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Soul Mates 1 Flüstern des Lichts

Für Rike.

Und für die fremde Frau im Zug, die unbedingt wollte, dass ich diese Geschichte schreibe.
Ich hoffe, sie findet einen Weg zu dir.

Playlist

Imagine Dragons – Demons

Emeli Sandé – Read All About It, Pt. III

Zella Day – Hypnotic (Vanic Remix)

X Ambassadors – Jungle

Within Temptation – Why not me?

Thomas Bergersen – Illusions

Within Temptation – Shot In The Dark

Skillet – Comatose

Three Days Grace – Never Too Late

Skillet – The Last Night

Linkin Park – Skin To Bone

Within Temptation – Iron

Florence And The Machine – Drumming Song

Bonnie Tyler – To Love Somebody

Mourning Ritual – Bad Moon Rising

Florence And The Machine – Seven Devils

Jill Andrews – Total Eclipse Of The Heart

Skillet – Awake and Alive

Jasmine Thompson – Titanium

Skillet – What I Believe

Skillet – Rise

Future World Music – Ascension

Jane Siberry – Calling All Angels

RAIGN – Don’t Let Me Go

Lana Del Rey – Dark Paradise

»Wo Licht ist, da ist auch Schatten.«
Johann Wolfgang von Goethe

Kapitel 1

Die Stimmen waren zurück. Sie flüsterten Worte, die ich nicht verstand, stöhnten und schrien ihren Schmerz in die Welt hinaus. Nur war ich die Einzige, die sie hören konnte. Binnen weniger Sekunden steigerten sie sich zu einem Kreischen, das in meinen Ohren klingelte und sich wie eine glühende Nadel hinter meiner Stirn anfühlte.

»Alles in Ordnung, Rayne?« Mrs Bowens’ Stimme drang nur verzerrt zu mir durch.

Ich biss die Zähne zusammen, öffnete die Augen und zwang ein Lächeln auf mein Gesicht. »Ja«, behauptete ich, während ich mich so fest an den Verkaufstresen klammerte, dass die Kanten in meine Haut schnitten. Das Gefühl lenkte mich zumindest ein wenig von dem Kreischen ab, das niemand außer mir wahrzunehmen schien.

Manchmal half Schmerz kurzzeitig gegen die Schreie, doch wenn ich ehrlich war, hatte ich nicht die geringste Ahnung, wie ich sie loswerden sollte. Oder warum ich sie hörte. Schon wieder. Das letzte Mal war Monate her und die Panik darüber, dass die Stimmen zurück waren, drohte mir die Luft abzuschnüren.

»Das macht zwanzig Dollar.« Irgendwie brachte ich die Worte hervor und überreichte Mrs Bowens ihre Büchertasche.

»Danke, Liebes.« Die besorgten Falten auf ihrer Stirn glätteten sich. »Komm doch nächste Woche in der Bäckerei vorbei, wenn ich die neuen Rezepte ausprobiert habe. Hab einen schönen Feierabend und grüß deine Mom von mir.«

»Danke, das werde ich. Auch Ihnen noch einen schönen Abend.« Ich begleitete Mrs Bowens zum Ausgang, drückte die Tür hinter ihr ins Schloss und drehte das metallene Schild um. Mein Atem hinterließ eine kleine Spur Kondenswasser auf dem Glas und die schwache Spiegelung verriet mir, dass ich furchtbar aussah. Vermutlich genauso, wie ich mich gerade fühlte.

Das Läuten der Kirchenglocken durchbrach den Lärm in meinen Gedanken. Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Einmal. Zweimal. Dreimal. Mit jedem Heben und Senken meiner Brust beruhigte sich mein Herzschlag ein bisschen mehr. Das Hämmern meines Pulses wurde weniger und die Schreie leiser. Aber sie waren noch immer da, versteckt in den hintersten Winkeln meines Bewusstseins. Bereit, jederzeit wieder hervorzukriechen.

Erst jetzt nahm ich die anderen Geräusche um mich herum wieder wahr. Vorbeifahrende Autos und Stimmen von draußen, gedämpfte Musik aus dem Verkaufsraum und ein Rumoren aus dem Lager. Alle paar Wochen sortierte meine Chefin die Bestände neu, wenn ihr wieder einmal ein besseres Ordnungssystem eingefallen war. Bücher waren Mariellas Leben und sie widmete ihnen jede Minute ihrer Zeit.

Ich warf einen Blick auf die antike Wanduhr, die eingebettet zwischen zwei Regalen stand. Kurz nach sieben. Feierabend. Im Vorbeigehen griff ich nach meiner Umhängetasche und schob mein Handy hinein.

»Mariella?« Ich blieb an der Tür zum Lager stehen. Zwischen den Regalreihen konnte ich sie nicht entdecken. »Ich mache Schluss für heute. Soll ich abschließen?«

»Nein. Ich bin gleich fertig und kümmere mich darum.« Ihre tiefe, kratzige Stimme kam von der anderen Seite des Lagers und warf ein Echo an die Wände.

»Alles klar. Bis morgen!« Meine eigene Stimme hallte zurück. Hell und weich, mit einer rauen Note.

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging ich zur Kaffeemaschine im Hinterzimmer und befüllte zwei Becher. Damit verließ ich das Butterfly Books und zog die Tür zum Klingeln des Glöckchens hinter mir zu.

Draußen ging gerade die Sonne unter. Die Wärme des Septembertages hing noch in der Luft und machte eine Jacke unnötig. Die Blätter an den Bäumen begannen sich gerade erst zu verfärben, doch der Himmel war klar und das strahlende Blau schien im Orangerot der untergehenden Sonne zu brennen. Mit jedem Atemzug drang etwas Würziges und Feuchtes in meine Lunge, als wollte sich der herannahende Herbst bereits ankündigen.

Ich ging an den Autos vorbei, die neben dem Bürgersteig parkten, überquerte die Hauptstraße und folgte dem Weg bis zum Comicshop an der Ecke. Mit seinem quietschbunten Logo und der modernen Aufmachung stach er aus der breiten Masse der Läden heraus. Statt einer Klingel über der Tür kündigte die Titelmelodie von Batman mein Eintreten an.

Barry stand hinter dem Tresen, beide Ellbogen aufgestützt, das Kinn in der Hand und sah auf, als ich eintrat. Bei meinem Anblick hellte sich sein Gesicht auf und ich hätte schwören können, dass er mit einem Mal um zwanzig Jahre jünger wirkte.

»Na endlich«, brummte er und streckte die Hand nach dem Kaffee aus, als wäre es sein rettendes Lebenselixier.

»Ich freue mich auch, dich zu sehen«, sagte ich trocken und stellte seinen Becher vor ihm auf der Glasplatte ab. Darunter befanden sich die ältesten und wertvollsten Ausgaben seiner geliebten Comics. »Wie geht’s dir?«

»Ach, das Übliche. Die Hüfte ziept und meine Knie wollen auch nicht mehr so richtig, aber solange die Sonne scheint …« Über den Rand des Bechers hinweg schenkte er mir eines seiner berühmten Lächeln. Vor einem halben Jahrhundert hatte er damit sicher unzählige Mädchenherzen gebrochen. »Danke für den Kaffee.«

»Immer wieder gern.« Seit Barry eines Tages im Butterfly Books aufgetaucht war und mehr Bücher gekauft hatte, als er tragen konnte, hatten wir uns angefreundet. Obwohl er mit seinen sechsundsiebzig Jahren viermal so alt war wie ich, teilten wir denselben Büchergeschmack.

»Mariella lässt dich herzlich grüßen.«

Barry kniff die Augen hinter seiner schmalen Brille zusammen. »Lügnerin«, brummte er und sah zur Seite, doch das kurze Zucken in seinen Mundwinkeln verriet ihn. Genauso wie die Tatsache, dass eine gesunde Röte in seine Wangen schoss. »Was liest du gerade?«, wechselte er abrupt das Thema.

Diese Frage stellte er mir öfter, als es meine Englischlehrerin in der Highschool jemals getan hatte. Ich hatte schon immer gern gelesen, aber dank Barrys Empfehlungen hatte sich mein Konsum fast verdoppelt. Genau wie mein Stapel ungelesener Bücher, der sich bald bis an die Decke meines Zimmers türmte.

»Immer noch den dritten Band dieser neuen Fantasy-Reihe«, antwortete ich zwischen zwei Schlucken von meinem Kaffee.

Er begann zu strahlen, aber ich hob warnend die Hand. »Wehe, du verrätst mir, wie es ausgeht oder wer stirbt. Lass es mich allein rausfinden.«

»Die ganze Welt wird wissen, wie es ausgeht, wenn der Film erscheint.« Er rieb sich über das bärtige Kinn. »Na schön, wie du willst. Aber das Ende ist gut.«

Natürlich war es gut. Barry selbst hatte mir die Reihe in die Hand gedrückt. Inzwischen war ich süchtig und verbrachte jede freie Minute damit, meine Nase in den aktuellen Band zu stecken, statt die Regale in der Buchhandlung aufzuräumen oder das Schaufenster zu dekorieren. Von der Buchhaltung ganz zu schweigen.

Mein Handy vibrierte in meiner Tasche. Ich zog es hervor und las die eingegangene Textnachricht. »Nora steht im Stau. Ich soll Emma von der Schule abholen«, informierte ich Barry und trank meinen Kaffee aus.

»Grüß die Kleine von mir. Und pass auf dich auf.« Ein seltsamer Unterton schwang in seinen Worten mit.

An der Tür angekommen, drehte ich mich zu ihm um. »Wieso?«

Umringt von unzähligen Daredevil-, Wonder-Woman- und Batman-Sammelfiguren runzelte Barry die Stirn. »Es ist wieder jemand verschwunden.«

»In Chicago? Dort verschwinden doch ständig Leute und tauchen ein paar Tage später wieder auf«, erinnerte ich ihn. Solche Dinge geschahen in einer Großstadt nun mal, aber nicht in einem kleinen Städtchen wie Divine Creek.

»Das ist die vierte Person in den letzten zwei Wochen. Und ich rede nicht nur von Chicago. Pass einfach auf dich auf, Rayne. Besonders im Dunkeln.«

Es lag mir auf der Zunge, seine Bedenken erneut abzutun. Doch die Besorgnis in seinem Gesicht ließ mich innehalten. Das hier war nicht nur irgendeine seiner Verschwörungstheorien. Er meinte es ernst.

