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Sowjetparadies

Sowjetparadies

1. Kindheit am Rande Berlins

Nachkriegszeit

2. Schulzeit

Mittelschule in Mahlsdorf

Das Leben in den 50er und 60er Jahren

Mauerbau

3. Berufsschule mit Abi

Funkwerk Köpenick

Berufsausbildung

Ferien im Erzgebirge und an der Ostsee

Ein schwer belehrbarer Lehrer

ZDF Konverter

Urlaub in Polen und Ungarn

Klassenzeitung

4. Studium in der Sowjetunion

Bewerbung zum Studium

Studium im Ausland?

ABF in Halle

Aufbruch in das Sowjetparadies

Andere Länder andere Sitten

Das Wohnheim

Lernen ohne Ende

Verpflegung

Sowjetisches Studiensystem

Russisch und Mathe

Examen

Winterferien

Das Studium geht weiter

Sommerferien in der DDR

Russische Baukunst

Beatleitung

Wechsel des Studienfaches

Maschinenbau am Polytechnischen Institut

Kaukasus

Rügen

Jerewan

Sowjetisches Bauwesen

Das Studentenleben

Reingelegt

Sommerferien

Studentenleben

Trinken bis zum Umfallen

Reisen innerhalb der Sowjetunion

Praktikum und vormilitärische Ausbildung

Wolgograd

Neue Kochkünste

Rückständiges Gesundheitswesen

Weltfestspiele 1973 in Berlin

Wohnen im Wohnheim

Traktorenwerk

Sto Gramm und mehr

Examen

Hochzeit

Diplomarbeit

5. Leben in der DDR

BWF-Marzahn

BWF-Schleifmaschinen

Neuererwesen oder Unwesen

Ein Treffen mit Stephan

Wohnungseinrichtung

1 Millionste Neubauwohnung

BWF - ein sozialistischer Musterbetrieb

DDR-Planwirtschaft

Wir werden eine Familie

Eine AWG Neubauwohnung

Wochenendgrundstück

Wohnungswirtschaft

Trabiproduktion

Konsumgüter

Robotertechnik

Drei Monate Volksarmee

Gesellschaftliche Arbeit im Betrieb

SW und NSW

Die erste Westreise

Computertechnik

Aufbruch 89 – Neues Forum

Die Wendezeit

Versuch der Selbständigkeit

6. Der Osten wird Westen

Das Ende der DDR

Diamanten verkaufen

Arbeitsamt und Arbeitssuche

Wochenendhaus und Hausbau

Bauamt und Baurecht

Stasiunterlagen

Wasser- und Wärmezähler

Büro Berlin

Ausstellungen in Moskau und Kiew

Umsatzverluste

Fernauslesung und Rechenwerksprobleme

Diebstahl Brieftasche

Trennung

Neue Liebe, neues Glück

Die Jahrtausendwende und SAP

Aus Spanner-Pollux über Invensys zu Sensus

Wechsel in ein neues Aufgabenfeld

PolluPlaner Select

Schön’ Feierabend

Auferstanden aus Ruinen

Das Bauamt

Wohnungsübergabe

Geld verdienen und Hausbau

Altersteilzeit und Rente

Reisen, Bienen und andere Hobbys

7. Seminargruppentreffen in Charkow 2015

1. Kindheit am Rande Berlins

Nachkriegszeit

Es war 1948 mein Geburtsjahr, der 2. Weltkrieg war gerade mal drei Jahre vorbei. Meine Eltern hatten diese schwere Zeit recht gut überstanden. Meine Mutter hatte bis 1936 bei einem jüdischen Betrieb als Sekretärin gearbeitet. Als diese dann in die Schweiz nach Davos emigrierten, erhielt meine Mutter ihre Schreibmaschine als Abschiedsgeschenk. Meine Mutter hatte noch viele Jahrzehnte Kontakt zu dieser Familie. In den 50er und 60er Jahren erhielten wir einmal im Jahr ein Paket aus der Schweiz mit Kakao, Kaffee und Schokolade, alles Sachen, die es in der DDR nur selten oder gar nicht gab.

