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Inhalt

Vorwort zur dritten Auflage

1   Einführung und Übersicht

2   Was sind Zwangskontexte?

2.1 Selbstinitiative als verdeckte Grundannahme Sozialer Arbeit?

2.2 Initiative zur Kontaktaufnahme durch Netzwerkangehörige

2.3 Initiative zur Kontaktaufnahme aufgrund rechtlicher Vorgaben

2.4 Zwang und Zwangskontexte der Sozialen Arbeit

3   Methodisches Handeln in Zwangskontexten

3.1 Änderungschancen in Zwangskontexten

3.2 Annahmen und Haltungen

3.3 Methodische Prinzipien – das „ABC“ in Zwangskontexten

4   Auftrags- und Rollenklärung („A“)

5   Motivation („B“)

5.1 Modelle der Motivation

5.2 Transtheoretisches Modell der Veränderung und stufengerechte Intervention

5.3 Förderung der Problemeinsicht

5.4 Ambivalenzenklärung und „Change-Talk“

5.5 Entwicklung und Aushandlung von Zielen

5.6 Ressourcenorientierung

6   Beziehungsgestaltung in Zwangskontexten („C“)

6.1 Reaktionen auf Einschränkungen der Handlungsspielräume – Reaktanz

6.2 Umgang mit „Widerstand“

6.3 Beziehungsdynamiken und Beziehungsprinzipien

6.4 Techniken der Beziehungsgestaltung

7   Soziale Arbeit in Zwangskontexten – Fazit und Ausblick

Literatur

Sachregister

Vorwort zur dritten Auflage

Zwangskontexte waren schon immer ein Merkmal Sozialer Arbeit, und die Vorstellung, dass die Gleichzeitigkeit von Hilfe und Kontrolle genuin zur Sozialen Arbeit gehört, wird heute kaum noch infrage gestellt. Dennoch bleibt die Methodenliteratur zu dieser Thematik vergleichsweise bescheiden. Im deutschsprachigen Raum hat die vertiefte Auseinandersetzung mit Zwangskontexten der Sozialen Arbeit erst in den 2000er-Jahren begonnen. Die explorative Studie von Kähler (2005), die in der ersten Auflage dieses Buches vorgestellt wurde, wurde häufig im Diskurs aufgenommen. Zu Beginn der methodischen Positionierungen wurde noch diskutiert, ob mit Klientinnen und Klienten in Zwangskontexten angesichts ihrer „Unfreiwilligkeit“ überhaupt professionell gearbeitet werden könne. Dies scheint sich mit Blick auf die spezifischen methodischen Beiträge der letzten Jahre (systemische Beratung und Therapie, motivierende Gesprächsführung / Motivational Interviewing (MI), psychologische Motivationsförderung) geklärt zu haben: Eine effektive Hilfe trotz Zwangskontext scheint möglich zu sein, sofern eine spezifische Methodik eingesetzt wird. Diese verschiedenen methodischen Anknüpfungspunkte wurden in der zweiten Auflage dieses Buches (Kähler / Zobrist 2013) als Erweiterung der Grundlagen von 2005 vorgestellt. Dabei haben insbesondere Techniken zur Förderung der Veränderungsmotivation (vertiefend: Klug / Zobrist 2016), Ansätze zur Beziehungsgestaltung und zum Umgang mit „Widerstand“ den Eingang ins Methodenrepertoire gefunden.

In der Diskussion in jüngerer Zeit stand weniger die Eignung von Methoden im Vordergrund, vielmehr wurde nach dem professionsbezogenen Sollen und Dürfen gefragt: Dürfen psychosoziale Interventionen überhaupt „Beratung“ genannt werden, wenn sie in Zwangskontexten stattfinden (Nestmann 2012)? Oder: Sind Zwangsmittel nicht sozialpädagogische „Irrwege“ (Lutz 2011)? Diese Auseinandersetzungen haben u.a. zur Frage geführt, was überhaupt unter Zwangskontexten zu verstehen sei. Die von Kähler (2005, 7) entwickelte (und sich an die angelsächsische Position anlehnende) Definition, wonach es um Zwangskontexte geht, „wenn andere Menschen darauf drängen, dass jemand einen Sozialen Dienst aufsucht, oder wenn jemand durch gesetzliche Vorgaben zur Kontaktaufnahme mit einem Sozialen Dienst verpflichtet wird“, wurde zwischenzeitlich kritisiert. Denn die Initiative zur Kontaktaufnahme könne nicht mit strukturellen Zwangsbedingungen gleichgesetzt werden, der Begriff „Zwang“ sei zu weit gefasst, der Zwangskontext gehe meistens über die Kontaktaufnahme hinaus und zeige sich im gesamten Interventionsverlauf als konstitutives Merkmal (Kaminsky 2015).

