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Soziologie der Migration

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Seit Jahrzehnten nehmen Migrationsbewegungen weltweit stetig zu und erfassen die gesamten Weltregionen. Die einstige Einteilung zwischen den sog. Aus- und Einwanderungsländern relativiert sich.
Viele Länder sind gleichzeitig Aus- und Einwanderungsländer. Die Anzeichen sprechen dafür, dass Migrationsbewegungen und die damit verbundenen Folgeprobleme weiter zunehmen werden.

Vor diesem Hintergrund beschreibt das vorliegende Buch einführend die komplexen Themenbereiche der Migrationssoziologie. Es vermittelt Studierenden, sozialen Fachkräften in den Migrationsdiensten und interessierten Lesern einen Überblick über migrationssoziologische Zusammenhänge und bietet eine Strukturierung und Bewertung von Themen zur Orientierung.

Petrus Han - Soziologie der Migration - Erklärungsmodelle, Fakten, politische Konsequenzen, Perspektiven - 4., unveränderte Auflage - UVK Verlagsgesellschaft mbH • Konstanz mit UVK Lucius • München

Vorwort

Die vorliegende 3. Auflage bringt alle verwendeten statistischen Daten auf den verfügbar neuesten Stand und berücksichtigt auch die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die die Bedingungen der nationalen und internationalen Migration aktuell beeinflussen. Dadurch wurde die Überarbeitung und Erweiterung vieler Textstellen unumgänglich, insbesondere die der Kapitel 1.3, 1.4, 1.6 und 2.2 - 2.4.

Über die positiven Rückmeldungen zu diesem Buch, insbesondere von Studierenden und Doktoranden, habe ich mich sehr gefreut und danke dafür herzlich.

Paderborn, im November 2009Petrus Han

Inhalt

Einführung

1. Entwicklung soziologischer Migrationstheorien und Wandel der Migrationsformen seit 1945

1.1 Begriff der Migration und Grundbegriffe der Migrationssoziologie

1.2 Multikausale Determinanten der Migration und Typologisierung ihrer Formen

1.3 Migration als Selektionsprozess des Humankapitals und das Problem des „Brain Drain“

1.4 Ausgewählte soziologische Migrationstheorien

1.4.1 Anfänge und Entwicklung der Migrationsforschung

1.4.2 Migrationstheorie von Shmuel N. Eisenstadt

1.4.3 Migrationstheorie von Milton M. Gordon

1.4.4 Migrationstheorie von Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny

1.4.5 Migrationstheorie von Hartmut Esser

1.5 Transmigranten und Transnationalismus als neue Themen der Migrationsforschung

1.6 Globalisierung der Migrationsbewegungen und Diversifizierung der Migrationsformen seit 1945

1.6.1 Arbeitsmigration

1.6.2 Migration von Familienangehörigen (Familienzusammenführung)

1.6.3 Migration von Flüchtlingen

1.6.4 Migration ethnischer Minderheiten

1.6.5 Migration von Studierenden

1.6.6 Illegale Migration

2. Strukturelle Bedingungen der weltweit wachsenden Migrationsbewegungen

2.1 Bildung von Nationalstaaten und gewaltsame politische Konflikte

2.2 Dynamisches Bevölkerungswachstum in der Dritten Welt und seine Auswirkungen auf Nahrungsmittelproduktion und Umwelt

2.3 Ungleiche wirtschaftliche Entwicklung der Industrie- und Entwicklungsländer und Armutsprobleme

2.4 Restriktive politische und legislative Reaktionen der Industrieländer gegenüber dem wachsenden Migrationsdruck

2.4.1 Einwanderungspolitik der traditionellen Einwanderungsländer

2.4.2 Migrations- und Asylpolitik ausgewählter europäischer Aufnahmeländer

2.4.3 Harmonisierung der Einwanderungs- und Asylpolitik in der Europäischen Gemeinschaft / Europäischen Union

3. Psychosoziale Folgen der Migration für die Migranten

3.1 Individuelle Migrationsentscheidung als Prozess

3.2 Existentielle Unsicherheit und Orientierungsstörung als Folgen migrationsbedingter Entwurzelung und Desozialisierung

3.3 Akkulturationsstress und psychosomatische Erkrankungen der Migranten

3.4 Psychosoziale Situation der Migranten als Fremde und „marginal man“ in den soziologischen Analysen von Georg Simmel, Alfred Schütz, Robert E. Park und Everett V. Stonequist

4. Marginalisierung der Migranten im Aufnahmeland

4.1 Residentiale Konzentration und Segregation der Migranten

4.2 Sektorale Konzentration der Migranten am Arbeitsmarkt

4.2.1 Theorie des „Split Labor Market“

4.2.2 Ethnische Enklavenwirtschaft, „Middleman Minority“, selbstständiges Unternehmertum, „Mixed Economy“ und „Job Transition“ von der geschlossenen Enklavenwirtschaft zur offenen „Mainstream Economy“

4.3 Ethnische Vorurteile und Diskriminierungen

4.4 Fremdenangst (Xenophobie) und gesellschaftliche Bedingungen der manifesten Fremdenfeindlichkeit

5. Pluralisierung der Gesellschaft durch Einwanderung und multikulturelle Orientierung der Eingliederungspolitik

5.1 Assimilationsmodell der Eingliederungspolitik im Übergang zum Pluralismusmodell des Multikulturalismus

5.2 Theoretische Aussagen zur Integration der Immigranten von Shmuel N. Eisenstadt, Milton M. Gordon und Hartmut Esser

5.3 Ethnische Mobilisierungen in multiethnischen Gesellschaften und theoretische Erklärungsansätze

5.4 Problematische Vorstellungen zur multikulturellen Gesellschaft in Deutschland und Gefahren der Ethnisierung der deutschen Gesellschaft

Abkürzungen

Literaturverzeichnis

Sachregister

Personenregister

Vezeichnis der Tabellen und Übersichten

Tabellen

Tabelle 1: Percentage of All Tertiary Educated Foreign-born Adults by Region of Residence and Region of Birth 2000 (2008)

Tabelle 2: Health Workers Moving to OECD Countries from Developing Countries 2006 (2008)

Tabelle 3: Proportion of Familiy Migrants among Longterm Migrants in Thousand and %, 2005 (2008)

Tabelle 4: Inflow of Asylum Seekers into Selected OECD Countries (2008)

Tabelle 5: Entscheidungen über Asylanträge-Sachentscheidungen 2001-2007 (2008)

Tabelle 6: Spätaussiedler und Spätaussiedlerinnen nach Herkunftsgebieten (2008)

Tabelle 7: All International Students 2006 (2009)

Tabelle 8: Weltbevölkerung Mitte 2008 und Bevölkerungsprojektionen in Mio. (2008)

Tabelle 9: Characteristics of Three Country Types, 2005 (2007)

Tabelle 10: Per Capita Food Consumption (kcal/person/day) (2003)

Tabelle 11: Cereal Balances, World and Major Country Groups (2003)

Tabelle 12: World’s Urban Agglomerations with Population of 10 Million or more Inhabitants in 2005 and 2015 (2007)

Tabelle 13: Labor Force Structure of the World (2008)

Tabelle 14: Labour Participation Rate and Unemployment Rate by Sex in Selected OECD Countries (2008)

Tabelle 15: Economically Active Population Estimates and Projections (EAPEP) (2009)

Tabelle 16: Weltbevölkerung 2008 nach Alter und in % (2008)

Tabelle 17: 20 Länder mit höchstem und 20 Länder mit niedrigstem Bruttonationaleinkommen (GNI) pro Kopf im Jahre 2007 (2009)

Tabelle 18: New Memberstates of European Union: Population, GNI per Capita, Consumer Prices and Current Account Balance (2009)

Tabelle 19: Jährliche Gesamtzahl der polizeilich registrierten fremdenfeindlichen Straf- und Gewalttaten unmittelbar vor und nach der deutschen Vereinigung (1987-1994) (1996)

Tabelle 20: Zahl der zugewanderten Aussiedler und Asylsuchenden unmittelbar vor und nach der Änderung des Verfassungsrechts auf Asyl im Art.16 des GG (1993)

Übersichten

Übersicht 1: Typologie der Migration nach William Petersen

Übersicht 2: Phasen des Assimilationsprozesses von Milton M. Gordon

Übersicht 3: Veränderung des Migrationspotentials aufgrund veränderter Konstellationen von kulturellen und strukturellen Distanzen zwischen den nationalen Einheiten in der Weltgesellschaft

Übersicht 4: Grundmodell der Assimilation von Wanderern

Übersicht 5: Vorläufige Systematik zentraler Begriffe der Forschung zur transnationalen Migration

Übersicht 6: Existentielle Unsicherheit und Orientierungsstörung als Folgen migrationsbedingter Entwurzelung und Desozialisierung

Übersicht 7: Strategien der Akkulturation und ihre Ergebnisse

Übersicht 8: Begriffliche Dimensionen der Eingliederung von Wanderern von Hartmut Esser

Übersicht 9: Prozesshafte Entwicklung ethnischer Mobilisierungen

Einführung

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nehmen die Migrationsbewegungen weltweit stetig zu und erfassen die gesamten Weltregionen, so dass heute kaum eine Region von dieser Entwicklung unberührt bleibt. Im Jahr 2005 erreichte die Zahl der Migranten weltweit 191 Millionen, während sie bereits im Jahr 2008 die Schwelle von 200 Millionen überstieg. Zwischen 2000 und 2005 sind jährlich 3,3 Mio. Menschen aus den Entwicklungsländern in die Industrieländer ausgewandert. Man rechnet damit, dass diese Zahl zwischen 2005 und 2010 jährlich bei etwa 2,5 Mio. und zwischen 2010 und 2050 jährlich etwa bei 2,3 Mio. liegen wird (IOM, 2008, 2, 36, 80). Es wird davon ausgegangen, dass die Zahl der Migranten bis zum Jahr 2050 auf 230 Mio. ansteigen wird (vgl. UN, 2002/1; IOM, 2003, 5). Neu bei dieser Entwicklung ist die zirkulierende Fließrichtung der Migrationsbewegungen. Die einstige Einteilung zwischen den sog. Aus- und Einwanderungsländern relativiert sich. Viele Länder sind zeitgleich Aus- und Einwanderungsländer. Dabei findet ein Prozess der Diversifizierung der Migrationsbewegungen in dem Sinne statt, dass ihre Formen zunehmend differenzierter werden. Migration entwickelt sich zu einem globalen Phänomen, so dass von einem „age of migration“ (vgl. Stephen Castles, Mark J. Miller, 1993, 3) gesprochen wird.

Soziologie der Migration als Forschungsrichtung der speziellen Soziologie ist keineswegs neu. Sie bildete bereits in den 1920er Jahren einen Forschungsschwerpunkt der Soziologie an der Universität Chicago/USA. Sicherlich ist es kein Zufall, dass diese Disziplin bisher in dem größten Einwanderungsland, den USA, und in den anglophonen Einwanderungsländern ihre theoretische und empirische Akzentuierung und Fortentwicklung erfahren hat und noch erfährt. Dagegen ist sie in Deutschland, von da aus zwischen 1820 und 1930 fast 6 Mio. Menschen nach Nordamerika ausgewandert sind, bis in die 1970er Jahre kaum bekannt. Sie gewinnt ihre fachliche Aufmerksamkeit erst im Zusammenhang mit der Einwanderung großer Zahlen von Arbeitsmigranten seit der Mitte der 1950er Jahre und mit den von ihr zeitlich versetzt eintretenden sozialen Problemen in den 1970er Jahren. In der Bundesrepublik Deutschland beginnt die sporadische Rezeption der Migrationssoziologie erst in den 1980er Jahren. Seit den 1990er Jahren nehmen in der Bundesrepublik Deutschland die Forschungen über selektive Themen der Zuwanderungsproblematik in ihrem Umfang zu. Sie bleiben jedoch als Einzelforschungen weitgehend unkoordiniert und ohne integralen Theorieansatz.

Vor diesem Hintergrund wurde das vorliegende Buch als Einführung in die komplexen Themenbereiche der Migrationssoziologie konzipiert. Anlass dazu waren die Erfahrungen des Autors mit Studierenden und Mitarbeitern in den Migrationsdiensten, mit denen er in Lehr- und Fortbildungsveranstaltungen über Fragen aus dem Themenkomplex der Migration arbeitete. Ausgangspunkt dieser Diskurse bildete die Zuwanderungssituation in der Bundesrepublik Deutschland im unmittelbaren Zusammenhang mit den globalen Entwicklungstendenzen der Migrationsbewegungen.