Mein Vater, 1910 geboren, war Schriftsetzer, ein Beruf den es heute nicht mehr gibt. Um Zeitungen und Bücher zu drucken, mussten die Wörter aus Buchstaben, die in Blei gegossen waren, zusammengesetzt werden. Es musste ein Schriftbild erstellt werden, mit dem man anschließend drucken konnte.

Er arbeitete aber schon bald als Werbeberater und sorgte für Anzeigen von Firmen in den Zeitungen und Zeitschriften. Da er einen Buckel hatte, wurde er ausgemustert und wurde von der Wehrmacht im Krieg nicht eingezogen, sondern musste nur Ersatztätigkeiten wie Brandwache in seiner Arbeitsstelle in Berlin halten.

In den 30er Jahren baute meine Oma mit Ihrer Schwester ein Zweifamilienhaus in Mahlsdorf, einem Ortsteil von Berlin am östlichen Rand. Das Grundstück hatte mein Urgroßvater schon 1910 gekauft, als das Gebiet neu besiedelt wurde. Dort wohnten meine Eltern. Diese Gebiete wurden im Krieg nicht direkt bombardiert, aber die Bomber haben dann übrig gebliebene Bomben dort abgeworfen, so wäre das Haus fast abgebrannt, aber eine Brandbombe ist im Haus stecken geblieben und hatte sich nicht entzündet.

Der Keller war als Luftschutzraum vorgesehen, die Fenster konnte man mit dicken Betonplatten von außen zuschieben und an der Wand stand noch viele Jahre die Aufschrift: Luftschutzkeller für 18 Personen.

Mitten im Krieg 1944 wurde mein Bruder Harald geboren. Meine Mutter wurde außerhalb Berlins nach Buckow gebracht, um nicht den ständigen Bombenangriffen als Hochschwangere ausgesetzt zu sein. Als die Russen im April 1945 Berlin eroberten, bewarte das meine Mutter vor Vergewaltigungen, da Mütter mit kleinen Kindern meist in Ruhe gelassen wurden. Später quartierte man zwei sowjetische Offiziere in einer Wohnung ein, da trauten sich die einfachen Soldaten nicht mehr hin.

Wichtige und teure Sachen vergruben meine Oma und meine Eltern vor der Besetzung im Schuppen, so auch die geschenkte Schreibmaschine aus dem jüdischen Besitz.

Mein Vater arbeitete bis 1958 als selbständiger Werbeberater für verschiedene Verlage. Dann wurde die DEWAG-Werbung gegründet, und mein Vater musste dort anfangen zu arbeiten, selbständige Werbeberater gab es nicht mehr.

Meine Mutter war bis Anfang der 60er Jahre zu Hause, was damals durchaus üblich war, und so hatte ich eine angenehme Kindheit. Unser Garten (1200 m2) war kein Erholungsgarten wie heute, sondern ein Nutzgarten, es standen überall Obstbäume, an den Rändern Stachel- und Johannisbeeren, die ich dann zu meinem Leidwesen pflücken musste.

Außer 20 m2 Rasen und einem Betonweg waren überall Beete. Das war auch dringend notwendig in den 40er und 50er Jahren, denn die Versorgung der Bevölkerung erfolgte über Lebensmittelkarten, die waren nur knapp bemessen und wurden erst 1958 abgeschafft.

Aber auch danach war es nicht viel besser. Jede Familie musste sich dann in einem Lebensmittelladen anmelden und man bekam eine Nummer. Beim Einkaufen musste man diese Nummer sagen und in einem Buch wurden die rationierten Waren wie Butter abgehackt. So hatten wir aus dem Garten immer Obst und Gemüse, Äpfel lagerten bis zum Frühjahr im Keller und aus den besagten Beeren wurde Saft und Sirup gekocht.

