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Späte Sühne

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Montag, 12. Oktober
  8. Dienstag, 13. Oktober
  9. Mittwoch, 14. Oktober
  10. Donnerstag, 15. Oktober
  11. Freitag, 16. Oktober
  12. Samstag, 17. Oktober
  13. Sonntag, 18. Oktober
  14. Montag, 19. Oktober
  15. Dienstag, 20. Oktober
  16. Mittwoch, 21. Oktober

Über den Autor

Viktor Arnar Ingólfsson wurde 1955 in Akureyri, im Norden von Island geboren. Heute lebt er mit seiner Frau und zwei Töchtern in Reykjavík, arbeitet als Ingenieur beim isländischen Straßenbauamt und veröffentlicht mit großem Erfolg Kriminalromane. SPÄTE SÜHNE ist der vierte Roman von Viktor Arnar Ingólfsson, der auf Deutsch erscheint.

Viktor Arnar Ingólfsson

Späte Sühne

Island Krimi

Aus dem Isländischen von
Coletta Bürling

Montag, 12. Oktober

01:45

»Erinnerst du dich an mich?«, fragte jemand an der Tür zur Toilette. Sie stand halb offen. Ein feister Mann wusch sich an einem halbkugelförmigen Waschbecken aus glänzendem Edelstahl die Hände.

»Ja, wir haben heute Abend schon einmal kurz miteinander gesprochen«, antwortete er, ohne aufzublicken.

»Richtig, wir haben uns vorhin unterhalten. Du erinnerst dich aber nicht an mich?«

»Sollte ich das?«

»Ja, aber vielleicht erkennst du mich nicht mehr.«

»Tja«, sagte der feiste Mann und schüttelte die nassen Hände über dem Waschbecken ab.

»Es ist viele Jahre her, Anton. Ich war damals erst neun.«

Der feiste Mann, der Anton hieß, nahm ein sauberes Handtuch von einem Tisch neben dem Waschbecken und trocknete sich sorgfältig die Hände ab. Anschließend fuhr er sich mit dem Handtuch durch das aufgedunsene Gesicht und wischte sich Schweißperlen von der Stirn.

»Ein gutes Alter«, sagte er.

Eine Weile herrschte Schweigen, bis der andere Mann leise, nahezu flüsternd sagte: »Es war mein letztes gutes Jahr.«

Anton drehte sich um und blickte zur Tür. Er betrachtete den Mann, der in der Tür stand, eine Weile nachdenklich. Die tiefliegenden kleinen Augen lebten auf, und um die Mundwinkel zuckte so etwas wie ein Lächeln.

»Doch, ich erinnere mich an dich. Ich habe dich noch ein paar Jahre nach unserer Begegnung im Auge behalten«, sagte er schließlich und fügte hinzu: »Du warst der Erste.«

»Was du nicht sagst«, entgegnete der andere immer noch so leise, dass er kaum zu hören war. »War ich das wirklich?«

»Ich weiß, dass ich mich damals ziemlich ungeschickt angestellt habe. Wahrscheinlich habe ich dich verletzt.«

»Ja.«

Anton legte das Handtuch hin und ging zur Tür. Der andere wich zur Seite, und Anton trat auf den Flur. Einen Augenblick lang hatte es den Anschein, als wolle er zur Treppe, die in die unteren Stockwerke führte, doch dann hielt er inne und steuerte auf ein Zimmer auf der anderen Seite des Korridors zu. Der andere folgte ihm.

Es war ein geräumiges Büro mit einem großen Schreibtisch am Ende des Raums. Anton griff nach dem Schalter neben der Tür und machte Licht. Ohne sich umzublicken, sagte er: »Ich bin viel zu überstürzt und dilettantisch vorgegangen. Ich war damals gerade erst achtzehn und bei den ersten Malen viel zu unbeherrscht.«

»Ja«, sagte der andere, »sehr wahrscheinlich warst du das.«

Anton zog eine Zigarre aus der Brusttasche seines Jacketts, schob sie sich in den Mund und zündete sie mit einem zierlichen Gasfeuerzeug an. Seine ohnehin schon fleischigen Backen blähten sich noch mehr auf, als er kräftig an der Zigarre zog, um eine ordentliche Glut zu entfachen.

Dann sprach er weiter, während er mit dem Feuerzeug zwei Kerzen anzündete, die in hohen Kerzenleuchtern auf einem niedrigen Couchtisch standen.

»Danach habe ich aber bald gelernt, wie man vorgehen sollte«, sagte er. »Danach habe ich nie wieder jemanden verletzt. Ich verstehe mich darauf, dass sich die Jungen bei mir wohlfühlen. Ich bringe ihnen bei, sich selber zu erforschen.«

Beide Männer schwiegen eine Weile und sahen sich an. Schließlich brach der andere das Schweigen: »Du vergehst dich also immer noch an Kindern?«

Anton schüttelte herablassend den Kopf. »Ich habe mich niemals an jemandem vergangen, das ist die Wahrheit. Diese Ausdrucksweise zeugt von nichts anderem als Ignoranz, solche Lügen werden von Leuten verbreitet, die nicht wissen, was intime Freundschaft und Liebe ist. Ich helfe den Jungen dabei, reif zu werden. Ich eröffne ihnen wunderbare Dimensionen, ich bringe sie dazu, ihren Körper auf eine vollkommene Weise zu spüren. Wenn ich an sie herankomme, bevor sich die Pubertät allzu negativ auswirkt, gelingt mir das immer. Sie weinen vor Wonne, wenn wir fertig sind.«

Der andere Mann rang nach Atem. »Was für Jungen sind das? Wie schaffst du es, damit durchzukommen?«, fragte er mit zittriger Stimme.

»Man muss natürlich sehr vorsichtig vorgehen, es grassieren so viele Vorurteile. Ich fahre meist nach Indonesien. Die Jungen dort sind so hübsch.«

»Und hat dich wirklich nie jemand angezeigt?«

»Angezeigt? Nein, selbstverständlich nicht. Ich bezahle gut, und es ist für alles gesorgt. Ich verkehre auch nur in den besten Häusern.«

»Großer Gott. Verkaufen dir die Leute ihre Kinder?«

Anton ging quer durchs Zimmer und setzte sich auf einen ausladenden Schreibtischstuhl, bevor er antwortete. »Die Gastgeber kennen mich und wissen, wie feinfühlig ich bin. Sie heben neue Jungen für mich auf, denn keiner verhält sich ihnen gegenüber so rücksichtsvoll wie ich. Die anderen Kunden sind meist unglaublich roh – völlig empfindungslose Stümper. Sie können die Jungen in zehn Minuten kaputt machen, und dann werden sie ängstlich und verschlossen. So etwas lässt sich nur selten wieder korrigieren.«

»Das muss aufhören«, flüsterte der andere Mann.

Anton fuhr fort, als hätte er es nicht gehört. »Ich gehe zart vor, ich habe diesen Touch, den die Jungen so beruhigend finden. Man muss Geduld mit ihnen haben. Mit einem neuen Jungen gebe ich mich nur ab, wenn ich die ganze Nacht zur Verfügung habe. Und dank Viagra kann man sich auch mehr Zeit lassen.«

Nach kurzem Schweigen sagte der andere: »Irgendjemand muss da eingreifen.«

Er fasste in seine Jackentasche und holte ein paar Münzen heraus, die er neben den Kerzenleuchtern übereinanderstapelte. Dann wiederholte er noch einmal: »Irgendjemand muss eingreifen und dem ein Ende setzen.«

Anton hatte zum Telefon auf dem Schreibtisch gegriffen und wählte eine lange Telefonnummer, die er von einem Zettel ablas. Kurze Zeit später stellte er sich auf Englisch vor. Der Gesprächspartner arbeitete in einem Hotel in irgendeiner Stadt, und Anton buchte für einige Nächte ein Zimmer. Er las die Nummer seiner Kreditkarte vor, die er in der Hand hielt, und musste sie zweimal wiederholen.

