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Späte Rache

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. Prolog
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Kapitel 22
  30. Kapitel 23
  31. Kapitel 24
  32. Epilog
  33. Danksagung

Über die Autorin

Henrike Heiland, geboren 1975, studierte Neuere Englische Literatur in Gießen und Durham und sammelte währenddessen Theatererfahrung als Schauspieldramaturgin und Opernregieassistentin. Nach ihrem Studium war sie als Drehbuchlektorin tätig und arbeitete dann als Redakteurin für internationale TV-Koproduktionen bei KirchMedia. Heute lebt sie als freie Autorin in Berlin und schreibt u. a. für das ZDF.

Who was it that did this to you?

Who was it that did this to you?

Well if I could have my way

I would line them up against a wall

Do unto them as they have done to you

Who was it that did this?

Who was it that did this to you?

(»Family Life«, New Model Army)

PROLOG

Der Raum glich einer dieser Zellen in psychiatrischen Anstalten. Zellen, in denen man die Patienten einschließt, die aggressiv gegen sich und andere sind. Wo die Wände mit weichem Polster verkleidet sind, sodass sich die Patienten nicht verletzen können. Aber es war keine Gummizelle, in die er sie gesperrt hatte. Der Raum war großzügiger als eine Zelle, und auch wenn die Wände gepolstert waren, der Boden war mit einem grauen, fleckigen Teppichboden ausgelegt. Außerdem gab es überall Steckdosen, und die Tür war keine Zellentür. Aber auch sie war von innen mit schwerem, weichem Polster verkleidet. Das Schaumstoffpolster an den Wänden war schäbig und dreckig.

Es war dunkel. Der Raum hatte nur ein einziges Fenster, aber das führte nicht nach draußen. Es führte in einen anderen Raum. Und es war sowieso mit einem schwarzen Tuch abgeklebt, sodass kein Licht hindurchdringen konnte. Nur manchmal, wenn er die Tür öffnete, kam Licht herein, und dann konnte sie sich etwas umsehen. Aber er öffnete die Tür nicht sehr oft.

Nein, in einer Klinik war sie nicht. In einer Klinik hätte sie Licht gehabt. Man hätte ihr etwas zu essen und zu trinken gebracht. Man hätte ihr erlaubt, sich zu waschen, wäre nicht nur einmal am Tag – oder war es in der Nacht? – mit ihr zur Toilette gegangen. Außerhalb der Zelle war eine Toilette, aber sie verstand nicht, in was für einem Gebäude sie war. Nicht in einer Klinik. Da war es sauberer. Und man hätte ihr nicht die Arme und Beine mit Handschellen zusammengebunden.

Auch wenn sie nicht wusste, wo sie war, so wusste sie doch genau, wer sie hierher gebracht hatte. Er musste ihr ein Schlafmittel gegeben haben, denn plötzlich war sie hier aufgewacht, in undurchdringlicher Dunkelheit. Sie konnte sich an nichts erinnern. Stundenlang hatte sie um Hilfe geschrien, vergeblich. Dann war sie vor Erschöpfung auf dem harten Boden eingeschlafen. Bis er sie geweckt hatte. Nur wenig Licht war durch den Türspalt in den Raum gefallen, aber sie hatte ihn sofort erkannt, und sie war so erleichtert gewesen. Rettung hatte sie vermutet. Bis sie erkennen musste, dass er, ausgerechnet er derjenige war, der sie hierher gebracht hatte.

Er hatte nicht lange damit gezögert, ihr zu erklären, warum sie hier war. Sie sollte wissen, was sie ihm angetan hatte und weshalb sie sterben musste. Sie sollte wissen, dass er schon andere auf diese Weise hatte leiden lassen.

Und dabei war sie sich so sicher gewesen, dass er es nicht gewusst hatte, all die vielen Jahre. So sicher, er würde es niemals herausfinden. Aber dann hatte sie sich selbst verraten und es nicht einmal bemerkt.

Immer, wenn er zu ihr kam, stellte er ihr viele Fragen. Er wollte alles ganz genau wissen. Jedes Detail. Immer und immer wieder. Es gab etwas, das er ihr nicht glaubte. Er hatte ihr verboten, es zu wiederholen. Obwohl es die Wahrheit war. Aber er glaubte ihr nicht. Er glaubte, schon alles zu wissen.

Manchmal gab er ihr ein wenig Wasser oder sogar ein bisschen Brot, aber das reichte nicht. Sie litt Hunger und Durst. Überlegte er sich genau, wie viel er ihr gab, damit sie nicht zu früh starb? Was hatte er vor? Wie würde er sie töten? Er sagte es ihr nicht. Als sie ihn gefragt hatte, da hatte er nur gesagt: »So, wie du es verdient hast«. Mit ganz ruhiger Stimme und mit einem Lächeln. Er war immer so ein liebenswerter Mensch gewesen, so ein liebes Kind …

Ihre Gedanken schweiften ab. Sie schweiften immer öfter ab. Und dann dachte sie an früher, und sie träumte Dinge, von denen sie nicht wusste, ob sie sie wirklich einmal erlebt hatte. Jetzt träumte sie von einer sanften Dünenlandschaft. Weißer Sandstrand, so weit das Auge reichte, und direkt dahinter das unendliche blaue Meer, das in der heißen Mittagssonne glitzerte. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Oder doch? Von weitem kam eine Frau auf sie zugelaufen, sie winkte fröhlich und lachte. Sie erkannte ihre Mutter …

Ein heftiger Knall riss sie aus dem Traum. Er war wiedergekommen. Das Öffnen der Tür war unerträglich laut gewesen. Da sich ihre Ohren an die Stille gewöhnt hatten, erschien ihr jedes Geräusch zehnmal so laut, als es in Wirklichkeit war.

Sie hatte von den Toten geträumt. Ihre Mutter war schon seit fast 40 Jahren tot. Und sie würde es auch bald sein.

Er ließ wie jedes Mal die Tür einen Spalt weit offen. Das wenige Licht, das seinen Weg zu ihr fand, blendete sie und schmerzte in den Augen. Sie hörte seinen Atem, ruhig und regelmäßig.

»Sag mir nur, wo er ist.«

Das fragte er immer und immer wieder. Bald würde sie zu schwach sein, um ihm Widerstand zu leisten. Sie wusste jetzt schon manchmal nicht, ob sie etwas laut gesagt oder nur gedacht hatte. Dabei konnten erst ein paar Tage vergangen sein. Er machte den Eindruck, als hätte er unendlich viel Zeit.

»Ich habe Zeit«, sagte er.

Sie zuckte zusammen. Nein, sie hatte es nicht laut gesagt, ihre Zunge klebte noch am Gaumen vor Durst. Sie hatte nicht gesprochen. Aber sie würde es bald tun, und sie würde es nicht einmal bemerken. Noch hatte sie ihre Sinne halbwegs beieinander. Doch wie lange noch? Sie wusste, es würde nichts ändern. Er würde sie töten. Und nicht nur sie. Sie konnte ihn nicht aufhalten. Er hatte viele Jahre Zeit für seine Rache gehabt, und er hatte noch viele Jahre vor sich. Ob sie schwieg oder redete, es würde nichts daran ändern, dass sie bald sterben musste.

Eigentlich war sie schon tot.

»ROSTOCKER RUNDSCHAU«

Schlafende Polizisten – Mörder der Kindergärtnerin doch nicht gefasst

Von Gero Helm

Stadtmitte, 2. August 2004. Der einzige Verdächtige im Fall der ermordeten Erzieherin Lena S. (31), Familienvater Thomas B. (33), musste gestern bereits nach wenigen Stunden Verhör wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Die Rostocker Polizei hat dazu bisher noch nicht Stellung genommen.

