte.“

„Mehrere.“

Wir schwiegen. Sie trank einen weiteren Schluck Wein und legte ihren Kopf auf meine Schulter.

„Bist du schon lange hier?“, fragte sie.

„Nein. Eben erst gekommen. Hab ein paar Bier mit Hawk getrunken.“

„Hast du Pearl gefüttert?“

„Ja. Gassi gegangen und gefüttert.“

„Und ein Feuer gemacht.“

„Ich hätte sogar ein Abendessen gekocht, aber ich wusste nicht, ob du deinen Brokkoli lieber roh oder in Cola light gegart möchtest.“

„Hm“, sagte sie.

„Hey! Genau so fühlt sich Hawk auch öfters.“

Wir saßen da, starrten ins Feuer und schwiegen gemeinsam. Ich mochte das. Es hatte nichts mit fehlender Kommunikation zu tun; es war eine angenehme Stille.

„Ich hab deinen Exmann heute Morgen getroffen.“

Susan hob ihren Kopf von meiner Schulter und verlagerte ihr Gewicht auf dem Sofa.

„Du sollst ihn nicht so nennen“, sagte sie.

„Okay. Ich hab heute ‚The Artist Formerly Known As Silverman‘ getroffen.“

„Du sollst auch keine schlauen Witze darüber machen.“

Ich nickte. Die ganze Angelegenheit schien sich immer mehr gegen mich zu wenden.

„Soll ich ihn Brad nennen?“, fragte ich.

„Ich würde am liebsten überhaupt nicht über ihn sprechen“, sagte Susan.

„Obwohl du mich engagiert hast, ihm aus der Patsche zu helfen?“

„Ich habe dich nicht engagiert. Ich habe dich um einen Gefallen gebeten.“

Das tat sie immer, wenn sie wütend war oder verängstigt (was sie wiederum wütend machte): Sie versteifte sich auf den unwichtigen Teil der Frage.

„Das stimmt“, sagte ich. „Hast du.“

Pearl stand vor dem Kamin auf, drehte sich dreimal um sich selbst und legte sich wieder hin, jetzt aber mit dem Rücken zum Feuer und den ausgestreckten Pfoten zu uns. Ich hatte nicht bemerkt, wie Susan sich bewegt hatte, aber jetzt berührte sie mich nicht mehr. Ihre Schultern waren wieder angespannt.

„Möchtest du noch etwas Wein?“, fragte ich.

„Nein, danke.“

Wir schwiegen wieder. Die Stille knirschte geradezu. Es war nicht ruhig, jetzt lag Wut in der Luft. Ich stand auf, ging in die Küche und blickte aus Susans Fenster in die Dunkelheit.

„Suze“, sagte ich, „was zum Teufel ist eigentlich los?“

„Bin ich verpflichtet, dir alles über jeden zu erzählen, den ich mal gekannt habe?“

„Ich kann mich nicht erinnern, das verlangt zu haben.“

„Dann lass bitte meine Ehe aus dem Spiel.“

„Suze, zum Donnerwetter, du bist doch damit zu mir gekommen!“

„Ich habe dich um Hilfe gebeten, nicht um Zustimmung.“

Sie war jetzt ziemlich erregt. Bis eben war sie das noch nicht gewesen. Das würde auch wieder vorübergehen. Aber im Augenblick machte es keinen Sinn weiterzureden.

„Okay“, sagte ich. „Wir treffen eine Abmachung. Ich helfe Brad Sterling und erzähle dir nichts darüber, außer du fragst.“

„Gut.“

„Und jetzt gehe ich, glaube ich, besser nach Hause.“

„In Ordnung.“

Pearls Augen folgten mir, als ich aus der Küche trat, sie wedelte mit dem Schwanz, hob aber nicht den Kopf. Ich beugte mich zu ihr, streichelte sie und ging zur Wohnungstür.

„Gute Nacht“, sagte ich.

„Gute Nacht.“

Unterwegs hielt ich an und holte mir bei einem China-Imbiss was zu essen. Als ich zu Hause ankam, blinkte mein Anrufbeantworter. Ich stellte das Essen noch in der Pappe zum Warmhalten in den Backofen und hörte mir die Nachricht an.