»Ich laufe nur über die Straße zu meinem Wagen. Mach dir keine Sorgen.«

»Gut.« Er nickte knapp. »Wir sehen uns morgen?«

Ich lächelte. »Selbe Zeit, selber Ort, frischer Kaffee.«

Als ich den Laden verließ, begleitete mich das scheppernde Nana­nana, das auch beim Hereinkommen ertönt war.

Inzwischen war die Sonne untergegangen und Kälte begann sich in der Stadt auszubreiten. Mit ihr kam der Nebel vom Fluss, der durch die Straßen kroch. Die Härchen auf meinen nackten Armen stellten sich auf.

Ich hatte Barry nicht belogen. Mein alter Hyundai Tucson wartete auf dem Parkplatz hinter der Buchhandlung auf mich. Doch noch bevor ich einen Schritt getan hatte, vibrierte es erneut in meiner Tasche. Verwundert zog ich mein Handy hervor. Auf dem Display war das Bild meiner kleinen Schwester zu sehen. Brauner Lockenkopf und rote Pausbacken. »Emma? Was ist los, Liebes?«

»Rayne!« Aus irgendeinem Grund klang sie atemlos. »Miss Miller war heute krank und wir hatten früher Schluss. Ich bin schon losgegangen.«

Ich schloss die Augen und unterdrückte ein Fluchen. Wie oft hatten Nora und ich ihr eingeschärft, uns in einem solchen Fall sofort anzurufen und in der Schule auf uns zu warten? Es war nicht das erste Mal, dass sich Emma selbst auf den Weg machte. Und vermutlich würde es auch nicht das letzte Mal sein. Allein der Gedanke daran, dass sie in der Abenddämmerung allein durch die Straßen lief, ließ mich schaudern.

»Emma, wo steckst du? Bleib, wo du bist, und ich hole dich dort ab.« Ich überquerte die Hauptstraße und hob entschuldigend den freien Arm, als ein Auto meinetwegen bremsen musste.

»Aber ich bin fast beim Buchladen!«, protestierte sie am anderen Ende der Leitung. »Ich bin …« Doch ihre Worte gingen in einem plötzlichen Rascheln unter.

Mit hämmerndem Herzen blieb ich neben der Bäckerei stehen. »Emma?«

Rauschen.

»Emma!«

Stille. Die Verbindung war abgebrochen.

Ich starrte auf mein Smartphone. Der Akku war zwar wie immer fast leer, aber noch war mein Handy nicht tot. Dafür war der Empfang miserabel. Ich setzte mich wieder in Bewegung und rief Emma zurück. Mit angehaltenem Atem lauschte ich, wurde jedoch sofort zur Mailbox weitergeleitet. »Verdammt!«

Emma hatte behauptet, in der Nähe zu sein, doch in Divine Creek war alles in der Nähe. Zumal ich der Entfernungseinschätzung einer Siebenjährigen nicht ganz traute.

Ein Klirren links von mir ließ mich zusammenfahren. Das Geräusch war aus einer kleinen Gasse gekommen, in der es außer Lieferanteneingängen und Müllcontainern nicht viel gab. Die Einheimischen nutzten solche Seitenstraßen als Abkürzungen; Touristen wussten vermutlich nicht einmal, dass sie existierten – und wenn, hätten sie sich wohl kaum hierher verirrt.

Ich machte einen Schritt in Richtung der Gasse. Das Licht der Straßenlampen reichte nur ein paar Meter weit.

»Emma?«

Meine Schwester kannte die Stadt sehr gut. Es würde zu ihr passen, durch die dunkelsten Straßen zu laufen, um so schnell wie möglich hier zu sein. Stirnrunzelnd sah ich auf mein Smartphone hinunter. Keine neue Nachricht. Kein Anruf.

Ein leises Wimmern drang an mein Ohr. Ich riss den Kopf hoch. Es könnte von einem Tier stammen, vielleicht von einer heimatlosen Katze oder einem Hundewelpen. Oder von einem kleinen Mädchen.

Innerlich verfluchte ich Barry und seine Warnungen. Hatte ich vorhin nichts darauf gegeben, jagten sie mir jetzt eine höllische Angst ein.

Allerdings nicht um mich selbst, sondern um meine kleine Schwester.

Ich sah die Straße hinunter. Ein Laden reihte sich an den nächsten, dazwischen Cafés und Restaurants, in denen es tagsüber von Touristen und Einheimischen nur so wimmelte. Divine Creek mochte zwar nur eine Kleinstadt von vielen sein, doch die pittoresken Häuser im Stadtkern, die roten Backsteinbauten mit den weißen Balkonen und Zierfassaden sowie die Geschichte der Stadt zogen regelmäßig Besucher an.

Die Innenbeleuchtung im Butterfly Books war ausgeschaltet, also war Mariella bereits nach Hause gefahren. Auf der anderen Straßenseite schlenderte ein Paar Arm in Arm an den Schaufenstern vorbei und blieb unter einem Schild mit der geschwungenen Aufschrift Töpferei stehen, um sich die Auslage anzusehen. Ein Radfahrer bog in halsbrecherischem Tempo an der Kreuzung ab. Davon abgesehen war alles ruhig. Von meiner Schwester weit und breit keine Spur.

Langsam betrat ich die Gasse. Jedes bisschen Vernunft in meinem Inneren schrie mich an, auf der Stelle umzukehren. Nach mehr als genug Horrorfilmen, die ich mit meinem besten Freund angeschaut hatte, wusste ich nur zu gut, was mit leichtsinnigen Frauen passierte, die allein in eine dunkle Gasse gingen und auch noch Hallo riefen. Als ob der Mörder mit einem freundlichen Hier-bin-ich antworten würde.

Aber wenn Emma etwas zugestoßen war und sie nur wenige Schritte von mir entfernt verletzt in der Dunkelheit lag, würde ich es mir nie verzeihen, nicht den Mut aufgebracht zu haben, nach ihr zu suchen.

»Emma?«, rief ich ein weiteres Mal. Meine Stimme verlor sich zwischen den Hausmauern, doch ich erhielt keine Antwort. Wäre sie tatsächlich hier, würde sie sich bemerkbar machen, oder? Aber was, wenn sie bewusstlos war? Möglicherweise war sie auf dem Kopfsteinpflaster gestolpert, hingefallen und hatte sich den Kopf angeschlagen. Vor drei Wochen war genau das einem Jungen in ihrer Klasse passiert, der bei Regen durch die Straßen gelaufen war.

Wieder hielt ich mir das Handy ans Ohr, während ich tiefer in die Gasse vordrang. Kein Klingeln am anderen Ende der Leitung. Das Klackern meiner Stiefelabsätze auf den Steinen und mein unruhiger Atem waren das Einzige, was ich hörte. Ich zuckte zusammen, als die Computerstimme mich erneut dazu aufforderte, eine Nachricht zu hinterlassen.

Nach etwa der Hälfte der Strecke blieb ich stehen. Hinter mir waren zwei Lieferanteneingänge, vor mir mindestens ein Dutzend grauer Müllcontainer. Daneben standen alte Kartons und ein Lattenrost. Etwas Kleines, Pelziges huschte an mir vorbei und stieß eine zerbrochene Flasche beiseite. Einen Moment lang klirrte das Glas auf den Steinen, dann wurde es wieder still.

Ich könnte weiterlaufen und am Ende der Gasse abbiegen, den Block umrunden und zur Hauptstraße zurückkehren. Aus dieser Richtung würde auch Emma kommen, ganz egal, welche Abkürzung sie nahm. Doch jede Faser meines Körpers warnte mich mit einem kalten Prickeln davor weiterzugehen.

Obwohl der Mond den Nachthimmel erhellte, schien es mit jeder Sekunde unaufhaltsam dunkler zu werden. Die Schatten wirkten tiefer, undurchdringlicher und krochen wie Nebelschwaden über die Wände. Ich blinzelte mehrmals, aber das Bild vor meinen Augen blieb dasselbe. Die Schatten bewegten sich tatsächlich.

Kopfschüttelnd wich ich zurück. Das musste ich mir einbilden. Ich sollte zur Buchhandlung gehen und dort auf Emma warten, um ihr anschließend eine Standpauke darüber zu halten, nicht allein durch die Straßen zu laufen.

Ich drehte mich um – und starrte in ein fremdes Gesicht.

Ich wich zurück. Stolperte. Strauchelte. Stützte mich an der vor Kälte feuchten Mauer ab.

Der Mann, der plötzlich hinter mir aufgetaucht war, war mindestens anderthalb Kopf größer als ich. Dabei gehörte ich mit meinen knapp ein Meter siebzig nicht gerade zur kleinsten Sorte Frau. Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt und trug ein schwarzes T-Shirt, das wie eine zweite Haut an seinem Oberkörper klebte. Direkt über dem Kragen war eine wulstige Narbe zu erkennen. Als hätte jemand versucht, ihm die Kehle durchzuschneiden.

Bei der Vorstellung drehte sich mir der Magen um.

Langsam erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht. Es wirkte schief wie ein Fratze, denn auch die Lippen waren von einer Narbe gezeichnet. Doch das war es nicht, was jede Alarmsirene in meinem Inneren zum Schrillen brachte, sondern der Ausdruck in seinen Augen. Absolute Leere, in der nur ein einziger Instinkt, ein einziger Daseinszweck schimmerte: Gier.

Panik machte sich in mir breit. Ich kannte diesen Ausdruck, wusste nur zu gut, was er zu bedeuten hatte.

Bewusst langsam stieß ich mich von der Wand ab und stellte mich breitbeinig hin. Meine Knie zitterten genau wie meine Hände, doch ich tat alles, um mir nichts davon anmerken zu lassen. Ich hatte schon früh gelernt, nach außen hin unbeteiligt zu wirken, obwohl ich innerlich Todesängste ausstand. Es war die einzige Möglichkeit zu überleben.

»Sie haben mich erschreckt«, brachte ich hervor, krampfhaft darum bemüht, die Fassung zu wahren, obwohl alles in mir wegrennen wollte. Aber davonzulaufen wäre wie eine Einladung für ihn gewesen, mich zu jagen.

Ich straffte meine Schultern und versuchte, an dem Mann vorbeizugehen, doch er stellte sich mir in den Weg. Langsam hob ich den Blick von seiner Brust und richtete ihn auf sein Gesicht.

