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Spaghetti mit Schokosoße

Über die Autorin

Ruth Löbner, Jahrgang 1976, studierte Allgemeine Sprachwissenschaft in Köln und Düsseldorf. Sie arbeitet als freischaffende Kinderbuchautorin und lebt mit ihrer Familie in Rheydt. Ihre Texte wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Über den Illustrator

Karsten Teich, geboren 1967, studierte Kunst an der Hochschule der Künste in Kassel. Seit 2001 illustriert er Kinderbücher für verschiedene Verlage. Seine Figuren und Geschichten haben inzwischen viele Freunde gefunden. Er zeichnet, schreibt und lebt mit seiner Familie in Berlin.

BASTEI ENTERTAINMENT

Falls es den kosmischen Plan wirklich gibt,

dann hat er mir zwei Lebens-Freundinnen

gebracht: Eva und Nikola.

Euch beiden widme ich dieses Buch.

Samstag, der 16. April
9:45 Uhr

Joram sitzt am Klavier und strickt. Er strickt sich einen bunten Pullover aus Tönen.

A-Moll.

F-Dur.

D-Moll.

Jede Tonleiter webt eine andere Farbe ins Wohnzimmer. Fusseliges Gelb, wie ein dicker, flauschiger Wollfaden. Das ist B-Dur. Dann eine glatte, hellblaue Schnur. G-Moll.

Jorams Finger arbeiten, ohne dass sein Gehirn den Befehl dazu erteilen muss. Das Technikprogramm spielt er seit Jahren jeden Tag in der gleichen Reihenfolge. Er weiß genau, welche Farbe nach Gelb kommen muss, welche nach Hellblau, welche nach Grün ... In seinen Gedanken verstricken sich dabei die Ton-Fäden zu einem schwebenden bunten Rollkragenpullover, den er sich zum Schluss überzieht. Kleines Ritual mit sich selbst.

Ganz, ganz selten kann Joram die Musik nicht nur hören und sehen, sondern sogar schmecken, aber das passiert beim Tonleiter-Üben eigentlich nie, sondern nur bei Musik, die er ganz besonders liebt.

»Hast du deinen Rucksack schon gepackt?«, fragt Mama.

Sie stellt die Frage gerade zum fünften Mal an diesem Samstagmorgen.

»Nein«, antwortet Joram zur Abwechslung, aber Mama merkt es nicht mal. Sie kniet auf dem Boden, sortiert weiter ihre Biber-Blixie-Bücher von einem Regal ins andere und sagt: »Dann ist gut.«

Joram seufzt leise.

Normalerweise ist Mama seine Oase. Wenn es irgendwie wüstenmäßig zugeht in seinem Leben, ist immer Mama da, auf die er sich blind verlassen kann.

Dass sie sich heute nicht ganz so oasenmäßig benimmt wie sonst, hat drei Gründe. Der erste Grund ist die Exmann-Treff-Nervosität, die bei ihr immer aufkommt, kurz bevor Papa Joram zum Besuchswochenende abholt.

Wechsel zur c-Moll-Tonleiter, rot.

Was Wüsten-Situationen betrifft, ist Papa nämlich leider ein Wackelkandidat. Für Joram, und für Mama erst recht. Er kann eine Oase sein, aber manchmal entpuppt er sich auch als Fata Morgana. Besonders seit der Trennung. Seitdem benimmt er sich komplett anders als früher. Joram findet den neuen Papa nicht unbedingt schlecht, aber es ist ihm unheimlich, dass jemand, der früher Sushi und klassische Musik und Schach mochte, jetzt plötzlich Hamburger und Rock ’n’Roll und Basketball mag. Manchmal weiß Joram nicht, was der echte, der richtige Papa ist oder war, und was nur ein So-tun-als-ob-Vater, eine Fata Morgana halt.

Eine Weile dachte Joram, ›Fata‹ und ›Vater‹ müssten irgendwie zusammenhängen. Tun sie aber nicht. Er hat im Internet nachgeguckt.

Auf der Liste der ersetzbaren Sachen, der Sachen, die Papa früher mochte und jetzt nicht mehr, steht Joram Gott sei Dank nicht mit drauf. Aber Mama schon. Und deswegen ist es eigentlich für sie immer eine wüstenmäßige Situation, Papa zu treffen.