Absolut gesehen verzeichnete Deutschland seit den 1980er Jahren die größte Zuwanderung in Europa, die wesentlich aus der anhaltenden Zuwanderung der Familienangehörigen von Arbeitsmigranten, deutschstämmigen Aussiedlern und Asylsuchenden bestand. Die Folgen dieser Zuwanderung waren vielfältig. Deutlich wurde insbesondere, dass die Zahl der Ausländer trotz des generellen Anwerbestopps von Arbeitsmigranten 1973 und trotz der restriktiven Verschärfung der legislativen Bestimmungen der Zuwanderung kontinuierlich gestiegen war. Diese Entwicklung war auch in allen europäischen Nachbarländern zu beobachten. Sie wurde von einem großen Teil der deutschen Bevölkerung mit diffusen Ängsten und wirtschaftlich begründeten Sorgen beobachtet. Zu Beginn der 1990er Jahre löste sie sogar gewalttätige fremdenfeindliche Reaktionen aus, die nicht nur dem internationalen Ansehen Deutschlands schadeten, sondern auch die interethnischen Beziehungen belasteten.

Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre geht die Zahl der Zuwanderer in der Bundesrepublik Deutschland aufgrund der restriktiven Zuwanderungspolitik kontinuierlich zurück. Dennoch blieb die Frage der gesellschaftlichen Integration der Zuwanderer ungelöst. Die Fachkräfte in den Migrationsdiensten, die mit der professionellen Betreuung und Beratung von Migranten unterschiedlicher ethnischer Herkunft beauftragt sind, suchen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen und problemorientiertem Fachwissen aus der Migrationsforschung. Zudem nimmt an den Hochschulen die Zahl der Studierenden und Doktoranden der 2. und 3. Generation der Aussiedler und Arbeitsmigranten zu, die sich in ihren Examens- und Promotionsarbeiten auch mit der eigenen familialen Migrationsgeschichte auseinandersetzen.

Ein weiterer Anlass zu dem vorliegenden Buch war die zunehmende Bedeutung, die der Autor der Migrationsthematik beimisst. Viele Anzeichen sprechen dafür, dass die Migrationsbewegungen und die damit verbundenen Folgeprobleme weiter zunehmen werden. Die fortschreitende Liberalisierung und Globalisierung im Personen-, Waren- und Kapitalverkehr werden zu wachsenden internationalen Verflechtungen der Nationalstaaten im politischen, wirtschaftlichen, soziokulturellen und ökologischen Bereich führen. Diese Entwicklung bedeutet faktisch die kontinuierliche Zunahme der Migrationsbewegungen von Arbeitskräften. Die Fortentwicklung von Informations-, Kommunikations- und Transporttechnologien erleichtert und fördert nicht nur die Globalisierung von Politik und Wirtschaft, sondern auch die der Migrationsbewegungen. Menschen können heute nicht nur große geographische Entfernungen relativ schnell und kostengünstig überwinden, sie werden auch laufend über die Lebensbedingungen in anderen Ländern informiert, so dass ihr Informationsstand über die „Push-und-Pull-Faktoren“ ständig verbessert wird. Die wachsenden strukturellen Ungleichheiten zwischen Nord und Süd bzw. zwischen Ost und West werden den allgemeinen Migrationsdruck auf die wenigen Industrieländer weiter erhöhen. Die Bemühungen der Industrieländer, dem weltweit wachsenden Migrationsdruck durch restriktive Verschärfung ihrer legislativen und administrativen Maßnahmen zu begegnen, werden zwangsläufig zu steigenden illegalen Migrationsbewegungen führen. Auf der anderen Seite werden die politischen und wirtschaftlichen Gemeinschaftsbildungen von Nationalstaaten (z.B. EU, NAFTA, AFTA, APEC, ASEAN) die regionale Integration der Länder vorantreiben und dadurch in wachsendem Ausmaß regionale Migrationsbewegungen innerhalb der jeweiligen Gemeinschaften auslösen.

Vor dem Hintergrund der Zuwanderungssituation in der Bundesrepublik Deutschland und der weltweit zunehmenden Migrationsbewegungen hat das vorliegende Buch das Ziel, Studierenden, Mitarbeitern in den Migrationsdiensten und interessierten Lesern einen strukturierten Überblick über migrationssoziologische Zusammenhänge zu vermitteln. Es handelt sich um eine selektive Zusammenfassung, Strukturierung und Bewertung von Themen, die den Lesern umfassende und praxisnahe Orientierung bieten sollen.

Der inhaltliche Aufbau des Buches folgt dabei, um vorab einen Überblick zu geben, einer Konzeption, in der versucht wird, Begriffe, Ursachen, Verläufe, Folgen und Perspektiven der Migration in der Reihenfolge der Nennung zu thematisieren. Dadurch soll sich aus der Summe der behandelten Themen ein abgerundetes Bild des Migrationsvorganges, angefangen von dem individuellen Entscheidungsprozess über die physische Emigration aus dem Herkunftsland bis zur schwierigen und prozesshaft verlaufenden wirtschaftlichen und psychosozialen Eingliederung in die Einwanderungsgesellschaft, ergeben. Unter Berücksichtigung dieser Konzeption sind in den einzelnen Kapiteln folgende Inhalte thematisiert.

Im ersten Kapitel werden, ausgehend von der Klärung des Migrationsbegriffes, grundlegende und in der migrationssoziologischen Literatur häufig angewandte Grundbegriffe vorgestellt, um die Leser in die Begriffssprache einzuführen. Im Anschluss daran werden die multikausale Verursachung der Migration und die dadurch stattfindende Selektion der Migranten exemplarisch aufgezeigt, um dann vor dem Hintergrund der grundlegenden Charakterisierung des Migrationsgeschehens die Entwicklung migrationssoziologischer Theorien sowie die vielfältigen Formen der Migration vorzustellen. Themen des zweiten Kapitels sind makrostrukturelle Bedingungen (Bildung von Nationalstaaten, Bevölkerungswachstum, Umweltzerstörung, ungleiche wirtschaftliche Entwicklungen, Armutsprobleme, restriktive politische Reaktionen der Industrieländer), die die weltweiten Migrationsbewegungen in der Gegenwart auslösen. Im dritten Kapitel folgt die Analyse von Phasen des individuellen Entscheidungsprozesses zur Migration und den mit der Migration verbundenen Risiken und Folgeproblemen für die einzelnen Migranten, um die psychosoziale Verfassung der Migranten in ihrer Aufnahmegesellschaft verständlich zu machen. Das übergreifende Thema im vierten Kapitel ist die Lebenssituation der Migrantengruppe in der Aufnahmegesellschaft. Dabei handelt es sich um die Arbeits- und Wohnungsmarktsituation der Migranten und um die Probleme der ethnischen Vorurteile, Diskriminierungen und Fremdenfeindlichkeit, die teilweise durch die residentiale und berufliche Konzentration der Migranten provoziert werden. Im abschließenden fünften Kapitel werden die langfristigen strukturellen Veränderungen der Aufnahmegesellschaft in den Blick genommen, die durch eine große Zahl von Immigranten eingeleitet werden. Die zu diesem Zweck behandelten Themen sind: Richtungswechsel der Eingliederungspolitik, migrationssoziologische Theorieansätze zur Integration, Erklärungsansätze zur zunehmenden ethnischen Mobilisierung und Vorstellungen zur multikulturellen Gesellschaft in Deutschland.

Mit dieser subjektiven Themenwahl hat der Autor die ihm wesentlichen Aspekte angesprochen, ihre theoretischen Zusammenhänge dargestellt und Praxisbezüge aufgezeigt. Das vorliegende Buch versteht sich als Einführung und soll grundlegende Orientierung zu wichtigen Themenbereichen der Migrationssoziologie geben. Hier sei noch darauf hingewiesen, dass die Begriffe „Migrant“ und „Immigrant“ in Anlehnung an den englischen Sprachgebrauch für die migrierenden und immigrierenden Frauen und Männer verwendet werden.

Ich danke meiner Frau Anne Han für ihre Unterstützung und ihre konstruktiven Anregungen bei der Durchsicht dieses Manuskriptes.

1. Entwicklung soziologischer Migrationstheorien und Wandel der Migrationsformen seit 1945

Migrationsbewegungen sind in allen Zeiten zu beobachten. Sie sind fester Bestandteil der Kulturgeschichte der Menschheit. Ihre Formen haben sich im Laufe der Zeit kontinuierlich mit den Veränderungen der soziokulturellen und materiellen Lebensbedingungen der Menschen gewandelt. Ihre Vielfalt lässt sich am Beispiel der Wanderbewegung in der Sammler- und Jägerkultur, der Nomaden- und Völkerwanderung, der unfreiwilligen Massenauswanderung der Arbeitskräfte aus Afrika nach Nordamerika (Sklavenhandel im 17. und 18. Jahrhundert) und der freiwilligen Massenauswanderung der Arbeitskräfte aus dem indischen Subkontinent in die Kolonialgebiete und der transatlantischen Massenauswanderung der Europäer im 18. und 19. Jahrhundert nach Nordamerika dokumentieren. Der historische Beleg der freiwilligen Massenauswanderung von Arbeitskräften aus dem indischen Subkontinent ist in der Rekrutierung von 12 bis 37 Mio. „indentured worker“ durch die „Britisch East India Company“ zu sehen. Die rekrutierten Arbeiter mussten sich für eine vertraglich vereinbarte Zeit zur Arbeit verpflichten, um ihre Überfahrtkosten abzuarbeiten. Im Gegensatz zu der langen Geschichte der Migrationsbewegungen beginnen die wissenschaftliche Befassung und Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Migration erst seit den 1920er Jahren in den USA mit den ersten systematischen soziologischen Migrationsforschungen an der Universität Chicago. Das Ziel dieses Kapitels ist es, ausgehend von einer Begriffsklärung der Migration, in komplexe Zusammenhänge multikausaler Determinanten der Migration, in ausgewählte soziologische Migrationstheorien und in die sich zunehmend diversifizierenden Migrationsformen einzuführen.

1.1 Begriff der Migration und Grundbegriffe der Migrationssoziologie

Der Begriff der Migration stammt von dem lateinischen Wort „migrare bzw. migratio“ (wandern, wegziehen, Wanderung). Er ist in den letzten Jahren, beeinflusst durch das weltweit verwendete englische Wort „migration“, sowohl in der deutschen Alltagssprache als auch in der Begriffssprache der Sozialwissenschaften heimisch geworden. In diesem Buch wird er, so weit wie möglich, anstelle des deutschen Begriffes der Wanderung gebraucht, um die Mehrdeutigkeit des Letzteren und die evtl. damit verbundenen Missverständnisse auszuschließen.

In den Sozialwissenschaften werden unter dem Begriff der Migration allgemein solche Bewegungen von Personen und Personengruppen im Raum (spatial movement) verstanden, die einen dauerhaften Wohnortwechsel (permanent change of residence) bedingen. Die internationale statistische Erfassung der Migrationsbewegungen hat bis 1950, angelehnt an die Empfehlung der UN, einen Wohnortwechsel als dauerhaft und damit als Migration erfasst, wenn er länger als ein Jahr dauerte. Ab 1960 wurde ein Wohnortwechsel, der länger als fünf Jahre anhielt, als Migration erfasst (vgl. Charles F. Longino Jr., 1992, 975; William Petersen, 1972, 286). Nach der revidierten Empfehlung der UN zur statistischen Erfassung der internationalen Migranten von 1998 werden nun diejenigen Personen als Migranten erfasst, die zumindest für die Zeitspanne von einem Jahr (for a period of at least a year) den ständigen Wohnsitz (usual residence) von ihrem Herkunftsland in ein anderes Land verlegen (vgl. IOM, 2003, 296).

Dagegen wird in Deutschland das Kriterium der Dauerhaftigkeit des Wohnortwechsels bei der statistischen Erfassung der Migrationsbewegungen als erfüllt angesehen, wenn die Migration mit einem tatsächlichen Wohnsitzwechsel verbunden ist. Dabei ist unerheblich, ob die Migrationsbewegungen freiwillig oder unfreiwillig erfolgen. Mit dem Wohnortwechsel ist der Wechsel des Wohnsitzes von einer Gemeinde A zu einer Gemeinde B gemeint, d.h. der neue Wohnort muss in einer anderen politischen Wohngemeinde liegen, um diese räumliche Bewegung von Menschen als Migration bezeichnen zu können (vgl. W. A. V. Clark, 1986, 20; Wolfgang Mälich, 1989, 875).

Das Kriterium des dauerhaften Wohnortwechsels ist auch für die soziologische Begriffsbestimmung der Migration konstitutiv, unabhängig davon, ob dieser Wechsel von Migranten selbst gewollt ist oder nicht. Räumliche Bewegungen von Personen und Personengruppen, die nicht mit einem dauerhaften Wechsel des Wohnortes verbunden sind, der über die bisher ansässigen politischen Gemeindegrenzen hinausgeht (z.B. Reisende, beruflich bedingte Pendelbewegungen von Arbeitnehmern, Umzüge innerhalb derselben politischen Gemeinde), werden begrifflich nicht dem Phänomen der Migration zugerechnet (vgl. Rudolf Herberle, 1955, 2). Nach dem Begriffsverständnis der Sozialwissenschaften wird damit nicht jede räumliche Bewegung von Personen und Personengruppen als Migration bezeichnet (vgl. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, 1970, 54).