Seit fast vier Wochen wird nun schon ohne Ergebnis in der Mordsache ermittelt. Die Leiche von Lena S. war am 4. Juli von Anglern in der Warnow auf Höhe der ehemaligen Neptunwerft entdeckt worden. Laut Polizeiberichten war die junge Frau vor ihrem Tod schwer misshandelt worden.

Lena S. hatte zuvor tragische Berühmtheit erlangt: Die Kindergärtnerin war von dem Ehepaar B. für den Tod ihres fünfjährigen Sohns Timmy verantwortlich gemacht worden. Der kleine Junge war von einem Auto direkt vor der Kita überfahren worden, als er unter Aufsicht von Lena S. stand. Das Gericht sprach die Erzieherin frei. Ein Urteil, das deutschlandweit mit großem Unverständnis aufgenommen wurde.

Vor diesem Hintergrund ermittelte die Polizei gegen die Eltern von Timmy B.

Die Festnahme von Thomas B. wirkt jedoch wie eine Verzweiflungstat der Kripo, weil sie keinen anderen Verdächtigen finden können. Die Beweislage gegen den trauernden Vater, einen unbescholtenen Rostocker Bürger, stützte sich einzig auf sein mögliches Motiv: Rache. Außerdem hatte ein Nachbar angeblich gehört, wie Thomas B. die Erzieherin als »Mörderin« titulierte, »die es nicht verdient zu leben«.

»Das reicht natürlich nicht für einen Haftbefehl aus«, teilte uns der Anwalt von Thomas B. mit. Er sagte weiter, dass absolut kein Zweifel an der Unschuld von Thomas B. und seiner Frau besteht. In der Öffentlichkeit werden Fragen danach, was die Polizei den ganzen Tag tut, immer lauter. Vielleicht hoffen die Ermittler, dass die Bevölkerung die Gräueltat vergisst und den Beamten ihren achtstündigen Mittagsschlaf zugesteht. Schließlich ist ja noch Sommerpause.

1.

Er warf nur einen kurzen Blick in sein Büro auf dem Weg nach draußen. Dazu blieb er nicht einmal stehen. Er ging auch nicht langsamer. Nur ein kurzer Blick, und selbst den hätte er sich gerne verkniffen. Noch im Herausgehen hörte er, wie ihm sein Kollege Gerd Köveling, der gerade aus der Kantine kam, hinterherrief.

»Erik, hast du schon die neue Kollegin gesehen?«

Erik Kemper verließ ohne ein Wort das Gebäude der Polizeidirektion, in dem auch die Kriminalpolizeiinspektion, kurz KPI genannt, untergebracht war, wandte sich nach rechts und stapfte die Straße hinunter in Richtung Steintor.

Als er am »Alex« vorbeikam, blieb er stehen. Er überlegte nicht lange, suchte und fand Kleingeld in den Taschen seiner ausgebeulten Jeans, betrat das Lokal und steuerte zielsicher den Zigarettenautomaten an. Nach immerhin einem Monat als Nichtraucher.

Als er zurück ins Sonnenlicht trat, eine Zigarette zwischen den Lippen, tastete er sich nach einem Feuerzeug ab. Nichts. Erst der fünfte Passant, den er fragte, konnte ihm Feuer geben. Vor dem Sommerurlaub hatte er es sich abgewöhnt. In Savonlinna war es auch kein Problem gewesen. Weitab vom täglichen Wahnsinn hatte er nicht ein einziges Mal eine Zigarette oder seinen Kaffee vermisst. Vier Wochen Urlaub in Finnland, vier Wochen selbst auferlegte Nachrichtensperre, kein Telefon, nichts. Nur er und seine Hütte am See.

Und nun war es, als sei er keinen Tag weg gewesen. Oder als sei er viel zu lange weg gewesen. Er hatte noch nicht ganz verstanden, was er in den letzten zwei Stunden gehört hatte.

Früher am Morgen als gewöhnlich und mit verhältnismäßig guter Laune war Erik zur Arbeit gegangen. Die Sonne schien freundlich, die Luft war angenehm. Ebenfalls gegen seine Gewohnheit hatte er sein Auto zu Hause stehen lassen. Er hatte sein Fahrrad aus dem Keller geholt, war von seiner Wohnung in der Landreiterstraße die wenigen Meter zum Anleger gerollt und hatte auf die Fähre gewartet. Er genoss die Wartezeit. Die Sonne glitzerte auf dem Wasser und beschien die Silhouette Rostocks auf der anderen Seite des Ufers. Die Ruhe war fantastisch, der Blick einmalig. Entspannt sog er die frische Luft ein.

Vom Kabutzenhof aus radelte er quer durch die Innenstadt bis zur KPI. Morgen würde er es bereuen. Muskelkater würde er bekommen. Aber das störte ihn im Moment wenig.

Erik hatte beschlossen, so einiges in seinem Alltag zu ändern: weniger Stress, mehr an die Gesundheit denken. Nicht, dass er zu dick war. Ein paar Kilo hatte er vielleicht zu viel. Aber schließlich wurde er in ein paar Tagen 41. Und er war ja auch bereit, etwas zu tun.

Das goldene Morgenlicht, das noch lange Schatten warf, ließ nur langsam ahnen, wie viel wärmer es am Mittag werden würde. Der Berufsverkehr fing erst an, Fußgänger waren nur wenige unterwegs. In der KPI würde es jetzt noch ruhig sein.

Als er über die langen dunklen Flure zu seinem Büro schlenderte, fing er sogar an, ebenso falsch wie fröhlich »Are You Gonna Be My Girl« von Jet vor sich hin zu singen. Gut, dass sie keine Frauen in der Abteilung hatten, jedenfalls nicht direkt bei der Mordkommission. Sonst müsste er sich in Acht nehmen. Der Text des Liedes konnte leicht missverstanden werden. Erik musste bei dem Gedanken grinsen.

Musik mochte er einfach, da versuchte er, stets auf dem neuesten Stand zu bleiben, auch wenn die wirklich wilden Zeiten für ihn vorbei waren.

Als Dreizehnjähriger war er über das Desinteresse seiner Eltern an allem, was gerade angesagt war, erstaunt gewesen. Trotz ihrer drei Kinder waren sie völlig uninformiert. Seine Lehrer hatten den einen oder anderen Bandnamen zumindest schon einmal gehört. Aber seine Eltern? Voller Stolz hatte er von seinem Taschengeld seine erste eigene Schallplatte gekauft. Während sein älterer Bruder sich schon seit geraumer Zeit einer schwedischen Neuentdeckung namens Abba widmete, versuchte Erik, die Familie von seinem Erstling zu überzeugen und ließ das Album »Black and Blue« von den Stones auf Vaters Plattenteller kreisen. Es dauerte allerdings nicht sehr lange, bis sein Vater höchstpersönlich die Nadel wieder von der schwarzen Scheibe hob und ihn aufforderte, diesen »Lärm« sofort wieder zurückzubringen. Der Verkäufer würde sich sicherlich entschuldigen und ihm das Geld zurückgeben.

Nach diesem Fehlstart vor einem gänzlich verständnislosen Publikum – zu dem auch seine Brüder zählten – beschloss er, auf einen Plattenspieler zu sparen und seine Musik nur noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu genießen. Und zugleich schwor er sich, nie den Anschluss zu verlieren. Es folgten in den nächsten Jahren Anschaffungen von den Sex Pistols, den Dead Kennedys und The Clash, und als er etwas ruhiger wurde und nicht mehr so viel Energie in das Image des Rebellen stecken wollte, erweiterte er seinen musikalischen Horizont um die Werke von Patti Smith, Velvet Underground und Iggy Pop, später Sonic Youth, The Smiths und die Einstürzenden Neubauten, und so ging es immer weiter. Sein Musikgeschmack wurde mit der Zeit ein wenig ruhiger, das gab er zu. Die Revolten waren vorbei.