Der andere Mann befeuchtete Zeigefinger und Daumen mit der Zunge und löschte eine der Kerzen mit ihnen aus.

03:05

Die ersten Töne des »Air auf der G-Saite« von Johann Sebastian Bach aus dem Handy auf dem Nachttisch begannen leise und wurden dann immer lauter, bis die Melodie klar zu erkennen war, auch wenn die Tonqualität des Geräts zu wünschen übrig ließ.

Arngrímur Ingason, Botschaftsrat in der isländischen Botschaft in Berlin, brauchte geraume Zeit, um diese Töne einzuordnen und richtig wach zu werden. In seinem Schlafzimmer war es dunkel, und er wusste, dass es Nacht war. Sein Körper war nicht auf diese unerwartete Störung des Tiefschlafs eingestellt. »Geh wieder schlafen«, signalisierten die Nerven ein ums andere Mal zu der beruhigenden Musik. Arngrímur schloss noch einmal kurz die Augen, doch dann streckte er die Hand nach dem Apparat aus. Die Uhr auf dem Display zeigte kurz nach drei. Die Melodie verstummte abrupt, als er mit großem Bedauern die Antworttaste drückte.

»Ja?«

Der Mann am anderen Ende der Leitung sprach Deutsch: »Entschuldigen Sie die Störung, Herr Ingason. Hier spricht Achim Wolf, Sicherheitsbeauftragter in der Botschaft, ich habe Nachtschicht.«

Der Botschaftsrat setzte sich im Bett auf.

»Entschuldigen Sie den Anruf zu dieser Stunde, Herr Ingason, aber es gibt da ein gewisses Problem in der isländischen Botschaft.«

»Ein Problem?«

»Ja, Herr Ingason, es ist wahrscheinlich nichts Ernstes. Botschafter Björnsson hatte gestern Abend Gäste …«

»In der Botschaft?«

»Ja. Zunächst war da eine Besprechung um achtzehn Uhr, doch die hat sich bis zum Abend hingezogen. Der Botschafter hat dann Essen aus einem Restaurant kommen lassen, und danach blieben die Gäste wohl länger als geplant.«

Der Botschaftsrat schob sich seufzend zur Bettkante.

»Sind sie immer noch zugange?«, fragte er und tastete nach seiner Brille, die auf dem Nachttisch lag.

»Nein, Herr Ingason. Der Botschafter hat vor zwanzig Minuten das Gebäude verlassen, zusammen mit seiner Frau.«

»Gut. Ich hoffe, es hat nicht allzu viel Spektakel gegeben.«

»Nein, nein. Darum geht es auch gar nicht.«

»Was ist denn dann das Problem, Herr Wolf?«

Der Sicherheitsbeauftragte suchte zögernd nach den richtigen Worten.

»Es geht um etwas anderes, Herr Ingason.«

»Um was denn?«

»Eine der Personen, die hier als Gäste der isländischen Botschaft eingetragen sind, ist nicht beim Hinausgehen registriert worden.«

»Wollen Sie damit sagen, dass diese Person noch in der Botschaft ist?«

»Ja, Herr Ingason. Sein Name ist Eiríksson. Sein Pass befindet sich noch hier in der Rezeption.«

»Eiríksson? Ein Isländer?«

»Ja, ein Isländer. Der Vorname ist Anton.«

»Anton Eiríksson? Der Name sagt mir nichts.«

»Davon ging ich auch nicht aus«, sagte der Sicherheitsbeauftragte. »Entschuldigen Sie, vielleicht war der Anruf etwas voreilig von mir. Möglicherweise ist er einfach irgendwo in der Botschaft eingeschlafen, ohne dass der Herr Botschafter es bemerkt hat. Mein Kollege sagt, dass er und seine Frau ziemlich mitgenommen wirkten, als sie das Haus verließen. Er hatte Taxis für sich und die anderen Gäste bestellen lassen.«

»Ja. Und jetzt ist also einer noch da drinnen?«

»Ja. Dass noch ein Gästeausweis fehlte, haben wir leider erst bemerkt, als der Botschafter schon fort war.«

»Und der Mann ist in der Botschaft?«

»Ja. Wir haben uns vergewissert, dass er sich nicht irgendwo im gemeinsamen Bereich für alle Botschaften befindet. Er muss noch im isländischen Haus sein.«

»Ich verstehe.«

»Herr Ingason, wir dürfen die Botschaft nur in Notfällen betreten. Wenn der Mann nur eingeschlafen ist …«

»In Ordnung, ich verstehe. Ich komme und werde mich nach ihm umsehen.«

Arngrímur warf einen Blick auf die Uhr auf seinem Nachttisch. »Ich bin in zwanzig Minuten da«, fügte er hinzu und beendete das Gespräch.

Der Botschaftsrat behielt den Apparat noch eine Weile in der Hand, während er die nächsten Schritte überdachte. Dann wählte er eine Nummer über Kurzwahl und bestellte ein Taxi.

»Kommt sofort«, hieß es aus der Taxizentrale.

»Ich habe zehn Minuten«, sagte der Botschaftsrat zu sich selbst und stand vorsichtig auf. Das Fußende des Bettrahmens war hoch, und Arngrímur konnte sich beim ersten Schritt darauf stützen. Er spürte sein Alter, er war im Juni fünfundsechzig geworden. Die Gelenke waren nach der Bettruhe noch nicht auf Bewegung eingestellt, und es war kalt im Zimmer, denn das Fenster stand offen. In der Nacht war es empfindlich kühl geworden, der Herbst kündigte sich an.

Arngrímur ging mit steifen Schritten ins Badezimmer, wo er das Licht einschaltete. Während sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnten, putzte er sich die Zähne. Anschließend kämmte er das grauweiße Haar sorgfältig nach hinten, hielt es aber nicht für erforderlich, sich für diesen Anlass zu rasieren. Dazu würde noch Zeit genug sein, bis die Botschaft öffnete. Falls er es in der Zwischenzeit nicht nach Hause schaffte, konnte er in der Botschaft duschen, bevor die anderen Mitarbeiter erschienen. In einem Schrank in seinem Büro befanden sich sowohl eine Kulturtasche als auch frische Unterwäsche.

Acht Minuten später hatte er eine sorgfältig gebügelte Hose und ein frisches Hemd angezogen und band sich die Krawatte um. Als er ein paar Minuten später das Haus verließ, hielt er sich kerzengerade, und seine Bewegungen waren distinguiert wie immer. Ein neuer Arbeitstag in der isländischen Botschaft in Berlin hatte begonnen.

03:20

Das Taxi stand mit laufendem Motor und Abblendlicht vor dem Haus, und der Diesel schnurrte freundlich. Der Fahrer war ausgestiegen und hatte sich eine Zigarette angezündet. Er grüßte und hielt Arngrímur die Tür auf. Dann drückte er die halb gerauchte Zigarette aus und steckte den Stummel in die Westentasche seiner Jacke, bevor er sich ans Steuer setzte.

»Die Nordischen Botschaften, Rauchstraße eins«, sagte Arngrímur.

»Nordische Botschaften«, wiederholte der Fahrer leise und fuhr los.