Ich spiele als Kind Soldat

Ich war immer draußen im Garten und streifte durch die Gegend. Autos gab es fast keine und so konnte man zum Beispiel auf der Betonstraße vor dem Haus gefahrlos Rollschuh fahren. Ich hatte Rollschuhe mit Stahlrollen, die ordentlich Krach machten. Dabei fand ich dann auf einem leeren Eckgrundstück einen sowjetischen Stahlhelm, den ich mit einem alten Hut und Watte auspolsterte und damit im Garten Soldat spielte. Die teuren Einweckgummis aus dem Westen missbrauchte ich für den Bau von Katapulten und Gewehren.

Meine Oma war natürlich entsetzt, wenige Jahre nach dem Krieg wollte man so etwas nicht mehr sehen. Aber ich kannte ja als Kind nicht die Schrecken des Krieges.

Einmal im Jahr sind wir für 2 Wochen in den Urlaub gefahren. Mein Vater hat fast immer eine Reise organisiert, meist über das Reisebüro der DDR, denn Reisen über den FDGB, dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund, der Einheitsgewerkschaft waren sehr knapp.

Meine Eltern und ich in Ahlbeck

Solch eine Reise zu organisieren gelang ihm 1958 nur einmal, in einem neuen Ferienheim nach Ahlbeck an die Ostsee. Ansonsten waren wir meist in Thüringen oder dem Erzgebirge. Für eine Familie gab es immer nur ein Zimmer, so wohnten wir zu Viert in einem Zimmer, die Toilette war auf dem Flur und gewaschen wurde sich im Zimmer mit einem Krug kaltem Wasser.

Mein Bruder Harald und ich

Mit 5 Jahren lernte ich schwimmen in der Schwimmhalle in Lichtenberg. Da mein Vater einen Buckel hatte und ich auch schon immer etwas krumm lief verschreib mir der Orthopäde das „Orthopädische Schwimmen“. Dadurch konnte ich schon sehr früh alleine baden gehen, da ich ja schwimmen konnte. Die erste Zeit war allerdings für mich nicht so schön, das Wasser im Nichtschwimmerteil war für ein Kind immer noch sehr tief, und so hatte ich jedes Mal Angst zum Schwimmen zu gehen. Die Schwimmlehrer gingen nicht immer sanft mit einem um.

Das beobachtete ich später beim Schulschwimmen. Wer da Angst hatte ins Wasser zu springen wurde auch schon mal hineingeschubst. Den Schwimmsport habe ich in einem Verein später weiter betrieben und schwimme noch heute jede Woche Tausend Meter.

2. Schulzeit

Mittelschule in Mahlsdorf

1955 wurde ich eingeschult in die 18. Mittelschule Berlin-Mahlsdorf. Die Schule war von zu Hause 3,5 km entfernt. Meine Mutter brachte mich in der ersten Woche jeden Tag hin und holte mich wieder ab. Danach fuhr ich im Sommer mit dem Fahrrad und im Winter mit der Straßenbahn zur Schule. Wenn ich heute sehe, wie Kinder jahrelang von den überbesorgten Eltern jeden Tag mit dem Auto wenige Hundert Meter zur Schule gefahren werden, kann ich nur meinen Kopf schütteln.

In der DDR gab es ein einheitliches Schulsystem. Alle Kinder gingen bis zur 10. Klasse gemeinsam auf die Polytechnische Oberschule. Nur Einzelne, die sehr schlechte Leistungen hatten konnten die Schule nach 8 Jahren verlassen. Nach der 8. Klasse wurden nur wenige zur erweiterten Oberschule zugelassen, wo diese dann ihr Abitur nach 12 Jahren ablegten.

Die Plätze waren rar, im Berliner Stadtbezirk Lichtenberg mit den Ortsteilen Mahlsdorf, Kaulsdorf, Biesdorf und Hellersdorf gab es nur eine erweiterte Oberschule in Lichtenberg.

Die Schule bereitete mir keine Probleme, aber ich hatte ein anderes Problem, das Stottern.