Diese Kritik wurde in der neuen Auflage aufgenommen. Es wurde versucht, noch deutlicher zwischen der strukturellen / kontextuellen Dimension (Handlungsspielräume, Zwangsbedingungen, normative Rahmenbedingungen, Macht) auf der einen Seite und der individuellen Dimension (Kontaktinitiative, Motivation) auf der anderen Seite zu unterscheiden. Ebenfalls wurde versucht, einige Ausführungen aus der zweiten Auflage, die sich in der Lehre und in Praxisprojekten als wichtig herausgestellt haben, differenzierter darzustellen.

Bezogen auf das methodische Repertoire wurden die in der zweiten Auflage eingeführten und in der Praxis bewährten Anknüpfungspunkte aus didak tischen Gründen neu gegliedert und als methodisches „ABC“ in Zwangskontexten vorgestellt: Neu wird zwischen den Elementen der Auftrags- und Rollenklärung („A“) einerseits, die auf die strukturellen / kontextbezogenen Aspekte eingehen, und der Arbeit an der Veränderungsmotivation und dem Umgang mit der Unfreiwilligkeit („B“) andererseits, die eher die individuelle Dimension in Zwangskontexten betonen, unterschieden. Als drittes Element („C“) werden verschiedene methodische Anknüpfungspunkte zum Umgang mit „Widerstand“ und zur Beziehungsgestaltung in Zwangskontexten zusammengeführt. Diese Neugliederung orientiert sich an forschungsbasierten Faktoren und soll insbesondere Studierende in der Sozialen Arbeit unterstützen, sich in der methodischen Vielfalt zurechtzufinden. Das Buch wendet sich ebenfalls an erfahrene Fachkräfte, nicht nur aus der Sozialen Arbeit, sondern auch aus anderen Berufsgruppen, die in Zwangskontexten tätig sind (forensische Psychotherapie, psychiatrische Pflege, Mediation). Es soll dabei helfen, das bewährte Handeln und das vorhandene Erfahrungswissen in Zwangskontexten zu reflektieren und zu erweitern. Vielleicht regt die aktuelle Auflage die Forschenden dazu an, die Verläufe und Dynamiken in Zwangskontexten genauer zu untersuchen. Der Forschungsstand erscheint unbefriedigend, und die sozialarbeitstheoretischen, normativen und ethischen Positionierungen zu Zwangskontexten sollten die empirischen Fakten unbedingt mitberücksichtigen. Die Weiterentwicklung einer Zwangskontextmethodik setzt ebenfalls vertiefte empirische Befunde voraus.

Die dritte Fassung des Buches baut (wie schon die zweite Auflage) auf den von Harro Kähler entwickelten Grundlagen der ersten Auflage auf. Die zweite Auflage wurde von beiden Autoren gemeinsam bearbeitet, die hier vorgelegte dritte Auflage liegt allein in der Verantwortung von Patrick Zobrist. Er dankt dem Koautor Harro Kähler sehr herzlich für seine fachliche und menschliche Unterstützung!

Bei der Überarbeitung wurde darauf geachtet, eine geschlechtersensible Sprache zu wählen. Sofern keine geschlechterneutralen Bezeichnungen zur Anwendung gelangten, wurden weibliche und männliche Formen wenn möglich abwechselnd eingesetzt. Das andere Geschlecht ist jeweils mitgemeint. Die Adressatinnen der Sozialen Arbeit werden durchgehend als Klienten oder Klientinnen bezeichnet, was in der Zwangskontextsituation als angemessen erscheint. Die Begriffe Sozialarbeiterin und Sozialpädagoge werden synonym verwendet.

Alle im Buch ausgeführten Beispiele stammen aus Fallbesprechungen in Praxisseminaren des Erstautors oder aus seiner eigenen Berufspraxis in der Straffälligenhilfe. Für die vielen Anregungen zur Methodik in Zwangskontexten bedanken wir uns bei den kritischen und engagierten Studierenden (und den Fachkräften in der Weiterbildung) an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit (Schweiz). Ein Dank geht an die Luzerner Kollegen Daniel Schaufelberger und Gregor Husi für ihre Hinweise zur Auftrags- und Rollenklärung respektive zur soziologischen Rahmung des Gegenstandes. Auch wenn es – vielleicht mithilfe dieses Buches – besser gelingen sollte, den herausfordernden Klientinnen und Klienten eine adäquate psychosoziale Unterstützung zukommen zu lassen, bleibt die Tätigkeit in diesem Feld für alle Beteiligten ambivalent und ein Balanceakt, wie dies eine schweizerische Klientin mit einer Beistandschaft (gesetzliche Betreuung) am Schluss eines Interviews in einem studentischen Projekt treffend ausgedrückt hat:

„Eigentlich ist es nicht schön, wenn man so einen Beistand bekommt. Andererseits ist es wirklich eine große Hilfe und eine Erleichterung, aber man ist ja nicht gleich so stolz darauf. Das finde ich wichtig.“

Luzern (Schweiz), im Herbst 2016

Patrick Zobrist

1 Einführung und Übersicht

Wenn Menschen ihre Lebensverhältnisse oder ihr Verhalten verändern wollen, suchen sie – wenn die vorhandenen Ressourcen, auch aus dem eigenen sozialen Umfeld, für derartige Änderungen nicht ausreichen – Unterstützung von anderer Seite. Dabei kommen auch Soziale Dienste wie Allgemeine Sozialdienste oder Beratungsstellen – generell professionelle Helfer unterschiedlichster Art – in Betracht. Bei der Suche nach derartigen Anlaufstellen und bei der Überwindung möglicher Hemmschwellen helfen häufig Personen aus dem sozialen Netzwerk durch Weitergabe von Informationen oder durch persönliche Ermutigung. Derartige Außeneinflüsse üben mithin einen unterstützenden Effekt auf die Entscheidung des Betroffenen bei der Kontaktaufnahme aus und sind in aller Regel willkommen. Die Entscheidung zur Aufnahme des Kontaktes mit einer unterstützenden Institution oder Person verbleibt im Wesentlichen in der Autonomie des Betroffenen. Die Kontaktaufnahme erfolgt selbst initiiert, sie fußt nicht auf Druck von außen. Der Impuls zur Kontaktaufnahme liegt demnach in den Lebensumständen begründet, die jemand gern ändern möchte, und resultiert nicht in irgendwie geartetem Druck von außen. Was ist aber, wenn Dritte eine Situation bei Klientinnen problematisieren und eine Problemlösung nachdrücklich verlangen? Hier handelt es sich also um von außen initiierte oder fremdinitiierte Kontaktaufnahmen. Der dabei ausgeübte Druck oder Zwang kann dabei eher milde sein, etwa wenn jemand seinen Partner ab und an „stichelt“, doch eine Beratungsstelle aufzusuchen, weil er mit Geld nicht richtig umgehen könne, oder auch massiv, etwa wenn Kontakte zu einer Bewährungshelferin mit der Androhung der Aufhebung der Bewährungsaussetzung durchgesetzt werden. Auf den ersten Blick kann also zwischen selbst initiierten, „freiwilligen“ und fremdinitiierten, „gezwungenen“ Klientinnen unterschieden werden:

  BEISPIEL  

H. befindet sich in einer stationären Suchtbehandlung. Er konsumiert seit Jahren Heroin und Kokain. Das Gericht hat im Rahmen eines Strafverfahrens die stationäre Suchtbehandlung angeordnet. Bricht er die Therapie ab, muss er eine dreijährige Freiheitsstrafe absitzen. In derselben Therapiegruppe lebt auch F. Sie ist ebenfalls suchtmittelabhängig und hat sich entschieden, ihr Leben zu verändern. Sie ist vor kurzer Zeit Mutter geworden und möchte zusammen mit ihrem Freund und dem Kind eine neue Zukunft aufbauen.

Die Familie H. bekommt einmal pro Woche Besuch von der sozialpädagogischen Familienhilfe. Durch die psychische Erkrankung des Vaters ist das Familiengefüge ins Strudeln geraten. Die aufsuchende Familienarbeit wurde auf den Vorschlag der behandelnden Psychiaterin eingesetzt. Die H.’s sind froh, dass jemand regelmäßig vorbeikommt.

Die Familienhilfe besucht auch die Familie B. Hier wurde die Familienbegleitung im Rahmen eines Kinderschutzverfahrens angeordnet, andernfalls droht eine Unterbringung des ältesten Sohnes.

K., die mit erheblichen Verhaltensproblemen in der Schule aufgefallen ist, lebt seit mehreren Wochen in einer Einrichtung der stationären Jugendhilfe. Den Eltern wurde das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen. Mirjam wäre lieber bei den Eltern wohnen geblieben.

In der Einrichtung lebt auch M. Seine Eltern sind froh, für ihren „schwierigen Jungen“ eine gute Lösung gefunden zu haben. Der Eintritt kam nach freiwilligen Beratungen durch die Schulsozialarbeiterin und mit dem Jugendamt zustande.