Zu dieser nächtlichen Stunde war praktisch kein Verkehr auf den Straßen, und die Fahrt dauerte nicht lange. In weniger als fünf Minuten fuhren sie die Klingelhöferstraße in nördlicher Richtung entlang, linker Hand tauchte die Ostseite der Gebäude der Nordischen Botschaften auf, die von starken Scheinwerfern angestrahlt wurde. Das grüne Kupferband an den fünfzehn Meter hohen Außenwänden war das charakteristische Kennzeichen des Gebäudekomplexes, der die fünf Nordischen Botschaften beheimatete, und ein unverwechselbares Element in der Stadtlandschaft. Die meisten Platten waren senkrecht angeordnet, doch an einigen Stellen standen sie in Winkeln von fünfundvierzig oder neunzig Grad ab und ließen das Licht aus dem Inneren der Häuser durch.

Der Fahrer bog links in die Stülerstraße ein und gleich danach wieder links in die Rauchstraße, wo er anhielt. Sie hatten das Kupferband beinahe komplett umrundet und befanden sich nun an der Südseite, die sich völlig anders präsentierte. Eine Glaswand unter einem beleuchteten Vordach eröffnete den Blick in den Innenhof zwischen den Gebäuden der einzelnen Botschaften, die Plaza. Der Haupteingang zum Gebäudekomplex befand sich in einem Haus, das mit waagerechten hellen Holzplanken verkleidet war.

Arngrímur bezahlte den Taxifahrer, ließ sich eine Quittung geben und stieg aus. Er sah, dass der Sicherheitsbeauftragte ihn beobachtete, als er zum erleuchteten Eingang ging. Die Tür öffnete sich, als er sich ihr näherte, und er betrat die Eingangsschleuse.

»Vielen Dank, dass Sie gekommen sind, Herr Ingason.«

Die Stimme des Sicherheitsbeauftragten kam über einen Lautsprecher aus dem Empfangsraum, der mit dickem Sicherheitsglas abgeschirmt war, und klang blechern.

»Möchten Sie, dass jemand mit Ihnen in die Botschaft geht, Herr Ingason?«

»Nein, danke, Herr Wolf. Ich melde mich, wenn ich Hilfe brauche.«

»Gut, Herr Ingason. Wir stehen zur Verfügung.«

Arngrímur nahm die Chipkarte zur Hand, die ihm an einer Schnur vom Hals baumelte, und steckte sie in einen Kartenleser. Die Tür ging auf und schloss sich hinter ihm wieder. Drinnen steckte er die Karte in ein weiteres Lesegerät, woraufhin sich auch die innere Tür öffnete.

Nun stand er wieder im Freien auf der Plaza und atmete die frische, kalte Nachtluft ein.

Die Gebäude waren alle von gleicher Höhe. Die finnische Botschaft lag rechter Hand, und ihr gegenüber auf der linken Seite befand sich die dänische. Links dahinter war die isländische Botschaft, das Gebäude mit der kleinsten Grundfläche. Es war von außen mit Platten aus hellem Rhyolit verkleidet und hob sich dadurch von den anderen Gebäuden ab, an denen Glas, Stahl, Holz und dunkler Stein dominierten.

Der Weg über die Plaza zum Eingang der isländischen Botschaft betrug zwar nur dreißig Meter, doch Arngrímur spürte die nächtliche Kühle sehr. Trotzdem hielt er vor dem Eingang des Gebäudes inne und überlegte, was als Nächstes zu tun war. Vielleicht hätte er doch besser jemanden dabeigehabt, aber dadurch wäre alles wesentlich komplizierter geworden, denn die Sicherheitsbeauftragten mussten über ihre nächtlichen Gänge genauestens Buch führen. Das war wohl auch der Hauptgrund, weshalb Wolf ihn gebeten hatte zu kommen. Wenn die deutschen Sicherheitsbeauftragten nach Dienstschluss allein eine der menschenleeren Botschaften betraten, zog das einen ausführlichen Bericht nach sich, der von vielen Stellen abgezeichnet werden musste. Hoffentlich würde er diesen Bekannten des Botschafters mit einem leichten Stoß wecken, ihn hinausbegleiten und in ein Taxi bugsieren können. Dann gäbe es keine Probleme, die deutschen Sicherheitsbeauftragten würden das Ganze vergessen, und ein Bericht war nicht erforderlich.

Ein dunkles Schild mit dem isländischen Staatswappen befand sich links vom Eingang an der rötlichen Rhyolitwand, während sich nach rechts hin in Höhe des Erdgeschosses wellenförmige Betonplatten über die gesamte Länge des Hauses erstreckten.

Arngrímur steckte seine Chipkarte ein weiteres Mal in ein Kartenlesegerät, und diesmal musste er auch seine PIN-Nummer über die Tastatur eingeben. Auf einen leisen Summton hin öffnete sich die Glastür, und er betrat das Haus.

Das Motiv des gewellten Betons setzte sich drinnen im Empfangsbereich des Hauses fort. Hinter dem Empfangscounter befanden sich nur ein Computer und ein Stuhl. Tagsüber war dort meist niemand, höchstens der Chauffeur, wenn er nicht gerade dienstlich unterwegs war. Botschaftsbesucher, die nach der Eingangskontrolle bis hierher gelangt waren, betätigten die Klingel und stellten sich durch die Sprechanlage vor.

Helligkeit von draußen fiel durch die Fenster im Treppenbereich herein, Arngrímur brauchte also kein Licht zu machen. Ein kurzer Blick auf die Schalttafel ergab, dass die Sicherheitsanlage ausgeschaltet war. Der Botschafter muss wirklich ziemlich müde gewesen sein, als er das Haus verließ, dachte Arngrímur, während sein Blick an zwei halb leeren Weingläsern auf dem Counter in der Rezeption hängen blieb. Sein erster Gedanke war, sie mit in die Kaffeeküche zu nehmen, doch dann ließ er es bleiben. Es war wohl wichtiger, zunächst diesen Mann zu finden und ihn aus dem Haus zu schaffen. Anschließend konnte er ja immer noch dort aufräumen, wo es erforderlich war.

Er würde nicht lange brauchen, um das Haus zu inspizieren. Es hatte zwar drei Stockwerke und war unterkellert, doch die Grundfläche war klein. Auf jeder Etage gab es nur einen Korridor und drei bis vier Zimmer. Die Archivräume waren immer verschlossen, und sämtliche Botschaftsangehörigen schlossen ihre Zimmer am Ende des Arbeitstags ab. Es ging also nur darum, den Konferenzraum, die Kaffeeküche, die Toiletten und eventuell das Büro des Botschafters zu checken. Möglicherweise auch den Keller, aber den würde er sich als Letztes vornehmen.

Im Erdgeschoss befanden sich nur die Rezeption, eine Toilette und die verschlossenen Archivräume. Dort konnte bestimmt niemand sein. Der Botschaftsrat begab sich also in die nächste Etage und machte Licht, sobald er durch die Tür an der Treppe den Korridor betreten hatte. Rechter Hand befanden sich vier Türen, drei davon waren geschlossen, doch die vierte, die zum Konferenzraum mit einem großen Tisch und zehn Sitzplätzen führte, stand halb offen. Dort hatte der Botschafter offensichtlich ein Abendessen gegeben. Schmutziges Essgeschirr, Weingläser und Essensreste in Pappschachteln bildeten ein wüstes Durcheinander auf dem Tisch, und in der Mitte standen zwei leere Cognacflaschen. In einem Rotweinkarton mit zwölf Fächern, von dem der Deckel einfach abgerissen worden war, befanden sich zwei ungeöffnete und sechs leere Flaschen. Zwei standen auf dem Tisch, zwei fehlten. Der Raum roch penetrant nach verschüttetem Rotwein und Rauch. Ein dreckiger Essteller war als Aschenbecher verwendet worden.

»Wunderbar«, sagte Arngrímur laut zu sich selber. Er sah sich im Zimmer um und anschließend unter den Tisch, wo sein Blick an einer leeren Cognacverpackung hängen blieb, die unter einem der Stühle lag.