Joram knüpft sich As-Dur vor, Parallelbewegung, dann Gegenbewegung. Dunkelblau. Es geht wie im Schlaf. Nicht mal Mamas Rumpeln und Rumoren mit den Büchern kann ihn rausbringen. Sein Pulli ist jetzt fast fertig.

Papa ist also der erste Grund, warum Mama nervös ist. Der zweite Grund ist die Klavierprüfung. Jorams Musikinternats-Aufnahme-Prüfung in genau drei Tagen, dreiundzwanzig Stunden und – Joram linst kurz zur Wanduhr rüber – sechsundzwanzig Minuten. Wenn er diese Prüfung besteht, ist er ab dem nächsten Sommer Musikinternats-Schüler, dann zieht er weg, dann bekommt er eine Spitzenausbildung, dann wird er Pianist. Sein ganzes Leben hängt von dieser Prüfung ab! Der einzige Mensch, der deswegen noch mehr am Rad dreht als Mama, ist Joram.

F-Moll.

Der dritte Grund sind die beiden ersten Gründe zusammengenommen: Papa und das Internat. Mama fragt immer wieder nach dem total unwichtigen Rucksack, weil sie eigentlich was ganz anderes fragen will. Ihre echte, eigentliche Frage hat Joram während der letzten Woche selber ungefähr hundert Mal mit sich ausdiskutiert:

Ist das Papa-Wochenende eine gute Idee?

Für Nein spricht:

  • Am Mittwoch ist die wichtigste Prüfung meines Lebens (zumindest bis jetzt). Ich muss üben.
  • Papa hat kein Klavier in seiner Wohnung.
  • Wenn das Musikinternat mich nicht nimmt, denke ich vielleicht für immer und ewig, das übefreie Wochenende war schuld.

Für Ja spricht:

  • Ich könnte mal an was anderes denken als an die Prüfung (vielleicht).
  • Papa wäre supersauer, wenn ich absagen würde (mit Sicherheit).
  • Mama und er würden Krach kriegen.
  • Ich brauche kurz vor der Prüfung friedliche Eltern.
Abbildung

Er hat alles – wie immer, wenn etwas wichtig ist – in sein heiliges schwarzes Notizbuch eingetragen. Und weil es am Ende vier zu drei für JA stand, hat Joram also beschlossen, das Wochenende bei Papa zu verbringen. Aber besonders überzeugt war er von dieser Entscheidung nicht. Und Mama erst recht nicht, das weiß Joram ganz genau, auch wenn sie nicht offiziell protestiert hat. Aber je öfter sie nach dem Rucksack fragt, desto klarer wird, wie Mamas Protest sich anhört.

Jetzt ist Joram mit der orangefarbenen Des-Dur-Tonleiter rausgekommen. Er seufzt und fängt von vorne an.

Mama fällt ein riesiger Bücherstapel auf die Erde. »Mist.« Joram hört sie in seinem Rücken rumoren. »Sag mal, hast du eigentlich deinen Rucksack schon gepackt?«

Okay, es reicht. Joram nimmt die Finger von den Tasten, der fast komplette Tonleiter-Pullover fällt in sich zusammen, und Joram dreht sich auf seinem Klavierhocker zu Mama um. Vielleicht hat sie ja recht. Er wird das Papa-Wochenende jetzt abblasen, dann hat er Ruhe vor der Rucksackfragerei und kann in Frieden üben, so viel er will.

Oder – nein, lieber doch nicht. Papa ist ja schon unterwegs. Wenn er den wieder wegschicken muss, gibt es ein Donnerwetter.

Mama streicht über die abgeknickte Ecke eines der runtergefallenen Bücher. Es heißt Biber Blixie und der dritte Weg. Und da kommt Joram – endlich – die Erleuchtung.

»Mama? Ich glaub, ich frag Papa, ob er mich schon morgen nach dem Frühstück nach Hause bringen kann. Dann verlier ich nur einen Übe-Tag.«

Mama versucht gar nicht erst, ihre Erleichterung zu verbergen. Sie legt das Buch auf den Stapel, kommt zu Joram rüber und schmatzt ihm einen Riesenkuss auf den Kopf. »Gott sei Dank.«

Joram ist auch erleichtert. Der Kompromiss ist gut. Ein Tag Papa, ein Tag Üben. Kompromisse sind immer gut. Ein Kompromiss bedeutet, ein bisschen von allem zu bekommen. Ein wenig verzichten, ein wenig kriegen. Man muss sich entscheiden, aber nicht richtig. Die goldene Mitte, alle sind zufrieden.