Was ich dort sah, erschütterte mich noch immer, aber diesmal zuckte ich mit keiner Wimper.

»Lassen Sie mich vorbei.« Vier Worte, klar und deutlich ausgesprochen.

Statt meiner Bitte nachzukommen, kräuselte er die Lippen und schnitt mir ein weiteres Mal den Weg ab, als ich an ihm vorbeigehen wollte.

Das Atmen fiel mir plötzlich schwer und mein Herz begann so laut zu pochen, dass ich sicher war, er konnte es hören. Ich zwang die Panik zurück. Irgendwo dort draußen irrte meine kleine Schwester herum und ich musste sie finden.

Statt dem Kerl die Genugtuung zu geben, es noch einmal zu versuchen, drehte ich mich auf dem Absatz um – und erstarrte.

Wie aus dem Nichts stand er auf einmal wieder vor mir. Derselbe Mann im schwarzen T-Shirt. Dieselben Narben an Hals und Mund.

Ich stolperte zurück. »Was zum …?«

Seine Hand schnellte so plötzlich vor wie der Kopf einer Kobra. Reflexartig wich ich aus. Die Panik drohte wieder hervorzubrechen, versuchte, mich zu lähmen und an Ort und Stelle festzuhalten. Ich wollte weglaufen, doch meine Füße bewegten sich nicht, sondern schienen unter dem hypnotischen Blick des Fremden wie festgewachsen zu sein. Er fixierte mich unablässig und kam Zentimeter für Zentimeter näher. Mein Körper erstarrte, als hätte der Unbekannte einen Schalter in mir umgelegt. Ich wollte rennen, schreien, um mich schlagen, aber er ließ es nicht zu.

Instinktiv versuchte ich, mich so klein wie möglich zu machen, bis ich mit meiner Umgebung verschmolz, nicht mehr gesehen, nicht mehr wahrgenommen werden konnte. Es war die verzweifelte Vorstellung eines Kindes, das sich nicht anders zu helfen wusste. Als könnte sie mich vor jedem Leid beschützen, wenn ich nur fest genug daran glaubte. Und manchmal hatte es tatsächlich geklappt. Aber das würde es diesmal nicht. Nicht wenn mich dieser Mann so anstarrte, wenn er genau wusste, wo ich war. Dennoch versuchte ich es. Es war wie ein Reflex, auf den ich keinen Einfluss hatte.

Der Mann blieb abrupt stehen. Etwas veränderte sich in seiner Mimik. Verwirrung und Feindseligkeit gruben Falten in sein Gesicht. Ich sollte das Überraschungsmoment nutzen, um mich an ihm vorbeizuschieben und von hier zu verschwinden. Besser noch, umzudrehen und in die andere Richtung zu sprinten, doch meine Glieder schienen weiterhin wie festgefroren.

Hinter mir blitzte etwas auf. Die Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos? Wahrscheinlich niemand, der sich die Mühe machen würde anzuhalten. Niemand, der auch nur ahnte, was in dieser kleinen Gasse mitten in Divine Creek passierte. Barrys Worte kamen mir wieder in den Sinn. Vier verschwundene Menschen. War ich im Begriff, Nummer fünf zu werden? Konnte das Grauen, von dem man täglich in den Nachrichten las, tatsächlich hinter der nächsten Ecke lauern?

Bevor ich realisierte, was ich tat, war meine Hand bereits in meine Handtasche geglitten und tastete nach dem Pfefferspray. Der Mann vor mir rührte sich noch immer nicht. Er taxierte mich, als würde er meine nächste Bewegung abwarten. Warum griff er nicht an?

Meine Finger streiften die kühle Metalldose in meiner Tasche. Im selben Moment spürte ich einen Luftzug hinter mir, dicht gefolgt von dem Geruch nach Wald und Regen.

»Vergehen wir uns wieder an unschuldigen Frauen?«

Die tiefe Stimme verursachte einen Riss in meinem imaginären Schutzschild. Einen Herzschlag lang blieb mir die Luft weg. Meine Aufmerksamkeit löste sich von dem Angreifer vor mir und richtete sich allein auf diese Stimme. Irgendetwas an der Art, wie er die Worte aussprach, löste ein Gefühl in mir aus, das ich nicht zuordnen konnte. Ich nahm all meine Willenskraft zusammen, holte mir die Kontrolle über meinen erstarrten Körper zurück und wirbelte herum.

Ohne ein einziges Geräusch verursacht zu haben, standen plötzlich zwei weitere Personen in der engen Gasse. Der hintere fiel mir als Erstes auf, weil er so groß und breit gebaut war. Mit dem sandfarbenen Haar, der grimmigen Miene und den massiven Oberarmen war er ein Schrank von einem Mann. Dennoch wusste ich intuitiv, dass sein Begleiter der Gefährlichere von ihnen war. Schwarzes Haar umrahmte sein Gesicht und fiel ihm in die Stirn. Er stand näher bei mir und war ein Stück kleiner als der andere Mann. Dennoch reichte ich ihm wohl gerade bis zur Nasenspitze.

Er beachtete mich nicht, schien mich nicht einmal wahrzunehmen. Seine Aufmerksamkeit war voll und ganz auf meinen Angreifer gerichtet, den ich noch immer hinter mir spürte. Doch als der Dunkelhaarige an mir vorbei- und auf ihn losgehen wollte, blieb er plötzlich auf gleicher Höhe mit mir stehen, als würde ihn eine unsichtbare Barriere zurückhalten.

Ich hielt den Atem an, als sich unsere Blicke trafen. Wie seine Stimme wenige Sekunden zuvor, schienen nun seine Augen etwas in mir auszulösen, von dem ich nichts gewusst hatte. Es hatte unzählige Momente in meinem Leben gegeben, in denen ich mich verloren gefühlt hatte. Allein. Dieses Gefühl war mir so vertraut wie das Gesicht, das mir morgens aus dem Spiegel entgegensah. Doch jetzt spürte ich etwas anderes. Etwas, was so neu und ungewohnt war, dass ich es zunächst nicht zuordnen konnte. Ich fühlte mich nicht verloren, nicht fehl am Platz – sondern angekommen.

Vielleicht benebelte aber auch nur das Adrenalin meinen Verstand.

Mein Herz hämmerte so laut, dass es jeder hier hören müsste. Ich umklammerte mein Pfefferspray und zog es aus der Tasche. Ich kannte keinen dieser Männer und jeder Einzelne von ihnen wirkte bedrohlich.

Ein Grollen zog meine Aufmerksamkeit auf sich und ich drehte mich wieder um. Die Schatten, die ich mir zuvor zwischen den Mauern eingebildet hatte, waren zurück und umgaben den Mann mit den Narben wie einen schützenden Mantel. Sie krochen über seine Schultern, wanderten seine Arme hinunter und schienen mit ihm zu verschmelzen.

Ich riss die Hand hoch, doch als er mich ansah, erstarb jeder Gedanke in meinem Kopf. Wie zuvor schien ein einziger Blick aus seinen Augen meinen Willen zu lähmen, denn sosehr ich es wollte, ich konnte den Knopf nicht drücken, um das Pfefferspray einzusetzen. Als wüsste er genau, was mit mir geschah, zog er einen Mundwinkel in die Höhe.

»Oh nein, das wirst du nicht tun«, knurrte der Schwarzhaarige neben mir. Seine Stimme besaß ein dunkles Timbre, das in meinem Kopf widerhallte und auf meiner Haut pulsierte.

Mein Blick klebte noch immer an meinem Angreifer. Inzwischen sah ich nicht einmal mehr die Narbe an seinem Hals, denn er schien mehr und mehr mit den Schatten zu verschmelzen. Die Dunkelheit waberte über sein Gesicht und umschloss ihn wie ein schützender Kokon. Blitzschnell sprang der schwarzhaarige Mann an mir vorbei und rammte seinen Gegner so fest gegen die Hauswand, dass ich zusammenzuckte. Putz rieselte herab und einzelne Gesteinsbrocken fielen zu Boden.

Der Narbige kam mit unmenschlicher Geschwindigkeit wieder auf die Beine und holte aus. Ich sah die Bewegung nicht, hörte nur das Knacken, als seine Faust auf den Kiefer des Dunkelhaarigen traf. Dessen Kopf flog zurück, einen Sekundenbruchteil später folgte sein restlicher Körper. Wie sein Gegner kurz zuvor, krachte er in eine Hauswand, landete dann jedoch auf den Füßen. Ein dunkles Rinnsal floss aus seinem Mundwinkel, das er sich mit dem Handrücken wegwischte.

Ich folgte seinem Blick, sah aber statt meines Angreifers nur noch Dunkelheit.

»Verschwinde.« Eine fremde Stimme meldete sich zu Wort. Sie musste dem dritten Mann gehören, dem großen Kerl mit dem sandfarbenen kurzen Haar, der jetzt an mir vorbei- und seinem Freund zu Hilfe eilte.

Ohne Vorwarnung kam wieder Leben in meine Glieder und mein Arm fiel herab. Ich hatte mit einer Prügelei gerechnet, mit blutigen Nasen und zersplitternden Knochen. Vielleicht mit Messern, die gezückt wurden. Im schlimmsten Fall Schusswaffen. Womit ich nicht gerechnet hatte, war der Schatten, der über die Mauer kroch.

Oder mit dem plötzlichen Aufleuchten direkt vor mir. Reflex­artig wandte ich mich ab, um mein Gesicht vor der Helligkeit zu schützen. Als ich mich wieder aufrichtete, erfüllte gleißendes Licht die Gasse. Und auch die beiden anderen Männer waren verschwunden.

Plötzlich bohrte sich der Schatten in das Licht, als wollte er es zum Bersten bringen. Doch das Licht bäumte sich auf und drängte die Dunkelheit zurück. Kurzzeitig sah ich so etwas wie Gestalten aufblitzen, bevor sie wieder in Licht und Dunkelheit untertauchten. Sie bewegten sich so schnell, dass ich ihnen mit bloßem Auge kaum folgen konnte. Ein Luftzug ließ mich herumwirbeln.

Der Schatten am Boden hinter mir nahm Konturen an, wurde zu derselben Person, die mich wenige Augenblicke zuvor angestarrt hatte, als wäre er die Schlange und ich das Kaninchen, das sich in sein Jagdrevier verirrt hatte. Über ihm kniete jemand. Das Licht wurde schwächer und ich erkannte wieder die schlanke Gestalt des Typs mit den dunklen Haaren. Er hob den Arm, als wollte er auf den unter ihm Liegenden einschlagen.

