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Spanische Glut

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1. KAPITEL

Die Luft stand in dem abgedunkelten Raum, und es war warm, aber nicht allzu unangenehm. Draußen auf den sanft gewellten, sonnengebleichten campos dagegen würde die Hitze an diesem Julinachmittag beinah unerträglich sein.

Cassie wartete. Sie fühlte sich verschwitzt in dem grauen Leinenkostüm, das sie für die Reise von London zum riesigen Landsitz Las Colinas Verdes in Andalusien angezogen hatte. Von täuschend schlichter Eleganz, hatte es den Flug und die Taxifahrt bis hier draußen zu ihrer Erleichterung gut überstanden. Schließlich wollte sie unbedingt einen geschäftsmäßigen Eindruck erwecken.

Cassie strich sich über das dichte rötlich braune Haar, um sicherzugehen, dass sich keine Strähne aus dem strengen Knoten im Nacken gelöst hatte. Ihr Herz schlug gleichmäßig – auch das war ein Trost. Es gab überhaupt keinen Grund, sich aufzuregen. Immerhin war sie keine nervöse, verliebte Braut von einundzwanzig mehr. Inzwischen war sie drei Jahre älter und wesentlich klüger.

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sie in Anbetracht ihrer eher durchschnittlichen Erscheinung so gut aussah, wie es eben ging, warf sie einen Blick auf die Uhr und fragte sich, wie lange sie wohl noch würde warten müssen. Das Taxi, das sie nach der Fahrt vom Flugplatz Jerez abgesetzt hatte, war bereits vor einer guten halben Stunde wieder abgefahren. Allmählich empfand sie die Atmosphäre in dem düsteren Raum mit den vielen schweren Möbeln und den geschlossenen Fensterläden, die die gnadenlose Hitze abhalten sollten, als bedrückend.

„Ich lasse Ihrem Mann ausrichten, dass Sie hier sind“, hatte ihre Schwiegermutter Doña Elvira höflich erklärt. Höflich ist sie immer gewesen, erinnerte sich Cassie, auch wenn sie mich beleidigt hat. Ihre beiden älteren Schwestern, Romans Tanten, Tía Agueda und Tía Consuela hatten ihr unweigerlich alles nachgeplappert.

„Erwartet mein Sohn Sie?“ Doña Elvira hatte die aristokratische Nase gerümpft und damit verraten, dass sie wusste, dass Roman sie nicht erwartet. Bestimmt hatte er längst das bisschen Interesse verloren, das er vielleicht einmal für seine unpassende, von ihm getrennt lebende Frau gehegt haben mochte.

Da sie sich nicht mehr so leicht verunsichern ließ, hatte Cassie die Frage ignoriert und kühl geantwortet: „Ich werde warten. In der Zwischenzeit möchte ich mit Roy sprechen. Würden Sie so nett sein und ihn mir herschicken?“

Deshalb wartete sie nun. Ihr in Ungnade gefallener Zwillingsbruder Roy war offenbar unabkömmlich. Als Teil der Strafe, die ihm kurz zuvor auferlegt worden war, hatte man ihm die Aufgabe übertragen, draußen in der gleißenden Sonne Zäune zu errichten. „Ich stehe auf Las Colinas Verdes unter Hausarrest, bis Roman sich entscheidet, was mit mir geschehen soll“, hatte er sich bei jenem Telefonat vor zwei Tagen verzweifelt beklagt. „Zehn Jahre in spanischen Gefängnissen halte ich nicht aus, Cassie.“ In einem Anflug von Panik fügte er hinzu: „Eher nehme ich mir das Leben! Du könntest Roman bestimmt dazu bringen, auf eine Anzeige zu verzichten. Auf mich hört er nicht. Du kennst ihn ja – er hat eine scharfe Zunge und behält, selbst während er mich zurechtweist, seine undurchdringliche Miene bei, so dass ich nie weiß, was er denkt! Deshalb ist es mir bisher nicht gelungen, ihm meinen Standpunkt klarzumachen.“