»Schlimmer kann’s ja wohl kaum werden«, sagte er und ging wieder auf den Korridor, um sich die Toilette auf der anderen Seite des Flurs anzusehen. Irgendjemand hatte ins Klo gekotzt und nicht mehr genügend Verstand besessen, um anschließend abzuziehen. Der Gestank war dementsprechend.

»Vielleicht muss man doch noch auf einiges gefasst sein«, korrigierte Arngrímur sich selber, hielt den Atem an, beugte sich zur Toilette vor und drückte mit dem Zeigefinger ab. Der Gestank steigerte sich noch, als der Wasserstrahl den Mischmasch hochspülte, bevor er in die Kanalisation ging.

Im zweiten Stock waren bis auf die Kaffeeküche der Belegschaft sämtliche Räume verschlossen. Dort brannte noch Licht, diverse Schränke, aus denen man Gläser und Geschirr geholt hatte, standen offen, ebenso die Besteckschublade. Arngrímur schloss die Schränke und die Schublade und ging zum Fenster, von wo aus er auf die Plaza hinunterblicken konnte. Im Dunkel der Nacht war dort niemand unterwegs. Das einzige Lebenszeichen war das Licht im Fenster der Sicherheitskräfte im Gemeinschaftshaus der Bybbotschaften, dem Felleshus. Eigentlich hätte es eine ruhige Nacht sein sollen.

Als Arngrímur wieder auf den Korridor hinaustrat, warf er einen Blick ins WC und machte Licht. Dort war alles so, wie es zu sein hatte, oder doch beinahe. Der Deckel der Toilette stand hoch, und in der Schüssel schwamm ein Zigarettenstummel. Arngrímur betätigte erneut die Spülung und sah zu, wie die Kippe wirbelnd abgesaugt wurde. Dann klappte er den Deckel vorsichtig herunter und ging zurück auf den Flur. Er hielt eine kleine Weile inne und horchte. Er arbeitete seit mehreren Jahren in diesem Haus und kannte jeden Laut. Jedes Haus hat in der Nacht seine eigenen Geräusche, es herrschte niemals vollkommene Stille. Falls hier irgendjemand unterwegs gewesen wäre, hätte er es sofort gehört. Er konnte aber nicht einmal das leiseste Rascheln vernehmen.

Arngrímur ging eine weitere Treppe hinauf und blickte in den dunklen Korridor auf der obersten Etage. Er fasste an die Klinken der beiden ersten Türen auf der rechten Seite, sie waren verschlossen. Die Toilette zur Linken war offen, doch dort war niemand.

Blieb also nur das Büro des Botschafters, das ebenfalls offen stand. Arngrímur näherte sich der Tür und warf einen Blick hinein. Abgesehen vom Licht einer massiven, brennenden Kerze auf einem hohen Kerzenleuchter lag das Zimmer im Dunkeln, die Vorhänge waren zugezogen, und sämtliche Lampen waren ausgeschaltet. Im schwachen Schein des flackernden Kerzenlichts betrat Arngrímur das Zimmer und betrachtete den Kerzenleuchter, einen unterschiedlich dicken, gewölbten Zylinder aus gebranntem Ton. Er stand auf einem niedrigen Tisch, und daneben befand sich ein weiterer Leuchter von ähnlichem Aussehen, doch die Kerze brannte nicht. Die Leuchter wirkten rustikal, es handelte sich mit Sicherheit nicht um sakrale Gegenstände, so viel stand fest.

Die Szenerie war irgendwie so absonderlich, dass Arngrímur spürte, wie ihm ein Kälteschauer den Rücken hoch und bis in den Nacken kroch. Als er sich langsam umdrehte, kam der Schreibtisch des Botschafters in sein Blickfeld, der im Dunkeln lag. Ein massiger Körper saß in dem Stuhl dahinter, der Kopf hing vornüber.

Arngrímur spürte, wie ihm das Blut aus dem Kopf strömte, ihm wurde schwindelig. Eine ganze Weile stand er wie erstarrt da, doch dann begann das Blut wieder zu pulsieren.

»Hallo«, sagte Arngrímur, hatte aber kaum Hoffnung, dass er eine Antwort bekommen würde.

»Hallo«, wiederholte er, als sich die Gestalt nicht bewegte. Als darauf ebenfalls keine Reaktion erfolgte, tastete er nach dem Schalter an der Tür und machte Licht.

Er brauchte eine ganze Weile, um sich über den Anblick klar zu werden, der sich ihm bot. Der Mann saß vornübergebeugt auf dem Schreibtischstuhl, die Hände hingen seitlich herunter. Es hatte ganz den Anschein, als betrachte er seinen gewaltigen Bauch, der mit einem senkrechten Schnitt von der Brust bis zu den Lenden aufgetrennt worden war. Der Schaft eines großen Messers ragte wie ein obszönes Symbol am unteren Ende des Schnitts aus dem Körper heraus. Arngrímur brauchte eine ganze Weile, um zu begreifen, dass auf dem Boden unter dem Stuhl nicht nur Blut war. Sowohl Gedärme als auch Mageninhalt waren aus der Bauchhöhle herausgequollen, sie hatten sich auf den hellen Parkettboden zu seinen Füßen ergossen und eine große Lache gebildet. Aus irgendwelchen Gründen blickte Arngrímur jedoch nicht dorthin, sondern auf die große Zigarre, die der Mann zwischen den Fingern hielt. Die Spitze bestand zu zwei Zentimetern aus Asche, was zeigte, dass die Zigarre in seiner Hand noch so lange gebrannt hatte, bis die Glut erloschen war.

Kann es wirklich sein, dass er so dreist gewesen ist, hier zu rauchen, war der einzig klare Gedanke, den Arngrímur fassen konnte. Er bildete sich sogar ein, sein immer stärker werdendes Übelkeitsgefühl sei auf den Zigarrenqualm zurückzuführen und nicht auf den unerträglichen Gestank, der von den Eingeweiden auf dem Boden und der klaffenden Wunde im Bauch des Mannes ausging.

10:30

»Ich hab euch schon hundert Mal gesagt, dass ich nicht auf Fragen von irgendwelchen Halbaffen antworte«, sagte der Untersuchungshäftling zum vierten Mal und glotzte Birkir Li Hinriksson grinsend an. Die beiden saßen sich im Verhörzimmer der Reykjavíker Kriminalpolizei gegenüber.

»Was hast du vorgestern Nacht gemacht?«, fragte Birkir zum fünften Mal, ohne mit einer Wimper seiner mandelförmigen Augen zu zucken. Derartige Bemerkungen konnten ihn nicht in seiner Arbeit beeinträchtigen. Er hätte zwar gut darauf verzichten können, doch er hatte es sich schon seit Langem zur Angewohnheit gemacht, sie einfach zu überhören. Worte konnten ihm nichts anhaben, schon gar nicht, wenn nichts als pure Ignoranz dahintersteckte. Er nahm das so gelassen hin, als würde ihn ein schlecht dressierter Straßenköter ankläffen.

Birkir Li, der Ende 1970 in Vietnam geboren war, hatte damals nur seinen Vornamen Li besessen. Ins isländische Volksregister wurde er allerdings mit dem Geburtsjahr 1972 eingetragen, weil es keinerlei Auskünfte über ihn gab, und das Geburtsdatum wurde auf den 10. Januar festgelegt, den Tag, an dem er 1979 mit einer Gruppe von Flüchtlingen aus Malaysia in Island eingetroffen war. Zu diesem Zeitpunkt war niemand von seiner Familie mehr am Leben. Als später seine vietnamesische Pflegefamilie in die Vereinigten Staaten ging, blieb er zurück, wuchs bei einem älteren isländischen Ehepaar auf und nannte sich schließlich nach seinem Pflegevater Hinrik.

»Was hast du in der vergangenen Nacht gemacht?«, fragte Birkir zum sechsten Mal.