In diesem Moment blitzte die Klinge auf. Innerhalb von Sekunden geschahen mehrere Dinge gleichzeitig: Das Messer in seiner Hand sauste herab und ein Schrei erfüllte die Gasse. Erst als ich mir die Hand vor den Mund schlug, realisierte ich, dass ich es war, die geschrien hatte.

Der Schwarzhaarige zögerte nur für einen Sekundenbruchteil, irritiert von meiner Einmischung, doch das war genug. Der narbige Kerl rammte ihm seine Faust in die Rippen. Die Wucht warf ihn zu Boden, während der Narbige im selben Atemzug erneut in der Dunkelheit untertauchte. Wie Nebelschwaden glitt er über den Boden und verschwand in der Nacht.

Als ich den Blick hob, war ich allein mit den beiden Männern, die vor meinen Augen mit dem Licht verschmolzen waren.

Plötzlich stand der Dunkelhaarige vor mir und stieß mich mit dem Rücken voran gegen die Mauer. Bevor ich reagieren konnte, drückte er seinen Unterarm an meine Kehle. »Was zum Teufel sollte das?«

Ich starrte in das Gesicht meines Retters, der gerade fast einen Mann getötet hätte. Ein Mörder, der sich in Licht verwandelte?

Sein Blick bohrte sich in meinen, als wollte er mich allein damit an der Wand festnageln. »Warum hast du dich eingemischt, statt wegzulaufen? Hast du Todessehnsucht oder bist du einfach nur dämlich?«

Ich brachte kein Wort hervor, sondern konnte ihn nur anstarren. Seine Augen waren eine Mischung aus Grün und Braun, wie ich jetzt erkannte. Eine warme, strahlende Farbe, die nicht zu seinem markanten Gesicht mit den hohen Wangenknochen und dem ausgeprägten Kinn passen wollte. Ein Kinn, das von einem Bartschatten bedeckt wurde und ihm etwas Düsteres verlieh. Genau wie seine Brauen, die tief über den Augen saßen und zwischen denen sich eine Falte gebildet hatte.

Trotz dieser Lichtsache haftete etwas Dunkles an ihm. Etwas Gnadenloses. Doch obwohl alles an ihm hart und unnahbar wirkte, waren seine Lippen überraschend voll und sinnlich.

Großer Gott. Voll und sinnlich? Litt ich bereits unter Sauerstoffmangel oder was? Ich packte seinen Arm, konnte ihn jedoch keinen Zentimeter wegdrücken.

»Dachtest du, in einer unscheinbaren kleinen Stadt wie dieser würde dir nichts passieren?«, knurrte er so dicht vor meinem Gesicht, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spürte. »Falsch gedacht.«

Der zweite Mann trat näher. »Colt …«

Das Wort durchdrang das Rauschen in meinen Ohren nur zeitverzögert. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich begriff, dass es ein Name war.

»Colt! Du tust ihr weh.«

Mein Instinkt war schneller als mein Verstand. Wieder stellte ich mir vor, einfach mit meiner Umgebung zu verschmelzen, in der Wand hinter meinem Rücken zu verschwinden, bis mich niemand mehr wahrnehmen konnte.

Ein überraschter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. Ich verstand nicht, wieso, aber das musste ich auch nicht. Diesmal nutzte ich den Moment. Hart trat ich diesem Colt auf den Fuß, dann packte ich seine Finger und verdrehte seine Hand, bis der Druck auf meinem Hals nachließ und ihm nichts anderes übrig blieb, als mich loszulassen. Ich wich nach rechts aus, stieß mich von der Mauer ab und ging instinktiv in Deckung, bevor er ausholen und mich schlagen konnte.

Meine Kehle brannte und ich musste husten. Dennoch tastete ich das Kopfsteinpflaster auf der Suche nach einem Gegenstand ab, mit dem ich mich verteidigen konnte. Das Pfefferspray hatte ich längst fallen gelassen. Meine Fingerspitzen stießen auf etwas Kühles, Glattes. Neben dem Müllcontainer lag noch immer die zerbrochene Glasflasche. Ich umfasste den Flaschenhals und kam wieder auf die Beine.

Mein Herz raste und jeder Atemzug hinterließ eine Flammenspur in meinem Hals. Jeder Muskel in meinem Körper zitterte und meine Stimme verweigerte mir ihren Dienst, als hätte dieser Kerl meine Stimmbänder beschädigt, während er mich gegen die Mauer gedrückt hatte. Schützend hielt ich die Flasche vor mich. Es war lächerlich, wenn man sich die beiden Männer genauer ansah. Groß, durchtrainiert und mit einer grimmigen Entschlossenheit, alles und jeden niederzuwalzen, der sich ihnen in den Weg stellte. Aber wer auch immer sie waren, was auch immer sie waren – ich würde mich nicht kampflos geschlagen geben. Nicht nach allem, was ich überstanden hatte. Nicht wenn Emma irgendwo dort draußen war und mich brauchte.

»Lass uns gehen.« Der Mann mit dem sandfarbenen Haar schlug Colt auf die Schulter, doch sein Blick ruhte dabei auf mir. Ein seltsamer Ausdruck lag darin, den ich nicht zu deuten wusste. War er ebenso wütend auf mich wie dieser Colt? War er verwundert? Oder waren ihm meine Anwesenheit und das, was ich gesehen hatte, schlichtweg egal?

Aber was hatte ich überhaupt gesehen? Ein Mann, der von Schatten verschluckt wurde, und zwei Kerle, die sich in pures Licht verwandeln konnten? Ahnten sie, dass mir niemand glauben würde? Oder warum schien es ihnen sonst gleichgültig zu sein, ob ich gleich zur nächsten Polizeistation – oder zur nächsten Zeitungsredaktion – rannte?

»Wartet!« Meine Stimme gehorchte mir wieder, doch ich brachte nur ein Krächzen hervor.

Die beiden hatten sich bereits abgewandt, drehten sich nun aber zu mir um. Ich erkannte einen fragenden Ausdruck in der einen und unverhohlene Ungeduld in der anderen Miene. Natürlich war Colt der Ungeduldige von ihnen, und ich war nicht scharf darauf, sein Temperament noch mal am eigenen Leib zu spüren.

Meine Gedanken rasten. Was wollte ich überhaupt sagen? Von »Danke« über »Wer seid ihr?« bis hin zu »Haltet euch von mir fern« schwirrte mir alles durch den Kopf. Gerade als ich dazu ansetzte, etwas zu sagen – irgendetwas –, bemerkte ich die unnatürlich dichte Dunkelheit hinter ihnen. Kein Mensch und kein Tier konnte sich auf diese Weise bewegen. Langsam und schleichend dehnte sich der Schatten immer weiter aus.

Wieder übernahm mein Instinkt die Kontrolle über mein Handeln. Ohne nachzudenken, holte ich aus – und warf die Glasflasche. Sie wirbelte durch die Luft und flog an Colt und seinem Begleiter vorbei. Die beiden zuckten nicht einmal zusammen, sondern starrten mich lediglich an. Dann drehten sie sich um. Genau in dem Moment, in dem sich die scharfen Kanten des Flaschenhalses in die dunkle Masse bohrten und darin stecken blieben. Eine Sekunde später materialisierte sich das Wesen vor unseren Augen.

Es war der Kerl mit der Narbe am Hals. Ohne mit der Wimper zu zucken, zog er sich die Flasche aus der Schulter und ließ sie zu Boden fallen. Das Zersplittern von Glas hallte in meinen Ohren wider, während sich sein mordlustiger Blick auf mich heftete.

Der Atem wich mir aus der Lunge. Ich stolperte zurück, doch ich hatte kaum einen Schritt getan, als sein Gesicht jede Farbe verlor. Mit einem Mal stand Colt vor ihm und zog einen Dolch aus seiner Brust. Ich konnte den schmatzenden Laut hören, als würde ich direkt danebenstehen. Blut strömte über die schwarze Klinge und tropfte auf das Kopfsteinpflaster. Es dauerte nicht lang, bis sich eine kleine Pfütze gebildet hatte. Der Mann sackte in sich zusammen, doch bevor er den Boden berührte, war er verschwunden.

Er war einfach fort.

Keine Leiche. Keine Überreste. Kein Schatten. Nichts.

Ich starrte Colt an, der die Klinge an seinem Hosenbein abwischte, als wäre all das Routine für ihn. Und vielleicht war es das auch. Ein Serienkiller aus Licht, der Schattenmonster verfolgte.

»Guter Wurf.« Die Worte kamen nicht von Colt, sondern von seinem Begleiter. Bildete ich mir das ein oder lag neben Überraschung eine Spur Anerkennung in seiner Stimme?

Ich versuchte, mein Zittern unter Kontrolle zu bekommen. Instinktiv tastete ich nach etwas, um mich daran festzuhalten, und fand die raue Hauswand, an die ich mich lehnte.

Das hier geschah nicht wirklich. Das konnte unmöglich wahr sein. Licht und Schatten und ein Mann, der einen anderen vor meinen Augen tötete?

»Rayne?«

Eine vertraute Stimme riss mich aus diesem Albtraum. Emma. Sie durfte das hier – was auch immer es war – auf keinen Fall sehen. Ohne die beiden Typen weiter zu beachten, lief ich zum Ende der Gasse und zog meine Schwester in eine Umarmung, bevor sie auch nur einen Schritt weitergehen konnte.

»Rayne!« Emmas kleine Arme schlangen sich um meinen Hals. Dabei klemmte sie meine langen Haare ein, aber das Ziehen am Hinterkopf war ein willkommener Schmerz. Etwas Reales, genauso wie der warme Körper, der sich an meinen schmiegte.

Mit meiner Schwester im Arm richtete ich mich wieder auf. Doch als ich mich umdrehte und in die Gasse zurückblickte, waren die beiden Männer verschwunden. Ohne ein Wort, ohne einen Laut und ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen.

Kapitel 2

Ich hatte kaum ein Auge zugetan. Nachdem ich Emma sicher nach Hause gebracht hatte und zu Bett gegangen war, hatte ich nicht schlafen können. Stundenlang hatte ich mich herumgewälzt, während wieder und wieder dieselben Bilder in meinem Kopf auftauchten und neue Fragen aufwarfen, ohne auch nur eine einzige zu beantworten.