„Ich rufe ihn heute Abend an“, versprach Cassie widerstrebend. Sie konnte die Enttäuschung über das Verhalten ihres Bruders kaum ertragen, und dass er sie einfach in den Schlamassel hineinzog, den er angerichtet hatte, machte sie fast krank. „Das Telefonat führe ich lieber von der Wohnung aus. Hier in der Boutique ist im Moment zu viel los.“ Am ersten Tag des Sommerschlussverkaufs war der Laden voll mit Schnäppchenjägern. Ihre Chefin und beste Freundin Cindy Corfield gab ihr bereits Zeichen, dass sie ihr Gespräch beenden und nach vorn kommen solle, um ihr zu helfen. „Obwohl er auf mich wahrscheinlich genauso wenig hört wie auf dich“, warnte Cassie Roy. Ihre Stimme hatte heiser geklungen, denn die Kehle war ihr wie zugeschnürt. „Wenn ich ihn bitte, dich nicht vor Gericht zu bringen, wird er vermutlich genau das Gegenteil tun, nur um mir eins auszuwischen. Du hättest gar nicht erst so etwas Idiotisches anstellen sollen!“

„Ich weiß, und es tut mir auch leid – aber verdammt, Cassie, es nützt mir gar nichts, wenn du ihn nur anrufst. Er wird einfach auflegen, denn sein Stolz macht ihn total unnachgiebig. Du kennst doch Roman. Komm lieber her! Dann kann er dich nicht ignorieren. Er wird schon auf dich hören. Cass, der Mann liebt dich immer noch, auch wenn du ihn verlassen hast.“

Das war natürlich absurd. Roman Fernandez hatte sie nie geliebt. Er hatte sie nur geheiratet, weil es damals seinen Zwecken diente. Und sie? Darüber dachte sie lieber nicht nach. Niemals. Vor drei Jahren war sie naiv und schrecklich verletzlich gewesen. Roman hatte ihre Tränen getrocknet und sie unglaublich glücklich gemacht. Leider war es ein kurzlebiges Glück gewesen. Es hatte kaum die Hochzeit überdauert. Aber genug davon. Sie war heute eine reife Frau, die nichts davon hielt, lange über die Fehler der Vergangenheit nachzugrübeln. Nur weil sie den größten Teil ihres Lebens für ihren leichtfertigen Zwillingsbruder eingetreten war, hatte sie sich breitschlagen lassen, zu tun, worum er sie bat. Vermutlich hatte Roy es nicht verdient, doch sie wusste, wie einsam und verzweifelt er sich fühlen würde, und hatte daher beschlossen, ihr Bestes zu geben und darauf zu hoffen, dass es ausreichen würde.

Also wartete sie hier und zwang sich, still zu sitzen, statt nervös auf ihrem Stuhl hin- und herzurutschen. In den achtundvierzig Stunden, seitdem ihr Bruder sie um Hilfe gebeten hatte, hatte sie sich genau zurechtgelegt, was sie Roman für Roys Freiheit anbieten wollte. Ein Angebot, das nur ein mieser Kerl ausschlagen konnte. Cassie versuchte, die Erinnerung daran zu verdrängen, dass genau diese Bezeichnung auf Roman zutraf. Trotz all ihrer Hoffnungen und Erwartungen schlug ihr das Herz bis zum Hals, als er schließlich den Raum betrat und die schwere, getäfelte Tür hinter sich zuzog.

Er trug einen schwarzen Hut mit gerader Krempe, der seine Augen beschattete. Sein schwarzes Baumwollhemd und seine Jeans waren staubbedeckt von der Arbeit auf den campos. Mit ihm drang ein Duft von Leder, Männlichkeit und Sommerhitze in den muffigen Raum, der, wie sie aus den langen, einsamen Monaten, die sie hier verbracht hatte, genau wusste, nie gebraucht wurde, außer als Abstellraum für unbenutzte Möbel.