Die Migrationsbewegungen der Menschen werden, wie das nächste Kapitel 1.2 zeigen wird, durch eine Vielzahl zusammenhängender Ursachen und Zwänge kultureller, politischer, wirtschaftlicher, religiöser, demographischer, ökologischer, ethnischer und sozialer Art ausgelöst. Sie sind in der Regel das Ergebnis eines Zusammenspiels von mehreren Ursachen, die sowohl auf der gesellschaftlich strukturellen als auch auf der persönlich individuellen Ebene angesiedelt werden können. Migration kann selten monokausal erklärt werden. Die vielschichtigen Ursachen sind oft so miteinander verwoben und vermengt, dass eine eindeutige Trennung der freiwilligen von der unfreiwilligen Migration kaum möglich ist. Darüber hinaus ist Migration immer ein Prozess, der, beginnend von der Vorbereitung über den faktischen Verlauf bis hin zu einem vorläufigen Abschluss, in einem langen zeitlichen Kontinuum stattfindet. Der vollzogene Wohnortwechsel ist zwar ein sichtbares Zeichen, aber keineswegs der Endpunkt der Migration. Es kann gesagt werden, dass der wesentlich zeitintensivere und schwierigere Teil der „inneren psychosozialen Migration“ erst nach der „äußeren physischen Migration“ beginnt.

Bei der theoretischen Erfassung und Differenzierung des Migrationsprozesses von Personen und Personengruppen in der sozialwissenschaftlichen Fachliteratur finden daher die motivationale (Beweggründe und Aspirationen), die räumliche (geographische Distanz und die mit der zunehmenden Entfernung steigende Fremdheit von Kultur, Sprache, Gewohnheiten), die zeitliche (dauerhaft bzw. vorübergehend) und die soziokulturelle (gesamtes neues Lebensumfeld) Dimension der Migration besondere und teilweise fachlich unterschiedlich gewichtete Berücksichtigung (vgl. J. A. Jackson, 1986, 4).

Im Folgenden werden grundlegende Begriffe geklärt, die im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Begriff der Migration verwendet werden. Weitere Begriffsklärungen werden in den jeweiligen Kapiteln vorgenommen.

a) Binnenmigration (internal migration)

Wenn die Verlegung des ständigen Wohnsitzes von einer politischen Gemeinde in eine andere, die sich innerhalb gleicher nationalstaatlicher Grenzen (within the boundaries of a given country) befindet, erfolgt, wird diese als Binnenmigration bezeichnet (vgl. Charles F. Longino, Jr., 1992, 974; Ludwig Neundörfer, 1961, 497). Bezogen auf eine Gemeinde, in der die Zu- und Wegzüge der Wohnbevölkerung stattfinden, wird in der Fachliteratur englischer und deutscher Sprache zwischen der „in-migration“, d.h. die Migration in die Gemeinde und der „out-migration“, d.h. die Migration aus der Gemeinde unterschieden (vgl. David M. Heer, 1996, 538). So wird beispielsweise die Migration von Menschen aus den ländlichen Gegenden in städtische Regionen als „rural out-migration“ bezeichnet. Oft wird für die Zuwanderung in eine Gemeinde/in ein Land der Begriff „in-flow“, für die Abwanderung aus einer Gemeinde/aus einem Land der Begriff „out-flow“ verwendet.

b) Internationale Migration (international migration)

Findet die Verlegung des Wohnsitzes der Migranten dauerhaft oder vorübergehend zwischen den Nationalstaaten statt, wird diese als internationale bzw. grenzüberschreitende Migration bezeichnet (vgl. David M. Heer, 1992, 984; Alfred Kruse, 1961, 503). Dabei wird die Immigration (Einwanderung) von der Emigration (Auswanderung) unterschieden. Die Unterscheidung zwischen Binnenmigration und internationaler Migration dient eher statistischen, formalrechtlichen (z.B. bei der Anerkennung des Flüchtlingsstatus nach der Genfer Flüchtlingskonvention) und theoretischen Zielsetzungen und weniger der tatsächlichen Differenzierung des Migrationsgeschehens. Die formale Zuordnung ist relativ, weil sie durch die Verschiebung bzw. Auflösung nationalstaatlicher Grenzen korrigiert werden muss. Das faktische Migrationsgeschehen ist so gesehen von seiner statistischen bzw. formalen Einordnung zu trennen. Der Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion, die Entstehung der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS bzw. CIS: Commonwealth of Independent States) und die dadurch ausgelösten grenzüberschreitenden Migrationsbewegungen zwischen den 15 Nachfolgestaaten sind Beispiele dafür, wie relativ die formale Unterscheidung zwischen nationaler und internationaler Migration sein kann.

c) Migrationsstrom (migration stream)

Mit diesem Begriff bezeichnet man die Richtung der Migrationsbewegungen von einem bestimmten Ausgangsort (Auswanderungsort) zu einem bestimmten Zielort (Einwanderungsort) hin. Diese Richtungsangabe kann auf einen konkreten Ort (specific stream) oder auf ein konkretes typologisches Gebiet (typological stream), wie z.B. die Migration in eine städtische Region, bezogen sein. Der Migrationsstrom kann sowohl in der Binnenmigration als auch in der internationalen Migration durchaus von einem Gegenstrom (counterstream) begleitet sein (vgl. Charles F. Longino, Jr., 1992, 975). In der Zeit der Frühindustrialisierung emigrierten Menschen aus den ländlichen Regionen mit bäuerlicher Wirtschaftsstruktur in die städtischen Ballungsgebiete mit neu entstehender industrieller Wirtschaftsstruktur. Diese sog. Landflucht hält bis in die Gegenwart hinein in vielen Regionen der Welt weiter an, weil die städtischen Regionen insgesamt bessere Chancen und Bedingungen im Bereich der Ausbildung, Beschäftigung, Freizeit, Kultur und Infrastruktur bieten. Es ist jedoch auch zu beobachten, dass die Zahl umweltbewusster Menschen zunimmt, die ihren Wohnsitz aus dem städtischen in den ländlichen Raum verlegen. Im internationalen Bereich ist zu beobachten, dass Arbeitsmigranten aus den wenig entwickelten in die hochentwickelten Länder emigrieren, während umgekehrt immer mehr Manager und hochqualifizierte Fachberater aller Fachrichtungen die temporäre Migration von den hochentwickelten Industrieländern in die Entwicklungsländer antreten, um dort für eine begrenzte Zeit beim wirtschaftlichen Aufbau mitzuhelfen.

d) Migrationsvolumen und Migrationssalden bzw. -bilanzen

Die Summe der Zu- und Abwanderung von Menschen innerhalb eines Gebietes und einer bestimmten Zeit wird als Migrationsvolumen bezeichnet, während die Gewinne und Verluste, die eine Bevölkerung eines bestimmten Gebietes in einer bestimmten Zeit durch die Migration erfährt, als Migrationssalden bzw. Migrationsbilanz bezeichnet werden. Die „Netto-Migration“ (net migration) ist die Differenz zwischen den Zahlen der Zu- und Abwanderungen. Die Gewinne bzw. Verluste der Bevölkerung, die durch die Migrationsbewegung eintreten, werden als „positive bzw. negative Netto-Migration“ bezeichnet (vgl. Rudolf Heberle, 1955, 9; Charles F. Longino, Jr., 1992, 975).

e) Mobilitätsziffer

Unter dem Begriff der Mobilitätsziffer versteht man die Summe der Ein- und Auswanderungen von Menschen eines Gebietes bezogen auf die Bevölkerung per Tausend, d.h. das Verhältnis des Migrationsvolumens eines Gebietes zu seiner Bevölkerung, ausgedrückt per Tausend (vgl. Wolfgang Mälich, 1989, 880). Die Mobilitätsziffer eines Gebietes darf jedoch nicht direkt mit der Durchschnittsmobilität seiner Bewohner gleichgesetzt werden, weil deren Intensität berufsspezifisch unterschiedlich ist. Allgemein besteht die Tendenz, dass die Angehörigen der freien Berufe (z.B. Unternehmer, selbstständige Ärzte, Anwälte) sesshafter sind als abhängige Lohnarbeiter und Angestellte. Die sachgerechte Interpretation der Mobilitätsziffern setzt daher die Berücksichtigung der berufsspezifischen Zusammensetzung der Zu- und Abwanderung voraus (vgl. Rudolf Heberle, 1955, 11-13)

f) Kettenmigration (chain migration)

Unter dem Begriff der Kettenmigration versteht man eine Form der Migration, in der die Pioniermigranten ihren Familienangehörigen oder Bekannten aus dem Primärgruppenkreis im Herkunftsland nachfolgende Migrationen ermöglichen. Die nachkommenden Migranten werden durch persönliche Informationen (z.B. Briefe, Erfolgsberichte, Erzählungen, Informationen zu Bechäftigungs- und Verdienstmöglichkeiten) und materielle Hilfen (z.B. Überweisung der Fahrtkosten aus eigenem Ersparnis, Besorgung von Unterkunft und Arbeit) zur Migration motiviert, während und nach der Migration begleitet (vgl. Charles Tilly und Harold C. Brown, 1967, 142; Harvey M. Choldin, 1973, 175). Indem auf diese Weise einer nachfolgenden Migration die nächste folgt und dadurch eine Mehrzahl von Menschen sukzessiv den bereits im Ausland lebenden nahen und fernen Familienangehörigen, Bekannten, ehemaligen Nachbarn oder Landsleuten folgt, entsteht im übertragenen Sinn eine Kette von Migrationen.

„chain migration can be defined as that movement in which prospective migrants learn of opportunities, are provided with transportation, and have initial accommodation and employment arranged by means of primary social relationships with previous migrants.“ (John S. MacDonald und Leatrice D. MacDonald, 1974, 227).

Die Pioniermigranten stammen überwiegend aus Großfamilien bzw. erweiterten Familien (extended families), weil diese von ihrer Alters-, Geschlechts- und Generationsstruktur sowie von ihrer finanziellen Situation her eher in der Lage sind, die Migrationskosten zu tragen und den migrationsbedingten Ausfall von produktiven Arbeitskräften zu verkraften (vgl. Harvey M. Choldin, 1973, 164). Die Kettenbeziehungen (the chain relationships) können jedoch über die Verwandtschaftsbeziehungen hinaus auch zwischen den Menschen entstehen, die gleicher Herkunft sind und ähnliche wirtschaftliche Interessen verfolgen. So wurden bei Untersuchungen italienischer Einwanderer in den USA drei Formen der Kettenmigration festgestellt. Eine Form der Kettenmigration süditalienischer Migranten war die, die durch sog. „padroni“, eine Art von Vermittlern, organisiert wurde. Die „padroni“ vermittelten amerikanischen Arbeitsgebern italienische Arbeitskräfte und erhielten dafür ihre Provision. Sie boten den Neuankömmlingen verschiedene Dienstleistungen an, um diese in Abhängigkeitsbeziehung zu halten. Das „Padroni-System“, das einst die Funktion des traditionellen Familien- und Verwandtschaftssystems übernommen hatte, verlor seine Bedeutung, als die Arbeitergewerkschaften direkte Verhandlungen mit den Arbeitnehmern führten. Eine weitere Form der Kettenmigration entwickelte sich durch die Männer, die ohne ihre Familien allein eine temporäre Arbeitsmigration angetreten haben (serial migration of breadwinners). Da sie nicht die Absicht hatten, dauerhaft in den USA zu bleiben, und da sie nicht sozial isoliert in der Fremde arbeiten wollten, unterstützten sie die Arbeitsmigration anderer Männer aus der Heimat, so dass eine Kettenmigration von Familienvätern (bzw. Familienernährern/breadwinners) ausgelöst wurde. Eine dritte Form der Kettenmigration bestand aus dem späteren Nachzug der Familien (delayed family migration) dieser Arbeitsmigranten. Als eine Folge der Massenemigration von Arbeitskräften aus Süditalien trat dort eine Inflation ein, die durch Geldüberweisungen der italienischen Arbeitsmigranten aus den USA ausgelöst wurde. Die Arbeitsmigranten stellten bald fest, dass es für sie kostengünstiger war, ihre Familien nachzuholen statt sie regelmäßig in Italien zu besuchen. Der Familiennachzug hatte außerdem einen zusätzlichen finanziellen Vorteil, weil die Frauen durch ihre Erwerbsarbeit das Familieneinkommen verbessern konnten. Die Kettenmigration aus Süditalien hat nicht nur zur Entstehung von „Little Italies“ in den USA, sondern auch zu dem Phänomen der „chain occupations“ geführt, indem die Pioniermigranten die nachfolgenden Migranten in die gleiche Arbeitsmarktnische vermittelten, in der sie selbst beschäftigt waren. Dieser Vorgang wiederholte sich bei den nachfolgenden Neuankömmlingen, so dass die Kettenmigranten sukzessiv der gleichen Arbeitsmarktnische zugewiesen wurden (vgl. John S. MacDonald und Leatrice D. MacDonald, 1974, 230-232).