Die Männer in der Gasse, die sich in pures Licht verwandeln konnten. Der Schatten, den sie angegriffen hatten. Und immer wieder das Bild von Colt mit dem Dolch. Er hatte den Schattenmann getötet. Einfach so. Als hätte er es schon unzählige Male zuvor getan.

War es real gewesen oder hatte ich mir all diese Ereignisse nur eingebildet? Keine der beiden Optionen gefiel mir. Wenn sich tatsächlich alles so abgespielt hatte, wie ich es in Erinnerung hatte, musste es eine sinnvolle Erklärung dafür geben. So gern ich darüber las, so wenig glaubte ich an das Übernatürliche. Wenn es jedoch keine vernünftige Erklärung dafür gab, blieb nur eine Möglichkeit übrig: Meine Augen oder mein Unterbewusstsein hatten mir einen Streich gespielt. Ich hatte nie unter Halluzinationen gelitten. Allerdings konnte jemand, der Stimmen hörte, nicht gerade behaupten, zu den gesündesten Menschen auf der Welt zu gehören. Auch wenn es meiner Therapeutin zufolge nur unterdrückte Erinnerungen waren, die auf diese Weise an die Oberfläche zu dringen versuchten.

Gefühlte fünf Minuten, nachdem mir die Augen doch noch zugefallen waren, weckte mich ein Wispern in meinem Kopf. Stimmen, die zu einem Kreischen anschwollen, bis ich selbst den Mund aufreißen und schreien wollte.

Minuten verstrichen, bis sich meine Gedanken so weit beruhigt hatten, dass das Brüllen nachließ. Erschöpft lag ich im Bett und beobachtete, wie das zunehmende Tageslicht den Dingen in meinem Zimmer langsam ihre Konturen zurückgab. Dem Regal mit den zweireihigen Büchern und dem Stapel daneben. Dem Schreibtisch, an dem ich bis vor wenigen Wochen für meine Abschlussprüfungen gelernt hatte und den ich seither kaum noch benutzte. Genauso wenig wie den zusammengeklappten roten Laptop – es sei denn, um mir im Bett Serien und Filme anzuschauen oder meine Lieblingsautoren online zu stalken, um herauszufinden, wann ihr nächstes Buch erscheinen würde. Aber Letzteres konnte ich genauso gut in der Buchhandlung tun.

Seufzend drehte ich mich auf den Rücken und starrte an die Zimmerdecke. Jetzt, da es draußen hell wurde, waren die Leucht­sterne kaum mehr zu sehen. Nora und ich hatten sie in meiner ersten Nacht hier an die Decke geklebt. Sie sollten mir nachts die Angst vor der Dunkelheit und den Schrecken, die sich darin verbergen konnten, nehmen.

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Ich war beinahe erleichtert, das leise Trippeln von Schritten auf dem Flur zu hören. Kurz darauf wurde meine Tür einen Spaltbreit geöffnet und Emma steckte ihren Kopf herein.

»Rayne?«, flüsterte sie.

Ich wandte ihr das Gesicht zu und lächelte. »Guten Morgen, kleine Maus.«

Mehr Aufforderung brauchte sie nicht. Emma schlüpfte ins Zimmer, rannte über die Dielen und den Teppich und hopste zu mir aufs Bett.

Mein Ächzen ging in einem Lachen unter, als sie sich auf meinen Bauch setzte und mit ihren großen himmelblauen Augen zu mir heruntersah. Augen, die denen von Nora glichen, aber nicht meinen. Wir hatten zwar alle braunes Haar, doch äußerlich war das unsere einzige Gemeinsamkeit. Emma wirkte wie eine jüngere Ausgabe ihrer Mutter. Und ich … Nun, Nora behauptete immer, ich wäre mit meinen schokoladenbraunen Augen und den gleichfarbigen Haaren besonders hübsch. Sie mochte mich nicht zur Welt gebracht haben, aber sie hatte mir auf jede erdenkliche Weise ein neues Leben geschenkt. Und eine aufgeweckte kleine Schwester noch dazu.

Ich kitzelte Emma, bis sie kichernd und schnaufend in ihrem Hello-Kitty-Schlafanzug neben mir lag. Dann wickelte ich die Decke um uns beide und drehte mich zu ihr.

»Ich hab eine Eins in der Schule bekommen«, berichtete sie so leise, als würde sie mir ein Geheimnis anvertrauen. »In Kunst. Mrs Cassidy hat mein Bild so gut gefallen, dass sie es im Klassenzimmer aufgehängt hat.«

Emma glühte förmlich vor Stolz. Und auch ich war stolz auf sie. Lächelnd kraulte ich ihr den Rücken, während sich die Szene wie ein Film vor meinem inneren Auge abspielte. Der Klassenraum mit den großen Fenstern, durch die das Sonnenlicht hereinfiel. Das Summen von Schülern, die wisperten, lachten oder sich gegenseitig ärgerten, wenn ihre Kunstlehrerin nicht hinsah. Der Geruch von Wasserfarbe, der ebenso in der Luft schwebte wie der des Blumenstraußes auf dem Lehrerpult.

Ich konnte Emmas Bild vor mir sehen, als hätte ich es selbst gemalt. Eine bunte Blumenwiese mit einer strahlenden gelben Kugel darüber. Und mitten auf der Wiese thronte eine einzelne überdimensionale Blüte. Lilafarben. Nicht Rosa, denn diese Farbe hasste Emma ebenso sehr, wie sie Pink liebte.

»Du hast Blumen gemalt«, murmelte ich.

Sie sah mich aus großen Augen an. »Woher weißt du das?«

Einen Moment lang zögerte ich, von mir selbst überrascht, doch dann fügte sich alles auf die simpelste Weise. »Ganz einfach. Du liebst Blumen. Fast so sehr wie deine Mom und mich.«

Sie gluckste, als ich sie erneut kitzelte, und strampelte heftig mit den Beinen. Aber ich hatte schon bald Mitleid mit ihr und ließ sie los.

»Ich bin stolz auf dich, Kleines. Warum hast du mir gestern nichts davon erzählt?«

»Ich dachte, du bist böse auf mich.« Emmas Gesichtsausdruck wurde ernst, beinahe ängstlich. »Tut mir leid, dass ich einfach losgelaufen bin.«

Hätte ich je auch nur einen Funken Wut über ihr gedankenloses Verhalten empfunden, wäre er spätestens jetzt unter ihrem Blick dahingeschmolzen.

»Ich weiß, Liebes, und ich bin dir nicht böse. Aber tu das nie wieder, okay? Nora und ich sind nur einen kurzen Anruf entfernt und holen dich überall ab, egal wann, egal wo. Also versprich mir, nicht mehr allein loszugehen, sondern dich nächstes Mal sofort bei uns zu melden.«

»Versprochen.«

Ich strich ihr eine Locke hinters Ohr und lächelte. Mit einem zufriedenen Seufzen kuschelte sie sich näher an mich. Der Duft von Pfirsichen umgab mich und die Wärme ihres kleinen Körpers sprang auf mich über. Bis zu diesem Moment war mir nicht bewusst gewesen, wie kalt mir war. Doch so war Emma. Sie spendete Wärme und Licht, wohin sie auch ging. Ich würde alles für sie tun. Und dafür, sie nicht zu verlieren. Sie und Nora waren meine Familie. Meine Welt.

»Bis heute Abend!«, rief ich rund eine Stunde später und zog die Haustür hinter mir ins Schloss.

Milde Morgenluft schlug mir entgegen. Die Sonne strahlte über den wenigen Häuserdächern am Ende der Straße und die Blätter an den Bäumen wurden mit jedem Tag etwas bunter.

Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Es war noch früh und mir blieb mehr als genug Zeit, bevor wir das Butterfly Books öffneten. An jedem anderen Morgen wäre ich noch bei Nora und Emma geblieben und hätte mit ihnen gefrühstückt oder mich in die Fensternische in meinem Zimmer gesetzt und gelesen.

Aber nicht heute. Ich musste herausfinden, was gestern Abend wirklich passiert war. Mit den Schreien in meinem Kopf konnte ich leben, wenn es sein musste. Aber nicht damit, unter Halluzinationen zu leiden, in denen Männer aus Licht und Schatten einander bekämpften und töteten.

Ich folgte dem kurzen Weg, der von unserer Haustür bis zum Straßenrand hinunterführte. Divine Creek war eine kleine Stadt und ich mit dem Rhythmus ihrer Einwohner ebenso vertraut wie mit den Büchern in Mariellas Laden. So früh am Morgen waren nur wenige Menschen unterwegs. Meredith, die ältere Schwester einer früheren Mitschülerin, joggte wie jeden Morgen um diese Zeit die Straße entlang und winkte mir kurz zu. Der Hund der Andersons bellte. Abgesehen davon und vom Zwitschern der Vögel war es friedlich und still.

Dennoch konnte ich das Gefühl nicht abschütteln, beobachtet zu werden. In meinem Nacken begann ein Kribbeln, das langsam meine Wirbelsäule hinabwanderte. Ich unterdrückte ein Schaudern und zwang mich dazu weiterzugehen. Bevor ich meinen Wagen am Straßenrand erreichte, nahm ich eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr. Im Haus nebenan wurde die Tür geöffnet und eine hochgewachsene Gestalt in Jeans und T-Shirt trat heraus.

Gray.

Ohne nachzudenken, überquerte ich den Rasen zwischen unseren Häusern und fiel ihm um den Hals. »Du bist zurück!«

Wie selbstverständlich hob er mich vom Boden und wirbelte mich herum. Der Geruch von Rauch, der wie eine zweite Haut an ihm zu haften schien, seit er bei der Feuerwehr in Chicago angefangen hatte, drang mir in die Nase.

»Hast du etwa nicht mehr damit gerechnet?« In seinen grauen Augen lag ein amüsiertes Funkeln, als er mich wieder absetzte. Doch ich bemerkte auch die dunklen Ringe darunter.

»Könnte sein«, gab ich zurück. »Ich hatte schon ganz vergessen, wie du aussiehst.«

Gray lachte und etwas von der Anspannung, die er ständig mit sich herumtrug, schien von ihm abzufallen. »Oh, jetzt weiß ich wieder, was mir in den letzten acht Wochen gefehlt hat.« Er wuschelte mir durchs Haar, wie ich es immer bei Emma tat.