Roman sah einfach umwerfend aus. Sie hatte sich nie einzureden versucht, dass er nicht der bestaussehende Mann wäre, den sie je getroffen hatte. Es wäre auch vergeblich gewesen. In der Hoffnung, dass sie jetzt so beherrscht wirkte, wie sie es sich vorgenommen hatte, ignorierte sie die Wirkung, die er auf sie ausübte. Sie war eine Frau, die ihr Leben einer gründlichen Prüfung unterzogen und die negativen Phasen, in denen Roman die Hauptrolle spielte, gestrichen hatte und die sich nun auf ihr eigenes Leben konzentrierte.

Sein fantastisches Aussehen bedeutet nichts, wenn sich dahinter ein hartes Herz verbirgt, sagte Cassie sich energisch und stand auf. So sorgfältig zurechtgemacht, wie sie war, konnte sie es mit ihren ein Meter dreiundsechzig plus sieben Zentimetern bleistiftdünnen Absätzen mit jedem Mann aufnehmen, selbst wenn er fast einsneunzig maß, muskulös und zwölf Jahre älter war als sie.

„Man hat mir ausgerichtet, dass du da bist“, eröffnete Roman das Gespräch. Seine rauchige, verführerische Stimme mit dem leichten spanischen Akzent übte trotz allem, was gewesen war, immer noch die gleiche Wirkung auf sie aus wie früher. Cassie erschauerte. „Es tut mir leid, dass du warten musstest.“ Ein Blick in seine dunkelgrauen Augen verriet ihr, dass es ihm überhaupt nicht leid tat. Roman nahm den Hut ab und warf ihn lässig quer durch den Raum auf den Tisch, der unter einem der Fenster stand. Sein Haar war so tiefschwarz, wie sie es in Erinnerung hatte, aber er trug es inzwischen für ihren Geschmack etwas zu lang.

Als sie noch zusammenlebten, hatte er sich nie um ihre Gefühle gekümmert. Warum sollte er es heute tun? „Was führt dich her?“ Er neigte fragend den Kopf, und seine Augen funkelten kalt. „Haben dich das Jahr in einem Provinznest, ein Job in einem zweitklassigen Modegeschäft und dein Leben in der heruntergekommenen, winzigen Wohnung über dem Laden gelehrt, dass es dir hier bei deinem Ehemann sehr viel besser gehen würde? Bist du deshalb zurückgekommen?“

Wie er so breitbeinig vor ihr stand, die Daumen in den Hosenbund seiner Jeans geschoben, und sie mit unergründlicher Miene betrachtete, konnte sie nicht einmal erahnen, was in ihm vorging. Am liebsten hätte sie ihn gar nicht angesehen, doch es ließ sich leider nicht vermeiden – es sei denn, sie wollte feige erscheinen oder, noch schlimmer, schuldbewusst, als hätte sie etwas zu verbergen. Sie stand innerlich plötzlich von Kopf bis Fuß in Flammen – vor Ärger natürlich. Ärger darüber, dass Roman ihre Arbeit und ihr Zuhause so abwertete und weil ihr mit einem Mal bewusst wurde, dass er sich ohne ihr Wissen während der vergangenen zwölf Monate über sie auf dem Laufenden gehalten hatte.

Cassie verlor kein Wort darüber, dass die Boutique florierte, die sie gemeinsam mit Cindy führte, oder die Wohnung über dem Laden zwar klein, aber ganz und gar nicht heruntergekommen war. Stattdessen setzte sie eine ebenso undurchdringliche Miene auf und kam ohne Umschweife auf den Grund ihres Besuchs zu sprechen. „Ich bin hier, weil Roy Schwierigkeiten hat und mich braucht.“

„Ich frage mich, warum mich das überhaupt nicht überrascht“, sagte er langsam. Sarkasmus schwang in seiner Stimme, aber ein beinah unmerkliches Zucken seiner aristokratischen Züge verriet ihr, dass sie offenbar einen Nerv getroffen und irgendetwas in ihm berührt hatte. Sie blickte Roman mit ihren hellbraunen Augen aufmerksam an. Geduldig wartete sie auf weitere Reaktionen, denn vielleicht würde sie sie zu ihrem Vorteil nutzen können. Da aber außer einem lastenden Schweigen nichts folgte, nahm sie wieder auf dem Stuhl mit den schweren Holzschnitzereien und der geraden Rückenlehne Platz.