Wenn ich aufgerufen wurde brachte ich oft die Wörter nicht heraus und hatte deshalb immer davor Angst. Auf Initiative meines Bruders gingen meine Eltern mit mir zu einer entsprechenden Beratung und danach hatte ich bis zum Schulabschluss eine Behandlung bei einem ausgebildeten Arzt in einem Schulgebäude in Lichtenberg. Dort lernte ich das autogene Training und konnte dann unter dieser Art der Ruhigstellung fließend sprechen. Es brauchte jedoch noch viele Jahre bis ich das Stottern überwunden hatte. Es gab immer wieder Situationen in denen ich aufgeregt war, deshalb litt ich auch immer unter Prüfungsangst.

Das Leben in den 50er und 60er Jahren

Als Kind bin ich sehr viel Fahrrad gefahren, nach Abschluss des Abiturs hatte sich der Kilometerzähler an meinem Fahrrad genullt, ich war also schon 10.000 km gefahren. Das wirkte sich noch später auf meine Kondition aus, ich konnte und kann auch heute noch lange laufen und auch lange stehen ohne Beschwerden.

Mit meinen Schulfreunden trafen wir uns nachmittags, allerdings erst nachdem ich zu Hause Mittag gegessen hatte und die Hausarbeiten erledigt waren, darauf achtete meine Mutter streng. Die Verabredungen mit den Schulfreunden gingen auch ohne Handy und Telefon, denn so etwas gab es nicht, für unsere heutigen Kinder unvorstellbar. Telefon, also ein schwarzes Gerät mit Hörer und Wählscheibe von der Post hatten nur sehr wenige.

1959 hatte mein Vater das Glück einen Telefonanschluss zu bekommen, obwohl er nicht im Staatsdienst arbeitete und auch nicht linientreu war. Dadurch dass mein Vater dienstlich immer in Berlin unterwegs war organisierte er alles, von Konzertkarten bis zu Geräten, die es ansonsten kaum gab. Dabei nutzte er auch die Verbindung zu seiner Kundschaft. So hatten wir seit 1961 den ersten Kühlschrank, eine Lizenzproduktion von Bosch aus Jugoslawien.

Da meine Zähne etwas schief standen, musste ich zur Kieferorthopädie in die Charite gehen. Diese lag in Berlin direkt an der Sektorengrenze vom Ost- zum Westteil. So fuhr ich mit der S-Bahn bis zum Lehrter Bahnhof, dem heutigen Hauptbahnhof, eine Station hinter Friedrichstasse und lief dann über die offene Sektorengrenze zur Charite. An der Grenze standen zwei Volkspolizisten, die aber nur gelegentlich Leute kontrollierten. Anschließend fuhr ich oft bis zum Bahnhof Zoo und ging in das AKI, ein Tageskino, das die aktuellen Wochennachrichten und einen Film immer fortwährend den ganzen Tag über zeigte. Für Ostler war der Eintritt frei, und da wir noch keinen Fernseher hatten war dies eine willkommene Abwechselung.

Nach dem Mauerbau musste ich dann bis Friedrichstraße fahren und ab dort mit dem Bus. Der Grenzübergang war hoch gesichert und zum Charite Gelände musste ich einen anderen Eingang benutzen, mit dem AKI war es jetzt auch vorbei.

Mein Bruder und ich hatten eine Modeleisenbahn von PIKO in H0. Diese bauten wir immer mehr aus, so dass die Bahn dann auf einer großen Platte aufgebaut wurde und in einem wenig genutzten Zimmer der zweiten Wohnung stand, in der meine Oma und meine Tante wohnten. Es wurde alles fest verdrahtet und an ein Steuerpult angeschlossen mit Schaltern für Puppenstuben. Mit zwei Trafos konnten auch zwei Züge gleichzeitig fahren. Das waren meine ersten Versuche die Technik zu verstehen, Drähte zusammenzulöten, Löcher zu bohren und Modellhäuser zusammenzukleben.