Grinsend schlug ich seine Hand beiseite. Er wusste genau, wie sehr ich das hasste, und trotzdem machte er es immer wieder. Aber so waren Ersatzbrüder nun mal. »Ich dachte, du kommst erst morgen zurück.«

»Die Jungs haben mich früher gehen lassen.«

»Wahrscheinlich warst du mal wieder der Beste und sie wollten dich nur loswerden, damit die anderen auch eine Chance haben.«

Er zog die Schultern hoch. »Möglich.« Dieser Kerl war so verdammt bescheiden. »Ich bin erst seit ein paar Stunden hier und wollte gerade tot ins Bett fallen. Aber als ich dich gesehen habe, musste ich kurz Hallo sagen.«

»Hallo.« Ich gab ihm einen kleinen Schubs. »Und jetzt geh schlafen. Du siehst furchtbar aus.«

»Du bist schlimmer als der Chief«, brummte Gray und zog eine Grimasse. Dann hob er die Hände in einer kapitulierenden Geste. »Schon gut, ich verschwinde ins Land der Träume, während du arbeiten gehst wie all die normalen Leute da draußen.«

Schon im Gehen schüttelte ich den Kopf. »Seit wann bin ich normal?«

»Gutes Argument.« Er winkte zum Abschied. »Bis später.«

Ich sah, wie er im Haus verschwand und seinen Worten hoffentlich Taten folgen ließ. Der gemeinsame Morgen mit Emma und das Wiedersehen mit meinem besten Freund hatten die Welt wieder geradegerückt. Beinahe genug, um mein Erlebnis vom Vorabend zu vergessen. Doch das Summen im hintersten Winkel meines Kopfes war noch immer da. Die Stimmen warteten nur darauf, wieder Macht über meinen Verstand zu gewinnen und mich in die Knie zu zwingen. Ich wusste nicht, ob sie etwas mit dem zu tun hatten, was gestern passiert war. Wie sollte ich noch zwischen der Realität und Fiktion unterscheiden, wenn mir die Stimmen und Schreie in meinem Kopf schon so vertraut waren, als wären sie real?

Es gab nur eine Sache, die ich mit absoluter Sicherheit wusste: Ich musste herausfinden, ob und was in dieser Gasse passiert war. Wenn schon nicht um meinetwillen, dann für meine Familie. Denn ihnen Sorgen zu bereiten, war das Letzte, was ich wollte.

Meine Umhängetasche schlug mir rhythmisch gegen die Hüfte, während ich über den leeren Parkplatz marschierte und die Gasse ansteuerte, in der ich Dinge gesehen hatte, die unmöglich sein sollten. Niemand konnte sich in Licht oder Schatten verwandeln.

Noch im Gehen zog ich ein flaches Lederetui hervor und schob es mir in die hintere Hosentasche. Es war lächerlich, sich an das kleine bisschen Sicherheit zu klammern, das mir diese Geste vermittelte, doch das kümmerte mich nicht. Gestern war ich nichts ­ahnend und unbewaffnet in diese Seitenstraße gestolpert. Heute würde mir das nicht passieren.

Sonnenstrahlen wärmten meinen Rücken, bis ich zwischen den beiden Gebäuden aus rotem Backstein stehen blieb. Bei Tag sah die Gasse aus wie jede andere. Hintereingänge, Müllcontainer, Glasscherben und Abfall. Mein Blick fiel auf die zerbrochene Flasche, die mitten im Weg lag. Genau dort, wo dieser Schattenmann sie hingeworfen hatte, nachdem er sie sich aus der Schulter gezogen hatte. Bei der Erinnerung daran schauderte ich.

Mit klopfendem Herzen näherte ich mich der Stelle. Hier hatte Colt ihm ein Messer in den Körper gerammt. Trotz der schwachen Beleuchtung gestern Abend erinnerte ich mich noch genau an das Blut, das auf den Boden getropft war. Doch als ich jetzt in die Hocke ging, entdeckte ich keine Spuren auf dem grauen Kopfsteinpflaster. Keine dunklen Flecken, nicht einmal Kratzer, Schlieren oder etwas anderes, das auf einen Kampf hindeutete.

Ich streckte die Hand nach den Steinen aus, als mich ein plötzliches Prickeln in meinem Nacken innehalten ließ. Mein Puls schoss in die Höhe. Ich hatte keine Schritte gehört, dennoch wusste ich mit absoluter Sicherheit, dass ich nicht allein war. Nicht mehr.

»Was für ein schöner Morgen …«

Jeder Muskel in meinem Körper verspannte sich. Diese Stimme würde ich überall wiedererkennen. Tief und volltönend, warm und mit einer unterschwelligen Härte. Mehr Gegensätze waren kaum möglich.

Bewusst langsam richtete ich mich auf und drehte mich um.

Keine drei Meter von mir entfernt stand Colt. Schwarzes Haar, so wild wie das Gesicht, das es umrahmte. Dazu breite Schultern und lange Beine. Er musterte mich mit einem Blick, der mindestens ebenso dunkel war wie diese Gasse am vergangenen Abend.

»… wäre man nicht auf so unschöne Weise geweckt worden«, beendete er seinen Satz und kam auf mich zu. Seine Bewegungen waren geschmeidig und kontrolliert. Wie die eines Raubtieres, das sich seiner Beute näherte. »Diese Schreie können echt lästig sein.«

Das Pochen in meinem Brustkorb setzte einen Moment lang aus. Meinte er etwa das, was ich glaubte, was er meinte? Und falls ja, woher wusste er von den Stimmen? Wie konnte er es wissen, wenn der einzige Mensch, dem ich davon erzählt hatte, meine Therapeutin war? Und jetzt tauchte dieser Kerl auf und sprach davon, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt?

»Welche Schreie?«, brachte ich hervor und zwang mich dazu, nicht vor ihm zurückzuweichen.

Colt blieb einen halben Schritt entfernt stehen. Wieder nahm ich den würzigen Geruch von Wald wahr. Aber es war nicht Regen, der sich dazu mischte, wie ich zuerst angenommen hatte. Es war frische, salzige Meeresluft. Eine ungewöhnliche Kombination, die ebenso intensiv und eigenwillig war wie die Person, von der dieser Geruch ausging.

Ich müsste nur die Hand ausstrecken, um Colt zu berühren. Wie konnte er eine Illusion sein, wenn ich ihn doch sehen, hören und, mit etwas Mut, auch fühlen konnte? Aber falls er doch eine war, hatte meine Vorstellungskraft eindeutig einen Preis verdient.

Colts Blick wanderte an mir hinab, als würde er nach etwas suchen. Als er wieder aufsah, hatte sich eine Falte zwischen seinen tief liegenden Augenbrauen gebildet. Wonach auch immer er Ausschau hielt, er hatte es nicht gefunden.

»Du weißt genau, wovon ich rede«, murmelte er gefährlich leise. »Es heißt, die Täter kehren an den Ort des Verbrechens zurück. Anscheinend gilt das auch für die Zeugen.«

Ich hatte nicht die geringste Ahnung, worauf er hinauswollte. Doch obwohl all meine Sinne in Alarmbereitschaft waren, kam ich nicht umhin, ihn ebenfalls von oben bis unten zu mustern. Anders als bei unserer letzten Begegnung war Colt heute nicht ganz in Schwarz gekleidet. Ein weißes T-Shirt blitzte unter seiner Lederjacke hervor und vervollständigte den lässigen James-Dean-Look, dank dem ihm die Frauen sicher reihenweise zu Füßen lagen.

Gut, dass ich nie ein Fan von James Dean gewesen war. Oder von kaltblütigen Mördern.

Ich erinnerte mich an das Gefühl, beobachtet zu werden, als ich das Haus heute Morgen verlassen hatte, und mein Magen verkrampfte sich.

»Verfolgst du mich?« Überraschenderweise war meine Stimme klar und schneidend.

Seine Augen weiteten sich und ich glaubte, ein Zucken in seinen Mundwinkeln wahrzunehmen. »Möglich.« Colt trat näher, was mich unwillkürlich zurückweichen ließ. »Aber nur, weil du mir keine andere Wahl lässt.«

Was zum Henker sollte das bedeuten?

»Bitte sag nicht, dass du eine Art Stalker bist.«

»Stalker?«

»Du weißt schon.« Ich stieß mit dem Rücken gegen die Hauswand und schauderte, als die Kälte durch mein dünnes T-Shirt drang. Doch das hielt Colt nicht davon ab, noch näher zu kommen. »Typen, die ihr Objekt der Begierde beobachten, es verfolgen und jedes Detail in ein kleines schwarzes Notizbuch schreiben.«

Diesmal war das Zucken in seinen Mundwinkeln eindeutig – und arrogant. »Sehe ich so aus, als müsste ich irgendein Objekt meiner Begierde stalken?«

»Du siehst wie der Kerl aus, dem die Frauen von selbst nachlaufen.«

Langsam breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus und plötzlich war die Gefahr, die von ihm ausging, beinahe greifbar. Genau wie die Hitze, die sich unerwarteterweise in meinem Bauch sammelte.

»Dich eingeschlossen?«

Ich öffnete den Mund, brachte jedoch keinen Ton hervor, und klappte ihn wieder zu. Wenn es einen guten Zeitpunkt zum Sterben gab, dann war er jetzt. Ich wartete, zählte die Sekunden, doch das Schicksal hatte kein Erbarmen mit mir und ließ mich weiter­atmen.

Wenigstens konnte ich mir in einer Sache nun absolut sicher sein: Wer auch immer Colt war – er war keine Halluzination. Halluzinationen hatten kein solches Mundwerk und drängten dich nicht gegen eine Hausmauer. Zweimal. Was bedeutete, dass dieser Kampf gestern ebenfalls real gewesen war. Genau wie die Tatsache, dass Colt mich beinahe erwürgt hätte. Dieser Kerl hatte ein ernsthaftes Aggressionsproblem.

»Glaub mir, ich habe Besseres zu tun, als dich zu stalken«, sagte er mit einer stählernen Ruhe, die über etwas anderes hinwegzutäuschen versuchte. Was genau, konnte ich nicht feststellen, aber ich spürte, dass da noch mehr war. Er wirkte fast schon widerwillig, dass er sich mit alledem herumschlagen musste. Gleichzeitig wich er nicht zurück, sondern schien dieses kleine Geplänkel zu genießen.