»In Ordnung, ich sag dir, was ich gemacht habe. Ich habe deiner Mutter zugesehen, wie sie da unten bei der Werft mit dem Gesocks von einem russischen Trawler rumgehurt hat, der Tripper lässt grüßen.« Der Gefangene wieherte vor Lachen und sah selbstgefällig zu Birkirs Kollegen Gunnar Maríuson hinüber, der angeödet am Ende des Tisches saß und den Kopf in die Hand gestützt hatte. Das Deckenlicht spiegelte sich auf Gunnars rosiger Glatze, und wenn er den Kopf schräg legte, lag sein üppiges Doppelkinn auf der Brust auf.

»Ist nicht bald Zeit fürs Mittagessen?«, fragte er, als Birkir keine Anstalten machte, das Verhör fortzusetzen.

»Es ist doch erst halb elf«, sagte Birkir.

Gunnar sah den Gefangenen an. »Sollten wir das hier nicht hinter uns bringen?«, fragte er, richtete sich auf seinem Stuhl auf und beugte sich mit seinem massigen Oberkörper bedrohlich über den Tisch.

In Reykjavíks Innenstadt war am Tag zuvor gegen Morgen in ein interkulturelles Begegnungscenter eingebrochen worden. Jemand hatte Feuer im Haus gelegt und einen leeren Safe in ein Auto getragen, das vor dem Haus wartete. Die Sicherheitskameras einer ausländischen Botschaft auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatten gute Bilder von einem blonden Mann in einer Lederweste aufgenommen, der den Safe zweimal aus dem Griff verlor, bevor es ihm gelang, ihn auf den Rücksitz eines alten Kombis von schwer zu identifizierender Marke zu hieven. Im Hintergrund züngelten Flammen aus den Fenstern.

Sie hatten den ganzen Tag gebraucht, um am Tatort zu recherchieren und sich mit der Botschaft darauf zu einigen, dass ihnen die Aufzeichnungen der Kameras zur Verfügung gestellt wurden. Der Fall war im Grunde genommen geklärt. Der Blonde war ein stadtbekannter Psychopath. Gunnar hatte ihn um halb sieben an diesem Morgen zu Hause angetroffen.

Der Häftling ahmte jetzt Affengeschrei nach und kratzte sich gleichzeitig an den Seiten. Dann brüllte er wieder vor Lachen.

Birkir betrachtete das Gesicht des Mannes. Die Proportionen waren seltsam, die Augen standen weit auseinander, und der Kopf lief kegelförmig spitz zu. Die dicke Nase endete in einem aufwärts strebenden bizarren Gebilde mit weiten Nasenlöchern.

»Degeneration«, sagte Birkir.

Der Gefangene hörte auf zu lachen. »Hä, was denn, was denn«, sagte er. »Kann der Halbaffe etwa Ausländisch?« Seine Stimme klang schrill und entstellt.

»Entartung«, übersetzte Birkir.

»Was willst du damit andeuten?«

»Deine Eltern waren wohl Geschwister?«, erkundigte sich Gunnar.

Das Gesicht des Gefangenen verzerrte sich vor Wut, und seine schwere Faust flog auf Gunnars Kopf zu. Gunnar hatte das anscheinend erwartet. Er wich dem Hieb aus, bekam aber den Arm zu fassen, drehte ihn dem Mann auf den Rücken und zwang ihn mit dem Oberkörper auf den Tisch.

»Auuuu«, jaulte der Gefangene, als Gunnar sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihn warf, sodass er sich nicht mehr rühren konnte.

»Dieser Kotzbrocken hat sogar noch Brandgeruch im Haar«, sagte Gunnar. »Der duscht nicht mal.«

»Ich schlag dich k.o., wenn du mich nicht loslässt«, jaulte der andere.

»Der erste Versuch ging daneben«, entgegnete Gunnar.

»Ich mach dich alle – später«, versicherte der Häftling.

Die Tür zum Verhörzimmer ging auf, und Magnús Magnússon, seines Zeichens Hauptkommissar bei der Abteilung für Kapitalverbrechen, kam herein.

»Jungs«, sagte er, als er sah, was los war. »Was hat das denn zu bedeuten?«

Gunnar richtete sich vorsichtig auf, ohne den Griff um den Arm des Gefangenen zu lockern. Mit der anderen Hand holte er Handschellen aus seiner Jackentasche.

»Angriff auf einen Kriminalbeamten im Dienst«, sagte er feierlich und legte dem Gefangenen die Handschellen an.

»Aua, du tust mir weh«, sagte der Gefangene.

»Die richterliche Verfügung auf U-Haft liegt vor«, sagte Magnús. »Das hier kann also warten. Ihr bringt ihn in die Zelle und kommt dann sofort zu einer Besprechung zu mir. Es geht um einen neuen Fall.«

11:45

»Wir haben da ein großes Problem«, erklärte Hauptkommissar Magnús, der normalerweise ein fröhlicher und vergnügter Mensch war. Jetzt schien jedoch etwas auf ihm zu lasten. Trotz der Sonnenbräune aus dem Italienurlaub im August wirkte er bleich. Der braune Teint machte sich normalerweise gut zu seinem gepflegten graumelierten Haar und dem kräftigen Schnauzbart, im Augenblick wirkte Magnús jedoch ungekämmt und sah angeschlagen aus. Er ging auf die sechzig zu, war aber für sein Alter noch ganz gut in Form, auch wenn sich über dem Gürtel ein Bauchansatz abzeichnete.

Er schloss die Tür zu seinem Büro und sah Gunnar und Birkir eine Zeit lang ernst an.

»Ich muss euch in einer dringenden Mission nach Berlin schicken«, sagte er schließlich. »Morgen früh geht ein Direktflug.«

»Nach Deutschland?«, entgegnete Gunnar und schüttelte den Kopf. »Kommt überhaupt nicht in Frage. Ich gehe nicht ins Ausland.«

»Was meinst du denn damit?«, fragte Magnús perplex.

»Ich gehe nicht ins Ausland«, wiederholte Gunnar.

»Du sprichst doch Deutsch, und du bist doch auch schon im Ausland gewesen, oder nicht? Du hast doch einen Pass?«

»Ja, ja, und nein.«

»Und was soll das heißen?«, fragte Magnús.

Birkir antwortete an Gunnars Stelle. »Du weißt, dass seine Mutter Deutsche ist. Natürlich spricht er Deutsch.«

»Und er ist doch auch schon im Ausland gewesen?« Magnús sah Birkir fragend an.

»Er hat einmal Urlaub auf Mallorca gemacht, wo er zu viel gefressen und gesoffen hat, und seitdem will er nicht mehr ins Ausland. Und er hat keinen Pass.«

Gunnar warf seinem Kollegen einen wütenden Blick zu. »Ich hab nicht zu viel gefressen, das war eine Salmonelleninfektion. Ich hatte sechs Wochen lang Durchfall.«

»Du schaust dir doch dauernd deutsche Webseiten an«, fuhr Magnús fort.

»Bloß welche mit Fußball und nackten Weibern«, bemerkte Birkir.

»Auch Nachrichtenseiten«, sagte Gunnar böse. »Außerdem habe ich einen Sonnenstich gekriegt.«

»Wo?«, fragte Magnús.