Die Kettenmigration, die besonders oft bei den aus südeuropäischen Ländern stammenden Einwanderern in Australien und in den USA beobachtet wurde (vgl. Charles Price, 1969, 210), wurde in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts eingehend untersucht. Sie ist eine persönlichere Migrationsform im Gegensatz zu den kommerziell organisierten (z.B. Rekrutierungsagenturen) Migrationen (vgl. John S. MacDonald und Leatrice D. MacDonald, 1974, 227).

Ein Beweggrund der Pioniermigranten, die Kettenmigration zu fördern, ist die Einsamkeit, die sie fernab der Heimat in der fremden Umgebung besonders intensiv spüren und die oft durch die persönlich erlebten Diskriminierungen, Erniedrigungen und Enttäuschungen zusätzlich verstärkt wird. Für sie ist die Aufrechterhaltung ihrer sozialen Bindungen und Beziehungen zur Heimat überaus wichtig. Zudem suchen sie im Aufnahmeland Kontakte zu Menschen gleicher Herkunft und bauen soziale Netzwerke auf, um einen „Heimatersatz“ zu schaffen. In vielen Fällen wird die ursprünglich vorgesehene Verweildauer im Ausland verlängert, weil die persönlich gesetzten wirtschaftlichen Ziele nicht wie geplant zu erreichen sind. Aus einer temporären wird somit oft eine permanente Migration.

Die Entstehung ethnischer Gemeinschaften im Aufnahmeland, die prozesshafte Entscheidung zur permanenten Migration und die Einsamkeit sind wesentliche Gründe für die „Pioniermigranten“, ihre Familienangehörigen und Bekannten aus der Heimat nachzuholen (vgl. Charles Price, 1968, 7). Für die nachfolgenden Familienangehörigen und Bekannten bedeutet die Kettenmigration eine vorbereitete und relativ risikofreie Migration, die die Angst vor der Unsicherheit in der Fremde relativiert und zugleich die Verbesserung der Lebensbedingungen verspricht.

g) „Push-Faktor“ und „Pull-Faktor“

Der Migrationsvorgang ist ein komplexer Prozess, der von seiner Entstehung und von seinem Ablauf her durchgehend multikausal und multifaktorial bestimmt wird. Es wird somit überaus schwierig bzw. kaum möglich, eine exakte Trennungslinie zwischen den freiwilligen und unfreiwilligen Migrationen zu ziehen. Ihre auslösenden Ursachen bestehen im Regelfall aus einer komplizierten Mischung von objektiv zwingenden exogenen Faktoren und subjektiv unterschiedlich begründeten Entscheidungen. Ein klassischer Erklärungsansatz der komplexen und multikausalen Bestimmungsfaktoren der Migration besteht darin, dass man diese in Anlehnung an das sog. Gravitationsmodell in die zwei Gruppen der „Push-“ und „Pull-Faktoren“ einteilt. Das Gravitationsmodell der Migration geht auf „The laws of migration“ von Ernest George Ravenstein im Jahre 1885 zurück (vgl. J. A. Jackson, 1986, 13-16), die er in Analogie zu den Gravitationsgesetzen der Physik entwickelt hat. Er vertritt dabei die These, dass ein inverser Zusammenhang zwischen Migrationshäufigkeit und geographischer Entfernung besteht, d.h. dass die Zahl der Migrationsfälle mit zunehmender Entfernung abnimmt. Diese These wurde dadurch begründet, dass die Migrationskosten (z.B. Umzugskosten, Mobilitätskosten, Eingewöhnungskosten, soziale Kosten bei der generellen Umstellung im Aufnahmeland) mit wachsender Entfernung größer werden. Mit der wachsenden Entfernung nimmt auch die allgemeine Information über die Zielregion ab, so dass eher eine nah als weit entfernt gelegene Region von den Migranten als Zielort gewählt wird (vgl. Wolfgang Mälich, 1989, 880). Aus heutiger Sicht ist diese These zu revidieren, weil die Migrationshäufigkeit heute mehr von den restriktiven politischen und legislativen Bestimmungen der Aufnahmeländer abhängt und weniger von der geographischen Entfernung und Informationsgewinnung.

Nachdem Everett S. Lee die Bedeutung der „Push- und Pull-Faktoren“ der Migration in seiner Migrationstheorie differenziert dargestellt hat (vgl. Everett S. Lee, 1966, 49-56), werden unter den „Push-Faktoren“ (Druckfaktoren) all die Faktoren des Herkunftsortes bzw. -landes der Migranten zusammengefasst, die diese zur Emigration (Auswanderung) zwingen. Dabei kann es sich um politische und religiöse Verfolgung, wirtschaftliche Krisen, zwischenstaatliche Kriege, Bürgerkriege, Umwelt- und Naturkatastrophen handeln, um nur einige Beispiele zu nennen. Unter den „Pull-Faktoren“ (Sogfaktoren) werden dagegen all die Faktoren des Aufnahmeortes bzw. -landes der Migranten zusammengefasst, die diese zur Immigration (Einwanderung) anreizen und motivieren. Anziehungsfaktoren sind z.B. politische Stabilität, demokratische Sozialstruktur, religiöse Glaubensfreiheit, wirtschaftliche Prosperität und bessere Ausbildungs- und Verdienstmöglichkeiten.

Es wird allgemein angenommen, dass die „Push- und Pull-Faktoren“ vor dem Hintergrund der modernen Informations-, Kommunikations- und Transportmöglichkeiten wachsende Bedeutung für die individuelle Migrationsentscheidung erhalten (vgl. Reinhard Lohrmann, 1989, 137; Sidney Weintraub, Chandler Stolp, 1987, 139). In einer Zeit der Nachrichtenübermittlung per Satellit werden Menschen, die im entferntesten Winkel der Welt leben, tagtäglich ohne zeitliche Verzögerung über Ereignisse und Lebensbedingungen in aller Welt informiert. Sie haben durch die verschiedenen modernen Kommunikationsmöglichkeiten unmittelbare und schnelle Kontakte mit emigrierten Verwandten, Bekannten und Landsleuten, die aus erster Hand zuverlässige und nützliche Auskünfte vermitteln. Die schnellen und teilweise preisgünstigen modernen Transportmöglichkeiten ermöglichen heute sogar armen Menschen große räumliche Entfernungen relativ problemlos zu überbrücken (vgl. Antonio Golini, Corrado Bonifazi, 1987, 133).

Die Aussagekraft dieser „Push- und Pull-Faktoren“ ist jedoch im konkreten Einzelfall zu überprüfen, weil die Migranten in ihrer Entscheidung nicht immer an dem logisch rational erwartbaren Vorteil (z.B. objektiv vorhandene bessere Verdienstmöglichkeiten in einem Land als „Pull-Faktor“), sondern oft mehr an den sozialen und emotionalen Bindungen (z.B. Gemeinschaft mit den Verwandten und Bekannten) orientiert sind. Der bewusste Verzicht auf den objektiv erwartbaren Vorteil mag irrational erscheinen. Für die Migranten können jedoch emotionale Sicherheit und soziale Einbindung wichtiger sein als der ökonomische Vorteil, wie die Kettenmigration dokumentiert.

h) Migrationssystem (migration system) und Migrationsnetzwerke (migration networks)

Die Begriffe der Kettenmigration und “Push- und Pull-Faktoren“ betonen implizit die aktive Rolle der einzelnen Individuen im Migrationsprozess. In der Kettenmigration sind die einzelnen Pioniermigranten diejenigen, die einen Migtionsstrom auslösen, während bei den „Push- und Pull-Faktoren“ die Migration als eine Folge der rationalen individuellen Entscheidung unterstellt wird. Die Rolle der Sende- und Empfängerländer bei der Bestimmung der Größe, Richtung, Komposition und Dauer des Migrationsstroms bleibt dagegen unberücksichtigt. Die Migrationsforschung in den 1980er Jahren, die von einem systemisch-strukturellen Ansatz ausging, war bestrebt, die Zusammenhänge zwischen den Sende- und Empfängergesellschaften sowie dem Migrationsstrom aufzuzeigen. Sie ging dabei von der Existenz des Migrationssystems (migration system) aus, das durch die engen historischen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Verbindungen (linkages) zwischen zwei oder mehreren territorial getrennten Gesellschaften gebildet wird. Die Migration wird dabei nicht auf die individuelle Entscheidung zurückgeführt, sondern als das Ergebnis der Interaktionen aller Faktoren angesehen, die die Sende- und Empfängerländer zu einem Migrationssystem miteinander verbinden. Sie wird durch die historisch entstandenen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen der Sende- und Empfängerländer konditioniert. Sie ist somit nicht das Resultat individueller Entscheidung, sondern ein soziales Produkt (migration as a social product), das in seiner Größe, Komposition, Dauer und Fließrichtung kontingent bleibt (vgl. Monica Boyd, 1989, 640-641).

Migrationsnetzwerke (migration networks) sind eine der „linkages“, die die Sende- und Empfängerländer der Migranten zu einem Migrationssytem verbinden (vgl. Monica Boyd, 1989, 641). Sie bestehen aus interpersonellen Bindungen (interpersonal ties), die über Raum und Zeit hinweg die Migranten mit Menschen aus ihrem Herkunftsland auf der Basis der Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen sowie der gemeinsamen Herkunft miteinander verbinden. Durch sie wird die Möglichkeit zur Migration größer, weil sie die erwarteten Gewinne der Migration sicherer erscheinen lassen, indem sie einerseits die Kosten der Umsiedlung reduzieren und andererseits bessere Verdienstmöglichkeiten am Zielort versprechen. Die Migrationskosten umfassen dabei die Reisekosten (Kosten für Transport und Unterkunft), die Informations- und Suchkosten (Kosten bei der Suche nach Arbeit), die Opportunitätskosten (Verdienstausfall während der Reise und Arbeitssuche) und die psychischen Kosten (Kosten bei der Überwindung von Problemen, die mit dem Verlassen der vertrauten Lebensumgebung und mit der Eingewöhnung in der fremden Umgebung verbunden sind). Diese Kosten sind bei der grenzüberschreitenden Migration größer als bei der Binnenmigration. Sie werden jedoch entscheidend reduziert, wenn der potentielle Migrant zu sozialen Netzwerken am Zielort Zugang hat. Jeder Migrant senkt die Kosten der nachfolgenden Migration für die Verwandten bzw. Freunde. Die progressiv zunehmenden Migrationsnetzwerke setzen daher einen sozialen Mechanismus der kumulativen Verursachung (cumulativ causation) der Migration in Gang und lassen von einer bestimmten Schwelle an die Migration zu einem selbsterhaltenden (self-sustaining) Prozess werden. Dies ist auch Erklärung dafür, warum die Migration unabhängig von den wirtschaftlichen Bedingungen, von denen sie ausgelöst wurde, weiter fortdauert (vgl. Douglas Massey, 1988, 396-397). Dagegen haben die Pioniermigranten die vollen Kosten zu tragen, weil sie nicht durch die vorhandenen Migrationsnetzwerke entlastet werden können. Für sie ist daher die Migration wesentlich teuerer. Dies ist auch Grund dafür, warum sie in der Regel aus der relativ vermögenden sozialen Mittelschicht stammen. Für sie ist die Migration oft ein strategisches Mittel gegen den drohenden sozialen und wirtschaftlichen Abstieg (vgl. Patricia R. Pessar, 1982, 351-353).

Das Alltagswort „Wanderung“ bzw. „Wandern“ ist in der deutschen Sprache mehrdeutig. Es wird unter anderem auch im Sinne eines „Spazierengehens“ gebraucht, so dass Günther Albrecht an seiner Stelle die Verwendung des Begriffs der „geographischen Mobilität“ vorschlägt (vgl. Günther Albrecht, 1972, 23). In der Tat stellen die räumlichen Bewegungen eine Form der Mobilität dar. Zudem ist das Vorhandensein der grundsätzlichen Bewegungsfreiheit (Reisefreiheit) die Grundvoraussetzung der Migration. Berücksichtigt man darüber hinaus den Sachverhalt, dass die Migration durchgehend die soziale Stellung der Migranten innerhalb der Aufnahmegesellschaft verändert, könnte der Gedanke naheliegen, den Migrationsvorgang im Zusammenhang mit der sozialen Mobilität im Sinne von Pitirim A. Sorokin zu sehen (vgl. J. A. Jackson, 1986, 74-75). Eine nähere Betrachtung seiner Theorie zeigt jedoch, dass ein theoretischer Zusammenhang zwischen Migration und sozialer Mobilität nur indirekt und interpretativ herzustellen ist.