Wie beurteilen Sie diese Situationen? Wo handelt es sich um freiwillige Klienten? Welche Fälle halten Sie für Erfolg versprechend? Diese sechs Fallsituationen in drei verschiedenen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit wurden verschiedenen Fachkräften vorgelegt, die sich in ihrer Fortbildung mit Zwangskontexten beschäftigten:

Die Praktikerinnen wurden gebeten, die jeweiligen Fallsituationen bezogen auf ihren Freiwilligkeitsgrad einzuschätzen und die Erfolgsaussichten zu beurteilen. Nach anfänglich eindeutigen Zuordnungen, welche Fälle einem Zwangskontext entsprechen und welche Situationen eher als „freiwillig“ anzusehen sind, führte die Diskussion über die Erfolgsaussichten der Interventionen durch die Soziale Arbeit zu einer Revision der anfänglichen Beurteilungen: Die Situationen erwiesen sich aus Sicht der erfahrenen Fachkräfte auf den zweiten Blick als nicht eindeutig hinsichtlich der vorliegenden Freiheitsgrade, der Veränderungsmotivation, der Einflussfaktoren auf die Kontaktaufnahme und der Veränderungschancen. Während bei der ersten Einschätzung der Fälle in der Tendenz davon ausgegangen wurde, dass die Situationen von H., Familie B. und K. deutlich einen Zwangskontextcharakter hätten und dementsprechend mit geringen Erfolgsaussichten zu rechnen sei, weil von einer tiefen oder „nur extrinsischen“ Motivation ausgegangen werden müsste, relativierten sich die Urteile bei der Kontrastierung dieser Situationen mit den vermeintlich als „freiwillig“ etikettierten Fällen. Im Resümee wurde festgestellt, dass weniger die Zuschreibungen von Freiwilligkeit oder die Initiative zur Kontaktaufnahme (Selbstinitiative versus Fremdinitiative) als bedeutend erschienen. Vielmehr wurden – begründet durch das Erfahrungswissen der Praktiker – die Hilfeakzeptanz, das Problembewusstsein, die Ziele und Perspektiven, die Kooperationsbereitschaft, die Ressourcen zur Veränderung, die Unterstützung der sozialen Netzwerke und die Beziehung zwischen Klientin und Sozialpädagogin sowie die institutionellen und kontextuellen Bedingungen des Falles, d. h. die jeweiligen Handlungsspielräume der Akteure, als Erfolgsfaktoren identifiziert. Gleichzeitig waren sich die Fachkräfte einig, dass Menschen, deren Handlungsspielräume durch gerichtliche Anordnungen oder Druck aus dem sozialen Netzwerk eingeschränkt sind, die über wenig Veränderungsmotivation verfügen und zu denen sich nur schwer eine Arbeitsbeziehung aufbauen lässt, als schwierig und „hard to reach“ gelten. Die differenzierte Betrachtung, wie Zwangskontexte in der Sozialen Arbeit verstanden werden können, welche Einflussfaktoren von Bedeutung sind und wie methodisch mit Klienten in Zwangskontexten umgegangen werden kann, ist die Absicht dieses Buches.

Im nachfolgenden zweiten Kapitel soll zunächst das Phänomen „Zwangskontexte“ genauer betrachtet und eine begriffliche Rahmung dafür gefunden werden, welche Merkmale einen Zwangskontext in der Sozialen Arbeit prägen und welche strukturellen und personalen Dimensionen von Bedeutung sind. Ebenfalls soll zwischen Zwangskontexten und Zwangselementen unterschieden werden. Diese Betrachtung ist einerseits für das methodische Grundverständnis, welche Klientinnen-Helfer-Konstellationen die Arbeit in Zwangskontexten ausmachen, wichtig. Andererseits führt die Betrachtung der Entstehungsbedingungen von Zwangskontexten und der Verlaufsfaktoren zu den Anknüpfungspunkten für das professionelle Handeln: Wo kann Einfluss genommen werden, auf welche Punkte sind zu achten? Das dritte Kapitel umschreibt die allgemeinen methodischen Prinzipien in Zwangskontexten, beleuchtet die Hinweise aus der Forschung und identifiziert mögliche Wirkfaktoren. Daraus werden drei größere methodische Themenbereiche, ein „ABC“ in Zwangskontexten, abgeleitet: die Auftrags- und Rollenklärung („A), die in Kapitel 4 aufgenommen wird, die Arbeit an der Motivation („B“), auf die Kapitel 5 fokussiert, und die bewusste Gestaltung der Beziehung („C“) mit Menschen, die möglicherweise dem Kontakt mit der Fachkraft eher abgeneigt sind, die in Kapitel 6 thematisiert wird. Das 7. und letzte Kapitel versucht, ein Fazit zu ziehen und offene Fragen zu benennen.