»Auf Mallorca.«

Magnús stöhnte matt und sagte: »Berlin ist ja nun nicht gerade Mallorca, und um diese Jahreszeit besteht da keine Gefahr, sich einen Sonnenstich zu holen. Und wenn du dich beim Essen zurückhältst, bekommst du auch keinen Durchfall.«

»Im Flugzeug kriege ich klaustrophobische Anfälle«, erklärte Gunnar mürrisch. »Die Sitze sind so eng.«

»Wie auch immer«, sagte Magnús, »es geht hier nicht darum, dass ich dich bitte, nach Berlin zu fahren. Es handelt sich um eine Anordnung.«

Gunnar lief knallrot an. »In meiner Arbeitsbeschreibung steht nichts davon, dass ich Ermittlungen in anderen Ländern durchzuführen habe«, sagte er. »Und weshalb zum Teufel musst du uns in Berlin für dich rumschnüffeln lassen?«, fügte er hinzu.

Magnús zögerte ein wenig mit seiner Antwort. »In der isländischen Botschaft ist in der vergangenen Nacht ein Mord verübt worden. Ich war heute Morgen auf einer Besprechung im Außenministerium.«

Gunnar schüttelte den Kopf und sagte: »Das geht uns doch gar nichts an, das ist Sache der Berliner Kripo.«

»Leider nicht«, erklärte Magnús leise. »Es ist eine ziemlich prekäre Angelegenheit für den Botschafter und das Ministerium.«

»Und wie in aller Welt sollen wir einen Mordfall in Berlin aufklären?«, fragte Birkir.

»Lage einschätzen, Zeugen vernehmen und einen Bericht schreiben«, antwortete Magnús. »Danach sehen wir weiter. Anna fliegt mit euch und kümmert sich um die Tatortanalyse. Ich habe bereits mit ihr gesprochen. Ich brauche dazu meine zuverlässigsten Leute, Leute, die ihre Arbeit tun und den Mund halten können. Alles, was an die Medien geht, muss über das Ministerium laufen.«

»Ich fahr nicht mit«, sagte Gunnar.

»Das glaubst du«, entgegnete Magnús wütend. Mit einem heftigen Ruck zog er eine Schreibtischschublade auf und entnahm ihr ein Blatt, das zuoberst in einem Stapel lag. Er warf es auf den Tisch und sagte: »Wenn hier schon von Arbeitsbeschreibungen und dergleichen Formalitäten die Rede ist, sollten wir vielleicht am besten klar Tisch machen. Diese Beschwerde von einer Rechtsanwaltskanzlei in Kópavogur ging kurz vor dem Wochenende bei mir ein. Darin steht, dass du ihnen bei einer Nachlassabwicklung Schwierigkeiten gemacht hast.«

»War das wegen des Rechtsanwalts, des Gänsejägers, der in Dalir erschossen wurde?«, fragte Gunnar.

»Ja. Kommen da womöglich auch noch andere Vorfälle dieser Art in Frage?«

»Es ging um den Landbesitz. Ich hatte den Leuten dort versprochen, dafür zu sorgen, dass sie Wohnhaus und Stallungen und das Land zurückkaufen könnten. Ihnen ist in dieser Sache verdammt übel mitgespielt worden.«

Magnús schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Diese Rechtsanwälte sagen, dass du Leute, die ein Angebot auf den Besitz machen wollten, angerufen und ihnen gedroht hast.«

Gunnar runzelte die Stirn und sagte leise: »Ich hab diesen Aasgeiern bloß gesagt, dass in der Gegend gemeingefährliche Gespenster rumlungern.«

»Die Rechtsanwälte sagen, sie hätten den Besitz für weniger als die Hälfte seines Wertes verkaufen müssen.«

»Das war mehr als genug, gemessen an der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage. Der Bauer und seine Tochter mussten ein großes Darlehen aufnehmen, was heutzutage alles andere als einfach ist.«

»Na schön. Aber steht in deiner Arbeitsbeschreibung etwas davon, dass du mit irgendwelchem Gespenstergefasel ganz normale geschäftliche Transaktionen durchkreuzen sollst?«

»Meine Arbeitsbeschreibung besagt, dass ich das Richtige tun soll, wo es erforderlich ist.«

»Die normale Reaktion auf diese Beschwerde wäre, dich unbezahlten Urlaub nehmen zu lassen, solange der Fall untersucht wird«, sagte Magnús kopfschüttelnd. »Wenn sich das als richtig herausstellt, wirst du vermutlich deinen Hut nehmen können. Falls keine Strafanzeige erfolgt, darfst du vielleicht wieder bei der Bereitschaftspolizei anfangen.«

Gunnar wollte ihm voll Kontra geben, doch Birkir stoppte ihn mit einer Handbewegung. »Gibt es eine Alternative?«, fragte er.

»Ich habe da gewisse Beziehungen zu dieser Kanzlei, von denen ich aber nur ungern Gebrauch mache. Wenn du dich einverstanden erklärst, mit nach Berlin zu fliegen, kann ich versuchen, die Sache mit ihnen zu bereinigen.«

»Du solltest dir dieses Angebot durch den Kopf gehen lassen, dabei kommst du billig davon«, sagte Birkir zu Gunnar.

Gunnar dachte lange nach, bevor er sich zu einer Antwort aufraffte. »Na schön, ich komme mit. Aber nur dieses eine Mal.«

»Dann geh und lass dir einen Pass ausstellen«, sagte Magnús und griff zum Telefon. »Ich gebe dem Abteilungsleiter Bescheid, dass du ihn aus dienstlichen Gründen sofort brauchst.«

Dienstag, 13. Oktober

05:30

Es war stockfinster und regnete in Strömen, und der Wind wehte mit Stärke fünf aus dem Osten. Der drei Tage alte Schnee schmolz rasch und spritzte unter den Rädern der wenigen Autos hoch, die so spät nachts oder so früh morgens unterwegs waren, je nachdem, aus welcher Perspektive man das betrachtete. Der Winter hatte schon am ersten Oktober mit Frost und Schneefällen im ganzen Land Einzug gehalten, das Tief aus dem Südwesten, das wärmere Luftmassen aus dem Süden mit sich führte, befand sich zwischenzeitlich westlich von Island. Deshalb lagen die Temperaturen an diesem Morgen über dem Gefrierpunkt, aber von langer Dauer würde das laut Wettervorhersage nicht sein, das Tief sollte nach Osten abziehen, anschließend würde es wieder zu einem Kälteeinbruch mit eisigem Nordwind und Schnee kommen.

Birkir, Gunnar und Anna vom Erkennungsdienst trafen sich am Busbahnhof. Das war am Abend vorher so vereinbart worden, denn die Kriminalpolizei musste angesichts der Krise sparen. Geld für ein Taxi war nicht mehr drin, der Transferbus musste genügen.

»Morgen«, war das Einzige, was sie sich zu dieser frühen Stunde zu sagen hatten. Alle hatten zu wenig geschlafen, und die Kälte steckte ihnen in den Gliedern. Birkir kaufte drei Busfahrkarten und ließ sich eine Quittung ausstellen.

Unterdessen marschierte Gunnar in die Cafeteria und besorgte sich belegte Brötchen und Kaffee.

Anna ging nach draußen, um zu rauchen. Es würde ein langer Tag für sie werden. Normalerweise rauchte sie drei Schachteln pro Tag, aber jetzt musste sie sowohl die einstündige rauchfreie Busfahrt nach Keflavík als auch anschließend den dreistündigen Flug nach Berlin durchstehen. Das Rauchen hatte ihr sehr zugesetzt, sie sah fast wie siebzig aus, obwohl sie laut Pass erst Mitte fünfzig war.

»Und was hat Magnús gegen dich in der Hand gehabt?«, fragte Gunnar, als Anna wieder hereinkam. Er konnte sich nicht vorstellen, dass irgendjemand freiwillig auf so eine Reise ging.