Unter dem Begriff der sozialen Mobilität versteht Pitirim A. Sorokin die Veränderung (shifting/transition) der sozialen Position des Individuums innerhalb eines sozialen Raumes (social space).

„By social mobility is understood any transition of an individual or social object or value - anything that has been created or modified by human activity - from one social position to another.“ (Pitirim A. Sorokin, 1964, 133).

Er unterscheidet den sozialen von dem geometrischen Raum. Die Nähe der Menschen in einem geometrischen Raum (geometrical space) kann unter Umständen eine unüberbrückbare Distanz im sozialen Raum bedeuten (z.B. Herr und Knecht), während umgekehrt große Distanz in einem geometrischen Raum große Nähe im sozialen Raum (z.B. geographisch getrennt lebende Brüder) bedeuten kann. Der soziale Raum ist dabei ein von Menschen bevölkertes Universum. Die soziale Position des Individuums innerhalb dieses sozialen Raumes wird durch die Gesamtheit seiner Beziehungen zu anderen Menschen bestimmt (vgl. Pitirim A. Sorokin, 1964, 3-6).

Sorokin reduziert die komplizierten und pluralen Beziehungen der Menschen in einem sozialen Raum auf die horizontale und vertikale Dimension. Die Beziehungen zwischen Menschen und Gruppen werden dabei entweder horizontal auf der gleichen Ebene (as situated on the same honrizontal level) oder vertikal hierarchisch übereinander liegend (hierarchically superimposed upon each other) gesehen (vgl. Pitirim A. Sorokin, 1964, 8). Der Begriff der sozialen Mobilität besteht dabei aus der vertikalen und horizontalen Mobilität. Die Menschen können auf der vertikalen Ebene auf- und absteigen, so dass sie dadurch die Möglichkeit haben, ihre sozialen Positionen zu verbessern bzw. zu verschlechtern. Dagegen bringt die horizontale Mobilität nur die territoriale Veränderung auf gleichem horizontalem Niveau mit sich, so dass sie keine Veränderung sozialer Positionen bewirkt (vgl. Pitirim A. Sorokin, 1964, 136).

Die differenzierte Zuordnung der Menschen in die hierarchisch eingeteilten Klassen auf der vertikalen Dimension des sozialen Raumes bezeichnet er als soziale Stratifikation (social stratification). Sie besteht wesentlich aus drei Einzelstratifikationen, aus der politischen, der ökonomischen und der beruflichen Stratifikation (vgl. Pitirim A. Sorokin, 1964, 11).

Er thematisiert die territoriale Mobilität bzw. territoriale Migration (territorial mobility/territorial migration) als eine besondere Form der horizontalen Mobilität (vgl. Pitirim A. Sorokin, 1964, 381-382). Mit anderen Worten ist für ihn die Veränderung sozialer Positionen innerhalb der sozialen Stratifikation der Gesellschaft kein Thema bei der Behandlung der territorialen Mobilität. In seiner Konzeption der horizontalen Mobilität geht er nur von der räumlichen Veränderung der Menschen aus, die ohne Veränderung ihrer sozialen Position bleibt. Er thematisiert lediglich die Folgen des mit der territorialen Mobilität verbundenen Wohnsitzwechsels auf die Psyche des Menschen (vgl. Pitirim A. Sorokin, 1964, 508).

Zusammenfassend kann Folgendes festgehalten werden: Pitirim A. Sorokin bezeichnet zwar die horizontale und vertikale Mobilität als zwei Hauptformen der sozialen Mobilität, er setzt aber seinen theoretischen Schwerpunkt auf die vertikale Mobilität. Für ihn ist daher der Begriff der sozialen Mobilität fast ein Synonym für die vertikale Mobilität. Der Kernaspekt der sozialen Mobilität ist die Veränderung der sozialen Position in der sozialen Stratifikation der Gesellschaft (vgl. Kurt Horstmann, 1976, 104).

Im Mittelpunkt der Migration steht dagegen der Wohnortwechsel und nicht der Wechsel der sozialen Position der Migranten innerhalb der sozialen Stratifikation der Gesellschaft. Es wäre daher irreführend, wollte man die Migration als eine Form der sozialen Mobilität bezeichnen. Die Migration bewirkt jedoch oft die vertikale Aufwärts- bzw. Abwärtsmobilität der Migranten innerhalb der Sozialstruktur der Aufnahmegesellschaft, weil sie zwangsläufig zur Neubewertung der beruflichen Qualifikationen führt. Die Zugangschancen zum Arbeitsmarkt und die neue soziale Position innerhalb der sozialen Stratifikation der Aufnahmegesellschaft hängen entscheidend von dieser Neubewertung ab (vgl. Günther Albrecht, 1972, 139, 141). Berücksichtigt man jedoch die Vielzahl von unfreiwillig erfolgenden Formen der Migration, bei der die Veränderung sozialer Positionen nur einen Nebeneffekt darstellt, dürfte die primäre Zielsetzung der Migration nicht generell und nicht immer in der beabsichtigten Veränderung unbefriedigender sozialer Positionen der Migranten gesehen werden. Diese kann als Folge der Migration eintreten, ohne von den Migranten direkt intendiert zu werden. Die Migration als geographische Mobilität mit einem dauerhaften Wohnortwechsel ist daher von der sozialen Mobilität im Sinne der vertikalen Mobilität nach Pitirim A. Sorokin zu unterscheide

1.2 Multikausale Determinanten der Migration und Typologisierung ihrer Formen

Die Vorstellung, dass Menschen sesshaft sind, ist nur im oberflächlichen Sinn zutreffend. In der Realität bleiben sie selten ein Leben lang dort, wo sie geboren sind. Sie sind in Bewegung und ständig auf der Suche nach neuen und besseren Lebensbedingungen und Lebensoptionen. Der amerikanische Soziologe Robert E. Park hat bereits in den 1920er Jahren die These vertreten, dass die Fortschritte in der Geschichte und die Prozesse der Zivilisation nur durch kontinuierliche Migrationsbewegungen von Menschen und die dadurch eintretenden Vermischungen von Völkern und Kulturen möglich geworden sind. Er bezeichnet die Migrationsbewegungen, die einschneidende Veränderungen und Fortschritte in Kultur und Zivilisation brachten, als historische Bewegungen (the historical movement). Zivilisation ist dabei das Ergebnis von Kontakt und Kommunikation der Menschen, die im Zuge solcher historischen Migrationsbewegungen zusammenkamen und gezwungen waren, zu konfrontieren und zu kooperieren. Für ihn ist daher die Untersuchung der Migrationsprozesse identisch mit der Verfolgung von Spuren der Kultur und Zivilisation (vgl. Robert E. Park, 1928, 883; Petrus Han, 1990, 129).

Eine der schwierigsten Aufgaben der Migrationsforschung ist jedoch die theoretische Erfassung und Systematisierung der Gründe von Migrationsentscheidungen und der dadurch ausgelösten Migrationsbewegungen. Mehrere Gründe machen diese Schwierigkeiten aus. Zuerst ist der Migrationsvorgang ein hochkomplexer Vorgang (vgl. Kurt Horstmann, 1969, 141), der selten monokausal verursacht wird. Die genaue Identifizierung der einzelnen Determinanten der Migration aus einer Vielzahl von kausalen Bedingungsfaktoren ist kaum möglich. Sie würde dazu noch eine schwierige methodische Herausforderung darstellen. Zweitens lässt die Veränderung der historischen Kontexte, die die jeweiligen epochalen Migrationsschübe einzelner Weltregionen auslösen, kaum allgemeingültige Aussagen zu, die über die singuläre Analyse hinausgehen. Letztlich muss die Tatsache berücksichtigt werden, dass der Migrationsvorgang oft nicht rational begründet werden kann. Dies ist häufig dann der Fall, wenn sich die Migration zu einer sozialen Massenbewegung entwickelt, so dass sich Menschen auch ohne triftige individuelle Gründe von einer allgemeinen Stimmung mitreißen lassen.

Die im 17. und 18. Jahrhundert beginnende transatlantische Emigration von Deutschland nach Nordamerika, die anfänglich in kleinen Familienverbänden begonnen hatte, entwickelte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einer Massenauswanderung. Zwischen 1820 und 1930 wanderten etwa 5,9 Mio. Deutsche in die USA aus. Zwischen 1846 und 1857 und zwischen 1864 und 1873 sind jeweils mehr als 1 Mio. Deutsche nach Nordamerika ausgewandert. Die größte Welle der Massenauswanderung fand zwischen 1880 und 1893 statt, mit dem Spitzenwert von 1,8 Mio. deutschen Auswanderern (vgl. Klaus Bade, Hrsg., 1992, 148). Diese Massenauswanderung ist ein anschauliches Beispiel für die hier postulierte These der Multikausalität des Migrationsvorganges. Im Folgenden soll dieses Beispiel näher beschrieben werden, um die komplexen Zusammenhänge und Bedingungfaktoren des Phänomens der Migration exemplarisch zu analysieren.

Die oben erwähnte Massenauswanderung von Deutschland nach Nordamerika hatte ihre Ursachen unter anderem in der bedrückenden Armut und Not im gesamten bäuerlich-handwerklichen Bereich, die durch die Uberbevölkerung verursacht wurde. Die Bevölkerung in Deutschland war seit der Mitte des 18. Jahrhunderts durch die stetig steigende Geburtenrate und sinkende Sterberate kontinuierlich gewachsen. Die Bevölkerungszahl betrug 1740 etwa 18 Mio., vermehrte sich bis 1800 auf 24 Mio., bis 1856 auf 36 Mio. und erreichte 1900 bereits 56 Mio. Sie betrug 1939 etwa 69 Mio. Während in Großbritannien um 1800 nur jeder dritte Beschäftigte in der Landwirtschaft tätig war, arbeiteten im gleichen Zeitraum in Deutschland sieben bis acht von zehn Beschäftigten in der Landwirtschaft (vgl. Rolf Engelsing, 1973, 100, 107).

Während die Vollbauernhöfe durch die Realteilung des Bodens, d.h. die sukzessive Aufteilung des Bodens unter den Erben, immer mehr verkleinert wurden und kaum eine ausreichende Familienwirtschaft erlaubten, stand für den agrarischen Flächenausbau kein zusätzlicher Raum zur Verfügung. Die Ertragssteigerung durch die Dreifelderwirtschaft reichte zur Existenzsicherung der wachsenden Bevölkerung nicht aus. Darüber hinaus führten die Ablösegesetze zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die im Zuge des langwierigen Prozesses der Bauernbefreiung erlassen wurden, in Süd- und Westdeutschland zur hohen Verschuldung der bäuerlichen Betriebe. Das traditionelle Handwerk, wie Hausweberei, Glaserei und Druckerei, das einen Teil des Bevölkerungsüberschusses absorbierte, war, trotz der rigorosen Restriktionen der Zünfte, nicht nur hoffnungslos überbesetzt, sondern in seiner Existenz unmittelbar von der Nachfrage aus dem agrarischen Bereich abhängig. Die Krise der Landwirtschaft führte daher zur Krise des Handwerks. Die Situation verschlechterte sich zusätzlich durch die vermehrte Neugründung von Betrieben nach der Einführung der Gewerbefreiheit um 1850 und durch die Errichtung von Fabriken ab etwa 1860 (vgl. Friedrich Lütge, 1966, 433-453; Rolf Engelsing, 1973, 108-111; Peter Assion, 1989, 258-259).

Vor dem Hintergrund der beschriebenen Überbevölkerung und des Pauperismus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts suchten viele verarmte Menschen in Deutschland einen Ausweg durch die Emigration nach Nordamerika. Ab etwa 1825 stieg allmählich die Zahl der Emigranten, wobei die ersten Migrationswellen aus relativ vermögenden Bevölkerungsgruppen bestanden, die der Politik Fähigkeit und Kraft zur Problemlösung absprachen und durch ihre Emigration vor der drohenden Verarmung flüchteten. Ab etwa 1843/1844 begann dann die Armenauswanderung mit einer steil nach oben schnellenden Zahl. Die Armenauswanderung aus Teilen Nordwestdeutschlands setzte ein, als die Hausweberei, die für viele besitzlose Heuerlinge den Broterwerb sicherte, der aufkommenden Textilindustrie zum Opfer fiel. Ab den späten 1860er Jahren folgte dann die Emigration der armen Landbevölkerung aus dem Osten Deutschlands, als die bäuerlichen Kleinwirtschaften durch die Landabtretungen an den Adel (Bauernbefreiung) neben den großen Gutsbetrieben nicht mehr bestehen konnten und darüber hinaus Verdienstverluste durch die Mechanisierung der Landwirtschaft erlitten. Schließlich folgte die Emigration der Kleinbauern im Süden und Westen Deutschlands, die durch die Grundlastenablösung infolge der Ablösegesetze hoch verschuldet waren, als die Wein-, Getreide- und Kartoffelmissernten ihre Existenzgrundlage endgültig zerstörten. Bis in die 1850er Jahre hinein blieben somit Baden, Württemberg, die bayerische Pfalz und die hessischen Staaten Zentren der Emigrationsbewegung (vgl. Peter Assion, 1989, 259).