Das Ziel der Darstellungen ist die Erarbeitung allgemeiner Grundprinzipien und methodischer Handlungsmaximen, die für sich in Anspruch nehmen können, in unterschiedlichen Arbeitsfeldern und relativ unabhängig von einzelnen methodischen Grundausrichtungen Erfolg versprechend zu sein. Hinweise auf bestimmte Arbeitsfelder wie die Psychiatrie oder die Bewährungshilfe, Anleihen bei bestimmten methodischen Ausrichtungen wie der systemischen Schule oder der kognitiven Verhaltenstherapie können dabei immer nur als beispielhaft angesehen werden, deuten jedoch an, dass die vorgestellten Anregungen jeweils für ein bestimmtes Arbeitsfeld und vor dem Hintergrund einer bevorzugten theoretischen bzw. methodischen Ausrichtung weitergehende Konkretisierungen und Differenzierungen erfordern. Hampe-Grosser (2003, 158) hat die positive Handhabung von Zwangskontexten noch 2003 als „in den Kinderschuhen steckend“ eingeschätzt. Wichtig erscheint – auch wenn sich die Methodik deutlich weiterentwickelt hat – eine reflexive Anpassung an die verschiedenen Arbeitsfelder und -konstellationen.

2 Was sind Zwangskontexte?

Die eingeführte Unterscheidung zwischen selbst und fremdinitiierten Klientinnen geht zurück auf die Dimension der Kontaktaufnahme mit einem Sozialen Dienst: Wer hatte die Idee, professionelle Hilfe aufzusuchen? In Anlehnung an entsprechende Vorschläge in der Literatur (Rooney 1992; Rooney 2009; Ivanoff et al. 1994; Trotter 2001) lassen sich die Klientengruppen unterscheiden in

images selbst initiierte Kontaktaufnahmen (die Initiative für die Kontaktaufnahme geht von der jeweiligen Person selbst aus),

images Kontaktaufnahmen durch Einflüsse des informellen oder formellen Netzwerks,

images Kontaktaufnahmen aufgrund rechtlicher Vorgaben.

Diese Grobeinteilung, welche das Phänomen Zwangskontext nur bezogen auf einen einzelnen Aspekt, die Kontaktinitiative, begrifflich fassen kann, soll zunächst helfen, sich der Konstituierung von Zwangskontexten anzunähern. Zum Abschluss des Kapitels wird dann eine im Vergleich zur bisherigen Position, wonach ein Zwangskontext vorliegt, „wenn andere Menschen darauf drängen, dass jemand einen Sozialen Dienst aufsucht, oder wenn jemand durch gesetzliche Vorgaben zur Kontaktaufnahme mit einem Sozialen Dienst verpflichtet ist“ (Kähler / Zobrist 2013, 9), modifizierte begriffliche Rahmung vorgeschlagen. Dabei sollen insbesondere die strukturelle und die individuelle Dimension in Zwangskontexten unterschieden und Zwangskontexte von Zwang im engeren Sinne abgegrenzt werden. Um es vorwegzunehmen: Nicht alle fremdinitiierten Kontaktaufnahmen mit Sozialen Einrichtungen sind Zwangskontexte, aber viele methodisch relevante Aspekte, wie beispielsweise motivationale Faktoren (Veränderungsstufen, Push- / Pullfaktoren), sind in Zwangskontexten und bei fremdinitiierten Kontakten vergleichbar. Und: Nicht in allen Zwangskontexten wird „Zwang“ im engeren Sinne ausgeübt.

Zum besseren Verständnis entwickeln wir Schritt für Schritt eine Vorstellung von dem Phänomen „Zwangskontext“, zunächst über die Wege der Kontaktaufnahme: Welche Dynamiken führen zu selbst initiierten Kontakten mit der Sozialen Arbeit, und welche Aspekte spielen bei fremdinitiierten Kontakten sowohl aus dem sozialen Netzwerk als auch aufgrund rechtlicher Vorgaben eine Rolle?

2.1 Selbstinitiative als verdeckte Grundannahme Sozialer Arbeit?

In der Sozialen Arbeit ist die Vorstellung weitverbreitet, dass sich Klienten und ihre Lebenssituation nur ändern, wenn die Betroffenen eine sinnvoll erscheinende Unterstützung aus eigener Initiative suchen. Kaminsky (2015, 15) vermutet, dass Sozialarbeitende den Klienten idealistisch unterstellten, dass diese Unterstützungen „frei und bereitwillig, um nicht zu sagen, gern und dankbar“ annehmen würden, solange sie Leistungen nicht ablehnten. Menschen bei derartigen Bemühungen zu helfen, ist für viele angehende Berufsvertreter der Sozialen Arbeit ein wichtiges Motiv ihrer Berufswahl. Stevens et al. haben mit ihrer Studie in Großbritannien frühere Ergebnisse zur Berufsmotivation von Sozialarbeitsstudenten bestätigen können: Mehrheitlich spielen altruistische Motive die wichtigste Rolle dabei, Soziale Arbeit zu studieren (Stevens et al. 2012). Ihr Wunsch geht dahin, mit Menschen zu arbeiten, die von sich aus Hilfe bei angestrebten Veränderungen in ihrem Leben und ihren Lebensumständen suchen. Bei ihnen kann auch mit einem gewissen Maß an Dankbarkeit gerechnet werden, wenn Verbesserungen eintreten. Dieser Vorstellung wird in der Ausbildung auch reichlich Nahrung gegeben: Es dominiert die Ausrichtung auf die Arbeit mit sogenannten „freiwilligen“ Klienten (Rooney 1992, 13 f.).