»Drei Abmahnungen wegen Rauchens in öffentlichen Gebäuden«, antwortete sie hustend. Ihre Stimme war heiser und dunkel. »Er versprach, sie unter den Tisch fallen zu lassen, wenn ich mitfahren würde. Und was war mit dir?«

»Ein paar rüde Telefonate mit Juristen.«

»Rüde Telefonate?«

»Ja, nein, vielleicht nicht direkt. Es ging mehr um Anweisungen, wie sie in einer bestimmten Angelegenheit vorgehen sollten.«

»Ist das verboten?«

»Ich glaubte nicht, aber heutzutage ist wohl alles verboten, was nicht mit Brief und Siegel erlaubt wurde«, sagte Gunnar achselzuckend.

Anna nickte zustimmend und steckte sich ein Nikotinkaugummi in den Mund.

»Wie hältst du das denn auf dem Flug durch?«, fragte Gunnar, der selber lange geraucht hatte und die Sucht kannte.

»Mit einer Schlaftablette und Kaugummi«, antwortete Anna.

Birkir winkte ihnen zu, dass sie zum Ausgang kommen sollten.

»Ich glaube, ich habe vergessen, eine zweite Hose mitzunehmen«, sagte Gunnar und tätschelte die alte Sporttasche, die sein gesamtes Gepäck enthielt.

»Dann kaufst du dir einfach eine in Berlin, wenn du eine brauchst«, sagte Birkir. »Ich helf dir gern dabei, eine auszusuchen.«

Er selber war untadelig gekleidet und trug einen perfekt gebügelten grauen Anzug. Sein schwarzer Koffer hatte Rollen und sah ziemlich neu aus. In der Schultertasche befand sich sein Laptop. Anna hatte zwei Gepäckstücke dabei, eine kleine Reisetasche und einen stabilen Koffer mit ihrer technischen Ausrüstung.

»Ich habe kein Geld«, sagte Gunnar nach kurzem Nachdenken.

»Ich leih dir was, wenn du eine Hose brauchst«, sagte Birkir. Er wusste, dass Gunnar seine Kreditkarte zerschnippelt hatte und nur Bargeld benutzte. Wenn er denn welches besaß.

Sie sahen zu, wie ihre Sachen unten im Gepäckraum des Busses verstaut wurden. Birkir und Gunnar stiegen ein, doch Anna zündete sich noch eine Zigarette an.

»Ob man da in der Botschaft rauchen darf?«, fragte Gunnar teilnahmsvoll.

»Keine Ahnung«, sagte Birkir. »Wir werden vom Chauffeur der Botschaft abgeholt, den können wir fragen.«

»Jawohl«, sagte Gunnar und lehnte sich zurück. Nach kurzer Zeit war er eingeschlafen und wachte erst wieder auf, als sie in Keflavík angekommen waren.

Als sie ihr Gepäck aus dem Bus entgegennahmen, hielt hinter ihnen ein Taxi, dem ein junger Mann in schwarzem Anzug entstieg. Er kam direkt auf sie zu und fragte: »Seid ihr von der Kriminalpolizei und auf dem Weg nach Berlin?«

»Ja«, antwortete Birkir.

»Gut«, sagte der andere. »Mir wurde gesagt, ich würde euch an …« Er unterbrach sich und fuhr dann zögernd fort: »… dass da einer in der Gruppe wäre, der …«

»Der aussieht wie ein Chinese«, vollendete Gunnar den Satz.

»Äh, ja. Ich bin vom Außenministerium. Wir werden zusammen fliegen. Ich muss mich um die juristischen Dinge und die Zusammenarbeit mit dem deutschen Außenministerium kümmern. Ich heiße Sigmundur.«

Der Mann vom Außenministerium begrüßte alle mit Handschlag.

»Der Fall ist extrem schwierig«, sagte er. »Der Außenminister und der Ministerialdirigent legen großen Wert darauf, dass er kompetent bearbeitet wird. Deswegen wurde ich mit der Leitung betraut.«

»Müssen wir dann überhaupt mitfahren?«, fragte Gunnar hoffnungsfroh.

»Was? Ja. Der Ministerialdirigent besteht darauf, dass sich die isländische Kriminalpolizei mit dem Fall befasst. Du bist doch derjenige, der Deutsch spricht, nicht wahr? Hoffentlich können wir den Fall bald aufklären.«

»Hast du Erfahrung mit solchen Ermittlungen?«, erkundigte sich Gunnar.

»Nein, nicht mit Mordfällen, aber wir haben schon manche schwierigen Angelegenheiten im Ministerium lösen müssen. Ich habe einiges mit europäischen Polizeidirektionen zu tun gehabt.«

»Da fühle ich mich doch gleich sehr viel wohler«, sagte Gunnar, und marschierte mit gesenktem Kopf ins Flughafengebäude.

07:45

Sie gingen die Gangway entlang und wurden am Eingang des Flugzeugs von einer Flugbegleiterin begrüßt.

Der Mann vom Außenministerium sah die Kriminalbeamten an und lächelte entschuldigend.

»Ach ja, hier trennen sich unsere Wege. Ich hatte so viele Punkte gesammelt, dass ich das Ticket in Businessclass umwandeln konnte.« Er deutete mit dem Kopf nach vorn. »Wir sehen uns dann in Berlin.«

Sigmundur wandte sich nach links und verschwand im vorderen Bereich des Flugzeugs. Die anderen drei kämpften sich zur Reihe 23 abc vor. Anna ging vorweg und zwängte sich auf den Sitz am Fenster, wo sie sich anschnallte und sich einen neuen Kaugummi in den Mund steckte.

Birkir fragte Gunnar, ob er den Gangplatz haben wollte.

Gunnar starrte mit allen Anzeichen des Entsetzens auf den Sitz, der für seinen massigen Körper reichen sollte, und dann auf Anna am Fenster. Sie war schlank und nicht sehr groß, dennoch füllte sie ihren Sitz beinahe aus.

»Hier soll ich sitzen?«, fragte er, deutete mit seinem dicken Finger auf den Sitz 23c und sah Birkir an.

»Es gibt keine andere Möglichkeit«, antwortete Birkir achselzuckend und ließ sich auf dem Sitz in der Mitte nieder. Auch er war schlank und nicht mehr als mittelgroß, aber viel Platz hatte er nicht.

»Entschuldigt mich einen Augenblick«, sagte Gunnar. Er zwängte sich an den nach hinten drängenden Passagieren vorbei wieder nach vorne.

»Afsakið, Verzeihung, sorry«, sagte er ständig und schenkte dann der Stewardess, die am Eingang zur Business Class stand, ein breites Lächeln.

»Entschuldigung, ich muss noch mal kurz mit meinem Kollegen hier vorne sprechen«, sagte er, während er sich an der verblüfften Frau vorbeischob.

Sigmundurs Sitz war wesentlich geräumiger als der, der Gunnar zugedacht war. Er unterhielt sich mit seiner Nachbarin, einer jungen Frau, die Gunnar von Fotos in Hochglanzmagazinen kannte. Er konnte sich aber nicht erinnern, weshalb sie Publicity genoss.

»Entschuldige, Kumpel«, sagte Gunnar und klopfte dem Mann aus dem Ministerium auf die Schulter. Der blickte verwundert zu ihm hoch.

»Wir haben da ein kleines Problem, das gelöst werden muss.«

»Wie bitte?«

»Ich kriege klaustrophobische Anfälle auf diesen engen Sitzen«, sagte Gunnar und wies mit dem Daumen in den hinteren Bereich der Maschine.

»Klaustrophobische Anfälle?«

»Ja. Und wenn ich die kriege, verliere ich leicht die Kontrolle über mich, dann stoße ich ganz seltsame Laute aus.« Gunnar gab ein gedämpftes Geräusch von sich, das an das Brüllen eines Stiers erinnerte.

Der Ministerialbeamte blickte sich peinlich berührt um.