Wie skizziert, bildet die Migration den Endpunkt eines Zusammenspiels von demographischen (Bevölkerungswachstum, Überbevölkerung), soziokulturellen (Migration als soziale Massenbewegung und Amerikafieber), politischen (Bauernbefreiung, Ablösegesetze und Versagen der Politik), wirtschaftsstrukturellen (überwiegend landwirtschaftliche Monokultur, die keine Ausweichmöglichkeit zuliess) und produktionstechnischen (Mechanisierung der Landwirtschaft und Textilerzeugung) Faktoren. Wie aufgezeigt, ist es nicht möglich, aus diesen komplexen Beeinflussungsfaktoren nur einen einzigen Faktor herauszugreifen und für die Massenauswanderung dieser Zeit verantwortlich zu machen. Ein monokausaler Erklärungsversuch würde zu unvollständigen Teilerklärungen bzw. Verzerrungen der Realität führen.

Zu diesen objektiven Bedingungen kommen die subjektiven Faktoren der Emigranten hinzu. Die Briefe, die die Auswanderer den Zurückgebliebenen in Deutschland schrieben, machen deutlich, dass sie die komplexen Zusammenhänge zwischen demographischer Entwicklung und ökonomischer Krise sowie die Relation zwischen Verelendung und Bevölkerungskrise nicht durchschauen konnten. Die Verantwortlichkeit für die wirtschaftliche Misere wurde personalisiert und als selbstverschuldet bewertet. Nach einer durch die Emigration erreichten Verbesserung der Lebensbedingungen sprachen paradoxer Weise die Auswanderer diejenigen von der Verantwortung frei, die die desolaten Verhältnisse in Deutschland verursacht und zudem davon persönliche Vorteile hatten. Die Emigration der Armen wurde zu einer Massenbewegung, die einerseits Amerika als Land der Hoffnungen und Wünsche glorifizierte (Amerika-Utopie des 19. Jahrhunderts) und andererseits das Bild von Deutschland als Land der Armut, Unfreiheit, Sklaverei und des Elends negativ prägte (vgl. Peter Assion, 1989, 260, 263-264; Klaus Bade, Hg., 1992, 150-157).

Die theoretische Erfassung und Systematisierung der Migrationsgründe sind, wie oben aufgezeigt, allgemein schwierig. In der einschlägigen Literatur werden statt konkreter Kausalanalysen der Migration allgemeine und umfassende strukturelle Bedingungen jeweiliger Gesellschaften genannt. Diese Bedingungen sind im wesentlichen politische (z.B. Verfolgung, gesetzlich verankerte Diskriminierung), soziokulturelle (z.B. Vorurteile und Stereotypen gegenüber Angehörigen von Minderheiten und ihre soziale und institutionelle Ausgrenzung), wirtschaftliche (z.B. niedrigerer materieller Lebensstandard, Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung, fehlende soziale Sicherung), ökologische (z.B. Naturkatastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Überschwemmungen, Dürren), religiöse (z.B. Verbot freier Religionsausübung und religiöse Verfolgung), ethnische (z.B. Spannungen zwischen ethnischen Gruppen, ethnische Homogenisierungspolitik wie „ethnische Säuberung“), kriegerische (z.B. Bürgerkriege, zwischenstaatliche Kriege) Bedingungen, die bei näherer Betrachtung letztendlich für die Entstehung des komplizierten Ursachenbündels der Migration sowie für ihre wechselseitigen „Push-Pull-Beziehungen“ verantwortlich sind. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Ursachenforschung überflüssig ist. Die Erfassung und Systematisierung der Migrationsgründe werden von der Migrationsforschung nach wie vor angestrebt, um das Phänomen der Migration analytisch differenzierter erforschen und dadurch Ansätze für Migrationstheorien gewinnen zu können. Im Folgenden wird exemplarisch eine Typologie der Migrationsformen von William Petersen (vgl. William Petersen, 1958, 256-266) mit dem Ziel vorgestellt, die unterschiedlichen Anlässe der Migrationsbewegungen in einer theoretischklassifikatorischen Zusammenfassung aufzuzeigen. Diese theoretischen Zusammenfassungen erleichtern die weitere fachliche Auseinandersetzung. Die Auswahl dieser Typologie erfolgt dennoch primär unter dem Aspekt der pragmatischen und illustrativen Brauchbarkeit und weniger unter dem ihrer theoretischen Gültigkeit.

William Petersen beginnt seine Abhandlung über die allgemeine Typologie der Migration mit einer Kritik an der Typologie von Henry P. Fairchild, der die Migrationen in folgende vier Typen einteilt (vgl. Henry P. Fairchild, 1925, 13 ff; William Petersen, 1958, 257):

a) „Invasion“: Die Überflutung eines höheren Kulturgebietes durch Krieger mit niedrigerer Kultur (z.B. der Einfall der Goten in Rom).

b) „Conquest“: Die gewaltsame Eroberung eines Gebietes durch Menschen mit höherer Kultur.

c) „Colonization“: Die Besiedlung eines neu entdeckten bzw. dünn besiedelten Gebietes durch ein etabliertes und forschrittliches Staatswesen.

d) „Immigration“: Die individuell motivierte und friedliche Migrationsbewegung der Menschen zwischen den Staaten, die eine annähernd gleich hohe Stufe der Zivilisation erreicht haben.

Diese Typologie der Migration von Henry P. Fairchild basiert nach der Auffassung von William Petersen auf zwei Kriterien: Auf dem der Niveauunterschiede der Kultur und auf dem der friedlichen bzw. kriegerischen Art der Bewegung. Petersen kritisiert, dass Fairchild mit seinem ersten Kriterium faktisch die Gefahr des Ethnozentrismus herbeiführt. Weiterhin kritisiert er seine undeutliche und missverständliche Begriffsverwendung „friedlich bzw. kriegerisch“. Er ist entschieden gegen einseitige psychologische All-Aussagen (psychological universals), die entweder den Menschen „Wanderlust“ oder Sesshaftigkeit unterstellen. Er will vielmehr unter Berücksichtigung der individuellen Wunschvorstellungen (migrants level of aspiration) den Unterschied klären, warum bestimmte Menschen wandern und bestimmte nicht. Zu diesem Zweck führt er zwei Charakterisierungen der Migrationsziele (innovative und konservative) ein, um auf deren Grundlage seine Typologie der Migration zu entwickeln (vgl. William Petesen, 1958, 258):

a) „Innovating“: Wenn Migration als Mittel zur Erlangung von etwas Neuem unternommen wird: „Some persons migrate as a means of achieving the new. Let us term such migration innovating.“

b) „Conservative“: Wenn Migration als Reaktion auf Veränderung benutzt wird, um den alten Zustand wiederherzustellen: „Others migrate in responce to a change in conditions, in order to retain what they have had.“

Aufgrund dieser beiden Charakterisierungen entwickelt William Petersen 5 Migrationstypen (primitive, forced, impelled, free, mass migration):

1) „Primitive migration“

Diese bedeutet nicht die Migration primitiver Menschen, sondern die Migration, die durch das Unvermögen der Menschen, die Mächte bzw. Gewalt der Natur unter Kontrolle zu bringen, d.h. unter dem Druck der Natur (ecological push), ausgelöst wird. Aufgrund der engen Wechselbeziehung zwischen dem Niveau der technischen Entwicklung und der damit zusammenhängenden Kontrollmöglichkeit der Naturmächte ist dieser Typus der Migration besonders häufig bei primitiven Kulturen. Er ist überwiegend konservierend, weil Menschen hier vorrangig auf der Suche nach Plätzen waren, die die Beibehaltung ihrer alten Lebensgewohnheiten erlaubten (z.B. Suche nach Weideland für die Viehzucht). Die Völker- und Seewanderung, die Wanderung der Sammler und Nomaden zählen auch zu diesem Typus der Migration. Diese konservierende Migration trat in früheren Zeiten auch durch die Überbevölkerung ein, für die der begrenzte Ertrag des Bodens nicht ausreichte. Dagegen stellt z.B. die Landflucht (flight from land) der Menschen in die Städte in der modernen Zeit durchweg eine innovative Migration dar, weil die Migranten hier bewusst städtische Lebensräume suchen, um ihren Lebensstil grundlegend zu verändern.

2) „Forced and impelled migration“

Die Ursache primitiver Migration ist ökologischer Druck. Dagegen ist der Auslöser der Zwangsmigration der Staat bzw. die ihm funktional äquivalenten sozialen Institutionen. Dabei wird die Zwangsmigration als veranlasste Migration (impelled) bezeichnet, wenn die Migranten eine gewisse Entscheidungsmacht über ihre eigene Migration behalten konnten, während sie als erzwungene (forced) Migration bezeichnet wird, wenn die Migranten bezüglich ihrer Migration keine Entscheidungsmacht hatten. Als historisches Beispiel werden die durch antisemitische Gesetze und Aktivitäten veranlasste Emigration der Juden aus Nazideutschland in den Jahren 1933 bis 1938 sowie ihre erzwungene Deportation in die Konzentrationslager in den Jahren 1938 bis 1945 angeführt.

Ein weiteres Kriterium für die Bestimmung des Typus der „forced and impelled migration“ ist die Funktion der Migration, die nicht von den Migranten selbst, sondern von den die Migration auslösenden Institutionen bestimmt wird. So sind alle Arten der Flucht (flight) Formen der veranlassten (impelled) Migration, die wesentlich mit konservierender Zielsetzung stattfinden. Dagegen waren die Verschiffung afrikanischer Sklaven nach Nordamerika und die zwangsweise Rekrutierung von Arbeitskräften zur Kriegswirtschaft in Nazideutschland historische Beispiele der erzwungenen (forced) Migration, die unter innovativer Zielsetzung der Betreiber erfolgten. Diejenigen, die die erzwungene Migration überlebt haben, werden wegen ihrer passiven Rolle als „displaced person“ bezeichnet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben die Alliierten die Bezeichnung „Displaced Persons“ (DPs) eingeführt, um die ausländischen Zwangsarbeiter, die in der Kriegswirtschaft eingesetzt waren, zu bezeichnen. 1944 gab es insgesamt 10,5 - 11,7 Mio. DPs mit rund 20 Nationalitäten und über 35 verschiedenen Sprachen, die ohne alliierte Unterstützung nicht heimkehren oder eine neue Heimat finden konnten (vgl. Wolfgang Jacobmeyer, 1992, 368).

3) „Free migration“

Im Gegensatz zu den bisher beschriebenen Typen steht im Mittelpunkt der freien Migration die persönliche Entscheidung als zentrale Grundlage zur Migration. Die transatlantische Pioniermigration aus Europa nach Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert wird als ein historisches Beispiel für diesen Typus genannt.

4) „Mass migration“

Diese Migrationsform beginnt in kleinem Umfang und entwickelt sich zu einer sozialen Bewegung. Die Masse wird vom Migrationsfieber angesteckt. Wenn die Migration zum sozialen Muster wird, dann spielt die Frage nach der individuellen Motivation kaum eine Rolle, weil hier die Migration Anderer zum Grund der Migration wird. Dann genügt ein kleiner Anlass, jemanden zur Migration zu bewegen. Unmittelbare Folgen der so induzierten Massenmigration sind die Entvölkerung der Herkunftsregion und die Besiedlung (settlement) und Urbanisierung neuer Gebiete.

Die Massenmigration regt in der Regel die Verbesserung des Transportwesens an, die die Migration erleichtern soll. Neue Strassen und Häfen werden gebaut und Technologien für den Transport entwickelt. Dadurch werden sowohl die geographischen Entfernungen als auch die sozialen Distanzen kleiner. Proportional dazu nimmt die Angst vor dem Risiko der Migration ab. In dem Ausmaß, in dem immer mehr Menschen emigrieren und neue Siedlungen und Städte im Zielland errichtet werden, wird auch der Anpassungsdruck für neue Migranten niedriger. Die transatlantische Massenmigration von Europa nach Nordamerika im 19. Jahrhundert, die von dem sog. Amerikafieber begleitet wurde, ist ein Beispiel dafür.

Trotz einiger Kritik (vgl. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, 1970, 60-64; Günther Albrecht, 1972, 29) gibt die Typologie der Migration von William Petersen eine gute Zusammenfassung der unterschiedlichen Formen und komplexen Gründe der Migration wieder (vgl. Charles Price, 1969, 195). Sie vermittelt in ihrer Zusammenfassung eine gute Orientierung.