Langsam schlug sie die langen Beine übereinander und beobachtete dabei sein Gesicht. Er verfolgte die unbewusst elegante, beinah provokative Geste. Ihr stockte der Atem, als ihr zu ihrem Entsetzen klar wurde, dass Roman bemerkt hatte, wie ihr enger Rock beim Hinsetzen ein ganzes Stück heraufrutschte … und ihm der Anblick ganz offensichtlich gefiel.

Nein, sie wollte jetzt nicht darüber nachdenken, ob sie auf ihn anziehend oder erotisch wirkte. Cassie verbarg ihre plötzliche Nervosität und sprach ganz ruhig weiter. „Ich kann gut verstehen, dass du sauer auf Roy bist. Das geht mir genauso. Sein Verhalten war eine Schande.“

„Dann sind wir uns zur Abwechslung ja einmal einig, mia esposa.“

Diese coole, ja sogar leicht amüsierte Erwiderung brachte sie kein Stück weiter. Cassie atmete einmal tief durch und verschränkte resolut die Finger. „Ihn ins Gefängnis zu stecken würde gar nichts nützen, das siehst du doch sicher ein. Sein ganzes Leben wäre ruiniert. Dabei ist er erst vierundzwanzig. Ganz abgesehen davon, dass es dem guten Ruf der Familie Fernandez erheblich schaden würde.“

Die Ironie im letzten Satz war deutlich zu hören. Cassie hatte sie sich nicht verkneifen können, denn der Stolz auf ihre Herkunft und den großen Familienbesitz mit den Weinbergen, Viehherden, Weizenfeldern und Olivenplantagen und natürlich die gesellschaftliche Position der Familie, die zu den ältesten Sherryproduzenten Spaniens gehörte, war das Lieblingsthema von Doña Elvira und ihren Schwestern gewesen. Stundenlang hatten sie darüber geredet, immer und immer wieder. Zweifellos hatten sie ihr damit klarmachen wollen, dass sie als Ehefrau des Erben all dieser Reichtümer bei weitem nicht gut genug war!

„Schlägst du vor, Roy ohne Strafe davonkommen zu lassen?“ Mit wenigen geschmeidigen Schritten durchquerte Roman den Raum. Seine Bewegungen waren lässig, und er hatte breite Schultern, schmale Hüften und lange Beine. Er öffnete die Fensterläden, und das grelle Licht durchflutete den Raum. Vermutlich will er genauer beobachten können, wie ich reagiere, dachte Cassie müde.

Jetzt stand er mit dem Rücken zum Fenster. Sein Gesicht lag im Schatten. Ein Rätsel. Na und? Sie hatte noch nie erraten können, was er dachte. Das war jetzt auch egal. Er bedeutete ihr nichts mehr. Vor einem Jahr hatte sie die Sinnlosigkeit ihrer Ehe erkannt und war gegangen, und wenn sie noch ein Jahr wartete, konnte sie die Scheidung einreichen. Im Moment war ihr einziges Ziel, ihren Bruder aus seinen Schwierigkeiten zu helfen und dann nach England zurückzufliegen.

„Wenn du Roy nicht anzeigst, nehme ich ihn mit nach Hause. Das kannst du zur Bedingung machen, wenn du willst“, schlug sie ihm die Lösung vor, die sie sich nach dem Telefonat mit Roy überlegt hatte. „Dass er Spanien verlassen muss, wird Strafe genug sein. Er liebt dieses Land.“

„Das glaube ich nicht“, erwiderte Roman ungerührt. „Ihm gefällt an Spanien, dass er durch deine Heirat zu einer der reichsten Familien Andalusiens gehört. Das gibt ihm das Gefühl, wichtig zu sein.“