Als Erik seine Bürotür öffnete, machte er mitten in der Bewegung Halt. Etwas war anders. Ein Schreibtisch war zu viel. Verwundert sah er auf dem Türschild nach, vielleicht hatte man die ganze Abteilung umgesetzt? Aber sein Name war außen angeschrieben, neben dem seines Kollegen Voigts, der die Mordkommission leitete. Darunter stand, ganz neu und irgendwie provisorisch, A. Wahlberg, ohne eine weitere Bezeichnung.

Erik teilte sich seit zwei Jahren das Büro mit Holger Voigts. Die beiden Schreibtische standen wie üblich einander gegenüber an der Fensterfront.

Voigts’ Platz war sauber und ordentlich, die Stifte lagen wie ausgerichtet nebeneinander. Kein Blatt Papier am falschen Ort. Sein Schreibtisch hingegen war in den vergangenen vier Wochen mit Papier überhäuft worden.

»Als hätte ich kein Postfach«, brummte er zu sich selbst. Sein Arbeitsplatz versank eigentlich immer im Chaos. Erik verstand nicht, wie Voigts es fertig brachte, dass sein Schreibtisch stets so aussah, als arbeite dort niemand, und dass er sogar noch eine Zimmerpalme und Miniaturnachbildungen seiner Lieblingsautos in Reih und Glied aufstellen konnte.

Statt des Aktenschranks an der den Fenstern gegenüberliegenden Wand war dort ein kleiner Schreibtisch. Erik ging misstrauisch um den überzähligen Schreibtisch herum. Nur ein Telefon, ein Computer, beides noch nicht angeschlossen. Keine persönlichen Gegenstände, keine Akten, kein Hinweis darauf, dass er benutzt wurde.

»Du bist schon da.« Erik drehte sich um, als er die Stimme von Kriminaloberrat Roland Behrens hörte. Behrens stand im Türrahmen, die Hände in den Taschen seiner maßgeschneiderten Anzugshose, mit seinem üblichen ruhigen Gesichtsausdruck.

»Wer ist Wahlberg, und warum hat er ausgerechnet in meinem Büro seinen Schreibtisch?«, fragte Erik gereizt statt eines Grußes. »Mit Voigts hier zu hocken ist schon hart an der Grenze.«

Behrens sah ihn ruhig an. »Wärst du ans Telefon gegangen, hätte ich dich auf das hier vorbereiten können. Ich denke, wir gehen besser in mein Büro.«

»Moment! Holger leitet die Mordkommission, und ich bin sein Stellvertreter, es gibt noch andere Büros!«

»Bei Andreas und Olaf passt nun wirklich kein Blatt mehr rein, und bei Kai und Gerd sitzt schon ein zusätzlicher Kollege.«

»Wo ist eigentlich Siegfried?« Siegfried Kluge war der Fachkommissariatsleiter. Brand, Sexualstraftaten und Mord hatte er unter sich. Normalerweise wurden solche Sachen mit ihm besprochen und nicht gleich mit dem KPI-Leiter.

»Siegfried hat seinen gesamten Resturlaub genommen und bereitet sich auf seine Pensionierung vor«, erklärte Behrens. »Und jetzt komm bitte mit.«

Erik wusste, dass ihn nichts Gutes erwartete. Etwas war faul. Dazu kannte er Behrens lange genug. Roland Behrens war seit Eriks erstem Tag in der Behörde, und der lag nun fast schon 14 Jahre zurück. Nur deshalb konnte Erik so mit ihm reden, wie er es tat.

In Behrens’ Büro musterte Erik die Fotos, die an der Wand hingen. Behrens’ Frau, seine beiden Kinder. Zwei Bilder hatte er ausgetauscht, die Schulabschlussfotos seiner Zwillinge hatte er ersetzt durch fröhliche Schnappschüsse, die die beiden Mädchen in Rom zeigten. Erik erinnerte sich, dass Behrens ihm vor ein paar Monaten erzählt hatte, seine beiden Töchter würden nun in Rom studieren.

Behrens brachte ihn erst einmal auf den neuesten Stand. Kurz nachdem Erik in den Urlaub gefahren war, wurde eine Frauenleiche aus der Warnow gefischt. Ein Angler hatte seine kleine Tochter an diesem Morgen mitgenommen. Um die eingefleischten Dauerangler nicht zu irritieren, suchte er sich die ehemalige Neptunwerft als Übungsgelände für die Kleine aus. Als er ihr zeigte, wie man die Angelschnur richtig auswirft, verhakte sich die Leiche am Köder.

Lena Sommer, 31 Jahre alt, Erzieherin. Einige Wochen vorher hatte sie bundesweit Schlagzeilen gemacht, weil sie vor Gericht stand: Man warf ihr vor, ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen zu sein, was den Tod eines Fünfjährigen zur Folge hatte. Ein kleiner Junge, Timmy Beck, war überfahren worden. Erik hatte den Prozess nur am Rande verfolgt, aber er konnte sich an die Zeitungsmeldungen erinnern. Timmy hatte ein kleines Mädchen zu Boden geschubst, und als sich Lena Sommer um das aufgeschlagene Knie des weinenden Mädchens kümmerte, rannte Timmy unbemerkt weg, raus auf die Straße, vor ein Auto.

Das Gericht sah keinen Grund, Lena Sommer zu bestrafen, und ließ sie gehen. Die Presse spielte verrückt und forderte strengere Geschwindigkeitsbegrenzungen mit verschärften Kontrollen vor den Kindergärten, gnadenlosere Strafen in Fällen der Aufsichtspflichtverletzung, was immer gut auf die Titelseite passte und hohe Auflagen versprach.

Nach dem Freispruch war Lena Sommer verschwunden. Ihre Eltern hatten sie als vermisst gemeldet. Anfangs dachte noch jeder, sie verstecke sich vor der Presse. Bis ihre Leiche zehn Tage später in der Warnow gefunden wurde.

Von Anfang an waren Timmys Eltern verdächtig. Voigts hatte am Wochenende Timmys Vater, Thomas Beck, festnehmen lassen, musste ihn aber mangels Beweisen gleich wieder laufen lassen. Keinen Schritt waren sie weitergekommen in den vier Wochen seit dem Auffinden der Leiche. Kein einziger Hinweis seitdem.

Seit ein paar Jahren gab es eine neue Zeitung in Rostock, die »Rostocker Rundschau«. Zunächst handelte es sich um ein wöchentlich erscheinendes Anzeigenblatt mit dem ein oder anderen Bericht über lokale Veranstaltungen und Ereignisse. Seit Beginn des Jahres aber erschien sie täglich, aufgemacht wie eine überregionale Boulevardzeitung, nur etwas kleinformatiger, damit man sie besser in der S-Bahn lesen konnte.

Von seriöser Berichterstattung konnte kaum die Rede sein. Das Blatt lebte von überzogenen Schlagzeilen, vielen Bildern und Berichten, die dem Leser das Denken bequemerweise abnahmen: Die Schlussfolgerungen wurden meist gleich mitgeliefert. Die Lappalien, die man dort zu Skandalen aufblies, waren ein gefundenes Fressen für die als Magazinsendungen getarnten reißerischen Klatschsendungen des Privatfernsehens. Die Fernsehredakteure schienen die »Rostocker Rundschau« als Fundgrube zu lieben, und die bösartigen Kommentare über die unfähige Polizei, die den Mörder der Kindergärtnerin nicht finden konnte, waren in den letzten beiden Wochen schon auf so ziemlich jedem Kanal verwertet worden. Erst durch die Hetzkampagne in der »Rostocker Rundschau« war der Prozess um Lena Sommer quer durch die Republik bekannt geworden.