Außerdem standen im Keller und im Gartenschuppen ein Tisch mit einem Schraubstock und alten Feilen, Hämmern, Schraubenziehern, Bohrern und Schlüsseln, also alles was ich so gebrauchen konnte. Mein Vater war handwerklich nicht sehr begabt, er arbeitete zwar gerne im Garten und schaffte auch mal einen Nagel in die Wand zu bringen, wenn es notwendig war, aber dann hörte es auch schon auf. Mein Bruder hatte auch nicht so viel Interesse an dem alten Werkzeug, und so hatte ich dies alles für mich allein.

Die Großeltern eines Schulkameraden wohnten im Erzgebirge. In einem Winter fuhr ich mit ihm mit und wir wohnten in einem kleinen Dorf mitten im Schnee. Es fiel immer noch mehr Schnee, so dass die Straßen nur noch Schneisen waren zwischen den Schneehaufen. Meine Tante aus Westberlin hatte mir alte Ski mitgebracht, die schon mit Konservenblech geflickt waren. Das waren immer Universalski aus Holz und die Bindung passte zu Skischuhen aus Leder mit einer eingefrästen Rundung im Hackenabsatz. Ski für Langlauf und Abfahrt gab es noch nicht. Damit diese auch gut rutschten, gossen wir flüssiges Parafin von Kerzen auf die Laufsole und machten mit diesen Skiern die Gegend unsicher.

Die Großeltern wohnten in einem typischen Haus der Gegend. In der Küche gab es einen Küchenherd, der immer geheizt wurde. Dadurch war es dort sehr warm. Alle anderen Räume im Haus waren kalt. Wir schliefen im Obergeschoss unter sehr dicken Federbetten. Diese wurden vor dem Zubettgehen mit warmen Ziegelsteinen etwas erwärmt. Meine Armbanduhr, die ich auf den Nachtschrank legte ging dann morgens 5 Minuten nach, das Öl war bei den Minustemperaturen fest geworden.

Die Küche war auch gleichzeitig Arbeitsplatz. Es wurden Pinsel, Bürsten und Handfeger in Heimarbeit hergestellt, was auch typisch für diese Gegend war. Für uns Kinder war es ein wunderschöner Urlaub, den ich bis heute nicht vergessen habe.

Mauerbau

Mein Vater organisierte, wie schon erwähnt, jedes Jahr eine Reise, und so waren wir im August 1961 in Feldberg an einem See der Mecklenburger Seenplatte. Am 13. August erzählten uns die Vermieter, dass man in Berlin die Grenze zugemacht hat. Wir hörten sofort Radio und tatsächlich schloss man die Grenze, wir waren entsetzt, dachten allerdings noch, dass man weiterhin nach Westberlin fahren konnte aber kontrolliert mit einer Genehmigung. Dass man die DDR-Bürger 28 Jahre einsperren würde war für uns nicht vorstellbar.

Mein Bruder war Klassenbester in der 8. Klasse, aber er durfte nicht zur erweiterten Oberschule um das Abitur zu machen, da mein Vater Angestellter war und kein Arbeiter. So war das zu Ulbrichts Zeiten, der Sohn eines Arztes durfte nicht Medizin studieren um Arzt zu werden, das sollten immer Arbeiterkinder sein, die gar keinen Bezug zu solch einem Beruf hatten. Natürlich sollte man auch die Arbeiterkinder fördern, aber doch nicht so. Deshalb begann er nach der 10-jährigen Schulzeit die Ausbildung in Westberlin bei der AEG, die mit einem Fachschulstudium an der Beuth-Schule kombiniert war.

Mein Bruder wollte am liebsten sofort nach Berlin fahren, um noch zu versuchen in den Westen zu kommen. Meine Eltern konnten ihn davon abhalten und so blieben wir noch eine Woche in Feldberg und fuhren Ruderboot auf den vielen Seen. Die Urlaubsstimmung war allerdings nun getrübt.