»Ich befürchte stark, dass der Pilot mich raussetzen lässt, noch bevor wir abheben.«

»Wie bitte?«

»Das wär wohl nicht so gut. Du erinnerst dich, der Ministerialdirigent hat größten Wert darauf gelegt, dass ich dabei bin. Ich spreche Deutsch, wie du weißt.«

»Ja, und?«

»Es wär vielleicht nicht gut, wenn er mich raussetzen würde.«

»Nein.«

»Und da müssen wir was unternehmen, oder nicht?«

»Möchtest du, dass ich mit dem Piloten spreche?«

»Nein.«

»Was dann?«

»Tausch den Platz mit mir.«

»Was?«

Gunnar gab ein weiteres Bööh von sich und lächelte anschließend so breit, dass die Zahnlücke zwischen seinen Schneidezähnen besonders gut zur Geltung kam. Die junge Frau auf dem Fensterplatz starrte Gunnar entsetzt an.

Der Beamte aus dem Außenministerium blickte sich noch einmal um und stellte fest, dass die anderen Passagiere in der Businessclass die Szene interessiert mitverfolgten. Er stand auf, öffnete das Fach über seinem Sitz und holte seine Aktentasche heraus.

»Nummer 23c. Wir sehen uns in Berlin«, gab Gunnar ihm mit auf den Weg.

08:00

Birkir beobachtete, wie der Mann aus dem Ministerium den Mittelgang entlang kam und nach den Sitznummern sah. Bei Reihe 23 blieb er stehen, öffnete das Gepäckfach und schaffte es mit einiger Mühe, seine Aktentasche hineinzustopfen, denn das Fach war im Grunde genommen voll. Dann setzte er sich wortlos auf den Sitz und legte sich den Gurt an.

»Sehr freundlich von dir, den Platz mit meinem Kollegen zu tauschen«, sagte Birkir.

Der Ministerialbeamte schwieg zunächst, sah aber dann zu Birkir hinüber. »Tickt der eigentlich ganz richtig, dieser Kollege von dir?«, fragte er.

»Er ist ein guter Kriminalbeamter, integer und grundanständig«, antwortete Birkir. »Hin und wieder hat er ungewöhnliche Einfälle. Ich hoffe, er hat sich nicht danebenbenommen.«

Sigmundur warf Birkir einen Blick zu und sagte: »Er hat sich benommen wie ein Geisteskranker.«

Birkir lächelte entschuldigend. »Er ist nicht kränker als du oder ich«, sagte er. »Höchstens manchmal ein bisschen spontan.«

»Also, das kann ich ihm einfach nicht durchgehen lassen«, sagte Sigmundur. Er schnallte sich los und machte Anstalten aufzustehen.

»Halt. Moment«, sagte Birkir und griff nach Sigmundurs Arm. »Es wäre vielleicht gar nicht schlecht, wenn du hierbleiben und mich unterwegs ein wenig über den Fall in Kenntnis setzen würdest. Das spart uns Zeit in Berlin.«

Der Mann aus dem Ministerium ließ sich wieder auf seinen Sitz zurücksinken. Er überlegte kurz und sagte dann: »Na schön. Ich hoffe nur, dass er in Deutschland keine Probleme machen wird. Das ist eine sehr heikle Angelegenheit. Der Außenminister ist überaus besorgt.« Er legte den Gurt wieder an.

»Nein, da wird es keine Probleme geben, das verspreche ich. Gunnar kann sich benehmen«, entgegnete Birkir. »Was ist dir über diesen Fall bekannt?«

Sigmundur holte sein Smartphone aus der Brusttasche.

»Hier«, sagte er, »dieser Text kam heute Morgen per E-Mail. Es handelt sich um das Statement, das nachher um neun Uhr im Außenministerium auf einer Pressekonferenz verlesen werden wird.«

Birkir las auf dem Display: »Gestern früh fand ein Botschaftsangehöriger einen Toten in den Räumen der isländischen Botschaft in Berlin. Die äußeren Umstände lassen keinen anderen Schluss zu, als dass der Tod nicht auf natürliche Weise erfolgte. Der Tote ist isländischer Nationalität, aber kein Angehöriger der Botschaft. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es noch nicht möglich, seinen Namen bekannt zu geben. Mitarbeiter der isländischen Kriminalpolizei befinden sich auf dem Weg nach Berlin, wo sie sich in Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbeauftragten der Nordischen Botschaften, der Berliner Kriminalpolizei und den Außenministerien beider Länder mit der Aufklärung des Falls befassen werden.«

»Es wäre besser gewesen, wir hätten mit dieser Pressemitteilung noch etwas warten können«, sagte Sigmundur, »aber schon gestern ist etwas durchgesickert, und die Leute von den Medien hängen bereits an den Telefonen.«

Er schaltete das Gerät aus, als die Maschine langsam vom Flugsteig zurücksetzte.

»Weißt du sonst noch etwas?«, fragte Birkir.

»Botschaftsrat Arngrímur Ingason hat in der vergangenen Nacht den Ministerialdirigenten angerufen, um ihn darüber zu informieren, was er beim Betreten der Botschaft vorfand. Der Ministerialdirigent beraumte daraufhin gestern in aller Herrgottsfrühe ein Krisentreffen an, und es wurde beschlossen, dass wir der Sache erst einmal selber auf den Grund gehen.«

»Und was hat er vorgefunden?«

»Einen Mann mit einem Messer im Bauch im Büro des Botschafters.«

»Wer ist dieser Mann?«

»Sein Name ist Anton Eiríksson, und er war ein alter Bekannter des Botschafters. Ein Mann mit viel Geld, der als irgendeine Art von Handelsagent vor allem in Asien tätig war.«

»Weshalb wurde nicht die deutsche Polizei mit dem Fall betraut?«

»Die Sache sieht nicht gut für den Botschafter aus. Er hat in der Nacht zum Montag eine Party in der Botschaft veranstaltet. So etwas ist normalerweise nicht gestattet, und er wird sich dafür verantworten müssen.«

»Was für eine Einladung war das?«, fragte Birkir.

»Am Nachmittag hatte der Botschafter zu einer Dichterlesung im gemeinsamen Veranstaltungssaal der Nordischen Botschaften eingeladen. Anschließend ist er anscheinend mit einer kleinen Gruppe in das Botschaftsgebäude gegangen. Angeblich handelte es sich um eine Art von Besprechung. Danach hat er Essen aus einem Restaurant bestellt. Das ist aber völlig unstatthaft, für solche Einladungen ist die Botschaft nicht gedacht. Die Residenz des Botschafters dagegen ist speziell für solche Zwecke eingerichtet. Er hätte die Gäste dorthin einladen oder in ein Restaurant gehen müssen, wenn es dazu einen Anlass gab.«

»Weißt du, weshalb er die Botschaft vorgezogen hat?«, fragte Birkir.

»Nein. Das ist eine von vielen Fragen, auf die wir eine Antwort erhalten müssen. Nach dem Essen haben die Leute bis kurz nach zwei weitergetrunken, und als die Gesellschaft endlich aufbrach, hat der Botschafter anscheinend vergessen, die Gäste beim Hinausgehen zu zählen. Die deutschen Sicherheitsbeauftragten stellten fest, dass einer der Gäste noch in der Botschaft sein musste, und setzten sich mit Botschaftsrat Arngrímur in Verbindung.«

»Wie viele Leute waren es insgesamt?«, war Birkirs nächste Frage.

»Erst waren es acht, aber kurz nach elf stieß die Frau des Botschafters hinzu, und dann waren sie neun. Arngrímur hat gestern die Namensliste gefaxt. Die Kontrolle in den Nordischen Botschaften erfasst alle Gäste, die durch die Sicherheitsschranke eingelassen werden. Die Pässe der Gäste werden eingezogen, solange sie sich im Gebäude befinden, und sie werden namentlich von den Sicherheitsbeauftragten eingetragen.

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