Ich schluckte hart, um meine trockene Kehle zu befeuchten. »Versuchst du, mir zu drohen, damit ich niemandem erzähle, was du getan hast? Das kommt ein bisschen spät, meinst du nicht?«

Colt stützte sich mit einer Hand neben meinem Kopf an die Mauer und zog die Brauen in die Höhe. »Muss ich das denn?«

Erwartete er etwa ein ängstliches »Nein« von mir? Oder vielleicht das Versprechen, für immer zu schweigen? Ich war nur aus einem einzigen Grund nicht sofort zur Polizei gegangen: In dieser Sache traute ich mir selbst nicht mehr. Was war noch echt und was ein Produkt meiner überschäumenden Fantasie?

»Die Schreie, die du hörst, sind so real wie du und ich.« Colts forschender Blick verließ mich keine Sekunde. »Aber das weißt du bereits, nicht wahr? Also verrätst du mir lieber gleich, wer du bist, damit wir diese Sache schnell und sauber hinter uns bringen können.« Kaum hatte er dies ausgesprochen, lehnte er sich noch weiter vor und kam mir viel zu nahe.

Die Geste legte einen Schalter in mir um. Wieder reagierte ich schneller, als meine Gedanken folgen konnten. Vor meinem geistigen Auge verschwand ich, wurde eins mit meiner Umgebung, um ungesehen zu bleiben, um nicht gefunden zu werden. Gleichzeitig packte ich Colt mit beiden Händen an seiner Lederjacke und stieß ihn mit aller Kraft von mir.

Er stolperte zurück. Ein Teil von mir ahnte, dass er es absichtlich tat – oder es vielmehr geschehen ließ. Das hielt mich jedoch nicht davon ab, nach dem Lederetui in meiner hinteren Hosentasche zu greifen. Die Klinge fühlte sich kühl unter meinen Fingerkuppen an und brannte sich zugleich in meine Haut. Ich holte aus, wie ich es unzählige Male zuvor getan hatte, schnellte mit dem Arm nach vorn – und ließ los.

Colt reagierte in Lichtgeschwindigkeit. Mit einer Bewegung, der ich nicht mal mit den Augen folgen konnte, fing er das Wurfmesser knapp vor seinem Gesicht.

Das Ganze hatte nur wenige Sekunden gedauert, dennoch zitterten meine Muskeln auf einmal so heftig, als wäre ich stundenlang gerannt. Der angehaltene Atem explodierte in meiner Lunge und kam mir in einem erstickten Keuchen über die Lippen. Wut, Überraschung und eine viel zu vertraute Panik tobten in meinem Inneren und kämpften um die Vorherrschaft.

»Du bist schnell«, stellte Colt fest und senkte seine Hand. »Aber nicht schnell genug.«

Bevor ich blinzeln konnte, zerschnitt etwas schmales Silberfarbenes die Luft, sauste haarscharf an meinem rechten Ohr vorbei und blieb im Zement zwischen zwei Mauersteinen stecken. Ich musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass es sich dabei um mein Wurfmesser handelte. Und dass Colt nicht getroffen, sondern absichtlich an mir vorbeigeworfen hatte.

Jedes Wort erstarb auf meinen Lippen. Ich konnte ihn nur anstarren. Den Typ, der mich gerettet und bedroht, der mich in die Ecke gedrängt und verschont hatte, obwohl ich ihn mehr als einmal provoziert hatte.

»Du bist keine Dunkelseele«, stellte er ruhig fest, während die Klinge noch immer hinter mir in der Mauer vibrierte. »Sonst hätte dir der Drecksack gestern nicht aufgelauert. Sie töten sich nicht gegenseitig, das verbietet ihnen ihr Kodex.« Er legte den Kopf schief und betrachtete mich weiterhin wie etwas, das er nie zuvor gesehen hatte. »Und doch hörst du die Schreie …«

Er kam einen Schritt näher und ich hasste mich dafür, dass ich instinktiv zurückwich, bis ich wieder gegen die Hauswand stieß. Es war ein Reflex, den man mir vor so vielen Jahren eingebläut hatte und gegen den ich bis heute machtlos war.

Colt runzelte die Stirn und blieb stehen. Sein Blick tastete mich ein weiteres Mal ab, als erwartete er, etwas Neues zu entdecken. Aber was sollte sich in den letzten Minuten schon an mir verändert haben?

Auf einmal weiteten sich seine Augen. Echte Überraschung breitete sich auf seinem Gesicht aus und er wirkte so verblüfft, als hätte ich mich vor seinen Augen in Luft aufgelöst. »Du hast keine Ahnung, wer du bist, oder? Was du bist?«

Was ich war? Gut möglich, dass ich gerade nicht die einzige hier anwesende Person war, die ihren Verstand verlor. Wovon zum Teufel redete er da?

In nicht allzu weiter Ferne ertönten die Kirchenglocken und rissen mich aus meiner Starre. Ich unterdrückte die Panik und stieß mich von der Mauer ab.

»Ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Aber wenn du nicht der Polizei erklären willst, warum du diesen Mann getötet und mir gleich zweimal in derselben Gasse aufgelauert hast, solltest du dich von mir fernhalten.« Meine Beine zitterten, dennoch zwang ich mich dazu, mein Wurfmesser aus der Mauer zu ziehen und dann einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Obwohl ich wusste, wie gefährlich es war, einem potenziellen Angreifer den Rücken zuzukehren, tat ich es. Ich verließ die Seitenstraße, ohne mich ein einziges Mal umzudrehen.

Mit jedem Schritt spürte ich Colts Blick auf mir, der sich wie ein flammender Pfeil in meinen Rücken bohrte. Erst als ich an der Hauptstraße angelangt war, wagte ich es, mich ihm erneut zu stellen.

Doch als ich mich umwandte, war die Gasse leer. Von Colt keine Spur – und wieder hatte ich weder etwas gehört noch gesehen.

Kapitel 3

Den Vormittag über stürzte ich mich in die Arbeit. Ich beriet Kunden, sortierte die Bücher auf den Verkaufstischen, telefonierte mit Vertretern, gab Bestellungen auf und kümmerte mich sogar freiwillig um die Abrechnungen des Vormonats. All das, um meine Gedanken davon abzuhalten, zurück zu dieser kleinen Gasse zu wandern. Zurück zu Colt.

Mittags holte mich Gray zum Essen ab und für eine Stunde dachte ich nicht mehr an Stimmen, die nur ich hören konnte, an Schattenmänner oder blutige Dolche. Mit leuchtenden Augen erzählte Gray mir von seiner Weiterbildung, die nicht nur in Chicago, sondern zum Teil auch in New York City und Boston stattgefunden hatte. Im Gegenzug brachte ich ihn auf den neuesten Stand, was den Klatsch und Tratsch in der Stadt anging, und ärgerte ihn mit Andeutungen zu den neuen Folgen unserer Lieblingsserie, die er in den letzten Wochen verpasst hatte. Als Rache drohte er, bei unserem nächsten gemeinsamen Frühstück mit Nora und Emma keine Portion von seinen berühmten Pancakes für mich zu machen. Es war so vertraut, so normal, dass ich selbst nach dem Mittagessen noch lächeln musste, wenn ich daran zurückdachte.

Anschließend stürzte ich mich wieder in die Arbeit. Die Kunden kamen und gingen. Manche von ihnen saßen mit einem Kaffee und ihrem Notebook oder einem unserer gebrauchten Bücher in der Leseecke. Im Hintergrund hörte ich zwei Leute eifrig über einen neuen Roman diskutieren.

»Rayne?«

»Ja?« Ich sah von den Taschenbüchern auf, die ich gerade stapelte. Zum dritten Mal heute.

Mariella stand breitbeinig vor mir, die Hände in die Hüften gestemmt, und musterte mich aus wachsamen Augen. Immer wieder waren mir ihre besorgten Blicke aufgefallen, doch sie hatte in den vergangenen Stunden kein Wort über meinen übertriebenen Eifer verloren. Ich arbeitete seit vier Jahren im Butterfly Books. Zuerst nur als Aushilfe, um mir in der Highschool etwas dazuzuverdienen und Nora zu entlasten; seit meinem Abschluss ganztags. Ich war kein Neuling mehr und musste niemanden beeindrucken, indem ich arbeitete wie eine Verrückte.

»Jemand hat nach dir gefragt.« Sie nickte Richtung Eingangsbereich, wobei ihr eine schwarzgraue Locke aus dem kunstvoll frisierten Dutt fiel.

»Okay«, sagte ich und richtete mich auf. »Danke.«

Hastig durchquerte ich die Buchhandlung. Vorbei an Regalen voller Bücher über ferne Welten, mit unzähligen Abenteuern, starken Helden und Liebesgeschichten, die nur darauf warteten, gelesen zu werden. Vorbei an der Leseecke, die mit ihren gemütlichen Sofas und Sesseln so aussah, als hätte sie eine Zeitreise aus dem letzten Jahrhundert hinter sich. Antike Möbel, die unmöglich bequem sein konnten, wären da nicht die vielen bunten Kissen gewesen. Über allem hing der himmlische Duft von Büchern und frisch gemahlenen Bohnen. Doch nicht einmal das konnte meine Anspannung vertreiben.

Ich erreichte den Eingangsbereich und öffnete bereits den Mund, um den neuen Kunden zu begrüßen, als die Worte zusammen mit dem Lächeln auf meinen Lippen erstarben. Meine Kehle begann zu brennen, als wollte sie mich daran erinnern, wie mir dieser Typ vor nicht mal vierundzwanzig Stunden die Luft abgedrückt hatte.

»Das ist nicht dein Ernst, oder?«, zischte ich und sah mich nach Mariella um. Glücklicherweise war sie hinten geblieben. »War ›Halt dich von mir fern‹ nicht deutlich genug? Muss ich es dir auch noch aufschreiben? Was willst du hier?«

»Lesen.« Colt zuckte mit den Mundwinkeln. »Vielleicht auch ein Buch kaufen.«

»Ein schwarzes Notizbuch?«

»Vielleicht schaue ich es mir mal an.« Er wirkte noch immer so, als könnte er einer Frau mit einem Lächeln im Gesicht das Genick brechen. Doch statt des Misstrauens und forschenden Ausdrucks lag nun eine gewisse Ruhe in seinen Zügen. Wenn er zu solch einer Emotion überhaupt fähig war.