Zyniker! Cassie verkniff sich instinktiv den Vorwurf. Warum sollte sie Zeit und Worte darauf verschwenden, das Offensichtliche auszusprechen? Er hatte sie schließlich auch aus reinem Zynismus geheiratet. Energisch wehrte sie sich gegen die Erinnerungen an die furchtbare Zeit ihrer Ehe. Sie wollte sich die Gelassenheit bewahren, die sie sich in dem Jahr, das sie weit weg von ihrem lieblosen Mann und seiner snobistischen Familie verbracht hatte, so mühsam angeeignet hatte. Ihre Gefühle für Roman hatte sie hoffentlich endgültig überwunden, und nun baute sie sich eine eigene Existenz auf, mit Menschen, die sie liebten und respektierten. In ihrer neuen Umgebung vermittelte ihr niemand Minderwertigkeitskomplexe.

Cassie straffte sich, hielt sich im Geist selbst die Daumen und spielte ihr As aus. „Willst du wirklich riskieren, dass der Name deiner Familie so in den Schmutz gezogen wird? Stell dir bloß das Gerede vor, wenn bekannt wird, dass der Schwager von Roman Fernandez hinter Gittern sitzt!“

Er trat näher, stellte sich direkt vor sie hin und sah auf sie herab. Sie wehrte sich gegen die Wirkung, die seine bloße Kraft und Nähe auf sie ausübten.

„Die Sympathien wären sicher alle auf der Seite meiner Familie, weil sie das Pech hatte, mit deiner verbunden zu sein. Man würde es uns hoch anrechnen, dass wir nach dem Buchstaben des Gesetzes handeln, egal, was es uns kosten mag. Du musst zugeben, dass es sehr nobel von uns wäre.“ Roman lächelte zwar, doch sein Blick blieb kalt. „Nein, Cassie, du musst mir schon etwas Besseres anbieten.“

Cassie unterdrückte einen Seufzer und konnte sich gerade noch beherrschen, um ihm nicht einen Schlag in das gut aussehende, arrogante Gesicht zu versetzen. Es hatte keinen Zweck, an sein besseres Ich zu appellieren, und es war erst recht sinnlos, überhaupt zu ihm durchdringen zu wollen. Das war ihr noch nie gelungen, nicht einmal ganz am Anfang ihrer Ehe.

„Ich zahle dir jede Peseta zurück, die er dir gestohlen hat“, bot sie ohne viel Hoffnung an. Dabei wusste sie nicht einmal, um welche Summe es sich handelte. Roy hatte sich zu dem Thema nur sehr vage geäußert, um es milde auszudrücken. Vielleicht würde sie den Betrag ihr ganzes Leben lang abzahlen, aber das war es ihr wert.

Sie weigerte sich, sich einzugestehen, dass sie verletzt war, und blickte Roman herausfordernd an. „Du bekommst dein Geld zurück, keine Sorge. Außerdem wirst du Roy und mich sofort los. In einem Jahr lassen wir uns scheiden, und du kannst vergessen, dass deine kostbare Familie jemals etwas mit meiner zu tun hatte. Und dann …“ Cassie verstummte unvermittelt, denn ihr Herz krampfte sich zusammen, und die Intensität des Schmerzes überraschte sie. „… dann kannst du endlich Delfina heiraten. Mit einer so passenden Verbindung würdest du deine Mutter und deine Tanten sicher sehr glücklich machen. Delfina natürlich auch. Mir ist damals immer ganz schlecht geworden, wenn ich zusehen musste, wie schamlos sie mit dir geflirtet hat. Dabei warst du doch mit mir verheiratet. Und du bist auf sie eingegangen!“

Kaum waren ihr diese unüberlegten Worte entschlüpft, bereute Cassie sie schon, denn sie verrieten, wie verunsichert sie in der Vergangenheit gewesen war. Sie war doch längst darüber hinweg. Nach der Scheidung konnte er von ihr aus heiraten, wen immer er wollte. Es interessierte sie überhaupt nicht, wer die Auserwählte war! Ein kurzer, prüfender Blick in sein spöttisches Gesicht bewies ihr, dass Roman ihr diese abgeklärte Haltung nicht abnahm. Er hatte eine Augenbraue vielsagend hochgezogen und schüttelte wissend den Kopf. So ein eingebildeter Kerl, dachte sie wütend, er hält mich für eifersüchtig und glaubt tatsächlich, ich würde immer noch etwas für ihn empfinden. Unerträglich!