Als wir wieder zu Hause ankamen, begrüßten uns meine Oma und meine Tante sofort im Hausflur und waren auch völlig entsetzt von dieser Maßnahme Ulbrichts. Der Hohn war dann die völlig abartige Bezeichnung für eine Mauer, mit der man die eigene Bevölkerung einsperrte: „Antifaschistischer Schutzwall“. In der Bundesrepublik gab es genauso keinen Faschismus mehr wie in der DDR.

Natürlich war die DDR am ausbluten, wenn jeden Monat 30 Tausend Menschen das Land verließen. Die Menschen gingen zu damaliger Zeit aber nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, denn die Löhne in der Bundesrepublik waren da noch nicht viel höher als in der DDR und Wohnraum war auch knapp, es waren oft politische Gründe. Wenn man in den 50er Jahren einen politischen Witz über Ulbricht erzählte und dafür angezeigt wurde, kam man für ein halbes oder ein Jahr ins Gefängnis. Nach der Haftentlassung sind dann fast alle in den Westen gegangen und waren später froh nicht geblieben zu sein, da es ihnen im Westen dann viel besser ging. In den 70er Jahren unter Honecker änderte sich dies, man konnte auch im Kollegenkreis politische Witze erzählen, ohne dass etwas passierte.

Mein Bruder musste sich nun eine neue Ausbildungsstätte in der DDR suchen. Mein Vater war da natürlich sofort behilflich und fand das Wälzlagerwerk Lichtenberg in der Josef-Orlopp-Straße. Das Werk war erst gerade neu aufgebaut worden, und mein Bruder bewarb sich dort zur Lehrausbildung. Da dies ein sozialistischer Musterbetrieb war, wurde ihm mitgeteilt, dass er als Grenzgänger dort nicht anfangen kann, man wollte nur politisch einwandfreie Jugendliche ausbilden. In meinem späteren Berufsleben hatte ich in der Produktion dieses Betriebs öfters zu tun, die Halle war nicht sehr hoch, die Luft durch Ölnebel und Kühlmittel verpestet, Schuhsolen lösten sich auf dem ölverschmierten Betonfußboden auf. In den darunter liegenden Garderoben waren überall Konservendosen aufgehängt, die das durchlaufende Öl auffangen sollten. Das zum Zustand eines sozialistischen Musterbetriebes. So fing mein Bruder die Lehre als Feinmechaniker in einem privaten Kleinbetrieb an. Später durfte er dann noch studieren und als sozialistischer Leiter Karriere machen.

Als Kind bin ich getauft worden, das war durchaus üblich zu dieser Zeit, und so ging ich in der Schule zum evangelischen Religionsunterricht, später zum Konfirmandenunterricht und wurde 1963 konfirmiert. Der Konfirmandenunterricht war langweilig und einen echten Glauben hatte ich nie. Aber die Hälfte der Klasse wurde konfirmiert und so ging ich regelmäßig zur Jungen Gemeinde. Wir hatten in einem Anbau am Pfarrhaus einen großen Raum im Keller mit Tischtennisplatte und führten immer interessante Diskussionen. Das war für viele die eigentliche Jugendorganisation und nicht die FDJ, in diese bin ich auch erst später zwangsweise eingetreten. Dort gab es keine freien Diskussionen sondern nur ein Nachbeten der Parteiparolen.

Konfirmation 1963

Dafür musste man an der staatlich organisierten Jugendweihe teilnehmen, wenn man später keine Nachteile einstecken wollte. Diese fand in einem Kulturhaus statt mit den übliche politischen Reden, dem Singen der Nationalhymne und es gab das Buch „Weltall, Erde, Mensch“, in dem auch Havemann, der später in Ungnade fiel, einen Artikel geschrieben hatte. Gefeiert wurde die Jugendweihe nicht, da die Feier mit der Konfirmation stattfand.