»Außerdem habe ich gehört, dass der Kaffee hier gut sein soll.«

War das sein Ernst? Ich biss die Zähne so fest zusammen, bis ich ein Knirschen hörte. Reichte es nicht, mir in dieser Gasse aufzulauern? Musste dieser Kerl jetzt auch noch an meinem Arbeitsplatz auftauchen? Und wozu? Er wusste genauso gut wie ich, dass ich mit dieser Geschichte nicht zur Polizei gehen konnte. Was wollte er also von mir?

»Keine Sorge.« Sein Blick wanderte an mir auf und ab und hinterließ eine Feuerspur auf meiner Haut. »Ich finde mich zurecht.« Colt zwinkerte mir zu. Wenige Sekunden später verschwand er zwischen den Regalen.

Ich konnte ihm nur nachstarren. Erst Licht- und Schattenwesen, und jetzt tauchte dieser Kerl in meiner Buchhandlung auf? Ich konnte nur hoffen, dass er sich diesmal genauso schnell wieder in Luft auflöste wie heute Morgen.

Leider wurde mir dieser Wunsch nicht erfüllt. Colt bedankte sich mit einem charmanten Lächeln bei Mariella für den Kaffee, dann machte er es sich auf einem der Sofas gemütlich und wirkte dabei nicht so, als hätte er vor, diesen Platz in den nächsten Stunden wieder zu verlassen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich meinem Schicksal zu fügen – und Colt zu ignorieren.

Das war leichter gesagt als getan. Obwohl Colt in einem Buch vertieft zu sein schien, spürte ich seine Blicke ständig auf mir. Ganz gleich, ob ich hinter der Kasse stand, die Regale neu befüllte oder am Telefon eine Bestellung aufnahm. Immer war da dieses Prickeln in meinem Nacken, das mir verriet, dass er mich beobachtete.

Es war nervenaufreibend.

Colts Blicke ließen keinen Zweifel daran aufkommen, dass er mit mir sprechen wollte. Die Antwort auf all meine Fragen saß den ganzen Nachmittag in der Leseecke und blätterte ein Buch nach dem anderen durch. Ich wusste nicht, warum ich ihn nicht einfach zur Rede stellte. Aber vielleicht ahnte mein Unterbewusstsein bereits, dass es kein Zurück mehr geben würde, wenn ich die Wahrheit erfuhr.

Bis kurz vor Feierabend hatte ich einen Bücherstapel umgestoßen, mich mehrmals beim Abkassieren vertippt und einen Kaffee, den ich für einen Kunden zubereitet hatte, über meine Hand verschüttet. Vor zehn Minuten war Mariella ins Lager gegangen und ich hatte soeben den letzten Kunden bedient.

Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

Sobald das Klingeln über der Tür verebbte, durchschritt ich die Buchhandlung und setzte mich in einen Sessel schräg gegenüber von Colt. Er senkte den Wälzer mit Platons gesammelten Werken und hob fragend die Brauen.

»Ich gebe auf«, sagte ich geradeheraus. »Hast du nichts Besseres zu tun, als die ganze Zeit hier herumzusitzen?«

»Doch. Aber es ist erstaunlich entspannend.«

Ich wusste nicht, wer von uns überraschter war. Er über seine eigene Aussage oder ich. Ein Kerl, der aussah wie Colt und dann auch noch gerne las?

Ich räusperte mich. »Warum bist du hier?«

Er klappte das Buch zu. Der dumpfe Laut schien in der Luft zwischen uns zu vibrieren. Behutsam legte er es auf einem roten Sofakissen ab. »Ob du es glaubst oder nicht, ich bin hier, um dir zu helfen.«

»Du …«, wiederholte ich ungläubig, »willst mir helfen? Über eine Klippe oder vor den nächsten Bus?«

Sein Lächeln war gefährlich. »Wenn ich das wollte, wärst du längst tot.«

Ein Schauer kroch über meine Haut. Die Härchen auf meinen Armen und in meinem Nacken stellten sich auf, aber ich wusste nicht, ob es an der unterschwelligen Drohung oder an seiner Nähe lag. Ich schüttelte den Kopf und versuchte, diese seltsame Empfindung wieder zu vertreiben. Wer zum Teufel war dieser Kerl? Und was bildete er sich überhaupt ein? Erst bedrohte er mich und tötete dieses Schattenwesen direkt vor meinen Augen – und jetzt wollte er mir helfen? Ernsthaft?

»Angenommen, du sagst die Wahrheit und willst mir aus irgendeinem Grund tatsächlich helfen, nachdem du mich halb erwürgt und ein Messer nach mir geworfen hast …«

»Du hast zuerst eins nach mir geworfen«, unterbrach er mich amüsiert.

»Du hast mich herausgefordert«, brachte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Colt lehnte sich ein Stück nach vorn und mit der Bewegung drang mir wieder sein Geruch nach Wald und Meer in die Nase. »Du mich auch.«

Ich unterdrückte jeden Impuls in mir, tief einzuatmen. »Ich hatte Angst«, gab ich nach einem Moment leise zu.

Etwas veränderte sich in Colts Mimik, wurde eine Spur weicher. »Die hatte ich auch.«

»Irgendwie bezweifle ich, dass es überhaupt etwas gibt, das dir Angst macht.«

Wieder dieses Lächeln, doch statt einer Antwort lehnte er sich nur in die Polster zurück und sah mich abwartend an.

»Wer bist du? Ich kann noch hier sitzen, im Gegensatz zu diesem Schattenkerl, also willst du mich zumindest nicht umbringen.«

»Gut erkannt.« Colt streckte den Arm auf der Rückenlehne aus. »Aber woher willst du wissen, dass ich einer von den Guten bin?«

»Keine Ahnung.« Er hatte mich am Leben gelassen. Sprach das nicht dafür, dass er auf der richtigen Seite stand? Zumindest hoffte ich das. »Wer bist du?«, wiederholte ich. »Was bist du und warum bist du hier?«

»Du weißt es wirklich nicht, oder? Du hast keine Ahnung, was los ist. Was die Schreie bedeuten. Wer du eigentlich bist.«

»Ein Mensch«, gab ich nüchtern zurück, gefolgt von einem bissigen »Und was bist du

Colt schwieg. Rein vom Aussehen her konnte er nicht viel älter sein als ich, Anfang zwanzig vielleicht, doch in seinen Augen lag ein tief gehendes Wissen, ein Verständnis für die Welt, das sonst nur ältere Menschen besaßen. Erfahrungen, die er gesammelt haben musste und die über das hinausgingen, was andere in diesem Alter erlebt hatten.

»Ich bin eine Lichtseele.« Er sprach die Worte langsam aus, trotzdem ergaben sie keinen Sinn für mich. »Und was genau du bist, weiß ich noch nicht, um ehrlich zu sein.«

»Eine Lichtseele?«, wiederholte ich.

Ein nicht zu deutender Ausdruck legte sich auf sein Gesicht. Wie eine Maske, die all seine Gefühle vor der Außenwelt verbergen sollte. »Ja.«

»Und der Kerl mit den Schatten gestern Abend war …« Ich suchte in meinem Gedächtnis nach dem Wort, das Colt heute Morgen benutzt hatte. »Eine Dunkelseele?«

»Richtig.« Sein Blick ruhte unablässig auf mir, tastete, forschte, war auf der Suche nach etwas, von dem ich noch immer nicht wusste, was es war. Wieder breitete sich dieses Prickeln von meinem Nacken ausgehend über meinen Körper aus. »Die Leute, die in letzter Zeit in dieser Gegend verschwunden sind, waren seine Opfer. Seine und die anderer Dunkelseelen, die sich hier herumtreiben. Miles und ich sind auf der Jagd nach ihnen, um sie davon abzuhalten, noch mehr unschuldige Menschen zu töten.«

Zu töten. Ich dachte an Barrys Warnung, als er von den vermissten Personen gesprochen hatte, und mir drehte sich der Magen um. Waren sie wirklich ermordet worden? Von jemandem, der sich in Dunkelheit verwandeln konnte? Und ein paar Kerle, die einem Männermagazin entsprungen sein könnten, jagten sie? Wie absurd war das bitte?

»Du glaubst mir nicht«, bemerkte Colt. Zwischen seinen Brauen bildete sich eine steile Falte.

»Oh doch, ich glaube dir. Lass mich nur schnell Frodo zum Tee einladen, dann können wir weiterreden.« Ich zog mein Smartphone aus meiner Hosentasche. Ich hatte genug gehört.

Colt legte eine Hand auf meine und hielt sie fest. Die Berührung kam so unerwartet, dass ich den Kopf hochriss. Meine Hände waren immer kalt. Außer im Hochsommer fror ich eigentlich ständig. Aber durch diese kleine Berührung fühlte es sich so an, als würde etwas von seiner Wärme auf mich übergehen, als würde er sie mit mir teilen. Sie wanderte über meine Haut, durchflutete mich und vertrieb jegliche Kälte aus meinem Körper.

»Du hast mit eigenen Augen gesehen, was gestern passiert ist. Warum fällt es dir so schwer, es zu glauben?«

Ich entriss ihm meine Hand. Sofort verschwand die Wärme wieder. Mein Herz raste, mein Mund war trocken. Ich versuchte, meine Gedanken zu sortieren, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren: auf das, was gestern wirklich geschehen war.

»Was ich gesehen habe, war, wie du einen Mann getötet hast.« Meine Stimme war nur ein Krächzen, doch der Vorwurf darin nicht zu überhören. »Und jetzt willst du den Samariter spielen und erzählst mir irgendwas von Licht- und Dunkelseelen?«

Colt rieb sich über die dunklen Stoppeln an seinem Kinn. »Bist du sicher, dass das alles ist, was du gesehen hast? Wo ist die Leiche? Wo sind die Spuren am Tatort? Und wie konnte der Kerl von einer Sekunde zur nächsten verschwinden und hinter uns auftauchen?«

»Du hast ihm einen verdammten Dolch in die Brust gerammt!«

Er neigte den Kopf zur Seite, als würde er ernsthaft über meinen Vorwurf nachdenken. »Sagen wir, ich habe dafür gesorgt, dass er niemandem mehr schaden kann. Wäre es dir lieber, wenn er weiter frei herumläuft? Sich das nächste Opfer aussucht, es vielleicht noch mal bei dir versucht? Oder bei deiner kleinen Schwester?«

Alles in mir gefror zu Eis – und zerbarst. Ich sprang auf. »Halt meine Schwester da ...

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