Erik konnte sich vorstellen, dass der leicht reizbare Holger Voigts vor Wut kochte, nun da man ihm die Leitung des Falles abgenommen und ausgerechnet seinem Stellvertreter Erik übertragen hatte. Dass Behrens Maßnahmen ergreifen musste, war klar. Dass der Polizeipräsident mehr als nervös war, leuchtete ein. Aber was sich die hohen Herren gemeinsam als Lösung ausgedacht hatten, war unfassbar. Er hoffte immer noch, dass er sich verhört hatte.

»Sie ist Psychologin und hält Seminare zum Thema Täterprofile. In den letzten Jahren hat sie in München geholfen, einige Kollegen zu Profilern auszubilden. Sie unterrichtete auch an der Polizeifachhochschule. Verhörtechniken und so weiter. Sie kennt die Polizeiarbeit. Wir haben eine Planstelle für sie geschaffen. Zunächst für zwei Wochen.«

Selbstverständlich war Verstärkung nötig. Es gab hier niemanden, der eine gesonderte Ausbildung für das Erstellen von Täterprofilen hatte. Die Schweriner konnten zurzeit keinen entsprechend ausgebildeten Mann abstellen. Und der Polizeipsychologe hatte ganz andere Dinge zu tun, als sich in die Ermittlungsarbeit reinzuhängen.

Trotzdem war Erik unwohl bei der Sache.

»Eine Psychologin, das würde ich jetzt erst mal nicht als Verstärkung bezeichnen, wenn ich ehrlich bin. Ich brauche einfach nur einen guten Mann mit Erfahrung …«, begann er vorsichtig dem KPI-Leiter gegenüber.

»Sie hat mehr Profilingerfahrung als die gesamte Polizei in Mecklenburg-Vorpommern«, war die gelassene Antwort von Behrens.

»Aber wir suchen nicht nach einem Serienmörder. Oder hab ich irgendwas verpasst?«, fügte Erik betont unschuldig hinzu. »Unter Verstärkung verstehe ich zwei ausgebildete Polizisten, die wissen, was zu tun ist. Aber keine Therapeutin!«

»Erik, bitte. Es hat seine Gründe, warum ich sie ausgesucht habe. Sie ist außergewöhnlich gut auf den Gebieten Zeugenbefragung und Verhör.«

Behrens machte eine Pause und beugte sich leicht vor. Erik wusste, es würde nur noch schlimmer werden. Als Behrens berichtete, hatte er zunächst nur die Augen aufgerissen. Dann war er stumm aufgestanden und hatte das Büro verlassen. Ein Scherz, natürlich. Ein ganz schlechter.

Der Fall sollte mithilfe dieser Frau und ihrer »außergewöhnlichen Fähigkeiten« gelöst werden!

Und er sollte mit ihr zusammenarbeiten.

Erik warf zornig den Zigarettenstummel auf den Boden. Er war ziellos durch die Stadt geirrt und hatte nicht gemerkt, wo er hingelaufen war. Mittlerweile war er am Alten Markt angelangt und stand unsinnig vor der Petrikirche herum. Erik blickte zum Kirchturm empor und schnaubte verächtlich.

»Herzlichen Dank auch. Möchte wissen, was du dir dabei gedacht hast.«

Es half nichts, er musste zurück. Der »außergewöhnlichen« Psychotante Guten Tag sagen. Und danach kündigen.

2.

Erik pirschte sich unwillig an sein Büro heran und spähte durch den offenen Türspalt. Da saß sie schon und starrte auf den Computerbildschirm.

Sie war Mitte 30. Ihre langen braunen Haare waren zu einem lockeren Zopf nach hinten gebunden. Helle Haut, ausdrucksvolle Augen. Sie trug ein einfaches beigefarbenes T-Shirt und dazu eine helle Cordhose. Unaufdringlich und unprätentiös. Fast kein Make-up. Er hatte etwas anderes erwartet, er wusste selbst nicht genau, was. Definitiv unattraktiver hatte er sie sich vorgestellt. Das, was man »alternativ« nannte vielleicht. Esoterisch eben, nach Räucherstäbchen riechend, weite bunte Klamotten, kurz geschnittene, hennarote Haare und hölzerner Schmuck. Ein bisschen schämte er sich, diesem Klischee aufgesessen zu sein.

Er betrat das Zimmer, sie hob ihren Blick und lächelte ihn freundlich an. Sich vorzustellen, dazu kam er gar nicht. Noch bevor er etwas sagen konnte, kam unter ihrem Schreibtisch Michael Anders, ein Kollege von der Kriminaltechnischen Untersuchung, der KTU, hervorgekrochen. Offenbar hatte er am Computer herumhantiert.

»Ah, da ist er ja, wie war Finnland?«, tönte Micha, erhob sich, wischte sich die Hände an der Jeans ab und riss die Formalitäten, ohne eine Antwort auf seine Frage abzuwarten, gleich an sich. »Kriminalhauptkommissar Erik Kemper, Anne Wahlberg, Psychologin …« – Micha warf ihr einen unsicheren Blick zu. Hatte er sie richtig vorgestellt? – »Aber das weißt du wahrscheinlich schon. Ich zeig ihr gerade unser System. War natürlich noch nichts angeschlossen. Und du warst ja nicht da.«

Wie selbstverständlich angelte sich Micha die Zigarettenschachtel aus Eriks Hemdtasche, nahm sich eine und steckte sie in den Mund, ohne sie anzuzünden. Die Schachtel warf er leger auf Eriks Schreibtisch. Dann wandte er sich wieder zu der Psychologin.

»Durchwahl hast du, wenn’s was gibt, ruf mich an. Guten Start!« Mit einem lässigen Schulterklopfer drückte er sich an Erik vorbei und verschwand den Flur hinunter.

Erik und Anne sahen sich einen Moment schweigend an. Sie lächelte schließlich. »Ich habe schon gehört, dass man Sie erst heute Morgen über alles informieren konnte. Aber ich bin ganz pflegeleicht, ehrlich!« Erik ging auf ihren Versuch, die Stimmung aufzulockern, nicht ein. Zunächst war er überrascht von ihrer Stimme. Weich und dunkel klang sie, ein bisschen rauchig. Sie schien sympathisch zu sein, als Mensch, aber darum ging es nicht. Es ging ihm einzig um professionelle Polizeiarbeit. Und sie war sicherlich kein Teil davon.

Warum sollte er mit ihr zusammenarbeiten? Warum benutzte Behrens ausgerechnet die Mordkommission als Spielwiese für – ja wofür eigentlich? Erwartete man von ihm, dass er zum Mittagessen Statistiken über das soziale Umfeld und die Kindheit von Mördern mit ihr diskutierte? Sollte sie etwa ihre »außergewöhnlichen Fähigkeiten«, über die ihn Behrens so eindringlich unterrichtet hatte, ausprobieren?

Erik wusste nicht, ob er lachen sollte, mittlerweile erschien ihm die Situation einfach nur grotesk. Letztlich entschied er sich dafür, sie zu ignorieren. Keiner verpflichtete ihn schließlich, auf sie zu hören. Und er würde irgendeinen Hokuspokus nicht zulassen.

Diese Frau war jedenfalls kein Kündigungsgrund. Er würde es sich ein paar Tage ansehen.

»Haben Sie die Akten schon gelesen?«, fragte er. Sie nickte.