Die weltweit deutlich zunehmenden Migrationsbewegungen seit 1945 zeigen in ihren vielfältigen Ursachen, strukturellen Entstehungsbedingungen und Erscheinungsformen einen grundlegenden Wandel an, für dessen theoretische Erfassung die von William Petersen aufgestellte klassifikatorische Einteilung nicht ausreicht. Eingehende Ausführungen zur angedeuteten Diversifizierung der Migrationsformen und ihrer strukturellen Entstehungsbedingungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts folgen im Kapitel 1.6 sowie im Kapitel 2.

1.3 Migration als Selektionsprozess des Humankapitals und das Problem des „Brain Drain“

Der Vorgang der weitgehend vereinzelten Migrationsbewegungen in der modernen Welt ist in mehrerer Hinsicht ein Selektionsvorgang, der sowohl durch die aktive Rolle der Migranten selbst als auch durch die spezifischen Aufnahmekriterien der Zielländer in Gang gesetzt wird.

Unabhängig von den individuellen Migrationsmotiven ist generell zu beobachten, dass die Menschen, die sich zur Migration entschließen, überwiegend aus mittleren Alterskohorten stammen. Es sind überwiegend junge Männer und Frauen im gesunden und produktiven Alter, die Mut zum Risiko haben und von den Zielländern unter arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Gesichtspunkten bevorzugt werden. Eine der neuesten Entwicklungen bei den weltweiten Migrationsbewegungen besteht darin, dass der Anteil junger Frauen kontinuierlich steigt und fast die Hälfte aller Migranten ausmacht (vgl. IOM, 2008, 32). Vor diesem Hintergrund ist von der „Feminisierung der Migration“ (feminization of migration) die Rede (vgl. Stephen Castles, Mark J. Miller, 1993, 8; IOM/UN, 2000, 7, 49; Petrus Han, 2003, 57-60). In den Migrationsbewegungen findet somit eine geschlechts- und altersspezifische Selektion statt (vgl. W. A. V. Clark, 1986, 21; J. A. Jackson, 1986, 79). Dabei kommt die altersspezifische Selektion der Arbeitskräfte durch die Migration wirtschaftlich primär den Aufnahmeländern zugute, weil sie für diese eine Vergrößerung der produktiven Bevölkerung (Erhöhung des Produktionsfaktors der Arbeit) bedeutet, die umittelbar zur wirtschaftlichen Wertschöpfung und Vermehrung des Wohlstandes beiträgt. Dagegen bedeutet die Migration junger Menschen für die Herkunftsländer einen wirtschaftlichen Verlust, da die produktiven Arbeitskräfte verloren gehen und die ältere und konsumtive Bevölkerung zurückbleibt (vgl. Alfred Kruse, 1961, 511).

In den Migrationsbewegungen erfolgen oft weitere Selektionen der Migranten nach rassischen, ethnischen und religiösen Kriterien, die die Einwanderungspolitik der einzelnen Aufnahmeländer aufstellen. Ein Beispiel rassischer Selektion ist in der Einwanderungsgeschichte Australiens zu finden. Die überwiegend britischen Einwanderer Australiens haben bis in die 1960er Jahre hinein die Einwanderungspolitik unter rassistischem Gesichtspunkt beeinflusst. Das erste Gesetz zur Einschränkung der Einwanderung (The Immigration Restrict Act von 1901) und die damit zusammenhängende „Politik des Weißen Australiens“ (White Australia Policy) gehen auf den Einfluss der Mehrheit der Bevölkerung mit britischer Herkunft zurück. Dies führte zur rassischen Selektion der Einwanderer, so dass bis 1966 die Einwanderer aus Nordeuropa bevorzugt aufgenommen, während Einwanderer aus Südeuropa und Asien kaum zugelassen wurden (vgl. Stephen Castles, 1990, 45-46).

Ähnliche Muster der rassischen, ethnischen und religiösen Selektion der Migranten sind auch in der Einwanderungsgeschichte und -politik der USA zu finden. Von 1820 bis 1983 sind insgesamt 51,4 Mio. Menschen aus allen Teilen der Welt in die USA eingewandert. 71 % dieser Einwanderer (36,5 Mio.) waren Europäer (vgl. Luciano Mangiafico, 1988, 6). Von 1880 bis 1892 wanderten allein von Deutschland fast 1,8 Mio. Menschen in die USA aus. Bei dieser Massenemigration der Europäer markiert das Jahr 1882 insofern einen Wendepunkt, als die zahlenmäßige Dominanz der Einwanderer aus Nord- und Westeuropa (England, Irland, Deutschland, Frankreich, Holland und skandinavische Länder), die sog. „old migration“, durch die neu einsetzende zahlenmäßige Dominanz der Einwanderer aus Süd- und Osteuropa (Italien, Portugal, Polen, Griechenland, slawische Länder und Juden), die sog. „new migration“, abgelöst wurde (vgl. J. W. Vander Zanden, 1966, 29). Diese Wende sorgte in den USA für große soziale Spannungen und religiös-ethnisch begründete Unruhen, weil die Einwanderer aus Nord- und Westeuropa eine Verdrängung der überwiegend protestantischen und anglo-teutonischen Grundelemente in den USA durch überwiegend katholische und alpin-mediterrane Einflüsse befürchteten. Auf diesem Hintergrund entstanden in den USA nativistische Bewegungen (siehe S. 284-285) unter der Organisation „The American Protectiv Association“, die den Kongress zur restriktiven Einwanderungspolitik mit entsprechenden Gesetzgebungsinitiativen veranlassten (vgl. Milton M. Gordon, 1964, 97). 1921 wurde die Quotenregelung (the national quota system) eingeführt, die anfänglich die Einwanderung von Nord- und Westeuropäern begünstigen sollte, jedoch unter dem Druck der öffentlichen Diskussion mehrmals novelliert werden musste (vgl. J. W. Vander Zanden, 1966, 31).

Migration stellt weiterhin in dem Sinne einen Selektionsprozess dar, in dem die Migranten streng nach den beruflichen Qualifikationen ausgewählt werden, die für die Aufnahmeländer nützlich sind. Das Einwanderungsgesetz und das Ausländerrecht einzelner Aufnahmeländer enthalten durchgehend Bestimmungen, nach denen die Einwanderung nur erlaubt wird, wenn sie für die allgemeinen wirtschaftlichen, kulturellen und öffentlichen Interessen des jeweiligen Landes nützlich ist, bzw. die Belange des Aufnahmelandes nicht beeinträchtigt. Diese positiv oder negativ formulierten Gesetze entscheiden dann im Einzelfall über die faktische Erteilung von Einreisevisa und Aufenthaltsgenehmigungen.

Im Mittelpunkt der Einwanderungspolitik der USA steht das Prinzip der weltweiten Bewegungsfreiheit aller Menschen (the principle of the free flow of people across the borders). Um dieses politische Ideal besser verwirklichen zu können, war die Einwanderungspolitik in den USA darum bemüht, die Einwanderungsgesetze durch sukzessive Novellierungen zu verbessern. 1965 wurde die im Jahre 1921 eingeführte „Quotenregelung“ (the national quota system), die zuvor über drei Jahrzehnte Rassendiskriminierungen in der Einwanderungspolitik legalisiert hatte, aufgegeben und durch die neue und liberale Gesetzgebung „The Immigration and Nationality Act“ ersetzt. Damit sollten die Diskriminierungen in der Einwanderungspolitik endgültig beseitigt werden, die in den rassisch bevorteilten nationalen Quotenzuweisungen an die Länder der westlichen Hemisphäre (Western Hemisphäre) bestanden. Nach dem Quotensystem machten die Einwanderer aus Großbritannien, Irland und Deutschland 70 % aller Einwanderungen in die USA aus (vgl. Thomas L. Bernard, 1970, 31).

Bis zum 1. März 2003 war der „Immigration and Naturalization Service“ (INS) der USA für die Erteilung von Einreisevisa zuständig. Dieser unterschied sieben verschiedene Präferenzgruppen. Der ersten Präferenzgruppe („relative preference“) wurden diejenigen zugeordnet, die amerikanische Staatsbürger als nahe oder weite Verwandte hatten. Sie wurden bei der Einwanderung in die USA vorzugsweise berücksichtigt, so dass eine nach Verwandtschaftsbeziehungen vorgenommene Selektion stattfand. Der dritten und sechsten Präferenzgruppe („occupational preference“) wurden die sog. „qualified immigrants“ bzw. „persons of exceptional ability in the sciences and arts“ zugeordnet, deren berufliche Qualifikation den Anforderungen des Arbeitskräftebedarfs der USA (berufliche Selektion) entsprach. Dabei galt für die einwanderungswilligen Fachkräfte und Wissenschaftler aller Fachrichtungen, unabhängig von ihrer Herkunft, das Prinzip: „first come, first served“ (vgl. Philip M. Boffey, 1968, 284; Hans P. Schipulle, 1973, 228, 237). So trat an die Stelle der einstigen Diskriminierung der Einwanderer nach ihrer nationalen Herkunft eine „Diskriminierung“ nach ihrer Ausbildung und beruflichen Qualifikation ein, wobei der selektive Charakter der Einwanderungspolitik unverändert bleibt (vgl. Thomas L. Bernard, 1970, 32).

Die Terroranschläge auf das „World Trade Center“ und auf das Pentagon am 11.9.2001 hat zur Aufteilung der Einwanderungsbehörde INS in zwei Behörden geführt. 1.) „Bureau of Immigration Enforcement“ für den Grenzschutz und die Grenzkontrolle, 2.) „Bureau of Immigration Services and Adjudications“ für die Einreisevisa, Einbürgerung und Asylanträge. Seit dem 1. März 2003 sind beide Behörden dem Ministerium für nationale Sicherheit (Department of Homeland Security) unterstellt (vgl. MuB, 5/2002).

Die Rekrutierung von hochqualifizierten Wissenschaftlern und Arbeitskräften aus dem Ausland gehört zu einem flexibel angewandten arbeitsmarktpolitischen Instrument der USA, das den „manpower-input“ in Schlüsselbereichen der Industrie, der Forschung und des Gesundheitsdienstes steuert. Die USA beschreiten mit ihren Selektionskriterien nach beruflicher Qualifikation keinen Sonderweg. Alle traditionellen Einwanderungsländer (z.B. Kanada, Australien, Großbritannien) betreiben eine ähnlich selektive Einwanderungspolitik. Sie gehen von der Erfahrung aus, dass die eigene wissenschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung substanziell von der kontinuierlichen Einwanderung qualifizierter Arbeitskräfte aller Fachrichtungen abhängt.

Die Migration von qualifizierten Arbeitskräften bedeutet für die Aufnahmeländer einen Gewinn von Humankapital, während sie für die Herkunftsländer einen Verlust von Investitionen in das „manpower-resource“ bedeutet. Die zu Beginn der 1960er Jahre einsetzende wissenschaftliche und politische Diskussion über den „Brain-Drain-Vorgang“ ist vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Zu Beginn der 1960er Jahre stellte man zunächst in Europa und seit Mitte der 1960er Jahre auch in den Entwicklungsländern fest, dass unter den Emigranten in den USA zunehmend Fachkräfte aller Fachrichtungen (z.B. Naturwissenschaftler, Mediziner, Ingenieure, Techniker, Krankenschwestern) zu finden waren. In den betroffenen Herkunftsländern entstand die Sorge, dass der Massenexodus von hochqualifizierten Akademikern und Fachkräften ihre eigene Entwicklung und Modernisierung gefährden könnte. Statistische Zahlen begründeten diese Sorge: Von 1949 bis 1965 emigrierten allein aus Großbritannien, Deutschland und Kanada insgesamt ca. 97.000 hochqualifizierte Wissenschaftler und Fachkräfte in die USA. Zwischen 1961 und 1980 emigrierten mehr als 500.000 Wissenschaftler und Fachkräfte aus den Entwicklungsländern in die USA (vgl. Stanislav Simanovsky, 1994, 17).

Die Emotionen, die bei den wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen über Ausmaß und Auswirkung des Massenexodus von hochqualifizierten Arbeitskräften (migration of talents and skills) mitschwangen, kommen in dem dafür geprägten Begriff „Brain Drain“ (Abfluss der Gehirne) anschaulich zum Ausdruck, ein Begriff, der als „Elitenmigration“ ins Deutsche übersetzt wird (vgl. Hans P. Schipulle, 1973, 21, 24).