Pope und Kang (2011) haben 107 Studierende der Sozialen Arbeit in den USA (davon 88 % Frauen) im Anschluss an ihr Praktikum (oder ihre Berufserfahrungen) befragt, ob sie später in der Praxis gerne mit Klienten in Zwangskontexten arbeiten möchten, was nur 36 % der Studierenden bejaht haben. Die Zustimmung stieg, wenn die Studierenden ihre diesbezügliche methodische Ausbildung im Studium positiv bewerteten und sie konkrete Praxiserfahrungen mit Klienten in Zwangskontexten machen konnten. Ähnliche Ergebnisse zeigten sich auch bei einer Erhebung an der FH Düsseldorf bei Erstsemester-Studierenden des Fachbereichs Sozialarbeit: 13 % würden gerne mit unfreiwilligen Klienten arbeiten, 57 % wünschen sich die Arbeit mit freiwilligen Klienten. Wenn bei Studierenden überhaupt zu Beginn des Studiums schon Vorstellungen von der zukünftigen Arbeit vorhanden sind, gehen die Wünsche in Richtung einer Arbeit mit Menschen, die von sich aus Hilfe suchen (Kähler 2005).

Die Ausrichtung der Sozialen Arbeit an der Selbstinitiative und der Freiwilligkeit des Zustandekommens einer Arbeitsbeziehung gehört zur „Mission“ der Sozialen Arbeit:

„Die Profession verfolgt mithin das Ziel, ihre [Klientinnen und Klienten] zur Lebensführung zu befähigen, ihre Inklusion zu erhalten bzw. zu fördern sowie deren materielle Versorgung und gewaltfreie Lebensbedingungen zu sichern. Das professionell sozialberufliche Engagement dient damit nicht allein unmittelbar dem Einzelnen, sondern es trägt auch zu den gesellschaftlichen Vorstellungen von der Selbständigkeit, Teilhabe bzw. Partizipation und Lebensqualität jeder Person deutlich bei“ (Kaminsky 2015, 4).

Dabei spielt auch die Respektierung der Autonomie der Klienten eine wichtige Rolle. Zwangskontexte stellen die Mission der Sozialen Arbeit „im Kern“ infrage (Kaminsky 2015, 4). Bevor die Entstehung von fremdinitiierten Kontakten und Zwangskontexten in der Sozialen Arbeit genauer betrachtet wird, soll zunächst der Blick auf die Prozesse der Hilfesuche geleitet werden, um die Bedeutung und die Dynamik der Initiative zur Kontaktaufnahme mit Sozialen Diensten besser zu verstehen.

Prozesse der Hilfesuche: Damit Menschen aus eigener Initiative einen Sozialen Dienst aufsuchen, müssen viele Voraussetzungen erfüllt sein. Die Forschung zur Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung hat herausgearbeitet, dass nur ungefähr ein Drittel von behandlungsbedürftigen psychisch auffälligen Klienten professionelle Hilfe in Anspruch nimmt (Wittchen et al. 2011; für das Feld der Beratung verweist Warschburger 2009 auf einen identischen Anteil). Auch in den Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit können förderliche und hinderliche Einflussfaktoren vermutet werden, die dazu führen, mit einem Sozialen Dienst in Kontakt zu treten oder das Problem anderweitig zu bewältigen. Zur Sensibilisierung ist darauf hinzuweisen, dass die Klienten bereits mehrere Stufen der emotionalen, kognitiven und sozialen Auseinandersetzung durchlaufen haben, bevor sie sich selbst initiiert bei einem Sozialen Dienst melden. Saunders (1993, zitiert in Warschburger 2009, 38) unterscheidet vier Stufen bei der Inanspruchnahme von Beratung:

images Problemwahrnehmung und „Selbstheilungsversuche“

images Akzeptanz, dass Beratung eine nützliche Problemlösung ist

images Entscheidung, die Beratung aufzusuchen

images Kontaktaufnahme mit einer Beratungsstelle

Bei allen Stufen in diesem Prozess der Inanspruchnahme von Beratung sind verschiedene Voraussetzungen und Barrieren denkbar, die dafür sorgen, dass eine weitere Stufe erreicht und damit der Kontakt mit einer professionellen Fachkraft aufgenommen wird oder dies verunmöglicht oder erschwert wird. Warschburger hält fest, dass die Problemwahrnehmung des Klienten, der Leidensdruck, der wahrgenommene Nutzen der Beratung (versus die „Kosten“) sowie der Druck von außen wichtige Einflussfaktoren darstellen (Warschburger 2009). Nach Vogel et al. (2011) sind weitere empirisch gestützte Faktoren zu nennen, die für die Nichtinanspruchnahme von Beratung und Psychotherapie von Bedeutung sein können: soziale Stigmatisierung, Angst vor der Behandlung und vor Emotionen sowie negative Einschätzungen von Nachteilen und Risiken der Beratung. Weiter werden fehlende Offenlegungsbereitschaft, soziale Normen und ein ungenügender Selbstwert als wichtige Hindernisse im Prozess, selbst initiiert Hilfe zu holen, beschrieben. Eine schweizerische Studie zur Kontaktaufnahme in der Sozialhilfe hat gezeigt, dass die meisten Bedürftigen „relativ lange abwarten, bis sie sich an den Sozialdienst wenden“ (Neuenschwander et al. 2012, 104), und 90 % alternative Bewältigungsstrategien aktivieren, bevor sie sich melden. Die häufigsten Gründe, auf wirtschaftliche Unterstützung und auf Beratung zu verzichten, waren Angst vor Autonomieeinschränkungen, Scham, mangelnder Selbstwert und Angst vor Stigmatisierung (Neuenschwander et al. 2012). Damit wird deutlich, dass personale Fähigkeiten und Kompetenzen (Ressourcen) und soziostrukturelle Faktoren wie der Bildungsstand oder die soziale Vernetzung die Suche nach professioneller Hilfe erheblich beeinflussen (Wirth 1982).

Es zeigt sich, dass vor allem die Personen, die besonders problemanfällig sind, offenbar tendenziell zugleich am wenigsten über die Fähigkeit verfügen, die notwendigen Schritte zu ihrer Bearbeitung einzuleiten, also eine entsprechende Handlungsbereitschaft zu entwickeln (Wirth 1982). Dies erklärt auch, weshalb sich bei selbst initiierten Kontaktaufnahmen Folgen sozialer Ungleichheit niederschlagen: Der Anteil der Klienten, der von sich aus Kontakt zu Sozialen Diensten sucht, dürfte in besonders belasteten Problemgruppen eher gering ausfallen (und sie werden mit zunehmender Problemakzentuierung im späteren Verlauf eher zur Hilfe gezwungen, insofern soziale Minderheiten und Unterprivilegierte in Zwangskontexten überproportional vertreten sind; Dewberry Rooney 2009). Dies hat offenbar damit zu tun, dass hier mehrere Einflussgrößen gleichermaßen auf Problementstehung einerseits und Schwächung der Ressourcen zur Problembewältigung andererseits einwirken. Eine der Folgen dürfte sein, dass die Initiative zum Aufsuchen unterstützender Einrichtungen eher unterentwickelt bleibt. So ist damit zu rechnen, dass gerade in diesen Bevölkerungsgruppen der Anteil solcher Menschen besonders groß ist, die aufgrund ihrer Lebenserfahrungen Merkmale erlernter Hilflosigkeit (z. B. Schober 1993; Meyer 2000) aufweisen. Ohne die Vorstellung, dass Änderungen einer Situation möglich und sinnvoll sind, ohne die Erfahrung der Beeinflussbarkeit von Lebenslagen (Kontrollüberzeugung) ist schwer vorstellbar, dass Menschen die Initiative entwickeln, Kontakt zu einem Sozialen Dienst herzustellen (oder andere Formen von Unterstützung zu suchen und Veränderungen anzugehen, Miller / Rollnick 2015). Mit anderen Worten: Wenn keine Hoffnung besteht, dass es „da draußen“ jemanden gibt, der helfen kann und zum Helfen bereit ist, fällt es schwer, sich aufzuraffen, eine derartige Hilfe aufzuspüren und Kontakt aufzunehmen. Für Familien, die wegen ihrer Hoffnungslosigkeit nicht in der Lage sind, sich Hilfe zu suchen, kann eine fremdinitiierte Kontaktaufnahme überhaupt die Möglichkeit zur Hilfe schaffen (Conen 2013).