Cassie sprang auf und strich mit zittrigen Händen ihren engen Rock glatt. Sie spürte, dass sie heftige Kopfschmerzen bekam und ihr Magen sich zusammenkrampfte. Bisher hatte ihr Besuch nichts gebracht außer allzu lebhafte Erinnerungen an die beiden unglücklichsten Jahre ihres Lebens. Trotzdem musste sie es weiter versuchen. „Also sind wir uns einig?“ Betteln würde sie nicht. Das brachte sie nicht einmal für ihren Zwillingsbruder fertig. Früher hatte sie Roman oft um etwas gebeten. Viel zu oft. Sie hatte ihm ihren Stolz zu Füßen gelegt, damit er darauf herumtrampelte – eine sehr erniedrigende Erfahrung. Und immer ohne Erfolg. Das würde sie sich nicht noch einmal antun.

„Nein“, antwortete er ungerührt. „Zumindest nicht so, wie du es vorschlägst. Du überraschst mich, Cassandra“, fügte er in einem Ton hinzu, als würde er an ihrem Geisteszustand zweifeln. „Als wir heirateten, gab ich deinem Bruder einen Job in der Buchhaltung des Unternehmens in Jerez, weil er sich seinen eigenen Angaben zufolge nicht von deinem Schürzenzipfel lösen und allein nach England gehen wollte. Auch war er dagegen, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und Medizin zu studieren. Er vergoss beinah Tränen, als ich ihn daran erinnerte, dass sein Vater es von ihm erwartet hätte.“

„Mein Bruder war gerade einundzwanzig und wusste nicht, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Er hatte vor kurzem den Vater verloren, musste die Tatsache akzeptieren, dass der Familienbesitz verkauft wurde, damit wir die Schulden unseres Vaters bezahlen konnten, und ist im Gegensatz zu dir nicht von Geburt an mit Geld überschüttet und in dem Glauben aufgezogen worden, dass er jedem anderen Wesen auf dem Planeten haushoch überlegen ist!“, verteidigte sie ihren Bruder hitzig.

Roman ignorierte ihren Ausbruch, als wären die heftigen Worte nie gefallen, genau wie er in der Vergangenheit jeden Satz, den sie sagte, ihre Ansichten und ihre Bedürfnisse einfach nicht zur Kenntnis genommen hatte. „Zuerst gab ich Roy einen gut bezahlten Job. Als er sich nach einer Weile über die Abhängigkeit von der Familie in Jerez beklagte, zahlte ich ihm zusätzlich die Miete für ein eigenes Apartment. Er dankte es mir, indem er immer später im Büro auftauchte und immer früher ging. Oft genug kam er überhaupt nicht. Am Ende betrog er mich und meine Familie, indem er einen nicht geringen Geldbetrag veruntreute.“ Er zuckte die Schultern, als würde die Unterhaltung ihn allmählich langweilen. „Wenn du ihn jetzt vor den Konsequenzen seiner kriminellen Handlungen schützt und das Geld zurückzahlst, das er gestohlen hat, wird das kaum zu seiner Charakterbildung beitragen, denke ich.“

Cassie zuckte zusammen. Sie gestand es nur ungern ein, doch er hatte natürlich recht. Allerdings kannte sie ihren Bruder wesentlich besser als Roman und war daher sicher, dass eine Gefängnisstrafe ihn kaum zu einem verantwortungsbewussten Menschen machen würde. Cassie fasste sich an die Schläfen. Ihre Kopfschmerzen wurden immer schlimmer. Sie hatte die lange Reise auf sich genommen, war Roman gegenübergetreten, hatte die Erniedrigung über sich ergehen lassen, dass er ihr großzügiges Angebot einfach vom Tisch fegte, als wäre es ein idiotischer Vorschlag gewesen … und hatte trotzdem gar nichts erreicht. Sie fühlte sich missachtet und wie gerädert – ein ganz und gar nicht angenehmes Gefühl. Cassie zwang sich aufzustehen.