In der weltweiten Diskussion über das Problem des „Brain Drain“ sind zwei kontroverse theoretische Positionen zu finden. Die erste Position sieht im „Brain Drain“ einen Prozess der Abwanderung des Humankapitals zum großen Nachteil der Herkunftsländer. Die andere bewertet die Auswirkungen des „Brain-Drain-Vorgangs“ für die Herkunftsländer nicht negativ, sondern als entlastend, weil sie darin den sog. „overflow“-Effekt, d.h. die Abwanderung überflüssiger Arbeitskräfte sieht. “The less developed countries are not being stripped of manpower they badly need.” (vgl. George B. Baldwin, 1970, 359). Der „Drain“ (Abfluss) bedeutet in diesem Sinne keinen Verlust von Humankapital für die Herkunftsländer, sondern ein Ventil für diejenigen Arbeitskräfte, die nicht in den Produktionsprozess eingesetzt werden können und möglicherweise soziale Spannungen erzeugt hätten.

Der von der „overflow“-These hergestellte Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Abwanderung von überflüssigen Arbeitskräften scheint teils richtig und teils falsch zu sein. Er ist insofern richtig, als arbeitslose Fachkräfte und hochqualifizierte Wissenschaftler tatsächlich nach Beschäftigungsmöglichkeiten im Ausland suchen und zwecks beruflicher Umorientierung emigrieren. Auf der anderen Seite ist er falsch, weil er unterstellt, dass alle qualifizierten Arbeitskräfte, die emigrieren, Arbeitslose wären. Die Realität zeigt oft das Gegenteil. Die türkischen Arbeitsmigranten in Deutschland sind ein Beispiel dafür. 1972 arbeiteten in der Bundesrepublik Deutschland 500.000 türkische Arbeitsmigranten, von denen ca. 82 % der Männer und 21 % der Frauen in der Türkei eine reguläre Beschäftigung hatten, bevor sie in die Bundesrepublik kamen (vgl. Ali Nahit Babaoglu, 1982, 111-112).

Als weiteres Beispiel kann die Auswanderung von medizinischem Fachpersonal aus Indien in die USA genannt werden. Die Migration von Ärzten und Krankenschwestern aus Indien in die USA war in ihrem Ausmaß auffallend hoch, obwohl diese selten von Arbeitslosigkeit betroffen waren (vgl. Hans P. Schipulle, 1973, 135, 142). Sie wanderten aus, nicht weil sie arbeitslos waren, sondern weil sie nach besseren Arbeits- und Lebensbedingungen suchten. “In fact, brains go where brains are“ (Thomas L. Bernard, 1971, 355).

In den 1960er und 1970er Jahren waren die traditionellen Einwanderungsländer weitgehend auf die Einwanderung von Ärzten aus den Entwicklungsländern angewiesen, um den Ärztebedarf für die medizinische Versorgung ihrer Bevölkerung zu sichern. Die Ausbildungskapazität der medizinischen Hochschulen im eigenen Land war für den Bedarf nicht ausreichend (vgl. O. Gish, 1970, 398; Hans P. Schipulle, 1973, 201). Die Ärzte gehörten daher zu den Immigranten, die bevorzugt aufgenommen wurden. Die Kehrseite dieser Einwanderungspolitik waren die hohen Verlustraten an medizinischem Fachpersonal, die von 1968 bis 1971 z.B. in einigen asiatischen Ländern zu beobachten waren: In China um 93 %, in Indien um 830 % und in Südkorea um 1400 % (vgl. Hans P. Schipulle, 1973, 208). Für die USA bedeutete die Einwanderung von Ärzten einen Gewinn an Humankapital, während sie für die Herkunftsländer einen schmerzlichen „Brain Drain“ darstellten. Einige Zahlenbeispiele machen diese Gewinn- und Verlustrechnung deutlich.

1967 entsprach die Zahl der in die USA eingewanderten Ärzte aus Entwicklungsländern in etwa der der gesamten Jahreskapazität der 15 größten amerikanischen Medizinhochschulen. Im selben Jahr wurden die jährlichen Betriebskosten einer solchen Hochschule auf etwa 8 Mio. US-Dollar geschätzt. Dies bedeutete, dass die USA ohne diese eingewanderten Ärzte rein rechnerisch jährlich rund 120 Mio. US-Dollar zusätzlich nur für die Betriebskosten von 15 Medizinhochschulen hätten aufbringen müssen, wenn sie eine entsprechende Anzahl von Ärzten selbst ausgebildet hätten. 1966 wurden in den USA die Kosten der medizinischen Ausbildung eines Arztes auf etwa 82.200 US-Dollar geschätzt. Wollte man die gesamten Kosten der medizinischen Ausbildung ermitteln, so wären zu den genannten Betriebs- und Ausbildungskosten auch die Verlustkosten („earnings foregone“) am Sozialprodukt hinzu zu rechnen, die durch die Nichtbeteiligung der Auszubildenden am direkten Produktionsprozess während ihrer Ausbildungszeit entstehen (vgl. Hans P. Schipulle, 1973, 336).

Eine Gewinn- und Verlustrechnung des „Brain Drain“ kann auch am Beispiel Irans aufgezeigt werden. Die Revolution und die Gründung einer islamischen Republik im Iran (1979) haben etwa 3 Mio. Iraner, vorwiegend Studenten, Politiker und Intellektuelle, zur Emigration veranlasst. Nach der Statistik des „US Census Bureau“ lebten 1997 in den USA 165.000 Iraner im Alter von 25 Jahren, die im Iran ihre tertiäre Ausbildung abgeschlossen hatten. Geht man davon aus, dass die US-Regierung für jeden Schüler in der elementaren und sekundaren Ausbildung 7.000 US-Dollar ausgibt und das Studium an einem College in den USA im Studienjahr 1997/98 durchschnittlich 22.500 US-Dollar gekostet hat, dann bedeutet die Einwanderung von 165.000 Iranern mit Collegeausbildung für die USA, hier vorbehaltlich der Überprüfung der Gleichwertigkeit der Ausbildung und Vergleichbarkeit der Lebenshaltungskosten, eine Ersparnis in Höhe von 28,7 Mrd. US-Dollar (vgl. Akkbar E. Torbat, 2002, 276, 282-283).

Die genannten Beispiele lassen die Dimensionen des faktischen Gewinns für die USA erahnen, wenn die Einwanderung von hochqualifizierten Fachkräften aus allen Teilen der Welt andauert. Allein aus Südafrika wandern jährlich 30 bis 50 % aller Absolventen der Medizinhochschulen nach USA und Großbritannien aus, obwohl dort 2003 ca. 4.000 Stellen für Ärzte im öffentlichen Bereich unbesetzt blieben. 2003 sind aus der Republik Korea 8.800 Fachkräfte nach USA und Kanada ausgewandert (vgl. IOM, 2008, 412, 441-442). Die Problematik des „Brain Drain“ gehört keineswegs der Vergangenheit an. Seit den 1990er Jahren gewinnt die Diskussion darüber durch folgende Entwicklungen neue Aktualität:

a) Der Zusammenbruch der sozialistischen Systeme in Osteuropa, insbesondere der ehemaligen Sowjetunion, hat dazu geführt, dass der „Brain Drain“ aus Osteuropa zu einem ernstzunehmenden globalen Problem geworden ist. Von 1986 bis 1990 haben ca. 1,5 Mio. Menschen Osteuropa und die ehemalige Sowjetunion verlassen. Davon waren ungefähr 25 bis 30 % (ca. 450.000) Wissenschaftler und Ingenieure. Das Migrationspotential aus den GUS-Staaten wird jährlich auf bis zu 1,5 Mio. Menschen geschätzt, mit einem Anteil von Wissenschaftlern und Fachkräften in Höhe von 250.000. Dies bedeutet, dass diese Länder bis Ende der 1990er Jahre einen Verlust von ca. 1,5 bis 1,8 Mio. hochqualifizierten Wissenschaftlern und spezialisierten Fachkräften erlitten haben. Die Experten der UN gehen davon aus, dass für die GUS-Staaten mit jedem emigrierenden Wissenschaftler ein Humankapital im Wert von 300.000 US-Dollar bzw. insgesamt ein jährliches „manpower-resource“ im Wert von 60 bis 75 Mrd. US-Dollar verloren geht. Der Exodus von Atomphysikern ist politisch noch brisanter. Seit 1989 sind schätzungsweise 3.000-5.000 Atomphysiker bzw. Nuklearwissenschaftler aus den GUS-Staaten emigriert. Sie arbeiten überall dort, wo sie gebraucht werden, so z.B. in Algerien, Indien, Irak, Iran, Israel, Süd- und Nordkorea, Lybien. (vgl. Stanislav Simanovsky, 1994, 18-20).

b) Seit den 1990er Jahren entsteht in den USA eine große Nachfrage nach jungen Wissenschaftlern. Viele Universitätsprofessoren, die in den Boomjahren des Hochschulausbaus von 1950 bis 1960 nach USA angeworben wurden, sind bereits im Ruhestand oder werden in den nächsten Jahren das Pensionsalter erreichen. 1994 betrug die Zahl der Professoren im Alter um 50 Jahre, mit deren Emiritierung derzeit zu rechnen ist, 485.000. Die vakant werdenden Stellen an den Universitäten müssen sukzessiv neu besetzt werden. Solange dieser Nachfrage kein entsprechendes inländisches Angebot entgegen gesetzt werden kann, werden die USA eine weltweite Sogwirkung auf junge qualifizierte Wissenschaftler ausüben.

c) „The U.S. Immigration Act of 1990“, unterzeichnet am 29.11.1990 als „Public Law 101-649“ und im Oktober 1991 in Kraft getreten, lässt über die bisher bestehenden Quoten hinaus die Einwanderung von bis zu 40.000 Professoren und wissenschaftlich Forschenden in die USA zu. Diese neue Einwanderungspolitik, die die umfassendste Revision der Einwanderungspolitik seit 1965 darstellt, wird für viele migrationswillige Wissenschaftler aus aller Welt anziehend wirken.

d) Die Wachstumsschwäche der Wirtschaft und die dadurch bedingten Beschäftigungsprobleme in den westlichen Industrieländern haben unter anderem dazu geführt, dass sich die akademischen Arbeitsbedingungen durch die Kürzungen der Haushalts- und Forschungsetats der Hochschulen und Forschungsinstitute deutlich verschlechtert haben. Dies trifft die Hochschulen in den ehemals sozialistischen Staaten Ost- und Zentraleuropas besonders hart, so dass viele hochqualifizierte Wissenschaftler auf der Suche nach neuen und besseren Arbeitsmöglichkeiten sind (für die Punkte b bis d vgl. Jack H. Schuster, 1994, 437-438).

Zum anderen gewinnt die Diskussion über „Brain Drain“ seit den 1990er Jahren neue Aktualität, weil sich der Wettbewerb der Industrieländer bei der Anwerbung von hochqualifizierten Arbeitskräften durch folgende Entwicklungen verschärft hat (vgl. IOM, 2008, 51). Erstens steigt der Bedarf an Fachkräften im Bereich der Wissenschaft und Technologie in allen OECD-Ländern, weil die Zahl der jüngeren Fachkräfte geringer ausfällt als die der älteren, die das Pensionsalter erreichen (vgl. OECD, 2009, 162). Auf der anderen Seite hat die Globalisierung der Wirtschaft die Industrieländer veranlasst, ihre Produktionsstätten in Billiglohnländer zu verlagern (offshoring, outsourcing, global resourcing) und zu dezentralisieren. Dies macht jedoch notwendig, dass die Zirkulation und Mobilität des Kapitals gesteigert werden müssen, um die notwendigen Auslandsdirektinvestitionen tätigen zu können. Gleichzeitig müssen die Industrieländer dafür Sorge tragen, dass die dezentralisierten Produktionsstätten und die Arbeiterschaft trotz ihrer räumlichen Streuung (spatial dispersion) global kontrolliert und in einem zentralisierten Besitzverhältnis integriert werden. Zur Bewältigung dieser Aufgaben müssen viele produktionsorientierte Dienstleistungen (producer services) und spezialisierte Finanzdienstleistungen erzeugt und eingesetzt werden, die wiederum mit Hilfe der hochentwickelten Informations- und Telekommunikationstechnologien nur von hochqualifizierten Fachkräften zu leisten sind (vgl. Petrus Han, 2006, 250-259). Diese haben den Anforderungen an Flexibilität und Anpassungsfähigkeit zu genügen, um gegenüber den sich schnell verändernden Erfordernissen des globalen Marktes angemessen reagieren zu können. Die Nachfrage der Industrieländer nach hochqualifizierten Fachkräften wächst daher schneller als das Angebot auf dem internationalen Arbeitsmarkt. Die Folge ist der globale Wettbewerb bei der Gewinnung von hochqualifizierten Arbeitskräften (vgl. IOM, 2008, 38).

Die hochqualifizierten Arbeitskräfte unter den Migranten sind Personen mit abgeschlossener tertiärer Ausbildung, insbesondere junge Erwachsene, die eine zweijährige oder ...

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