»Gut. Ich nicht. Ich fahre jetzt meine Kiste hoch, mach mir in der Zeit einen Kaffee, und dann grabe ich mich durch die Akten. Um vier setzen wir uns alle zusammen und besprechen den Fall. Ich gehe erst mal nicht davon aus, dass Sie etwas Konstruktives dazu beitragen können.«

Damit drehte er sich um und ging zu seinem Tisch. Er schaltete wie angekündigt den Computer an und verließ den Raum mit dem festen Vorsatz, sich eine trinkbare Tasse Kaffee zu machen.

Er sprach die ganze Zeit über kein Wort mit ihr. Während des gesamten Vormittags saß er nur wenige Meter entfernt, mit versteinertem Gesicht, nahezu regungslos. Nicht ein einziges Mal sah er zu ihr hinüber oder fragte sie etwas. Gelegentlich raschelte es, wenn er eine Seite umblätterte. Er ging nicht einmal ans Telefon, wenn es klingelte. Die einzige Unterbrechung war Micha gewesen, der ihr unaufgefordert einen Kaffee hinstellte und ihr mit einer kleinen, saloppen Geste klar machte, dass sie Eriks Verhalten nicht überbewerten sollte. Sie brachte es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass sie keinen Kaffee mochte. Dazu war später immer noch Zeit. Wenn sie ehrlich war, traute sie sich wohl einfach nicht, die Stille im Zimmer zu durchbrechen.

Micha war der Erste gewesen, der sich Zeit für sie genommen hatte. Roland Behrens war morgens, als sie in der KPI ankam, in einer Besprechung mit dem Kollegen, mit dem sie das Büro teilen sollte. KHK Erik Kemper. Holger Voigts, der eigentliche Leiter der Mordkommission, war bisher für den Fall zuständig gewesen. Heute Morgen hatte er sich für die Woche krank gemeldet.

All das erfuhr sie von einer Frau um die vierzig, die eigentlich für Sexualstraftaten zuständig war. Sie hatte sie an der Pforte abgeholt, weil sonst niemand da war. In der Eingangshalle der Polizeidirektion hatte Anne nur kurz auf sie warten müssen, bis sie die breite, düstere Steintreppe herunterkam. Der Mann von der Securityfirma, die das Gebäude bewachte, hatte nicht einmal Annes Ausweis sehen wollen. Auch diese Kommissarin, deren Namen sie wieder vergessen hatte, ließ sich keinerlei Papiere von ihr zeigen. Sie plauderte gleich drauflos, und über die Frage, warum eine externe Firma die Rostocker Polizei sicherte, lachte sie nur laut und heiter.

Sie waren auf einem der dunklen, heruntergekommenen Flure an Micha Anders vorbeigekommen. Zunächst war er mit einem knappen Gruß an den beiden vorbeigeschlendert. Als Anne dann wenig später alleine versuchte, sich in den gleich aussehenden Gängen zu orientieren, kam er ihr wieder entgegen, eine Tasse Kaffee in der Hand, im Mund eine Zigarette. Er ging direkt auf sie zu und strecke seine Hand aus.

»Wir kennen uns noch nicht, ich bin Micha«, sagte er. Seine Stimme war tief und mit einem norddeutschen Akzent, den Anne nicht näher zuordnen konnte. Micha war mindestens einsneunzig groß, dabei fast schon hager und sportlich. Er hatte kurz geschnittenes, verwuscheltes dunkelblondes Haar mit sonnengebleichten Strähnen und strahlend blaue Augen. Ein Surfertyp, mit tiefen Lachfältchen und sonnenverbranntem Gesicht. Ungefähr ihr Alter.

Sie stellte sich ihm vor und erklärte kurz, was sie hier tat. Ab dem Moment, als sie begann, über ihre Arbeit zu sprechen, hatte sie den Eindruck, dass er nicht mehr zuhörte, sondern mit seinen Gedanken bereits woanders war. Er lotste sie in ihr Büro zurück, noch bevor sie ausgesprochen hatte, und schaltete als Erstes ihren Computer ein.

»Arbeiten Sie auch an dem Fall?«, fragte sie schließlich, woraufhin er ihr unzeremoniell das Du anbot und kurz erklärte, dass er ebenfalls gerade erst gekommen sei.

»Ich war zwei Wochen im Urlaub, aber ich habe damals die KTU gemacht.«

Anne wunderte sich ein wenig über die Selbstverständlichkeit, die der Spurensicherer in allem, was er tat, an den Tag legte. Er strahlte eine natürliche Autorität aus, der man sich nur schwer entziehen konnte. Dabei wirkte er ganz beiläufig, ganz unverbindlich.

Nachdem er ihren Computer und das Telefon verkabelt und ihr einen kleinen Computerkurs gegeben hatte, erschien auch schon Erik Kemper.

Und nun saß Kemper einfach da und gab ihr zu verstehen, dass er sie hier nicht haben wollte.

Anne war erst seit dem Wochenende in Rostock und hatte sich noch nicht richtig eingelebt, zumal sie vorläufig noch in einem kleinen Hotel in der Nähe wohnte, bis sie in ihre neue Wohnung konnte.

Sie hatte ein Forschungsstipendium für ihre Habilitation bekommen. An der Universität Rostock, der ältesten Nordeuropas, lief ein Sonderforschungsprojekt mit dem Thema »Erlernte Gewalt«. Juristen, Mediziner, Pädagogen, Philosophen und Literaturwissenschaftler hatten Anteil an diesem Projekt. In einer Art Sonderstellung, weil sie eigentlich Psychologin war, wurde sie von der juristischen Fakultät hinzugerufen. Diese Stelle sollte sie erst im Oktober antreten. Sie hatte ihre Vermieter gefragt, ob sie vielleicht schon früher einziehen könnte, aber noch keine Antwort bekommen.

Roland Behrens war persönlich vor etwas über einer Woche zu ihr nach München gekommen, mit allen relevanten Akten in einem Köfferchen, um ihr den Fall vorzustellen und ihren Rat einzuholen. Schon nach kurzer Zeit kam er mit der Idee, dass sie daran mitarbeiten sollte. Es wäre doch so passend, da sie ohnehin nach Rostock kommen würde!

Anne wusste, dass er diesen Vorschlag von Anfang an im Sinn gehabt hatte. Sie sträubte sich zuerst, aber Behrens wollte kein Nein akzeptieren. Er war so überzeugt von ihr und davon, dass sie eine große Hilfe sein würde. Sie hatte schließlich seinem Drängen nachgegeben.

Behrens kannte sie von einigen Tagungen und Schulungen, die sie für BKA-, LKA- und Kripo-Beamte gegeben hatte. Profiling war ihr Spezialgebiet, aber auch Verhörtechniken, Interviewverfahren. In der freien Wirtschaft könnte sie eine Menge Geld verdienen, hatte ihr jemand gesagt. Aber Anne hatte daran keinen Gedanken verschwendet.

Behrens hatte alle ihre Bücher gelesen. Nach intensiven Recherchen war er außerdem auf einige Testreihen aufmerksam geworden, bei denen sie die Versuchsperson gewesen war. Einige namhafte internationale Institute hatten Anne als eine Art menschlichen »Lügendetektor« ausprobiert, und die Resultate waren mehr als überzeugend. Sie hatte mit fast hundertprozentiger Sicherheit sagen können, wann jemand etwas verbarg und wann jemand offen die Wahrheit sagte.

»Das war im Labor, ich weiß nicht, wie ich unter Stress bei einem echten Fall reagiere«, gab sie zu bedenken. Aber Behrens ließ nicht locker. Traute sie sich zu, damit zu arbeiten? Sie wusste es bis heute nicht.