Jugendweihe 1963

In der Schule hatte ich immer besonderes Interesse für Physik, Mathematik und Chemie. In den anderen Fächern hatte ich auch keine schlechten Noten, aber es waren für mich reine Lernfächer. Ein Gedicht auswendig zu lernen war immer eine Qual und vier Wochen später hatte ich auch schon alles wieder vergessen. In der kleinen Bibliothek in Mahlsdorf lieh ich mir fast nur Bastelbücher aus, das war mein Leben. Spannende Kinderromane habe ich auch hin und wieder mal gelesen.

Obwohl an Computer damals nicht zu denken war, wusste ich schon, dass sich eines Tages die Rechtschreibung selber korrigieren würde. Schon damals war ich ein ausgesprochen technisch geprägter Mensch, baute schon als Kind ein Detektorradio, um mit Kopfhörern Musik zu hören, oder verkabelte die Wohnung, um auch in meinem Zimmer die Sendungen des Röhrenradios aus dem Wohnzimmer mitzuhören.

Nachdem meine Eltern ein Tonbandgerät gekauft hatten, wurde regelmäßig Musik aufgenommen. Zuerst überspielte ich von einem Schulfreund meines Bruders Rocktitel, die dieser bei AFN, dem Sender der amerikanischen Truppen in Westberlin aufgenommen hatte. Dann kam ja die Zeit der Beatles und Stones, diese Musik prägt mich noch heute.

3. Berufsschule mit Abi

Funkwerk Köpenick

Nachdem ich 10 Jahre auf der Polytechnischen Oberschule verbracht hatte, wollte ich etwas Praktisches lernen. Mein Vater besorgte mir eine Lehrstelle als Elektromechaniker im Funkwerk Köpenick. Das Funkwerk Köpenick war Hersteller von Großsendern für Radio und Fernsehen, sowie von Schiffsendern und anderen elektronischen Ausrüstungen für den Schiffbau. Innerhalb von drei Jahren konnte man hier einen Beruf lernen und gleichzeitig das Abitur ablegen, für mich genau das Richtige. Die meisten allerdings wollten nur das Abitur, um studieren zu können, der Beruf war ihnen schnuppe. Auf die erweiterte Oberschule hatten sie es nicht geschafft, da die Noten zu schlecht waren oder da die politische Gesinnung nicht stimmte. Man musste wenigstens in der FDJ sein und dann spielte auch die Abstammung eine Rolle. So fand sich hier eine bunte Mischung der DDR-Gesellschaft wieder. Unser Lehrer für Geschichte, Ökonomie und Philosophie war ein im Krieg abgeschossener Jagdfliegerpilot. Bei der Auswertung des Schnitzlerschen Schwarzen Kanals merkte man, dass er auch die Originalsendungen im Westfernsehen kannte. Er betrachtete diese Fächer nicht als Einzelfächer, sondern stellte immer Verbindungen zwischen ihnen her, und erklärte uns sehr gut die gesellschaftlichen Zusammenhänge. Das war außergewöhnlich und wir haben sehr viel über die gesellschaftlichen und ökonomischen Prozesse kennen gelernt. Vieles davon habe ich erst nach 1990 verstanden, denn die Lehren von Karl Marx waren eine präzise Analyse des kapitalistischen Systems. Nur seine Schlussfolgerungen daraus funktionierten nicht im realen Sozialismus. Der Mensch war nicht so ideal wie sich das Karl Marx vorgestellt hat, der Mensch ist ein Lebewesen, dass immer aufs Überleben und seinen Vorteil bedacht ist. Die Träumereien vom Kommunismus entstammen nur von Idealisten, die Masse der Menschen denkt aber anders.

Berufsausbildung

In der Berufsausbildung als Elektromechaniker lernten wir Drehen, Fräsen, Hobeln, Bohren, Stanzen und natürlich auch wie man den Gütekontrolleur beschubst, wenn das Passmaß der Bohrung zu groß geworden war. Alle hatten eine Stahlkugel aus einem Kugellager in der Tasche und mit einem kleinen Schlag stimmte die Bohrung, jedenfalls ging das Ausschussmaß nicht hinein. Auf den Materialkarten stand immer „Meine Hand für mein Produkt“, da wären wir wohl alle Invaliden geworden.

