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Späte Rache

1

Als die Lkws vor dem Haus Halt machten, Soldaten heruntersprangen und die Kommandos der Offiziere bis zu ihnen hinauf zu hören waren, wussten sie: es war soweit … Das Getrampel der Stiefel im Treppenhaus drang bis ins Wohnzimmer.

Die Familie Nipkow hatte sich am großen Wohnzimmertisch versammelt: Vater und Mutter, Max, Erwin, Heda, Britta und der kleine Leo. Das war der Moment, vor dem sie sich alle seit Tagen gefürchtet hatten. Sie hielten sich krampfhaft an den Händen und beteten gemeinsam. In ihren Augen stand die nackte Angst. Die Gesichter der Kinder waren tränenverschmiert, nur hier und da unterbrach ein Schluchzen die Stille. Sie wussten, was gleich passieren würde. Seit Tagen trieb man die Menschen auf die Straßen, verfrachtete sie in Lkws und niemand wusste, wohin man sie brachte, denn niemand kehrte je zurück. Man munkelte von Erschießungen.

Edmund Nipkow entstammte einem alten kaschubischen Adelsgeschlecht und war tief gläubig. Er wusste, dass jede Gesellschaft Gesetze brauchte und Organe, die für deren Einhaltung sorgten, andernfalls würde Anarchie ausbrechen. Er war Richter und hatte sein ganzes Leben damit verbracht, nach diesen Gesetzen zu urteilen. Aber die göttlichen Gesetze galten nicht für jedermann, auch nicht die Gesetze einer zivilisierten Gesellschaft. Die Nationalsozialisten hatten eigene …

Seit die Schleswig-Holstein ihr mörderisches Kanonenfeuer auf das polnische Munitionsdepot auf der Westerplatte eröffnet und zeitgleich die SSHeimwehr von Danzig sowie Polizeitruppen das Gebäude der polnischen Post gestürmt hatten, befand sich Deutschland offiziell mit Polen im Krieg.

Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen … Gewehrkolben hämmern an die Tür und der Befehl zu öffnen ließ keinen Zweifel am Vorhaben der Männer zu. Bevor Vater Nipkow aufstehen und öffnen konnte, krachte die Tür mit Wucht an die Wand. Es gab Scherben im Flur. Schwarzuniformierte stürmten die Wohnung, Runen und Totenkopf auf den Kragenspiegeln, ein Totenkopf vorn an der Schirmmütze: Es war die SS. Dahinter erschienen zwei Gestalten in langen, schwarzen Ledermänteln mit Schlapphüten: Gestapo.

Die Befehle überschlugen sich fast, als wolle einer den anderen übertönen. Wie Vieh trieb man die Familie durchs Treppenhaus, hinunter auf die Straße. Mitnehmen durften sie nur, was sie auf dem Leibe trugen. Völlig verängstig und in Tränen aufgelöst, hielten sie sich verzweifelt an den Händen. Der kleine Leo klammerte sich an seine Mutter, während Tränen sein Gesicht hinunterliefen. Er versuchte, sich die Rotznase am Ärmel abzuwischen, und wäre fast gestolpert, doch seine Mutter hielt ihn eisern fest und verhinderte, dass er stürzte.

Ungefähr 35 Menschen hatten sie auf der Straße zusammengetrieben. Edmund Lipkow kannte viele von ihnen: den Bürgermeister, den Pfarrer ihrer Gemeinde und den Lehrer der hiesigen Schule, die auch seine Kinder besucht hatten. Alle hatten sie Angehörige dabei – Großeltern, Eltern und Kinder. Als Kaschuben und Nicht-Arier waren sie den Nazis schon lange ein Dorn im Auge. Erst mit der Einnahme der Westerplatte hatten die von der Kette gelassenen Herrenmenschen mit ihren lange vorher geplanten Säuberungsaktionen begonnen.

»Aufsitzen!«, wurde gebrüllt. »Ein bisschen plötzlich!« Mit Gewehrstößen wurde nachgeholfen. Wer hinfiel wurde geschlagen, bis er wieder aufstand. Die unmenschliche Brutalität, die dabei an den Tag gelegt wurde, war unbegreiflich. Alle waren sie unbescholtenen Bürger dieser Stadt, doch einige von ihnen waren nicht arischer Abstammung – das war alles.

Das Kommando vom SS-Wachsturmbann Eimann und dem Volksdeutschen Selbstschutz verfrachteten die Menschen unter Schlägen auf die Laster. Zusammengepfercht wie Schafe standen sie schließlich auf den Ladeflächen. Reden war verboten.

Die Fahrt ging stadtauswärts und endete schließlich im Wald von Piasnica. Wieder ertönten laute Kommandos, damit sie abstiegen. Im Laufschritt trieb man sie durch den Wald zu der ausgehobenen Grube, an deren Rand sie sich aufstellen mussten. Niemand blickte auf die bereits darin liegenden Leichen, auf die man Kalk geschüttet hatte.