Susans Stimme sagte: „Es tut mir leid. Bitte ruf mich morgen an.“

Ich schenkte mir ein bisschen irischen Whiskey in ein Glas mit Eiswürfeln. Scotch und Bier waren belebend, ebenso der eine oder andere Martini. Ein irischer Whiskey war Medizin. Ich stand an meinem vorderen Fenster und trank den Whiskey. In der Wohnung war es sehr still. Draußen war Wind aufgekommen, was unüblich war – normalerweise legte er sich gegen Abend – und er blies einige Plastikbecher die Marlborough Street entlang. Der Streit ging mir etwas an die Nieren, aber ich würde darüber hinwegkommen und sie ebenfalls – unsere Beziehung konnte durch so etwas nicht wirklich aus dem Lot geraten. Was mich verstörte, war, dass ich nicht herausfinden konnte, warum wir uns gestritten hatten. Unten auf der Straße führte eine Frau in einem langen Mantel einen gelben Labrador aus. Sie gingen Richtung Arlington Street. Der Hund zog an der Leine und hielt wegen des Windes den Kopf gesenkt, wedelte aber fröhlich mit dem Schwanz und schnüffelte überall herum. Ich trank einen Schluck Whiskey. In Susans Zorn hatte etwas mitgeschwungen, das mit Zorn nichts zu tun hatte. Unterhalb ihres Gefühlsausbruchs hatte ich etwas wahrgenommen, das lange Zeit nicht dagewesen war. Sie hatte vor kaum etwas Angst. Aber wenn sie Angst hatte, wurde sie wütend. Der Hund hielt an der Arlington Street und überquerte sie, als die Ampel umsprang, ohne dass ich die Frau mit der Leine sehen konnte. Irgendwas an Brad Sterling machte ihr Angst. Es lag nicht an Brad selbst. Das einzige, wovor Susan wirklich Angst hatte, war sie selbst. Es war etwas, das Brad symbolisierte. Wenn es um jemand anderen gegangen wäre, hätte ich sie danach fragen können. Aber es ging um sie selbst. Der Hund war irgendwo in der Parkanlage verschwunden, wo er jetzt vielleicht ohne Leine hinter den Ratten am Bootsanleger des Schwanenteichs herjagte und sich amüsierte. Ich trank noch etwas Whiskey. Die ganze Sache sah überhaupt nicht gut für mich aus.

5

Wenn vier Frauen jemanden verklagen und eine von ihnen ist mit Francis Ronan verheiratet, dann musste sie die zentrale Figur in der Angelegenheit sein. Also besuchte ich sie zuerst.

Jeanette Ronan lebte mit ihrem Ehemann in einem mächtigen, großen, grauverschindelten Haus am Rand des Marblehead Neck, wo der Atlantik über die glänzenden Felsvorsprünge am Rand des Gartens schäumte. Die Vorderseite des Anwesens wurde von einem Steinmäuerchen begrenzt, rechts und links vom Eingang waren Säulen aus rohem Stein errichtet worden. Das Grundstück war hügelig, mit alten Bäumen bewachsen, die jetzt am Ende des Winters noch keine Blätter trugen. Die Auffahrt, die nach rechts bog und dann hinter dem Haus verschwand, war mit rotem Schotter bedeckt und es gab jede Menge Beete, die in der kraftlosen Märzsonne einen leblosen Eindruck machten. Ich parkte im Wendehammer auf dem Hügel neben einem roten Mercedes Sportcoupé und einer Luxuslimousine. Es blieb noch genug Platz übrig, um mehrere Busse und einen Lastwagen mit Kaviar dort abzustellen.

Zum Haus gehörte eine breite Veranda, die um drei Seiten herumlief. Ich stieg die niedrigen Stufen hinauf und klingelte. Durch die doppelten Glastüren konnte ich einen langen Flur erkennen. Auf dem polierten Eichenholzboden lagen Perserteppiche, an den Wänden hingen Messinglampen. Machte nicht gerade den Eindruck einer typischen Professorenwohnung. Eine Frau mit blonden Haaren und leichter Bräune im Gesicht kam den Flur entlang und öffnete die Tür. Sie sah sehr gut aus. Ich reichte ihr meine Karte.

„Mrs. Ronan?“

„Ja, Sie sind Mr. Spenser.“

Ich bestätigte das und wir gingen hinein.

„Mein Mann ist im Wintergarten“, sagte sie.

Ich hatte die Verabredung mit ihr getroffen, aber ich sagte nichts weiter dazu. Wir gingen den ganzen Flur entlang, was mir die Gelegenheit gab, die Bewegungen ihrer Hüften zu studieren, für den Fall, dass ich sie mal beschatten sollte. Ich fragte mich, ob das wohl schon unter sexuelle Belästigung fiel. Gibt es eine sexuelle Belästigung, auch wenn das Opfer nichts davon weiß? Wenn ein Baum im Wald umkippt … Am Ende des Flurs wandten wir uns nach rechts und traten in ein verglastes Zimmer. Von hier aus konnte man über den zehn Meter tiefer schäumenden Atlantik blicken und die Gischt einiger Wellen, die sich an den Felsen brachen, sprühte gegen das Glas. Der Effekt war ziemlich beeindruckend.

Francis Ronan trank Kaffee.

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