Doch selbst wenn die Einsicht in die Sinnhaftigkeit der Inanspruchnahme eines Sozialen Dienstes besteht und eine gewisse Hoffnung auf Hilfe (als Gegenstück zur erlernten Hilflosigkeit) mit einem derartigen Kontakt verbunden werden kann, gibt es weitere Voraussetzungen für die selbst initiierte Inanspruchnahme eines Sozialen Dienstes. Dazu gehören zunächst die Kompetenz und die Ressourcen, einen geeigneten Sozialen Dienst zu identifizieren und ihn aufzusuchen. Für diesen Schritt spielen offenbar die Kontakte im sozialen Netzwerk eine besonders große Rolle (Wirth 1982; Vogel et al. 2011). Bezogen auf die Bereitschaft, vorhandene Probleme dem Mitarbeiter eines Sozialen Dienstes zu offenbaren, muss also das Vertrauen vorhanden sein oder entwickelt werden, einer bis dahin fremden Person Einblick in das eigene Leben zu gewähren und ihr das Recht einzuräumen, sich dazu zu äußern und zu „beraten“. Dies alles kann offensichtlich eher geschehen, wenn die betreffende Person grundsätzlich motiviert ist, Änderungen in ihrem Leben und ihren Lebensumständen herbeizuführen und die Hürden einer „Veröffentlichung von Hilfeersuchen im System öffentlicher Wohlfahrt“ wie etwa Stolz oder Behördenangst zu überwinden (Herriger 2002, 85).

Demzufolge gibt es eine Reihe von Hürden, die überwunden werden müssen, um Hilfen für die Bewältigung vorhandener Problemlagen zu aktivieren. Es ist darüber hinaus deutlich zu erkennen, dass Personen, die aus eigener Initiative (wenn gegebenenfalls auch informiert und motiviert durch Angehörige des sozialen Netzwerks) Kontakt zu einem Sozialen Dienst aufnehmen, bereits eine Auslese darstellen: Sie haben offensichtlich eine Reihe von Barrieren überwunden, an denen eine unbekannt große Zahl anderer Personen, die möglicherweise einen besonders umfassenden Bedarf an professioneller Unterstützung hat, scheitert (Wirth 1982).

Anteile von selbst initiierten Kontakten: Über den Anteil der auf Eigeninitiative beruhenden Klientenkontakte liegen unseres Wissens nur Schätzungen vor. Gumpinger (2001, 14 f.) zitiert beispielsweise aus einer Diplomarbeit, wonach „über 80 % der Fälle nicht von den Betroffenen an das Jugendamt herangetragen wurden“. In dieser Formulierung bleibt völlig offen, wie die Untersuchung angelegt war, insbesondere aber bleibt ungeklärt, wer oder was anstelle der Betroffenen dazu beigetragen hat, dass Kontakt mit dem Jugendamt aufgenommen wurde. Floyd Taylor hat in den USA eine Zufallsstichprobe von klinischen Sozialarbeitern (n=320) befragt und herausgearbeitet, dass nur um die 10 % der Befragten nie mit unfreiwilligen Klienten gearbeitet haben (Floyd Taylor 2005).

Im deutschsprachigen Raum liegt zur Frage des Verhältnisses von selbst initiierten zu fremdinitiierten Kontakten und zu deren jeweiligen Ausgestaltung eine explorative Studie von Kähler vor (Kähler 2005), in der 99 hauptberuflich tätige Fachkräfte in den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern schriftlich befragt wurden.

Dabei hat sich gezeigt, dass in allen untersuchten Arbeitsfeldern nur ungefähr ein Drittel der Kontakte selbst initiiert ist. Der Anteil selbst initiierter Kontaktaufnahmen variiert deutlich zwischen verschiedenen Arbeitsfeldern. Am seltensten kommen selbst initiierte Kontakte im Justizbereich vor (unter 10 %). In allen anderen Arbeitsfeldern, dem Bereich Familie, Kinder und Jugend sowie dem Gesundheitsbereich, sind selbst initiierte Kontakte deutlich häufiger anzutreffen. Der Anteil von selbst initiierten Kontaktaufnahmen variiert auch innerhalb der Arbeitsfelder in Abhängigkeit vom Typus der Einrichtungen (geringe versus hohe Einschränkung der Handlungsspielräume). In stationären Einrichtungen, insbesondere solchen mit „lebensweltersetzender“ Funktion (z. B. Altenpflegeheimen, Thole 2010), sind Klienten häufiger ohne Eigeninitiative untergebracht.

Begrifflichkeiten für selbst initiierte Kontakte: Für die vorgestellte Kategorie von Klientinnen, die selbst initiiert Kontakt zu einem Sozialen Dienst aufnehmen, werden in der Methodenliteratur Begriffe verwendet, die ähnliche Abgrenzungen verwenden, aber dennoch nicht deckungsgleich sind. In der Terminologie von Germain / Gitterman (1999) entsprechen diese Klienten den „gesuchten“ Kontakten, allerdings mit einer bedeutsamen Änderung: Hierunter können auch Personen fallen, die durch informellen oder formellen Druck aus dem sozialen Netzwerk Kontakt zu einer sozialen Einrichtung aufnehmen.

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