Kaum war sie in Rostock angekommen, hatte sie sich erstaunlich gut gefühlt. Die Nähe zur See hatte ihr in den vergangenen Jahren in München gefehlt. Für Berge und Skifahren hatte sie sich noch nie wirklich begeistern können, und mediterranes Klima nur wenige Autostunden entfernt war nicht unbedingt eine Notwendigkeit in ihrer Urlaubsplanung.

Je weiter sie nach Norden kam, desto leichter schien ihr das Atmen zu fallen. Die Landschaft wurde flacher und weiter. Verwitterte alte Bäume standen vereinzelt auf den Feldern, immer wieder abgelöst von Birken- oder Kiefernwäldchen, die die Autobahn nördlich von Berlin nach Rostock säumten. Sie hätte gerne einen Abstecher gemacht, als sie sah, dass sie direkt an der Mecklenburger Seenplatte vorbeifuhr. Von der Straße aus konnte sie leider nichts sehen. Sie würde es sich für später aufheben. So vieles, was sie sich hier ansehen wollte.

Gestern war sie an die Küste gefahren, um einfach nur spazieren zu gehen. Mit diesem Gefühl von Freiheit und guter Laune war sie heute Morgen hier hereinspaziert. Das Gefühl war nun fort. Sie hatte ein ungutes Drücken in der Magengegend, als sie an die Fallbesprechung dachte, und ärgerte sich darüber, dass die eigentliche Sache, wegen der sie hier war, nun überdeckt werden sollte von internen Animositäten, die mit der Arbeit als solcher nichts zu tun hatten.

Wenn es so weiterging, wie es angefangen hatte, würde sie 80 Prozent ihrer Energie damit verschwenden, darauf zu achten, dass sie niemanden in seinen Eitelkeiten verletzte. Bei dem Gedanken seufzte sie unwillkürlich laut auf und erschrak im selben Moment. Sie warf Erik einen verstohlenen Blick zu, doch er reagierte nicht auf sie. Er fuhr sich nur mit der Hand durch die Haare.

Anne warf einen Blick auf die Uhr. Es war bereits halb zwei, sie war hungrig. Sie erhob sich, um nach etwas zu essen zu fahnden.

»Ich hole mir schnell was in der Kantine. Soll ich Ihnen eine Kleinigkeit mitbringen?«, fragte sie. Erik Kemper schüttelte nur den Kopf. Als sie schon aus dem Zimmer war, rief er ihr ein dumpfes »Danke« hinterher. Vielleicht war er ja doch lernfähig, dachte Anne.

Auf dem Weg in die Kantine begegnete ihr Behrens, der sich sogleich entschuldigte, nicht schon früher bei ihr vorbeigeschaut zu haben. Er musste leider sofort wieder weiter. Anne ging zur Theke und holte sich ihr Essen – irgendeine seltsame Kombination aus verkochtem Gemüse, ein paar Kartoffeln und dazu etwas, das mal ein Hähnchenschenkel gewesen war – und setzte sich an einen leeren Tisch weit ab von den wenigen anderen, die noch da waren. Sie konnte jetzt keine Gesellschaft gebrauchen, schon gar keine neuen Leute.

Anne war sich unsicher, ob sie sich wirklich auf das Urteil von Behrens verlassen konnte. Er schien davon überzeugt zu sein, dass sie und Erik Kemper im Team zusammenarbeiten konnten.

Sie mochte Behrens gern und vertraute ihm, wusste auch, dass er sie fast wie eine Tochter ansah, auch wenn der Altersunterschied diesbezüglich eher knapp war. Insgeheim beneidete sie Behrens. Er strahlte eine solche Ruhe und Selbstsicherheit aus, schien sein Leben privat wie beruflich im Griff zu haben und war durch nichts aus der Bahn zu werfen. Behrens hatte einen perfekten Lebenslauf, die perfekte Karriere und die perfekte Familie. Idylle, dachte Anne mit Wehmut. Was hatte sie? Einen Vater, um den sie sich in den letzten 20 Jahren mehr gekümmert hatte als er sich um sie. Auf den Gedanken, dass auch sie einmal seine Hilfe brauchen könnte, war er nie gekommen. Was sie bisher erreicht hatte, erschien ihr nicht besonders sinnvoll. Wie so oft zweifelte sie an sich.

Nicht einmal vernünftig essen kann ich, dachte Anne verstimmt, als sie merkte, dass sie sich mit Soße bekleckert hatte. Großartig. Nie wieder helle Hosen ab heute, nahm sie sich vor und tupfte frustriert mit der Papierserviette auf dem Fleck herum.

3.

Die Besprechung war für 16 Uhr geplant, und Anne war die Erste. Die anderen schienen sich Zeit zu lassen, erst nach einer Viertelstunde waren sie vollzählig. Vorsichtig musterte Anne das Team. Insgesamt waren außer Erik Kemper fünf weitere Kommissare für den Fall eingeteilt. Micha war ebenfalls anwesend. Neben ihm saß ein ungewöhnlich hagerer Mann um die sechzig in einem schlecht sitzenden Anzug, der an Armen und Beinen etwas zu kurz war. Er zog ein säuerliches Gesicht und wirkte ungeduldig.

Micha schaute nur kurz in ihre Richtung, sprach ansonsten lebhaft mit seinen Kollegen über alltägliche Nichtigkeiten, verließ einmal den Raum, um einen zusätzlichen Stuhl zu holen, und noch einmal, um einen zweiten Aschenbecher zu organisieren. Dann setzte er sich, rückte seinen Stuhl ein paar Zentimeter weiter vom Tisch weg und machte es sich so bequem wie möglich. Die anderen zogen eher verbissene Gesichter, man sah ihnen die Überstunden, die sie im letzten Monat hatten machen müssen, deutlich an.

Erik Kemper kam als Letzter. Alle Fakten wurden noch einmal vorgetragen. Da Holger Voigts nicht da war, übernahm ein anderer Kollege die Einführung. Bevor er anfing, nickte er kurz in Annes Richtung und nannte seinen Vornamen: Gerd.

Lena Sommer war einen Tag nach dem Prozess verschwunden. Ihre Eltern hatten sie noch nach Hause begleitet und gefragt, ob sie bei ihr bleiben sollten, aber Lena hatte abgelehnt. Als ihre Mutter am nächsten Tag bei ihr anrief, ging sie nicht ans Telefon. Abends waren die besorgten Eltern zu ihrer Wohnung gefahren. Die Wohnungstür war abgeschlossen, aber sie hatten ihren eigenen Schlüssel. Lena Sommer war nicht zu Hause, ihr Mobiltelefon abgeschaltet. Sie hatte ihre Handtasche mitgenommen, doch ihre Koffer standen noch alle in dem kleinen Abstellraum neben der Diele.

Das Ehepaar Sommer beschloss, in der Wohnung auf Lena zu warten. Sie telefonierten die wenigen Freunde ihrer Tochter durch, die sie kannten, baten sie, ebenfalls herumzutelefonieren und nach Lena Ausschau zu halten. Aber keiner hatte sie gesehen. Besorgt hatten die Sommers die Polizei informiert. Sämtliche Krankenhäuser wurden angefragt, auch da Fehlanzeige. Zehn Tage lang rührten sich Lenas Eltern nicht vom Fleck, blieben in der Wohnung und hofften.

Dann wurde Lenas lebloser Körper an einem trüben Sonntagmorgen aus der Warnow gezogen. Zuerst dachte man an einen Selbstmord, bis die Details der Obduktion bekannt wurden. Hier gab Gerd das Wort weiter an den großen, hageren Mann, der sich als Dr. Peter Gundlach, Pathologe, vorstellte.