Und überhaupt. Da hätte er echt früher drauf kommen können.

Genau in dem Moment klingelt es. Seit Papa ausgezogen ist, hat er natürlich keinen Schlüssel mehr für ihre Wohnung. Joram versteht das – so rein verstehmäßig. Aber anfühlen tut es sich immer noch total bescheuert, wenn Papa klingelt.

Bloß ist es gar nicht Papa, der da geklingelt hat. Als Joram die Tür aufmacht und ins Treppenhaus lauscht, hört er eindeutig Schuhgröße-38-Treppauf-Trippler, und die können nur seinem besten Freund gehören.

»Max?«, ruft Joram ungläubig, noch bevor er ihn sehen kann.

»Hi, bin ich zu früh?« Jetzt biegt Max um die Ecke und strahlt Joram an.

»Kann man so sagen«, antwortet Joram und mustert den Rucksack auf Max’ Rücken. »Ziemlich genau eine Woche und einen halben Tag.«

»Hö?!« Max quietscht mit seinen Turnschuhen ein Bremsgeräusch auf den Holzboden und schiebt sich verdattert seine Brille auf die Nasenwurzel. »Übernachte ich dieses Wochenende etwa nicht bei euch?«

Joram schüttelt den Kopf. »Nächstes«, sagt er. »Dieses Wochenende bin ich doch bei meinem Vater.«

Max blinzelt. Dann verzieht er seinen Mund irgendwie in Schnabeltierschnabelform und knurrt: »Skandal! Wir wollten doch das neue Blanko-Puzzle machen. Ich bin schon voll drauf eingestellt.« Zum Beweis für die Puzzle-Wut klimpert er mit den Fingern in der Luft rum.

Joram zuckt mit den Schultern. »Und jetzt?«, fragt er, immer noch in der offenen Wohnungstür.

Max linst an ihm vorbei in den Flur. »Ich könnte ja wenigstens mal kurz deiner Mutter Hallo sagen.«

Max und Mama, das ist im Moment keine so gute Idee, findet Joram. Wegen dieser ganzen Nervositäts-Sache. Max ist absoluter Mama-Fan. Er liebt ihre Biber-Blixie-Bücher (obwohl er dafür mit seinen zwölf Jahren viel zu alt ist), aber er liebt auch irgendwie Mama selber (obwohl er dafür mit seinen zwölf Jahren viel zu jung ist). Joram bezweifelt, dass Mama gerade der Sinn nach Fans steht. Aber da hat Max sich schon an ihm vorbeigequetscht.

Das »Warte!«, mit dem Joram ihn aufhalten will, beeindruckt ihn keinen Fitzel.

»Hi, Nikola!«

»Max?!«

Joram wusste es. Das ist definitiv nicht das Ach-wie-schön-dass-mein-größter-Fan-mal-wieder-vorbei-schaut-Gesicht. Das ist die reine Verdatterung, mit einer Prise Genervtheit.

»Ich weiß, ich bin zu früh.«

Mama guckt automatisch auf ihre Uhr, aber dann fällt ihr wohl ein, dass das bei Terminen, die sich um eine ganze Woche verfrühen, ja Quatsch ist, und sie guckt stattdessen Max an. »Tristan kommt gleich«, sagt sie. »Und holt Joram ab.«

»Hab schon gehört«, meint Max. »Aber wenn du willst, bleib ich hier und leiste dir ein bisschen Gesellschaft, wenn alle weg sind.« Probehalber zieht er sich schon mal sein Käppi aus.

»Äh, das ist eher ungünstig«, sagt Mama.

Käppi wieder auf.

»Ich muss heute sehr viel arbeiten.«

»Ein neues Buch?«, fragt Max eifrig. »Da kann ich dir vielleicht bei helfen.« Käppi runter. »Du kennst ja meine witzigen Ideen.«

»Die sind immer ganz prima!« Mama macht ein Pokerface, aber Joram sieht an der winzigen Schmunzelfalte in ihren Augenwinkeln, dass sie flunkert. Sie zieht Max sanft das Käppi über die Ohren, nimmt seinen Kopf in die Hände und sieht ihm tief in die Augen. »Trotzdem, heute nicht, Süßer, okay?«

Joram kann es förmlich tropfen hören. Bei Berührungen von Mama schmilzt Max sofort dahin. Und wenn sie ihn dann auch noch ›Süßer‹ nennt, bleibt von ihm nur noch eine Pfütze übrig.