„Wenn das dein letztes Wort ist, werde ich wieder abfahren. Aber ich möchte Roy kurz sprechen, ehe ich gehe“, brachte sie hervor. „Ich warte hier, bis er Feierabend hat.“ Bestimmt würde Roman nicht so herzlos sein, ihr diesen Wunsch abzuschlagen. Sie musste ihren Zwillingsbruder einfach kurz sehen und ihn wissen lassen, dass sie ihr Bestes für ihn getan hatte. Außerdem wollte sie ihm raten, sich seiner Strafe wie ein Mann zu stellen und zu ihr nach England zu kommen, sobald er die Zeit abgesessen hatte. Dann wollte sie ihm jede Unterstützung für einen erfolgreichen neuen Anfang zukommen lassen.

„Wie schade! Ich hatte schon gedacht, du hättest etwas Rückgrat entwickelt“, sagte Roman betont locker. „Du gibst viel zu leicht auf, Cassie.“

Schweißperlen traten ihr auf die Haut, und sie verschränkte schnell die Arme vor der Brust, weil sie fürchtete, gleich die Beherrschung zu verlieren. „Mir scheint, du weißt nicht, wovon du sprichst“, erwiderte sie so gelassen wie unter diesen Umständen möglich. „Du hörst überhaupt nicht richtig zu. Was soll ich also deiner Meinung nach tun? Auf dem Stuhl sitzen bleiben wie ein artiges kleines Mädchen, bis ich dort Wurzeln schlage?“ Sie sah ihm direkt in die Augen und versuchte, die Fassung zu wahren.

„Zugehört habe ich“, erwiderte Roman so ungerührt, dass sie insgeheim auf die Barrikaden ging. Sie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. „Das kann schon sein, aber du weigerst dich, meinen Vorschlag überhaupt in Betracht zu ziehen.“

„Ich wusste nicht, dass es obligatorisch ist.“ Unbeeindruckt zuckte er die Schultern.

Was für ein unmöglicher Kerl! Cassie schluckte ihre Wut hinunter, streifte den Riemen ihrer Umhängetasche über die Schulter und wandte sich zum Gehen. Doch so leicht machte Roman es ihr nicht. Mit einem Schritt war er bei ihr und umfasste ihren Arm.

Sie wollte nicht, dass er sie berührte. Cassie spürte seine warme Hand durch den dünnen Stoff, und plötzlich wurden unliebsame Erinnerungen wach. Einen Moment lang war sie sprachlos.

„Gut, dass du etwas zugenommen hast, Cassie. Während der zwei Jahre, die wir zusammengelebt haben, hast du eher ausgesehen wie ein Strich in der Landschaft. Manchmal habe ich mir deswegen Sorgen um dich gemacht.“

Sorgen? Von wegen! Sein Interesse an ihrem Glück und Wohlbefinden war kaum der Rede wert gewesen. „Lügner!“, warf sie ihm zornig vor. „Die einzigen Menschen, die sich sorgten, weil ich abnahm, waren deine Mutter und die beiden Tanten. Und das laut der kostbaren Delfina auch bloß deshalb, weil sie fürchteten, ich wäre magersüchtig und möglicherweise unfruchtbar. Delfina erzählte mir sogar, dass deine Verwandten mich nur akzeptieren würden, wenn ich ein Kind von dir bekäme.“ Hitzig fuhr sie fort: „Ich hätte ihnen sagen sollen, dass ich dünner wurde, weil ich so schrecklich unglücklich war, und dass ich nicht schwanger wurde, weil du nicht mit mir geschlafen hast!“ So, jetzt war es heraus.

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