Gundlach berichtete in einem leiernden, etwas genervten und vernuschelten Monolog, dass alle Anzeichen dafür sprachen, dass Lena, kurz nachdem ihre Eltern sie zuletzt gesehen hatten, entführt worden war. Der Täter hatte ihr einen Tag vor ihrer Ermordung der Reihe nach die Knochen gebrochen. Wie, das war unklar. Vermutlich, so sagte Gundlach vorsichtig, mit einem schweren Gegenstand, der von oben herabfallend die Knochen zertrümmert hatte. Genauer wollte er sich auch auf mehrmaliges Nachfragen nicht äußern.

Man hatte mit Lenas Beinen begonnen, erst die Unterschenkel, dann die Oberschenkel. Danach die Hände, die Arme. Schließlich die Rippen, was schwere innere Verletzungen zur Folge hatte, die aber nicht schlimm genug gewesen waren, um daran zu sterben.

Nahrung hatte sie während ihrer Gefangenschaft keine bekommen, und offenbar nur so viel Wasser, dass sie eine Weile hatte überleben können.

Ihre Hand- und Fußgelenke waren offenbar mit Handschellen gefesselt gewesen. Kurz vor ihrem Tod waren ihr die Augen ausgestochen worden. Am Sonntagmorgen war ihr Leichnam in die Warnow geworfen worden.

Der Täter hatte sich ihrer fast direkt an der Fundstelle entledigt, ergänzte Micha. Er hatte sicherlich gehofft, dass sie mit der Strömung der Warnow ein Stück weiter in Richtung Ostsee getrieben würde. Aber der Leichnam hatte sich in einem alten Fischernetz verhakt.

»Hat man Spuren an der Leiche gefunden, die Hinweise darauf geben, wo sie festgehalten wurde?«, fragte Erik.

Dr. Gundlach blickte zögerlich auf. »Ich habe eine Liste an den Bericht angehängt mit dem, was wir in ihrem Haar und unter ihren Fingernägeln gefunden haben. Mageninhalt gab es nicht, bei der Lunge ist mir nichts außerhalb normaler Parameter aufgefallen. Mit Haaren und Fingernägeln hatten wir Glück, weil sie nur relativ kurz im Wasser war und sich in den Tagen vorher nicht gewaschen hatte. Wie Sie wissen, ist sie erst gestorben, als ihr das Genick gebrochen wurde. Das hat der Täter sich bis zuletzt aufgehoben«, sagte Dr. Gundlach in einem Ton, der unmissverständlich das Ende seiner Ausführungen kennzeichnete. »Keine Spuren eines Sexualverbrechens, keine fremden DNS-Spuren.« Er schaute auffällig auf seine Armbanduhr und warf Erik einen strengen Blick zu. Erik nickte ihm nur kurz seinen Dank zu, und der Pathologe verschwand mit einem gemurmelten Abschiedsgruß aus dem Besprechungszimmer. Anne fiel auf, dass er sogar noch größer war als Micha.

Als Nächstes war der Spurensicherer dran. Im Umkreis von 100 Metern des Fundorts war von der KTU alles abgesucht worden. Sie hatten jeden Fetzen eingesammelt, der so aussah, als läge er erst höchstens wenige Tage dort. Nichts Auffälliges war bei den Auswertungen bisher aufgetaucht. Jeder einzelne Zigarettenstummel, jeder Kaugummi, jedes Papierchen lag seit vier Wochen beim LKA. Für den Fall, dass es eine Übereinstimmung in der DNS-Datenbank des BKAs gab, wurde alles untersucht. Eine Wahnsinnsarbeit, die noch lange nicht abgeschlossen war. Und vermutlich auch ins Leere führen würde. Denn was brachten DNS-Spuren, wenn man keinen Vergleich hatte? Und selbst wenn es eine Übereinstimmung gab, bewies diese nur, dass die Person irgendwann einmal im Hafen herumgelaufen war. Aber sie bewies nicht, dass es sich dabei auch um den Mörder handelte. Auf ein Massenscreening wollten sie vorerst verzichten.

»Kleidung und Handtasche wurden nicht gefunden, Ideen dazu?« Erik rieb sich die Schläfen, als hätte er Kopfschmerzen, und wartete auf eine Antwort. Doch niemand wollte etwas darauf sagen. Micha flüsterte mit seinem Sitznachbarn, die anderen raschelten in ihren Aufzeichnungen. Erik rieb weiter seine Schläfen, dann seine Augen. Bis er endlich sagte: »Also immer noch ein großes Fragezeichen. Eine Möglichkeit ist, dass der Täter damit etwas ausdrücken wollte. Vielleicht wollte er das Opfer mit der Nacktheit demütigen. Zweite Möglichkeit: Wir sollten in die Irre geführt werden und ein Sexualdelikt vermuten. Dritte Möglichkeit: Kleidung und persönliche Gegenstände der Toten hatten eindeutige Spuren, vielleicht die DNS des Täters.« Erik sah kurz in die Runde, alle nickten beflissen vor sich hin. »Gut. Weiter. Zeugenaussagen?« Eriks Blick blieb an einem Mann hängen, der jünger war als alle anderen. Er war unglaublich nervös und lief sofort rot an.

Erik seufzte. »Bisschen schüchtern, was? Na das legt sich. Du gewöhnst dich noch an uns. Also. Zeugenaussagen gibt es keine, jedenfalls keine verwertbaren, wie ich aus den Akten weiß. Keiner hat gesehen, wie sie das Haus am Tag ihres Verschwindens verlassen hat, keiner hat sie an dem Tag beim Einkaufen oder sonst wo gesehen. Schade, dass die Reporter da schon das Interesse an ihr verloren hatten. Der junge Kollege aus Schwerin kann aber hoffentlich ein bisschen was zur Person und ihren Lebensumständen sagen. Bitte.«

Er stellte sich mit Malte Böttcher vor und stotterte seinen Bericht. Lena Sommer hatte seit einem Jahr keinen festen Freund mehr. Das Verhältnis zu ihrem Ex war angeblich entspannt. Man hatte ihn überprüft, und er hatte ein bombensicheres Alibi – er war nachweislich zum Zeitpunkt ihrer Entführung und Ermordung in Dänemark gewesen. Sie hatte ein paar wenige Freundinnen, die alle ebenfalls überprüft worden waren. Ihre Eltern schieden auch aus, Geschwister gab es keine. Blieben als Hauptverdächtige nur das Ehepaar Beck, die Lena nach wie vor für die allein Schuldige am Tod ihres Sohnes Timmy hielten. Und denen war nichts nachzuweisen.

Hobbys hatte Lena Sommer keine nennenswerten. Sie ging unregelmäßig in ein Frauenfitnessstudio am Vögenteich, manchmal war sie mit ihren Freundinnen in der ein oder anderen Bar in der KTV, der Kröpeliner-Tor-Vorstadt, um einen Cocktail zu trinken. Ansonsten lebte sie ruhig und unauffällig in ihrer kleinen Wohnung und kümmerte sich um ihre Pflanzen. Sie ging gerne ins Kino und hatte zu Hause eine DVD-Sammlung mit romantischen Komödien und ein paar alten Klassikern, Filmen mit der Monroe, mit James Stewart oder mit Humphrey Bogart.

Malte wurde mit jedem Satz, den er sagte, heiserer. Er tat Anne Leid. Der Junge schien eigentlich ganz clever zu sein, war aber nicht der Typ, der sich leicht durchsetzen konnte.