»Okay«, flüstert er und lässt sich ohne Protest ins Treppenhaus schieben. »Dann komm ich nächste Woche wieder?«

Als Mama nickt, fließt er selig winkend die Stufen runter.

----

Papa veranstaltet trotz allem ein Donnerwetter, als er beim Abholen von dem neuen Plan hört. Er hat diese Kompromiss-Sache leider nicht so drauf.

»Ach, nee? Joram muss üben? Das ist ja mal was Neues.« Energisch wirft er sich den gepackten Rucksack über die Schulter. Er guckt dabei Mama an, obwohl es Joram war, der ihn gebeten hat, das Wochenende zu verkürzen.

»Tristan, bitte.« Mama versucht es mit Ruhe und Vernunft.

Papa macht nicht mit. »Wir hatten das doch schon hundert Mal! Dieses Kind soll einmal alle vierzehn Tage seine Ruhe vor dem Drill haben. Du weißt genau, wie ich dazu stehe.«

»Ja, das weiß ich«, sagt Mama müde.

»Dann versuch bitte nicht immer wieder, dagegenzuarbeiten!«

Papas Stimme verändert sich plötzlich. Er zischt nur noch, als wollte er verhindern, dass Joram mithört – was natürlich nicht funktioniert, bei der gefühlten Zisch-Lautstärke eines bremsenden ICEs: »Machst du das eigentlich mit Absicht? Mir ausgerechnet dieses Wochenende zu versauen?«

»In vier Tagen ist die Aufnahmeprüfung, das weißt du seit Monaten! Dein geniales Timing ist ja wohl kaum meine Schuld!«

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Joram versteht kein Wort mehr. Was für ein Timing? Wieso ›ausgerechnet dieses Wochenende‹?

»Ja, heute ist es die Aufnahmeprüfung.« Papas Stimme ist jetzt offenbar wieder für Söhne zugelassen. »Wenn er dann genommen wird, ist es das nächste Konzert, der nächste Wettbewerb, die nächste Prüfung. Aber ich sag dir was, Nikola: Ich hab Joram versprochen, ihn nicht hängen zu lassen, und das werde ich auch nicht tun. Ich sehe ihn alle vierzehn Tage für ein läppisches Wochenende. Das ist meine Strafe, vielleicht hab ich die ja sogar verdient, mag sein. Und ...«

Mama holt Luft, um zu widersprechen, aber Papa macht eine Handbewegung, die ihre Worte wegwischt, bevor sie sie rausgelassen hat. »Und«, wiederholt er betont langsam und ruhig, »von diesem bescheidenen Wochenende lass ich mir keine einzige Stunde nehmen, klar?« Papa hat die Hände in die Hüften gestemmt. Seine Augen sprühen Funken.

Mama guckt ihn mit diesem fragenden Blick an, Bedeutung: Kennen wir uns?!

Dann tut sich nichts mehr, außer, dass der Rucksack in Zeitlupe an Papas Arm runterrutscht. Joram muss eingreifen, sonst könnte es glatt passieren, dass sich das Raum-Zeit-Kontinuum verschluckt und die beiden für immer in ihren Positionen einfriert. Wenn der Rucksack ganz unten angekommen ist, orakelt Joram, ist es zu spät.

»Können wir nicht einen Kompromiss finden?«, fragt er schnell und hängt sich schon mal demonstrativ seine Tasche um. »Ich geh nächstes Wochenende noch mal zu Papa, dann holen wir den Sonntag nach.«

Er hat es noch nicht ganz ausgesprochen, da zuckt Joram innerlich zusammen. Am nächsten Sonntag wollte er mit Mama eigentlich ins Chopin-Konzert von seinem Klavierlehrer Henk gehen! Das hat er in der Kompromiss-Finde-Hektik total vergessen.

Er wirft Mama einen bestürzten Blick zu. Aber die benimmt sich absolut oasenmäßig und protestiert nicht.

Papas Kopf schwenkt in Jorams Richtung, bevor der Rucksack zitternd das letzte Stück Arm runterrutscht und dann an Papas aufgestütztem Handgelenk stoppt.