Danach wurde das Löten gelernt. Da ich schon zu hause einen Lötkolben hatte, dachte ich dass ich das schon kann, aber weit gefehlt. Zuerst wurde aus Kupferdraht ein Gitter gelötet, das Zinn durfte nicht verbrannt sein und musste glänzen und glatt sein. Der Lehrmeister prüfte unsere Wunderwerke, indem er mit zwei Zangen versuchte die Lötstellen auseinander zu ziehen, dann waren sie nicht richtig verlötet, man sprach von einer kalten Lötstelle. Später bauten wir richtige Netzteile für Schiffssender. Da musste alles montiert und zusammengelötet werden. Man kann sich vorstellen was passieren konnte, wenn dort kalte Lötstellen waren und solch ein Schiffssender ausfiel.

Hier gab es neckische Spielchen, indem die Lötkolbenspitze herausgeschraubt wurde und dafür Kolofonium und Lötzinn hineinkamen. Anschließend war man froh kein flüssiges Zinn in den Kragen bekommen zu haben und es qualmte wie nach einer Schlacht. Als dann der Lehrmeister auftauchte, ließ er die Fenster schließen und wir mussten eine Stunde in dem Qualm sitzen. Danach hatten wir keine Lust mehr auf solche Spielereien.

Die Lehrwerkstatt im Funkwerk Köpenick war sehr gut ausgestattet. Im Fach „Schalten, Prüfen, Messen“ hatten wir ein Labor mit allen notwendigen Messgeräten, in dem jeder Lehrling einen Messaufbau selber aufbauen musste. Anschließend wurde ein Protokoll geschrieben, das der Lehrer jedes Mal bewertete. Hier wurde anschaulich gelehrt, das waren technische Grundlagen, die man sein Leben nicht mehr verlernt.

Ferien im Erzgebirge und an der Ostsee

Im Winter fuhren wir eine Woche in die Jugendherberge unter der Sprungschanze des Fichtelberges. Das war natürlich toll, jeden Tag Skifahren und abends gab es lustige Spiele mit den Mädels, den Technischen Zeichnerinnen.

Winterurlaub am Fichtelberg

Da war zum Beispiel das Liebesspiel, bei dem man die Aufgabe hatte, einen Jungen und ein Mädel so zu positionieren, dass sie wie ein Liebespaar aussahen. Was derjenige aber nicht wusste, anschießend musste er dieselbe peinliche Position einnehmen, die er den anderen zugemutet hatte, zum Gaudi der Zuschauer. Die Schlafräume waren allerdings streng getrennt und wurden von den Lehrern bewacht. Es freundeten sich allerdings einige an, und daraus wurden langjährige Beziehungen.

Im Sommer fuhren wir nach Rostock zur „Ostseewoche des Friedens“. Hier schliefen wir in einer Schule auf Luftmatratzen. Außer einer offiziellen Veranstaltung, bei der wir den Hauptmann von Köpenick nachspielten, unser Klassenlehrer war der Hauptmann und wir die Soldaten, trampten wir jeden Tag nach Warnemünde und legten uns an den Strand.

Der Hauptmann von Köpenick mit seiner Garde

Abends gab es dann ein Livekonzert. Unsere Klassenband die „Gentlements“, Melodie-, Rhythmus-, Bassgitarre und Schlagzeug a’la Beatles und Stones, spielte alles nach was gerade so in war, jedenfalls erkannten wir als geübte Hörer die Stücke. Als eines Tages ein Engländer den Gesang unserer tollen Band hörte, fragte er uns in welcher Sprache die singen. Die Verstärker waren alte Röhrengeräte vom Werksfunk und die riesigen Boxen gaben dann 2 x 50 Watt ab. Da können die Kids heute nur lachen, so was ist doch in jedem Auto eingebaut. Unseren Lehrern war es trotzdem zu laut und so gab es jeden Abend Streit.