»Irgendeine brauchbare Theorie bisher?«, unterbrach Erik den immer leiser und kleinlauter werdenden Malte. Alle schwiegen. Anne spürte, dass sie nun dran war. »Unsere Frau Psychologin weiß sicherlich mehr. Ich habe doch glatt vergessen, Sie vorzustellen. Anne Wahlberg. Tja, das Beste heb ich mir nun mal immer für das Ende auf. Sie wird uns nun nämlich endlich sagen, wen wir eigentlich suchen.«

Anne blickte zuerst in die Runde, bevor sie anfing. Keiner sah sie an, nicht einmal Micha, der intensiv mit dem Entzünden eines Streichholzes beschäftigt war.

»Ich habe bisher auch nur die Akten gelesen. Ich brauche Fotos. Von der Leiche, vom Fundort und so weiter.«

Erik lächelte herablassend. »Kurz gesagt, Sie können auch nichts Sinnvolles beisteuern. Schön, dann schlage ich vor …«

Anne unterbrach ihn. »Ich bin mir sicher, dass die beiden Fälle in Zusammenhang stehen. Timmy Becks Unfall und Lena Sommers Ermordung, meine ich. Und ich bin mir auch sicher, dass Timmys Tod zwar der Auslöser für den Mord ist, seine Eltern aber nichts damit zu tun haben.«

Schweigen. Erik antwortete schließlich. »Frau Wahlberg. Verstehen Sie mich nicht falsch. Wir arbeiten hier. Entweder Sie liefern mir etwas Vernünftiges, oder Sie bleiben einfach nur still sitzen und hören zu. Vielleicht lernen Sie ja was. Sammeln Sie einfach ein bisschen für Ihre Doktorarbeit.«

»Danke, den Doktor hab ich schon.« Die Kollegen unterdrückten ein Grinsen. Erik tat so, als lese er in seinen Papieren.

»Lassen Sie es mich so erklären: Was mit Lena Sommer vor ihrem Tod gemacht wurde, passt nicht zu den Becks.«

»Ach ja? Eine verzweifelte Mutter, ein am Boden zerstörter Vater, klar, die beiden hätten die Frau sicher gleich nach dem Freispruch gerne zum Tee eingeladen.« Erik sprach sehr leise, aber gerade laut genug, dass jeder ihn verstehen konnte. Die anderen lachten still in sich hinein.

Bevor Anne etwas erwidern konnte, klopfte es an der Tür. Behrens’ Sekretärin kam herein, reichte Erik ein Blatt Papier und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dann verließ sie sofort wieder den Raum und schloss sorgfältig die Tür hinter sich. Erik las die Seite, während die anderen sich abwartend leise miteinander unterhielten, rauchten oder ihren Kaffee schlürften. Anne beobachtete Erik genau. Die Nachricht, die man ihm gebracht hatte, verwirrte ihn. Er las sie gleich noch einmal. Endlich ließ er das Blatt sinken. Er sah niemanden an, als er sprach, und bemühte sich um einen beiläufigen Tonfall.

»Die Kollegen von der Kripo in Bad Doberan haben das eben gefaxt. Eine Frau ist seit einer Woche verschwunden, sie bitten um unsere Mithilfe.«

Erik nickte Gerd zu, der neben ihm saß. »Häng dich da mal dran. Lass dir die Unterlagen schicken.«

»Was haben wir denn mit einem Vermisstenfall in Bad Doberan zu tun?«, protestierte Gerd. »Das können die doch selbst!«

»Das Tagesgeschäft geht weiter, schließlich war ich offenbar nicht der Einzige, der vier Wochen Urlaub hatte.«

Das saß. Die Kollegen rutschten missmutig auf ihren Stühlen herum. Nur Micha schien unberührt, er spielte gedankenverloren mit seiner heruntergebrannten Kippe herum und drückte sie schließlich aus.

Gerd stand ohne ein weiteres Wort auf und verließ den Raum. Er knallte mit voller Absicht die Tür hinter sich zu. Erik ließ sich davon nicht beeindrucken. Er machte einfach weiter.

»Wo waren wir. Ach ja. Frau Wahlberg. Entschuldigung. Dr. Wahlberg. Sie wollten uns noch etwas mitteilen?« Erik angelte sich von Micha die Streichhölzer und zündete sich eine Zigarette an, ohne Anne anzusehen. Die Nikotinschwaden in dem kleinen Besprechungsraum wurden immer dichter.

»Thomas Beck würde ich die Tat zutrauen, wenn Lena Sommer auf offener Straße erschossen worden wäre. Bei der emotionalen Lage, in der die Eltern nach dem Freispruch waren, hatten sie aber sicher keinen Nerv, eine mehrtägige Entführung zu planen und durchzuführen. Sie haben ja bis zuletzt mit einer Verurteilung gerechnet. Außerdem habe ich den Eindruck, dass die Verletzungen etwas Rituelles haben. Lena Sommer wurde gerädert, im Mittelalter eine Strafe für Mörder. Außerdem ist sie ähnlich gestorben wie Timmy: Ihm sind, als er überfahren wurde, auch alle Knochen gebrochen. Und das Ausstechen der Augen heißt, dass sie nicht aufgepasst hat. Hätte sie die Augen offen gehalten, wäre es nie so weit gekommen. Weil sie ihre Augen nicht benutzt hat, werden sie ihr zur Strafe genommen.«

Erik brummte etwas Unverständliches vor sich hin, aber Anne fuhr fort, als hätte er sie nie unterbrochen. »Auch wenn es ganz eindeutig eine direkte Verbindung zu dem gibt, was dem kleinen Timmy Beck passiert ist – das machen keine trauernden Eltern! Diese frische Trauer macht impulsiv, aber Lena Sommers Tod zeugt von einem Täter, der sich Zeit lassen wollte. Ich würde gerne mit dem direkten Umfeld des Opfers beginnen. Mit ihren Eltern reden, mir ihre Wohnung ansehen. Wann kann ich das machen?« Stille. Ein paar Kollegen grienten sich gegenseitig an, vermieden es aber, Erik oder Anne direkt anzusehen.

Erik dachte nicht daran, seine Akten wegzulegen. Scheinbar vertieft blätterte er weiter. Dann plötzlich blickte er auf. »Ach, Sie sind fertig. Ja, also was wollten Sie? Entschuldigung, ich war mit den Gedanken woanders.«

Mistkerl, dachte Anne.

Der Umgebungsplan von Rostock hatte schon einige lange Risse an den Faltstellen. Malte versuchte, ihn auszubreiten, verhedderte sich aber und riss den Plan an einer Seite nun vollständig kaputt. Das Dorf, das er suchte, war offenbar genau an der Stelle eingezeichnet gewesen, die durch ein Brandloch nicht mehr vorhanden war. Mit dieser Art Straßenkarte war er noch nie zurechtgekommen. Er bevorzugte die Ringbücher zum Blättern. Am besten wäre es, gleich zu einer Tankstelle zu fahren und sich dort so einen Plan zu kaufen. Er seufzte. Schön, wenn mal wenigstens eine Sache rund laufen würde. Und die Psychologin hatte eindeutig kein Gefühl für Zeit. Die fünf Minuten, die sie haben wollte, waren schon seit zehn Minuten um.

Malte Böttcher hatte von Anfang an keinen leichten Stand bei den Kollegen in Rostock gehabt. Für diesen Mordfall hatten sie Verstärkung angefordert, und natürlich wusste jeder, dass selten die besten Leute ausgeliehen wurden. Eigentlich immer nur die schlechtesten. Da Malte schon seit einiger Zeit um eine Versetzung von Schwerin nach Rostock gebeten hatte und dies gut in den Zeitplan passte, hatte man kurzerhand ihn ausgewählt.

Malte hatte schon immer davon geträumt, zur Polizei zu gehen.

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