Das Raum-Zeit-Kontinuum atmet weiter. Das war knapp!

Papas freie Hand geht mit ausgestrecktem Zeigefinger in die Luft. Er will weiter donnerwettern, das sieht Joram genau. (Mit Kompromissen hat der es echt nicht!) Aber dann lässt er die Hand doch wieder sinken, zerrt sich damit den Rucksack über die Schulter und knurrt: »Meinetwegen.«

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Im Auto stellt Papa das Radio lauter. »Cooler Song, oder?«

Joram mmhmt unbestimmt. Seit wann redet Papa über Musik? Erst die komischen Zisch-Bemerkungen, dann der Verzicht auf das Donnerwetter und jetzt das. Da ist was im Busch. Garantiert.

Als sich im Rückspiegel ihre Blicke treffen, sieht Joram Papas Augen nervös flackern. Sofort schnürt sich seine Kehle zu. Beginnende panische Stimmritzenverengung. Stadium 1.

Damit kennt Joram sich leider aus. Der schlimmste Tag in seinem Leben fing auch mit einem nervösen Flackern in Papas Augen an, ging weiter mit der Geschichte von einer Reportagereise nach Amerika (bei der Papa sich selbst gefunden und erkannt hat, dass er bisher ein völlig falsches Leben geführt hat) und endete mit einer gruseligen Wohnung, die noch genauso aussah wie vorher, obwohl Papa dort nicht mehr wohnte. Nur seine fünf Paar Schuhe an der Garderobe, die waren weg. Und Jorams panische Stimmritzenverengung war da.

Papa schaltet den coolen Song aus. »Kumpel«, fängt er an. »Kann ich was mit dir besprechen?«

Na bitte!

»Logo«, krächzt Joram. Stadium 2. Er räuspert sich.

Papa setzt den Blinker und fährt weiter geradeaus. »Du weißt ja, dass Mama und ich uns getrennt haben.«

»Ach, wirklich?!« Joram dehnt mit den Worten seine Kehle. »Deswegen wohnst du seit einem Jahr nicht mehr zu Hause? Jetzt wird mir alles klar.«

Das Stück von Papas Gesicht, das Joram im Rückspiegel sehen kann, läuft dunkelrot an.

»Entschuldige«, murmelt es. »Das war ein bescheuerter Einstieg.«

»War es«, bestätigt Joram mit brüchiger Stimme. Seit dem Wort ›Einstieg‹ ist endgültig klar, dass was Fürchterliches kommt.

»Krieg ich noch eine Chance?«

»Sag einfach, was los ist!«, piepst Joram. Stadium 3.

Papa konzentriert sich auf den Bremsvorgang an einem menschenleeren Zebrastreifen.

»Ich hab eine Freundin.«

Joram überspringt Stadium 4 (Flüstern) und geht direkt zu Stadium 5 über, wo der totale Wortstau erfolgt und er auf schriftliche Kommunikation ausweichen muss. Für diesen Fall hat er immer seine Tasche dabei. Die mit dem heiligen schwarzen Notizbuch und dem Stift. Joram legt schon mal eine Hand auf die Schnalle.

»Im Grunde genommen ist ›Freundin‹ das falsche Wort.« Papa biegt schwungvoll in die nächste Kurve ein. »Das klingt so unverbindlich. Aber das ist es überhaupt nicht. Wir lieben uns. So richtig. Ich wollte nur nichts sagen, bevor ich mir nicht absolut hundertprozentig sicher war, dass es hält, verstehst du? Um dich nicht unnötig zu – «

Der Rest des Satzes fällt einer roten Ampel zum Opfer, die Papa zu spät bemerkt hat.

»Aber jetzt wollen wir zusammenziehen, und da dachte ich, es wäre Zeit, dir davon zu erzählen.« Ein nervöser Blick zuckt durch den Rückspiegel.

Vor diesem Moment hatte Joram immer Angst. Es ist eine Sache, wenn Papa nicht mehr mit Mama zusammen sein will. Das ist schlimm genug. Aber es ist eine ganz andere Sache, wenn Papa mit jemand Neuem zusammen sein will! Das ist schlimmer als schlimm genug.

Die Ampel wird wieder grün.

»Was sagst du dazu?«

Nichts. Joram sagt nichts dazu. Er konzentriert sich aufs Atmen.

Einatmen.

Ausatmen.

...

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