Gelegentlich vernahm man hämisches Lachen oder Schimpfworte wie Polenschweine, Geschmeiß, Schmarotzer, Abschaum oder Ähnliches, andere fotografierten, um ein Erinnerungsfoto zu haben. Dem Erschießungskommando jedoch ging das alles zu langsam, schließlich war das erst der Anfang … SS-Obersturmbannführer Eimann ließ es sich nicht nehmen, mit gutem Beispiel voranzugehen, um sich als Vorbild für sein Kommando zu zeigen. Mit seiner Pistole erschoss er den Ersten in der Reihe. Es war Edmund Nipkow, der rücklings in die Grube stürzte. Zufrieden trat Eimann zurück, dann hob er den Arm.

Leo stand neben seiner Mutter und seinen Geschwistern. Sie hielten die Hände hinter den Köpfen verschränkt. Außer leisen Gebeten und dem Schluchzen der Kinder hörte man nichts von ihnen. Leo heulte und hatte sich vor Angst eingenässt. »Feuer …!«, war das Letzte, das sie vernahmen, als Eimann den Befehl gab. Leo, den seine Mutter an der Hand gepackt hielt, als die Kugel ihren Kopf zerfetzte, wurde mit in die Grube gerissen; dann fiel etwas Schweres auf ihn und presste ihm die Luft aus den Lungen. Er verlor das Bewusstsein.

Tage später, als sich die Grube mit Leichen gefüllt hatte, mussten polnische Kriegsgefangene aus dem nahegelegenen KZ Stutthof die Massengräber zuscharren, um anschließend selbst exekutiert zu werden.

Der eingesetzte Gauleiter Albert Forster hatte sich schon lange zum Ziel gesetzt, seine Gau als juden- und polenfrei nach Berlin melden zu können. Sein williger Helfer Ludolf-Herrmann von Alvensleben, Leiter des Deutschen Volksschutzes und von November 1938 bis Januar 1941 Adjutant des Reichsführers-SS Heinrich Himmler, hatte bereits vor Kriegsbeginn Listen mit Namen von kaschubischen und polnischen Intellektuellen erstellt und an die SS und Gestapo weitergeleitet. Die Massaker im Wald von Piasnica gingen bis Dezember unvermindert weiter …

2

Seit Stunden schon haderte Harry mit dem kleinen Aktenstapel, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Immer wieder stocherte er darin herum und konnte sich nicht entscheiden, wo er zuerst beginnen sollte. Ständig schweiften seine Gedanken zum letzten Fall ab: Nicole von Tesmer – eine Schönheit, die er beim Onlinedating im Internet kennengelernt hatte – kostete ihm beinahe das Leben. Dass er es noch hatte, verdankte er seinen beiden Mitarbeitern Paul und Miriam, die herausgefunden hatten, dass sie die gesuchte Giftmörderin war und sie in letzter Sekunde erschossen. Nur ungern dachte Harry daran zurück. Es war eine der schrecklichsten Erfahrungen in seinem bisherigen Leben und hatte ihn in ein emotionales Tief gestürzt. Seither versuchte er immer öfter, diesen Albtraum in Alkohol zu ertränken.

Im Präsidium des LKA in der Keithstraße in Berlin herrschte rege Betriebsamkeit, nur nicht im Sonderdezernat zur Aufklärung ungelöster Mordfälle. Dort ging es recht gemächlich zu. Im Büro am Ende des Ganges im zweiten Stock residierte Harry mit seinem Team. Hier wurden ungeklärte Mordfälle der letzten Jahrzehnte aufgearbeitet. Ein neu entwickeltes Computerprogramm des BKA Wiesbaden war allen LKAs zur Verfügung gestellt worden. Es erfasste landesweit alle ungelösten Mordfälle, sortierte die Ermittlungsergebnisse wie Tatorte, Tathergänge, Tatwaffen, nähere Umstände, Obduktionsberichte et cetera und stellte Zusammenhänge her; zog Vergleiche und brachte so neue Erkenntnisse. So etwas hatte es noch nicht gegeben. Dank dieses Programms war es Miriam gelungen, Nicole von Tesmer zu enttarnen.

»Bist du wieder am Träumen, Chef?« Miriam blinzelte von ihrem Schreibtisch zu Harry rüber und grinste. In letzter Zeit musste man ihn des Öfteren aufmuntern. Ihr selbst ging es auch nicht besonders. Sie hatte einen Menschen getötet. Freilich, es war irgendwie Notwehr, sonst wäre Harry heute womöglich tot. Trotzdem ging ihr die Szene nicht aus dem Kopf. Immer wieder sah sie Nicole Tesmer mit der Gabel, mit der sie Harry ein Stück vergifteten Kuchen in den Mund schieben wollte. Miriam wollte die Frau nicht töten, aber in dem Moment sah sie keine andere Möglichkeit.

Wieder und wieder ging sie in ihren Träumen das Geschehene durch. Manchmal wachte sie schreiend auf.

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